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                <title type="main" xml:lang="de">Editorial</title>
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                    <name>
                        <forename>Christian</forename>
                        <surname>Zolles</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Thomas</forename>
                        <surname>Ballhausen</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Mozarteum Salzburg</affiliation>
                </author>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Laura</forename>
                        <surname>Tezarek</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Österreichische Akademie der Wissenschaften, Austrian Centre for
                        Digital Humanities and Cultural Heritage</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-01-01</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
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                <p>born digital</p>
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                    <term xml:lang="de">Pulp</term>
                    <term xml:lang="de">Trivialliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Intermedialität</term>
                    <term xml:lang="de">Aktionismus</term>
                    <term xml:lang="de">Kunstfiguren</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">pulp</term>
                    <term xml:lang="en">popular literature</term>
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                    <term xml:lang="en">alter egos</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Die vierte Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title> führt in die Welt
                    des Wiener Pulps. Sie beschäftigt sich mit den Phänomenen populärer Formate,
                    intermedialer Experimente und aktionistischer Performances, die im Laufe des 20.
                    Jahrhunderts den traditionellen Formen ganz neue, spielerische Ausdrucksweisen
                    entgegenhielten und nicht selten ganz in der Nähe zum offiziell diffamierten
                    ‚Schmutz und Schund‘ standen. Die Verflechtungen zwischen ‚Trivialliteratur‘ und
                    ‚Hochkultur‘ sind dabei zahlreich und geben spannende Einblicke in die
                    österreichische Identitätsbildung zwischen allerlei progressiven und elitären,
                    internationalen und nationalen Bestrebungen. Die ‚pulpigen‘ Kunstfiguren nehmen
                    damit einen besonderen Platz im kollektiven Gedächtnis der Stadt ein.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The fourth issue of <title>Wiener Digitale Revue</title> takes us into the world
                    of Viennese Pulp. It explores the phenomenon of popular formats, inter-medial
                    experimentation and actionist performances that, in the course of the twentieth
                    century, opposed new, playful forms of expression to traditionalist norms and
                    were often quite close to the officially defamed ‘pulp’ and ‘trash’. There are
                    numerous entanglements between ‘trivial culture’ and ‘high culture’, offering
                    exciting media insights into the shaping of Austria’s identity between all kinds
                    of progressive and elitist, international and national ambitions. ‘Pulp’
                    fictional characters thus have a particular place in the collective memory of
                    the city.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <p>Die vierte Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title> führt in die Welt des
                Wiener Pulps.<note xml:id="endnote_01"><p>Ausgangspunkt dieser Ausgabe war das im
                        Wintersemester 2021/22 am Institut für Germanistik der Universität Wien
                        gehaltene Proseminar „Wiener Pulp“. Einige daraus resultierende Beiträge
                        haben in der Rubrik <title>Schwarzes Brett</title> ihren Platz gefunden; ein
                        Dank geht aber an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Nathalie Bachrach,
                        Christina Dernbauer, Julia Gaich, Katharina Geiger, Marie Holzer, Magdalena
                        Tabita Kirnbauer, Johanna Kniely, Tzveta Kostova, Verena Maria Leichtfried,
                        Thomas Macher, Marlene Mathes, Victoria Mayerhofer, Maria Mijucic, Katharina
                        Möslinger, Rebeka Novakovic, Mona Orth, Stefan Pircher Verdorfer, Elisabeth
                        Resch, Chiara Scherner, Markus Spörk, Magdalena Stockinger, Karin Toifl,
                        Annika Tóth, Anna Totmoser, Ferdinand Matthias Nikolaus Trübsbach,
                        Lisa-Marie Vogl, Sarah Wabl, Elisabeth Weber, Karoline Weber, Noah Andrew
                        Ranulph Wheatley und Katharina Zuderell.</p></note> Sie beschäftigt sich mit
                den Phänomenen populärer Formate, intermedialer Experimente und aktionistischer
                Performances, die im Laufe des 20. Jahrhunderts den traditionellen Formen ganz neue,
                spielerische Ausdrucksweisen entgegenhielten und nicht selten in der Nähe zum
                offiziell diffamierten ‚Schmutz und Schund‘ standen. Philologisch wird damit der
                Bereich der ‚Trivialliteratur‘- und Populärkulturforschung betreten, wobei nicht
                mehr weiter ausgeführt werden muss, dass hier die Verbindungen zur ‚Hochkultur‘
                weder dichotomisch noch isoliert zu begreifen sind – das haben nicht zuletzt die
                Forschungen zu den (neo-)avantgardistischen Kunstformen hinlänglich bewiesen.</p>
            <p>Dem steht allerdings nicht entgegen, dass sich die im Zentrum stehenden Themen und
                Quellen in ihrer Tendenz in einer bestimmten Weise charakterisieren lassen (vgl.
