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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">True-Crime, das ‚authentische Verbrechen‘ und seine
                    (kommerzielle) Inszenierung</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zu Ferdinand von Schirachs Erzählband <hi
                        rend="italic">Verbrechen</hi> (2009) und seinen US-amerikanischen
                    Vorbildern</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Julia</forename>
                        <surname>Lückl</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Julia Lückl hat Germanistik und Psychologie studiert und ist seit
                        2023 Doktorandin und Universitätsassistentin am Institut für Germanistik der
                        Universität Wien. Zu ihren Forschungsinteressen zählen neben Ästhetik und
                        Poetik der Gegenwartsliteratur insbesondere Populärkultur und -literatur,
                        Fragen des Verhältnisses zwischen Literatur und (Literatur-)Markt und
                        experimentelle Literatur. In ihrer Dissertation widmet sie sich der
                        Entstehung universitärer Schreibschulen im deutschsprachigen Raum sowie
                        Diskursen und Praktiken der Lehr- und Lernbarkeit literarischen
                        Schreibens.</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-02-05</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">True Crime</term>
                    <term xml:lang="de">Ferdinand von Schirach</term>
                    <term xml:lang="de">Authentizität</term>
                    <term xml:lang="de">Vermarktung</term>
                    <term xml:lang="de">Wahrheit</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">True Crime</term>
                    <term xml:lang="en">Ferdinand von Schirach</term>
                    <term xml:lang="en">Authenticity</term>
                    <term xml:lang="en">Commercialization</term>
                    <term xml:lang="en">Truth</term>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>„Nichts als die Wahrheit“: Unter diesem Motto werden in populärkulturellen
                    True-Crime-Erzählungen ,authentische‘ Verbrechen inszeniert und vermarktet. Der
                    vorliegende Beitrag untersucht und systematisiert diese Inszenierungsstrategien
                    ausgehend von den Anfängen des True-Crime-Genres in der US-amerikanischen
                    Zeitschrift <hi rend="italic">True Detective</hi> (seit 1924) und analysiert,
                    wie Ferdinand von Schirach einschlägige Erzählstrategien und
                    Genrecharakteristika in seinem populären Erzählband <hi rend="italic"
                        >Verbrechen</hi> (2009) aufgreift und weiterführt. Im Fokus steht dabei die
                    Frage, wie Schirach Authentizität-Effekte erzählerisch hervorbringt und welche
                    Rolle dies für die Vermarktung seiner Texte spielt.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>“Nothing but the truth”: In true crime narratives ‘authentic’ crimes are staged
                    and marketed under this slogan. Starting from the beginnings of true crime in
                    the US magazine <hi rend="italic">True Detective</hi> (since 1924), this article
                    examines and systematizes the narrative strategies of staged authenticity within
                    this genre. Based on this, it analyses how Ferdinand von Schirach continues and
                    transforms such narrative strategies and genre characteristics in his popular
                    short story collection <hi rend="italic">Verbrechen</hi> (2009) and what role
                    this plays for the marketing of his texts.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_02-05_01">
                <head>1. Einleitend. Mord ,authentisch‘ erzählen – (k)eine neue Faszination?</head>
                <p>Das Zeitalter des <quote source="#ref_Zoglauer2021">Postfaktischen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zoglauer2021" xml:id="ref_Zoglauer2021">Zoglauer
                        2021</ref>), gezeichnet von einer <quote source="#ref_Ferraris2014-18"
                        >Wahrheitskrise</quote> (<ref type="bibl" target="#Ferraris2014"
                        xml:id="ref_Ferraris2014-18">Ferraris 2014: 18</ref>) und florierenden
                    ,alternative facts‘: In aktuellen Kulturanalysen wird Schlagworten wie diesen
                    gut und gerne gegenwartsdiagnostischer Wert zugeschrieben. Jüngste technische
                    Entwicklungen, durch die Fakt und Fake immer weniger distinguierbar sind, und
                    insbesondere die mediale Inszenierung dieser Veränderungen scheinen kollektive
                    Ängste <quote source="#ref_Poerksen2021-23">vor der Totalimplosion realer
                        Bezüge</quote> (<ref type="bibl" target="#Poerksen2021"
                        xml:id="ref_Poerksen2021-23">Pörksen 2021: 23</ref>) zu schüren. Dabei
                    gelangt ein alter Begriff zu neuem Ruhm: Das 20. und beginnende 21. Jahrhundert
                    wird als <quote source="#ref_Ferrara2002-5">age of authenticity</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Ferrara2002" xml:id="ref_Ferrara2002-5">Ferrara 2002:
                        5</ref>) bezeichnet; Authentizität zum <quote source="#ref_Weixler2012-2"
                        >übergreifende[n] Leitkonzept</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Weixler2012" xml:id="ref_Weixler2012-2">Weixler 2012: 2</ref>) und
                    zentralen <quote source="#ref_Schilling2020-10">Sehnsuchtsbegriff der
                        Gegenwart</quote> (<ref type="bibl" target="#Schilling2020"
                        xml:id="ref_Schilling2020">Schilling 2020: 10</ref>) stilisiert.</p>
                <p>Vor diesem Hintergrund erscheinen nun gegenwärtige Entwicklungslinien des
                    Krimigenres aus literaturanthropologischer Perspektive überaus interessant:
                    Insbesondere in Erzählbänden und seriellen Fernsehformaten (re-)etablierte sich
                    in den letzten Jahrzehnten neben der klassischen und bis heute populären
                    Detektivgeschichte eine Spielart der Kriminalliteratur, die das ,Echte‘, ,Wahre‘
                    und ,Faktische‘ des Dargestellten emphatisch betont und kommerziell vermarktet.
                    Die Rede ist von sogenannten True-Crime-Stories, d.h. Fallgeschichten, die sich
                    auf reale Verbrechen beziehen, insbesondere perfide, aufsehenerregende Taten
                    aufgreifen und – dies ist im Kontext der <term>Criminal Minds</term> besonders
                    interessant – auf die Geschichte der Täter*innen und den Tathergang fokussieren.
                    Es handelt sich dabei um Formate, die sich aus ästhetischer Perspektive durch
                    ein oxymorisches Verhältnis von Authentizität und Inszenierung charakterisieren
                    lassen, wie im Rahmen dieses Beitrags gezeigt werden soll: Es sind Formate, die
                        <emph>Authentizität inszenieren</emph> und gerade in diesem Wechselspiel aus
                    (scheinbarer) Faktizität und der Emphase des Wahren zu einem Phänomen der
                    Populärkultur wurden, das auch marktwirtschaftlich überaus erfolgreich ist.
                    Nicht das Faktum alleine steht im Zentrum dieses Genres, sondern vielmehr der
                        <emph>inszenierte Fakt</emph>.</p>
                <p>Man ist nun versucht, das gegenwärtige Florieren dieses Genres als Reaktion auf
                    das kollektive <quote source="#ref_Plettenberg2021-131">desire for
                        authenticity</quote> (<ref type="bibl" target="#Plettenberg2021"
                        xml:id="ref_Plettenberg2021-131">Plettenberg 2021: 131</ref>) im <quote
                        source="#ref_Zoglauer2021">postfaktischen Zeitalter</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zoglauer2021" xml:id="ref_Zoglauer2021">Zoglauer
                        2021</ref>) zu verstehen. Doch um diese These nicht in den ,luftleeren‘ Raum
                    zu stellen, darf nicht übersehen werden, dass die Emphase des Wahren im Kontext
                    von Verbrechenserzählungen und die damit einhergehende Faszination zwar als
                        <quote source="#ref_Barnes2023-9">sign of the times</quote> gelten darf,
                    aber: <quote source="#ref_Barnes2023-9">it has certainly been a sign of the
                        times for eras gone by, too</quote> (<ref type="bibl" target="#Barnes2023"
                        xml:id="ref_Barnes2023">Barnes 2023: 9</ref>). Bis ins 16. Jahrhundert
                    lassen sich demnach literarische Gestaltungen ,wahrer‘ Verbrechen
                    zurückverfolgen – wobei diese vormodernen Texte, die als Pamphlete bereits große
                    Teile der Bevölkerung erreichten (vgl. <ref type="bibl" target="#Wiltenburg2004"
                        xml:id="ref_Wiltenburg2004-1381f.">Wiltenburg 2004: 1381f.</ref>), freilich
                    völlig anderen (medialen, gesellschaftlichen, kulturellen, politischen)
                    Prämissen unterlagen als gegenwärtige Erzählungen über den <quote
                        source="#ref_Plettenberg2021-131">authentische[n] Mord</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Plettenberg2021" xml:id="ref_Plettenber2021-131"
                        >Plettenberg 2021: 131</ref>). Waren einschlägige neuzeitliche Pamphlete
                    noch in ein religiöses Kommunikationssystem eingebettet und die Inszenierung
                    ,wahrer‘ Verbrechen – etwa bei Burkard Waldis, dessen Texte zum Teil zu
                    Kirchenliedern vertont wurden (vgl. <ref type="bibl" target="#Wiltenburg2004"
                        xml:id="Wiltenburg2004-1384">Wiltenburg 2004: 1384</ref>) – Teil einer
                    christlichen Didaxe, die ihre Rezipient*innen durch Fallgeschichten (,casus‘)
                    vor dem Sündenfall (,lapsus‘) warnen und bewahren sollte, ändert sich die
                    kulturelle Funktion als wahr inszenierter Fallgeschichten im Laufe der
                    Jahrhunderte immer wieder. Im 18. Jahrhundert wurden sie etwa Teil
                    aufklärerischer Erziehungsprogrammatik (bspw. mit Friedrich Schillers
                        <title>Verbrecher aus Infamie</title>, 1786) und Justizkritik (z.B. in
                    Heinrich von Kleists <title>Michael Kohlhaas</title>, 1808/1810). Was jedoch
                    konstant blieb, ist die Form der Fallgeschichte und der Fokus auf die
                    Täter*innen, ihre Motive für die Tat und deren Folgen. Und stets waren
                    einschlägige Texte Objekte populärkultureller Faszination, wie sich anhand von
                    Leserbriefen, Druckzahlen, Vor- und Nachworten oder poetischen Reflexionen
                    nachverfolgen lässt. Überblickt man diese hier freilich nur stichwortartig
                    aufgerufenen Entwicklungslinien, wird deutlich, dass der gegenwärtige Boom für
                    True-Crime-Erzählungen in gewisser Weise als Wiederauflage eines Klassikers zu
                    verstehen ist: Erzählungen über das ,wahre‘ Verbrechen sind eine Art <quote
                        source="#ref_Schmid2010-198">pop culture phoenix</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schmid2010" xml:id="ref_Schmid2010-198">Schmid 2010: 198</ref>),
                    der in immer neuen Formen zu immer neuer Popularität gelangt. So spricht
                    Alexander Košenina gar von einer <quote source="#ref_Kosenina2016-56"
                        >anthropologische[n] Konstante</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kosenina2016" xml:id="ref_Kosenina2016-56">2016: 56</ref>).</p>
                <p>Davon ausgehend würde ein genauerer Blick auf diese kollektive Faszination in die
                    Gegenwart lohnen: Worin liegt nun das Spezifische des heute boomenden
                    populärkulturellen Interesses am ,authentischen Mord‘, das sich in dem
                    wachsenden transmedialen Angebot einschlägiger Geschichten – in Podcasts,
                    Filmen, Serien, Zeitschriften und Texten – ausdrückt? Und welche Rolle spielt
                    dabei die Inszenierung von Authentizität? Um dieses Phänomen entsprechend zu
                    untersuchen, bräuchte es freilich mehr als einen einzelnen Artikel; mein Beitrag
                    versteht sich demnach lediglich als <emph>Annäherung</emph> an diese kollektive
                    Faszination – und zwar anhand einer Fallanalyse bzw., dieses Wortspiel sei
                    erlaubt, <term>Fallgeschichte</term>: Im Fokus steht der gegenwärtig im
                    deutschsprachigen Raum wohl erfolgreichste und bekannteste Autor dieses Genres,
                    der „Dichterjurist“<note xml:id="endnote_01"><p>Den Begriff des <quote
                                source="#ref_Wohlhaupter1953">Dichterjuristen</quote> geht auf Eugen
                            Wohlhaupter zurück, der ihn bereits in den 1950er Jahren prägte (vgl.
