<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"
    xml:id="wdr06_02-05-Ronc" rend="wdr">
    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Wiener Mode: Eine Geschichte des schlechten
                    Geschmacks</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Florian</forename>
                        <surname>Ronc</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-02-05</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9447</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Wiener Mode</term>
                    <term xml:lang="de">Hässlichkeit</term>
                    <term xml:lang="de">Unbeholfenheit</term>
                </keywords>

                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Viennese fashion</term>
                    <term xml:lang="en">hideousness</term>
                    <term xml:lang="en">awkwardness</term>
                </keywords>
            </textClass>
        </profileDesc>
        <revisionDesc>
            <listChange>
                <change>
                    <date when-iso="2025-03-21">Converted from a Word document</date>
                    <name>Thomas Zangl</name>
                </change>
                <change>
                    <date when-iso="2025-03-21">Encoded</date>
                    <name>Thomas Zangl</name>
                </change>
                <change>
                    <date when-iso="2025-03-21">A few additions and changes</date>
                    <name>Laura Tezarek</name>
                </change>
                <change>
                    <date when-iso="2025-04-07">Galley proof correction</date>
                    <name>Laura Tezarek</name>
                </change>
                <change>
                    <date when-iso="2025-04-15">Added English abstract and keywords</date>
                    <name>Laura Tezarek</name>
                </change>
            </listChange>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Modegeschichtsschreibung und Ausstellungspraxen neigen dazu, affirmativ das Beste
                    vom Besten zu zeigen, Mode als Abfolge von Innovation und Reaktion zu erzählen.
                    Was dabei aus dem Blick gerät, ist die gerade für Wien bezeichnende,
                    liebgewonnene Anhäufung von ästhetischem Überschuss, von Scheußlichkeit und
                    Unbeholfenheit. Dieser Artikel wendet sich den Schattenseiten zu. In ihrer
                    Devianz, Boshaftigkeit und der Fähigkeit, ihre Träger:innen unmöglich zu machen,
                    kann Wiener Mode als widerständige Handlung verstanden werden. Sechs Fallstudien
                    unternehmen den Versuch, selten berücksichtigte Quellen heranzuziehen, um die
                    lineare Erzählung vom Wiener Kongress bis zu den Wiener Werkstätten zu
                    revidieren. Von Maria Theresias gescheiterten Erlässen über Kaiserin Elisabeths
                    nackten Körper bis hin zur Modistin als Delinquentin beschränken sich die
                    kleinen Tiefenbohrungen auf den kurzen Zeitraum von der Mitte des 18. bis zur
                    zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier werden – so die These – die
                    diskursiven Voraussetzungen für ein spezifisch wienerisches Verständnis für Mode
                    geschaffen.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Fashion historiography and exhibition practices tend to affirmatively show the
                    best of the best, to narrate fashion as a sequence of innovation and reaction.
                    What is lost sight of in the process is the accumulation of aesthetic excess, of
                    hideousness and awkwardness that characterizes Vienna in particular. This
                    article turns to the darker side. In its deviance, malice and ability to make
                    its wearers impossible, Viennese fashion can be understood as an act of
                    resistance. Six case studies attempt to draw on rarely considered sources in
                    order to revise the linear narrative from the Congress of Vienna to the Wiener
                    Werkstätten. From Maria Theresia’s failed decrees to Empress Elisabeth’s naked
                    body to the modiste as delinquent, the small in-depth studies are limited to the
                    short period from the middle of the 18th to the second half of the 19th century.
                    Here, according to the thesis, the discursive prerequisites for a specifically
                    Viennese understanding of fashion are created.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_02-05_01">
                <p>Vor mir auf dem Bildschirm ein Pastell von Liotard, das werbewirksame
                    „Schokoladenmädchen“, gekleidet in einen blaugrauen, von Unterkonstruktionen zu
                    einer Glocke geformten Seidenrock, eine schneeweiße Schürze. Dazu ein kurzes,
                    senffarbenes Jäckchen aus Samt, dessen Rückteil schleifenartig ausläuft, mit
                    enganliegenden Ärmeln, die sich vom Ellenbogen abwärts erweitern. Auf seinem
                    Kopf thront eine Haube aus rosa Seide, mit einem hellblauen Seidenband
                    geschmückt und mit weißer Spitze gesäumt, an den Füßen pastellgelbe Seidenschuhe
                    mit hohem Absatz.<note xml:id="endnote_01"><p>Liotard, Jean-Étienne: La Belle
                            Chocolatière de Vienne [um 1743–1745], Pastell auf Pergament, 82,5 x
                            52,5 cm, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, Inv. Nr.: Gal.-Nr. P
                            161.</p></note> Diese junge Frau steht mitten in der Welt. Beinahe
                    haptisch, fotorealistisch dargestellt, in einem Medium, das keine Berührung
                    toleriert, ohne zu verwischen. Ist das Schokoladenmädchen eine Type, ein schönes
                    Ideal ohne Realitätsbezug?</p>
                <p>Aus demselben Jahr betrachte ich ein Portrait der sechsjährigen Marie-Antoinette,
                    die bestimmt und leicht arrogant die Betrachter:in anschaut. Bis auf eine kleine
                    blaue Schleife ist das Bild in zwei Farben gehalten: Rosa und Weiß. Sie trägt
                    ein rosa Seidenkleid mit schleifenbesetzter Front, ein gekräuseltes Seidenband
                    um den Hals und ein passendes, zwischen Schleife und Raffung changierendes
                    Stoffstück auf dem Kopf, und – das ist der Kern des Bildes – ein Webschiffchen
                    in der Hand, in das sie rosa Garn einspannt.<note xml:id="endnote_02"
                            ><p>Liotard, Jean-Étienne: Portrait de Maria Antonia (Marie-Antoinette),
                            Archiduchesse d’Autriche, future reine de France, une navette à la main
                            [1762], Schwarzstift, Rötel, Bleistift, Aquarell auf feinem
                            Vergé-Papier, 31,1 x 24,9 cm, Musée d'art et d'histoire, Genf, Inv. Nr.:
                            1947-0042.</p></note> Die beiden Bilder stehen in einem krassen,
                    befremdlichen Kontrast: Das Dienstmädchen wird als Konsumentin, die Erzherzogin
                    als Produzentin dargestellt. Was geschieht hier?</p>
                <p>Je länger ich mich mit Wiener Mode beschäftige, desto unmöglicher erscheint mir
                    das Unterfangen, wie etwa <ref type="bibl" target="#Hampel1976"
                        xml:id="ref_Hampel1976">Lucie Hampel (1976)</ref> eine kohärente Geschichte
                    zu erzählen. Repräsentative Hofportraits (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Sandbichler2021" xml:id="ref_Sandbichler2021">Sandbichler et al.
                        2021</ref>), festliche Ballkleider, von Makart inspirierte Aufmachungen,
                    elegante Damen der Jahrhundertwende, die Geradlinigkeit der Wiener Werkstätten
                    (vgl. u.a. <ref type="bibl" target="#ThunHohenstein2019"
                        xml:id="ref_ThunHohenstein2019">Thun-Hohenstein et al. 2019</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#Pallestrang2024" xml:id="ref_Pallestrang2024"
                        >Pallestrang 2024</ref>; <ref type="bibl" target="#Bonnefoit2023"
                        xml:id="ref_Bonnefoit2023">Bonnefoit/Celio-Scheurer 2023</ref>), die
                    Modeschule in Hetzendorf, die Modeklasse an der Angewandten – was in Wien
                    produziert und getragen wird, ist vor allem eines: schön. An der Fassade von
                    Kniže am Graben prangt in goldenen Lettern: New York – Paris – Bad Gastein. Ich
                    muss schmunzeln. Was mir bei meinem Spaziergang durch die Stadt begegnet, ist
                    überkommen, unpassend, ungelenk, grauenhaft bis unfreiwillig komisch, Inbegriff
                    des schlechten Geschmacks. Mich beschleicht das Gefühl, dass Wiener Mode mehr
                    ist als die Dinge, die uns auf Abbildungen verkauft werden. Vielleicht muss das
                    Phänomen von seiner Kehrseite betrachtet werden. Vielleicht – und so bildet sich
                    eine erste These – ist der schlechte Geschmack ein inhärentes Moment. Schlechter
                    Geschmack ist alles, was gewollt, aber nicht gekonnt ist. <hi rend="italic"
                        >Schlecht</hi> meint aber gerade nicht geschmacklos, sondern unbeholfen,
                    schwierig, gemein, übel, ungezogen, böse, verdorben, missglückt, schlimm –
                    Bedeutungen, die im englischen <hi rend="italic">bad</hi> klarer werden. Die
                    zweite These, die sich für die weitere Arbeit bewährt: Mode ist immer eine
                    Einheit von Kleidung und Körper, von Objekt und Raum.</p>
                <p>Von diesen Demarkationen ausgehend, versucht sich dieser Artikel in
                    Sondierungsgrabungen, Fallstudien, Aussichten auf selten erzählte Aspekte. Dabei
                    wird die Differenzierung zwischen Mode <hi rend="italic">in</hi> und Mode <hi
                        rend="italic">aus</hi> Wien unbrauchbar – stattdessen verwende ich im
                    Folgenden den weiter gefassten Begriff der <hi rend="italic">Wiener Mode</hi>.
                    Selbst die historischen Grenzen, die Wiener Mode mit dem Wiener Kongress
                    beginnen und mit den Wiener Werkstätten enden zu lassen, sagen wenig darüber
                    aus, wie sich spezifische Erscheinungen überhaupt erst herausbilden konnten.
                    Mein kurzer Beobachtungszeitraum von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19.
