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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">„Glasses of fashion and moulds of form“</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Die (kinder-)literarisch inspirierten
                    (Ver-)Kleidungen in Richmal Cromptons <hi rend="italic">Just
                    William</hi>-Serie</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Oxane</forename>
                        <surname>Leingang</surname>
                    </name>
                    <affiliation>TU Dortmund</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-02-02</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9444</idno>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de"><hi rend="italic">Just William</hi>-Serie</term>
                    <term xml:lang="de">Populärkultur</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en"><hi rend="italic">Just William</hi> series</term>
                    <term xml:lang="en">popular culture</term>
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                    <name>Thomas Zangl</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Beitrag setzt sich mit der britischen <title>Just William</title>-Serie
                    auseinander, einem exponierten Beispiel einer mehrfachadressierten Narration,
                    die über fünf Dekaden publiziert und von den Leitmedien der jeweiligen Epoche
                    adaptiert wurde. Durch das Prisma eines naiven Schlingels werden die jeweils
                    aktuellen gesellschaftlichen Phänomene dargestellt. Die Serie, die primär an ein
                    erwachsenes Lesepublikum adressiert war, fungiert auch als ein
                    kostümhistorisches Museum. Im Kontext der Intermedialität wird im Beitrag neben
                    den (kinder-)literarisch inspirierten Verkleidungen auch die sich an den
                    (Bilder-)Buchillustrationen orientierte (Kinder-)Mode beleuchtet und der
                    Rückgriff auf den Kostümfundus ikonischer (historischer) Figuren analysiert. In
                    einem weiteren Schritt rücken die Materialästhetik der Theaterkostüme und das
                    Inszenierungspotential der Kleidung von Autorinnen und Autoren in den Fokus.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The article focuses on the British <title>Just William</title> series, a
                    prominent example of a multi-addressed narrative published over five decades and
                    adapted by the leading media of the time. The figure of the naïve rascal serves
                    as a lens through which current social phenomena are negotiated. Aimed primarily
                    at adult readers, the series also functions as a museum of costume history. From
                    an intermedia perspective, Oxane Leingang explores how the text and its
                    illustrations represent costumes inspired by fictional icons. The article also
                    examines historical fashion for children, the material aesthetics of theatre
                    costumes, and the clothing worn by the authors.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_02-02_01">
                <p>Als Inkarnation von Tugend und höfisch-modischer Eleganz – „glasses of fashion
                    and moulds of form“ – werden die älteren Geschwister von William Brown, dem
                    berühmtesten <hi rend="italic">bad boy</hi> der britischen Nationalliteratur,
                    charakterisiert. Diese Beschreibung, die Ophelia Hamlet zudachte, ist im Kontext
                    der <hi rend="italic">Just William</hi>-Serie (1919–1970) aus mehreren Gründen
                    interessant: Shakespeares Worte unterstreichen nicht nur die primäre und
                    prinzipielle Adressierung an (kultivierte) Erwachsene, sondern lenken auch die
                    Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der Garderobe.</p>
                <p>William Brown, ein schmuddeliger Elfjähriger in derangierter Schuluniform, mit
                    zerzausten Haaren und schmutzigem Gesicht, avancierte rasch zum Inbegriff des
                    pragmatisch veranlagten, antiintellektuellen Jungen, der sich gegen
                    gesellschaftliche Konventionen und soziale Hierarchien auflehnt. Seine Revolte
                    gegen die Normen des patronisierenden, spießigen Elternhauses zeigt sich vor
                    allem visuell in seiner Kleidung und der Frisur. Auch die gewagten
                    Kostümierungen, die ständigen Streiche und seine Lektüre spiegeln sein
                    abenteuerlustiges Wesen wider. Der britische Literaturwissenschaftler Peter Hunt
                    begründet Williams Appeal mit der eskapistischen, rezeptionspsychologisch
                    attraktiven Möglichkeit, unerfüllte und unerfüllbare, antizivilisatorische
                    Sehnsüchte ausleben zu können: <quote source="#ref_Hunt2001-54">William almost
                        invariably wins a guerilla war against adults und respectability, he is
                        remorselessly logical, ingenious, and impulsive; he is invariably scruffy,
                        invariably the despair of his family</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Hunt2001" xml:id="ref_Hunt2001-54">Hunt 2001: 54</ref>).</p>
                <p>Vor ihrer schriftstellerischen Karriere unterrichtete Richmal Crompton Lamburn
                    (1890–1969) Latein, Griechisch und Englisch an Mädchenschulen. Im Alter von 32
                    Jahren erkrankte sie an Poliomyelitis, einer heimtückischen Krankheit, die
                    England bis in die späten 1950er Jahre epidemisch heimsuchte (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#McVeigh2022" xml:id="ref_McVeigh2022-133">McVeigh 2022:
                        133</ref>), und musste ihren Brotberuf aufgeben. Notgedrungen wandte sie
                    sich dem Schreiben zu, das sie bis dato als Hobby heimlich gepflegt hatte.
                    Gerade weil sie – unverheiratet, körperlich beeinträchtigt und damit
                    gesellschaftlich stigmatisiert – auch für ihre Mutter, ihre ältere Schwester und
                    deren Kinder sorgen musste: <quote source="#ref_McVeigh2022-103">She was no
                        longer in a position to write what she wanted</quote>, hält ihre Biographin
                    Jane McVeigh fest (<ref type="bibl" target="#McVeigh2022"
                        xml:id="ref_McVeigh2022-103">2022: 103</ref>), <quote
                        source="#ref_McVeigh2022-103">nor perhaps to negotiate for continued
                        publication in a magazine of her choice, or even to write the kind of
                        fiction she wanted</quote>. Innerhalb von lediglich drei Jahren als
                    freischaffende Schriftstellerin erlangte sie finanzielle Unabhängigkeit, die sie
                    ihr Leben lang bewahren konnte, denn die Verkaufszahlen ihrer Bücher blieben
                    konstant hoch. Als Star-Autorin wurde Crompton, die auf Gehhilfen angewiesen war
                    und unter chronischen Schmerzen litt, auch zur Galionsfigur im Kampf gegen die
                    Kinderlähmung und für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (<ref
                        type="bibl" target="#McVeigh2022" xml:id="ref_McVeigh2022-132">ebd.:
                        132–134</ref>).</p>
                <p>Cromptons Erfolg war kein Zufall: Seit den 1920er Jahren begeisterten sich
                    Millionen britischer Kinder für literarische Reihen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Watson2000" xml:id="ref_Watson2000-73">Watson 2000: 73</ref>).
                    Getreu dem Motto <quote source="#ref_Watson2000-205">Readers of the series want
                        more of the same – but with difference</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Watson2000" xml:id="ref_Watson2000-205">ebd.: 205</ref>), der
                    scheinbar paradoxen Forderung nach Innovation und Redundanz, war sie gezwungen,
                    über fünf Jahrzehnte hinweg immer neue Eskapaden des anarchischen Jungen
                    auszudenken. Im Laufe der Zeit wuchs ihre Zahl auf über 400 an. Sogar noch am
                    Vortag ihres Todes arbeitete sie an einer Episode. Kein Wunder, dass der
                    Publikumsliebling William Brown für sie bald zum <quote
                        source="#ref_Cadogan1987-70">my Frankenstein’s monster</quote> (zit. nach
                        <ref type="bibl" target="#Cadogan1987" xml:id="ref_Cadogan1987-70">Cadogan
                        1987: 70</ref>) wurde. Die Autorin selbst betrachtete <hi rend="italic">Just
                        William</hi> als „pot-boiler“, d.h. als ein rein kommerzielles Werk, und
                    haderte mit ihrem fulminanten Erfolg als <quote source="#ref_Williams1986-199"
                        >the mother of a golden boy</quote>, wie die britische Presse sie nannte
                        (<ref type="bibl" target="#Williams1986" xml:id="ref_Williams1986-199"
                        >Williams 1986: 199</ref>). Bezeichnenderweise taucht der Junge in allen
                    drei Crompton-Biographien signalhaft im Titel auf, was noch posthum die
                    symbiotische Beziehung zwischen der Autorin und ihrem berühmtesten Geschöpf
                    unterstreicht: in Kay Williams’ <hi rend="italic">Just – Richmal. The Life and
                        Work of Richmal Crompton Lamburn</hi> (1986), in Mary Cadogans <hi
                        rend="italic">Richmal Crompton. The Woman Behind William</hi> (1987) und in
                    Jane McVeighs <hi rend="italic">Richmal Crompton, Author of Just William. A
                        Literary Life</hi> (2022). <hi rend="slate-word">Während die Privatperson
                        und Schriftstellerin Crompton im Hintergrund blieb, spielt(e) William in der
                        öffentlichen Wahrnehmung stets die Hauptrolle, wie McVeigh (<ref type="bibl"
                            target="#McVeigh2022" xml:id="ref_McVeigh2022-295">2022: 295</ref>)
                        treffend feststellt.</hi></p>
                <p>Bemerkenswerterweise begannen die Abenteuer des „naughtiest, funniest boy in
                    children’s books“, wie William im Klappentext der Jubiläumsausgabe von 2005
                    gepriesen wird, in einer Frauenzeitschrift. Im Spätsommer 1918 debütierte
                    Crompton noch unter dem Pseudonym R. C. Lamburn in <hi rend="italic">The Home
                        Magazine </hi>des Newnes-Verlags mit einer amourösen Kurzgeschichte (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Cadogan1990" xml:id="ref_Cadogan1990-117">Cadogan
                        1990: 117</ref>). Diese Zeitschrift, die sich an Hausfrauen und Mütter
                    richtete, hieß zunächst <hi rend="italic">Woman at Home (&amp; Girls Realm)</hi>
                    und ab 1922 <hi rend="italic">The Ladies’ Home Magazine</hi> (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Cadogan1990" xml:id="ref_Cadogan1990-117b">ebd.</ref>).