                                <ref type="bibl" target="#Wohlhaupter1953"
                                xml:id="ref_Wohlhaupter1953">Wohlhaupter 1953</ref>).</p></note>
                    Ferdinand von Schirach und seine unter dem Titel <title>Verbrechen</title>
                    (2009) publizierten Fallgeschichten, die im Paratext als „Stories“ benannt
                    werden. Bereits diese Gattungsbezeichnung lässt sich als Hinweis auf jenen
                    ,Kult‘ lesen, an dem Schirach mit seinen Erzählungen partizipiert: Nicht
                    Friedrich Schiller oder Heinrich von Kleist, wie in bisherigen Analysen seiner
                    Arbeiten – sehr zum Missfallen einiger Literaturwissenschaftler*innen (z.B. <ref
                        type="bibl" target="#Kuenzel2016" xml:id="ref_Kuenzel2016">Künzel
                    2016</ref>) – immer wieder betont wurde (z.B. <ref type="bibl"
                        target="#Bauer2014" xml:id="ref_Bauer2014">Bauer 2014</ref>, <ref
                        type="bibl" target="#Neumann2012" xml:id="ref_Neumann2012">Neumann
                        2012</ref>), sind die Vorbilder, an denen sich seine Verbrechenserzählungen
                    ästhetisch orientieren, sondern vielmehr die Stories des True-Crime-Genres, die
                    sich ausgehend von der amerikanischen Populärkultur des 20. Jahrhunderts auch in
                    den deutschsprachigen Raum ausgebreitet haben und eine neue Form der
                    Inszenierung (und Kommerzialisierung) des ,authentischen‘ Mordes etablierten.
                    Schirach partizipiert damit an einer kollektiven Faszination, deren Wurzeln ich
                    im ersten Teil des Beitrags anhand eines (freilich kurzen) Streifzugs durch die
                    Popularisierung des True-Crime-Genres im 20. Jahrhundert näher betrachten
                    möchte, um zunächst dessen Verhältnis zwischen Inszenierung und
                    Kommerzialisierung auszuloten. Dabei geht es nicht um eine ästhetische Wertung
                    dieses Genres, das qua seiner „obvious commercial aims“ und seiner Popularität
                    immer wieder als <quote source="#ref_Wiltenburg2004-1378">culturally
                        insignificant</quote> (<ref type="bibl" target="#Wiltenburg2004"
                        xml:id="ref_Wiltenburg2004-1378">Wiltenburg 2004: 1378</ref>) abgetan wurde,
                    sondern vielmehr um den Versuch, seine Popularität und die Rolle, die die
                    Vermarktung von Authentizität dabei spielt, zu beleuchten, um davon ausgehend
                    Schirachs Texte neu einzuordnen und nach ihren ,Vermarktungsstrategien‘ zu
                    befragen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-05_02">
                <head>2. Einmal über den ,großen See‘. Die Ursprünge des True-Crime-Kults oder Wie
                    das ,wahre‘ Verbrechen (nicht nur) die amerikanische Populärkultur
                    erobert</head>
                <p>In den 1930er Jahren trifft der amerikanische Publizist Bernarr Macfadden eine
                    folgenreiche Entscheidung: Um sein auf Mystery Fiction spezialisiertes Magazin
                        <title>True Detective</title>, das bereits seit 1924 erscheint, für ein
                    größeres Publikum attraktiv zu machen, beginnt er nach und nach die fiktionalen
                    Detektivgeschichten durch <quote source="#ref_Schmid2010-199">non-fiction
                        pieces</quote> (<ref type="bibl" target="#Schmid2010"
                        xml:id="ref_Schmid2010-199">Schmid 2010: 199</ref>) zu ersetzen. Erzählungen
                    über reale Verbrechen werden zu den Titelgeschichten, die man auf dem Cover in
                    farbigen, zumeist aber auf die Opfer fokussierenden Close-up-Zeichnungen
                    anteasert und als „true crime stories“ bzw., wie es später im Untertitel des
                    Magazins heißen wird, als „Authentic Stories“ in Szene setzt. Das Magazin
                    wandelt sich in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager; in Spitzenmonaten werden
                    bis zu zwei Millionen Exemplare vertrieben (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-26">Murley 2008: 26</ref>).</p>
                <p>Das <title>True Detective Magazine</title> ist damit das erste jenes Genres, das
                    heute unter dem Schlagwort ,True Crime‘ firmiert<note xml:id="endnote_02"
                            ><p>Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass der True-Crime-Begriff heute im
                            Wesentlichen für Produktionen verwendet wird, wie sie im Rahmen der
                            amerikanischen Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts und davon
                            inspiriert auch im europäischen Raum kommerzielle Erfolge feiern. So
                            würde man bspw. Schillers und Kleists Texte wohl kaum als ,True Crime‘
                            bezeichnen.</p></note> – ein Genre, dessen Definition nach wie vor
                    strittig ist. Als Minimalkonsens gilt bisher (wie auch bereits die
                    Gattungsbezeichnung nahelegt) lediglich, dass es Erzählungen umfasst, die als
                    ,wahr‘ inszenierte Verbrechen ins Zentrum rücken und von ihren Leser*innen auch
                    als ,wahr‘ rezipiert werden. Folgt man einschlägigen Theoretiker*innen, ist der
                    kleinste gemeinsame Nenner also in dem zu finden, was Antonius Weixler als
                    Objekt-Authentizität bezeichnet: die Referenz des Erzählten auf eine
                    außerfiktionale, <quote source="#ref_Weixler2012-13">subjektiv wahrgenommene[]
                        ,Wirklichkeit‘</quote> (<ref type="bibl" target="#Weixler2012"
                        xml:id="ref_Weixler2012-13">2012: 13</ref>). Aber: Es würde freilich zu kurz
                    greifen, Authentizität – vor allem im Kontext des True Crime – lediglich auf den
                    Begriff der Wirklichkeitsnähe zu reduzieren, wie sich zeigen lässt, wenn man
                    einen genaueren Blick auf die Anfänge dieses Genres wirft und dabei näher
                    betrachtet, was hier eigentlich unter „authentic“ – wie es der Untertitel des
                        <title>True Detective</title> heißt – verstanden wird:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_TDM1928b-19">,Mother! Mother!‘ came the terrified, insistent
                        cry of beautiful 8-year-old Matilda Russo – although the horror-stricken
                        mother knew that her missing child was dead! What possible clue could there
                        be in those two words? Yet – they led the detectives straight into the heart
                        of that black mystery! They solved the most horrible crime the State of New
                        Jersey has ever known! (<ref type="bibl" target="#TDM1928b"
                            xml:id="ref_TDM1928b-19">TDM 12/1928: 19</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Durch Leadtexte wie diesen werden einschlägige Beiträge eingeleitet; eine Szene
                    kurz umrissen, mystifiziert und sensationalisiert, immer mit dem obligatorischen
                    Cliffhanger am Ende. Das Verbrechen wird hier nicht <emph>berichtet</emph>, es
                    wird <emph>erzählt</emph> – und dabei werden stets die perfidesten, blutigsten
                    und abstrusesten Taten in den Mittelpunkt gerückt: ein Mann, der im Laufe seines
                    Lebens 22 seiner insgesamt 35 Ehefrauen ermordet (<title>Why I Killed My 22
                        Wives</title>, <ref type="bibl" target="#TDM1926" xml:id="ref_TDM1926-40-47"
                        >TDM 06/1926: 40–47</ref>); ein grausamer Mörder mit einem Fetisch für
                    Babys, um die er sich liebevoll kümmert (<title>Against Fearful Odds</title>,
                        <ref type="bibl" target="#TDM1928a" xml:id="ref_TDM1928a-54">TDM 12/1928:
                        54–56</ref>); oder, wie in der zitierten Textpassage, ein Kindesmord, dessen
                    Opfer die Hinterbliebenen heimsucht (<title>The Cry from the Grave</title>, <ref
                        type="bibl" target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-18">ebd.: 18–22</ref>).
                    Nicht der ,einfache‘ Verbrecher rückt dabei ins Zentrum, sondern der zum Monster
                    und Devianten, zum Abstrusen und zugleich zum Faszinosum stilisierte Mensch;
                    eine <quote source="#ref_TDM1928b-55">twisted soul</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-55">ebd.: 55</ref>), die manchmal
                    gar selbst – in Form einer öffentlichen <term>confession</term> – die Motivation
                    für ihre Grausamkeiten schildert. So lassen sich einschlägige Magazine auch als
                    Inventarisierung des Perfiden, Mörderischen und Abgründigen lesen, das hier
                    allerdings (noch) nicht medizinisch erfasst und seziert, sondern vielmehr zum
                    Objekt kollektiver Faszination wird; zugleich aber auch zum Glied in einer Kette
                    aus Präzedenzfällen, die allesamt für die Effektivität des amerikanischen
                    Polizei- und Justizapparats, der am Ende stets über das <term>Criminal
                        Mind</term> siegt, bürgen.</p>
                <p>Das Spannungsverhältnis zwischen Fakt und Fiktion, Authentizität und Inszenierung
                    bildet dabei den Kern dieses Genres. So sind einschlägige Texte zunächst von
                    einer (auf heutige Leser*innen wohl übertrieben anmutenden) Rhetorik der
                    Wahrheitsemphase bestimmt: Immer wieder werden sie als <quote
                        source="#ref_TDM1928b-54">fact stor[ies]</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-54">ebd.: 54</ref>) bezeichnet, als
                        <quote source="#ref_TDM1928b-54">true</quote>, <quote
                        source="#ref_TDM1928b-54">real</quote> und <quote source="#ref_TDM1928b-54"
                        >unfiltered</quote>, und sollen damit einen unverstellten Blick auf das
                    Deviante ermöglichen.<note xml:id="endnote_03"><p>Interessant erscheinen mit
                            Blick auf diese Emphase des Faktischen auch Harald Weinrichs
                            Ausführungen zur Linguistik der Lüge; er zeigt, dass die übermäßige
                            Betonung von „Wahrheit“ und Detailliertheit in der Darstellung als
                            linguistische Lügensignale fungieren (vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Weinrich2016" xml:id="ref_Weinrich2016">Weinrich 2016
                                [1973]</ref>).</p></note> Die im Leadtext angeteaserten Taten und
                    ihre Umstände werden dabei ausführlich und mit Liebe zum Detail geschildert –
                    allerdings nicht im Stil eines journalistischen Tatsachenberichts, sondern
                    vielmehr unter Reproduktion narrativer Muster. <quote source="#ref_TDM1928b-18"
                        >Moorestown, New Jersey, is a quiet, beautiful Quaker settlement, much the
                        same as thousands of other small American communities</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-18">ebd.: 18</ref>),
                    heißt es etwa zu Beginn des Beitrags <title>The Cry from the Grave</title>.