                    <ref type="bibl" target="#Huck2011">Huck 2011: 43–59</ref>): im Hinblick auf
                Schema- oder Formelhaftigkeit, Welthaftigkeit, Aktualisierung archetypischer Motive,
                Alltagsrealismus, Unterdeterminiertheit des ‚Visuellen‘, Käuflichkeit und
                Begehrlichkeit, populäre Bekanntheit, Lustgewinn sowie Ansprache der Leserinnen und
                Leser. Auf den Hang zum Bildhaften populärer Formate, der einer an
                überdeterminierten Kunstliteraturen herausgebildeten akademischen Logozentrität
                besonders unterdeterminiert, banal und verdächtig vorkommen muss, soll hier
                besonderes Augenmerk gelegt werden:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_Huck2011-53">Die Populärliteratur unterscheidet sich […] von der
                    Kunstliteratur in einem ähnlichen Verhältnis wie das Bild vom Wort. Seit der
                    Aufklärung wird das Visuelle dem Verbalen meist diametral gegenübergestellt:
                    Während die Schrift demnach also den Intellekt bedient, spricht das Bild die
                    sinnliche Wahrnehmung an. […] Die Fähigkeit, die Welt (vermeintlich)
                    unvermittelt darzustellen und dadurch den Rezipienten emotional zu affizieren,
                    macht die Bilder aber gleichzeitig dem Wort unterlegen, da die Bilder
                    vermeintlich weniger gut als das Wort in der Lage sind, ausgewählte Bedeutungen
                    (autoritativ) zu vermitteln: „Thus every written word has a function of
                    authority insofar as <hi rend="italic">it</hi> chooses — by proxy, so to speak —
                    instead of the eye. The image freezes an endless number of possibilities; words
                    determine a single certainty.” [Zit. Roland Barthes, <title>The Fashion
                        System</title>] (<ref type="bibl" target="#Huck2011"
                        xml:id="ref_Huck2011-53">Huck 2011:&#160;53</ref>)</quote>
            </cit>
            <p>Diese Unterscheidung zwischen einer intellektuell-distanzierten und
                visuell-affektgeladenen Wahrnehmung macht es auch so spannend, sich mit dem Phänomen
                ‚Pulp‘ zu beschäftigen, wenn es um Fragen nach Formen des Erinnerns geht. Man denke
                hier an den Protagonisten Giambattista Bodoni in Umberto Ecos <title>Die
                    geheimnisvolle Flamme der Königin Loana</title> (2004): Aus dem Koma erwacht,
                versucht er seine verlorene Erinnerung an den unterschiedlichsten Formaten der
                Populär- und Trivialliteratur wiederzuerlangen. So wie der Roman die Wirkung
                einfachster Bilder und Texte auf die Formung kindlicher, jugendlicher und
                junggebliebener Erwartungshaltungen ins Zentrum stellt und dadurch die italienische
                Geschichte des 20. Jahrhunderts aus einem ganz anderen Erfahrungsblickwinkel heraus
                rekonstruiert, wird mit dieser Ausgabe der WDR eine ethnografische Perspektive (vgl.