                    Jahrhunderts ermöglicht es, auf frühe Tendenzen der Devianz, der
                    Grenzüberschreitung und des subversiven Potentials hinzuweisen. Dieser Artikel,
                    ein methodischer Gemischtwarenladen, versucht daher die Bestimmung von modischen
                    Phänomenen ex negativo. Die bisweilen schlechte Quellenlage kann dabei nicht nur
                    ein Defizit sein – sie öffnet auch Räume für methodische Vielfalt (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Wagner1986" xml:id="ref_Wagner1986">Wagner
                    1986</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_02">
                <head>Do it Yourself! // Maria Theresia und die Fast Fashion</head>
                <p>Schon in den frühsten Texten zur Wiener Mode (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Seifried1886" xml:id="ref_Seifried1886">Seifried Helbling
                        1886</ref>) werden drei Störfaktoren benannt: die Gefahr,
                    Standesunterschiede zu verwischen, die Einbettung in ein internationales
                    Netzwerk und das Fehlschlagen jeder Regulierung. Die Begeisterung des Bürgertums
                    und der Bäuer:innen für Farben, Textilien und internationale Trends, kurzum die
                    Objekte der Begierde einer hochgradig konsumorientierten Gesellschaft, bedeutet
                    eine Verortung in der Welt und im sozialen Gefüge (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Rublack2022" xml:id="ref_Rublack2022">Rublack 2022</ref>).<note
                        xml:id="endnote_03"><p>Rublack beschäftigt sich v.a. mit Stadtstaaten und
                            Hansestädten, eröffnet aber auch auf Wien anwendbare
                        Perspektiven.</p></note> Luxuria, die sündhafte Verschwendungssucht, ist
                    eine Lebenseinstellung. Konsum, das wird dabei deutlich, beschäftigt die
                    Unterschicht und die breite Gesellschaft. Sie produzieren die Güter, um sie
                    selbst zu verbrauchen. Das Rad dreht sich immer schneller (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Rublack2022" xml:id="ref_Rublack2022_21">ebd.: 21–23</ref>).</p>
                <p>Die schiere Menge an Erlassen und Kleiderordnungen, mit denen Europa überschwemmt
                    wird, sind Ausdruck einer Hilflosigkeit. So ambitioniert Gesetze auch versuchen,
                    Einfluss auf die für Luxusartikel aufgewendeten Kapitalmengen zu nehmen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Rublack2022" xml:id="ref_Rublack2022_12">ebd.: 12;
                        98–99</ref>) – befolgt werden sie nie. Gerade in Wien scheitern sie
                    regelmäßig an der Ignoranz der Einwohner:innen und werden kurz nach ihrer
                    Veröffentlichung wieder aufgehoben (vgl. <ref type="bibl" target="#Walther1976"
                        xml:id="ref_Walther1976_9">Walter 1976: 9</ref>). Statt sie als reine
                    Einschränkungen zu lesen, hilft ein Perspektivwechsel: Verbote reagieren immer
                    auf eine bestehende Konsumkultur, dulden oder fördern gar bestimmte Praktiken.
                    Spätestens im 17. Jahrhundert tendieren Modeerlasse immer mehr zu kleineren,
                    kontrollierbaren Geltungsbereichen. Die Kleiderordnungen Karls VI. etwa
                    interessieren sich längst nicht mehr für Standeszugehörigkeit, sondern
                    beschränken sich zunehmend auf Importbeschränkungen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#MariaTheresia1893" xml:id="ref_MariaTheresia1893_341">Maria
                        Theresia 1893 [1762/1763]: 341</ref>). Mit einer gewissen Resignation und
                    gleichzeitig regelrecht obsessiv nimmt sich Maria Theresia wiederholt der
                    Verschwendungslust an.<note xml:id="endnote_04"><p>Die Verbindung von Obsession
                            und Ausdauer ist ein wesentlicher Zug Maria Theresias, etwa auch bei der
                            Klärung der Frage, ob es Vampire wirklich gibt. Das Thema treibt sie von
                            1755 bis 1768 um.</p></note> In einem Handschreiben aus dem Jahr 1762
                    fordert sie eindringlich von ihrem Hofrat einen Gesetzesentwurf zur Eindämmung
                    des Luxus. Ihre Bevölkerung, so fürchtet sie, könnte durch den Abfluss
                    beträchtlicher Geldmengen ins Ausland nicht nur sich selbst, sondern den Staat
                    als Ganzes schwächen (vgl. <ref type="bibl" target="#MariaTheresia1893"
                        xml:id="ref_MariaTheresia1893_342">Maria Theresia 1893: 342</ref>). Die
                    Antwort des Kommerzienrates bestätigt ihre Diagnose zwar, weist jedoch auch
                    darauf hin, dass solche Erlasse in einer Residenzstadt zum Scheitern verurteilt
                    seien. Vielmehr sei mit dem Widerstand von Manufakturarbeiter:innen und
                    Kaufleuten zu rechnen, deren Existenz – insbesondere im Textilzentrum Wien – von
                    einer Luxusindustrie abhängig ist (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#MariaTheresia1893" xml:id="ref_MariaTheresia1893_343">ebd.:
                        343</ref>). Er schlägt daher vor, lediglich den Abfluss von Kapital ins
                    Ausland einzudämmen und die heimische Modebranche zu stärken, statt sie zu
                    regulieren. Die Idee dahinter ist, das Konsumverhalten der Gesellschaft sogar
                    zur Sanierung des Staatshaushalts zu nutzen, indem sie mit hochwertigen Rip-Offs
                    zu günstigeren Preisen versorgt wird (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#MariaTheresia1893" xml:id="ref_MariaTheresia1893_343ff">ebd.: S.
                        343–345</ref>). Ganz ohne das Zutun der Textillobby ist dieser Vorschlag
                    freilich nicht zustande gekommen.<note xml:id="endnote_05"><p>Vgl. das Protokoll
                            des Kommerzienrats vom 31. Juli 1766, in dem sich der Wiener
                            Handelsstand gegen die geplante Polizeiordnung wehrt (<ref type="bibl"
                                target="#MariaTheresia1893" xml:id="ref_MariaTheresia1893_346">Maria
                                Theresia 1893: 346</ref>).</p></note> Tatsächlich billigt Maria
                    Theresia den Gegenentwurf, beharrt aber auf dem Problem des Schmucks, gegen
                    dessen heimlichen Import auch ihr Kommerzienrat keine Lösung gefunden hatte
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#MariaTheresia1893"
                        xml:id="ref_MariaTheresia1893_344">ebd.: 344</ref>). Obwohl sich in Wien
                    allmählich eine Kunstperlenindustrie etabliert hat und Silber längst aus
                    heimischen Bergwerken gewonnen wird, müssen die meisten der begehrten
                    Materialien importiert werden. Die ungeheuren Summen sind offenbar Anlass zur
                    Sorge, und obwohl sie perspektivisch auch dem eigenen Hof an den Kragen will,
                    merkt Maria Theresia an, dass das Pferd von hinten aufzuzäumen ist. Im August
                    1763 formuliert sie eine mühsame Aufstellung, wer wann welchen Schmuck zu tragen
                    habe:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_MariaTheresia1893_347">In Ansehung des Geschmucks unter dem
                        4. July erstatteten Vortrag habe Ich das Einrathen in deme zu begnehmigen
                        gefunden, dass der mässige Gebrauch des Geschmucks […] denen Personen von
                        minderem Rang gänzlich verboten und diese Mässigung respectu deren erstem
                        dahin bestimmt werde, dass die Männer Ringe und die ihnen zustehenden Orden
                        auch das von Mir erhaltene Portrait mit Geschmucks besetzter, die Frauen
                        aber nebst denen Ringen, Ohrgehängen, eine mässige Zierde um den Hals und
                        eine einzige Egrette oder Schlupfe und dieses zwar nur auf einige Zeit zu
                        tragen befugt sein sollen ; allermassen Ich nach 5 Jahren die Tragung des
                        Geschmucks vollkommen zu verbieten geneigt bin. […] Am ersten ist annoch
                        diese Vorsehung bey dem Burger und Bauernstand erforderlich [und] nicht bey
                        dem Adel und übrigen höheren, sondern bey dem geringsten Stande der Anfang
                        zu machen seyn wolle (<ref type="bibl" target="#MariaTheresia1893"
                            xml:id="ref_MariaTheresia1893_347">ebd.: 347f.</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Es sind also die Bäuer:innen und Bürger:innen, die Breite der Gesellschaft, bei
                    der sie ansetzen will, um Dinge im großen Maßstab zu verändern. Dass ihr
                    Unterfangen genauso hoffnungslos ist wie die Erlässe früherer Jahrhunderte, wird
                    ihr offenbar bewusst, die politischen Bemerkungen zum Thema Mode reißen ab. Zwar
                    kann sie bei Hofe als Vorbild wirken,<note xml:id="endnote_06"><p>Maria
                            Theresias Vorliebe für Perlen lässt sich auch mit der Wiener Industrie
                            für Kunstperlen decken.</p></note> doch der Kreis derer, auf die die
                    Regentin direkten Einfluss ausüben kann, beschränkt sich auf ein Minimum (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Hengerer2021" xml:id="ref_Hengerer2021_9"
                        >Hengerer/Drossbach 2021: 9–24</ref>). Sie selbst verliert das Interesse an
                    der Verknüpfung von Mode und Verderben ihr Leben lang nicht. Die Frage, die sie
                    dreizehn Jahre später umtreibt, ist aber eine ganz andere: <emph>Wie kann
                        ausgerechnet ich ein derart missratenes Kind haben?</emph><note
                        xml:id="endnote_07"><p>So entsetzt sie sich etwa in einem Brief vom 2.
