Call for Papers: Die Industrie im postfordistischen Dorf

2026-06-25

Die Ausgabe 2028 des „Jahrbuchs für Geschichte des ländlichen Raumes“ (open access, peer reviewed, Beiträge in Deutsch und Englisch) wird sich mit Fabriken in ländlichen Räumen, Deindustrialisierungsprozessen und Erinnerungspolitiken seit den 1970er Jahren beschäftigen und lädt zu Beitragsvorschlägen ein (bis 6.9.2026).

Seit den Krisen der 1970er- und 1980er-Jahre ging der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in den reichsten Ländern zurück. Deindustrialisierung ist zum einen ein wirtschaftliches und soziales Phänomen, zum anderen ein Krisendiskurs, aufgeladen mit der Erinnerung an ein goldenes Zeitalter der 1950er- und 1960er-Jahre mit Fordismus, Wachstum und Wohlfahrtsnationalstaaten. Im Industrie-Dorf stellen sich die sozioökonomischen und alltagskulturellen Fragen von Strukturwandel und Deindustrialisierung anders als in urbanen Räumen. Oft war das eine mittelständische oder große Industrieunternehmen als industrieller Arbeitsplatz alternativlos, dominierte das Selbstverständnis des Ortes ebenso wie seine kommunale Steuerbasis, prägte seine politische und soziale Struktur und das Verhältnis zum landwirtschaftlich geprägten Umland.

Parallel zu ihrem vermeintlichen oder tatsächlichen Schwinden wurde die Industrie jenseits des Traumas der ökonomischen und sozialen Umbruchsituation zum Erinnerungsort und zum Gegenstand von Musealisierung. Diese rückblickende Wertschätzung, oft als Bedauern ausgedrückt, schiebt die mit diesen „lost places“ verbundenen gesellschaftlichen Konflikte und Umweltbelastungen in den Hintergrund und erkennt im einst Rauch ausstoßenden Schlot ein Monument, in den Werkshallen ein Denkmal.

Die Industrie ist aber keineswegs bloße Vergangenheit – sie ist nach wie vor Objekt von lokaler und regionaler Wirtschaftspolitik und in vielen Orten der größte Arbeitgeber. Das soziokulturelle Verhältnis zwischen Unternehmen und Ortsbevölkerung bleibt aber oft vage im Vergleich zur Bestimmtheit der Vorstellungen von ‚klassischer‘ Arbeiterkultur und Arbeitskonflikt, von Gemeinschaften und sozialen Fronten.

Der Band soll zum einen Platz für eine sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Diskussion der Industrie im ländlichen Raum seit den 1970er-Jahren bieten, zum anderen aber auch die verschwundene Industrie im Dorf als Gegenstand kollektiver Erinnerung sowie von sozio-kulturellen Praktiken und Transformationsprozessen untersuchen.

  • Welche Rolle spielt(e) die Industrie im postfordistischen Dorf zwischen Gestaltungswünschen auf lokaler Ebene und der Regionalpolitik?
  • Welche neuen Industriebetriebe und -branchen haben jene der Hochindustrialisierung abgelöst, welche neuen Produktions- und Serviceeinrichtungen sind in alte Hallen eingezogen? Wie ist das Verhältnis dieser Unternehmen und der in ihnen arbeitenden Menschen zum Sozialgefüge des Ortes? Wie unterscheidet es sich von der früheren – retrospektiv oft mythisierten – Unternehmens- und Arbeiterkultur im Dorf der Hochindustrialisierung?
  • Wie lassen sich ehemalige Industriestandorte als Schauplätze von Kultur- und Kunstinitiativen, Industriemuseen und als Zielobjekte touristischer Inwertsetzung analysieren?
  • Wie wirken wirtschaftliche Interessen und soziale Beziehungen mit Überlegungen zu Denkmalschutz, Ortsbildpflege, Umnutzungsmöglichkeiten oder zu Natur- und Umweltschutz zusammen?

Wir freuen uns auf Beitragsvorschläge aus den historischen Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wie zu neuen methodischen Ansätzen zur Reflexion von Erinnerungspolitik, Musealisierung und Umnutzungen sowie zu deren partizipativer Erforschung.

Wir bitten um Zusendung von Beitragsvorschlägen (Abstracts von ca. ½ Seite) bis 6.9.2026 an: oliver.kuehschelm@ruralhistory.at
Geplant ist ein Workshop zur Diskussion der Beiträge im Frühling 2027.

Bandherausgeber:innen: Anja Grebe (Universität für Weiterbildung Krems), Oliver Kühschelm und Brigitte Semanek (Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR), St. Pölten).

Informationen auf der Institutswebsite des IGLR: https://www.ruralhistory.at/de/publikationen/jglr