                    <ref type="bibl" target="#Warneken2006">Warneken 2006</ref>; <ref type="bibl"
                    target="#Maase2011">Maase 2011</ref>) auf die Stadt Wien über deren
                    <quote>kommunikative Literatur</quote> (<ref type="bibl"
                    target="#BrunoldBigler1995" xml:id="ref_BrunoldBigler1995-1995"
                    >Brunold-Bigler/Bausinger 1995</ref> in Bezug auf <ref type="bibl"
                    target="#Schenda1970">Schenda 1970</ref> u. <ref type="bibl"
                    target="#Schenda1976">1976</ref>) angestrebt – und damit eine Fortschreibung
                ‚glokaler‘ Sozialgeschichte, welche sowohl intermediale Bezüge als auch postmoderne
                Erzählpraktiken berücksichtigt (vgl. <ref type="bibl" target="#Rajewsky2003"
                    >Rajewsky 2003:&#160;292</ref>). Dabei sei nicht vergessen, dass, wenn es um
                ‚Action!‘ geht (vgl. <ref type="bibl" target="#Tomkowiak2017"
                    >Tomkowiak/Frizzoni/Trummer 2017</ref>), auch besondere Akteure in Erscheinung
                treten – schließlich nehmen die ‚pulpigen‘ Kunstfiguren einen ganz bedeutenden Platz
                im kollektiven Gedächtnis der Stadt ein.</p>
            <p>Das demonstriert schon der erste Schwerpunkt-Beitrag von <hi rend="bold">Peter
                    Ernst</hi>, der die Ausgangsbedingungen für die internationale Karriere von
                Johann Hölzel absteckt. Wie viel hat er Einflüssen der Zeit und der Musikszene in
                Wien zu verdanken, was stammt genuin von ihm? Hatte er Vorbilder und, wenn ja,
                welche Einflüsse hatten sie auf ihn? Was lässt sich dazu aus seinem Frühwerk
                ableiten? Es wird also der Frage nachgegangen, wie viel Geist der späten 1970er
                Jahre in der Kunstfigur ‚Falco‘ steckt – und wie viel <title>Wiener Blut</title> im
                    <term>Wiener Pulp</term>. Auch der zweite Schwerpunktbeitrag zum Thema ‚Wiener
                Pulp' ist der Genese einer Kunstfigur gewidmet: <hi rend="bold">Helmut
                    Neundlinger</hi> beschreibt die Geburt des Hermes Phettberg aus den
                biographischen Trümmern des Kanzlisten Josef Fenz. Einem ‚Theater der dritten Art‘
                verpflichtet, konstituieren ‚Pulp‘ und ‚Trash‘ eine neue populärkulturelle Ästhetik.
                Besonderes Augenmerk verdient hierbei der Aspekt des Intermedialen: Die Beziehungen
                zwischen den einzelnen Ebenen von Phettbergs Produktion wirken in verschiedenen
                Darstellungsweisen zusammen. Eben dieser mediale Aspekt beschäftigt auch <hi
                    rend="bold">Fermin Suter</hi> in seiner Auseinandersetzung mit der ‚postmodernen
                Avantgarde‘ Fluxus und ihrem Wiener Medium, der Literatur- und Kulturzeitschrift
                    <title>Freibord</title>. Die <term>Events</term> und Werke des internationalen
                Künstler*innennetzwerks waren stark kollaborativ geprägt und intermedial
                ausgerichtet: Hier trafen Aktionismus und Pulp beispielhaft aufeinander. Es lässt
                sich daraus zeigen, dass auch Antikunst ihre bestimmte Form hat.</p>
            <p>Wie <hi rend="bold">Ivana Perica</hi> in ihrem Beitrag ausführt, war Österreichs
                Umgang mit ‚Avant-Garde und Kitsch‘ (Clement Greenberg) ein besonderer: Zweifellos
                gingen Kitschformen mit den reaktionären politischen Kräften Hand in Hand. Aber
                wofür sollte progressive Kunst ein Sprachrohr sein, wenn es gänzlich an
                revolutionärem Bewusstsein fehlte? An dieser Feststellung setzt die Untersuchung
                über Ernst Fischers Stücke <title>Lenin</title> (1928) und <title>Der große
                    Verrat</title> (1950) an und zeigt das Scheitern revolutionärer ‚Pulp Fiction‘
                im Wien der 1920er und 1950er Jahre: Sie verfehlte sowohl die Eliten als auch die
                Massen. Im darauffolgenden Beitrag demonstriert <hi rend="bold">Johanna Lenhart</hi>
                am Beispiel von Tobias Seicherl, dem populären Protagonisten eines
                politisch-satirischen Comicstrips in der boulevardesken Wiener
                    Tageszeitung <title>Das Kleine Blatt</title>, die Einflüsse politischer
                Entwicklungen auf die populären Kleinformate. So entwickelt sich  <title>Herr
                    Seicherl und sein Hund</title> von einem – wenn auch eindeutig einer politischen
                Richtung zuordenbaren – kritischen Comic zu einem medialen Mitläufer. Aber nicht nur
