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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Form statt Funktion</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Neue Tendenzen der Quellcodeanalyse</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Simon</forename>
                        <surname>Roloff</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Leuphana Universität Lüneburg</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-03-02</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9450</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Quellcode</term>
                    <term xml:lang="de">Algorithmen</term>
                    <term xml:lang="de">Code als Form</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Source Codes</term>
                    <term xml:lang="en">algorithms</term>
                    <term xml:lang="en">code as a form</term>
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                    <date when-iso="2025-03-19">Converted from a Word document</date>
                    <name>Laura Tezarek</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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                    <date when-iso="2025-04-15">Galley proof corrections, added keywords and
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Quellcodes bleiben in der Regel unsichtbar. Dabei kann ihre Analyse eigentlich
                    anhand von Textkommentaren, also einer grundlegenden Praxis der Geistes- und
                    Kulturwissenschaften geschehen. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über
                    die bestehenden Ansätze, eine Expertise für Algorithmen in den traditionell mit
                    Texten arbeitenden Disziplinen zu etablieren. Abschließend stellt er in
                    Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen einen Versuch der Weiterentwicklung des
                    Verständnisses von Code als Form vor, der von 2023 bis 2024 im Rahmen des
                    Forschungsprojekts <title>code/verstehen: Philologie und Theorie algorithmischer
                        Quelltexte</title> an den Universitäten Basel und Lüneburg, gefördert durch
                    die Volkswagen-Stiftung entwickelt wurde (<ref type="bibl" target="#VW2022"
                        xml:id="ref_VW2022">VW-Stiftung 2022</ref>).</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Source codes usually remain invisible. Yet they can actually be analyzed on the
                    basis of text annotations, a fundamental practice of the humanities and cultural
                    studies. The following article provides an overview of existing approaches to
                    establishing expertise in algorithms in disciplines that traditionally work with
                    texts. It concludes with a discussion of these approaches and presents an
                    attempt to further develop the understanding of code as a form, which was
                    carried out from 2023 to 2024 as part of the research project
                        <title>code/verstehen: Philology and Theory of Algorithmic Source
                        Texts</title> at the Universities of Basel and Lüneburg, funded by the
                    Volkswagen Foundation (<ref type="bibl" target="#VW2022" xml:id="ref_VW2022-2"
                        >VW Foundation 2022</ref>).</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_03-02_01">
                <head>1. Eine neue Alphabetisierung</head>
                <p>Quellcodes sind die wichtigste Textform unserer Zeit. Sie steuern Klimaanlagen,
                    Fahrstühle und Flugleitsysteme, leiten Verwaltungsprozesse ein, geben
                    medizinische Empfehlungen oder entscheiden über die Sichtbarkeit eines Posts in
                    sozialen Netzwerken. In diesen und unzähligen weiteren Funktionen bleiben sie
                    allerdings unsichtbar; allenfalls bei einer Fehlfunktion wird ihre Existenz
                    bewusst, etwa wenn wir eine Bilddatei in unserem Mailprogramm öffnen und deren
                    jpeg-Kodierung angezeigt bekommen. Weitaus gravierendere Folgen hatte im Sommer
                    2024 ein fehlerhaftes Software-Update der Firma Crowdstrike, das zu
                    Systemausfällen bei Fluggesellschaften, Banken und Medien führte. Bei derartigen
                    Störfällen erkennen wir plötzlich, dass maschinenlesbare Texte an wesentlicher
                    Stelle einer <quote source="#ref_Stalder-13">Kultur der Digitalität</quote>
                    stehen, in der <quote source="#ref_Stalder-13">Algorithmizität</quote>
                    Informationen ordnet und Entscheidungsverfahren automatisiert, um auf diesem Weg
                    in einer <quote source="#ref_Stalder-13">Kultur der Digitalität</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Stalder2016" xml:id="ref_Stalder-13">Stalder 2016:
                        13</ref>) politische, ästhetische, ökonomische, kommunikative, rechtliche
                    und pädagogische Prozesse zu steuern. <quote source="#ref_Kittler2008-40">Codes
                        sind das, was uns – vom Namen und von der Sache her – bestimmt, und was wir
                        artikulieren müssen, und sei es nur, um nicht vollständig unter ihnen zu
                        verschwinden</quote>. (<ref type="bibl" target="#Kittler2008"
                        xml:id="ref_Kittler2008-40">Kittler 2008: 40</ref>)</p>
                <p>In den deutschsprachigen Medienwissenschaften wurde diese Forderung Friedrich
                    Kittlers lange Zeit überhört oder vielmehr überlagert von seiner früheren
                    polemischen Einlassung <quote source="#ref_Kittler1993-x">Es gibt keine
                        Software</quote> (<ref type="bibl" target="#Kittler1993"
                        xml:id="ref_Kittler1993-x">Kittler 1993</ref>; vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Heilmann2018" xml:id="ref_Heilmann2018">Heilmann 2018</ref>).