                    Konkret verortet und zunächst als prototypische idyllische Kleinstadt
                    inszeniert, bricht die proleptisch vorweggenommene Gewalttat die Idylle; der Ort
                    wird zum Schauplatz eines <quote source="#ref_TDM1928b-18">case of killing
                        perpetrated by a man, who was, beyond all doubt the most fiendish and
                        cunning arch-criminal</quote> (<ref type="bibl" target="#TDM1928b"
                        xml:id="ref_TDM1928b-18">ebd.</ref>). Einleitungen wie diese können –
                    ähnlich wie bei Märchen – als formelhaftes Inventar von True-Crime-Erzählungen
                    gelten. Immer wieder findet man präzise Orts- und Zeitangaben, die wie eine
                    Reminiszenz an das Zeitungsformat wirken, das diese Hefte bisweilen imitieren,
                    und dadurch zugleich, mit Roland <ref type="bibl" target="#Barthes1982"
                        xml:id="ref_Barthes1982">Barthes (1982 [1968])</ref> gesprochen, einen
                        <term>effet de reél</term>, also einen Wirklichkeitseffekt,
                    hervorbringen.</p>
                <p>Dem entgegen steht freilich der rhetorische Gestus der Hyperbel, wie er bereits
                    in der oben zitierten Textpassage angeklungen ist: Die Verbrechen werden stets
                    wortreich in Superlativen geschildert; jedes einzelne von ihnen ist <quote
                        source="#ref_TDM1928b-12">the most sensational in the history of the
                        city</quote> (<ref type="bibl" target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-12"
                        >TDM 12/1928: 12</ref>). Und auch über diese Rhetorik hinaus fallen
                    zahlreiche Mittel der Fiktionalisierung auf: Täter*innen und Opfer kommen in
                    direkten Reden zu Wort, ebenso wie die Ermittler*innen selbst. Die Beiträge sind
                    in Abschnitte – markiert durch Absatzstrukturen – gegliedert, die gekonnt mit
                    Cliffhangern arbeiten; und immer wieder finden sich Motive, die bereits aus der
                    Gothic Novel bekannt sind: die Entdeckung von unbekannten Familienbanden,
                    unverständliche Schriften (die auch als Fotos abgedruckt werden, z.B. <ref
                        type="bibl" target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-19">ebd.: 19</ref>),
                    nächtliche Landschaften (die in ihrer Darstellung vielfach an die
                    zeitgenössische noir-Ästhetik erinnern) und v.a. zunächst unerklärliche
                    Begebenheiten, die schon in den Titeln angeteasert werden (wie etwa auch in der
                    oben zitierten Erzählung „The Cry from the Grave“). Stets wird dabei betont,
                    dass hier, in diesem Magazin, der erste Blick <quote source="#ref_TDM1930-10"
                        >behind the scenes</quote> (<ref type="bibl" target="#TDM1930"
                        xml:id="ref_TDM1930-10">TDM 01/1930: 10</ref>) möglich werde – ein Blick
                    hinter die Kulissen einerseits der Polizeiarbeit, andererseits aber, vor allem
                    in späteren Ausgaben, auch in die Psyche der Täter. Der reißerische Stil tat dem
                    Anspruch, den Leser*innen „Authentic Stories“ zu präsentieren, dabei keinen
                    Abbruch; Authentizität wurde vielmehr durch Paratexte und insbesondere die
                    Inszenierung der Autor*innen der Beiträge verbürgt:</p>
                <p><quote source="#ref_RD1940-82">You Write – We’ll Pay! If you are a newspaperman
                        or a policeman you must have dozens of good, punchy cases in your locker.
                        Why not send them to us?</quote>, so ist etwa auf der Rückseite der
                    Dezemberausgabe des <title>Real Detective</title> aus dem Jahr 1940 zu lesen
                        (<ref type="bibl" target="#RD1940" xml:id="ref_RD1940-82">Real Detective
                        [12/1940]: 82</ref>). Von Anfang an erhielten True-Crime-Magazine ihre
                    Geschichten nicht durch eigene Recherchen, sondern durch interessierte
                    Leser*innen mit dem notwendigen beruflichen Hintergrund, die diese einsandten.
                    Gedruckt wurden aber freilich nicht die auf diese Weise akquirierten Berichte,
                    sondern vielmehr von professionellen Autor*innen überarbeitete Fassungen, wie in
                    den Heften auch offengelegt wurde: „By Ellis H. Parker, Chief of Detectives,
                    Burlington County, N. J., as told to Alan Hynd“, lautet etwa die
                    Autorschaftsattribuierung zu <title>The Cry from the Grave</title> – eine
                    Formel, wie sie in der Regel bei allen Beiträgen in diesen Heften zu finden ist.
                    Neben Fotos der Ermittler*innen und Gewährspersonen wurden teils auch deren
                    Lebensläufe doppelseitig abgedruckt und den True-Crime-,Berichten‘
                    vorangestellt. Die so inszenierte Zusammenarbeit mit der Polizei garantierte
                    Authentizität durch Autorität und ermöglichte auch den Zugang zu authentischem
                    Material, das in den Beiträgen abgedruckt werden konnte:
                    Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Täter*innen, Opfer und Zeug*innen, die Tatorte
                    ebenso wie Tatwaffen und andere einschlägige Objekte – manchmal selbst
                    Fotografien der Leichen aus den offiziellen Ermittlungsakten, d.h. ungestelltes,
                    ,echtes‘ Material, das den Beiträgen die erhoffte und vom Publikum erwartete
                        <quote source="#ref_Browder2010-125">aura of reality</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Browder2010" xml:id="ref_Browder2010-25">Browder 2010:
                        125</ref>) verleihen sollte. In einigen Fällen wurden dabei selbst Bilder
                    von Autopsien gezeigt, der tote (meist weibliche) Körper also ins Zentrum
                    sensationalistischer Zugriffe gerückt.</p>
                <p>All dies waren zentrale Bestandteile von Mcfaddens Agenda, „Wahrheit“ zu
                    vermitteln: <quote source="#ref_Mcfaddens2008-23">[H]e wanted to show the truth
                        of human behavior, good and bad, noble and corrupt, beautiful and ugly – and
                        he discovered that great numbers of people wanted to read about the truth as
                        he found it</quote> (<ref type="bibl" target="#Murley2008"
                        xml:id="ref_Murley2008-23">2008: 23</ref>), so Jean Murley über Macfaddens
                    „Wahrheitsanspruch“, der freilich Teil einer ausgeklügelten
                    Vermarktungsstrategie war – ebenso wie die häufige Betonung, seine Magazine
                    seien <quote source="#ref_Mcfaddens2008-22">dedicated to presenting the truth –
                        to stripping away all pretensions, artifices, and hypocracies [sic]</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-22">ebd.:
                        22</ref>).</p>
                <p>Im krassen Gegensatz zu dieser Stilisierung steht – wie bereits ausschnitthaft
                    gezeigt – die eigentliche Gestaltung dieser Hefte und der darin erscheinenden
                    True-Crime-,Berichte‘, die weniger eine realitätsnahe Zusammenschau
                    zeitgenössischer Kriminalfälle liefern, als vielmehr ein bestimmtes Bild von
                    ,realen‘ Verbrechen konstituieren und reproduzieren: Die Opfer in diesen
                    vermeintlichen Berichten sind – wie im heutigen True-Crime-Genre im Allgemeinen
                    – meist Frauen, die zugleich auch für die Covergestaltung einschlägiger
                    Zeitschriften herhalten. Schreckensgeweitete Augen, die Hände schützend vor den
                    Körper gehalten, ein Angstschrei auf manchen Illustrationen durch mit Blut
                    verschmierten Knebel zum Schweigen gebracht – illustratorisch eingefangen werden
                    stets die imaginierten letzten Augenblicke der Opfer, also eine Art visueller
                    Cliffhanger. Wer wissen möchte, welche Geschichte dahintersteckt, muss das Heft
                    kaufen und kann diese letzten Momente vor der Tat und danach en détail in der
                    Lektüre mitverfolgen. Dass es sich bei den Opfern in erster Linie um
                        <emph>weiße</emph> Frauen handelt, hat freilich mit der
                    Adressatenorientierung der Magazine an einer <quote
                        source="#ref_Mcfaddens2008-16">white working-class readership</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-16">ebd.: 16</ref>)
                    zu tun: In einer von strukturellem Rassismus geprägten und patriarchal
                    organisierten Gesellschaft handelt es sich dabei wohl um jene gesellschaftliche
                    Gruppe, deren Tod das größte emotionale Schockpotenzial hervorzurufen vermag –
                    und sich zudem entsprechend ästhetisieren lässt.<note xml:id="endnote_04"><p>So
                            heißt es etwa in dem bereits zitieren Beitrag <title>The Cry from the
                                Grave</title> über das Opfer: <quote source="#ref_TDM1928b-18"
                                >Matilda was one of the most beautiful children that God ever made.
                                She possessed an abundance of beautiful, dark hair, and had large,
                                laughing, brown eyes. She would have been an ideal model for an
                                artist. The child was so attractive, in fact, that strangers often
                                stopped her on the street, to ask her name, and sometimes railed
                                upon her parents, Mr. and Mrs. Michael Russo, with a view of
                                becoming better acquainted with the little girl.</quote> (<ref
                                type="bibl" target="#TDM1928b" xml:id="ref_TDM1928b-18">TDM 12/1928:
                                18</ref>)</p></note> Dagegen scheinen – so der Eindruck bei der
                    Lektüre dieser Magazine – in erster Linie <emph>weiße</emph> Männer über die
                    notwendige moralische Fallhöhe zu verfügen, um als Täter zu fungieren. Nicht die
                    ,reale‘ Situation zeitgenössischer Kriminalfälle wird – auch wenn die Magazine
                    dies emphatisch betonen – hier repräsentiert,<note xml:id="endnote_05"
                            ><p>Rassistisch motivierte Lynchmorde, die in den 1920er und 1930er
                            Jahren keine Seltenheit waren, und die Tatsache, dass in dieser Zeit
                            fast die Hälfte aller Gewaltopfer People of Colour waren, werden durch
                            diese Auswahl der Geschichten freilich verborgen.</p></note> sondern
                    vielmehr eine bestimmte Ikonografie des (amerikanischen) Verbrechens (samt
                        <term>gender</term> und <term>racial bias</term>) inszeniert, die
                    einschlägige Kriminalserien bis heute reproduzieren. Der ,authentische Mord‘ ist
                    der Mord eines <emph>weißen</emph> Mannes an einer <emph>weißen</emph>,
                    wehrlosen Frau (und/oder ihren Kindern).<note xml:id="endnote_06"><p>In späteren
                            Ausgaben wurden Frauen freilich auch immer häufiger als Täterinnen
                            gezeigt.</p></note></p>
                <p>Zu dieser neuen Inszenierung des ,authentischen‘ Mordes zählt nun auch eine neue
                    Form des <term>Criminal Mind</term>, in dem zeitgenössische pathopsychologische
                    Diskurse und fiktionale Erzählmuster aufeinandertreffen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_TDM1940-73">A person who appears to be physically and
                        mentally normal but who is emotionally sick, possesses what the
                        psychiatrists term a psychopathic personality [...]. Court records disclose
                        that a large number of sex crimes are committed by this type of psychopath.
                            <emph>He has gentle manners and an engaging smile</emph>. Often young
                        women learn to their sorrow, when they are alone with him in his car along a
                        lonely road, that he is a <emph>beast in human form</emph>. (<ref
                            type="bibl" target="#TDM1940" xml:id="ref_TDM1940-74">TDM 06/1940: 73,
                            Herv. J.L.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>So beschreibt Sid McMath im <title>True Detective</title> jene Täterfigur, die in
                    den Medien des True Crime eine steile Karriere machen wird: den Psychopathen,
                    der sich durch seine „gentle manners“ auszeichnet, sein wahres Gesicht aber
                    immer wieder in Form monströser Verbrechen zeigt. Für Leser*innen der Gothic
                    Horror Literatur wird dieser Figurentypus alles andere als neu gewesen sein –
                    man denke etwa an Robert Louis Stevensons <title>The Strange Case of Dr Jekyll
                        and Mr Hyde</title> (1886) –, aber als ,reale‘ oder, präziser, im
                    True-Crime-Genre populär gemachte Täterfigur war der Psychopath in den 1930er
                    und 1940er Jahren eine noch weitgehend unbekannte Figur (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-37">Murley 2008: 37</ref>),
                    weshalb er den Leser*innen wie in der zitierten Textpassage wohl auch explizit
                    erklärt wird.</p>
                <p>,Wahrheit‘, das lässt sich anhand dieses Typus der <term>Criminal Minds</term>
                    zeigen, wird im True-Crime-Genre nun nicht nur (im Sinne eines vereinfachten
                    ,Abbildungsrealismus‘) reklamiert, sondern vielmehr schafft es durch bestimmte
                    Inszenierungen und die Hervorbringung von Typenfiguren auch selbst Wirklichkeit.
