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      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title type="main" xml:lang="de">Editorial</title>
            <author>
               <name>
                  <forename>Claudia</forename>
                  <surname>Dürr</surname>
               </name>
               <affiliation>Alpen-Adria-Universität Klagenfurt</affiliation>
            </author>
            <author>
               <name><forename>Wolfgang</forename>
                  <surname>Straub</surname></name>
               <affiliation>Wienbibliothek im Rathaus</affiliation>
            </author>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
            <date>2025</date>
            <availability>
               <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                  <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                     has been granted by the author(s), who retain full copyright.</p>
               </licence>
            </availability>
            <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-01-01</idno>
            <idno type="URL">https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9441</idno>
         </publicationStmt>
         <seriesStmt>
            <title>Wiener Digitale Revue</title>
            <biblScope unit="issue">6</biblScope>
            <idno type="ISSN"> 2709-376X</idno>
         </seriesStmt>
         <sourceDesc>
            <p>born digital</p>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc>
         <langUsage>
            <language ident="de"/>
         </langUsage>
         <textClass>
            <keywords xml:lang="de">
               <term xml:lang="de">Erzählte Mode</term>
               <term xml:lang="de">Modetheorie</term>
               <term xml:lang="de">bad taste</term>
               <term xml:lang="de">Wiener Mode</term>
            </keywords>
            <keywords xml:lang="en">
               <term xml:lang="en">writing fashion</term>
               <term xml:lang="en">fashion theory</term>
               <term xml:lang="en">bad taste</term>
               <term xml:lang="en">Viennese fashion</term>
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               <name>Laura Tezarek</name>
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               <name>Laura Tezarek</name>
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   </teiHeader>
   <text>
      <front>
         <div type="abstract" xml:lang="de">
            <p>WRITING FASHION: Die 6. Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title> sieht im
               Phänomen Mode eine wesentliche Figuration der Moderne. Sie spannt den Bogen von Maria
               Theresia bis in die Gegenwart, von Jane Austen bis Teresa Präauer, von
               Jugendliteratur bis zum Feuilleton – und ergründet die Erzählungen von der ,Wiener
               Mode‘. Mit dieser Nummer der <title>Wiener Digitalen Revue</title> startet unser
               Podcast mit dem Kulturwissenschaftler Florian Ronc und der Malerin Raja
               Schwahn-Reichmann (Host: Stefan Sonntagbauer).</p>
         </div>
         <div type="abstract" xml:lang="en">
            <p>The 6th edition of the <title>Wiener Digitale Revue</title> sees the phenomenon of
               fashion as an essential figuration of modernity. It spans the arc from Maria Theresa
               to the present day, from Jane Austen to Teresa Präauer, from youth literature to the
               feuilleton – and explores the narratives of ‘Viennese fashion’. This issue of the
                  <title>Wiener Digitale Revue</title> marks the launch of our podcast with cultural
               studies scholar Florian Ronc and painter Raja Schwahn-Reichmann (host: Stefan Sonntagbauer).</p>
         </div>
      </front>
      <body>
         <div xml:id="wdr06_01-01_01">
            <cit>
               <quote source="#ref_Jelinek2000">„Schiebe ich die Kleidung zwischen mich und das
                  Nichts, damit ich dableiben kann, ohne daß man merkt, daß ich da war?“ <lb/><hi
                     rend="italic"><ref type="bibl" target="#Jelinek2000" xml:id="ref_Jelinek2000"
                        >Elfriede Jelinek: Mode</ref></hi></quote>
            </cit>
            <p>Die sechste Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title> widmet sich dem Thema
               Mode: WRITING FASHION. Bei einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema
               ist zu berücksichtigen, dass im deutschsprachigen Raum die Punzierung der Mode als
               oberflächliches, nebensächliches Phänomen noch ein wenig durchleuchtet. Begründet
               liegt diese Positionierung etwa an Denkern wie dem Sozialwissenschaftler Georg
               Simmel, der in seiner Schrift <ref type="bibl" target="#Simmel1983"
                  xml:id="ref_Simmel1983"><title>Die Mode</title> (1911)</ref> gegen die zunehmende
               Schnelllebigkeit seiner Zeit anschreibt, oder an Schriftstellern wie Stefan Zweig,
               der – ins selbe Horn stoßend – die „Diktatur der Mode“ 1925 in einem Feuilleton als