                    Quellcodes standen deshalb lange hinter der Hardware als Untersuchungsobjekt und
                    bevorzugtem Zugang zum <term>medialen Apriori</term> (Kittler) zurück. Dabei
                    kann ihre Analyse eigentlich anhand von Textkommentaren, also einer
                    grundlegenden Praxis der Geistes- und Kulturwissenschaften geschehen. Der
                    folgende Beitrag gibt einen Überblick über die bestehenden Ansätze, eine
                    Expertise für Algorithmen in den traditionell mit Texten arbeitenden Disziplinen
                    zu etablieren. Abschließend stellt er in Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen
                    einen Versuch der Weiterentwicklung des Verständnisses von Code als Form vor,
                    der von 2023 bis 2024 im Rahmen des Forschungsprojekts <title>code/verstehen:
                        Philologie und Theorie algorithmischer Quelltexte</title> an den
                    Universitäten Basel und Lüneburg, gefördert durch die Volkswagen-Stiftung
                    entwickelt wurde (vgl. <ref type="bibl" target="#VW2022" xml:id="ref_VW2022"
                        >VW-Stiftung 2022</ref>).</p>
                <p>Wer Codes kommentieren will, muss sie zunächst einmal lesen können. Häufig stellt
                    dabei schon der Zugang zu ihnen ein großes Hindernis dar – wie im Fall des
                    Edge-Rank-Algorithmus, der darüber entscheidet, wie oft und welchen Personen ein
                    Facebook-Post angezeigt wird. Kultur- und Geisteswissenschaftler:innen, ebenso
                    wie Jurist:innen und Mediziner:innen, stehen aber zusätzlich vor der
                    Herausforderung, dass die für ein Verständnis von Code erforderliche Lese- und
                    Schreibkompetenz nicht zum Standard ihrer Ausbildung gehört. Selbst dort, wo es
                    möglich ist, Open-Source-Programme zu analysieren oder die Freigabe von
                    geschützter Software zu erwirken, bleibt ihnen deshalb ein informierter Zugang
                    aufgrund mangelnder Kompetenzen oft verwehrt. Seit einiger Zeit wird daher eine
                        <term>Code Literacy</term> der nicht technisch orientierten Fächer
                    gefordert. Dies geschieht auch und vor allem unter dem Eindruck, dass
                    computergestützte Methoden diese Fächer nachhaltig verändern: <quote
                        source="#ref_Vee2017-15">Die Allgegenwart des Computers bedeutet, dass das
                        Programmieren aus der exklusiven Domäne der Informatik ausbricht und in
                        Berufe wie Journalismus, Biologie, Design und – über Bibliotheksdatenbanken
                        und digitale Geisteswissenschaften – sogar in die Literatur- und
                        Geschichtswissenschaften eindringt.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Vee2017" xml:id="ref_Vee2017-15">Vee 2017: 15</ref>). Annette Vee
                    begreift Codingkenntnisse angesichts dieser Entwicklung als eine <quote
                        source="#ref_Vee2017-15">Plattformkompetenz</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Vee2017" xml:id="ref_Vee2017">ebd.</ref>), die Lesen und Schreiben
                    im digitalen Zeitalter an die Seite gestellt und insofern anderen digitalen
                    Kompetenzvermittlungsmodellen vorgelagert ist, welche eher auf eine gewisse
                    Versiertheit im Umgang mit digitalen Benutzeroberflächen oder auf Kenntnisse im
                    Umgang mit anderen Medien zielen. Gemeint sind erziehungswissenschaftliche
                    Konzepte wie <term>Information Literacy</term>, <term>Data Literacy</term> und
                        <term>AI Literacy</term>, die als <term>Soft Skills</term> im Kompetenzkanon
                    längst Einzug gehalten haben (vgl. <ref type="bibl" target="#Hoechsmann2012"
                        xml:id="ref_Hoechsmann2012">Hoechsmann 2012</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Parry2017" xml:id="ref_Parry2017">Parry et al. 2017</ref>).</p>
                <p>Der Begriff der <term>literacy</term>, also der Lese- und Schreibfähigkeit, ist
                    allerdings mit schwerem historischem Gepäck beladen: Seit dem 18. Jahrhundert
                    verbindet sich mit ihm nichts weniger als die Konstitution moderner
                    Staatlichkeit auf dem Rücken von Alphabetisierungsprogrammen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Bosse2015" xml:id="ref_Bosse2015">Bosse 2015</ref>;
                        <ref type="bibl" target="#Kittler2003" xml:id="ref_Kittler2003">Kittler
                        2003</ref>). Programmierfähigkeit und die Kenntnis von Programmiersprachen
                    stehen demnach, solange man sie als Element einer grundlegenden
                        <term>literacy</term> konzipiert, in einer Tradition der Pädagogik, die
                    stets mit der moralischen Aufforderung an die Subjekte gearbeitet hat, zu
                    aktiveren und wertvolleren Teilen der bürgerlichen Gesellschaft zu werden (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Vee2017" xml:id="ref_Vee2017-72">Vee 2017:
                        72</ref>). Aktuell wird der Begriff stärker in Diskursen der Partizipation,
                    der Chancengleichheit oder der Potenzialentfaltung benachteiligter
