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                <title type="main" xml:lang="de">Ilse Aichingers Tagesaufzeichnungen</title>
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                        <forename>Roland</forename>
                        <surname>Berbig</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Humboldt-Universität zu Berlin</affiliation>
                    <email>roland.berbig@rz.hu-berlin.de</email>
                    <idno type="ORCID"/>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2020</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
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                <idno type="DOI">10.25365/wdr-01-02-02</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/2925</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">1</biblScope>
                <idno type="ISSN"/>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                    <term xml:lang="de">Ilse Aichinger</term>
                    <term xml:lang="de">Aufzeichnungen</term>
                    <term xml:lang="de">Diaristik</term>
                    <term xml:lang="de">Nachlass</term>
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                    <term xml:lang="en">Ilse Aichinger</term>
                    <term xml:lang="en">notations</term>
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                    <term xml:lang="en">literary estate</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Siebzehn Jahre war Ilse Aichinger alt, 1938, als sie mit Tagesnotizen begann. Als
                        <q rend="single-qm">Halbjüdin</q> fixierte sie ihr Dasein in Wien, rettete
                    die Orte, die die nationalsozialistische Macht besetzte, ins persönliche Wort –
                    und erlebte das Kriegsende im diaristischen Raum der Schwedenbrücke, über die
                    ihre Verwandten Jahre zuvor deportiert worden waren. Nach dem Krieg brach sie
                    die Aufzeichnungen ab, um sie 1950 wieder aufzunehmen und in poetische wie
                    poetologische Notate zu überführen. Seit den sechziger Jahren tauschte sie das
                    Tagebuch gegen vorgedruckte Kalendarien, die, wechselhaft und inkonsequent
                    geführt, endlich formelhaft den Rhythmus ihrer Tage und deren latente Not
                    festhielten, individuell und typisiert in einem. Auch anhand ihnen wird wieder
                    festzustellen sein: Einen Nenner, auf den Ilse Aichingers Schreiben zu stellen
                    ist, existiert nicht.
                    <!-- CP: damit Abstract auf neuer Seite ist -->
                    <ab rend="empty"/>
                </p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p><title>Ilse Aichinger’s Diary Entries</title>: There is no one denominator that
                    will cover all of Ilse Aichinger’s writing: According to Roland Berbig, this
                    diagnosis can also be applied to the author’s diary entries. She was seventeen
                    when she began writing a diary in 1938. As a <q rend="single-qm" xml:lang="en"
                        >half Jewess</q>, she pinned down her existence in Vienna, she rescued the
                    places occupied by National Socialist power into individual work – and
                    experienced the end of the war in the diaristic space of the Schwedenbrücke
                    bridge, which her relatives had crossed some years earlier when they were
                    deported. After the war she interrupted her entries and restarted in 1950,
                    translating them into poetic as well as poetological notations. Since the 1960s,
                    she exchanged the diary for pre-printed calendars; initially kept
                    inconsistently, they finally recorded the rhythm of her days and their latent
                    hardship in a formulaic, both individual and typified manner.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr01_02-02_01">
                <head>1</head>
                <p>Gewissheiten müssen kaum ausgesprochen werden. Zu diesen Gewissheiten gehört die
                    Tatsache, dass die Gattung <q rend="single-qm">Tagebuch</q> keinen Nenner hat,
                    auf den sie passt. An Versuchen, ihn zu finden, fehlt es nicht, an Verfehltem
                    ebenso wenig <ref type="bibl" target="#schoenborn2007"
                        xml:id="ref_schoenborn2007" rend="brackets">vgl. Schönborn 2007</ref>. Die
                    Frage, welchen Sinn eine solche Suche hat, stellt sich in der Regel zu spät. Sie
                    hat keinen. Allgemeine Sachverhalte wie etwa der Hinweis auf Datum oder Jahr,
                    auf Zeitgebundenheit und Ortsbezug, auf Autobiographisches im Gewand
                    diaristischer Einbettung mögen es treffen, aber sie treffen in kein
                    nennenswertes Ziel. Nichts spiegelt das Fragwürdige, einen Menschen als
                    ungeteilte Ganzheit zu begreifen, eindringlicher als die zersplitterte Welt von
                    Aufzeichnungsformen, die er hinterlässt.</p>
                <p>Ilse Aichinger, kaum geneigt, dem Leben, das sie führte, willentlich
                    Ordnungsstreben einzuziehen, hat kein in sich geschlossenes Tagebuchwerk
                    hinterlassen. Das eigene Dasein beglaubigt zu sehen durch einen Strom
                    wiederkehrender Formeln und Formulierungen, unterlag früh Zweifeln – Zweifel,
                    die sich bei jeder Probe aufs Exempel zu bestätigen schienen. In ein
                    bürgerliches Leben geboren, erfuhr sie dessen Demontage erst in leiser
                    Beiläufigkeit, dann in einem eruptiven, gewaltsamen Schub – erst die scheiternde
                    Ehe der Eltern, dann die räumliche und emotionale Trennung vom Vater, endlich
                    einen bis zur enthemmten Mordlust sich steigernden Antisemitismus
                    deutsch-österreichischer Prägung. Statt Lebensphasen existentielle
                    Daseinsschnitte: Trennung von der Zwillingsschwester, die auf einem der letzten
                    Quäkerschiffe nach England emigriert, radikales Berufsverbot der jüdischen
                    Mutter, die nur überlebt, weil die Tochter <q rend="single-qm">Halbjüdin</q>
                    war, Studien- und Ausbildungsverbot bei hoher Begabung, eine Wohnung in
                    unmittelbarer Nachbarschaft zur Gestapo und im Wiener Nachkrieg kein Aufatmen,
                    sondern Fortsetzung der Kränkungs- und Erniedrigungsgeschichte. Zu viele
                    Schreckensbilder von Tod und Sterben führten zum Abbruch des Medizinstudiums und
                    zur Entscheidung, mit einem Schreiben, das Ende der dreißiger Jahre begonnen
                    hatte, den Lebensunterhalt zu bestreiten (<ref type="bibl"
                        target="#reichensperger1991">vgl. Reichensperger 1991</ref> und <ref
                        target="#berbig2007" type="bibl">Berbig/Markus 2007</ref>).</p>
                <p>Dieses Werden mit seinen Reißspuren und Glättungsmühen hat, dennoch oder deshalb,
                    eine breite Spur diaristischer Notierungen in Aichingers schriftstellerischen
                    Hinterlassenschaft gelegt − facetten- und formreiche Aufzeichnungen, die sich in
                    wenig gleichen und doch alle das Gleiche wollten: in diesem Leben das oder doch
                    wenigstens ein Wort finden, um es auszuhalten. Die Zwecke, von denen sie
                    bestimmt waren, wechselten wie der Charakter der Notierungen, die sie zu
                    erfüllen suchten <ref type="bibl" target="#berbig2010" rend="brackets">vgl.
                        Berbig 2010</ref>. So abweichend die Notierungsprofile waren, so entschieden
                    unterlagen sie den Zeiten, die sie prägten. Chronos dirigierte, und er
                    dirigierte auch dort, wo das Schreiben gegen ihn rebellierte. Sein Dirigat war
                    keine Regentschaft. Aichinger, so scheint es, gab einem sich aufdrängenden
                    Notieren nach und griff gegebenenfalls, aber eher ausnahmsweise im Nachgang in
                    das Notierte ein, um ihm literarische – und das hieß für sie druckreife –
                    Gestalt zu geben. Ein Unterwerfen war das nicht, so kraftvoll die äußeren
                    Umstände auch wirkten. Ihre Entscheidung, dass zu Lebzeiten ihre Tagebücher,
                    außer im Kontext wissenschaftlicher Studien, nicht als Einzelpublikation
                    veröffentlicht werden durften, ist bezeichnend.<note xml:id="endnote_01"
                            ><p>Gleiches galt auch für ihre Briefschaften und für alle von ihr für
                            den Druck nicht freigegebenen literarischen Texte.</p></note> Ihnen
                    billigte sie keinen Werkrang zu. Was sie auf diese Weise niederschrieb, blieb
                    ihr, weitgehend, Beiwerk. Nun, nach ihrem Tod, ist es angezeigt, diesem Beiwerk
                    die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm gebührt. Wie waren die
                    lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen beschaffen, wie ihre Wechsel in Form, wie
                    in Inhalt?</p>
                <p>Der Versuch, Übersicht zu gewinnen, kristallisiert Phasen heraus. Ihr
                    biographischer Grund war der Boden, auf dem sie standen und entstanden, aber
                    vielleicht nicht ihr letzter und eigentlicher Beweggrund. Das bedarf der
                    Prüfung. Wie es der Prüfung bedarf, ob das Ich jeweils ein autobiographisches
                    ist oder ob es sich aus dieser Klammer löst ins Literarische hinein. Schon die
                    erste Prüfung ergibt: Das in Erscheinung tretende und nach einer Stimme suchende
                    Ich ist kein homogenes oder statisches Gebilde. Seine Abweichungen sind Zeichen
                    eines Lebens, dessen Grundimpuls und Grundnot das Abweichen vom Normalen und
                    Normativen ist. Von <quote source="#ref_holm2008-10">geltungsbedürftige[m]
                        Seelenstrip[ ]</quote>
                    <ref xml:id="ref_holm2008-10" type="bibl" target="#holm2008" rend="brackets"
                        >Holm 2008: 10</ref>, der Zeugnisse der Gattung in jüngerer (aber auch
                    älterer) Zeit prägt, fehlt sich in diesen Notierungen jede, aber auch jede
                    Spur.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-02_02">
                <head>2</head>
                <p>Aichinger habe, hieß es eben, dem Diarium keinen Platz innerhalb des Werks
                    eingeräumt. Das ist eine These, sie ist zu prüfen. Stimmt sie? Hält sie stand
                    vor einer Gesamtschau ihrer Texte, die in Kalendern, Notizbüchern und Diarien
                    niedergeschrieben und überliefert sind und ihren frühesten Ort in Schulkladden
                    fanden – ja, vielleicht ursächlich mit Schulung zu tun haben: angesiedelt 1938
                    mit der <q rend="double-qm">Heimführung Österreichs</q><note xml:id="endnote_02"
                            ><p>Unter dieses Schlagwort stellte Reichskanzler Adolf Hitler am 15.
                            März 1938 seine Rede auf dem Wiener Heldenplatz.</p></note> ins Deutsche
                    Reich. Mit dem erzwungenen Schulende setzte eine Selbstschulung ein. Der
                    Übergang ist signifikant, er hat sich in die überlieferten Dokumente
                    eingeschrieben, sichtbar, prüfbar. Nicht dafür gedacht, veröffentlicht zu
                    werden, kamen diese Aufzeichnungen, übergeben von Aichinger selbst, als Teil
                    ihres Vorlasses ins Deutsche Literaturarchiv. Die Verfasserin hatte sie über ein
                    langes Leben aufbewahrt, sie waren Teil ihrer Schreibwahrheit, vielleicht deren
                    Grund.</p>
                <p>Die frühesten Aufzeichnungen datieren auf das Jahr 1938. Wenige Monate nach dem
                    Handstreich, mit dem sich – unter dem Jubel großer Teile der Bevölkerung − die
                    deutsche Regierung den Nachbarstaat einverleibt hatte, beginnt Aichinger mit
                    Notizen, die der eigenen Existenz galten. Das Schülerin-Dasein scheint noch
                    durch, die Geborgenheit einer katholischen Lehranstalt wird beschworen, ein
                        <quote source="#ref_aichinger2010-18">Gott</quote> waltet über Wien, <quote
                        source="#ref_aichinger2010-18">[…] der alten Stadt, die ihren Zauber erst
                        verlieren wird, wenn sie selbst nicht mehr ist - - -</quote>
                    <ref target="#aichinger2010" type="bibl" xml:id="ref_aichinger2010-18"
                        rend="brackets">Aichinger 2010: 18, 22. Dezember 1938</ref>. Sie schreibend
                    zu bannen, offenbar Initialimpuls, obwohl oder weil deren Ende gewiss und
                    verkündet ist: <quote source="#ref_aichinger2010-1939-07-23">Nur eines will ich
                        festhalten, wie mein größtes Kleinod, das Andenken an diese Zeit, die
                        versunken ist, das Andenken besonders an diese letzte Zeit, an mein letztes
                        Schuljahr, von dem ich nicht ahnte, daß es mein letztes werden
                        sollte.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger2010" xml:id="ref_aichinger2010-1939-07-23"
                        rend="brackets">Ebd., undat. Eintrag, nach 23. Juli 1939.</ref> Aichingers
                    Tagebuch-Ansatz ist narrativ. Erzählung strukturiert ihn, auf Erzähltes hin ist
                    er angelegt. Er liest sich wie der Auftakt zu (kindlichen) Lebenserinnerungen.
                    Ein Gewesensein führt die Feder, und die Schreiberin vertraut darauf, dass ihr
                    Sein erzählbar sei – gleichsam wie ein Aufsatzthema, gestellt im
                    Deutschunterricht. Sie streicht ihr Haar noch einmal rasch über das Ohr und
                    beginnt mit konzentriertem Eifer in ordentlicher Schrift niederzuschreiben, was
                    sich ordentlich niederschreiben lässt. Nicht zufällig liegen diese Blätter neben
                    Schularbeiten über <quote source="#ref_Aichinger2010-23">Napoleon</quote> oder
                    einer <quote source="#ref_Aichinger2010-23">Strom</quote>-Beschreibung: als
                    seien sie Verwandtes, als seien sie daraus erwachsen. Und sie sind es. Die
                    Grenze ist fließend, und sie zerfließt gegen den Willen der Schreibenden. Doch
                    dieser Siebzehnjährigen, die an Bonaparte das Menschliche als das eigentlich
                    Große und als Norm für Normalität herausstreicht, wird mit jedem Tag entzogen,
                    was jene Normalität gewährt. Der Aufsatzton, der auf ein <quote
                        source="#ref_Aichinger2010-23">schön, Ilse</quote> der Lehrerin hofft,
                    stockt, er bricht ab, nimmt neue Anläufe und kapituliert. Die Schülerin, die
                    sich als Teil einer Gemeinschaft versteht, der ihr Erzählen gilt, erkennt:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_Aichinger2010-23">Aus Gegensätzen bin ich entstanden. Meine
                        Eltern sind rassisch und dem Charakter nach Gegensätze. Und daraus wurden
                        zwei ganz Gleiche, Zwillinge, die wieder Gegensätze sind. Ein dreifach
                        großes Leid beherrscht mein Leben: der Gegensatz zwischen meinen Eltern, der
                        Gegensatz in mir, der Gegensatz zu meiner Umgebung. <ref
                            xml:id="ref_Aichinger2010-23" type="bibl" target="#aichinger2010"
                            rend="brackets">Aichinger 2010: 23</ref><note xml:id="endnote_03"><p>Der
                                Eintrag ist undatiert und überschrieben mit <quote
                                    source="#ref_Aichinger2010-23">Ich</quote>.</p></note></quote>
                </cit>