                            September 1776 über die Gerüchte, Marie-Antoinette habe durch den Kauf
                            von Armbändern eine Staatsschuldenkrise ausgelöst und das Defizit mit
                            weit unter Wert verkauften Diamanten ausgeglichen (vgl. <ref type="bibl"
                                target="#MariaTheresia1865" xml:id="ref_MariaTheresia1865_174">Maria
                                Theresia/Marie-Antoinette 1865: 174)</ref>.</p></note></p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_03">
                <head>Body Shaming, Body Shaping // Ideale Nacktheit</head>
                <p>Mit der Mode verbunden ist immer auch die Frage nach dem Körper. Maria Theresias
                    Briefe an ihre Tochter strotzen vor Kritik und vor Zweifel an deren moralischer
                    Integrität – nicht zuletzt aber an ihrer Figur. Ganz selten tauchen in dieser
                    Sammlung an Ratschlägen, Beschwerden, Entsetzen wohlwollende Passagen auf. Maria
                    Theresia lässt sich von einem dichten Netz an Korrespondent:innen, Kurieren,
                    Gesandten und Malern bis ins letzte Detail über den Zustand Marie-Antoinettes
                        informieren.<note xml:id="endnote_08"><p>Darunter Liotard, den
                            Marie-Antoinette erst nach mehrmaligem Drängen empfängt (vgl. <ref
                                type="bibl" target="#MariaTheresia1865"
                                xml:id="ref_MariaTheresia1865_11">Maria Theresia/Marie-Antoinette
                                1865: 11, 14</ref>) und ein Portrait nach Wien schickt, das Maria
                            Theresia als <quote source="#ref_MariaTheresia1865_22">masse</quote> (in
                            der Doppelbedeutung <quote source="#ref_MariaTheresia1865_22"
                                >Masserahmen</quote> und <quote source="#ref_MariaTheresia1865_22"
                                >unförmige Ansammlung</quote>) (<ref type="bibl"
                                target="#MariaTheresia1865" xml:id="ref_MariaTheresia1865_22">ebd.:
                                22</ref>) bezeichnet.</p></note> Bereits ein halbes Jahr nach der
                    Hochzeit kommt Marie-Antoinettes Veränderung zur Sprache:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_MariaTheresia_8">[Le] courrier, qui était à votre suite; il
                        vous trouve grandie, et engraissée. Si vous ne me l’assuriez sur le corps,
                        que vous portez, cette circonstance m’aurait inquiété, crainte, comme on dit
                        en Allemand: <hi rend="italic">auseinandergehen.</hi> […] La Windischgraetz
                        […] m’a avoué que vous négligez beaucoup et même sur la propreté des dents;
                        c’est un point capital de même que la taille, qu’elle a aussi trouvée
                        empirée […]; elle a aussi ajouté que vous êtes mal mise […]. J’ai pensé si
                        vous vouliez m’envoyer une bonne mesure, vous faire ici des corps ou
                        corsettes. On dit que ceux de Paris sont trop forts; je vous les enverrai
                        par courrier. […] Liotard […] va par exprès à Paris pour […] m’ […] envoyer
                        [un portrait] (<ref type="bibl" target="#MariaTheresia1865"
                            xml:id="ref_MariaTheresia_8">Maria Theresia/Marie-Antoinette 1865
                            [01.11.1770]: 8–11</ref>).<note xml:id="endnote_09"><p><quote
                                    source="#ref_MariaTheresia_8">Der Kurier, der in Ihrem Gefolge
                                    war, findet Sie groß und fett geworden. Wenn Sie mir nicht
                                    versichern würden, dass Sie ein Korsett tragen, so würde mich
                                    dieser Umstand beunruhigen, denn ich befürchte, dass Sie, wie
                                    man auf Deutsch sagt: auseinandergehen [...]. Die Windischgraetz
                                    [...] hat mir gestanden, dass Sie sich sehr vernachlässigen,
                                    sogar, was die Sauberkeit der Zähne betrifft; das ist ein
                                    genauso wichtiger Punkt wie die Taille, die sie auch noch übler
                                    gefunden hat [...]; sie hat auch hinzugefügt, dass Sie schlecht
                                    gekleidet sind. [...] Ich habe darüber nachgedacht, Ihnen, wenn
                                    Sie mir ein gutes Maß schicken wollten, hier Mieder oder
                                    Korsetts anfertigen zu lassen. Man sagt, dass die aus Paris zu
                                    fest sind; ich werde sie Ihnen per Kurier schicken. Liotard
                                    fährt eiligst nach Paris, um [...] mir [...] [ein Porträt] zu
                                    schicken.</quote> (Übers. FR)</p></note></quote>
                </cit>
                <p>Trotz der drastischen Wortwahl<note xml:id="endnote_10"><p>Paul Christoph
                            übersetzt „engraissé“ verharmlosend mit „zugenommen haben“. Das Wort
                            „Engraissé“ bedeutet schlichtweg „fett geworden“ (vgl. <ref type="bibl"
                                target="#MariaTheresia2017" xml:id="ref_MariaTheresia2017_27">Maria
                                Theresia/Marie-Antoinette 2017: 27).</ref></p></note> fehlt ein
                    wesentlicher Punkt in den Briefen: So unglücklich sie über die Verfassung
                    Marie-Antoinettes sein mag – die Aufforderung abzunehmen, findet sich an keiner
                    Stelle. Das zentrale Problem ist vielmehr, dass die Kleidung der Tochter „nicht
                        passt“.<note xml:id="endnote_11"><p>So notiert eine Augenzeugin der Hochzeit
                            am 16. Mai 1770: <quote source="#ref_SeymourPercy1926_113">The dauphine
                                was very fine in diamonds. [...], the Corps of her Robe was too
                                small &amp; left quite a broad stripe of lacing &amp; Shift quite
                                visible, which had a bad effect between 2 broader stripes of
                                Diamonds, She really had quite a Load of Jewells.</quote> (<ref
                                type="bibl" target="#SeymourPercy1926"
                                xml:id="ref_SeymourPercy1926_113">Percy 1926:
                        113f.</ref>)</p></note> Konsequenterweise stellt Maria Theresia die
                    Möglichkeit in den Raum, die offenbar steiferen französischen Korsette schlicht
                    gegen flexiblere Wiener Versionen auszutauschen.<note xml:id="endnote_12"
                            ><p>Korsette bestehen – mit regional spezifischen Ausprägungen – bis zur
                            Mitte des 19. Jahrhunderts aus dicken Stoffen, Pappe, Stäben aus
                            Fischbein, Weidenholz und anderen biegsamen Materialien.</p></note> Dass
                    das Korsett direkt in die Physis eingreift, steht – entgegen einer verbreiteten
                    Lesart dieses Kleidungsstücks – nicht zur Debatte.<note xml:id="endnote_13"
                            ><p>Noch in rezenten Artikeln findet sich die Vorstellung, dass die Body
                            Modification lediglich Ausdruck einer patriarchalen, die Frau in ihrer
                            Bewegungsfreiheit einschränkenden Geisteshaltung sei (vgl. u.a. <ref
                                type="bibl" target="#Schillig2015" xml:id="ref_Schillig2015"
                                >Schillig 2015</ref>).</p></note> Zentral ist die Frage nach den
                    Proportionen. Die Taille, die Maria Theresia nicht verändern kann und will, ist
                    in der Praxis des 18. Jahrhunderts eine optische Illusion: Nicht die Diminuation
                    der Körpermitte ist das eigentliche Unterfangen, sondern die gezielte
                    Augmentation von Schultern (durch Polsterungen in Miedern, Schulterpolster,
                    Tücher, Puffärmel, Raffungen) und der unteren Körperhälfte (durch mehrere Lagen
                    von Röcken, und Unterkonstruktionen wie dem Panier, den Bauschungen von Jacken
                    und hohe Schuhe – was von der Frühen Neuzeit bis zur Neuen Tracht der
                    Nachkriegszeit gilt). Die weitestgehend ahistorische Deutung von Korsetten fußt
                    auf zeitgenössischen Texten, die ein Scheinproblem kreieren und bis heute ihr
                    Unwesen treiben: Bereits im 18. Jahrhundert erscheinen unzählige Abhandlungen
                    von Autoren – überwiegend Medizinern (vgl. u.a. <ref type="bibl"
                        target="#Gerber1735" xml:id="ref_Gerber1735">Gerber 1735</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#Soemmerring1788" xml:id="ref_Soemmerring1788"
                        >Soemmerring 1788</ref>) –, die das Korsett unter dem Deckmantel der Gefahr
                    für die weibliche Gesundheit, wobei vor allem Gebärfähigkeit gemeint ist,
                    kritisieren. (Die spärliche Überlieferung von Stücken, umso mehr aber Portraits
                    und weibliche (Selbst-)Beschreibungen zeugen von einer breiten Palette an
                    Angeboten: Es gibt Korsette für Arbeiterinnen, Schwangere, Reiterinnen etc.)
                    Diese Männer tun ihre Verachtung kund, reagieren gehässig und besorgt auf jede
                    Form der Körpermodifikation – was auch für Make-Up gilt (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Eldridge2015" xml:id="ref_Eldridge2015">Eldridge 2015</ref>) –,
                    scheitern aber an der Beharrlichkeit, mit der sich Frauen gegen solche
                    Einflussversuche wehren. Anstatt das als hässlich oder schädlich titulierte
                    Kleidungsstück fügsam abzulegen, ist beinahe das Gegenteil der Fall. Das
                    Korsett, so eine andere Lesart, kann Ausdruck einer selbstbestimmten physischen,
                    moralischen und nicht zuletzt politischen Aufrichtigkeit sein.<note
                        xml:id="endnote_14"><p>Anthropologische Erklärungen, das Korsett diene der
                            Betonung sexueller Reize, gehen dem satirischen Topos der beinahe
                            vollständig entblößten Brust auf den Leim. Während Illustrationen zur
                            fehlenden Moralität von Frauen dieses Bild prägen, sieht die Praxis
                            anders aus: Dekolletees werden ab dem 16. Jahrhundert durch
                            hochgeschlossene Kleider oder Tücher ergänzt. Wichtig ist an dieser
                            Stelle auch, dass das Korsett nicht auf Frauen beschränkt ist. Sieht man
                            sich ein Portrait des jungen Franz Joseph an, sticht sofort die extrem
                            schmale Taille ins Auge (vgl. Einsle, Anton: Kaiser Franz Joseph I. in
                            der Galauniform eines österreichischen Feldmarschalls [1851], Öl auf
                            Leinwand, 250 × 163 cm, Belvedere, Wien, Inv. Nr.: Lg 1625).