                    Personengruppen positioniert (vgl. <ref type="bibl" target="#Mihailidis2019"
                        xml:id="ref_Mihailidis2019">Mihailidis 2019</ref>) – auch hier zieht er
                    aber, auf Codes und Coding angewandt, eine Verbindung zwischen dem neuen ABC des
                    Digitalen und einer sonst nicht mehr selbstverständlichen produktiven Teilhabe
                    an Kultur, Gesellschaft und Staat. Im universitären Bereich leitet sich daraus
                    eine dringliche Handlungsaufforderung an die Ausbildungsstrukturen und die
                    Fächerkultur der nicht technischen Disziplinen ab und hier stellt sich die
                    Frage, ob man ihr ausschließlich mit defensiven oder dienstfertig nachholenden
                    Maßnahmen begegnen will, oder ob man nicht vielmehr die eigenen Kompetenzen
                    umgekehrt auf den neuen Gegenstand richtet und eine Gegenaufforderung an die
                    traditionell mit Programmierkenntnissen hantierenden Fächer zur
                    Neuperspektivierung ihrer Praxis ausspricht.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_03-02_02">
                <head>2. Quellcodekritik als Forschungsparadigma</head>
                <p>Die <term>Critical Code Studies</term> (CCS), von Mark Marino schon im Jahr 2006
                    in Manifestform initiiert und seither in zahlreichen Studien weitergeführt, sind
                    in mancher Hinsicht genau dieser Agenda verschrieben. Korrespondierend mit
                    theoretischen Versuchen, Code als grundlegende sprachliche Kommunikationsform zu
                    begreifen (vgl. <ref type="bibl" target="#Hayles2010" xml:id="ref_Hayles2010-16"
                        >Hayles 2010: 16</ref>) werden hier die kulturellen, sozialen und
                    ästhetischen Dimensionen von Programmcode untersucht – in bewusster Abgrenzung
                    zu rein technikgeschichtlichen Analysen, die etwa die historische Entwicklung
                    von Programmiersprachen behandeln (vgl. <ref type="bibl" target="#Dowek2011"
                        xml:id="ref_Dowek2011">Dowek/Lévy 2011</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Salus1998" xml:id="ref_Salus1998">Salus 1998</ref>). Die CCS
                    entdecken in Codes eine verborgene Bedeutungsebene, die implizit trotz ihrer
                    rein instrumentellen Verwendung in der Kommunikation mit Maschinen entsteht:
                        <quote source="#ref_Marino2020a-39">Ich möchte vorschlagen, dass wir Code
                        nicht mehr nur als Text im übertragenen Sinne behandeln, sondern ihn als
                        Text analysieren und verstehen, als ein Zeichensystem mit eigener Rhetorik
                        und semiotischer Kommunikation, das Bedeutung als Überschuss zu seinem
                        funktionalen Gebrauch produziert.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Marino2020a" xml:id="ref_Marino2020a-39">Marino 2020a: 39</ref>)
                    Die besondere Perspektive der CCS entsteht also aus einer Loslösung von
                    Programmcodes aus ihrem Gebrauchskontext – unter der Annahme, dass sie niemals
                    nur rein in Bezug auf technische Notwendigkeiten formuliert sind und also nie
                    nur die Rolle einer neutralen Übersetzungsinstanz zwischen Mensch und Maschine
                    spielen. Codes sind aus dieser Sicht vornehmlich ein Artefakt, in dem
                    Ideologien, soziale Normen und kulturelle Formationen ebenso eingeschrieben sind
                    wie in Literatur, Kunst oder Musik. An sie stellt man hier deshalb Fragen einer
                    bestimmten Form der literaturwissenschaftlichen Interpretation: Welche
                    impliziten Werte und Überzeugungen sind ihnen eingeschrieben? Wie werden
                    bestimmte Gruppen durch sie inkludiert oder exkludiert? Was sagen sie über die
                    kulturellen Formationen aus, in denen sie entstanden sind? Die CCS folgen in
                    ihrem Textverständnis also Disziplinen wie den <term>critical legal
                        studies</term> oder <term>critical race studies</term>, deren
                    Interpretationen sich auch auf ursprünglich in einem Gebrauchskontext
                    entstandene Dokumente wie Urteilsbegründungen oder Quellen zum atlantischen
                    Sklavenhandel richten können, um diskursive Überschüsse in ihnen zu analysieren
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Marino2020a" xml:id="ref_Marino2020a"
                    >ebd.</ref>).</p>
                <p>Zur Analyse von Codes können in den CCS auch andere Texte, ebenso wie materielle
                    Artefakte herangezogen werden: so etwa die Dokumentation des Codes, oder die
                    Kommentare der Entwickler:innen, aber auch ihre schriftliche Kommunikation
                    untereinander. Relevant kann aber auch die Computerhardware werden, für die ein
                    Programm entwickelt wurde, die Geschichte und der Entwicklungskontext der
                    Sprachen, in denen es formuliert ist oder die Art und Weise ihrer Vermittlung in
                    Handbüchern für Programmierer:innen. Ebenso spielt seine Herkunft aus Forschung,
                    Unterhaltungsindustrie oder militärischer Nutzung für die Deutung eine Rolle.