                <p>Erst nach dieser <quote source="#ref_Holm2008-11">Selbstanalyse</quote>
                    <ref xml:id="ref_Holm2008-11" type="bibl" target="#holm2008" rend="brackets"
                        >Holm 2008: 11</ref> beginnt Aichinger mit dem Datieren. <quote
                        source="#ref_aichinger1938">13. IX. 1938 / […] Meine Lage verstehen, kann
                        niemand.</quote>
                    <ref xml:id="ref_aichinger1938" type="bibl" target="#aichinger1938"
                        rend="brackets">Aichinger 1938</ref> Der Verlust an <q rend="single-qm"
                        >Vollwertigkeit</q> datiert − konkret wie symbolisch − Lebensgeschichte.
                    Sein Begreifen öffnet ein Rechnungsbuch. In ihm wird auf- und abgerechnet – in
                    Heller und Pfennig. Gezahlt wird mit Lebenstagen, eine Währung, unverzinsbar,
                    einmal ausgegeben, ist sie verloren für immer. In dieser Phase des sich
                    konturierenden Diariums ist an Gewinn nicht zu denken, das Ich <quote
                        source="#ref_aichinger1938-1938-11-07">kann nicht sterben und nicht
                        leben</quote>, es ist <quote source="#ref_aichinger1938-1938-11-07">so müd
                        und allein / so erbärmlich und schwach […].</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger1938" xml:id="ref_aichinger1938-1938-11-07"
                        rend="brackets">Aichinger 1938: 7. November</ref></p>
                <p>Was sich vollzieht auf diesen Seiten, die einer eigenen Chronologie gehorchen,
                    deren Chronik sich nicht am Kalendarium misst und deren <quote
                        source="#ref_Oesterle2008-100">Intervalle</quote>
                    <ref xml:id="ref_Oesterle2008-100" type="bibl" target="#oesterle2008"
                        rend="brackets">Oesterle 2008: 100</ref> ohne erkennbares Prinzip auskommen,
                    ist ein Selbstverlust: <quote source="#ref_berbig2010-29">Ich bin überhaupt
                        nicht mehr ich</quote>
                    <ref type="bibl" target="#berbig2010" xml:id="ref_berbig2010-29" rend="brackets"
                        >zit. n. Berbig 2010: 29</ref>. Das steht unter dem 29. Dezember 1940. Die
                    Schwedenbrücke ist noch die Schwedenbrücke, die Großmutter lebt noch, die
                    Familie auch – aber dem Tagebuch <q rend="single-qm">gehen</q> die Worte aus,
                    die Diaristin kann <quote source="#ref_aichinger2010-29">den Ausdruck […] für
                        das</quote>, was in ihr vorgeht, nicht mehr <quote
                        source="#ref_aichinger2010-29">finden</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger2010" xml:id="ref_aichinger2010-29"
                        rend="brackets">Aichinger 2010: 29, Eintrag: 30. Mai 1941</ref>. Das
                    Tagebuch bricht ab. Es versagt und ist dienstbar länger nicht. Nichts schließt
                    die Lücken, die der Abbruch hinterlässt.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-02_03">
                <head>3</head>
                <p>Das Tagebuch-Prädikat <quote source="#ref_tarvas2007-252">ungefiltert und
                        authentisch</quote>
                    <ref type="bibl" target="#tarvas2007" xml:id="ref_tarvas2007-252"
                        rend="brackets">Tarvas 2007: 252</ref>, von dem Mari Tarvas spricht,
                    beanspruchen die Einträge jenes kleinen, braunfarbenen Lederbandes nicht, das im
                    Archiv diesen frühen Tagesnotizen (in gebundener Form wie auf Einzelblättern)
                    beigeordnet ist. Zögen sich nicht Datierungen durch den Band, die auf dem ersten
                    Blatt mit dem 1. Januar 1944 beginnen und auf dem letzten mit dem 19. Oktober
                    1945 enden, verführten die versammelten Texte dazu, von einem Manuskriptband mit
                    Erzählungsentwürfen zu sprechen. Drei Texte aus diesem Band sind 2007
                    veröffentlicht worden <ref type="bibl" target="#aichinger2007" rend="brackets"
                        >Aichinger 2007</ref>, Interpretationen, soweit sich sehen lässt, fehlen.
                    Unter dem 18. Februar 1945 berichtet eine Ich-Erzählerin von einer Schiffsfahrt
                    mit ihrer Mutter: <quote source="#ref_aichinger2007-16">Wir sind
                        Auswanderer!</quote> Aber schon bald wird deutlich, dass sich jenes <quote
                        source="#ref_aichinger2007-16">Zwischendeck</quote> nicht auf einem Schiff,
                    sondern <quote source="#ref_aichinger2007-16">in den Katakomben unter den
                        uralten Häusern von Wien</quote> befindet und dass <quote
                        source="#ref_aichinger2007-16">das Meer nur in unseren Träumen rauscht und
                        unser einziger Hafen die unbestimmte Hoffnung ist – zu überleben …</quote>.
                    Jener hochgestimmte Ruf <quote source="#ref_aichinger2007-16">Wir sind
                        Auswanderer!</quote> jubelt nicht über Wind und Wellen, er dringt aus den
                    Tiefen eines Luftschutzkellers. Die Sirenen künden von anfliegenden Bombern und
                    verkünden nicht eine visionierte <quote source="#ref_aichinger2007-16"
                        >Abfahrt!</quote>. Doch was sich als Erzählung gibt, ist Seelenspiegelbild
                    der Erzählenden. Wenn sie von der Kraft ihrer Lächeln spricht und das Leuchten
                    ihrer Gesichter als <quote source="#ref_aichinger2007-16">demütige Gelassenheit
                        der Auswanderer</quote> zeichnet, dann bricht sie sogleich vom Narrativ in
                    die Innenschau, deren Ferment <quote source="#ref_aichinger2007-16"
                        >Glaube</quote> und <quote source="#ref_aichinger2007-16">Hoffnung</quote>
                    sind mit der <quote source="#ref_aichinger2007-16">Sehnsucht</quote> als <quote
                        source="#ref_aichinger2007-16">Leuchtturm</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger2007" xml:id="ref_aichinger2007-16"
                        rend="brackets">Aichinger 2007: 16, 18. Februar</ref>. In einer Wiener
                    Chronik wird für den 18. Februar 1945 festgehalten:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_anonymus01">
                        <p><q rend="double-qm">Der höllische Luftballon</q> heißt die
                            Kindervorstellung in der Wiener Marionettenbühne Währinger Straße 12. –
                            Die Wintermantel-Austauschstelle in der Stiftgasse wird geschlossen. –
                            Schon den dritten Tag gibt es mehrstündigen Fliegeralarm, den die
                            Menschen in Kellern verbringen müssen, aber es fallen keine Bomben. <ref
                                type="bibl" target="#anonymus01" xml:id="ref_anonymus01"
                                rend="brackets">o. N., Wien im Rückblick</ref></p>
                    </quote>
                </cit>