                    So findet der Psychopath, das „beast“ mit seiner „mask of sanity“, den Weg nicht
                    deshalb in die True-Crime-Magazine, da er plötzlich in der realen
                    US-amerikanischen Kriminellenszene auftaucht, sondern dieser Tätertypus wird –
                    so zumindest meine These – vielmehr erst im True-Crime-Genre (wohl durch dessen
                    vielfache Bezüge zur Gothic Novel) entwickelt und davon ausgehend zu einem
                    populärkulturellen Phänomen, das auch in zeitgenössische kriminologische und
                    psychopathologische Diskurse Einzug findet. Als wohl wichtigster Beitrag darf
                    dabei Hervey M. Cleckleys <title>The Mask of Sanity: An Attempt to Clarify Some
                        Issues About the So-Called Psychopathic Personality</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Cleckley1941" xml:id="ref_Cleckley1941">1941</ref>)
                    gelten – eine Kombination aus psychologischer Theorie und Fallstudien, die
                    Täterbeschreibungen, wie sie in einschlägigen True-Crime-Erzählungen vorkommen,
                    aufgreift und die Mörder pathologisiert. Es ist die diskursive ,Geburt‘ des
                    Psychopathen – einer Figur, die in weiterer Folge auch die gesellschaftliche
                    Wahrnehmung von Verbrechen und Tätern prägt, die wiederum als Protagonisten
                    zurück in True-Crime-Erzählungen finden. So etwa in die überaus populären
                    Artikel über Ed Geins Taten in Wisconsin (Mord und Leichenschändung), die später
                    als ,Material‘ für Alfred Hitchcocks berühmten Film <title>Psycho</title> (1960)
                    dienten, und in jene Beiträge über den Mord an der Clutter-Familie in Kansas
                    (1959), der durch Truman Capotes <title>In Cold Blood</title> (1966) bekannt
                    wurde.</p>
                <p>Der prototypische Täter des ,authentischen‘ Mordes im True Crime ist also ein
                    pathologischer Fall, vor dem sich die Leser*innen gruseln und fürchten sollen.
                    Mord ,authentisch‘ zu erzählen, heißt hier auch, ihn zu sensationalisieren und
                    seine Rezeption damit zu einem emotionalen Erlebnis, zum <term>thrill</term>, zu
                    machen: Das Perfide und Deviante wird minutiös erfasst und kann so zum Objekt
                    der Begierde und Faszination der Leser*innen werden. Am Ende steht dabei stets
                    ein „Happy End“, also die Bestrafung des Täters, der durch die amerikanischen
                    Behörden bezwungen wird. Bei diesen Narrativen geht es jedoch nicht um eine Art
                    Generalprävention, die die Leser*innen einschüchtern und vor eigenen Straftaten
                    abhalten soll; vielmehr stellen diese Beiträge das Deviante aus, weisen ihm,
                    indem nicht der ,normale Bürger‘, sondern ein abnormes <term>beast</term> zum
                    Täter wird, einen Platz außerhalb der Gesellschaft (und damit auch außerhalb der
                    Leser*innenschaft) zu. Der didaktische Anspruch als wahr inszenierter
                    Verbrechenserzählungen, wie er in Bezug auf deutschsprachige, aber auch
                    angloamerikanische Erzählungen in den Jahrhunderten zuvor prägend war, findet
                    hier also sein Ende. In den True Crime Magazinen (aber auch in späteren Büchern,
                    Filmen, Serien und Podcasts) geht es darum, <quote source="#ref_Murley2008-42"
                        >public’s appetite</quote> (<ref type="bibl" target="#Murley2008"
                        xml:id="ref_Murley2008-42">Murley 2008: 42</ref>) zu stillen, nicht wie in
                    früheren Erzählungen über ,wahre‘ Verbrechen ein – religiöses oder
                    aufklärerisches – Erziehungsprogramm zu verfolgen. Der ,wahre‘ Fall und das in
                    ihm inszenierte <term>Criminal Mind</term> erhalten also eine neue Funktion –
                    und der Voyeurismus kommt dabei nicht zu kurz.</p>
                <p>Es ist der Beginn eines Kults, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg auch
                    im deutschsprachigen Raum verbreitet und zunehmend zu einem kommerziellen
                    Produkt wird: In den 1970ern und insbesondere den 1980ern entwickelt sich True
                    Crime zu einer umfangreichen <quote source="#ref_Murley2008-4">consumer-driven
                        publishing industry category, garnering huge profits for mass-market
                        paperback publishing houses that have continued to grow</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-4">Murley 2008:
                        4</ref>). Die Überführung dieser Faszination vom Magazin zum gedruckten,
                    teils hunderte Seiten langen Buch ist medial bedingt durch die ab den 1970ern
                    bessere Verfügbarkeit billig produzierter Taschenbücher. Den Ausgangspunkt
                    bildet dabei Truman Capotes bereits erwähnte Publikation <title>In Cold
                        Blood</title> – ein „non-fiction novel“, wie Capote seinen Text selbst
                    bezeichnete und dabei schon im Untertitel (<quote source="#ref_Capote1966">A
                        True Account of a Multiple Murder and its Consequences</quote>), im
                        Vorwort<note xml:id="endnote_07"><p>So beginnt das Vorwort wie folgt: <quote
                                source="#ref_Capote1966-4">All the material in this book not derived
                                from my own observation is either taken from official records or is
                                the result of interviews with the persons directly concerned, more
                                often than not numerous interviews conducted over a considerable
                                period of time.</quote> (<ref type="bibl" target="#Capote1966"
                                xml:id="ref_Capote1966-4">Capote 1966: 4</ref>)</p></note> sowie
                    zahlreichen Interviews seinen Wahrheitsanspruch inszenierte: <quote
                        source="#ref_Levine1966-4">I got this idea of doing a really serious big
                        work – it would be precisely like a novel, with a single difference: every
                        word of it would be true from beginning to end.</quote> (Capote in <ref
                        type="bibl" target="#Levine1966" xml:id="ref_Levine1966-4">Levine 1966:
                        4</ref>) Es sind Gesten der Authentifizierung wie diese, die das
                    True-Crime-Genre prägen: Der Autor bürgt für die Authentizität des Erzählten,
                    indem er seine Quellen ausweist und durch unterschiedliche Paratexte eine Art
                        <quote source="#ref_Weixler2012-3">Authentizitäts-Pakt</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Weixler2012" xml:id="ref_Weixler2012-3">Weixler 2012:
                        3</ref>) mit den Leser*innen schließt. Das Novum von Capotes
                        <term>non-fiction novel</term> war dabei, dass er sich auf eine besondere
                    Form der Quelle berufen konnte – die <term>Criminal Minds</term> selbst. So
                    waren seine primären Informanten die Täter Richard Hickhock und Perry Smith, die
                    wenige Wochen nach dem von ihnen begangenen Vierfach-Mord an einer Familie in
                    Kansas (dem sogenannten Clutter-Mord) verhaftet, später verurteilt und
                    hingerichtet wurden – all dies begleitet von zahlreichen Interviews mit Capote.
                        <title>In Cold Blood</title> erzählt ihre Geschichte, fühlt sich in die
                    Täter ein und folgt ihnen von der (minutiös geschilderten) Tat bis zu ihrer
                    Exekution – fingierte, als ,real‘ inszenierte biografische Dokumente (z.B.
                    Briefe, Aufzeichnungen der Täter, Berichte aus den Ermittlungsakten), die wie
                    auch die Gattungsbezeichnung als <term>non-fiction novel</term> Authentizität
                    beglaubigen sollen, inklusive.<note xml:id="endnote_08"><p>Auch Capotes Täter
                            sind – insbesondere Perry Smith – psychopathisch veranlagt und verspüren
                            keine Reue. Als klassisches Beispiel dafür wird in der Forschung zu
                            Capotes Roman immer wieder folgende Passage zitiert, in der Perry Smith
                            sein Opfer beschreibt: <quote source="#ref_Capote1966-275">I thought he
                                was a very nice gentleman. Soft-spoken. I thought so right up to the
                                moment I cut his throat.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Capote1966" xml:id="ref_Capote1966-275">Capote 1966:
                                275</ref>)</p></note> Die Erzählung weicht aber freilich in einigen
                    Aspekten von dem ,realen‘ Tathergang, wie er in den Polizeiakten dokumentiert
                    ist, ab (vgl. dazu <ref type="bibl" target="#Barnes2023" xml:id="ref_Barnes2023"
                        >Barnes 2023</ref>). So entsteht durch diese und die zahlreichen folgenden
                    True-Crime-Erzählungen eine Art Urban Legend dieser Taten, die in den
                    unterschiedlichsten Medien wieder- und weitererzählt wurde – als
                    Zeitschriftenartikel, Buch, Film, später in True-Crime-Podcasts, die das Genre
                    bis heute prägen.</p>
                <p>Die zahlreichen Auseinandersetzungen mit dem Kansas-Mord sind ein anschauliches
                    Beispiel dafür, dass True Crime mittlerweile zu einem transmedialen und vor
                    allem transnationalen Phänomen geworden ist, das in seiner von der
                    amerikanischen Populärkultur inspirierten Form als kommerzielles Produkt –
                    mitsamt seiner Ästhetik, seinen Narrativen, seiner zentralen Täterfigur des
                    Psychopathen – auch in den deutschsprachigen Raum ,exportiert‘ wurde;
                    insbesondere natürlich seit amerikanische Filme, Podcasts und Serien im
                    Zeitalter der Globalisierung popkulturelle Phänomene der USA weltweit, aber vor
                    allem in Europa verbreiten. Die amerikanische <term>Wound Culture</term> – also
                    die <quote source="#ref_Seltzer1998-2">public fascination with torn and open
                        bodies and torn and opened persons, a collective gathering around shock,
                        trauma, and the wound</quote> (<ref type="bibl" target="#Seltzer1998"
                        xml:id="ref_Seltzer1998-1">Seltzer 1998: 1</ref>) – prägt das
                    True-Crime-Genre dabei bis heute: Aktuelle Formate – sei es auf
                    Streaming-Plattformen wie Netflix, sei es in populären Podcasts – steigern die
                    Faszination für ,wahre‘ Verbrechen erneut, wobei eine zunehmende Radikalisierung
                    in der Darstellung zu beobachten ist: True Crime ist gegenwärtig geprägt von
                    dem, was in der Filmwissenschaft als <quote source="#ref_Murley2008-5">full-on
                        visual body horror</quote> (<ref type="bibl" target="#Murley2008"
                        xml:id="ref_Murley2008-5">Murley 2008: 5</ref>) bezeichnet wird: <quote
                        source="#ref_Murley2008-5">autopsy footage, close-ups of ligature marks and
                        gunshot wounds on bodies, bruises or lividity on flesh, and blood pools,
                        stains and spatters in the physical spaces where murder has occurred</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-5"
                    >ebd.</ref>). Immer wieder ist daher auch die Rede von sogenanntem <quote
                        source="#ref_Murley2008-5">crime porn</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-5">ebd.</ref>), das mittlerweile
                    weniger ein literarisches als vielmehr ein multimediales Phänomen ist.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-05_03">
                <head>3. Von Mythen und Fetischen. Einige Überlegungen zur Faszination rund um den
                    ,authentischen Mord‘</head>
                <p>Authentische Inszenierung, inszenierte Authentizität: Der Kern des
                    True-Crime-Genres liegt, wenn man die exemplarischen Lektüren des vorigen
                    Abschnitts auf eine allgemeinere Ebene hebt, in dem Spannungsverhältnis von
                    emphatisch (über)betontem Wahrheitsanspruch – in Paratexten wie Untertiteln,
                    Vorworten, Bildmaterialien usw. – und der sensationalistischen Ausgestaltung