                die politischen, sondern auch weitere zeitgenössische Diskurse etwa rund um die
                Automobilisierung und internationale Touristik finden sich im Comic direkt
                gespiegelt. Anschließend setzt sich <hi rend="bold">Charlotte Krick</hi> mit dem
                ‚Kulturkampf‘ um Pulp schlechthin auseinander: zwischen der Suche nach imaginärem
                (erotischen resp. pornografischen) Abenteuer und der Sorge um angemessene moralische
                Erziehung der Jugend und ‚ungebildeten‘ Bevölkerung. Am Beispiel des Verlegers Leo
                Schidrowitz und des Sammlers Felix Batsy wird das Gewerbe von Erotika – und sein
                späteres Verbot – in den Kontext von Österreichs Erster Republik gestellt.</p>
            <p>Es folgt – an der Schnittstelle von Schwerpunkt und Werkstattberichten aus der
                digitalen Praxis – die viermalige Beschäftigung mit einem Autor, der im Kontext des
                Pulp nicht fehlen darf: Karl Kraus. Im Zentrum des Beitrags von <hi rend="bold"
                    >Johannes Knüchel</hi> steht eine Urheberrechtsklage, die 1931 gegen Karl Kraus
                aufgrund des umstrittenen Abdrucks einer Sportfotografie in der
                    <title>Fackel</title> angestrebt wurde. Dieser Fall ist insbesondere
                interessant, weil er sich um die Frage dreht, ob und wie damals Bilder bzw.
                Fotografien zitiert werden durften. Er befindet sich zwischen Satire,
                Rechtswissenschaft und Zeichen- bzw. Bildtheorie – ein sehr fruchtbarer Ort im
                Hinblick auf Kraus und seinen Umgang mit Bildern, seine spezifische Technik des
                Zitierens und Montierens und seine Betätigung auf dem Gebiet des Rechts. Im
                Anschluss an den Schwerpunktbeitrag zu Karl Kraus’ juristischer Auseinandersetzung
                um die Verwendung von Bildrechten präsentiert der Beitrag von <hi rend="bold"
                    >Johannes Knüchel</hi>, <hi rend="bold">Isabel Langkabel</hi>, <hi rend="bold"
                    >Andrea Ortner</hi> und <hi rend="bold">Laura Untner</hi> einen Werkstattbericht
                aus einer wissenschaftlichen digitalen Edition zur Intertextualität in den
                Kraus’schen Rechtsakten. Die Akten der Kanzlei Oskar Samek entstanden von 1922 bis
                1938 und bieten eine kulturrelevante Quelle der 1920er und 1930er Jahre, in denen
                Kraus und sein Anwalt Samek in juristische Fälle involviert waren. Der seltene
                Umstand, dass hier ein Anwaltsaktenbestand von historischer Bedeutsamkeit
                überliefert ist, macht die digitale Edition der Rechtsakten nicht nur für Literatur-
                und Kulturwissenschaftler:innen, sondern auch für Rechtshistorikerinnen und
                Rechtshistoriker zu einer relevanten Forschungsplattform.</p>
            <p>Kein anderer Autor war in Österreich so früh Gegenstand computergestützter Verfahren
                wie Karl Kraus – man denke an die Edition und Datenbank zu <title>Die
                Fackel</title>. Der Werkstattbericht von <hi rend="bold">Bernhard Oberreither</hi>
                gibt Einblicke in ein aktuelles Digitalisierungsprojekt, das als Plattform
                    <title>Karl Kraus 1933</title> an der Arbeitsstelle Österreichischer Corpora und
                Editionen an der ÖAW angesiedelt ist. Das Ziel ist es, eine Edition der
                    <title>Dritten Walpurgisnacht</title> und von Bezugsmaterialien bereitzustellen
                und dabei die Möglichkeiten des digitalen Mediums in Bezug auf Kontextualisierung,
                Verlinkung mit externen Ressourcen und eine optimierte <term>User Experience</term>
                zu nutzen. Daran anschließend erläutert <hi rend="bold">Simon Ganahl</hi> die
                Entwicklung des Projekts <title>Campus Medius</title> von einer historischen
                Fallstudie zur Mapping-Plattform. Der erste Abschnitt präsentiert die ursprüngliche
                Version von <ref target="https://campusmedius.net/">campusmedius.net</ref>, eine
                interaktive Karte mit Zeitleiste, die fünfzehn Ereignisse innerhalb von 24 Stunden
                am Wochenende des 13. und 14. Mai 1933 in Wien darstellt. Der zweite Teil beleuchtet
                die aktuelle Projektversion, die zusätzlich auf das Hauptereignis dieses
                beispielhaften Zeit-Raums bzw. Chronotopos fokussiert: eine austrofaschistische
                ,Türkenbefreiungsfeier‘ im Schlosspark Schönbrunn, die aus der Vogelschau, im
                Panorama und in der Straßenansicht anhand von je fünf Mediatoren vermittelt wird.