                <p>Diesen Fakten des Tages begegnet der Tageseintrag mit Fiktion, mühevoll und
                    bemüht. Bemüht vor allem, dem Tag mit seinen grenzenlosen Zumutungen durch eine
                    entgrenzende Phantasie zu begegnen. Die Erniedrigung der Ausgelieferten kontert
                    die Erhöhung einer Auswandernden. Die an genau diesem Tag schreibt, schreibt
                    sich aus dem Tag heraus, sie ist Chronist und Utopistin in jedem Federzug. Das
                    Tagesdatum fixiert das Dasein und hat Teil an dessen Fiktionalisierung.</p>
                <p>Diese Aufzeichnungen im Büchlein (mit Blatteinlagen) zwischen 1944<note
                        xml:id="endnote_04"><p>Unter den einliegenden Blättern befindet sich zwei
                            Tagebuchblätter, datiert auf den 21. März und 20. September
                        1953.</p></note> und 1945 schreiten Schreibwege aus. Ihr erster Satz am
                    ersten Tag des Jahres 1944 ist ein Konditionalsatz. Sein Sentenzcharakter
                    verbirgt die Balance, auf die dieses datierte Schreiben hinausläuft, nicht, legt
                    sie aber auch nicht bloß: <quote source="#ref_aichinger2010-31">Wenn man das
                        Schweigen lernen will − muß man sehr vorsichtig werden mit Worten.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger2010" xml:id="ref_aichinger2010-31"
                        rend="brackets">Aichinger 2010: 31, Eintrag: 1. Januar 1944</ref> Jeder Satz
                    zielt auf Selbstkonditionierung, die Schreibende vereint in sich Erzieherin und
                    Zögling. Viermal heißt es <quote source="#ref_aichinger2010-31">Man muß
                        lernen</quote>, den Konturen des Daseins, die gezeichnet werden, unterliegt
                    dieser Zweck. Die Anstrengung des Schreibens zielt auf Lebensstrenge. Freude
                    erwächst aus Pflicht, die eigene Ertüchtigung schließt Selbstzüchtigung nicht
                    aus. Alle Einträge sind datiert, jeder scheint auf eigene Weise verschlüsselt,
                    ihr General ist <quote source="#ref_aichinger2010-31">Gott</quote>, die
                    Entschlüsselung Sache Gleichgesinnter. Gegenüber dem österreichischen
                    Nationalsozialismus, der alle Wien-Wahrnehmung okkupiert und brutal in Sprache
                    und Sprechen eindringt, wird der Boden verweigert, auf dem das eigene Schreiben
                    steht: Er ist von katholischer und kindlicher Denkungsart, frei von allem
                    Kindischen. Je häufiger man diese Einträge liest, umso konturenschärfer
                    erscheint die Realität<note xml:id="endnote_05"><p>Alarm, Angriff, Bomben,
                            Brotmarken – diese Wörter durchziehen das Tagebuch und sind
                            selbstverständlich. Sie müssen nicht erklärt werden und werden nicht als
                            Phänomen beschrieben, als seien sie dessen unwürdig.</p></note> und umso
                    alternativ- und auswegloser die eingeschlagenen Fluchtwege. Je schreckensvoller
                    die Doppelbedrohung von Krieg und Konzentrationslager wird, umso unerschrockener
                    tritt der Schreibmut auf, Gegenbilder zu erzeugen – ja zu inszenieren. Der
                    Tageseintrag am 13. Februar [1945] hebt an:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1945-13">
                        <lg>
                            <l>13. Febr.</l>
                            <l>Da bin ich Sonntag mit der Mutti nach Zakopane gefahren!</l>
                            <l><q rend="double-qm">Zakopane!</q> − sag es einmal ganz langsam!</l>
                            <l>Spürst Du − es schmeckt nach Schneeflocken − nach bunten, slawischen
                                Röcken und nach Frieden! − − −</l>
                            <l>Spürst Du’s?</l>
                            <l>Es liegt mitten in der polnischen Tatra!</l>
                            <l>Höhenluftkurort – […]</l>
                        </lg>
                    </quote>
                </cit>
                <p>Und er schließt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1945-13">
                        <p>[…] <lb/>Doch - - - - wem erzähl ich das alles? <lb/>Hörst Du mir zu<del
                                rend="strikethrough">?</del> - - - - Du Fremder?<lb/> Ich weiß es
                            nicht. <lb/>Ich weiß nicht – ob Du’s noch hörst – wenn ich’s Dir jetzt
                            leise sag’ − ganz leise - - - daß wir nur im Panoptikum waren – Mutti
                            und ich – in dem kleinen, dunklen mit den runden Gucklöchern − das ganz
                            zufällig noch stehengeblieben ist − zwischen den klaffenden −
                            zerborstenen Mauern − − − − ich weiß nicht − ob Du enttäuscht bist − Du
                            Fremder −, daß wir gar nicht wirklich im Wassel waren und bei der
                            heiligen Jadwiga − − − doch − − − jetzt lächelst Du und schüttelst leise
                            den Kopf − − − ach − jetzt erkenn ich Dich: <lb/>Du bist die Sehnsucht
                            der Welt! − <lb/>Und Du glaubst mir mein Märchen − weil es aus der
                            Wirklichkeit des blutenden Herzens kommt: <lb/>− Am Sonntag – da bin ich
                            mit der Mutti nach Zakopane gefahren! <ref type="bibl"
                                target="#aichinger1945" xml:id="ref_aichinger1945-13"
                                rend="brackets">Aichinger 1945: 13. Februar</ref>
                        </p>
                    </quote>