                    ,wahrer‘ Verbrechen, die dem eingeforderten Realitäts- bzw. Faktizitätseindruck
                    zugleich entgegensteht und diesen unterläuft. Interessanterweise hat dies
                    allerdings keinen Einfluss auf den gattungsinternen Authentizitätspakt zwischen
                    Leser*innen und Autor*in; nicht die Faszination für das ,Reale‘ scheint den Kern
                    dieses Phänomens zu konstituieren (sonst müssten ja auch Zeitungen ebenso zum
                    Faszinosum werden), sondern vielmehr die <emph>Inszenierung des
                        Authentischen</emph>, der inszenierte Fakt, der erzählerisch ausgestaltet
                    wird. Ähnlich wie bei modernen Mythen sind dabei im Laufe der Zeit bestimmte
                    Typenfiguren (v.a. der Psychopath und die wehrlose Frau) und narrative Muster
                    entstanden, deren Iteration wohl als zentraler Bestandteil der
                    True-Crime-Faszination gelten kann. Gerade bekannte Verbrechen – wie etwa die
                    erwähnten Clutter-Morde – werden wiederholt aufgegriffen, neu gestaltet und
                    damit zu einer Art Mythos, der sich um das reale Verbrechen rankt und sich auf
                    diese Weise auch in das kollektive Gedächtnis einschreibt. Aber auch strukturell
                    weisen einschlägige Erzählungen einige zentrale Gemeinsamkeiten mit modernen
                    Mythenkonzepten auf: Ein wahrer Kern wird in narrative Form gebracht und durch
                    bekannte Erzählmuster gestaltet, bis das Verbrechen in einer Art
                    ,Doppelexistenz‘ besteht – der Version, wie sie tatsächlich passiert ist, und
                    den zahlreichen Erzählungen, die transmedial weiter- und neu erzählt werden und
                    das kollektive Bild davon prägen. Die erzählerische Übertreibung, Zuspitzung und
                    Fiktionalisierung ist den Texten dabei durchaus anzumerken, aber das tut dem
                    Anspruch auf Faktizität keinen Abbruch – denn es geht nicht darum, diese
                    Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen (sie verlieren nicht an
                    Attraktion, auch wenn sie sich in einigen Punkten als ,falsch‘ erweisen, wie
                    etwa Truman Capotes <title>In Cold Blood</title>), sondern vielmehr um die
                    lustvolle Erfahrung des Erzählens- und Erzähltbekommens. Nicht das Moment des
                    Informierens (wie es etwa Zeitungsberichte über Verbrechen prägt), sondern das
                    Emotionalisieren, Sensationalisieren und Unterhalten stehen im Fokus. Die bloße
                    Annahme einer <quote source="#ref_Weixler2012-13">Objekt-Authentizität</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Weixler2012" xml:id="ref_Weixler2012">Weixler
                        2012: 13</ref>) als Kern des True-Crime-Genres würde hier also zu kurz
                    greifen, denn es geht weniger um einen bloßen Anspruch auf ,Abbildung‘ als um
                    den aus der Inszenierung dieser Magazine entstehenden <term>thrill</term>, der
                    dem ,authentischen‘ Medium eine gewisse ,Aura‘ verleiht. Was zunächst
                    transzendent klingen mag, lässt sich durch Rückgriff auf Hartmut Böhmes Konzept
                    der Fetischisierung ,erden‘ und damit kulturwissenschaftlich fassen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Boehme2000-455">Vom Standpunkt säkularisierter Aufklärung
                        wird mit Fetisch ein Ding bezeichnet, an das Individuen oder Kollektive
                        Bedeutungen und Kräfte knüpfen, die diesem Ding nicht als primäre
                        Eigenschaft (im Locke’schen Sinn) zukommen, sondern ihm in einem
                        initialisierenden Akt dauerhaft beigelegt werden – und zwar so, daß dieses
                        Ding für den Fetischisten diese Bedeutungen und Kräfte sowohl inkorporiert
                        wie ausstrahlt. Als ein bedeutendes und kraftgeladenes Objekt wird das
                        Fetisch-Ding für den Fetischisten zu einem Agens, an das dieser fortan durch
                        Verehrungs-, Furcht- oder Wunschmotive gebunden ist. Das Ding erhält damit
                        Wirk- und Bindungsenergien. (<ref type="bibl" target="#Boehme2000"
                            xml:id="ref_Boehme2000-455">Böhme 2000: 445</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Fetischistische Objektbeziehungen entstehen also, wenn einem Gegenstand (oder
                    auch einem Text) Bedeutungen zugeschrieben werden, die über dessen direkt
                    wahrnehmbare Qualitäten hinausweisen und ihn so zu einem Faszinosum werden
                    lassen. Dies gilt wohl auch für die Inszenierung des Devianten im True Crime:
                    Ähnlich wie in Museen durch Ausstellungspraktiken und Inszenierung Objekte
                    fetischisiert werden, ist es in einschlägigen True Crime Heften (und später
                    anderen Formaten) der gewissenlose Verbrecher als Ikonografie des Bösen,
                    Perfiden und Abgründigen, wie es seit jeher zum Inventar kollektiver
                    Angst(lust)fantasien zählt. True Crime Magazine funktionieren in diesem Sinne
                    wie Schaufenster, die das Böse und seine Opfer in voyeuristischer Manier
                    ausstellen und damit ein kollektives Verlangen danach nicht nur stillen, sondern
                    zugleich auch hervorrufen. Es sind Texte, die auf den in der Kulturwissenschaft
                    immer wieder konstatierten <quote source="#ref_Murley2008-3">Reality
                        Hunger</quote> (<ref type="bibl" target="#Murley2008"
                        xml:id="ref_Murley2008-3">Murley 2008: 3</ref>) der Gegenwart abzielen;
                    Texte, die Wahrheit beanspruchen, diese aber selbst gestalten, inszenieren und
                    konstituieren – und so wiederum die gesellschaftliche Wahrnehmung prägen (wie
                    anhand der diskursiven ,Geburt‘ des Psychopathen in diesem Genre exemplarisch
                    deutlich wird). Dabei lassen sich auf Basis dieses – freilich lückenhaften und
                    nur einige bruchstückhafte Lektüreeindrücke anbietenden – Streifzugs vier
                    zentrale Elemente der Authentizitätsinszenierung ausmachen:</p>
                <p>Im Zentrum steht (1) die Verknüpfung von Autorschaft, Autorität und Authentizität
                    – Konzepte, die nicht nur etymologisch eng miteinander verbunden sind (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Weixler2022" xml:id="ref_Weixler2022-138">Weixler 2022:
                        138</ref>). So entwerfen einschlägige Texte (aber auch Serien und Podcasts)
                    eine Art Autorimago, das für die Faktizität des Erzählten qua eigener Recherchen
                    (sei es im beruflichen, sei es im privaten Kontext) bürgt – etwa die zahlreichen
                        <term>Chief Detectives</term>, die in den True Crime Magazinen als
                    Gewährspersonen inszeniert werden, oder Truman Capote, der seine Recherchen in
                    unterschiedlichen Paratexten minutiös beschreibt. ,Paratext‘ ist dabei ein
                    zentrales Stichwort, denn (2) spielen verschiedene Peri- und Epitexte, die die
                    ,Wahrheit‘ des Erzählten emphatisch betonen, eine zentrale Rolle (man denke etwa
                    an den Untertitel und die Gattungsbezeichnung von Capotes <title>In Cold
                        Blood</title>). Auch die häufigen Zitate „authentischer“ Dokumente scheinen
                    (3) diese Funktion zu erfüllen. Dazu zählen neben Zitaten aus Kriminalakten vor
                    allem auch fotografische Materialien, die das Berichtete (visuell) beglaubigen.
                    Die letzte Inszenierungsstrategie bezieht sich schließlich auf konkrete
                    erzählerische Verfahren, nämlich (4) die genaue Schilderung von Details – sei es
                    die minutiöse Beschreibung des Mordes oder seiner Spuren am menschlichen Körper
                    (die zum Teil ja auch durch Bildmaterial eingefangen werden), sei es die
                    Erzählung von Details, die für den Handlungsfortgang keine Relevanz haben und
                    daher, ganz im Sinne von Roland Barthes’ Konzept der <term>effets de
                    réel</term>, eine Art Wirklichkeitseffekt bedingen. Insbesondere die präzise
                    raumzeitliche Verortung ist dabei ein immer wieder formelhaft eingebrachtes
                    Detail.</p>
                <p>Das Zusammenspiel dieser vier Inszenierungsstrategien prägt auch heutige Formen
                    des True Crime strukturell. Damit also nun zurück in die Gegenwart: <quote
                        source="#ref_Webb2021-151">[W]e are in a time of massive renewed attention
                        to the genre</quote> (<ref type="bibl" target="#Webb2021"
                        xml:id="ref_Webb2021-151">2021: 151</ref>), schreibt etwa Lindsey Webb mit
                    Blick auf den aktuellen transnationalen und -medialen Erfolg des True Crime.
                    Auch in den deutschsprachigen Raum wurde das Phänomen ,importiert‘ – durch
                    Übersetzungen einschlägiger Bücher und durch Filme, aber insbesondere durch
                    Serien (z.B. die erfolgreiche Netflix-Produktion <title>Making a Murder</title>,
                    USA 2015–2019) und Podcasts. Parallel entstehen freilich auch originär
                    deutschsprachige Produktionen, wobei auffällt, dass True Crime im Buchformat
                    hinter andere Medien zurücktritt: Abgesehen von Andrea Maria Schenkels
                        <title>Tannöd</title> (2006) oder Heinz Strunks <title>Der Goldene
                        Handschuh</title> (2016) gibt es nur wenige populäre Beispiele für
                    deutschsprachiges True Crime im Buchformat – freilich bis auf einen der
                    vielleicht bekanntesten und (auch kommerziell) erfolgreichsten deutschen Autoren
                    des Krimigenres: den ,Dichterjuristen‘ Ferdinand von Schirach, der nach seiner
                    Arbeit als Anwalt in Berlin eine zweite Karriere als Schriftsteller begann und
                    der nun, im letzten Teil des Beitrags, im Fokus stehen soll.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-05_04">
                <head>4. True Crime „feuilletonfähig“? Eine (literaturwissenschaftliche)
                    Fallgeschichte über Ferdinand von Schirachs Vermarktung ,authentischer‘
                    Fallgeschichten</head>
                <p>2009 veröffentlicht, rangierte Ferdinand von Schirachs erster Band
                        <title>Verbrechen</title> mit elf „Stories“, so die Gattungsbezeichnung, 54
                    Wochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste; er ist mittlerweile in über 30 Sprachen
                    (darunter auch Japanisch, Chinesisch und Koreanisch) übersetzt und seit 2013 vom
                    ZDF mit Josef Bierbichler in der Hauptrolle als Serie verfilmt.<note
                        xml:id="endnote_09"><p>Zur <quote source="#ref_Pabst2020-707"
                                >Feuilletonfähigkeit</quote> von True Crime vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Pabst2020" xml:id="ref_Pabst2020-707">Pabst 2020:
                            707</ref>.</p></note> Vom Verlag und in Interviews als Geschichten aus
                    dem <quote source="#ref_Kluge_Schirach2010">Alltag eines
                        Strafverteidigers</quote> (<ref type="bibl" target="#Kluge_Schirach2010"
                        xml:id="ref_Kluge_Schirach2010">Kluge/Schirach 2010</ref>) und <quote
                        source="#ref_Kluge_Schirach2020">wahre Geschichten</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020">Klappentext</ref>)
                    inszeniert, wurde der frühere Anwalt Schirach ursprünglich als Genre-Autor (der
                    er ja auch ist) vermarktet. Aber – und das ist der entscheidende Unterschied zu
                    anderen einschlägigen True-Crime-Erzählungen – auch vor Konsekrationsinstanzen,
                    die <quote source="#ref_Pabst2020-692">nicht oder nicht primär die Erfüllung
                        einer bestimmten Regelpoetik oder den schieren kommerziellen Erfolg zum
                        Kriterium ihrer Anerkennung und zum Anlass ihrer Distinktion</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Pabst2020" xml:id="ref_Pabst2020-692">Pabst 2020:
                        692</ref>) machen, erlangten Schirachs Texte Aufmerksamkeit und Anerkennung.