                    Deren Kernstücke – kurze Prosatexte meist melodramatisch-romantischen Inhalts,
                    Kochrezepte, Erziehungstipps und Strickmuster – sind Relikte der
                    spätviktorianischen Illustrierten (vgl. <ref type="bibl" target="#Ballaster1993"
                        xml:id="ref_Ballaster1993-110">Ballaster et al. 1993: 110, 120</ref>). <hi
                        rend="italic">Rice-Mould,</hi> die erste Episode über William, erschien im
                    Februar 1919. Die explizite Adressierung an Frauen war nach Ansicht der Autorin
                    auch für den Erfolg bei der jüngeren Leserschaft verantwortlich: Kinder erfassen
                    die Realität schärfer als gemeinhin angenommen werde, gleichzeitig seien
                    Erwachsene ihrer eigenen Kindheit stärker verbunden, als sie zugeben, verriet
                    sie in einem Interview (<ref type="bibl" target="#McVeigh2022"
                        xml:id="ref_McVeigh2022-165">McVeigh 2022: 165</ref>). Das Gros seiner Fans,
                    mutmaßt Cromptons Biographin Kay Williams (<ref type="bibl"
                        target="#Williams1986" xml:id="ref_Williams1986-161">1986: 161</ref>),
                    bestand aus fleißigen Stubenhockern, während die extrovertierten, renitenten
                    Kinder draußen William nacheiferten, statt über seine Abenteuer zu lesen. Die
                    Auflage der Zeitschrift schnellte mit dem Auftauchen von William rasant in die
                    Höhe, sodass die Herausgeberin Mary Cruikshank, die erste Frau an der Spitze
                    eines Londoner Zeitungsverlags, der Autorin immer wieder ein neues Abenteuer
                    abtrotzen musste (<ref type="bibl" target="#Williams1986"
                        xml:id="ref_Williams1986-65">Williams 1986: 65f.</ref>). Die „Crosswriterin“
                    Crompton arbeitete bis zu ihrem Lebensende parallel an einem Werk für Erwachsene
                    und an einer <hi rend="italic">William</hi>-Episode (<ref type="bibl"
                        target="#Cadogan1987" xml:id="ref_Cadogan1987-69">Cadogan 1987:
                    69</ref>).</p>
                <p>Bereits nach drei Jahren und 41 Auftritten in <hi rend="italic">The Home
                        Magazine</hi> schaffte William den Sprung in die verlagseigene
                    Familienzeitschrift <hi rend="italic">Happy Mag</hi>, in der mehr als 150
                    Geschichten und Comics publiziert wurden. Seine Streiche erschienen in weiteren
                    Frauenzeitschriften des Newnes-Imperiums, wie etwa in <hi rend="italic">Home
                        &amp; Gardens</hi>, <hi rend="italic">Modern Woman</hi> und <hi
                        rend="italic">Home Notes</hi>. Die Kommerzialisierungseffekte der
                    expansiven, medialen Strategien für unterschiedliche Käufergruppen spielten
                    hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aufgrund der enthusiastischen
                    Rezeption seitens der Kinder wurden die Kurzgeschichten ab 1922 – gekürzt,
                    achronologisch geordnet und oft neu betitelt – in Bände gebündelt und explizit
                    für jüngere Leserschaft veröffentlicht. Bis 1970 kamen insgesamt 38 Bücher
                    heraus, das letzte posthum.</p>
                <p>Nach fast dreißig Jahren zweigleisiger Vermarktung wurde die Serie nach dem
                    Zweiten Weltkrieg endgültig der Sparte der Kinderliteratur zugeschlagen. Der
                    Stil blieb anspruchsvoll, die den Episoden inhärente Ironie und
                    Gesellschaftssatire sowie das elaborierte Vokabular waren keineswegs kindgemäß.
                    Die Autorin, die nun in der Öffentlichkeit als Kinderliteratin firmierte,
                    bezeichnete sich selbst als den sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz (<ref
                        type="bibl" target="#Cadogan1987" xml:id="ref_Cadogan1987-107">Cadogan 1987:
                        107</ref>; <ref type="bibl" target="#McVeigh2022"
                        xml:id="ref_McVeigh2022-165b">McVeigh 2022: 165</ref>). Während ihre Romane
                    bereits Anfang der 1960er Jahre als altmodisch galten und in Vergessenheit
                    gerieten, erfreut sich die <hi rend="italic">William</hi>-Serie nach wie vor
                    großer Beliebtheit.</p>
                <p>Durch den jahrzehntelangen immensen Erfolg geriet <hi rend="italic">Just
                        William</hi> schnell unter Trivialitätsverdacht. Mit dem Stigma des
                    Seriellen wird nicht nur der Verlust schriftstellerischer Integrität assoziiert,
                    sondern auch ein repetitives, formelhaftes und klischeehaftes Erzählen. <quote
                        source="#ref_Krah2010-86">Nicht individuell, nicht authentisch, nicht
                        original, nicht singulär und damit per se nicht außergewöhnlich, nicht
                        exzeptionell</quote>, lautet das Verdikt (<ref type="bibl"
                        target="#Krah2010" xml:id="ref_Krah2010-86">Krah 2010: 86</ref>, vgl. dazu
                        <ref type="bibl" target="#Ross2011" xml:id="ref_Ross2011-203">Ross 2011:
                        203–205</ref>). In seinem Essay <hi rend="italic">Embrace a scruffy boy</hi>
                        (<ref type="bibl" target="#Day2013" xml:id="ref_Day2013">2013</ref>), einer
                    Hommage an William, plädiert der Anglist Gary Day für die literarische
                    Nobilitierung Cromptons. Deren Milieuschilderungen und den ironisch-kritischen
                    Stil vergleicht er mit denen der ebenfalls unverheiratet gebliebenen Jane
                    Austen, jener Kultfigur, die in England eine regelrechte Manie ausgelöst hatte
                    und neben Charles Dickens sowohl zum populären als auch zum akademischen Kanon
                    zählt. Mary Cadogan bezeichnet Crompton als <quote source="#ref_Sale1995">the
                            20<hi rend="superscript">th</hi>-century Jane Austen</quote> (zit. nach
                        <ref type="bibl" target="#Sale1995" xml:id="ref_Sale1995">Sale 1995</ref>).
                    Jenseits der Qualitätsdiskussion ist William Brown zu einer der wichtigsten
                    (kinderliterarischen) Ikonen geworden. Als Steady- und Longseller mit über zwölf
                    Millionen verkauften Exemplaren in Großbritannien (<ref type="bibl"
                        target="#Greenway2001" xml:id="ref_Greenway2001-134">Greenway 2001:
                        134</ref>) gehörte die Serie zu den finanziell lukrativsten und
                    nachhaltigsten Kinderbuchreihen. Für frische Impulse sorgen zahlreiche
                    Neuauflagen als Hardcover oder Paperback oder <hi rend="italic">dual
                        editions</hi> – Original-Reprints und gekürzte Fassungen in modernem Design
                    für Kinder von heute. Insbesondere die crossmediale Vermarktung in Form von
                    Comics, Radio-, Hörbuch- und Fernsehserien, Theaterstücken und Kinofilmen
                    zementierte ihre Popularität: In den letzten hundert Jahren wurde die <hi
                        rend="italic">Just William-</hi>Serie immer wieder in Umlauf gebracht, um
                    ein noch breiteres Publikum zu erreichen. Zahlreiche intermediale Transfers –
                        <hi rend="italic">die</hi> zentralen Kanonisierungsindikatoren britischer
                    Literatur (vgl. <ref type="bibl" target="#Schneider2013"
                        xml:id="ref_Schneider2013-294">Schneider 2013: 294</ref>) – katapultierten
                    sie an die Spitze der (populär-)kulturellen Hierarchie.</p>
                <p>Williams Maskeraden über Alters-, Gender- und Klassengrenzen hinweg trugen
                    wesentlich zur Situationskomik bei und wurden zu <hi rend="italic">der</hi>
                    thematischen Dominante. Die Möglichkeiten, dieses Motiv zu kombinieren und zu
                    variieren, sind nahezu unbegrenzt. Die erzählerisch vermittelten Dresscodes und
                    Modeerscheinungen wurden vom Illustrator Thomas Henry mit
                    Schwarz-weiß-Zeichnungen präzise wiedergegeben. Die <hi rend="italic">Just
                        William-</hi>Reihe ist somit sowohl eine Enzyklopädie der britischen
                    Alltagskultur als auch ein Museum für Kostümgeschichte, das Trends aus fünf
                    Jahrzehnten konserviert. Die <quote source="#ref_Cadogan1987-82">extreme
                        englishness</quote> (<ref type="bibl" target="#Cadogan1987"
                        xml:id="ref_Cadogan1987-82">Cadogan 1987: 82</ref>), die der Serie immer
                    wieder attestiert wird, zeigt sich nicht nur im Lokalkolorit eines südenglischen
                    Dorfes, der idiomatischen Sprache voller Ironie, Understatements und Sarkasmen,
                    sondern auch in der thematisierten (Ver-)Kleidung und den Referenzen auf die
                    kanonischen Werke: Nationale Identität und kulturelle <hi rend="italic"
                        >englishness</hi>, so Krishan Kumar (<ref type="bibl" target="#Kumar2001"
                        xml:id="ref_Kumar2001-49">2001: 49</ref>), wurden vor allem durch Dichter,
                    Dramatiker und Schriftsteller geprägt; wobei die englische Literatur eine
                    quasi-religiöse Funktion übernehme. Charakteristisch für die Serie sind
                    implizite oder explizite Intertextualität als Text- und Systemreferenz sowie
                    parodistische Vermischungen von Gattungen und Diskursen. Dabei wird oft auf
                    historische Figuren zurückgegriffen, auf die Helden der Sagen und Legenden der
                    britischen Folklore sowie auf kanonische und populärkulturelle Klassiker, die
                    man bis heute mit Großbritannien verbindet. Aufgrund ihrer außertextuellen