                            Männerkorsette gehörten bis weit ins 19. Jahrhundert ausgerechnet zur
                            Militärgarderobe und leben bis heute in versteiften Frackhemden und den
                            Schulterpolstern von Sakkos weiter.</p></note> Formung, Passung und
                    Angemessenheit spielen zusammen. Die Briefe Maria Theresias sind damit nicht
                    (nur) Zeugnisse persönlichen Body Shamings, sondern eine intensive
                    Auseinandersetzung mit dem Wesen der Mode, Ausdruck der Vorstellung, dass
                    Kleidung erst zu Mode wird, wenn sie mit dem Körper eine Verbindung eingeht.</p>
                <p>Die Theorie und Praxis der Mode wird in einem neuen Medium um die Komponente der
                        <hi rend="italic">Präsentation</hi> radikal verändert: In den Zeitschriften,
                    die ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von Paris bis Wien aus dem Boden
                    schießen, dienen Frauenfiguren in erster Linie als Kleiderständer, als
                    illustrativer Nicht-Körper.<note xml:id="endnote_15"><p>Vgl. dazu etwa die
                            Abbildungen im <hi rend="italic">Journal des Luxus und der Moden</hi>
                            vom März 1787 (Kupfertafel 8) und Mai 1787 (Kupfertafel 13) bzw. Juli
                            1787 (Kupfertafel 20), August 1787 (Kupfertafel 22) und September 1787
                            (Kupfertafel 25).</p></note> Zum ersten Mal wird Mode von der Physis
                    getrennt und ein standardisierter, unveränderlicher weiblicher Körper
                    vorausgesetzt. Je populärer und erschwinglicher Mode wird, desto stärker rückt
                    das Privileg der <emph>guten Figur</emph> in den Vordergrund. Die Abbildungen,
                    mit denen das (weibliche) Publikum regelrecht überschwemmt wird, kehren eine
                    wesentliche Logik der Mode um: Statt Körper durch den Einsatz vielfältiger
                    Augmentationen und Diminutionen zu erweitern, bilden von nun an Körperideale die
                    Voraussetzung einer modischen Teilhabe. Während vordergründig lediglich neue
                    Modetrends vorgeführt werden, beginnt implizit die Gleichsetzung des <hi
                        rend="italic">schönen</hi> Körpers mit dem <hi rend="italic">nackten</hi>
                    Körper. Wie sehr diese Vorstellung lange vor Size Zero auf die eigene physische
                    Erscheinung rückwirkt, wird in Wien besonders am Beispiel Kaiserin Elisabeths
                    deutlich: Einerseits verschmilzt sie in allgegenwärtigen Portraits mit ihren
                    Kleidern zu einer Skulptur,<note xml:id="endnote_16"><p>Zu diesem Thema sei
                            insbesondere <ref type="bibl" target="#Hensel2023"
                                xml:id="ref_Hensel2023">Hensel 2023</ref> empfohlen.</p></note>
                    andererseits formt sie durch Hungerkuren und fanatischen Sport die eigenen
                    Dimensionen. Das Signal ist klar: Konnte noch vor einigen Jahrzehnten niemand
                    wie Maria Theresia gekleidet sein, weil schlicht das Kapital fehlte, birgt das
                    Schlankheitsideal zumindest das Versprechen, sich der Kaiserin anzunähern. Die
                    neue Ikonographie von Kleidung – die in meinem Verständnis durch ihre
                    Körperlosigkeit nicht mehr als Mode verstanden werden kann – birgt permanent das
                    Potential zu scheitern. Mit Kleidung, die in der Praxis nicht an Puppen hängt,
                    laufen Frauen nicht mehr die Gefahr, schlecht gekleidet zu sein, sondern <hi
                        rend="italic">nicht die Figur zu haben</hi>.<note xml:id="endnote_17"><p>Das
                            gilt nicht bloß für die schmalen Kleider des Empire, sondern
                            bezeichnenderweise gerade für das Reformkleid der Wiener Werkstätten,
                            das eine lange, schmale Silhouette anstrebt.</p></note> Mit der
                    Befreiung in der Imagination entstehen neue Zwänge in der Umsetzung.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_04">
                <head>Recycling, Upcycling // Stifter und der Tod der Dinge</head>
                <p>Ging es bisher vor allem um das Anziehen von Kleidern, steht an dieser Stelle das
                    Abgelegte im Fokus. Mode als Kommunikationssystem aller Klassen beruht nämlich
                    nicht nur auf durch Bilder vermittelten Trends, sondern auch auf der
                    Netzwerkbildung über physische Objekte. Modewandel bedeutet vor dem
                    Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre nicht die ständige Anschaffung von
                    Neuem, sondern den kreativen Prozess der Adaption. Während kurzfristige
                    Umarbeitungen schnell auf Innovationen reagieren können, spielt die generative
                    Kommunikation über Wiederverwertung, Schenkung und Vererbung eine wichtige
                    Rolle. Kleider werden hier zur Währung – und damit zu einem Gut, das permanent
                    gepflegt und verfügbar gehalten werden muss (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Rublack2022" xml:id="ref_Rublack2022_22">Rublack 2022: 22f.</ref>).
                    Das Besondere an dieser Form des Wirtschaftens ist, dass alle Beteiligten an
                    Status gewinnen: Die Schenkerin hält sich durch Objekte in Erinnerung, die
                    Beschenkte kann nicht nur modisch brillieren (und damit Kategorien der sozialen
                    Klasse aufweichen), sondern gleichzeitig auch (etwa als Bedienstete) den Status
                    des Hauses repräsentieren (vgl. <ref type="bibl" target="#Rublack2022"
                        xml:id="ref_Rublack2022_242">ebd.: 242</ref>) – es entsteht ein
                    geschlossener Kreislauf an Prestige. Wie kaum ein anderer Gegenstand vermag
                    Kleidung soziale Netzwerke sichtbar zu machen. Erweitert man den Austausch
                    zwischen Einzelpersonen um den Faktor professioneller Händler:innen, entsteht
                    ein eigener Wirtschaftssektor. Stifters <hi rend="italic">Tandelmarkt</hi>
                    liefert ein Beispiel für diesen – im Text zumindest in seiner Ausdehnung als
                    Wiener Spezifikum benannten – Upcycling-Betrieb:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Stifter1844_231">[V]on dem kostbaren Perlenschmuck und der
                        goldenen Cilinderuhr an bis zu dem einzelnen verrosteten Schuhnagel herab,
                        von den Zobel- und Hermelinpelze bis zu dem vertretenen Stallpantoffel, von
                        Silber, Borden und Seidengeflechte bis zu altem weggeworfenen Riemwerk und
                        Leder. Alle Stände, alle Alter und Geschlechter, alle Zeiten sind hier
                        repräsentiert (<ref type="bibl" target="#Stifter1844"
                            xml:id="ref_Stifter1844_231">Stifter 1844: 231</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Das Verlockende an diesem Einkaufsparadies ist (neben der kostengünstigen
                    Anschaffung für Kund:innen und der immer noch großen Gewinnspanne der
                    Händler:innen) die Möglichkeit, Kleidung sofort zu erwerben und gegebenenfalls
                    rasch vor Ort anpassen zu lassen, ohne auf lange Wartezeiten bei Schneider:innen
                    angewiesen zu sein. Auf dem Markt finden sich auch neue Stücke, die zuerst
                    einmal nicht auf einen bestimmten Körper zugeschnitten sind und daher potenziell
                    auch nicht gekauft werden müssen. Kurzum alles, was Konsumimpulse auf der Stelle
                    befriedigen kann. Doch Stifters durch und durch wienerischem Text ist der Tod an
                    allen Ecken und Enden eingeschrieben. Bereits die lange Einleitung zu der
                    verhältnismäßig kurzen Erzählung handelt von der Melancholie, die das Alte als
                    Zeugnis und Erinnerung an die unwiederbringlich verlorene – aber unbestimmte –
                    Vergangenheit hervorruft. Umso akribischer versucht Stifter möglichst viele
                    Gegenstände zu schildern, um sie dem Verschwinden zu entziehen.<note
                        xml:id="endnote_18"><p>Melancholischer Ton und Akribie sind im gesamten Werk
                            Stifters wesentliche Kompositionsprinzipien.</p></note> Der Markt selbst
                    wird zu einem Friedhof der <quote source="#ref_Stifter1844_231b">Dinge, die im
                        Leben himmelweit auseinander standen, […] [und die] hier friedlich und
                        ebenbürtig beisammen[liegen]</quote> (<ref type="bibl" target="#Stifter1844"
                        xml:id="ref_Stifter1844_231b">Stifter 1844: 231</ref>). Die Egalität des
                    Konsums ist ewiger Friede und Fegefeuer zugleich, denn <quote
                        source="#ref_Stifter1844_233">wie Delinquenten hängen die Röcke gebürstet,
                        gepreßt und herausgeputzt, die Kappen und Mützen gaffen und glotzen auf den
                        Bänken, […] und Frauenröcke und Schürzen sträuben sich</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Stifter1844" xml:id="ref_Stifter1844_233">ebd.:
                        233</ref>). Mit jedem gescheiterten Handel rückt die Vergänglichkeit
                    bedrückend nahe – und selbst im wörtlichen Sinne sind die einen oder anderen
                    Verkaufsgüter mit dem Tod in Berührung gekommen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Stifter1844" xml:id="ref_Stifter1844_234">ebd.: 234f.</ref>). Nicht
                    zuletzt ist eines sicher: Auch der Tandelmarkt selbst wird verschwinden (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Stifter1844" xml:id="ref_Stifter1844_230">ebd.:
                        230</ref>). Interessant für meine These, dass Kleidung erst durch den Körper
                    zu Mode werden kann, ist das völlige Fehlen eines engen Modebegriffes im
                        Text.<note xml:id="endnote_19"><p>Stifter verwendet „Mode“ höchstens als
                            Synonym für „modern“ (vgl. <ref type="bibl" target="#Stifter1844"
                                xml:id="ref_Stifter1844_227">ebd.: 227, 229, 237,
                        240).</ref></p></note> Die einzige Möglichkeit, dem Verfall
                    entgegenzuwirken, ist Kleidung zu kaufen und zu tragen.<note xml:id="endnote_20"
                            ><p>Dasselbe Prinzip verfolgen Schnittmuster und Nähanleitungen, die
                            nach den beiden Weltkriegen in Zeitschriften publiziert wurden, um alte
                            Feldmäntel zu modischen Kostümen umzuarbeiten.</p></note></p>
                <p>Das führt direkt zu einem der wesentlichen Probleme der Forschung oder, genauer
                    gesagt, der Sammlungspraxis. Bisher kommen in diesem Beitrag ausschließlich
                    Texte (im engeren Sinne, aber auch als Bilder) vor. Die Textilien hingegen sind
                    – zumindest als Mode – kaum greifbar. Zwar finden sich in zahlreichen
                    Modesammlungen und Textilmuseen Artefakte (von Dessinentwürfen über Musterbücher
                    bis hin zu Designer:innenstücken). Doch Mode als getragene Kleidung lässt sich
                    selten identifizieren, geschweige denn in generative Systeme einordnen.