                </cit>

                <p>Die Diaristin setzt ihr Erzählen in Szene. Dafür benötigt sie ein Inventar, das
                    sie der eigenen Wirklichkeit entnimmt, ohne es darauf zu verpflichten. Deren
                    Darstellung bleibt Beiwerk. Es besorgt, zusammen mit anderen Versatzstücken, den
                    chronikalischen Teil, wie das Ich aufgeht in einem latent autobiographischen und
                    einem evident selbsttherapeutischen. In das latent Autobiographische fließt
                    Aichingers Erfahrung als <quote source="#ref_aichinger1945-1945-01-25"
                        >Donnerstagskind</quote> ein.<note xml:id="endnote_06"><p>Vor allem im
                            Eintrag vom 25. Januar 1945 <ref type="bibl" target="#aichinger1945"
                                xml:id="ref_aichinger1945-1945-01-25" rend="brackets">vgl. Aichinger
                                1945</ref>.</p></note>
                    <q rend="double-qm">Donnerstagskinder</q>, das war ein Kreis junger katholischer
                    Frauen jüdischer Herkunft, die von der <q rend="double-qm">Erzbischöflichen
                        Hilfsstelle für nicht-arische Katholiken</q> und dort vor allem von Pater
                    Ludger Born betreut wurden.<note xml:id="endnote_07"><p>Zur Hilfsstelle vgl. die
                            Dissertationsschrift von Traude Litzka <ref target="#litzka2010"
                                type="bibl" rend="brackets">Litzka 2010</ref>, <ref
                                target="#groppesj1985" type="bibl">Groppe 1985</ref> und <ref
                                type="bibl" target="#lettl">Lettl 2005</ref>.</p></note> Anders als
                    der Text, den Aichinger Mitte der sechziger Jahre über diese Hilfsstelle schrieb
                        <ref type="bibl" target="#aichinger1987" rend="brackets">vgl. Aichinger
                        1987</ref>,<note xml:id="endnote_08"><p>Der Text ist vermutlich Mitte der
                            sechziger Jahre entstanden.</p></note> gleicht dieses Diarium einem
                    Psychogramm. Seine Chronik dokumentiert in Bildern seelische Schwingungen eines
                    konkreten Tages. Was zählt, liegt hinter dem Text, der erzählt. Die Absicht
                    eines solchen Verdichtens führt zum Dichten, es ist Überlebensvehikel und
                    Existenzgrund. Als Existenzbegründung hält es nicht her, wie die literarische
                    Oberfläche, die die Schreibende, behutsam experimentierend,<note
                        xml:id="endnote_09"><p>Das Chargieren mit variierenden Schreibweisen, oft
                            von Absatz zu Absatz innerhalb eines Eintrags, ist frappierend. Ebenso
                            fallen Züge von Mimikry auf, ein Verfahren, das in Aichingers Schreiben
                            bisher gänzlich unbeachtet blieb. Auf beides kann hier leider nur
                            hingewiesen, nicht genauer eingegangen werden.</p></note> herstellt, nur
                    begrenzt Halt bot. Jene angedeutete Selbsttherapie gerät am Ende in einen nicht
                    aufzulösenden Zwiespalt: Hier ein Einzelblatt, datiert auf den 28. April 1944 –
                    an diesem Tag wurden 80 Menschen aus Wien deportiert<note xml:id="endnote_10"><p>
                            <ref
                                target="https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html.de?page=1"
                                >https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/chronicles.html.de?page=1</ref>
                            [6. September 2017].</p></note> –, mit diesem Selbstbild:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_faessler2011-70f">
                        <p>Und wenn auch in meinen Träumen über die Schwedenbrücke unentwegt
                            Lastwagen mit verlorenen Menschen rollen werden − seit damals, so laufe
                            ich doch mit offenem Haar und einem wilden glücklichen Gesicht über sie
                            hinweg und meine Augen strahlen über die hellgrünen, zitternden Pappeln
                            hin zu den blauen, dämmrigen Berge.</p>
                        <p>Und nun sagt es [<q rend="double-qm">das brennende, tiefe Leben</q> – R.
                            B.] nicht mehr Zukunft, nicht mehr Vergangenheit und nicht mehr
                            Gegenwart, nicht mehr Traum, nicht mehr Erinnerung und nicht mehr
                            Körper. Nun ist es Ewigkeit geworden, dieses Leben und diese Stadt. Und
                            alle, die ich liebe und jemals lieben werde, stehen auf der windigen,
                            verlassenen Brücke neben mir und wenn ich jetzt sterben müßte, so hätt
                            ich trotzdem mein ganzes Leben in diesem einen Augenblick schon gelebt
                            und wenn ich jetzt leben darf, will ich nur mehr lieben und danken für
                            das Wunder dieser durchkämpften, zitternden Jugend auf der Brücke zu
                            Gott! <ref xml:id="ref_faessler2011-70f" type="bibl"
                                target="#aichinger1944" rend="brackets">Aichinger 1944, zit. n.
                                Fässler 2011: 70 f.</ref></p>
                    </quote>
                </cit>


                <p>Und dort der letzte Eintrag vor Kriegsende, geprägt von größter Müdigkeit, das
                    Ich verwandelt in <quote source="#ref_aichinger1945-1945-03-25">man</quote> und
                    ein zweimaliges <quote source="#ref_aichinger1945-1945-03-25">ich möchte
                        sterben</quote>:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1945-1945-03-25">
                        <p>Man stolpert über Trümmer – Staub und Glas, hält seine Kappe mühsam mit
                            beiden Händen fest – und starrt mit schmalen Augen in die Sonne.</p>
                        <p>Man geht vormittags in den Bunker – dreht den kleinen, falschen Ring auf
                            die verkehrte Seite und murmelt: <q rend="double-qm">ich bin leider in
                                anderen Umständen</q> − wenn man Platz machen soll. Man ist schon zu
                            müde – um anständig zu sein.</p>
                        <p>[…]</p>
                        <p>wenn man auch nicht mehr die Kraft hätte – eine halbe Seite Tagebuch zu
                            schreiben − so glaubt man doch mit seinem ganzen wilden, müden Herzen an
                            − − − ich bin doch zu müde! Lieben nicht! ich möchte sterben – oder ans
                                <ref type="bibl" target="#aichinger1945"
                                xml:id="ref_aichinger1945-1945-03-25" rend="brackets">Aichinger
                                1945: 25. März</ref></p>
                    </quote>
                </cit>

                <p>An dieser Stelle bricht die Diaristin ab. Die nächste Doppelseite bleibt
                    unbeschrieben.</p>
                <p>Lebenseuphorie<note xml:id="endnote_11"><p>Dieses Gefühl während der
                            Verfolgungsjahre zwischen 1938 und 1945, gegründet auf Selbst-Sinn und
                            Wertungsgewissheit, hat Aichinger bis zu ihrem Tod wiederholt
                            ausgesprochen, allen Irritationen zum Trotz und unbeirrt.</p></note>,
                    Sterbensmüdigkeit, sie trennten, obgleich unvermittelt, kein Abgrund. Vielmehr
                    waren sie der Grund, der über Fortleben entschied. Und sie sichern diesem
                    Diarium Homogenität im Unvereinbaren. Dieses Dach schert sich nicht um
                    Gattungsreinheit und ermöglicht gerade deshalb Innovatives. Ohne Absicht,
                    abgekapselt, markt- und medienfern.</p>

                <p>Erst am 20. Mai 1945 folgte der nächste Eintrag: <quote
                        source="#ref_aichinger1944">Verwundbar und unsicher geworden bis ins Tiefste
                        […]</quote>, mit <quote source="#ref_aichinger1944">Berufung</quote>, <quote
                        source="#ref_aichinger1944">Schicksal</quote> und <quote
                        source="#ref_aichinger1944">Begründung meines Lebens</quote> hantierend,
                    getragen vom Wunsch nach der Kraft, <quote source="#ref_aichinger1944">der
                        Mensch zu werden, der ich sein soll!</quote> Da war über ein Monat
                    vergangen. Sowjetische Truppen hatten Wien besetzt, eine weiße Flagge war
                    eigenmächtig auf dem Stephansdom, den die Nazis am liebsten gesprengt hätten,
                    gehisst worden, und der deutsche Propagandaminister Josef Goebbels hatte in sein
                    Tagebuch notiert: <quote source="#ref_goebbels1995-692">Der Führer hat die
                        Wiener schon richtig erkannt. Sie stellen ein widerwärtiges Pack dar, aus
                        einer Mischung zwischen Polen, Tschechen, Juden und Deutschen.</quote>
                    <ref target="#goebbels1995" type="bibl" xml:id="ref_goebbels1995-692"
                        rend="brackets">Goebbels 1995 [1945], 692</ref> Von den 200 000 Juden in
                    Wien im März 1938 hatten 5 243 überlebt. Davongekommen, wie es hieß <ref
                        type="bibl" target="#aichinger1944" xml:id="ref_aichinger1944"
                        rend="brackets">vgl. Aichinger 1944</ref>.<note xml:id="endnote_12"><p>Der
                            Text entstand 1994.</p></note></p>
                <p>Das Tagebuch verstummt, sichtbar. Nach dem Mai-Eintrag ein letzter Versuch im
                    Befreiungsjahr 1945:</p>