                Der folgende Abschnitt behandelt die technische Infrastruktur sowie das Datenmodell
                von <title>Campus Medius</title>, das die theoretischen Konzepte des Dispositivs und
                des Akteur-Netzwerks operationalisiert. Abschließend skizziert Simon Ganahl die
                Pläne zum Aufbau einer digitalen Plattform, wo alltägliche Medienerfahrungen
                beschrieben und visualisiert werden können.</p>
            <p>Im Kontext des Schwerpunktes zu ‚Wiener Pulp‘ bildet der Beitrag von <hi rend="bold"
                    >Claudia Resch</hi>, <hi rend="bold">Nina C. Rastinger</hi> und <hi rend="bold"
                    >Thomas Kirchmaier</hi> zur <title>Wiener Zeitung</title> gewissermaßen einen
                Kontrapunkt: Denn die Papierbögen, auf welchen das Periodikum im 18. Jahrhundert
                gedruckt wurde, waren von guter Qualität und auch die verbreiteten Inhalte hatten
                mit Sensations- oder Boulevardpresse wenig gemein: Wie andere Zeitungen des 18.
                Jahrhunderts präsentierte sich auch die 1703 als <title>Wien[n]erisches
                    Diarium</title> gegründete Zeitung von Beginn an als Leitmedium und ernst zu
                nehmende Nachrichtenquelle. Damit distanzierte sie sich ganz deutlich von diversen
                anderen Produkten der tagesaktuellen (Flug-)Publizistik. Im digitalen
                Werkstattbericht werden die Sterbelisten als Ansätze zur automatischen
                Identifikation von Toponymen vorgestellt – und als Fundament einer ‚Vienna Time
                Machine‘.</p>
            <p>Nach den Projektvorstellungen aus der digitalen Praxis freut es uns, die Leserinnen
                und Leser am <title>Schwarzen Brett</title> tiefer in die weite Welt ‚pulpiger‘
                Formate zu führen. Dabei darf auch der Bezug zum Wiener Aktionismus nicht fehlen,
                und so haben sich eigens für diese Ausgabe Autor:innen und
                Literaturwissenschaftler:innen zusammengefunden, um das Manifest und frühe
                Publikationsorgan des Wiener Aktionismus, die <title>Blutorgel</title>, einer
                Neuinterpretation zu unterziehen. Am Werk waren <hi rend="bold">Daniela Chana</hi>,
                    <hi rend="bold">Kira Kaufmann</hi>, <hi rend="bold">Hanno Millesi</hi>, <hi
                    rend="bold">Paul Poet</hi>, <hi rend="bold">Herbert J. Wimmer</hi> und <hi
                    rend="bold">Christian Zolles</hi>. Im darauffolgenden Auszug aus dem Manuskript
                    <title>Zum Watschentango</title> nimmt uns <hi rend="bold">Clemens
                    Marschall</hi> mit ins Wiener Beisl: Es dürfte nicht der Tag von Kola-Karli
                sein, dessen Körper hier an die Grenzen seiner Toleranz gegenüber illegalen
                Substanzen gebracht wird.</p>
            <p>Eine systematische Aufarbeitung der Entwicklung und Wirkung des Pulp-Genres ist für
                Österreich noch ausständig. Der Beitrag von <hi rend="bold">Hans Peter Kögler</hi>
                und <hi rend="bold">Wolfgang Rath</hi> möchte einen Impuls dazu geben und
                gleichzeitig für eine seriöse Auseinandersetzung mit ‚trivialen‘
                Unterhaltungsformaten plädieren, an denen sich nicht nur alltägliche Medienpraktiken
                und ihr Einfluss auf die menschliche Vorstellungskraft, sondern auch die
                Auseinandersetzung mit offiziellen und öffentlichen Moralvorstellungen zeigen
                lassen. Es wird hier ein erster umfassender Einblick in die Romanheftreihen und
                Leihbücher gegeben, die in Österreich nach 1945 erschienen sind. In dem direkt daran
                anschließenden studentischen Beitrag geht <hi rend="bold">Marie Holzer</hi> nach
                einem Überblick über die Geschichte der Heftromanserien auf die frühe