                    Sicherlich spielt die begrenzte Haltbarkeit von Stoffen in einem
                    nicht-konservatorischen Umfeld eine gewichtige Rolle. Was nicht mehr tragbar
                    ist, wird früher oder später von Menschen vergessen oder von Motten gefressen.
                    Bedeutender ist aber die Politik von Modesammlungen. Sie führen in extremo die
                    Konzentration des 19. Jahrhunderts auf das Original, das Urtextil vor. Was nicht
                    prototypisch oder intakt genug war, wurde in der Regel verworfen.<note
                        xml:id="endnote_21"><p>Mit Ausnahme weniger Kleidungsstücke, die konkret an
                            eine Person gebunden waren, wie etwa einer verhältnismäßig großen
                            Sammlung von Kleidern von Kaiserin Elisabeth in verschiedenen Wiener
                            Museen.</p></note> Auch wenn sich die Sammlungspraxis in den letzten
                    Jahrzehnten von einer solchen Perspektive zunehmend abwendet, kann die Zeit
                    nicht zurückgedreht werden. Kleidung als Mode, als in einen sozialen Kontext
                    verwobenes Zeichensystem mit höchst individueller Geschichte ist weitestgehend
                    unrekonstruierbar verloren. Auf die Gegenwart bezogen hängen die Sammlungen noch
                    immer an der Fixierung auf einen Urzustand: Bis heute wollen Museen wenn möglich
                    Designer:innenkleider direkt aus den Ateliers, ohne Modifikationen, ohne Spuren
                    des Gebrauchs. Während sie versuchen, historische Löcher zu stopfen, erweitern
                    sie den Friedhof der toten Dinge.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_05">
                <head>Fake News // Fadenscheiniger Nationalismus</head>
                <p>Was ist nun aber Wiener Mode? Praktisch wäre es, ihren Anfang mit dem Wiener
                    Kongress zu definieren, zwei Labels zu kombinieren, die schon in der Bezeichnung
                    zusammenpassen (vgl. <ref type="bibl" target="#Walther1976"
                        xml:id="ref_Walther1976_12">Walther: 12f.</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Buxbaum1986" xml:id="ref_Buxbaum1986_54">Buxbaum 1986:
                    54ff.</ref>). Die Argumente für diese These stützen sich einerseits auf die
                    Emanzipation von dem Diktat Frankreichs in post-napoleonischer Zeit, die
                    Vielzahl an modischen Einflüssen durch die Kongressbesucher:innen oder das
                    Aufkommen der <hi rend="italic">Wiener-Moden-Zeitung</hi> 1816. Wie ich versucht
                    habe zu zeigen, bestanden schon lange vor den 1810er Jahren feine, aber
                    bemerkenswerte Eigenheiten der Wiener Mode. Zum anderen rückt die Vorstellung,
                    dass Wien mit dem Kongress zu einem Melting Pot wird, der in der Integration
                    „fremder“ Elemente eine eigene Mode entwickelt, die Stadt an eine historisch
                    nicht haltbare Peripherie. Dass die Wien sich längst in einem regen modischen
                    Austausch mit anderen Herrschaftsgebieten (etwa den Magnat:innen aus den
                    östlichen Reichsteilen, aber auch den Osmanen) befindet, wird bei diesem Ansatz
                    komplett ausgeblendet.<note xml:id="endnote_22"><p>Dasselbe gilt übrigens
                            genauso für die Vorstellung einer kompletten Moderevolution im Zuge der
                            Weltausstellung 1873.</p></note> Zum Dritten konzentrieren sich Analysen
                    der Modezeitungen oft auf die reinen Textpassagen, ohne die Stiche ausreichend
                    zu berücksichtigen.</p>
                <p>Und wieder taucht Maria Theresia auf, diesmal in einem Maskenball-Outfit: Martin
                    van Meytens zeigt die Herrscherin in einem „türkischen“ Kostüm aus Samt,
                    Goldposamenten und Hermelin.<note xml:id="endnote_23"><p>van Meytens, Martin
                            (Zuschreibung unsicher): Maria Theresia in türkischem Kostüm [um 1744],
                            Öl auf Leinwand, 97 x 76,5 cm, Schloss Schönbrunn, Wien, Inv. Nr.: SKB
                            001407.</p></note> Die Maske in ihrer Hand markiert deutlich: Seht mich
                    an, ich bin verkleidet, ich stehe außerhalb des Alltags. In diesem Bild wird die
                    Osmanophobie zu Gunsten der Staffage zurückgestellt. Die Herrscherin eignet sich
                    das Fremde an, zieht es so nahe an sich, dass sie es anziehen kann. Sie glaubt
                    zu wissen, wie sich osmanische Mode anfühlt – und zumindest was die Materialien
                    betrifft, ist sie bestens informiert. Die Beschränkung auf den heimischen
                    Textilmarkt, die sie so stark propagiert, scheint vergessen. Hier wird deutlich,
                    dass die Faszination sich auf ein Wissen bezieht, das auf einem
                    jahrhundertelangen – nicht bloß militärischen – Austausch mit dem Osmanischen
                    Reich beruht. Stoffe, Muster, Farben werden importiert, kopiert, interpretiert.
                    Rasche Modewechsel von Chinoiserien und Japonerien bis hin zur Mode à la Turque
                    und ungarischen Kostümen spiegeln die Vernetzung Wiens in der Welt wider.<note
                        xml:id="endnote_24"><p>Wie sehr das „Fremde“ die europäischen Höfe
                            beschäftigt, zeigt eine Gemäldesammlung, die in ihrem Bad Taste selbst
                            aus der Perspektive der Cultural Appropriation unterhaltsam ist: In 56
                            Bildern lässt sich Sibylla Augusta, die Markgräfin von Baden-Baden, in
                            verschiedenen Kostümen abbilden. Gesicht, Pose, Körper werden als
                            copy-paste in die Serie eingefügt, lediglich die Staffage ändert sich.
                            Besonders absurd ist die Verkleidung als Sklavin, mit einer an Armband
                            und Kleidersaum befestigten Silberkette und einer Zipfelmütze, auf der
                            sich diamantenbesetzte Maiglöckchen erheben. Vgl. Ivenet, Nicolas
                            (Zuschreibung unsicher): Markgräfin Sibylla Augusta als Sklavin [um
                            1700–1710], Tempera auf Pergament, auf Holz aufgezogen, 28,3 x 20 cm,
                            Staatliche Schlösser und Gärten, Karlsruhe, Inv. Nr.: G
                        8451).</p></note> Jede Neuigkeit wird direkt in Mode übersetzt. So sind mit
                    dem ersten Elefanten in der Schönbrunner Menagerie auf einmal Frisuren „à
                        l’Elefant“<note xml:id="endnote_25"><p>Anonym: Weibliche Hutmoden und Frisur
                            à l’Elefant [1793]. Kolorierter Kupferstich, Plattenmaß 17,5 x 9,5 cm,
                            Wien Museum, Inv. Nr.: M 30086.</p></note> und 1828 mit der ersten
                    Giraffe „à la Girafe“<note xml:id="endnote_26"><p>Staub, Andreas: Dlle PECHE. K.
                            K. Hofschauspielerinn [1831], Lithografie, 49,4 x 32,1, Wien Museum,
                            Inv. Nr.: W 5163.</p></note> Einflüsse auch von Wien aus verbreiten,
                    lässt sich etwa am Wiener Schal, der auf osmanischen Vorlagen beruht, zeigen. Im
                    späten 18. Jahrhundert wird dieser zum Exportschlager, der seine Reise durch
                    Europa antritt und zu einem regelrechten Must Have avanciert. Dasselbe gilt für
                    auch für reiche, als typisch wienerisch rezipierte Posamente.</p>
                <p>Mode ist – und das gilt ganz besonders für Wien – schon früh in einen globalen
                    Kontext eingebunden. Die Dichotomie Wien-Paris wird erst im frühen 19.
                    Jahrhundert schlagend und vermischt sich mit der (bekanntlich aus der
                    französischen Philosophie entlehnten) Forderung nach mehr Natürlichkeit.<note
                        xml:id="endnote_27"><p>„Natürlichkeit“, bei der immer vage bleibt, worin sie
                            eigentlich besteht, wird als Erwartung ausschließlich an Frauen
                            herangetragen. Männer hingegen bleibt die bürgerliche „Seriosität“ als
                            politischen Subjekten vorbehalten. So kündigt das Blatt auf S. 7 die
                            Option an, bei Bedarf auch Beilagen zur Männermode zu drucken. Dieser
                            Zeitpunkt ist offenbar nie gekommen.</p></note> Auf einmal werden
                    bestehende Diskurse und Praktiken nationalistisch aufgeladen. So strotzen die
                    ersten Seiten der kurz nach dem Kongress erscheinenden <hi rend="italic"
                        >Wiener-Moden-Zeitung</hi> vor hochtrabender Deutschtümelei.<note
                        xml:id="endnote_28"><p><quote source="#ref_AnonymSH1816_5">So bleibt es doch
                                immer die Aufgabe der Mode […], den Forderungen des
                                Volkseigenthümlichen zu genügen, und überdies nicht phantastisch und
                                durch Zwang unbequem und lästig zu werden.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#AnonymSH1816" xml:id="ref_AnonymSH1816_5">Anonym (S.H.)
                                1816: 5</ref>)</p></note> Eine wahrhafte, dem „Volkscharakter“
                    entsprechende Mode, so lautet das Postulat, ist vor allem eines: nicht
                    französisch. Um zu sehen, wie wenig erfolgsversprechend diese Idee am Ende
                        ist,<note xml:id="endnote_29"><p>Das klingt schon in der Einleitung zur
                            ersten Ausgabe an (vgl. <ref type="bibl" target="#AnonymSH1816"
                                xml:id="ref_AnonymSH1816_4">Anonym (S.H.) (1816):
                        4</ref>).</p></note> lohnt sich ein Blick auf die Modestiche, die jeweils am
                    Schluss jeder Ausgabe stehen und besonders angepriesen werden:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Anonym1816_8">Sie liefer[n] treue Abbildungen des Neuesten
                        und Geschmackvollsten, was der durch reiche Erfindung und reinen Sinn für
                        das Zweckmäßige und Gefällige ausgezeichnete und rühmlich bekannte Wiener
                        Modehändler und Erzeuger, Herr Langer, an Frauen-Kopfputz jedes Mahl
                        hervorgebracht hat, und die ersten Damen der Hauptstadt schmückt. (<ref
                            type="bibl" target="#Anonym1816" xml:id="ref_Anonym1816_8">Anonym
                            1816</ref>)<note xml:id="endnote_30"><p>Praktischerweise kann man die
                                Zeitschrift beim erwähnten Herrn Langer auch abonnieren (S.