                    Referentialität fungiert die Reihe, wie bereits erwähnt, nicht nur als Archiv
                    der (Kostüm-)Zeitgeschichte, sondern durch ihre Intertextualität auch als Fundus
                    für vestimentäre Attribute. William, der häufig groß geschnittene, ikonische
                    Kleidungsstücke literarischer Nationalhelden trägt und dadurch zur Zielscheibe
                    des Spottes wird, eröffnet im Subtext einen weiten Assoziationsraum für die
                    versierte Leserschaft.</p>
                <p>Aus kulturhistorischer Perspektive sollen im Folgenden anhand exemplarischer
                    Episoden aus den 1920er und 1930er Jahren neben den (kinder-)literarisch
                    inspirierten Verkleidungen die sich an den (Bilder-)Buchillustrationen
                    orientierte (Kinder-)Mode beleuchtet werden.<note xml:id="endnote_01"><p> Zum
                            aktuellen Phänomen der kinderliterarisch inspirierten Kostümierung siehe
                                <ref type="bibl" target="#Vaclavik2019" xml:id="ref_Vaclavik2019"
                                >Vaclavik 2019</ref>.</p></note> In einem weiteren Schritt rücken
                    die Materialästhetik der Theaterkostüme und das Inszenierungspotential der
                    Kleidung von Autorinnen und Autoren, die das <hi rend="italic">Just
                    William</hi>-Universum bevölkern, in den Fokus.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-02_02">
                <head>1. William Browns literarisch inspirierte Maskerade als „pirate and Red Indian
                    and desperado“</head>
                <p>„Unfortunately William was not a reader“, heißt es über dieses <hi rend="italic"
                        >enfant terrible</hi>, das mit seinen Eskapaden eine große und loyale
                    Leserschaft beiderlei Geschlechts erfreut(e). Trotz seiner Abneigung gegen
                    Literatur, insbesondere gegen Lyrik – <quote source="#ref_Crompton1948-130"
                        >soppy stuff</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1948"
                        xml:id="ref_Crompton1948-130">Crompton 1948: 130</ref>) –, lesen William
                    Brown und seine gleichaltrigen Freunde, die sich bezeichnenderweise „Outlaws“
                    nennen, manchmal Bücher, sei es, weil Wetterkapriolen das Spielen im Freien
                    verhindern, sei es, weil sie wegen einer Erkältung das Bett hüten müssen.
                    Williams Gesichtsausdruck von finsterer Verbissenheit (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton2005" xml:id="ref_Crompton2005-94">Crompton 2005:
                    94</ref>), wie übrigens bei jeder geistigen Anstrengung, oder Gingers
                    stotterndes Vorlesen mit vielen Aussprachefehlern bestätigen, dass diese Kinder
                    keine habituellen Leser sind.</p>
                <p><quote source="#ref_Crompton1948-230">I’ve read all the books I want to
                        read</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1948"
                        xml:id="ref_Crompton1948-230">Crompton 1948: 230</ref>): Ihre eskapistische
                    Lektüre umfasst fingierte massenliterarische Werke wie <hi rend="italic">Dick of
                        the Bloody Hand</hi>, <hi rend="italic">Rudolph of the Red Hand </hi>oder<hi
                        rend="italic"> The Sign of Death</hi>. Elf Romane, die alle signalhaft den
                    Titel <hi rend="italic">The Mystery</hi> tragen und von William und seinen
                    Freunden in der Episode <hi rend="italic">The Mystery of Oaklands</hi>
                    verschlungen werden, sind eine augenzwinkernde Hommage an die überaus beliebten
                    Detektiv- und Kriminalgeschichten der Entstehungszeit, insbesondere an
                    diejenigen von Agatha Christie: <quote source="#ref_Crompton1948-17">If I wanted
                        to kill anyone now I know lots of clever ways of doin’ it after reading all
                        those books</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1948"
                        xml:id="ref_Crompton1948-17">ebd.: 17</ref>).</p>
                <p>Auffällig ist die Omnipräsenz erwachsener Helden, was die Ergebnisse der
                    aktuellen gendersensiblen Leseforschung vorwegnimmt: Die Jungen bevorzugen
                    aktionsreiche Texte über gefährliche Abenteuer mit heldenhaften Protagonisten
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Garbe2018" xml:id="ref_Garbe2018-1">Garbe 2018:
                        1–34</ref>): <quote source="#ref_Crompton1948-31">Who’d want to read a book
                        with a girl’s face on the back? […] Anyone sens’ble would sooner read about
                        a murder than a girl any day</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1948" xml:id="ref_Crompton1948-31">Crompton 1948:
                    31</ref>). Durch seine exzentrischen (Bereicherungs-)Pläne ist William eine
                    Postfiguration des berühmten <hi rend="italic">good bad boy</hi> der
                    angelsächsischen Tradition: Mark Twains <hi rend="italic">Tom Sawyer</hi>. Wie
                    Tom Sawyer besitzt auch er ein Faible für Theatralik und ein urkindliches
                    Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und sich in den Gesellschaften von
                    Gleichaltrigen und Erwachsenen effektvoll zu produzieren.</p>
                <p>Ähnlich wie James M. Barrie, der mit Neverland ein intertextuell konstruiertes
                    Kinderparadies voller Native Americans und Piraten entwirft, greift Crompton auf
                    den Fundus literarisch vorgeprägter Imaginationsräume und nostalgischer
                    Konstruktionen einer abenteuerlichen Vergangenheit zurück. So liefern die
                    explizit erwähnten „Indianer-“, Ritter-, Straßen-, Seeräuber-, Detektiv- und
                    Spionagegeschichten nicht nur ein spezifisches Vokabular, sondern inspirieren
                    William zu alltäglichen Verkleidungen, die ihm und seinen Freunden mehr
                    Überzeugungskraft in Als-ob-Spielen verleihen und ihnen attraktive Freiräume
                    jenseits der (körperlichen) Restriktionen der bürgerlichen Welt bieten: Die
                    gelesenen Bücher über exotische Territorien initiieren improvisierte
                    Rollenspiele, die meist das kriminelle Milieu der fiktiven Erwachsenenwelt und
                    ihren Verhaltenskodex nachahmen. Viele Episoden sind somit imaginative
                    Realisierung von Träumen und (Berufs-)Wünschen bildungsscheuer Jungen. Dabei
                    spielen neben den Kostümen stilistische Aspekte der Performanz – Stimmqualität,
                    Mimik und Gestik – eine wichtige Rolle. Die antiquierten Zitate aus den Romanen,
                    die bei Williams Freunden auf Unverständnis stoßen – <quote
                        source="#ref_Crompton2005-106">You don’t understand book talk</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Crompton2005" xml:id="ref_Crompton2005-106">Crompton
                        2005: 106</ref>) – rücken die metasprachlichen Elemente wie archaisches
                    Vokabular und gestelzte Satzkonstruktionen in den Fokus. Kindheit per se wird
                    zur endlosen Maskerade, Freizeit zu literarisch inspirierten Rollenspielen. Auch
                    in Mark Twains <hi rend="italic">The Adventures of Tom Sawyer</hi>, dem
                    wichtigsten Prätext, stellen die Jungen nicht nur die Kampfszene zwischen Robin
                    Hood und Guy of Gisborne nach, sondern <quote source="#ref_Twain1991-74">they
                        talked ,by the book‘ from memory</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Twain1991" xml:id="ref_Twain1991-74">Twain 1991: 74</ref>).</p>
                <p>Die amoralische Einstellung der Kriminellen zum Verbrechen und ihre Ablehnung der
                    herrschenden Verhältnisse gefallen William, der gemäß der Genrekonventionen
                    einen Guerillakrieg gegen die Erwachsenen führt. Wie die Autorin selbst zugab,
                    diente der Schlingel auch ihr als Ventil für delinquente Neigungen (<ref
                        type="bibl" target="#Williams1986" xml:id="ref_Williams1986-94">Williams
                        1986: 94</ref>). Ein Piratenkostüm mit buntem Kopftuch, gefährlich
                    aussehenden Messern und goldenen Ohrringen wird zum Objekt der Begierde, das er
                    seinem älteren Bruder allzu gern entwendet (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1956" xml:id="ref_Crompton1956-214">Crompton 1956:
                        214</ref>). Eingedenk der Tatsache, dass <quote source="#ref_Wilson2022-275"
                        >Cowboys and Indians</quote> neben Pierrot- und Tierkostümen einen
                    prominenten Platz im <quote source="#ref_Wilson2022-275">fancy-dress
                        pantheon</quote> (<ref type="bibl" target="#Wilson2022"
                        xml:id="ref_Wilson2022-275">Wilson 2022: 275</ref>) einnahmen, wundert es
                    nicht, dass Williams häufigste Verkleidung im Alltag ausgerechnet die des
                    „Injuns“ ist, was erneut die Referentialität der Serie betont. Spätestens seit
                    den Wanderausstellungen des amerikanischen Malers George Catlin in den 1840er
                    Jahren, der vor allem indigene Krieger in Szene setzte, und den zahlreichen
                    Live-Shows, unter anderem der immens populären <hi rend="italic">Buffalo Bill’s
                        Wild West </hi>(<ref type="bibl" target="#Wilson2022"
                        xml:id="ref_Wilson2022-279">ebd.: 279</ref>), war das klischeehafte Bild der
                    Native Americans fest im populärkulturellen Bildinventar eingespeichert.