                    Im Feuilleton und selbst einzelnen literaturwissenschaftlichen Beiträgen wurden
                    sie wiederholt mit den Verbrechensgeschichten von Friedrich Schiller, Heinrich
                    von Kleist, Elias Canetti und selbst Thomas Bernhards <title>Alte
                        Meister</title> verglichen (z.B. <ref type="bibl" target="#Bauer2014"
                        xml:id="ref_Bauer2014">Bauer 2014</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Neumann2012" xml:id="ref_Neumann2012">Neumann 2012</ref>) und mit
                    zahlreichen Würdigungen bedacht; 2010 gewann Schirach schließlich den
                    Kleist-Preis – eine renommierte Auszeichnung, die etwa auch die
                    Büchner-Preisträger*innen Emine Sevgi Özdamar und Clemens J. Setz erhielten.</p>
                <p>Ein populäres Massenphänomen einerseits, ein als ,Hochliteratur‘ beachtetes Werk
                    andererseits: Schirachs Erzählungen sind ein anschauliches Beispiel für jene
                    Texte, die gegenwärtig die Rezeptionskluft, die in der Regel zwischen populärer
                    und im Feuilleton und der Literaturwissenschaft beachteten Texten besteht,
                    überschreiten und die <ref type="bibl" target="#Baßler2022"
                        xml:id="ref_Baßler2022">Moritz Baßler (2022)</ref> jüngst in polemischer
                    Manier unter dem Begriff des populären Realismus in den Blick genommen hat.
                    Schirachs Texte bilden damit eine neue Version des <quote
                        source="#ref_Schmid2010-198">pop culture phoenix</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schmid2010" xml:id="ref_Schmid2010-198">Schmid 2010: 198</ref>)
                    True Crime – nämlich eine, die zwar an den Ästhetiken und populären
                    Inszenierungsstrategien des True-Crime-Kults partizipiert, zugleich aber durch
                    verschiedene Textstrategien (u.a. intertextuelle Bezüge s.u.) den <quote
                        source="#ref_Pabst2020-691">Schmutz- und Schundgeruch</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Pabst2020" xml:id="ref_Pabst2020-691">Pabst 2020:
                        691</ref>), der dem Genre nach wie vor anhaftet, ,überdeckt‘ und True Crime
                    damit <quote source="#ref_Pabst2020-707">feuilletonfähig</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Pabst2020" xml:id="ref_Pabst2020-707">ebd.: 707</ref>)
                    macht. So wird Schirach weniger als Genre-Autor denn als <quote
                        source="#ref_Pabst2020-692">Autor mit philosophischem Anspruch</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Pabst2020" xml:id="ref_Pabst2020-692">ebd.: 692</ref>)
                    gelabelt und vor allem vermarktet – sehr zum Missfallen einiger
                    Literaturwissenschaftler*innen (z.B. <ref type="bibl" target="#Kuenzel2016"
                        xml:id="ref_Kuenzel2016">Künzel 2016</ref>). In diesem zweiten Teil des
                    Beitrags geht es mir – ausgehend von der zuvor skizzierten Traditionslinie des
                    True Crime – nicht um eine Polemik gegen oder Würdigung von Schirachs Texten,
                    sondern vielmehr um eine Analyse der Textstrategien, die eine solche
                    Mehrfachadressierung und Kommerzialisierung ermöglichen, und die Frage, welche
                    Rolle die Inszenierung von Authentizität dabei spielt. In anderen Worten: Es
                    geht um den „Fall Schirach“ und darum, seine unter dem Titel
                        <title>Verbrechen</title> herausgegebenen Fallgeschichten – den ersten Teil
                    seiner Trilogie mit den weiteren Bänden <title>Schuld</title> (2010) und
                        <title>Strafe</title> (2018) – einer literaturwissenschaftlichen Fallanalyse
                    zu unterziehen.</p>
                <p><quote source="#ref_Schirach2020">Ferdinand von Schirach erzählt unglaubliche
                        Geschichten, die dennoch wahr sind</quote>, so liest man im <ref type="bibl"
                        target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-x">Klappentext</ref> und der
                    Verlagsaussendung zu Schirachs Erzählband. Ein Spannungsverhältnis wird hier
                    aufgemacht, das sich auch in der Gattungsbezeichnung „Stories“, die <quote
                        source="#ref_Neumann2012-126">die Möglichkeiten des Faktischen wie des
                        Fiktionalen gleichermaßen</quote> (<ref type="bibl" target="#Neumann2012"
                        xml:id="ref_Neumann2012-126">Neumann 2012: 126</ref>) offenhält,
                    widerspiegelt. Bereits auf paratextueller Ebene ist also eine schon aus den
                    historischen Vorläufern und Vorbildern von Schirachs Texten bekannte
                    Inszenierungsstrategie des „wahren“ Verbrechens (s. Abschn. 3, Strategie 2) zu
                    finden; ein Authentizitätspakt wird nahegelegt, der sich auch auf textueller
                    Ebene, d.h. innerhalb der Geschichten, fortführt. So fungiert ein zunächst
                    namenloser Anwalt, der – wie der Autor selbst – als Strafverteidiger eine
                    Kanzlei in Berlin leitet, als Erzähler. Der implizite Autor – also jene von <ref
                        type="bibl" target="#Booth1961" xml:id="ref_Booth1961">Wayne C. Booth
                        (1961)</ref> theoretisierte Autorinstanz, die die Leser*innen auf Basis des
                    Textes (und Paratextes) konstruiert – wird auf diese Weise – auch dies eine
                    Inszenierungsstrategie, die für dieses Genre typisch ist (s. Abschn. 3,
                    Strategie 1) – immer wieder explizit mit dem realen Autor enggeführt. So etwa
                    wenn sich in der ,Story‘ <title>Geheimnisse</title> ein unter Schizophrenie
                    leidender Mandant der Identität des Anwalts bemächtigt und mit den Worten <quote
                        source="#ref_Schirach2010-200">[I]ch heiße Ferdinand von Schirach, ich bin
                        Rechtsanwalt</quote> (<ref type="bibl" target="#Schirach2010"
                        xml:id="ref_Schirach2010-200">Schirach 2010: 200</ref>) vorstellt; oder wenn
                    in der letzten Erzählung der Trilogie die zuvor erschienenen Texte als
                    autobiografische Versuche des erzählenden Anwalts, mit dem im Berufsleben
                    Erlebten fertigzuwerden, inszeniert werden:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Schirach2018-189">Einige Monate nach dem Tag in der
                        Normandie habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es war zu viel geworden. Die
                        meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er
                        aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die
                        Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und
                        ihr Erschrecken über sich selbst. (<ref type="bibl" target="#Schirach2018"
                            xml:id="ref_Schirach2018-189">Schirach 2018: 189</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Es sind Reflexionen wie diese, die in der Rezeption von Schirachs Texten immer
                    wieder als Selbstaussage des Autors interpretiert und (vom Verlag) auch als
                    solche inszeniert wurden. Die erzählten Geschichten erscheinen so als wahre, vom
                    Autor selbst erlebte und verhandelte Fälle, die in ihrer Kombination allerdings
                    den Eindruck einer „musterbuchartig[en]“ Auswahl machen, bei der <quote
                        source="#ref_Neumann2012-120">keines der gängigen, aus Fernsehkrimis und
                        Boulevardzeitungen vertrauten Probleme</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Neumann2012" xml:id="ref_Neumann2012-120">Neumann 2012: 120</ref>)
                    fehlt; das Spektrum reicht von Tötung aus Mitleid und Mord aus
                    Gerechtigkeitsgefühl bis hin zu häuslicher Gewalt und kollektiver
                    Vergewaltigung. Die Erzählungen folgen dabei stets demselben zweigliedrigen
                    Erzählschema: Im ersten Teil wird die Geschichte der Täter*innen in
                    apodiktischer Manier aus einer (scheinbar) neutralen heterodiegetischen
                    Perspektive erzählt, die im zweiten Teil der Ich-Perspektive des Anwalts weicht,
                    der das anschließende Prozessgeschehen schildert. So entpuppt sich der erste,
                    scheinbar neutral erzählte Part der Erzählung im Lektüreprozess ebenso als
                    Bericht des Anwalts, der – das liegt in der Natur seines Berufes – keine
                    unabhängige Vermittlerrolle einnimmt, sondern sich nur als ,neutral‘ inszeniert,
                    indem er sich ganz aus der Erzählung zurücknimmt (auch dies im Übrigen nach
                    Weixler eine narrative Strategie um den Eindruck von Authentizität zu erzeugen,
                    vgl. <ref type="bibl" target="#Weixler2022" xml:id="ref_Weixler2022-140">2022:
                        140</ref>). Immer wieder verweist er dabei auch auf (fiktionale) Akten,
                    Gerichts- und Vernehmungsprotokolle oder Gespräche mit Staatsanwälten; er
                    scheint hier also (wie schon in den True-Crime-Zeitschriften stets empathisch
                    hervorgehoben wurde) „authentische“ Dokumente und involvierte Gewährspersonen zu
                    zitieren, die bei Schirach freilich fiktional sind, die Inszenierungsstrategien
                    der US-amerikanischen Vorbilder jedoch aufgreifen und weiterführen (s. Abschn.
                    3, Strategie 3).</p>
                <p>Dieses Erzählparadigma und die mit Blick auf das Forschungsinteresse dieses
                    Beitrags zentralen Fragen nach der Inszenierung von Authentizität lassen sich
                    exemplarisch anhand von <title>Fähner</title>, der ersten der elf Erzählungen des Bandes,
                        skizzieren:<note xml:id="endnote_10"><p>Dabei handelt es sich um eine
                            Erzählung, die das Schema, dem die meisten von Schirachs „Stories“
                            folgen, repräsentiert und sich daher ideal für eine exemplarische
                            Analyse eignet. Interessant wäre davon ausgehend auch ein genauerer
                            Blick auf jene Erzählungen, in denen Schirach mit diesem Erzählschema
                            bricht, in erster Linie etwa <title>Volksfest</title> (2010); dies würde
                            den Rahmen dieses Beitrags allerdings übersteigen.</p></note>
                </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Schirach2020-7"><lg>
                            <l>Friedhelm Fähner war sein Leben lang praktischer Arzt in Rottweil
                                gewesen, 2800 Krankenscheine pro Jahr, Praxis an der Hauptstraße,
                                Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lions Club,
                                keine Straftaten, nicht einmal Ordnungswidrigkeiten. Neben seinem
                                Haus besaß er zwei weitere Mietshäuser, einen drei Jahre alten
                                Mercedes E-Klasse mit Lederausstattung und Klimaautomatik […].