                            7).</p></note></quote>
                </cit>
                <p>Wie ist es aber um den Erfindergeist dieser Herrschaften und ihr
                    antifranzösisches Programm bestellt? Beim Wort genommen, bietet sich ein
                    Vergleich der Abbildungen mit denen aus deutschen oder französischen Magazinen
                    derselben Zeit an. Bereits in der zweiten Ausgabe vom 11. Januar 1816 bringt die
                        <hi rend="italic">Wiener-Moden-Zeitung</hi> mit der spärlichen Unterschrift
                    „Wiener Moden“ fünf Stiche mit angesagten Hüten. Nummer 5 zeigt ein Häubchen,
                    das vorne mit einer doppelten Rüsche schließt und oben von einem Bouquet aus
                    (Stoff-)Rosen und Blättern geziert wird.<note xml:id="endnote_31"><p>Anonym:
                            Wiener Moden, in: Wiener-Moden-Zeitung 1/2 (11.01.1816), S.
                        9.</p></note> Im französischen <hi rend="italic">Journal des Dames et des
                        Modes</hi> vom 10. Januar 1815, fast auf den Tag genau ein Jahr früher
                    erschienen, findet sich eine praktisch identische Kopfbedeckung – eine Haube aus
                    rosa Velours, abgeschlossen mit derselben doppelt gekräuselten Rüsche und mit
                    demselben Rosenbouquet, betitelt: „Costume Parisien“<note xml:id="endnote_32"
                            ><p>Anonym: Costume Parisien, in: Journal des Dames et des Modes 19/12
                            (11.01.1815), S. 17.</p></note>. Noch prägnanter ist der Vergleich des
                    „Wiener Ballkleids“ in der <hi rend="italic">Wiener-Moden-Zeitung</hi> vom 8.
                    Januar 1818 mit dem „Pariser Ball-Anzug“ aus der Februarausgabe 1818 des <hi
                        rend="italic">Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode</hi><note
                        xml:id="endnote_33"><p>Anonym: Pariser Ball-Anzug, in: Journal für
                            Literatur, Kunst, Luxus und Mode 33/2 (Februar 1818), Tafel
                        5.</p></note>. Die Abbildungen sehen sich verdächtig ähnlich: Beide Kleider
                    sind aus leichtem Atlas mit Saumgarnituren aus demselben Stoff gefertigt, beide
                    Frauen tragen eine auffällige, hoch gesetzte Rosengirlande auf dem Kopf.
                    Selbstverständlich geht die Strategie, französische Mode einfach neu zu
                    betiteln, nicht auf. Die <hi rend="italic">Wiener-Moden-Zeitung</hi> bleibt
                    trotz großen Anklangs ein von Werbung und Partikularinteressen motiviertes
                    Medium unter vielen. Internationale Trends kursieren weiterhin in verschiedenen,
                    auch in Wien zu beziehenden Zeitschriften, Korrespondenzen, Modestichen und
                    nicht zuletzt geschickt vermarkteten Importen.<note xml:id="endnote_34"><p>Zum
                            Primat des Pariser Chic vgl. auch <ref type="bibl"
                                target="#WagnerLadendiener1844" xml:id="ref_WagnerLadendiener1844_1"
                                >Wagner (Zuschreibung unsicher) (1844)</ref>; und zu den
                            Modeinformationen vor dem Erscheinen der Modezeitschriften vgl. <ref
                                type="bibl" target="#Buxbaum1986" xml:id="ref_Buxbaum1986_43"
                                >Buxbaum 1986 43–49</ref>.</p></note></p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_06">
                <head>Ornament and Crime // Die Modistin als Verbrecherin</head>
                <p>Die wirtschaftlichen Spielräume, die mit Gender verbunden sind, reduzieren sich
                    in der Regel auf die Erzählung, dass Frauen – wenn sie nicht gerade Kundinnen
                    sind – seit Anbeginn der Zeit lediglich als Arbeiterinnen eine ausführende
                    Funktion in der Textilverarbeitung hatten. Der Perspektivenwechsel, den ich im
                    Folgenden zu unternehmen versuche, bedeutet nicht, den Blick dafür zu verlieren,
                    dass die meisten Frauen (bis heute) unter prekären, oft mehr als
                    gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiten. Aber es wäre zu kurz gegriffen, auf
                    eine reine Unterwerfungsgeschichte zu setzen. Mode ist in der Lage, auf allen
                    (Re-)Produktionsebenen Räume zu eröffnen, die eigentlich nicht vorgesehen sind
                    und sich sozialen Konventionen entziehen können. Vollkommen unironisch entwirft
                    etwa Sylvester Wagner die Kehrseite einer hart arbeitenden Frauengemeinschaft,
                    eine radikale Politisierung:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Wagner1844_214">Sie leben untereinander in patriarchalischer
                        Eintracht, einen weiblichen Freistaat bildend, dem es zwar nicht an Männern
                        gebricht […], die aber im Rathe nur Assessoren, im wahren Sinne des Wortes,
                        oder äußere Räthe sind, denen zwar Sitz in den Versammlungen, jedoch aber
                        keine Stimme zukommt. […] Sie teilen sich ihrem Geschäfte nach in zwei
                        Klassen, in die Putz- und ordinären Wäscherinnen, dessenohngeachtet kennen
                        sie untereinander keinen Rangstolz, wie es sich für gute Republikaner auch
                        gebührt (<ref type="bibl" target="#Wagner1844" xml:id="ref_Wagner1844_214"
                            >Wagner 1844: 214</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Dass sich Frauen auch jenseits von Berufsgemeinschaften als Einzelpersonen Rang
                    und Namen machen können, wird in der deutschsprachigen Fachliteratur kaum
                    gewürdigt. Die Reduktion der Frau auf die Gattin oder Witwe eines
                    unternehmerischen Mannes, die nur in diesen Rollen eine gewisse Teilhabe an
                    Geschäften erlangen kann, geht einher mit der Idee, dass ohne rechtliche
                    Gleichstellung eine privatwirtschaftliche Führungsrolle undenkbar ist. Besonders
                    in der britischen, aber auch in der französischen Forschung wurde der
                    feministische Diskurs in den letzten Jahren zunehmend auf die frühe Beteiligung
                    von Unternehmerinnen in der Modeindustrie gelegt. Wesentlich ist die
                    retrospektive, verfälschende Trennung zwischen Kleidungsstück und Dekor, die den
                    Blick auf Räume wirtschaftlicher Unabhängigkeit verstellt.<note
                        xml:id="endnote_35"><p>Zu einem wirtschaftlichen Gender-Krieg vgl. die
                            Geschichte der englischen Mantua-Makers in: <ref type="bibl"
                                target="#Inder2020" xml:id="ref_Inder2020">Inder 2020</ref>; und zu
                            den bereits unter Louis XIV gegründeten Schneiderinnenzünfte und deren
                            Auswirkungen auf männerdominierte Organisationen vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Crowston2000" xml:id="ref_Crowston2000">Crowston
                                2000.</ref></p></note> Noch immer wird in Katalogen nach diesem
                    Schema das „eigentliche“ Kleid von der „Verzierung“ unterschieden. Mode ist aber
                    – um mein Beharren auf der Körperlichkeit noch raumgreifender zu machen – die
                    längste Zeit eine Gesamtanordnung, in der jedes einzelne Teil, von der
                    Unterkonstruktion über die Stoffe und Schmuckstücke bis hin zu Makeup und Frisur
                    gleichberechtigt ist. Jede Schleife ist relevant, kann darüber entscheiden, ob
                    ein Objekt als modisch wahrgenommen wird oder nicht. Im Gegensatz zu den
                    Schneidern, die sich um die Basis kümmern, erzeugen Modistinnen die eigentlichen
                    Trends. Umso überraschender ist es, dass sie (vielleicht ist auch das ein Wiener
                    Spezifikum im Gefolge Adolf Loos’) bis heute marginalisiert werden. In der
                    französischen Kulturgeschichte ist die Figur der Modistin deutlich leichter zu
                    greifen, hat sie doch mit Rose Bertin eine prominente Vertreterin. Schon in
                    zeitgenössischen Polemiken als „Modeministerin“ Marie-Antoinettes verschrien,
                    versorgt sie die Königin in rascher Folge mit neuen Farben und Mustern, lässt
                    diese in ihrer eigenen Manufaktur produzieren und baut ein Netzwerk von
                    Franchisenehmerinnen auf. Darüber hinaus ist sie fest im europäischen
                    Modebusiness verankert und fungiert selbst als Trendsetterin. Gerade in ihrem
                    Fall ist das Dreieck zwischen Ding, Körper und Darstellung ein Dreieck von
                    Frauen: Rose Bertin kleidet die Königin ein, Marie-Antoinette modelt und
                    Élisabeth Vigée-Lebrun malt sie. Das berühmteste Beispiel ist ein weißes Kleid
                    aus Baumwollmusselin, dessen Form durch gezielte Abbindungen mit hellblauen
                    Seidenbändern entsteht. Den Skandal, der in einem Aufstand der französischen
                    Seidenfabrikanten gipfelt, nutzt Bertin nach dem Motto „bad publicity is better
                    than no publicity“. Zwar fertigen die drei Frauen einen zweiten Look an,
                    Marie-Antoinette in einem hellblauen Seidenkleid, um die Wogen vordergründig zu
                    glätten, aber der Trend ist in der Welt (vgl. u.a. <ref type="bibl"
                        target="#Leleu2002" xml:id="ref_Leleu2002">Leleu 2003</ref>).</p>
                <p>Während die Materialien in Großbritannien (wo sich etwa zahlreiche
                    Zeitungsannoncen von Mantua-Makers erhalten haben, die gezielt Frauen für eine
                    Ausbildung anwerben) und in Frankreich (wo Patente und Gerichtsakten das
                    Selbstbewusstsein der Zünfterinnen belegen) gut aufgearbeitet sind, steht für
                    die Wiener Industrie eine solche Quellensichtung noch aus.<note
                        xml:id="endnote_36"><p>Ein guter Ausgangspunkt ist etwa das <ref type="bibl"
                                target="#HofStaats1858" xml:id="ref_HofStaats1858_17">Hof- und
                                Staats-Handbuch des Kaiserthumes Österreich (1858): 17</ref>, in dem
                            nicht nur die Hof-Modistin Theresia Geiger und die Hof-Posamentirerin
                            Maria Tapfer, sondern auch eine Hof-Stuccaturmeisterin,
                            Hof-Wappenmalerin, Hof-Buchhändlerin, Hof-Blasinstrumentenmacherin,
                            Hof-Goldarbeiterin und Hof-Tischlerin aufgelistet werden.</p></note> So
                    sind ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts – mit der Verbreitung
                    eingenähter Etiketten – zwar diverse Unternehmerinnen wie Albine Rädler, Betti
                    Galimberti oder Johanna Schenk zumindest namentlich bezeugt, doch eine
                    Beschäftigung mit ihrer Rolle im Wiener Modesystem bleibt bisher ein
                    Desiderat.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_07">
                <head>Sex sells // Der Anti-Bürger</head>