                    Allgemein- und jugendliterarische Abenteuerromane, wie James Fenimore Coopers
                        <hi rend="italic">Leatherstocking-</hi>Pentalogie oder Ernest Thompson
                    Setons <hi rend="italic">Two Little Savages. Being the Adventures of Two Boys
                        Who Live as Indians and What They Learned</hi>, lieferten praktische
                    Anleitungen zum „Indianerspiel“. Williams „Red Indian“-Kostüm, das der
                    Illustrator Thomas Henry nach eigenem Gutdünken wiedergibt, besteht aus einer
                    Hose mit Fransen, einem khakifarbenen Oberteil und einem mit Federn besetzten
                    Kopfschmuck, einer billigen Imitation des sog. Warbonnets, der traditionellen
                    Federhaube als wichtigstes Accessoire: Diese Kostümierung als Native American
                    ging in den allgemeinen Sprachgebrauch als „Feathering up“ ein (<ref type="bibl"
                        target="#Wilson2022" xml:id="ref_Wilson2022-279b">ebd.: 279</ref>).
                    Spielerisch erschließen William und seine Freunde die Imaginationsräume aus den
                    Prätexten und imitieren einige stereotype Aspekte der indigenen Kultur: Aus dem
                    modischen Mantel der <hi rend="italic">fashionista</hi>-Schwester bauen sie
                    einen Wigwam, gehen mit Pfeil und Bogen auf die Jagd und bereiten das erlegte
                    imaginierte Wild am Lagerfeuer zu.</p>
                <p>Bravouröse Aktionen und Täuschungsmanöver inspirieren exzentrische
                    Bereicherungspläne, – <quote source="#">William didn’t read sensational fiction
                        for nothing</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton2005"
                        xml:id="ref_Crompton2005-228">Crompton 2005: 228</ref>) –, die Crompton
                    stets als Inszenierungen des Scheiterns komödiantisch gestaltet und ein
                    ironisches, metafiktionales Spiel mit dem Realitätscharakter der
                    Imaginationsräume treibt. Nach der Lektüre von <hi rend="italic">Rudolph of the
                        Red Hand</hi> entschließt sich der Junge zum Beispiel, seinen
                    Lebensunterhalt mit Entführungen zu bestreiten, <quote
                        source="#ref_Crompton2005-96">it seemed an easy and wholly delightful way of
                        earning money</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton2005"
                        xml:id="ref_Crompton2005-96">Crompton 2005: 96</ref>), was den
                    rezeptionspsychologischen Verrohungseffekt durch die Gewaltverherrlichung
                    durchaus zu bestätigen scheint. Als unverzichtbares Accessoire der Räuber setzt
                    sich William eine identitätsverhüllende Halbmaske auf, die sich als
                    Karnevalsmaske entpuppt und die erwartete Wirkung eines sinisteren Aussehens
                    unterläuft: <quote source="#ref_Crompton2005-97">fat, red, smiling cheeks, an
                        enormous red nose, and fluffy grey whiskers</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton2005" xml:id="ref_Crompton2005-97">Crompton 2005: 97</ref>,
                    zu Masken allgemein <ref type="bibl" target="#Weihe2004" xml:id="ref_Weihe2004"
                        >Weihe 2004</ref>). Seine selbstgemachte Limonade aus in Wasser aufgelösten
                    Lakritzstückchen etikettiert er kurzerhand in „GROG“ um, die vermeintliche
                    Lieblingsspirituose der Verbrecher. Die entführte Maid, die siebenjährige Lady
                    Barbara d’Arcy, erweist sich als Nervensäge, die rasch den Kampfgeist der
                    verwegenen Banditen bricht (<ref type="bibl" target="#Crompton2005"
                        xml:id="ref_Crompton2005-110">Crompton 2005: 110</ref>).</p>
                <p>Die Episode <hi rend="italic">William gets wrecked</hi> reiht sich in die
                    Tradition der Robinsonaden ein. Nach der Lektüre von Defoes <hi rend="italic"
                        >Robinson Crusoe</hi> strandet er nach einer beschwerlichen Überfahrt auf
                    einer einsamen Insel, allein dank seiner blühenden Einbildungskraft: <quote
                        source="#ref_Crompton1939-234">To a casual observer William looked only a
                        small boy walking slowly down a road, frowning with his hand in his pockets.
                        He was really an intrepid mariner sailing across an uncharted sea</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-234"
                        >Crompton 1939: 234</ref>). Seine Naturverbundenheit, Naivität und
                    Imaginationsfähigkeit – die Hecke wird zum undurchdringlichen Dschungel, das
                    elegante Sommerhaus zur rasch gezimmerten Südseehütte, die Hauskatze zur wilden
                    Bestie, einen Gelegenheitsdieb identifiziert William als „native savage Friday“
                    – sind die Relikte der romantischen Kindheitsanthropologie, mit der hier
                    abgerechnet wird. Um die Illusion des Schiffbrüchigen aufrechtzuerhalten, legt
                    er ein Tischtuch in der Art einer römischen Toga an: <quote
                        source="#ref_Crompton1939-240">I got all my clothes dashed off me in the
                        wreck, an’ I’m wearing sail</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1939"
                        xml:id="ref_Crompton1939-240">ebd.: 240</ref>). Obwohl William stets gegen
                    Domestizierungsversuche der Erwachsenen rebelliert, verinnerlichte er
                    überraschenderweise im Hinblick auf die Nacktheit das eminent britische
                    Lebensmotto, Peinlichkeiten zu vermeiden (<ref type="bibl" target="#Fox2005"
                        xml:id="ref_Fox2005-273">Fox 2005: 273</ref>): <quote
                        source="#ref_Crompton1939-242">I can’t go through the village wearin’ a
                        table-cloth … it’d make me ridic’l’us for the rest of my life</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-242">Crompton
                        1939: 242</ref>). Lediglich in eine weiße Tischdecke gehüllt, sucht er
                    ausgerechnet in der Abenddämmerung auf dem Dorffriedhof Zuflucht und sorgt dort
                    für Tumult, weil sein Gewand als gestaltloser Astralleib eines Gespenstes
                    missverstanden wird. Wie in dieser Episode vermischt Crompton oft in
                    parodistischer Absicht heterogene Prätexte bzw. Diskurstraditionen.</p>
                <p>Der Kleider- und Rollentausch mit einem barfüßigen Romany<note
                        xml:id="endnote_02"><p> Diese Bezeichnung wird derzeit im englischsprachigen
                            Raum bevorzugt.</p></note>-Jungen in schmutzigen Lumpen – <quote
                        source="#ref_Crompton2005-205">a very dirty boy in ragged green jersey and
                        ragged knickers and bare legs</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton2005" xml:id="ref_Crompton2005-205">Crompton 2005:
                        205</ref>) – verschafft William für eine kurze Zeit eine neue Identität mit
                    maximaler Bewegungsfreiheit, die es ihm erlaubt, Rad zu schlagen und auf Bäume
                    zu klettern. Wie so oft inszeniert er sich als Protagonist eines zuvor gelesenen
                    Trivialromans: Mit <hi rend="italic">Stolen by Gypsies</hi> greift Crompton das
                    populäre literarische Motiv des Kinderraubs auf, der noch vor der Etablierung
                    von Genetik und Vaterschaftstests die einzig plausible Erklärung für blonde,
                    blauäugige Romany-Kinder war (<ref type="bibl" target="#Nord2006"
                        xml:id="ref_Nord2006-11">Epstein Nord 2006: 11</ref>). Die Beschreibung der
                    Romany-Frau – <quote source="#ref_Crompton2005-206">larger and dirtier and
                        fiercer-looking than anyone William had ever seen before</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Crompton2005" xml:id="ref_Crompton2005-206">Crompton
                        2005: 206</ref>) – zitiert das maskulinisierte Stereotyp der <quote
                        source="#ref_Nord2006-14">female gypsy</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Nord2006" xml:id="ref_Nord2006-14">Epstein Nord 2006: 14</ref>) des
                    19. Jahrhunderts. Zu den antiziganistischen Klischees gehört ebenfalls die
                    Tatsache, dass die vermeintlich ungezieferverseuchten Lumpen unbedingt
                    ausgeräuchert oder vernichtet werden. Notgedrungen muss der misogyne William
                    daher ein weißes, mit Wolle gefüttertes, durchsichtiges Karnevalskostüm einer
                    Feenkönigin anziehen, was ihm viel Gelächter einbringt. Die in der Serie
                    präsentierten Phänomene des Crossdressing bestätigen nicht nur den
                    heteronormativen Kleidungskodex, sondern machen auch die Geschlechterdifferenz
                    in der Mode sichtbar (dazu <ref type="bibl" target="#Lehnert2013"
                        xml:id="ref_Lehnert2013-37">Lehnert: 2013, 37–43</ref>).</p>
                <p>Gerade weil Williams ältere Geschwister, eine kokette <hi rend="italic"
                        >fashionista</hi> und ein dandyhafter Galan, in Amateurtheatertruppen
                    mitwirken und private Aufführungen als Zeitvertreib im Dorf an der Tagesordnung
                    sind, rücken die artifiziellen Kreationen immer wieder in den Fokus, so z. B.