                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1945-1945-10-19">
                        <p>19. Oktober 1945.</p>
                        <p>Ich soll sezieren, ich habe heute die Leiche von einem Gehängten
                            gesehen.</p>
                        <p>Es ist mir gleichgültig, was ich tue.</p>
                        <p>Aber verbrennen will ich! Bitte!</p>
                        <ref type="bibl" target="#aichinger1945"
                            xml:id="ref_aichinger1945-1945-10-19" rend="brackets">Aichinger 1945:
                            19. Oktober</ref>
                    </quote>
                </cit>

                <p>Das Verstummen hielt an, fünf Jahre – getrennt durch unbeschriebene Blätter, ein
                    Zeitsprung, ein Zeitriss auch visuell. In diesem Jahrfünft war Aichinger zur
                    öffentlichen Autorin geworden. Das Tagebuch blieb dabei offen liegen. Der Ton,
                    den die diaristische Mischung 1943–45 erzeugt hatte, er klang fort – und sein
                    Laut war am deutlichsten vernehmbar in Aichingers erstem und einzigem Roman
                        <title>Die größere Hoffnung</title> (1948). Dieses Buch, so will der
                    flüchtige Blick nur, degradiert jenes Diarium in eine literarische Werkstatt. Es
                    lag anders, wir wissen es.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-02_04">
                <head>4</head>
                <p>In dem 1987 erschienenen Band <title>Kleist, Moos, Fasane</title> hat Aichinger
                        <quote source="">Aufzeichnungen 1950–1985</quote> aufgenommen. Wer mit
                    Einblicken in den Lebensalltag rechnete, sah sich enttäuscht. Der gewählte
                    Gattungsbegriff – Aufzeichnungen – trifft, nüchtern, die Sache, für die er
                    steht, und er steht nicht für Autobiographisches. Aufgezeichnet sind nicht
                    Daseins-, sondern Denkspuren oder, anders gewendet: Die Notate haben
                    aufgezeichnet, wie sich Dasein in Denken verwandelt und wie daraus ein Gedanke
                    erwächst. Er allein rechtfertigt die Niederschrift, er allein sein
                    Öffentlichmachen. Kein Bezug auf Tagebuch wird hergestellt.</p>
                <p>Anders in der achtbändigen Taschenbuchausgabe von 1991, die Richard
                    Reichensperger, unterstützt von der Autorin, zusammengestellt hat.
                    Reichensperger, ein hochgebildeter Journalist, aber kein ausgebildeter Editor,
                    begnügte sich mit spartanischen Quellenbelegen, auch bei jenen <quote
                        source="#ref_Aichinger1991-120">Aufzeichnungen</quote>. Er beließ es bei der
                    bibliographischen Angabe der Erstveröffentlichung in Buchform, fügte allerdings,
                    offenbar von der ihn unterstützenden Autorin unterrichtet, den
                    Entstehungshinweis <quote source="#ref_Aichinger1991-120">Tagebücher
                        1950–1985</quote>
                    <ref xml:id="ref_Aichinger1991-120" type="bibl" target="#aichinger1991b"
                        rend="brackets">Aichinger 1991a: 120</ref> hinzu. Eine schreibgeschichtliche
                    Brücke war geschlagen, ein Zusammenhang bezeugt. Die Frage, wie sich die
                    gedruckten Notate zu ihrer ursprünglichen Notierung verhielten, stand im Raum,
                    die für die Antwort nötige Quelle aber noch nicht zur Verfügung.<note
                        xml:id="endnote_13">
                        <p>Als die Ausgabe entstand, hatte Aichinger ihren Vorlass noch nicht an das
                            Deutsche Literaturarchiv nach Marbach verkauft. Erst mit Aufnahme und
                            Zugangserschließung war diese gelegte Spur weiter zu
                        verfolgen.</p></note> Im seit geraumer Zeit zugänglichen Vor-, dann Nachlass
                    Aichingers hat sich das Tagebuch gefunden, in schwarzem Einband und mit dem 10.
                        Oktober<note xml:id="endnote_14">
                        <p>Der Tag steht ohne Jahresangabe, 1950 ist aber aus dem Kontext eindeutig
                            zu ermitteln.</p></note> beginnend. Die letzte beschriebene Seite trägt
                    das Datum des 18. Oktobers 1985. Die Blätter des Bandes sind unpaginiert, die
                    Notierungen in Blei verfasst, alle Einträge datiert. Was nun enthalten sie? Und
                    wie steht das, was sie enthalten, zum Gedruckten?</p>
                <p>Stichproben müssen reichen, aber für die in Rede stehenden Zwecke reichen sie.
                    Das erste, was auffällt: In den <q rend="double-qm">Aufzeichnungen</q> hat
                    Aichinger alle konkreten Tagesdaten getilgt und eine Gruppierung nach Jahren
                    vorgenommen. Was an einen konkreten Tag gebunden war, steht nun für ein Jahr. <q
                        rend="double-qm">1950</q> etwa – und damit die <q rend="double-qm"
                        >Aufzeichnungen</q> überhaupt – beginnt mit:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1991b-43">
                        <p>1950</p>
                        <p>Ein Band Metall, das, zum Reifen gebogen, so lange Widerstand leistet,
                            bis es gelötet ist. In diesem Moment, in dem des äußersten Widerstands,
                            erhält es seine gelassenste, seine selbstverständlichste Form, in der
                            äußersten Spannung die äußerste Gelöstheit. Und nur in ihr. <ref
                                rend="brackets" type="bibl" target="#aichinger1991b"
                                xml:id="ref_aichinger1991b-43">Aichinger 1991b: 43</ref></p>
                    </quote>
                </cit>

                <p>Im Tagebuch steht diese Passage unter dem 15. Oktober, auf der dritten Seite (von
                    zwölf für dieses Jahr). Bricht der Absatz im Druck nach diesen drei Sätzen ab,
                    folgen im Tagebuch sechs weitere:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-15">
                        <p>Wer würde einen Kreis nicht als beruhigt empfinden, wenn erst die
                            Lötstellen an den beiden Enden zueinandergefunden haben […]. Es wäre
                            auch keine Schande, wenn sie mittlerweile sichtbar bliebe. Es mindert
                            nichts, wo Kraft und Ergebenheit einander die Waage halten. <del
                                rend="strikethrough">Nur wenn</del> Solange nicht eines davon
                            überwiegt. Dabei halte ich das Überwiegen der Ergebenheit für das
                            Ärgere, <del rend="strikethrough">wo die</del> wenn die Kraft nicht
                            ausreicht. Der zerschnittene Reifen muß springen! <ref
                                target="#aichinger1950" rend="brackets"
                                xml:id="ref_aichinger1950-1950-10-15" type="bibl">Aichinger 1950,
                                15. Oktober</ref></p>
                    </quote>
                </cit>

                <p>Ein Kriterium für das, was herausgelöst wurde, hieß Komprimierung. Der dreimalige
                    Gebrauch von <q rend="double-qm">äußerste/n</q> und der fünfmalige Einsatz des
                    Superlativs gibt die Richtung vor, zur Einstimmung. Der beschriebene materielle
                    Vorgang zielt auf die ihm innewohnende Idee. Sie ist poetologisch. Statt
                    Persönlichem steht Bildhaft-Exemplarisches, statt Narration Philosophie oder
                    doch Reflektion. Das jedenfalls ist intendiert. Das materielle Bild in seiner
                    Auslegung korrespondiert mit der Erzählung <title>Der Gefesselte</title><note
                        xml:id="endnote_15"><p>Die Erzählung <title>Der Gefesselte</title>, in der
                            die Fesselung beim Gefesselten vergleichbar dem gelöteten Band Metall
                            wirkt, entstand – nach einer chronologischen Liste Aichingers – 1951.
                                <title>Die Neue Rundschau</title> druckte sie in 62 (1951), Heft 2,
                            S. 98–109.</p></note>, deren Essenz sie vorwegnimmt.</p>