               großen Schritt Richtung <ref type="bibl" target="#Zweig1925" xml:id="ref_Zweig1925"
                  >„Monotonisierung der Welt“</ref> ausmacht. Die Auseinandersetzung mit Mode
               erscheint als eine Art Königswegs zur Theorie der Moderne: beide sind flüchtig,
               beschleunigt und stetem Wandel unterlegen.</p>
            <p>Durch vielfältige sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einer Modetheorie
               konnten die pejorativen Sichtweisen mittlerweile verdrängt werden. Und viele
               Denker:innen waren dem Phänomen gegenüber aufgeschlossen. Walter Benjamin etwa sah in
               der bekannten Passage aus <title>Über den Begriff der Geschichte</title> in der Mode
               einen gesellschaftlichen Seismographen: <quote source="#ref_Benjamin1991-677">Die
                  Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst
                  bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena
                  statt, in der die herrschende Klasse kommandiert.</quote> (<ref type="bibl"
                  target="#Benjamin1991" xml:id="ref_Benjamin1991-677">Benjamin 1991: 677</ref>)
               Einflussreich waren Roland Barthes’ semiotische Arbeit an der ,Übersetzung‘ des
               Phänomens Mode in Sprache (vgl. <ref type="bibl" target="#Barthes1985"
                  xml:id="ref_Barthes1985">Barthes 1985</ref>) oder Pierre Bourdieus strukturelle
               Homologie von <quote source="#ref_Bourdieu1993">haute couture</quote> und <quote
                  source="#ref_Bourdieu1993">haute culture</quote>, seine Einbindung der Mode in die
               Analyse sozialer Distinktion (vgl. <ref type="bibl" target="#Bourdieu1993"
                  xml:id="ref_Bourdieu1993">Bourdieu 1993</ref>). Barbara Vinken (vgl. u.a. <ref
                  type="bibl" target="#Vinken2022" xml:id="ref_Vinken2022">Vinken 2022</ref>) setzt
               wertvolle Akzente zur Geschlechtertheorie der Mode sowie zum Verständnis von
               Crossdressing; Elena Esposito (vgl. <ref type="bibl" target="#Esposito2004"
                  xml:id="ref_Esposito2004">Esposito 2004</ref>) fasst die Paradoxien der Mode
               zusammen, indem sie den Wechselwirkungen von Distinktion und Nachahmung nachgeht.</p>
            <p>Mode hat die Fähigkeit, die reale Welt und das Imaginäre <quote
                  source="#ref_Krass2006-11">ineinander zu blenden und dem realen Leben eine
                  mythische Qualität, und zugleich dem imaginierten Leben ein Realitätsprädikat zu
                  verleihen.</quote> (<ref type="bibl" target="#Krass2006" xml:id="ref_Krass2006-11"
                  >Kraß 2006: 11</ref>) Mode scheint unvorhersehbar ihre Launen zu diktieren – und
               ist doch ein Spiel nach Regeln, ein differenziertes Zeichensystem im historischen
               Wandel. Wer den <term>Dresscode</term> beherrscht, nicht over-, nicht underdressed
               ist, ist im Besitz des entsprechenden Wissens – und der entsprechenden Kleidung. Für
               die Literatur interessant erscheint das Phänomen Mode, weil sich in ihr zahlreiche
               Dimensionen des Lebens in der Moderne bündeln und wechselseitig aufeinander beziehen:
               religiöse, ästhetische, mediale, historische, ökonomische, psychologische, soziale,
               ethische, politische, geschlechtsspezifische und andere mehr (vgl. <ref type="bibl"
                  target="#Kutschbach2015" xml:id="ref_Kutschbach2015-11">Kutschbach/Schmieder 2015:
                  11</ref>)</p>
            <p>WRITING FASHION: Dieser Schwerpunkt der <title>Wiener Digitalen Revue</title>
               ergründet in Einzelanalysen das <quote source="#ref_Bertschik2005-108"
                  >epistemologische Potenzial der Mode als wesentliche Figuration der
                  Moderne</quote> (<ref type="bibl" target="#Bertschik2005"
                  xml:id="ref_Bertschik2005-108">Bertschik 2005: 108</ref>). Zwei Beiträge tun dies
               anhand von (vermeintlicher) Jugendliteratur, in denen erzählter Mode aufgrund ihrer
               Thematisierung von Übergangsprozessen, Orientierungs- und Anpassungsversuchen
               besondere Bedeutung zukommt: Iris Schäfer geht den diskursiven Formationen von Mode
               in Jeff Zentners Jugendroman <title>Gemeinsam sind wir Helden</title> (2020,
                  <title>The Serpent King</title>, 2016) auf den Grund; Oxane Leingang beschreibt
               Richmal Cromptons <title>Just William</title>-Serie, die sich vornehmlich an ein
               erwachsenen Lesepublikum richtete, als „kostümhistorisches Museum“ und arbeitet
               heraus, wie die von Autorin und Illustrator dokumentierten Dresscodes und
               Modeerscheinungen das Klassenbewusstsein der Mittelschicht ventilieren.</p>
            <p>Jane Austen and France Burney setzten sich in ihren Romanen ausführlich mit dem Thema
               Mode auseinander, um 1800 kam es zu radikalen Änderungen auf dem Gebiet der Mode.