                    das extravagante Showkostüm des Bettelmädchens aus der Ballade <hi rend="italic"
                        >King Cophetua and the Beggar Maid</hi>, wenn die Materialität der opulenten
                    Kleidung die theatrale Illusion der Armut stört: <quote
                        source="#ref_Crompton1937-228">The dress (of silver lamé) that she had worn
                        for the part in the play had been freely criticized by the unsympathetic,
                        but this was of flowered silk, made in a Gainsborough fashion, completed by
                        a white curled wig and an enormous picture hat</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1937" xml:id="ref_Crompton1937-228">Crompton 1937:
                        228</ref>). Die weiße Lockenperücke, ein wichtiges Attribut der äußerst
                    beliebten Kostüme im sogenannten <hi rend="italic">poudré style</hi> (<ref
                        type="bibl" target="#Wilson2022" xml:id="ref_Wilson2022-64">Wilson 2022:
                        64</ref>)<hi rend="italic">, </hi>sollte den privilegierten Status und den
                    Reichtum suggerieren. Crompton rekurriert nicht zufällig auf Thomas
                    Gainsborough, den einflussreichsten britischen Landschafts- und Porträtmaler des
                    späten 18. Jahrhunderts, dessen ikonische Gemälde als typisch englisch galten
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Mida2020" xml:id="ref_Mida2020">Mida
                    2020</ref>). Im Gegensatz zu seinem Rivalen Joshua Reynolds stellte Gainsborough
                    die Personen in fashionabler, raffiniert eleganter Kleidung dar: <quote
                        source="#ref_Warren1987-79">All was soft and simple: full skirts: whispy
                        [sic!] fichus and scarves: brushed out, grey-powdered hair and, above all,
                        the ‘picture’ hat</quote> (<ref type="bibl" target="#Warren1987"
                        xml:id="ref_Warren1987-79">Warren 1987: 79</ref>). Mit großen Schleifen,
                    fließenden Federn oder Blumenbouquets dekoriert, demonstrierten die <hi
                        rend="italic">picture hats</hi>, die extravaganten Hüte mit sehr breiter
                    Krempe, bis zum Ersten Weltkrieg den modischen Geschmack ihrer Trägerinnen.</p>
                <p>Die typisierende Theaterkostümierung wird in der Episode <hi rend="italic">The
                        Great Detective</hi> erneut aufs Korn genommen: Als Gnorisma trägt der
                    Bösewicht auf der Bühne zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Abendanzug (<hi
                        rend="italic">evening dress</hi>), was in Erinnerung ruft, dass
                    Bühnenkostüme ihren Ursprung in der Alltagskleidung und ihren vestimentären
                    Codes hatten (vgl. <ref type="bibl" target="#Stehle2023"
                        xml:id="ref_Stehle2023-187">Stehle 2023: 187–188</ref>). Als Requisit dient
                    dem Dieb eine schwarze Tasche. Den Besitzer einer solchen Tasche, einen Londoner
                    Kaufmann, verfolgt William später mit Vehemenz, sodass dieser an Halluzinationen
                    glaubt und einen Psychoanalytiker aufsucht (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-180">Crompton 1939:
                        180</ref>). In <hi rend="italic">The Mystery of Oaklands</hi> ahmt William
                    die Handlung der zuvor gelesenen Detektivgeschichte nach und verkleidet sich als
                    der angeblich ermordete ältere Nachbar – mit weißem Bart, Glatzenperücke,
                    Bowlerhut und einer überlangen Hose, die er am Hals festbinden musste –, um als
                    auferstandenes Opfer den Mörder zu stellen.</p>
                <p>Gerade weil Crompton auf das populärkulturelle Ensemble ikonischer Figuren
                    zurückgreift, darf Sherlock Holmes – <quote source="#ref_Berberich2019-55">the
                        quintessential Englishman, the seemingly perfect representative of a stable
                        and permanent Englishness</quote> (<ref type="bibl" target="#Berberich2019"
                        xml:id="ref_Berberich2019-55">Berberich 2019: 55</ref>) – nicht fehlen. Zwar
                    stattete der Illustrator Sidney Paget den Meisterdetektiv mit den zu jener Zeit
                    äußerst beliebten <hi rend="italic">deerstalker cap</hi> und <hi rend="italic"
                        >inverness cape</hi> aus, einer karierten Schirmmütze und einem
                    Kapuzenmantel. Erwähnt wurden diese Kleidungsstücke bei Arthur Conan Doyle im
                    Gegensatz zu den <hi rend="italic">dressing gowns</hi><note xml:id="endnote_03"
                            ><p> Sein <hi rend="italic">dressing-gown</hi> wird in <hi rend="italic"
                                >The Hound of Baskerville</hi> gleich zweimal erwähnt (Conan Doyle
                            1996: 34, 42). Holmes kauert im Schneidersitz in „a large blue
                            dressing-gown“ auf einem orientalischen Diwan in <hi rend="italic">The
                                Man With the Twisted Lip</hi>, trägt „a purple dressing-gown“ in <hi
                                rend="italic">The Blue Carbuncle</hi>, liest im Morgenmantel die
                            neueste Ausgabe von <hi rend="italic">The Times </hi>in<hi rend="italic"
                                > The Engineer’s Thumb</hi> oder steckt die Hände in die Taschen
                            seines Morgenmantels in <hi rend="italic">The Beryl
                        Coronet.</hi></p></note> jedoch nie<hi rend="italic">.</hi> Über Hemd und
                    Hose getragen, gehörten sie zur Freizeitkleidung der Männer aus der Oberschicht.
                    So wundert es nicht, dass William, inspiriert durch ein zuvor gesehenes
                    Bühnenkostüm, auch diese ikonische Figur imitiert und mithilfe eines
                    Morgenmantels, dem er deduktive Kräfte zuschreibt, Verbrecher vor Gericht
                    bringen möchte (<ref type="bibl" target="#Crompton1939"
                        xml:id="ref_Crompton1939-165">Crompton 1939: 165</ref>). Die Pfeife als
                    obligatorisches Attribut wird kurzerhand durch einen Bleistift ersetzt. Über die
                    vermeintlich stimulierende Wirkung des Tabaks heißt es: <quote
                        source="#ref_Crompton1939-174">He had, at an earlier stage, experimented
                        upon an actual pipe removed from the greenhouse where the gardener had left
                        it for a moment. A very short experience of it had convinced him that a lead
                        pencil would do just as well</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-174">ebd.: 174</ref>). Als
                    Pirat, Bandit, Häuptling oder Privatdetektiv verkleidet, phantasiert sich
                    William auf der real-fiktiven Ebene in die Rollen der (legendären) erwachsenen
                    Helden hinein und kann ausagieren, was ihm als Kind verwehrt bleibt: Aus einer
                    rechtlosen Position heraus wird durch die Verkleidung gleichzeitig ein
                    Machtphantasma geschaffen und zerstört. In nahezu jeder Episode treibt Crompton
                    durch Williams naive Fiktionsvergessenheit ein selbstreferentielles,
                    metafiktionales Spiel mit der Erzeugung und der Demontage von Illusionen. Selbst
                    die obligaten Männlichkeitssymbole wie Pfeife und Rumgetränke, die William für
                    den Eigengebrauch kindgerechter macht, werden von der stets nullfokalisierten
                    Erzählinstanz humorvoll verspottet.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-02_03">
                <head>2. Die (berufs-)spezifische Garderobe der Literatinnen und Literaten</head>
                <p>Genretypisch führt William einen Kleinkrieg gegen Erwachsene, die seine Streiche
                    verhindern und seine Kreativität stören. Mit seinen Provokationen untergräbt er
                    ihre rationale Argumentation und entlarvt ihren Egoismus. Interessanterweise
                    werden bei Crompton vor allem folgende Gruppen karikiert: ledige Journalistinnen
                    mittleren Alters, (kinderlose) Autoren erfolgreicher Erziehungsratgeber, die im
                    Umgang mit den kleinen Plagegeistern kläglich scheitern, exzentrische
                    Kinderliteratinnen, die ihre Helden an eigenen, unausstehlichen Sprösslingen
                    modellieren, Dichter, die in ländlicher Idylle Ruhe suchen, auf William treffen
                    und überstürzt in die Stadt fliehen, und schließlich leichtgläubige Leserinnen
                    von Frauenzeitschriften. Dieses große Figurenensemble, das zu den
                    unterschiedlichsten Instanzen der literarischen Kommunikation gehört, ist kein
                    Zufall. Cromptons schriftstellerische Karriere begann, wie bereits erwähnt, in
                        <hi rend="italic">The Home Magazine</hi>: Kein Wunder, dass ausgerechnet
                    Illustrierte, ihre (gehetzten) Mitarbeiterinnen mit großen Brillen und
                    Aktentaschen als Berufsattribute, die Präferenzen der weiblichen Leserschaft und
                    ihr exaltiertes Fan-Verhalten sowie die adressatenspezifische Redaktionspraxis
                    immer wieder ins Visier geraten.</p>
                <p>In der Episode <hi rend="italic">Aunt Arabelle in Charge</hi> werden gleich zwei
                    stereotype Frauen der schreibenden Zunft ins Lächerliche gezogen. Die
                    titelgebende Journalistin Tante Arabelle, kurzsichtig und zerstreut, kümmert