                <p>Das zweite Kriterium, ranggleich mit dem ersten, hieß Entindividualisierung. Aus
                    den Erkundungen eines Ich sollten Seins-Erkundungen gefiltert werden, das <q
                        rend="double-qm">Ich</q> einem <q rend="double-qm">Man</q> weichen. Der
                    Blick nach innen wird von außen geworfen, für den er Wert haben muss. Das
                    Tagebuch dokumentiert die Anstrengung, der es bedurfte, diese Wende zu
                    vollziehen. Der erste Eintrag unter dem 10. Oktober [1950] ist auch darin
                    signifikant. Die Diaristin möchte, was ihrer Lektorin und Editorin erst glückt:
                    einem Ich zu widerstehen, das in Singularitätssuche verharrt und sich ihr im
                    Wunsch, sie zu ergründen, unterwirft. <quote
                        source="#ref_aichinger1950-1950-10-10">Kann man vorhaben zu lieben?</quote>
                    <ref target="#aichinger1950" type="bibl" xml:id="ref_aichinger1950-1950-10-10"
                        rend="brackets">Aichinger 1950, 10. Oktober</ref> – so lautet der erste Satz
                    im Tagebuch. Programmatisch ist der Habitus des Fragens und programmatisch das
                        <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-10">man</quote>. Gültig ist die
                    Antwort nur, gilt sie für dieses <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-10"
                        >man</quote>.</p>

                <p>Aber die ihr Tagebuch durchmustert, sieht mit Argusaugen auf seine Beschaffenheit
                    und lässt gelten nur, wo der Gestus des Äußersten Maß ist: <q rend="double-qm"
                        >Wie soll ich denn die Trauer nicht halten wollen, wenn ich mich in nichts
                        anderem mehr finden kann als in ihr?</q>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger1951" rend="brackets">Aichinger 1951:
                        45</ref> Für diesen Gestus darf nachgebessert werden.<note
                        xml:id="endnote_16">
                        <p>Ursprünglich lautete der Satz nämlich: <quote
                                source="#ref_aichinger1951-1951-04-14">Wie soll ich denn die Trauer
                                nicht halten wollen, wenn ich mich in nichts anderem mehr
                                    <emph>ehrlich</emph> finden kann als in ihr?</quote>
                            <ref target="#aichinger1951" type="bibl"
                                xml:id="ref_aichinger1951-1951-04-14" rend="brackets">Aichinger
                                1951b: 14. April</ref>. Souverän ist auch der Umgang der Redaktorin
                            mit der Reihenfolge, die sie, wo es ihr angemessen erscheint, ändert
                            (vgl. auch hier das Jahr 1951 im Tagebuch und in den <q rend="double-qm"
                                >Aufzeichnungen</q>).</p></note> Das Zeitalter, in dem ein <q
                        rend="double-qm">Ich</q> das Diarium personifizierte, ist vergangen, seine
                    Folgen indes sind lebendig. Gleich am Anfang thematisierte das neue Tagebuch
                    diese Spannung, das <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-15_2">Ich</quote>
                    blieb ihr dabei unerlässlich. <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-15_2"
                        >Ich könnte es ja längst satt haben, etwas herzuschreiben, was sich noch,
                        während ich schreibe, aufstellt und spiegelt. Ich bin in einen Spiegelladen
                        gefallen</quote>, so klagt die Schreibende: <quote
                        source="#ref_aichinger1950-1950-10-15_2">Die Hölle muß ein Brennspiegel
                        sein.</quote> Doch da dieses ihr Ich ausging, <quote
                        source="#ref_aichinger1950-1950-10-15_2">um neue Provinzen zu
                        erobern</quote>, musste es <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-15_2"
                        >diese Spiegelungen in Kauf nehmen.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#aichinger1950" xml:id="ref_aichinger1950-1950-10-15_2"
                        rend="brackets">Aichinger 1950, 15. Oktober</ref> Es war Instrument, Medium
                    und Movens. Nötig beim Eintrag, unnötig für dessen Extrakt. Die <q
                        rend="double-qm">Aufzeichnungen</q> sind der Extrakt und überflüssig nun das
                        <q rend="double-qm">Ich</q>. Die Redaktorin tilgt es. Sich von ihm zu
                    trennen, fällt leicht, weiß sie sich doch längst von ihm getrennt. Sie ist mit
                    jenem <q rend="double-qm">Ich</q> noch verwandt, aber die Verwandtschaft
                    bröselt.</p>


                <cit>
                    <quote source="#ref_aichinger1950-1950-10-10_3">Ich bin verlockt, diese Seite
                        auszureissen, wie ich es als Kind immer getan habe, wenn ich ein neues Heft
                        begann und die Feder geronnen hat. Manchmal habe ich es damit so weit
                        getrieben, dass ich zuletzt die leeren Deckel in der Hand hielt. Das ist das
                        Ende aus einem Heft, das nichts als <del rend="strikethrough">leere</del>
                        erste Seiten hat. Und soweit bin ich heute. Ich will ein neues Heft
                        beginnen! <ref target="#aichinger1950" type="bibl"
                            xml:id="ref_aichinger1950-1950-10-10_3" rend="brackets">Aichinger 1950,
                            10. Oktober</ref><note xml:id="endnote_17"><p><quote
                                    source="#ref_aichinger1950-1950-10-10_3">Ich bin verlockt […],
                                    wie […] als Kind […]</quote> manifestiert den Fort-Schritt. Die
                                Tagebuchschreiberin empfand den Impuls, musste ihn notieren, aber
                                ohne ihm nachzugeben.</p></note>
                    </quote>
                </cit>