                <p>Was bisher ebenso fehlt, ist ein Blick auf Männermode. Die Geschichte, die in der
                    Regel erzählt wird, lautet folgendermaßen: Vom ausgehenden 17. Jahrhundert gibt
                    es bis auf die Kniehosen kaum einen Unterschied zur Frauenkleidung. Es sind
                    dieselben Stoffe und Dessins, die Seidenstrümpfe, die hohen Schuhe.<note
                        xml:id="endnote_37"><p>Wobei bisweilen außer Acht gelassen wird, dass die
                            Mode des Ancien Régime sehr wohl streng gegendert war und aus heutiger
                            Perspektive oft missverstanden wird (vgl. etwa <ref type="bibl"
                                target="#Söll2023" xml:id="ref_Söll2023">Söll
                        2023</ref>).</p></note> Danach kommt die Abkehr vom Ancien Régime mit den
                    Sansculottes und ihren Hosen, ein letztes Aufbäumen von Farben und Mustern,
                    schließlich die Durchsetzung dunkler Stoffe.<note xml:id="endnote_38"><p>So als
                            Beispiel unter vielen <ref type="bibl" target="#Walther1976"
                                xml:id="ref_Walther1976">Walther 1976</ref>, die lediglich eine
                            Entwicklung von Bart- und Hutmoden zeichnet.</p></note> Auch in den
                    Modesammlungen lässt sich diese Abfolge nachvollziehen, wobei die Exponate ab
                    dem 19. Jahrhundert spärlicher werden. Wer will denn schon das tausendste Sakko
                    mit minimalen Änderungen der Silhouette sehen? Höchstens im
                    Heeresgeschichtlichen Museum wird es ein wenig bunter, die Uniformen machen doch
                    etwas her. Es scheint, als gäbe es zwischen Rokoko und Westwood keine Mode für
                    Männer, die den Namen verdient.<note xml:id="endnote_39"><p>Die wohl beste
                            aktuelle Publikation zu einer anderen Perspektive auf Männermode in all
                            ihren Elementen, vom Körper bis zur Kleidung, liefert der mit reichem
                            Bildmaterial versehene Ausstellungskatalog des V&amp;A (<ref type="bibl"
                                target="#McKever2022" xml:id="ref_McKever2022">McKever/Wilcox
                                2022</ref>). Die Autor:innen konzentrieren sich auf England, bieten
                            aber Folien, die sich auch auf Wien anwenden lassen.</p></note> Die
                    Vorstellung, Männermode sei schlicht uninteressant, weil sie nicht so schön
                    schillert, folgt einer Selbstbeschreibung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts.
                    Nach dem krachenden Scheitern der 48er-Revolution entsteht ein konservativer
                    Mainstream. Was in der reaktionären Phase des Biedermeiers beginnt, ist eine
                    Eigendefinition des Mannes als mündiger Bürger. Mode wurde zur Beschäftigung von
                    Menschen, die keine staatstragende Funktion haben (also Frauen). Der Bürger hat
                    als Stütze der Gesellschaft schlicht keine Zeit für Trends. In seiner völligen
                    Körperlosigkeit kann er nicht zum Träger werden. Überraschenderweise geht mit
                    dieser Entwicklung keine Politik der Ächtung einher – alles, was anders ist,
                    wird ignoriert oder höchstens verspottet. Selbst Revolutionsmode nach
                    französischem Beispiel kann im durch und durch absolutistischen Wien nicht
                    provozieren – sie wird sogar, im Bewusstsein der inhaltlichen Leere der Wiener
                    Gesinnung, geduldet und als Requisit der Jugend toleriert.<note
                        xml:id="endnote_40"><p>Vgl. <ref type="bibl" target="#Walther1976"
                                xml:id="ref_Walther1976_11">Walther 1976: 11</ref>, die hier auf ein
                            spezifisch wienerisches Phänomen hinweist, das in der übrigen Literatur
                            nicht vorkommt.</p></note> Während Männer vor allem über die
                    medizinische und moralische Integrität von Frauen nachdenken, scheinen sie
                    höchstens ein beschränktes Interesse an Randerscheinungen zu haben. Die
                    satirischen Auseinandersetzungen konzentrieren sich – im Kontext devianter
                    Männlichkeit – auf unpassende Kleidung, die als Ausdruck eines unpolitischen
                    Objekts konstruiert wird.<note xml:id="endnote_41"><p>Solche Erzählungen tauchen
                            schon seit dem Aufkommen von aus dem Osmanischen Reich importierten,
                            stark gemusterten Seidenstoffen auf, die den Mann des „Orients“ als
                            grundsätzlich <hi rend="italic">effeminiert</hi> betrachten und eine
                            Übertragung in den Westen befürchten (vgl. dazu <ref type="bibl"
                                target="#Kammel2001" xml:id="ref_Kammel2001">Kammel 2001</ref>). Bis
                            heute wird – aus einer Außenperspektive, aber auch innerhalb der Queer
                            Community – das Klischee des schwulen Mannes als eines lediglich an Spaß
                            orientierten Objekts ohne politische Agenda aufrechterhalten.</p></note>
                    Der prototypische Dandy als Gegenstück des seriösen Mannes entzieht sich zwei
                    zentralen Aufgaben des Bürgers: Einerseits verkörpert er mit seiner Obsession
                    und dem zeitlichen Ressourcenaufwand für Kleidung das Gegenteil des produktiven
                    Staatsbürgers, andererseits widerstrebt er der neu definierten Hypermaskulinität
                    des authentischen Subjekts. Der Dandy ist fake und faul – und er überschreitet
                    die neue Grenze zwischen öffentlich und privat. Im neokonservativen Wien des 19.
                    Jahrhunderts ist er schon als Import aus England mit einer Vorliebe für alles
                    Französische verdächtig. Obwohl Dandys und ihre Artgenossen<note
                        xml:id="endnote_42"><p>Je nach zeitlicher und lokaler Ausprägung die Stutzer
                            oder Incroyables. Eine außergewöhnliche Bildsammlung findet sich bei
                            Vernet, Horace: Incroyables et Merveilleuses [um 1811-1814], Album mit
                            33 kolorierten Kupferstichen auf Papier, Blattmaß 42,2 x 28 cm,
                            Albummaße 42,5 x 29,5 x 1,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York,
                            Inv. Nr.: 24.18.</p></note> ein internationales Phänomen sind, bewegen
                    sie sich immer in einem spezifischen Kontext. Sylvester Wagner verlagert den
                    Dandy in einem Beitrag zu <hi rend="italic">Wien und die Wiener</hi>
                    bezeichnenderweise in ein Modegeschäft, als verführerische Figur, die
                    Konventionen überschreitet und mit ihrem <quote
                        source="#ref_WagnerLadendiener1844_3">schmachtende[n], nichtssagende[n]
                        Blick</quote> (<ref type="bibl" target="#WagnerLadendiener1844"
                        xml:id="ref_WagnerLadendiener1844_3">Wagner 1844: 3</ref>) den Akt des
                    Kaufens erotisiert. Der Ladendiener ist nicht an der Frau interessiert, sondern
                    an Konsum und Kapital. Sein Konzept der Kundin ist egalitär und seine Sprache
                    selbst international und kreativ (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#WagnerLadendiener1844" xml:id="ref_WagnerLadendiener1844_5">ebd.:
                        3, 5</ref>). Er ist durch und durch oberflächlich.</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_WagnerLadendiener1844_3f">Gewöhnlich trägt der Ladendiener
                        alle Gattungen Bärte, die nur immer in seinem Gesichte Platz finden; das
                        Haar ist sorgfältig in Locken gelegt und von Pomade triefend; um den
                        geschnürten Körper schmiegt sich ein moderner Frack, in dessen Knopfloch
                        eine Rose prangt als Abzeichen seiner Verehrung für das Damengeschlecht; die
                        Cravate ist stets nach dem neuesten Geschmacke und vollendet das Fashionable
                        seines Anzuges. […] [S]eine Sprache ist – wenn auch nicht gewählt – doch
                        gesucht; er bedient sich gerne fremder Ausdrücke, ohne ängstlich zu sein, ob
                        selbe dahin passen, wo er sie anwendet […]. Ueber sein ganzes Wesen ist eine
                        Selbstzufriedenheit ausgegossen, die wahrhaft zu beneiden ist […]. Wo der
                        Ehemann und Geliebte vergebens bitten und beschwören, siegt Ein Wort des
                        Ladendieners. […] [Er] vermeidet mit ängstlicher Sorgfalt alles Imponirende
                        und Kräftige, das ihm sonst so sehr zu Gebote steht, und trachtet dafür nach
                        dem Sanften und Lieblichen, das ihn nicht minder gut kleidet (<ref
                            type="bibl" target="#WagnerLadendiener1844"
                            xml:id="ref_WagnerLadendiener1844_3f">ebd. 3f.</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Als ambivalente Figur zwischen erotischer Aufladung und Verweichlichung ist er
                    gleichermaßen affig wie erfolgreich. Ein Anti-Werther ohne Empfindung, ein
                    Anti-Bürger ohne Pflicht.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-05_08">
                <p>Ohne Mode als disruptive Kraft zu betrachten, können Kommunikationssysteme nicht
                    verstanden, ideologische Entwürfe nicht auf ihr Scheitern untersucht,
                    Marginalisierungen nicht revidiert werden. Dieser kleine Aufschlag in der
                    Auseinandersetzung mit Wiener Mode bedeutet vor allem eines: Sie ist immer
                    hybrid und körperlich. Ungetragene Kleidung hingegen wird unheimlich, giert nach
                    Körpern, lauert als Wiedergänger der potenziellen Kundschaft auf. Mode ist immer
                    auch eine Praxis des Unpraktischen. In einem Überschuss kann sie soziale Grenzen
                    sprengen, sei es als Widerstand gegen Regulierungsversuche, als Weigerung, auf
                    eine gegebene Physis reduziert zu werden, als Voraussetzung für weibliches
                    Unternehmerinnentum, als Gegenentwurf zum Nationalismus oder schlicht aus
                    Unlust, sich in staatstragende Subjekte zu verwandeln. Denn das beste Argument,
                    sich unangenehmen Erwartungen zu entziehen, bleibt immer noch: Ich habe nichts
                    zum Anziehen.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <head>Literatur</head>
                    <bibl xml:id="Anonym1816">Anonym (1816): Plan und Zweck des Wochenblattes, in:
                        Wiener-Moden-Zeitung (04.01.1816), S. 6–8.</bibl>
                    <bibl xml:id="AnonymSH1816">Anonym (S.H.) (1816): Ein Wort über Kleidertracht
                        und Mode, in: Wiener-Moden-Zeitung (04.01.1816), S. 2–6.</bibl>
                    <bibl xml:id="Bonnefoit2023">Bonnefoit, Régine/Celio-Scheurer, Marie-Eve (Hg.)