                    sich wenig um ihr Äußeres, hat deshalb eine unordentliche Frisur und
                    tintenverschmierte Finger. Für das „lausige Käseblatt“ („twopenny-halfpenny
                    rag“) <hi rend="italic">Woman’s Sphere</hi> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1951" xml:id="ref_Crompton1951-210">Crompton 1951:
                        210</ref>) beantwortet sie die Leserinnenbriefe (<quote
                        source="#ref_Crompton1951-202">I help them in their little troubles of the
                        heart</quote> ; <ref type="bibl" target="#Crompton1951"
                        xml:id="ref_Crompton1951-202">ebd.: 202</ref>) und verfasst Artikel mit
                    Haushaltstipps, wie <quote source="#ref_Crompton1951-205">How to Beautify the
                        Home or Feed the Husband or Renovate the Wardrobe on a Small Income</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Crompton1951" xml:id="ref_Crompton1951-205">ebd.:
                        205</ref>). Das halbstündige, durch Erpressung zustande gekommene Interview
                    mit dem berühmten Kind Anthony Martin, einem Scheusal, katapultiert Tante
                    Arabelle auf der Gehalts- und Karriereleiter nach oben.</p>
                <p>Immer wieder wird die theatralisch-performative Selbstinszenierung der Autorinnen
                    und Autoren zur Zielscheibe der Kritik: Anthony Martins Mutter, eine arrogante,
                    erfolgsverwöhnte Kinderbuchautorin, erstarrt in einer affektierten Attitüde: Sie
                    schmachtet im Halbdunkel auf einem Sofa, und zwar in einem <quote
                        source="#ref_Crompton1951-214">elaborate rest gown</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1951" xml:id="ref_Crompton1951-214">ebd.: 214</ref>), mit
                    einem Turban auf dem Kopf und einer Lorgnette in der Hand: <quote
                        source="#ref_Crompton1951-212">On tip-toe, please, boys. Every sound goes
                        through my head. I’m always like this between the visits of my creative
                        genius […]. I hope you will remember this afternoon all your lives
                        […]</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1951"
                        xml:id="ref_Crompton1951-212">ebd.: 212f.</ref>). Dass diese
                    Selbstrepräsentation als modebewusste, genialistische Autorin bei grobianischem
                    William und seinen Freunden auf Unverständnis stößt, liegt auf der Hand. In eine
                    ähnliche Pose wirft sich eine berühmte Filmschauspielerin in der Episode <hi
                        rend="italic">William the Showman</hi>, in der die kulturindustriellen
                    Prozesse der Starvermarktung persifliert werden.</p>
                <p>Der angehende Autor Mr. Buttermere frisiert sein Haar mit viel Ausdauer und
                    Pomade zur Coiffure des schottischen Schriftstellers Thomas Carlyle. Er lässt
                    sich nicht nur eine Replik des Schreibtisches<note xml:id="endnote_04"><p> Der
                            Mahagoni-Schreibtisch mit abgeschrägter Schreibfläche befand sich von
                            1859 bis zu Dickens Tod 1870 in seinem Besitz. An diesem Tisch schrieb
                            er seine bekanntesten Romane, wie <hi rend="italic">Great
                                Expectations</hi>, <hi rend="italic">The Tale of Two Cities</hi>
                            oder <hi rend="italic">Our Mutual Friend.</hi> Der Tisch wurde in der
                            britischen Populärkultur durch zahlreiche kommemorative Gravuren
                            ikonisch. Abgerufen von <ref
                                target="https://dickensmuseum.com/blogs/explore/tagged/meta-type-film"
                                >dickensmuseum.com/blogs/explore/tagged/meta-type-film</ref>,
                            Zugriff am 30.07.2024.</p>
                        <p>In der <hi rend="italic">Episode Just William’s Luck</hi> wird die
                            Sakralisierung bzw. Fetischisierung eines Schreibtisches durch
                            exaltierte Fans der Lächerlichkeit preisgegeben: <quote
                                source="#ref_Crompton1939-159">Miss Rubina Strange looked round the
                                room with the air of a pilgrim visiting a holy place. ‚And is this,
                                dear Peter’, she said in a hushed whisper, ,where she writes those
                                wonderful words?’ ,Umph’, answered William. ,Oh, my dear. To think
                                that I see it with my poor unworthy eyes’</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-159">Crompton 1939:
                                159</ref>). </p></note> von Charles Dickens anfertigen, sondern auch
                    eine Kopie der Mönchskutte maßschneidern, in der der französische Romancier
                    Honoré de Balzac seine Werke zu schreiben pflegte. Rasch avanciert das zu lang
                    geratene Gewand zu seiner Arbeitskleidung und zu einer Inspirationsquelle:
                        <quote source="#ref_Crompton1956-214b">[…] he could not write a word without
                        it. His heart swelled with pride. So Balzac must have felt</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Crompton1956" xml:id="ref_Crompton1956-214b">Crompton
                        1956: 214</ref>). Während Balzac in dem von exzessiven Arbeitsphasen
                    bestimmten ‚mönchischen Leben‘ bis zu sechzehn Stunden schrieb und zum
                    europaweit umjubelten Bestsellerautor aufstieg (<ref type="bibl"
                        target="#Fischer2015" xml:id="ref_Fischer2015-21">Fischer 2015: 21</ref>),
                    stolpert Mr. Buttermere in seiner Selbstinszenierung als mittelalterlicher
                    Dominikanermönch durch den Raum und wartet vergeblich auf kreative Einfälle. Die
                    Autor-Pose wird zur Farce. Selbstverständlich weckt dieses faszinierende
                    Kleidungsstück Williams Begehrlichkeiten und wird für einen Kostümball
                    ‚ausgeliehen‘. Doch die Kutte erweist sich sowohl für den Jungen wegen seiner
                    Übergröße – <quote source="#ref_Crompton1956-212">The thing that came over his
                        head completely extinguished him</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1956" xml:id="ref_Crompton1956-212">Crompton 1956:
                        212</ref>) – als auch für seinen älteren, chronisch verliebten Dandy-Bruder
                    wegen des fehlenden Sexappeals als völlig ungeeignet.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-02_04">
                <head>3. Literarische Vorzeigekinder und ihre Kleidung</head>
                <p>Die Bücher, die William von den Erwachsenen vorgesetzt bekommt, stehen in der
                    Tradition kinderliterarischer Moralistik und handeln fast ausschließlich von
                    Musterknaben, deren Perfektion zur Schau gestellt wird. Mit seinem kindlichen
                        <hi rend="italic">common sense</hi>-Blick entlarvt William die dominierenden
                    Erziehungsdiskurse: <quote source="#ref_Crompton1939-154">He’s more like a
                        monkey out of the Zoo than a boy</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-154">Crompton 1939:
                        154</ref>). Die aufdringlichen Belehrungen rufen in ihm Aggressionen gegen
                    die fiktiven Figuren hervor. Auf der Metaebene wird immer wieder die Idee von
                    der moralischen Besserung durch die identitäre Lesart ironisch reflektiert.
                    Cromptons Erzählinstanz erinnert im selbstreferentiellen Spiel an die alte
                    literaturpädagogische Debatte um unprätentiöse Schundliteratur und lenkt
                    metafiktional den Blick auf die intendierte Jungenliteratur bzw. die faktisch
                    gelesenen trivial-populären Stoffe: <quote source="#ref_Crompton1948-31b"
                        >Anyone’d buy a book that had a picture of a big splash of blood on the back
                        ’cause they’d know it would be a nice excitin’ one</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1948" xml:id="ref_Crompton1948-31b">Crompton 1948:
                    31</ref>).</p>
                <p>Immer wieder geraten vermeintlich cherubinische Kinder der Literatinnen und
                    Literaten in den Fokus. Mit dem bereits erwähnten sechsjährigen Medienprofi
                    Anthony Martin, der selbstverständlich „picturesquelly“ gekleidet ist und
                    androgyn lange Haare hat (<ref type="bibl" target="#Crompton1951"
                        xml:id="ref_Crompton1951-206">Crompton 1951: 206</ref>), parodiert Crompton
                    bissig A. A. Milnes Christopher Robin als literarischen Prototyp. In der Episode
                        <hi rend="italic">Just William’s Luck</hi> wird der mediale Hype und die
                    exzessive Vermarktung eines Kinderstars ad absurdum geführt: Der „literary man“
                    Monkton Graham erfindet ein engelsgleiches, blondes Kind Peter, <quote
                        source="#ref_Crompton1939-156">the second Fauntleroy</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Crompton1939" xml:id="ref_Crompton1939-156">Crompton
                        1939: 156</ref>), und sorgt unter dem Pseudonym „Peter’s Mother“ mit
                    süßlichen Erziehungstipps in <hi rend="italic">Monthly Signal: A Magazine for
                        Mothers</hi> für Furore.</p>
                <p>Bezeichnenderweise kleidet Crompton kleine Mädchen in weiße, gerüschte Kleidchen.