                <p><q rend="double-qm">Man</q> braucht die <q rend="single-qm">Verwandte</q> (das
                    Ich also), die das Kindlich-Kindische überlebte, doch wird sie lästig nach
                    Gebrauch und zur Last. Das jetzt erreichte Reflexionsniveau, aus dem die <q
                        rend="double-qm">Aufzeichnungen</q> gefällt werden, reibt sich am einstigen
                    Tagebucheintrag, produktiv. Das Trenn- und Tilgungsverfahren, dessen es sich
                    bedient, löscht nicht, sondern erlöst aus dem Vorgedachten den eingeschmolzenen
                    Gedanken. Dafür werden die Tagesdaten ausgewischt, und der Weg zum Gedanken
                    unsichtbar. Die Intervalle der Einträge<note xml:id="endnote_18"><p>Bei der
                            Analyse von Tagebüchern beanspruchen die Eintragungsintervalle besondere
                            Aufmerksamkeit. Sie stiften Aufschluss über Notierungsmodalitäten, geben
                            Auskunft über den Notierungsrhythmus (oder dessen Fehlen) und
                            präzisieren das Profil des jeweiligen Tagebuchs. Vgl. hierzu <ref
                                type="bibl" target="#oesterle2008" xml:id="ref_oesterle2008-100"
                                >Oesterle 2008: 100–103</ref>.</p></note> – anfangs noch gering,
                    dann zunehmend größer, dabei ohne System oder Regel – sind für dieses Filtern
                    bedeutungslos. Das Herausgelöste ist die Essenz, die die Mixtur der Lösung, der
                    sie entstammt, verschweigt. Die gedruckten Jahressentenzen sind nicht Losungen,
                    den Tag im stärkenden Wort zu bestehen, wie es Nikolaus von Zinzendorfs mit
                    seinen <title>Herrnhutern Tagesparolen</title> praktizierte, sondern
                    Wortzeugnisse eines überstandenen Jahres. Wie folgenreich Aichingers
                    poetisch-philosophisches Transferverfahren vom Jahres-Tagebuch in die <q
                        rend="double-qm">Aufzeichnungen</q> ist, lässt sich für das Jahr 1972
                    demonstrieren. Dort steht eine einzige Wortgruppe: <q rend="double-qm">Die
                        Gleichgültigkeit einüben.</q>
                    <ref type="bibl" rend="brackets" target="#aichinger1991b">1951. In: Aichinger
                        1991: 80</ref>. Sie ist gedeutet worden als ein zunehmendes Stummwerden und
                    vor allem als Reaktion auf den Tod von Aichingers Ehemann, Günter Eich. Doch der
                    Tagebucheintrag (ohne bestimmten Artikel, also nur <q rend="double-qm"
                        >Gleichgültigkeit</q>!) steht unter dem 8. Juni 1972 – und ist der letzte
                    Eintrag des Jahres. Eich starb am 20. Dezember 1972.</p>
                <p>Ein letztes Belegstück genügt, um vorzuführen, wie entschlossen Aichinger
                    Diarien-Notat und Drucktext auseinandertrieb. Oder anders formuliert: wie
                    entschieden sie den diaristischen Anker lichtete, um <q rend="single-qm"
                        >richtige</q>, ihr wichtige Sätze in einen neuen Bestimmungsgrund zu senken.
                    Im vierten Heft der <title>Neuen Rundschau</title> 1986 veröffentlichte sie
                        <title>Tagebuchaufzeichnungen 1965–1985</title>. Der Druck umfasst drei
                    Seiten. Er besteht aus Sätzen und Wortgruppen, die Abstände zwischen diesen
                    Teilen sind ungleich, Reduktion dominiert, Klarheit ohne Erklärendes.
                    Augenfällig ist die Gattungsbezeichnung – <quote source="#ref_aichinger1986-5"
                        >Tagebuchaufzeichnungen</quote> – und unübersehbar die Neigung zur Pointe
                        (<quote source="#ref_aichinger1986-5">Alles, woran man glaubt, beginnt zu
                        existieren</quote>, <quote source="#ref_aichinger1986-5">Den Ankünften nicht
                        glauben wahr sind die Abschiede</quote> oder <quote
                        source="#ref_aichinger1986-5">Schreiben ist sterben lernen</quote>, <ref
                        type="bibl" xml:id="ref_aichinger1986-5" target="#aichinger1986">Aichinger
                        1986: 5–6</ref>). Die Sätze sind hintereinander abgedruckt, keine Jahreszahl
                    ist beigefügt. <quote source="#ref_aichinger1986-5">Die Gleichgültigkeit
                        einüben</quote> etwa ist am Anfang des zweiten Textdrittels angesiedelt.
                    Damit ist das Kelterverfahren im Tagebuch-Bezug aufs Äußerste radikalisiert.
                    Jede mutmaßende Rückkopplung auf Lebensgeschichtliches wird unterbunden, ja
                    desavouiert. Keine Brücke ins Persönliche ist zu schlagen, der Verweis aufs
                    Tagebuch hermetisch eingekapselt im Titel des Beitrags. (Im Buchdruck der
                        <title>Aufzeichnungen</title> steht unter <q rend="double-qm"
                        >Quellennachweise</q> der Vermerk: <q rend="double-qm">Zum Teil
                        veröffentlicht unter dem Titel <q rend="single-qm">Tagebuchaufzeichnungen
                            1965–1985</q></q>. (<ref type="bibl" target="#aichinger1991b">1985:
                        Aichinger (1991): [108]</ref>.) Die Wiedereinsetzung der Jahreszahlen führt
                    die Aufzeichnungen nicht zurück in den Tagebuch-Kontext, sondern chronologisiert
                    den vollzogenen Denk- und Schreibprozess.</p>
                <p>Von hier öffnete sich endgültig das Fenster zu jenem Bild der verstummenden
                    Schriftstellerin Ilse Aichinger, deren Leben zur Legende wurde, eingehüllt in <q
                        rend="double-qm">Schweigen</q><note xml:id="endnote_21">
                        <p>Dieses Wort überlagert zahlreiche Studien und noch zahlreichere
                            Zeitungsartikel zu Aichinger. Die Beschäftigung mit der Autorin lief
                            Gefahr, sich in ihm zu verselbständigen und aufzulösen – zu
                            verführerisch war es und zu bequem von ihm aus Parallelen aller Art (zur
                                <term>Moderne</term>, zu Einzelautorinnen und -Autoren) zu ziehen.
                        </p>
                    </note>.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-02_05">
                <head>5</head>
                <p>Von hier aus lassen sich zwei Linien ziehen: Die erste Linie führt noch einmal in
                    den Nachlass Aichingers im Deutschen Literaturarchiv. Die zweite leitet zu dem
                    über, was unverrückbar als Spätwerk der Autorin zu bezeichnen ist. Während die
                    erste Linie auf Dokumente verweist, die nicht für den Druck und nicht für die
                    Öffentlichkeit bestimmt waren (und sind), ist die zweite auf öffentlichem Grund
                    gezeichnet. Gemeint sind auf der einen Seite die Kalendarien im Nachlass, also
                    jene Dokumentsorte, die in konzeptioneller Nachbarschaft zum Tagebuch
                    angesiedelt ist. Auf der anderen Seite sind jene Texte gemeint, mit denen
                    Aichinger in den Augen von Puristen wie Peter Handke zur Journalistin wurde:
                    Feuilletons, die erst im <title>Standard</title>, später in der
                        <title>Presse</title> erschienen. Datiert ungedruckt die einen, datiert
                    gedruckt die anderen. Notierungen aus dem Alltäglichen auf der einen,
                    autobiographische Notate auf der anderen Seite – niedergeschrieben unter einem
                    Datum und im Diktat des Tages. Beide Linien, so konträr und entgegengesetzt ihre
                    Beschaffenheit, sind so verbunden mit dem in Rede stehenden Gegenstand.<note
                        xml:id="endnote_22"><p>An dieser Stelle kann nicht ausführlich auf diese
                            beiden Linien eingegangen werden, eine Skizzierung muss für den Zweck
                            genügen. Die Kalendarien sind im DLA Marbach vorerst grob aufgelistet.
                            Der Verfasser hatte, dank der Genehmigung durch die Rechteinhaberin,
                            Mirjam Eich, die Möglichkeit, diese Dokumente einzusehen und sich durch
                            Stichproben über deren Charakter zu orientieren. </p></note> An dieser
                    Stelle muss es genügen, sich auf die erste Linie zu beschränken und es bei der
                    zweiten bei einigen wenigen Bemerkungen zu belassen.</p>
                <p>Im Nachlass sind Kalendarien Aichingers aus mehreren Jahrzehnten aufbewahrt. Ihre
                    Funktion ist auf den ersten Blick eindeutig, wenngleich von Ausnahmen
                        begleitet.<note xml:id="endnote_23"><p>Eine Ausnahme bildet beispielsweise
                            ein kleiner Kalender 1964, in dem Aichinger Zitate ihrer Kinder
                            gesammelt hat (<ref type="bibl" target="#aichinger1964"
                                xml:id="ref_aichinger1964">vgl. Aichinger 1964</ref>).</p></note>
                    Die Gattung bestimmt ihn. Über weite Strecken unterscheiden sich diese Dokumente
                    in nichts von üblichen Taschenkalendern und deren Nutzungspraxis: Festgehalten
                    wurden Verabredungen, Besuche, Besorgungen, Posteingang bzw. versandte Post,
                    Telefonate, Lektüre, Arbeiten und Befinden etc. Die Bestimmung der Kalender war
                    ihr Gebrauch. Der hat reichlich Spuren hinterlassen: fleckige Seiten,
                    umgeknickte Blätter, Verschmutzungen aller Art. Die Notizen hatten einen
                    Adressaten: die eigene Person, niemanden sonst. Nichts bedurfte Erklärung. Die
                    notierte, wusste Bescheid. Dass sie diese Kalendarien aufhob, lag in der Natur
                    der Sache, kein Anlass also zum Verwundern. Nachlassgedanken waren wohl kaum im
                    Spiel. Eine verlässliche Informationsquelle (über Treffen, Arbeitsabläufe u. ä.)
                    hatte ihren Gegenwartswert. Die Mixtur der Einträge scherte sich um keine
                    Gewichtung, das System der Verschlagwortung des gelebten Alltags gab sich
                    unsystematisch. Aichinger probierte ab und an ordnende Verfahren, etwa im
                    Kalender von 1966, in dem sie mit unterschiedlichen Farbstiften arbeitet,<note
                        xml:id="endnote_24"><p>Am Anfang des Kalenders hat Aichinger die Legende für
                            die Farben festgehalten: <quote source="#ref_aichinger1966">Depr.
                                violett / Med. Rot / Briefe Blau / Fotos Grün […] / Ereignisse
                                gelb / Ferien rosa</quote>. Allerdings gelang es ihr nicht, dieses
                            Vorhaben durchzuhalten (<ref target="#aichinger1966" type="bibl"
                                xml:id="ref_aichinger1966">vgl. Aichinger 1966</ref>).</p></note>
                    oder dem von 1970 (<title>Wochen/Vormerkkalender 1970</title>) mit einem
                    dreispaltigen Aufteilen der vorgedruckten Seiten: links – eingenommene
                    Medikamente, Mitte – Tagesnotizen in Vor- oder Rückschau, rechts – Hinweis auf
                    Briefe, geführte Telefonate, den Arbeitsstand. Solche Ordnungen beim Notieren
                    wieder fallen zu lassen, fiel Aichinger nicht schwer. So verzichtete sie etwa
                    1977 fast gänzlich auf autobiographische Notizen und beschränkte sich
                    ausschließlich auf zwei Spalten (links – Medikamenten-Einnahme, rechts –
                    Arbeitshinweis, z. T. mit Angabe der Dauer). 1978 änderte sich das wieder
                    abrupt. In dem <q rend="double-qm">Vormerk•Kalender ’78 Hypobank Bayerische
                        Hypotheken- und Wechsel-Bank</q> kappte die Notierende die Liste
                    eingenommener Medikament und nutzte den gewonnenen Raum – selbst für
                    Alltägliches wie Mittagsschlaf oder einen Fernsehbericht über den Besuch der
                    Queen in Deutschland (22. Mai 1978). Gut verlaufene, angstfreie Tage wurden
                    notiert (4. Januar 1978), aber auch ein <q rend="double-qm">eher schwieriger
                        Tag</q> (6. Januar 1979) oder einer, von dem nichts blieb als <q
                        rend="double-qm">wenig Erinnerung</q> (6. u. 10. Januar 1979). Die
                    Notierende hielt den Tageswert fest, nicht was zu ihm führte. Warum der 10.
                    Januar 1979 ein <q rend="double-qm">ziemlich elender Tag</q> war, blieb ihr
                    Geheimnis und schloss Konkretisierung aus. Der Kalender überliefert die <q
                        rend="double-qm">Auseinandersetzung</q>, nicht ihren Gegenstand (14. Januar
                    1979). Die Tagesnote genügte. Dass sie Außenstehenden und Nachwelt wertlos sein
                    musste, war/ist deren Problem, nicht das Aichingers. Als faktischen Report
                    klammerte sie Persönlichstes aus. Eine Bemerkung wie die unter dem 5. August
                    1970 anlässlich eines Besuches von Heinz Schafroth <q rend="double-qm">(Gü<note
                            xml:id="endnote_25"><p>Gemeint ist Günter Eich (<ref
                                    target="#aichinger1970" type="bibl">vgl. Aichinger 1970</ref>).
                                DLA Marbach.</p></note> &amp; Schafr. Begeisterung) Wenn ich nur
                        jetzt diese Begeisterung teilen könnt – für mich.</q> sind Ausnahme, beinahe
                    absolute. Es scheint, als halte die Notierende schon Äußerungen wie diese für
                        indiskret.<note xml:id="endnote_26"><p>In Eichs schwerem letzten Lebensjahr
                            1972 brechen die Notierungen Mitte Juni weitestgehend ab. Sein Tod am
                            20. Dezember 1972 in einem Salzburger Krankenhaus ist nicht vermerkt
                                (<ref type="bibl" target="#aichinger1972">vgl. Aichinger
                            1972</ref>).</p></note>
                </p>
                <p>Für die angesprochene Nachwelt aufschlussreich sind die Fakten. Ihren Besuch auf
                    der Frankfurter Buchmesse dokumentierte Aichinger unter dem 20. Oktober 1978
                    nahezu akribisch: Orte, Personen, Verweildauer, Lesung und Gelesenes bis hin zu
                    Einkäufen zwischendurch und den benutzten öffentlichen Verkehrsmitteln sind
                    aufgelistet. Vor allem die Kategorie <q rend="double-qm">Lesung</q> besitzt
                    hohen Wert. In Frankfurt las Aichinger zuerst aus <title>Schlechte
                        Wörter</title>, dann einige Gedichte, darauf <title>Meine Sprache und
                        ich</title>, um endlich mit weiteren Gedichten zu schließen. Die Wichtigkeit
                    der Rubrik spiegelt der gesonderte Platz, den ihr Aichinger einräumte (links
                    neben den anderen Einträgen). Alltägliches beglaubigte den Tag und verlängerte
                    ein Empfinden, das ihm eignete. Dieser Wert war vergänglich und unübertragbar.
                    Alle Arbeitsnotizen indes überdauern und sind wertvoll. Nur einen Beleg für
                    viele: Der 1979er Kalender hielt sorgfältig fest, an welchen Tagen und mit
                    welchen Erfolgen sich Aichinger ihrem Text über Adalbert Stifter widmete, der
                    dann am 8. Juni 1979 in der <title>Zeit</title> veröffentlicht wurde. Am 11.
                    März 1979 taucht zum ersten Mal <q rend="double-qm">Stifter gelesen</q> auf, der
                    15. März 1979 vermerkt <q rend="double-qm">Anfang Stifter</q>, zwischen dem 19.
                    und 24. März 1979 gibt es <q rend="double-qm">vergebl. Versuche Stifter</q>, am
                    5. April 1979 <q rend="double-qm">Mu [Aichingers Mutter Bertha Aichinger, die
                        bei ihr lebte – R. B.] Stifter vorgelesen, Schluß gut, sonst entmutigt (mit
                        Recht)</q>, der 11. Mai 1979 vermerkt die Abschrift des Stifter-Textes am
                    Nachmittag (<ref target="#aichinger1979" type="bibl">vgl. Aichinger
                    1979</ref>).</p>
                <p>Die zweite Linie, noch einmal, führt in Aichingers Spätwerk. Es liegt vor in drei
                    Bänden (<ref type="bibl" target="#aichinger2001a">Aichinger 2001</ref>; <ref
                        target="#aichinger2005" type="bibl">Aichinger 2005</ref>; <ref
                        target="#aichinger2006" type="bibl">Aichinger 2006</ref>) und einer Reihe
                    nur in der <title>Presse</title> veröffentlichten Texten<note
                        xml:id="endnote_27">
                        <p>Deren systematische Auflistung und ein Abgleich zwischen Buch- und
                            Pressetext stehen noch aus. Überdies finden sich im Marbacher Nachlass
                            weitere Niederschriften Aichingers aus dieser Zeit, die die bisher
                            erfassten Dimensionen dieses Spätwerks zu erweitern und zu präzisieren
                            vermögen.</p>
                    </note>. Ihre Eigenart gründet in der unmittelbaren, die Niederschrift sogar
                    durch Terminsetzung erzwungene Tagesbezogenheit. <q rend="double-qm"
                        >Deadline</q> nennt das ein verkommener Jargon. Aichinger nahm das wörtlich,
                    eine Todeslinie zieht sich durch diese Journaltexte. Es ist die Linie der Toten,
                    die für Aichinger Maß im Schreiben sind und Lebensgrund (vgl. zu diesem Komplex:
                        <ref type="bibl" target="#berbig2017">Berbig 2017</ref>). Sie verbindet die
                    Gegenwart eines Tages mit der Vergangenheit des Jahrhunderts und die
                    Gedankenlosigkeit des Jetzt mit dem Gedenken an einst. Autobiographisches
                    schlägt sich nieder und durch auf einen Ewigkeitsaugenblick des Schreibens, der
                    sich auf den Tag genau bestimmt. Das diaristische Prinzip ist nicht nur
                    virulent, es ist textprägend. Eine Aufzeichnung aus dem Nachlass spiegelt dieses
                    Prinzip und bildet die Urform der späteren Journaltexte. Datiert ist sie auf den
                    20. März 1996. Sie spiegelt alle Umstände, die sie erforderten, den konkreten
                    Tagesgrund – die Verleihung des Österreichischen Staatspreises an Aichinger –
                    und den Abgrund, der sich unter ihr öffnete:</p>
                <ab rend="empty"/>
                <cit>
                    <quote source="#ref_berbig2011-53">
                        <p>20. März 1996.</p>
                        <p>Heute ist der Tag, an dem ich mich schon wieder nicht von mir
                            verabschiede (das war vorauszusehen), sondern wie gewöhnlich im Café
                            Imperial Kaffee und Orangensaft trinke, nachmittag aber heute nicht ins
                            Kino gehe, sondern in den Quartierssaal des Ministeriums, um einen Preis
                            entgegenzunehmen, den mir niemand geben wollte […]. Morgen werde ich –
                            so hoffe ich inständig [–] keinen Kaffee und keinen Orangensaft mehr [zu
                            mir nehmen], sondern, wenn es mir gelingt, die abgezählten Tabletten mit
                            einem großen Cognak oder zweien [zu] nehmen, endlich meine Großmutter
                            nicht wiedersehen, aber doch den Tod mit ihr teilen, auch das Sterben.
                                <ref rend="brackets" type="bibl" target="#berbig2011"
                                xml:id="ref_berbig2011-53">Zit. nach Berbig 2011: 53</ref></p>
                    </quote>
                </cit>