                                Fähner hatte keine Kinder. Seine einzige noch lebende Verwandte war
                                seine sechs Jahre jüngere Schwester, die mit ihrem Mann und zwei
                                Kindern in Stuttgart lebte. Über Fähner hätte es eigentlich nichts
                                zu erzählen gegeben.</l>
                            <l>Bis auf die Sache mit Ingrid. (<ref type="bibl"
                                    target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-7">Schirach
                                    2020[2009]: 7</ref>)</l>
                        </lg></quote>
                </cit>
                <p>Ausführlich wird hier, ganz zu Beginn der Erzählung, das Leben des bürgerlichen
                    Friedhelm Fähner umrissen, der seine Frau Ingrid nach 40 Ehejahren –
                    bezeichnenderweise mit einer Axt, also einem <quote
                        source="#ref_Plettenberg2021-142">gepflegte[n] Symbol der
                        Bürgerlichkeit</quote> (<ref type="bibl" target="#Plettenberg2021"
                        xml:id="ref_Plettenberg2021-142">Plettenberg 2021: 142</ref>) – ermordet; in
                    die scheinbare Ereignislosigkeit, die nicht erzählenswert wäre, bricht – hier
                    ganz lakonisch angedeutet – <quote source="#ref_Schirach2020-7">die Sache mit
                        Ingrid</quote>. Interessant ist dabei – neben der strukturellen Ähnlichkeit
                    zur klassischen True-Crime-Einleitungsformel (die Störung der eingangs
                    umrissenen idyllischen Normalität durch ein proleptisch vorweggenommenes
                    Verbrechen, s.o.) – der nüchterne Stil, der dem sensationalistischen,
                    reißerischen Tonfall, wie er andere True-Crime-Formate bis heute prägt,
                    entgegensteht. Bei Schirach ist dieser Stil Teil der
                    Authentifizierungsstrategie: In seiner Detailgenauigkeit und Lakonie erinnert er
                    an das, was gemeinhin als Juristenprosa verstanden wird – steht dabei den
                    klassischen True-Crime-Erzählungen in puncto Voyeurismus allerdings um nichts
                    nach:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Schirach2020-15">Als sie [Ingrid] die Tür öffnete, nahm
                        Fähner wortlos die Baumaxt von der Wand. Sie stammte aus Schweden,
                        handgeschmiedet, sie war eingefettet und ohne Rost. [...] Ingrid starrte auf
                        die Axt. Sie wich nicht aus. Bereits der erste Schlag, der ihre Schädeldecke
                        spaltete, war tödlich. Die Axt drang mit abgesplitterten Knochenstücken
                        weiter bis in das Gehirn, die Schneide teilte ihr Gesicht. Noch bevor sie zu
                        Boden fiel, war sie tot. Fähner hatte Mühe, die Axt aus ihrem Schädel zu
                        hebeln, er stellte seinen Fuß auf ihren Hals. Mit zwei wuchtigen Hieben
                        trennte er den Kopf vom Rumpf. Der Gerichtsmediziner verzeichnete später
                        siebzehn weitere Schläge, die Fähner benötigte, um Arme und Beine
                        abzutrennen. (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                            xml:id="ref_Schirach2020-15">Schirach 2020 [2009]: 15</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Es ist ein klarer, ungeschönter Blick auf die Tat, die hier anhand zahlreicher
                    anatomischer Einzelheiten minutiös geschildert wird und in seiner nüchternen
                    Detailgenauigkeit – verstärkt durch den Verweis auf den Gerichtsmediziner am
                    Ende des Zitats – ein wenig an einen polizeilichen Bericht erinnert. Die das
                    True-Crime-Genre prägende <term>Wound Culture</term> erscheint hier also im
                    Kleide fachlicher Nüchternheit. Durch die zahlreichen <quote
                        source="#ref_Martinez_Scheffel2009-117">funktional überschüssige[n]
                        Details</quote> (<ref type="bibl" target="#Martinez_Scheffel2009"
                        xml:id="ref_Martinez_Scheffel2009">Martínez/Scheffel 2009: 117</ref>) – also
                    Details, die für die Handlung selbst keine unmittelbare Bedeutung haben –
                    entsteht auch in Schirachs Fallgeschichte das, was Roland Barthes als
                        <term>effets de réel</term> bezeichnet hat – Effekte, die, wie zuvor
                    diskutiert, schon in den True Crime Magazinen (s. Abschn. 3, Strategie 4)
                    verwendet wurden, um Kontiguität zwischen dem Text und der konkreten realen Tat
                    zu behaupten.</p>
                <p>Interessant ist darüber hinaus die Darstellung des <term>Criminal Mind</term>,
                    des Täters, der in dieser hier exemplarisch ausgewählten Kurzgeschichte zwar
                    ebenfalls als ein <term>beast</term> mit einer <term>mask of sanity</term>
                    beschrieben werden könnte – so hält ihn etwa, wie es im Text heißt, der Postbote
                        <quote source="#ref_Schirach2020-16">für einen Heiligen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-16">Schirach
                        2020 [2009]: 16</ref>), er ist allseits beliebt und geachtet; ermordet und
                    zerstückelt dann aber seine Frau, ohne jegliche emotionale Regung dabei zu
                    zeigen: <quote source="#ref_Schirach2020-15">Die Beine des Hockers standen im
                        Blut. Fähner bekam Hunger</quote> (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                        xml:id="ref_Schirach2020-15">ebd.: 15</ref>). Im Gespräch mit der Polizei,
                    die er nach der Tat selbst ruft, ist <quote source="#ref_Schirach2020-16"
                        >[s]eine Stimme […] nicht erregt</quote> und er <quote
                        source="#ref_Schirach2020-16">sehr ruhig</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-16">ebd.: 16</ref>). Der
                    Anwalt-Erzähler schildert ihn allerdings nicht als Psychopathen, sondern
                    vielmehr als Opfer, das aufgrund der jahrelangen Beleidigungen durch seine Frau
                    selbst zum <quote source="#ref_Schirach2020-13">Gefangene[n]</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-13">ebd.:
                        13</ref>) geworden sei und ,keine Wahl‘ gehabt habe, als sie umzubringen.
                    Minutiös wird die Vorgeschichte der beiden erzählt – Ingrids tägliche
                        Angriffe<note xml:id="endnote_11"><p><quote source="#ref_Schirach2020-13"
                                >Die Abendessen voller Vorwürfe nahm er schweigend hin. Die
                                metallische Stimme Ingrids reihte modulationslos Satz um Satz
                                Anfeindungen aneinander.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-13">Schirach 2020
                                [2009]: 13</ref>)</p></note>, ihre morbide Körperlichkeit, die sie
                    zu einem Objekt des Ekels stilisiert<note xml:id="endnote_12"><p><quote
                                source="#ref_Schirach2020-13">Sie war fett geworden, ihre blasse
                                Haut hatte sich mit den Jahren rosa gefärbt. Ihr wulstiger Hals war
                                nicht mehr fest, vor ihrer Kehle hatte sich ein Hautlappen gebildet,
                                der im Takt ihrer Beschimpfungen hin- und her waberte. Sie litt
                                unter Atemnot und Bluthochdruck.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-13">Schirach 2020
                                [2009]: 13</ref>)</p></note>, und Fähner, der ihrer ,Übermacht‘
                    nicht gewachsen ist und nachts nackt auf der Badewanne sitzend <quote
                        source="#ref_Schirach2020-14">[z]um ersten Mal in seinem
                        Erwachsenenleben</quote> (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                        xml:id="ref_Schirach2020-14">ebd.: 14</ref>) weint. Durch <quote
                        source="#ref_Plettenberg2021-144">latente Emotionalisierungsstrategien und
                        manipulierende Perspektivierungen</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Plettenberg2021" xml:id="ref_Plettenberg2021-144">Plettenberg 2021:
                        144</ref>) gelingt es Schirach, im Laufe des Lektüreprozesses Sympathie für
                    den Täter hervorzurufen, sodass der Richterspruch am Ende, durch den Fähner
                    wieder auf freien Fuß kommt, trotz allem gerecht erscheint. Es handelt sich hier
                    um eine Art manipulatives Erzählen, das auch aus der Erzählsituation heraus zu
                    verstehen ist, denn in der Retrospektive erweist sich die Kurzgeschichte als
                    Plädoyer des Anwalts, der die Schöffen – wie die Leser*innen – manipulieren
                    möchte: <quote source="#ref_Schirach2020-17f.">Im Plädoyer versuchte ich den
                        Grund zu finden. [...] Ich erzählte seine Geschichte. Ich wollte, dass man
                        verstand, dass Fähner am Ende angekommen war. Ich sprach, bis ich glaubte,
                        das Gericht erreicht zu haben. Als ein Schöffe nickte, setzte ich mich
                        wieder</quote> (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                        xml:id="ref_Schirach2020-17f.">Schirach 2020 [2009]: 17f.</ref>). Als Anwalt
                    verteidigt Schirachs erzählerisches <quote source="#ref_Soboczynski2010"
                        >Alter-Ego</quote> (<ref type="bibl" target="#Soboczynski2010"
                        xml:id="ref_Soboczynski2010">Soboczynski 2010</ref>) seinen Mandanten, als
                    Erzähler seine Figur und lenkt dabei die Urteilsbildung der Leser*innen, sodass
                    am Ende das Kapitalverbrechen Mord (in diesem Fall ein klassischer Femizid) zu
                    einem relativierbaren Faktum wird.</p>
                <p>Begleitet wird dies durch zahlreiche Exkurse in das deutsche Rechtssystem, die
                    bisweilen didaktisierend wirken – sodass man sich, wie Christine Künzel
                    polemisch festhält, <quote source="#ref_Kuenzel2016-64">in ein Proseminar für
                        angehende Juristen versetzt fühlt</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kuenzel2016" xml:id="ref_Kuenzel2016-64">2016: 64</ref>):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Schirach2020-126">Ein ›Key-Client‹ ist ein Mandant, an dem
                        die Kanzlei viel Geld verdient, ein Klient mit besonderen Rechten. (<ref
                            type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-126"
                            >Schirach 2020 [2009]: 126</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Schirach2020-173">Wird Anklage erhoben, muss das Gericht
                        entscheiden, ob sie zur Verhandlung zugelassen wird. Der Richter eröffnet
                        das Verfahren, wenn er eine Verurteilung für wahrscheinlicher als einen
                        Freispruch hält. (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                            xml:id="ref_Schirach2020-173">ebd.: 173</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Haltung gegenüber dem deutschen Rechtssystem ist dabei – auch wenn in
                    einzelnen Erzählungen, insbesondere in <title>Summertime</title> (2009) oder
                        <title>Volksfest</title> (2010), auf die „Schlupflöcher“ dieses Systems
                    verwiesen wird – stets eine affirmativ-systembejahende: <quote
                        source="#ref_Schirach2010-69">Unser Strafgesetz ist über 130 Jahre alt. Es
                        ist ein kluges Gesetz.</quote> (<ref type="bibl" target="#Schirach2010"
                        xml:id="ref_Schirach2010-69">Schirach 2010: 69</ref>) Darin liegt im Übrigen
                    auch einer der zentralen Unterschiede zu den justizkritischen Erzählungen über
                    wahre Verbrechen aus dem 18. Jahrhundert – etwa François Gayot de Pitavals
                        <title>Causes célèbres et intéressantes</title> (1734–1743), August Gottlieb
                    Meißners <title>Skizzen</title> (1778–1796) oder Friedrich Schillers <title>Der
                        Verbrecher aus verlorener Ehre</title> (1786) –, mit denen Schirachs Texte
                    trotz des <quote source="#ref_Vogt2016-35">beträchtlichen gedanklichen und
                        stilistischen Gefälles</quote> (<ref type="bibl" target="#Vogt2016"