                    Weiß, ein Marienattribut, steht vor allem in der christlichen Tradition für
                    Reinheit, Unschuld und Tugend. Die Rüschen sind ein <quote
                        source="#ref_Vinken2014-192">frivol überflüssiges Emblem des Modischen,
                        Nonplusultra des Ornamentalen</quote> (<ref type="bibl" target="#Vinken2014"
                        xml:id="ref_Vinken2014-192">Vinken 2014: 192</ref>). Rüschen- und
                    Schleifenkleider aus halbdurchsichtigem Organdy in zarten Pastelltönen wurden
                    vor allem in den 1930er Jahren durch Shirley Temple und die Prinzessinnen
                    Elizabeth und Margaret immens populär (<ref type="bibl" target="#Rose1989"
                        xml:id="ref_Rose1989-130">Rose 1989: 130f.</ref>).</p>
                <p>Die Inszenierung kleiner Mädchen als hilflos-fragile, ätherische, luxuriöse Wesen
                    – Engel, Feen und Ballerinen – bestätigt und hinterfragt zugleich nicht nur den
                    spätviktorianischen bzw. edwardianischen Kult (<ref type="bibl"
                        target="#Gubar2016" xml:id="ref_Gubar2016-398">Gubar 2016, 398–412</ref>)
                    des (schönen) Kindes, die zeitgeschichtlichen Geschlechtermodellierungen und die
                    attribuierten Charaktereigenschaften, sondern auch die Objektivierung von
                    Kindern als Statussymbole. Interessant ist daher die Darstellung von Williams
                    Erzfeindin Violet Elizabeth Bott, der lispelnden Sechsjährigen, die auf
                    Knopfdruck weinen, sich übergeben und wie eine Fabriksirene schreien kann:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Crompton1950-45">Violet Elizabeth’s fair hair was not
                        naturally curly but as the result of great daily labour on the part of the
                        much maligned nurse it stood up in a halo of curls round her small head. […]
                        Violet Elizabeth was dressed in a white lace-trimmed dress with a blue
                        waistband and beneath the miniature blue waistband, her skirts stood out
                        like a tiny ballet dancer’s in a filmy froth of lace-trimmed petticoats.
                        From this cascade emerged Violet Elizabeth’s bare legs, to disappear
                        ultimately into white silk socks and white buckskin shoes. William gazed at
                        this engaging apparition in horror (<ref type="bibl" target="#Crompton1950"
                            xml:id="ref_Crompton1950-45">Crompton 1950: 45</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Nach den abgetrotzten grobianischen „boy’s games“ mit William und seinen Freunden
                    in <hi rend="italic">The Sweet Little Girl in White</hi>, bei denen Violet
                    Elizabeth ihr Gesicht, ihre Hände und Beine zerkratzt, ihre ondulierten Locken
                    ruiniert, das weiße Kleidchen mit Brombeersaft einfärbt und schließlich
                    bäuchlings in einen Sumpf fällt, wird sie nicht einmal von ihrem eigenen Vater
                    und ihrem Kindermädchen erkannt: <quote source="#ref_Crompton1950-61">I don’t
                        know what you do to her, but do it and don’t let her mother see her till
                        it’s done</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1950"
                        xml:id="ref_Crompton1950-61">ebd.: 61f.</ref>). Gemeint sind hier Rituale,
                    die zur Kultivierung bzw. Fetischisierung der (kindlichen) Schönheit eingesetzt
                    werden. In <hi rend="italic">William and the Perfect Child</hi> untergräbt die
                    adrett gekleidete, gehorsame Frances Mary durch einen waghalsigen Ritt über die
                    matschigen Felder die Autorität ihrer Mutter, einer Bestsellerautorin von
                    Ratgebern zur Kindererziehung.</p>
                <p>In <hi rend="italic">Georgie and the Outlaws</hi> wird der Reputation des
                    nervtötenden Georgie, <quote source="#ref_Crompton1931-60">the world’s most
                        perfect boy</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1931"
                        xml:id="ref_Crompton1931-60">Crompton 1931: 60</ref>), dessen weißer
                    Sommeranzug drei Tage lang sauber bleibt, für immer zerstört, als er sich für
                    eine historische Nachstellung in einem Teich im Schlamm wälzt. Der Grund für
                    diese Ferkelei ist eine von William falsch interpretierte Begebenheit aus der
                    britischen Geschichte, als King John 1216 in der Gezeitenbucht von Wash nach
                    seinem verlorenen Schatz tauchte. Georgie trägt die damals beliebte sommerliche
                    Alltagskleidung – weiße Matrosenanzüge aus Baumwolle. Ursprünglich als Ausdruck
                    des imperialen Ethos in die Kindermode eingeführt, entwickelte sich der
                    Matrosenanzug in ganz Europa vom <quote source="#ref_Selheim2005-113"
                        >Gesinnungskleid zum Massenartikel</quote>, wie es Claudia Selheim (<ref
                        type="bibl" target="#Selheim2005" xml:id="ref_Selheim2005-113">2005:
                        113</ref>) treffend beschreibt. Basierend auf der Marineuniform und durch
                    Queen Victoria erst populär gemacht, verloren die Diskurse des Patriotismus in
                    der Folgezeit an Bedeutung: Die Matrosenanzüge, diese textilen Insignien der
                    hochgradig militarisierten Maskulinität, wurden vor allem von kleinen Jungen und
                    Mädchen getragen, die selbstverständlich nicht zum Militärdienst taugten (<ref
                        type="bibl" target="#Rose1989" xml:id="ref_Rose1989-100">Rose 1989:
                        100</ref>; <ref type="bibl" target="#Rose2011" xml:id="ref_Rose2011-105"
                        >Rose 2011: 105</ref>). Eingedenk der Tatsache, dass in England die <hi
                        rend="italic">sailor suits</hi> für Knaben von Kritikern bereits Ende des
                    19. Jahrhunderts als <quote source="#ref_Rose2011-105b">common and to be
                        avoided</quote> angesehen wurden (<ref type="bibl" target="#Rose2011"
                        xml:id="ref_Rose2011-105b">ebd.</ref>), vermittelt dieses
                    Charakterisierungsdetail ein negatives Urteil der Erzählinstanz. Immer wieder
                    wird das Motiv der vestimentären Verwilderung verwendet, um blasierte,
                    stereotype Kinderfiguren bloßzustellen.</p>
                <p>Diese Episode, die in der humoristischen Zeitschrift <hi rend="italic">Happy
                        Mag</hi> bezeichnenderweise unter dem Titel <hi rend="italic">The Perfect
                        Little Gentleman</hi> vorab veröffentlicht wurde, ist eine subtextuelle
                    Absage an den Topos <hi rend="italic">puer senex</hi>. Kinder, insbesondere
                    kleine Jungen, die sich nicht altersadäquat und/oder geschlechtsunspezifisch
                    verhalten, werden auf die eine oder andere Weise bestraft. William fungiert
                    dabei stets als Handlungskatalysator. Das Weiß, das aufgrund seiner Helligkeit
                    besonders anfällig für Be- und Verschmutzung ist, zeigt wie keine andere Farbe
                    die misslingende Impulskontrolle. Bis heute gelten das äußere Erscheinungsbild
                    und die Kleidung, und nicht nur bei Schulkindern, als Zeichen der moralischen
                    Integrität (<ref type="bibl" target="#Stephenson2021"
                        xml:id="ref_Stephenson2021-54">Stephenson 2021: 54</ref>). Qua Kleidung wird
                    der sentimentalisierte Kinderkult der viktorianischen und edwardianischen Epoche
                    demontiert, der sich noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als
                    antiquierte, nostalgische Idealisierung großer Beliebtheit erfreute.</p>
                <p>Es ist kein Zufall, dass ein weiterer Musterknabe – Williams Feind Pelleas, der
                    nach einem Ritter der Tafelrunde benannt wurde – ausgerechnet ein „Kate
                    Greenaway“-Kostüm trägt. Maßgeblich von der Mode des späten 18. Jahrhunderts und
                    der Regency inspiriert, entwarf die Autorin und Malerin Catherine Greenaway in
                    ihren Illustrationen der Erstlesebücher eine eklektisch kombinierte,
                    nostalgische Kindermode: Kittel und Skelettanzüge für Jungen, hochtaillierte
                    weiße Schürzen und Empire-Kleidchen mit Mützen und Strohhauben für Mädchen.
                    Damit setzte sie historisierende, effeminierte Trends und löste eine phänomenale
                    „Greenaway-Mode“ bzw. den „Greenawisme“ in Frankreich aus, die durch exzessive
                    Kommerzialisierung und Nachahmung bis heute anhält (<ref type="bibl"
                        target="#Lundin1995" xml:id="ref_Lundin1995-146">Lundin 1995: 146</ref>).
                    Das Luxuswarenhaus <hi rend="italic">Liberty of London</hi> vermarktete zum
                    Beispiel als „Artistic Dress for Children“, zunächst in London und später in
                    Paris, äußerst erfolgreich die Kate Greenaway-Designs (<ref type="bibl"
                        target="#Adburgham1975" xml:id="ref_Adburgham1975-54">Adburgham 1975:
                        54–56</ref>). In den 1880er und 1890er Jahren kleidete eine ganze Generation
                    von britischen Müttern aus dem liberalen künstlerischen und kunstgewerblichen
                    Milieu ihre Kinder in diesem Stil (<ref type="bibl" target="#Perry2011"
                        xml:id="ref_Perry2011-111">Perry 2011: 111–120</ref>).</p>
                <p>Greenaways Illustrationen zeigten eine vorindustrielle ländliche Idylle und
                    beschwören eine imaginierte englische Kindheit, die von kindlichem Spiel und
                    parodierten Ritualen der Erwachsenen geprägt war. Die neoromantische
                    Kindheitsikonographie zementierte nicht nur Ästhetiken der naiven Unschuld,
                    sondern diente auch zur ästhetisierenden Erziehung (<ref type="bibl"
                        target="#Danger2009" xml:id="ref_Danger2009-319">Danger 2009: 319</ref>):
                        <quote source="#ref_Crompton1956-248">I’ve been brought up to love beautiful
                        things about me</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1956"
                        xml:id="ref_Crompton1956-248">Crompton 1930: 248</ref>), behauptet Pelleas.