               Anna Mochar stellt in ihrem Beitrag die Beziehung zwischen Mode und
               Generationenbeziehungen in den Romanen in den Mittelpunkt – exemplarisch im Kontrast
               zwischen einer frivolen, modeinteressierten Mutterfigur und einer bodenständigen
               Tochterfigur. Karin Wozonig setzt sich mit der zu ihren Lebzeiten berühmten und
               renommierten Lyrikerin und Feuilletonistin Betty Paoli und ihren Ansichten zur Mode
               auseinander: Paoli beschäftigte sich in ihrem Schaffen bereits vor der sogenannten
               bürgerlichen Frauenbewegung mit Geschlechterstereotypen und Mode. Und Florian Ronc
               wendet sich in seiner „Geschichte des schlechten Geschmacks“ gegen immer wieder
               abgerufene Topoi der Wiener Modegeschichtsschreibung und vertieft sich dafür u.a. in
               die Briefe Maria Theresias an ihre Tochter Marie Antoinette in der Modemetropole
               Paris.</p>
            <p>Unsere Rubrik „Schwarzes Brett“ beschäftigt sich diesmal durchgehend mit dem
               Schwerpunktthema Mode. Michaela Lindinger zeigt ein aufschlussreiches Exponat aus dem
               Wienmuseum; Tanja Kreidenhuber untersucht die Bedeutung der Schürze in Teresa
               Präauers <title>Kochen im falschen Jahrhundert</title>; Lisa Damm unternimmt eine
               „dressierende“ Lektüre von Elfriede Jelineks <title>Die Klavierspielerin</title>; und
               Norbert Bachleitner fokussiert auf die Wiener Mode um 1800.</p>
            <p>„Aus der digitalen Praxis“ stellt drei DH-Projekt vor: die digitale Edition der
               „Schaubühne“-Jahrgänge (Imelda Rohrbacher), eine Untersuchung der kroatischen
               Sprachgeschichte während des Ustascha-Regimes (Elias Bounatirou) und die Erforschung
               von Quellcodes auf Basis kulturwissenschaftlicher Ansätze (Simon Roloff). Anne
               Baillot stellt ihre Bemühungen und Angebote zu einer Erleichterung einer nachhaltigen
               Forschung in den digitalen Geisteswissenschaften vor.</p>
            <p>Schließlich gehen wir neue mediale Wege: Mit dieser Nummer der <title>Wiener
                  Digitalen Revue</title> startet der gleichnamige Podcast mit unserem Host Stefan
               Sonntagbauer. Wir beginnen mit zwei Folgen: Florian Ronc spricht über die zentralen
               Thesen seines schriftlichen Beitrags und ergänzt ihn im Gespräch um viele
               gegenwärtige Aspekte. Und die Malerin und Restauratorin Raja Schwahn-Reichmann erzählt von ihrer
               Sammlertätigkeit und den Herausforderungen der Bewahrung der Kleidersammlung der
               Dichterin Elfriede Gerstl.</p>
         </div>
      </body>
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         <div type="bibliography">
            <listBibl>
               <bibl xml:id="Barthes1985">Barthes, Roland: Die Sprache der Mode [1967]. Frankfurt
                  a.M.: Suhrkamp 1985.</bibl>
               <bibl xml:id="Benjamin1991">Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte, in:
                  Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. I/2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991, S.
                  691–704.</bibl>
               <bibl xml:id="Bertschik2005">Bertschik, Julia: Mode und Moderne. Kleidung als Spiegel
                  des Zeitgeistes in der deutschsprachigen Literatur (1770–1945). Köln/Weimar:
                  Böhlau 2005.</bibl>
               <bibl xml:id="Bourdieu1993">Bourdieu, Pierre: „Haute Couture“ und „Haute Culture“
                  [1974], in: Ders.: Soziologische Fragen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, S.
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               <bibl xml:id="Esposito2004">Esposito, Elena: Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden:
                  Paradoxien der Mode. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2004.</bibl>
               <bibl xml:id="Jelinek2000">Jelinek, Elfriede: Mode, in: Süddeutsche Zeitung Magazin,
                  24.3.2000.</bibl>
               <bibl xml:id="Krass2006">Kraß, Andreas: Geschriebene Kleider. Höfische Identität als
                  literarisches Spiel. Tübingen: Francke 2006.</bibl>
               <bibl xml:id="Kutschbach2015">Kutschbach, Christine und Schmieder, Falko (Hg.): Von
                  Kopf bis Fuß. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Berlin: Kadmos
                  2015.</bibl>
               <bibl xml:id="Simmel1983">Simmel, Georg: Die Mode [1911], in: Ders.: Philosophische
                  Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne. Gesammelte
                  Essais. Berlin: Wagenbach 1983, S. 38–63.</bibl>
               <bibl xml:id="Vinken2022">Vinken, Barbara: Ver-Kleiden. Was wir tun, wenn wir uns
                  anziehen. Wien/Salzburg: Residenz 2022.</bibl>
               <bibl xml:id="Zweig1925">Zweig, Stefan: Die Monotonisierung der Welt, in: Neue Freie
                  Presse, 31.1.1925, S. 1–5.</bibl>
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