                österreichische Science-Fiction-Reihe <title>Tom Sharg</title> von Ernst A. Dolak
                ein. Aus einer kulturwissenschaftlichen Sicht analysiert sie die Parallelen zu den
                politischen und kulturellen Entwicklungen der 1940er und 1950er Jahre. Es zeigt
                sich, dass gerade Beispiele aus der ‚Trivialliteratur‘ ausgezeichnete Quellen zur
                Untersuchung historischer Kontexte abgeben können, die sich unter Umständen –
                Stichwort Kalter Krieg – als gar nicht so abgeschlossen erweisen, wie man eigentlich
                gedacht hat. Der Beitrag von <hi rend="bold">Heidemarie Lenz</hi> versteht sich als
                eine Vorstellung der ersten vier von Charlie Blood (Werner Skibar) und Zoë Angel
                (Waltraud Lengyel) geschriebenen <title>Morbus</title>-Pulp-Bände (2012ff.). Es
                werden die Inhalte, einige der Figuren sowie die Geheimorganisation ‚Basilisk‘
                erläutert und dabei, die Intertextualität betreffend, mehrere Wiener Sagen
                aufgezeigt sowie der häufig ironische Einsatz von Magie beleuchtet.</p>
            <p><hi rend="bold">Nathalie Bachrach</hi> und <hi rend="bold">Chiara Scherner</hi>
                zeigen in einem weiteren studentischen Beitrag anhand von Nicolas Mahlers Comic
                    <title>Alice in Sussex</title> die Bedeutung von Intertextualität gerade in
                populärkulturellen Werken auf. Die Kette nicht versiegender Referenzen weist dabei
                der Interpretation einer narratologisch-subversiven Praxis den Weg. Doch galt und
                gilt es immer auch, subversive Praxis nicht nur zu schreiben, sondern auch zu leben:
                Im Interview mit <hi rend="bold">Katharina Geiger</hi> erzählt die jahrzehntelange
                Herausgeberin der <title>AUF</title>
                <hi rend="bold">Eva Geber</hi> ausführlich über die Anfänge der von der Aktion
                Unabhängiger Frauen begründeten ersten feministischen Zeitschrift Österreichs. Sie
                erinnert sich an die Anfänge der Frauenbewegung ausgehend von Erfahrungen häuslicher
                Gewalt und an die Arbeit im Redaktionskollektiv und in den einzelnen Arbeitsgruppen
                – angereichert mit vielen persönlichen Anekdoten aus der Zeit des feministischen
                Aufbruchs. Wieder mehr in Richtung poetischer Artikulation, beschäftigt sich auch
                der letzte Beitrag auf dem <title>Schwarzen Brett</title> mit der Überschneidung von
                Schreib- und Lebenspraxis: Anlässlich des 20. Todestages des österreichischen
                Schriftstellers und Performers Christian Loidl (1957–2001) sollte im Dezember
                2021 eine Performance im Wiener Off-Theater präsentiert werden, die aufgrund der
                Corona-Beschränkungen allerdings nicht stattfinden konnte. Stattdessen entstand
                unter der Beteiligung von <hi rend="bold">Gina Mattiello</hi>, <hi rend="bold"
                    >Wolfgang Seierl</hi> und <hi rend="bold">Toshiko Oko</hi> ein Film als
                Gesamtkunstwerk: Konkrete Poesie, in den Raum gestellt, von Musik getragen, als
                Bewegungsimpuls genommen und im Ausdruckstanz zu ungewohnter Wirkung gebracht.</p>
            <p>In gewohnt pointierter Weise kommentiert die Literaturkritikerin <hi rend="bold"
                    >Daniela Strigl</hi> abschließend den Schwerpunkt der <title>Wiener Digitalen
                    Revue</title>. So endet die 4. Ausgabe in der Besprechung einer pornografischen
                Kunstfigur, die wohl wie kaum eine andere für ‚Wiener Pulp‘ steht: Josefine
                Mutzenbacher.</p>
        </body>
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            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