                    Er verabscheut selbstverständlich den <quote source="#ref_Crompton1956-248b"
                        >nasty, ugly boy</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1956"
                        xml:id="ref_Crompton1956-248b">ebd.</ref>) William Brown. Dieser wiederum
                    beschimpft den kindlichen Schöngeist als <quote source="#ref_Crompton1956-251"
                        >little Lord Fauntleroy</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1956"
                        xml:id="ref_Crompton1956-251">ebd.: 251</ref>), Muttersöhnchen und Heulsuse.
                    Die Beleidigung ist weiterhin wirksam, gilt Cedric Fauntleroy – trotz weit
                    verbreiteter Unkenntnis der literarischen Vorlage – als Inbegriff des
                    pedantischen, verweichlichten Jungen (<ref type="bibl" target="#Stewart2011"
                        xml:id="ref_Stewart2011-99">Stewart 2011: 99</ref>).</p>
                <p>In Anlehnung an den von Oscar Wilde inspirierten Stil, den der Illustrator
                    Reginald B. Birch maßgeblich definierte, trugen die Knaben das sogenannte
                    „Little Lord Fauntleroy“-Ensemble. Tribut zollend an die Männerkleidung des 17.
                    Jahrhunderts, bestand es aus einer Jacke und Kniehosen aus schwarzem oder
                    dunkelblauem Samt, einem breiten Gürtel aus farbiger Seide, einer weißen Bluse
                    mit großem Spitzenkragen und Manschetten (dazu auch <ref type="bibl"
                        target="#Rose1989" xml:id="ref_Rose1989-101">Rose 1989: 101</ref>). Ein
                    voluminöses Samtbarett, weiße Strümpfe und Lackschuhe mit Schnallen
                    vervollständigten das Kostüm, das bald zur Karikatur der androgynen Kindlichkeit
                    wurde, <quote source="#ref_Stewart2011-107">what had once signified successful
                        mothering came to imply hysterical fantasy, maternal vanity, and unnatural
                        matriarchal oppression</quote> (<ref type="bibl" target="#Stewart2011"
                        xml:id="ref_Stewart2011-107">Stewart 2011: 107</ref>). Thomas Henry zeichnet
                    Pelleas selbstverständlich mit einigen bekannten Attributen – einem Jäckchen mit
                    großem Spitzenkragen und Manschetten. „The beastly clothes“ – das historisierte
                    Kostüm aus schwarzem Samt mit Spitzenkragen und langlockiger Allongeperücke –
                    taucht in der Episode <hi rend="italic">William the Film Star</hi> erneut auf,
                    als William nach einem Kleidertausch als gefeierter Kinderstar auf einem
                    Maskenfest auftritt, ausgerechnet in der Paraderolle als Little Sir Rupert. Der
                    satirische Seitenhieb auf Burnetts kleinen Kavalier ist hier offensichtlich.
                    Dabei wird auf die Einzwängung durch Kleidungsstücke hingewiesen, die als
                    textile Disziplinierungsinstrumente eine Hemmung der Gesamtmotorik bewirken –
                        <quote source="#ref_Crompton1937-164">But you can’t do anything in them […].
                        They’re are too tight to run in, and they’d split the moment you began
                        climbing trees. They’re awful</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1937" xml:id="ref_Crompton1937-164">Crompton 1937:
                        164</ref>). Hervorgehoben wird ferner die emotionalisierende Wirkung der
                    kindlichen Androgynität auf das ältere weibliche Publikum – <quote
                        source="#ref_Crompton1937-173">she was adoring […] curls and […] lace
                        collar</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1937"
                        xml:id="ref_Crompton1937-173">ebd.: 173</ref>). Mit Greenaway und Lord
                    Fauntleroy greift Crompton gleich zwei kinderliterarisch inspirierte Trends auf,
                    die ihrerseits auf Kostümen des 17. bzw. späten 18. Jahrhunderts basierten.
                    Beide waren selbstverständlich längst demodé. Zur Zielscheibe der Kritik werden
                    daher nicht nur die Ästhetisierung effeminierter, uniformierender
                    Kinderkleidung, sondern auch der (spätviktorianische) Konsumismus und die
                    entsprechenden Erziehungspraxen wie etwa oktroyierte Vorlieben der vermeintlich
                    schönen Kinderseelen für Lyrik, Feen, Blumen und Vogelgesang (<ref type="bibl"
                        target="#Crompton1948" xml:id="ref_Crompton1948-131">Crompton 1948:
                        131</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-02_05">
                <head>4. Fazit</head>
                <p>Aufgrund zahlreicher Verweise auf die außertextuelle Alltagsrealität weist die
                        <hi rend="italic">Just William</hi>-Reihe eine bemerkenswerte
                    kulturhistorische Reflexivität auf: Durch das Prisma eines Schlingels als naiven
                    Chronisten werden zeitgenössische gesellschaftliche Phänomene vom Imperialismus
                    und Bolschewismus über den Faschismus, den Wettlauf im Weltall bis hin zu den
                    Protestbewegungen der späten 1960er Jahre satirisch dargestellt. Die Serie
                    dokumentiert und kommentiert technologische Innovationen und politische
                    Umbrüche, bietet Längsschnitte epochentypischer Geschlechtermodellierungen und
                    liefert spannendes Material für diachrone Sozialstudien, wie etwa zu
                    (vergessenen) Volksbräuchen und insbesondere zu nationalidentitärem „fancy
                    dress“ (dazu allgemein <ref type="bibl" target="#Wild2020" xml:id="ref_Wild2020"
                        >Wild 2020</ref>; <ref type="bibl" target="#Wilson2022"
                        xml:id="ref_Wilson2022">Wilson 2022</ref>) als integralen Part der
                    britischen Alltagskultur. <hi rend="italic">Just William</hi> ist durch die
                    exzessive, markierte Intertextualität und Intermedialität nicht nur ein Museum
                    der Kostümgeschichte, sondern auch ein diskursiver Speicher des Zeitgeschehens
                    und der Populärkultur.</p>
                <p>Mit William Brown zieht Crompton im Subtext jene dominante Männlichkeit und ihre
                    Symbole in die Lächerlichkeit, die als <quote source="#ref_Nodelman2002-11"
                        >force in opposition to the law, to manners and to the social fabric</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Nodelman2002" xml:id="ref_Nodelman2002-11"
                        >Nodelman 2002: 11</ref>) fungieren. In einer hypermaskulinen Performanz
                    spiegeln seine (Ver-)Kleidung und die Lektüre sein abenteuerliches Naturell
                    wider. Ins Blickfeld rückt immer wieder die eskapistische Erfahrung von Lektüre
                    als irrealisierende<note xml:id="endnote_05"><p> Wolfgang Iser (<ref type="bibl"
                                target="#Iser1976" xml:id="ref_Iser1976-227">1976: 227</ref>)
                            beschreibt diese ästhetische Wirkung des intrinsischen Lesens, auf die
                            zwangsläufig ein ernüchterndes Erwachen folgt, als „Irrealisierung“,
                            während Victor Nell (<ref type="bibl" target="#Nell1988"
                                xml:id="ref_Nell1988-1">1988: 1</ref>) sogar von tranceähnlichen
                            Zuständen (absorption, entrancement, reading trance) ausgeht.
                        </p></note> Versenkung in andere Welten, was den Stellenwert des
                    (verbotenen) Lesens unterstreicht. Durch die explizite Intertextualität ist die
                        <hi rend="italic">Just William</hi>-Serie auch eine Hommage an die
                    (britische) Literatur, die mit ihrer identitätsstiftenden Macht ein wichtiges
                    Sozialisationsmedium war und ist.</p>
                <p>William, der oft in Anzüge für Erwachsene schlüpft und/oder ikonische
                    Kleidungsstücke literarischer Nationalhelden trägt, wird durch diese
                    vestimentäre Anmaßung zum Objekt des Spotts. Die Situationskomik entsteht vor
                    allem durch die ins Auge springende Abweichung von der Norm – die Übergröße. Der
                    durch die Maskeraden drohende Imageschaden führt zu weiteren Verwicklungen.
                    Durch diese Komisierung wird der Junge nicht selten zum Zerr- und Reversbild des
                    fiktionalen Helden. Mit genussvollem Entsetzen wird dann, meist
                    ironisch-ambivalent und patronisierend, der Triumph über die Kinder zelebriert.
                    „Everything was different in real life”, resigniert der verkleidete William nach
                    seiner Demaskierung: <quote source="#ref_Crompton1939-180b">Real life was
                        stupid</quote> (<ref type="bibl" target="#Crompton1939"
                        xml:id="ref_Crompton1939-180b">Crompton 1939: 180</ref>).</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <head>Primärliteratur</head>
                    <bibl xml:id="Crompton1960">Crompton, Richmal (1960 [1922]): Just–William.
                        Illustrated by Thomas Henry. 42. Aufl. London: Newnes.</bibl>
                    <bibl xml:id="Crompton1939">Crompton, Richmal (1939 [1923]): William–Again.
                        Illustrated by Thomas Henry. 23. Aufl. London: Newnes.</bibl>
                    <bibl xml:id="Crompton2005">Crompton, Richmal (2005 [1924]): William–the Fourth.
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