                        (2023): Tracing Wiener Werkstätte Textiles. Viennese Textiles from the
                        Cotsen Textile Traces Study Collection. Basel: Birkhäuser.</bibl>
                    <bibl xml:id="Buxbaum1986">Buxbaum, Gerda (1986): Mode aus Wien. 1815–1938, hg.
                        von der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Salzburg/Wien:
                        Residenz.</bibl>
                    <bibl xml:id="Crowston2000">Crowston, Clare (2000): Engendering the Guilds:
                        Seamstresses, Tailors, and the Clash of Corporate Identities in Old Regime
                        France, in: French Historical Studies 23/2, S. 339–371.</bibl>
                    <bibl xml:id="Eldridge2015">Eldridge, Lisa (2015): Face Paint: The Story of
                        Makeup. New York: Abrams Image.</bibl>
                    <bibl xml:id="SeymourPercy1926">Elizabeth Seymour Percy, Duchess of
                        Northumberland (1926): The Diaries of a Duchess. Extracts from the Diaries
                        of the First Duchess of Northumberland (1716–1776), hg. von James Greig.
                        London: Hodder &amp; Stoughton.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hampel1976">Hampel, Lucie (1976): 200 Jahre Mode in Wien. In: 200
                        Jahre Mode in Wien. Aus den Modesammlungen des Historischen Museums der
                        Stadt Wien, hg. vom Verein der Freunde der Hermesvilla. Wien: Eigenverlag
                        der Freunde der Hermesvilla, S. 19–30.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hengerer2021">Hengerer, Mark/Drossbach, Gisela (2021): Zur
                        Einführung. Adel im östlichen Europa zwischen Lokalität und
                        Transnationalität, in: Dies. (Hg.): Adel im östlichen Europa. Zwischen
                        lokaler Identität, Region und europäischer Integration. Berlin: Frank &amp;
                        Timme, S. 9–24.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hensel2023">Hensel, Titia (2023): Das Bild der Herrscherin. Franz
                        Xaver Winterhalter und die Gattungspolitik des Porträts im 19. Jahrhundert,
                        Bd. XXVI. Berlin/Boston: De Gruyter.</bibl>
                    <bibl xml:id="HofStaats1858">Hof- und Staats-Handbuch des Kaiserthumes
                        Österreich für das Jahr 1858 (1858). Wien: Kaiserlich-Königliche Hof- und
                        Staatsdruckerei.</bibl>
                    <bibl xml:id="Inder2020">Inder, Pam (2020): Busks, Basques and Brush-Braid:
                        British dressmaking in the 18th and 19th centuries. London: Bloomsbury
                        Visual Arts.</bibl>
                    <bibl xml:id="Leleu2002">Leleu, Fanny (2002): La mode féminine à Bordeaux
                        (1770-1798), in: La culture matérielle dans le Midi de la France à l’époque
                        moderne 115/241 (2003), S. 103–114.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kammel2001">Kammel, Frank Matthias (2001): Gefährliche Heiden und
                        gezähmte Exoten: Bemerkungen zum europäischen Türkenbild im 17. und frühen
                        18. Jahrhundert, in: Asch, Ronald/Voß, Wulf Eckart/Wrede, Martin (Hg.):
                        Frieden und Krieg in der Frühen Neuzeit. Die europäische Staatenordnung und
                        die außereuropäische Welt. München: Wilhelm Fink, S. 503–525.</bibl>
                    <bibl xml:id="MariaTheresia1893">Maria Theresia (1893 [1762/1763]): Zwei
                        Handschreiben von Maria Theresia über den Luxus, in: Zeitschrift für Social-
                        und Wirthschaftsgeschichte, 1. Bd., 2/3 (1893), S. 341–348.</bibl>
                    <bibl xml:id="MariaTheresia1865">Maria Theresia/Marie-Antoinette (1865): Maria
                        Theresia und Marie Antoinette. Ihr Briefwechsel während der Jahre 1770–1780,
                        hg. von Alfred von Arneth. Paris/Wien: Jung-Treuttel/Braumüller.</bibl>
                    <bibl xml:id="MariaTheresia2017">Maria Theresia/Marie-Antoinette (2017): Maria
                        Theresia und Marie Antoinette. Der geheime Briefwechsel, hg. von Paul
                        Christoph. Darmstadt: Lambert Schneider.</bibl>
                    <bibl xml:id="McKever2022">McKever, Rosalind/Wilcox, Claire (Hg.) (2022):
                        Fashioning Masculinities. The Art of Menswear. London: V&amp;A
                        Publisher.</bibl>
                    <bibl xml:id="Pallestrang2024">Pallestrang, Kathrin (2024): Enchanting
                        Fragments. The Emilie Flöge Collection in the Volkskundemuseum in Vienna,
                        in: Staggs, Janis (Hg.): Klimt Landscapes. München/London/New York: Prestel,
                        S. 208–239.</bibl>
                    <bibl xml:id="Gerber1735">Gerber, Traugott (1735): De Thoracibus, Von
                        Schnürbrüsten. Leipzig: Langenheim.</bibl>
                    <bibl xml:id="Rublack2022">Rublack, Ulinka (2022): Die Geburt der Mode. Eine
                        Kulturgeschichte der Renaissance. Stuttgart: Klett-Cotta.</bibl>
                    <bibl xml:id="Sandbichler2021">Sandbichler, Veronika/Schmitz-von Ledebur,
                        Katja/Zeisler, Stefan (Hg.) (2021): Mode schauen. Fürstliche Garderobe vom
                        16. bis 18. Jahrhundert. Berlin: Hatje Cantz.</bibl>
                    <bibl xml:id="Schillig2015">Schillig, Anne (2015): Geliebt und verfemt: Das
                        Korsett – Diskursgeschichte eines Kleidungsstücks. Luzern: Universität
                        Luzern/Historisches Museum Luzern.</bibl>
                    <bibl xml:id="Seifried1886">Seifried Helbling [Notname] [um 1300] (1886), hg.
                        von Joseph Seemüller. Halle/Saale: Verlag der Buchhandlung des
                        Waisenhauses.</bibl>
                    <bibl xml:id="Soemmerring1788">Soemmerring, Samuel Thomas von (1788): Über die
                        Schædlichkeit der Schnürbrüste. Leipzig: Crusius.</bibl>
                    <bibl xml:id="Söll2023">Söll, Änne (2023): Some faggy gestures. Queere
                        Perspektiven der Kunstgeschichte, in: Hecht, Lisa/Ziegler, Henrick (Hg.):
                        Queerness in der Kunst der Frühen Neuzeit. Köln: Böhlau, S. 31–37.</bibl>
                    <bibl xml:id="Stifter1844">Stifter, Adalbert (1844): Der Tandelmarkt, in: Ders.
                        (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben. Pest: Gustav Heckenast,
                        S. 227–241.</bibl>
                    <bibl xml:id="ThunHohenstein2019">Thun-Hohenstein, Christoph/Schmuttermeier,
                        Elisabeth/Witt-Dörring, Christian (Hg.) (2019): Koloman Moser.
                        Universalkünstler zwischen Gustav Klimt und Josef Hoffmann. Basel/Wien:
                        Birkhäuser/MAK.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wagner1986">Wagner, Manfred (1986): Mode verlangt nach
                        Methodenvielfalt, in: Mode aus Wien. 1815–1938. Salzburg/Wien: Residenz, S.
                        7–8.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wagner1844">Wagner, Sylvester (1844): Die Wäscherin, in: Stifter,
                        Adalbert (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben. Pest: Gustav
                        Heckenast, S. 214–218.</bibl>
                    <bibl xml:id="WagnerLadendiener1844">Wagner, Sylvester [Zuschreibung unsicher]
                        (1844): Der Ladendiener des Modehändlers, in: Stifter, Adalbert (Hg.): Wien
                        und die Wiener in Bildern aus dem Leben. Pest: Gustav Heckenast, S.
                        1–9.</bibl>
                    <bibl xml:id="Walther1976">Walther, Susanne (1976): Die Mode im Spiegelbild
                        gesellschaftlicher Verhältnisse, in: 200 Jahre Mode in Wien. Aus den
                        Modesammlungen des Historischen Museums der Stadt Wien, hg. vom Verein der
                        Freunde der Hermesvilla. Wien: Eigenverlag der Freunde der Hermesvilla, S.
                        5–18.</bibl>
                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