                        xml:id="ref_Vogt2016-35">Vogt 2016: 35</ref>) oft verglichen werden: Bei
                    Pitaval, Meißner und Schiller wird das zeitgenössische Spannungsverhältnis
                    zwischen spätabsolutistischer Rechtspraxis, den Anfängen einer modernen
                    Psychologie und idealistischer Subjektphilosophie ausverhandelt und die Rolle
                    des Subjekts im Übergang zwischen Tat- und Täterstrafrecht in den Fokus
                        gerückt.<note xml:id="endnote_13"><p>Vgl. dazu den Beitrag von Lydia
                            Rammerstorfer in dieser Ausgabe der WDR.</p></note> Schirachs Texte
                    fokussieren zwar ebenso auf den Täter und seinen Weg vom unbescholtenen
                    Individuum zum <term>Criminal Mind</term>, aber stets mit einer systembejahenden
                    Haltung gegenüber dem Rechtssystem, das als der eigentliche <quote
                        source="#ref_Jungen2009">Held[]</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Jungen2009" xml:id="ref_Jungen2009">Jungen 2009</ref>) aus den
                    Erzählungen hervorgeht.<note xml:id="endnote_14"><p><quote
                                source="#ref_Jungen2009">[Man] liest dieses Buch als ein einziges
                                Plädoyer für das abwägende Schuldstrafrecht</quote>, hält Oliver
                                <ref type="bibl" target="#Jungen2009" xml:id="ref_Jungen2009-x"
                                >Jungen (2009)</ref> in seiner Rezension zu
                                <title>Verbrechen</title> fest.</p></note> Seine didaktisch
                    anmutenden Ausführungen dienen dementsprechend nicht einer Reflexion oder gar
                    Kritik am Status quo, sondern sind vielmehr mit Blick auf die
                    Authentizitätsinszenierung zu verstehen: Sie fungieren als Beleg der
                    juristischen Fachkompetenz des Autors und somit als <quote
                        source="#ref_Plettenberg2021-137">Beglaubigung des Erzählten als
                        grundsätzlich realitätskonform</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Plettenberg2021" xml:id="ref_Plettenberg2021-137">Plettenberg 2021:
                        137</ref>).</p>
                <p>Die Autorinstanz spielt also auf mehreren Ebenen eine zentrale Rolle. Sie
                    autorisiert den Text als ,real,‘ und ist zugleich das zentrale Mittel der
                    Kommerzialisierung und Vermarktung der Texte. So ist der Name Schirach längst
                    zur Marke geworden, die den Spagat zwischen Bestseller-Literatur (also
                    ,Massentauglichkeit‘) und renommierter, vielfach gewürdigter Literatur zu
                    schaffen scheint. Der Grund dafür liegt wohl in Schirachs Erzählstrategien, die
                    einerseits die Erwartungen des Publikums nach einer geordneten Erzählstruktur
                    und klarer Sprache erfüllen; die Aufmerksamkeit der Leser*innen kann voll und
                    ganz auf den jeweiligen Inhalt gerichtet werden, da sich im Lektüreprozess keine
                    (sprachlichen) ,Hindernisse‘ in den Weg stellen. James Wood (<ref type="bibl"
                        target="#Wood2008" xml:id="ref_Wood2008-169">2008: 169</ref>) bezeichnet
                    diesen Stil, der sich in zahlreichen Bestsellern der Gegenwart identifizieren
                    lässt, auch treffend als <quote source="#ref_Wood2008-169">commercial
                        realism</quote>, Ulrich Greiner spricht in einer Rezension von <quote
                        source="#ref_Greiner2014">Inhaltsliteratur</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Greiner2014" xml:id="ref_Greiner2014">2014</ref>) und Moritz Baßler
                        (<ref type="bibl" target="#Baßler2022" xml:id="ref_Baßler2022">2022</ref>)
                    jüngst von <quote source="#ref_Baßler2022">populärem Realismus</quote>.
                    Andererseits wird Schirachs <quote source="#ref_Greiner2014">makellos schlichte
                        Prosa</quote> (<ref type="bibl" target="#Greiner2014"
                        xml:id="ref_Greiner2014">Greiner 2014</ref>) durch intertextuelle Verweise
                    auf den bildungsbürgerlichen Kanon – etwa Referenzen auf Theodor Fontane (<ref
                        type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-205">Schirach
                        2020 [2009]: 205</ref>), Rainer Maria Rilke (<ref type="bibl"
                        target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-205">ebd.: 205</ref>), Elias
                    Canetti (<ref type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-175"
                        >ebd.: 175</ref>) oder Scott Fitzgerald (<ref type="bibl"
                        target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-58">ebd.: 58</ref>) – mit
                    Bedeutung aufgeladen und vermittelt den Leser*innen damit den Eindruck, trotz
                    der Einfachheit der Erzählungen anspruchsvolle Literatur zu rezipieren (bzw. zu
                    konsumieren). Dazu tragen auch die immer wieder explizit als <quote
                        source="#ref_Schirach2020-17">rechtsphilosophische[] Problem[e]</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-17">ebd.:
                        17</ref>), moralische Fragen oder anthropologische Erkenntnisinteressen
                    inszenierten Verallgemeinerungen bei, die vor allem gegen Ende der
                    Fallgeschichten in Form von Sentenzen (z.B. <quote
                        source="#ref_Schirach2020-153">Wir glauben, etwas sicher zu wissen, wir
                        verrennen uns, und oft ist es alles andere als einfach, wieder
                        zurückzufinden.</quote>, <ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                        xml:id="ref_Schirach2020-153">Schirach 2020 [2009]: 153</ref>),<note
                        xml:id="endnote_15"><p>Für weitere Beispiele vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Schirach2020" xml:id="ref_Schirach2020-7">Schirach 2020
                                [2009]: 7</ref> sowie <ref type="bibl" target="#Schirach2010"
                                xml:id="ref_Schirach2010-183">Schirach 2010: 183,
                        189</ref>.</p></note> rhetorischen Fragen und Exkursen über das Rechtssystem
                    in den Text aufgenommen werden und einen philosophischen Anspruch der Texte
                    inszenieren – so etwa in der Erzählung <title>Fähner</title>:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Schirach2020-17">Was ist der Sinn von Strafe? Weshalb
                        strafen wir? […] Es gibt eine Fülle von Theorien. Strafe soll uns
                        abschrecken, Strafe soll uns schützen. Strafe soll den Täter davon abhalten,
                        nochmals eine Tat zu begehen. Strafe soll Unrecht aufwiegen. Unser Gesetz
                        vereinigt diese Theorien, aber keine passte hier [in Bezug auf Fähners Mord,
                        Anm. J.L.] richtig. (<ref type="bibl" target="#Schirach2020"
                            xml:id="ref_Schirach2020-17">Ebd.: 17</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Reflexion geht über aufgeworfene Fragen und Aphorismen nicht hinaus, doch
                    werden sie – gerade auch durch die Einbeziehung der Leser*innen mit der Wir-Form
                    („Unser Gesetz“) –, wie einschlägige Rezensionen zeigen, als Indiz für den
                    philosophischen und anthropologischen Erkenntnisanspruch von Schirachs
                    Fallgeschichten gedeutet. Dass diese sentenziösen Verallgemeinerungen und
                    rhetorischen Fragen, die die ,großen Fragen‘ des Rechtssystems und nach dem
                    ,Bösen‘ betreffen, allerdings nicht den Kern der Erzählungen ausmachen, sondern
                    vielmehr Teil der Vermarktungsstrategie von Schirachs Texten sind, zeigt die
                    Tatsache, dass sie in der ersten Auflage des Bandes noch gar nicht zu finden
                    sind, sondern erst nachträglich (etwa ab der siebten Auflage, wobei eine präzise
                    Überprüfung schwierig ist, da nicht alle Auflagen verfügbar sind) eingefügt
                    wurden – und zwar zu jenem Zeitpunkt, als die Verfilmung der Erzählungen schon
                    in Produktion war, in der diese Sentenzen als Resümee am Ende jeder Folge aus
                    dem Off eingesprochen werden. Man könnte hier wohl auch von einer nachträglichen
                    Bedeutungsstiftung sprechen, die zu Schirachs Vermarktung als juristisch
                    gebildetem Autor zählt, der anhand von exemplarischen, realen Fällen rechtliche
                    Probleme verhandelt.</p>
                <p>Durch Erzählstrategien wie diese verschleiern die Erzählungen ihre Einfachheit
                    und ihren Unterhaltungscharakter auf den ersten Blick und inszenieren einen
                    philosophischen Anspruch, der ihnen – u.a. durch die Verleihung des
                    Kleist-Preises – auch zugestanden wird. Darin liegt auch der zentrale
                    Unterschied zu klassischen True-Crime-Erzählungen, die ihren
                    Unterhaltungscharakter nicht verbergen, damit aber auch stets als
                    massentaugliche Trivialliteratur abgetan werden und bislang nur wenig erforscht
                    wurden: Schirach wird sowohl als Autor vermarktet, der authentische Geschichten
                    aus seinem Anwaltsleben zu Literatur verarbeitet (inszenierte Authentizität),
                    als auch als rechtsphilosophischer Experte, der durch die in seine Texte (oft
                    plakativ) eingeflochtenen Reflexionen Rechtsweisheiten vermittelt – also eine
                    Induktion ‚pseudo-philosophischer‘ Weisheiten, die der Inszenierung von
                    Authentizität, Unmittelbarkeit und Wahrheitsemphase partiell entgegensteht, der
                    umfassenden Rezeption der Texte bislang allerdings keinen Abbruch tat; vielmehr
                    liegt darin wohl der Kern des (kommerziellen) Erfolgs von Schriachs Texten: Sie
                    lassen sich (qua ihrer „rechtsphilosophischen“ Exkurse) als ,hohe‘ Literatur
                    vermarkten und greifen zugleich auf populäre Erzählstrategien zurück, deren
                    (auch kommerzieller) Erfolg schon in den True-Crime-Zeitschriften des 20.
                    Jahrhundert unbestritten war. Wie diese Zeitschriftenbeiträge profitieren auch
                    Schirachs Texte von dem – so schrieb schon Schiller mit Blick auf die
                    Pitaval’schen Verbrechenserzählungen – <quote source="#ref_Schiller1960-865"
                        >Vorzug der historischen Wahrheit</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schiller1960" xml:id="ref_Schiller1960-865">1960 [1792]:
                    865</ref>), also von der Inszenierung der Erzählungen als <quote
                        source="#ref_Drees2009">die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Drees2009" xml:id="ref_Drees2009">Drees
                        2009</ref>). Auch wenn sich der <quote source="#Schmid2010-198">pop culture
                        phoenix</quote> (<ref type="bibl" target="#Schmid2010"
                        xml:id="ref_Schmid2010-198">Schmid 2010: 198</ref>) True Crime im Laufe der
                    Jahrzehnte erheblich gewandelt hat, bleibt die Inszenierung von Authentizität
                    als strukturelle Konstante, zentrale Faszination und zugleich als
                    Vermarktungsstrategie also erhalten. So ließe sich abschließend mit Christine
                    Künzel die Frage stellen, ob Schirachs Erzählungen von der Literaturkritik wohl
                    ebenso wohlwollend beurteilt worden wären, <quote source="#ref_Kuenzel2016-73"
                        >wenn der Autor nicht der bekannte Berliner Strafverteidiger Ferdinand von
                        Schirach gewesen wäre, sondern ein Autor oder eine Autorin ohne
                        Authentizitätsausweis</quote> (<ref type="bibl" target="#Kuenzel2016"
                        xml:id="ref_Kuenzel2016-73">2016: 73</ref>). Eine Frage, die freilich das
                    True-Crime-Genre im Allgemeinen betrifft – lebt es doch von der Befriedigung des
                        <quote source="#ref_Murley2008-3">Reality Hunger</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Murley2008" xml:id="ref_Murley2008-3">Murley 2008: 3</ref>)
                    moderner Leser*innen.</p>
            </div>
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