                <p>Wie zu Beginn des Tagebuchschreibens in den dreißiger Jahren wird eine zugemutete
                    Lebensrechnung quittiert, diaristisch, und wie damals erweist sich diese
                    Quittung als eine Abrechnung. Das Logbuch, in dem sie verzeichnet ist, gleicht
                    einem Tagebuchblatt. Doch hoffte die junge Frau am 21. März 1943 <quote
                        source="#ref_aichinger2001b-71">einen Rahmen um alle Dinge</quote> im
                    Schreiben zu finden, <quote source="#ref_aichinger2001b-71">ein Fenster, von dem
                        aus man schauen kann</quote>, entlässt sich die alt Gewordene am 20. März
                    1996 in die Dunkelheit eines Kinosaals: <quote source="#ref_aichinger2001b-71"
                        >Ich mache den Ermordeten ihr Verschwinden nur stümperhaft nach: ich gehe
                        ins Kino. Dort könnte sich eine brauchbare Chronologie entdecken lassen: für
                        das nächste Journal.</quote> (<ref type="bibl" target="#aichinger2001b"
                        xml:id="ref_aichinger2001b-71">Aichinger 2001b: 71</ref>)</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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                            type="main">Tagebuch.</title>
                        <title level="a" type="sub">Eintrag: 22. Dezember 1938</title>, in:
                            <author>Roland Berbig</author>: <title type="main" level="a"><q
                                rend="double-qm">Kind–sein gewesen sei</q></title>. <title
                            type="sub" level="a">Ilse Aichingers frühes Tagebuch (1938 bis
                            1941)</title>, in: <title level="s" type="main">Berliner Hefte zur
                            Geschichte des literarischen Lebens</title>
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                            Tagebuch</title>, in: <title level="j" type="main"
                            >Interlitteraria</title>
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