                    Andere Untersuchungen können die gerade von Computerspielen häufig hergestellten
                    Referenzen auf Literatur, Kunst und Film in den Blick nehmen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Marino2020a" xml:id="ref_Marino2020a-44">ebd.:
                    44</ref>).</p>
                <p>Der Sammelband <title>10 PRINT CHR$(205.5+RND(1)); : GOTO 10</title> demonstriert
                    eine Möglichkeit, Programme im Rahmen eines CCS-Ansatzes zu interpretieren (für
                    das Folgende: <ref type="bibl" target="#Montfort2012" xml:id="ref_Montfort2012"
                        >Montfort et al. 2012</ref>). Die titelgebende Codezeile stellt ein kurzes
                    Programm dar, dessen Ausführung auf frühen Computern randomisierte
                    Labyrinthgrafiken erzeugte. Die Beiträge des Bandes greifen unterschiedliche
                    Aspekte des Codes auf, etwa um die kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung
                    von Labyrinthen in den 1980er Jahren zu untersuchen. Da das Programm eine
                    Funktion für zufällige Generierungen enthält, wird auch der Zufall als Problem
                    für Computeralgorithmen insgesamt thematisiert. Andere Beiträge zielen dagegen
                    darauf ab, das Programm im Rahmen der Entwicklung der Programmiersprachen und
                    seiner historischen Hardware zu kontextualisieren, also in den Ursprüngen der
                    Programmiersprache BASIC und technischen Aspekten des Commodore C64, wie dem
                    PETSCII-Zeichensatz, dem VIC-II-Videoprozessor und dem KERNAL-Betriebssystem.
                    Auch ohne auf die jeweiligen Interpretationsbefunde an dieser Stelle näher
                    einzugehen, tritt aus dieser Untersuchung einer äußerst kurzen Zeile Code
                        <term>close reading</term> als wesentliches Verfahren der CCS hervor: Anhand
                    einer einzigen Codezeile sind unterschiedliche metaphorische, epistemische oder
                    technikhistorische Befunde möglich. Ebenso zeigt sich ein grundsätzlich
                    historisierender Charakter des Forschungsansatzes, der in diesem Fall
                    Besonderheiten des frühen Homecomputing, der Gaming-Kultur der 1980er Jahre,
                    aber auch die wissensarchäologische Rahmung der Computerkultur insgesamt
                    aufgreift.</p>
                <p>Einige jüngere quellcodekritische Studien aus dem deutschsprachigen Raum knüpfen
                    an die CCS an und entwickeln sie bereits in wesentlichen Elementen weiter. So
                    wurde der Versuch unternommen, Programmtexte als Akteure in kulturtechnischen
                    Operationsketten zu beschreiben und darauf aufbauend ein Vorschlag entwickelt,
                    die traditionell von Programmierer:innen genutzte Praxis des Kommentierens von
                    Code im Code auch zur kritischen Aufarbeitung der Programmlogik für eine nicht
                    ausschließlich technisch interessierte Leserschaft zu nutzen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Krajewski2024" xml:id="ref_Krajewski2024">Krajewski
                        2024</ref>). Eine entscheidende Neuerung stellt auch der Versuch dar, die
                    mit klassischen Leseverfahren nicht zu bewältigenden Textmassen vieler
                    Programmcodes zunächst doch wieder durch maschinelle Lektüreverfahren, und zwar
                    mit Methoden der Digital Humanities in einem <term>distant reading</term> zu
                    bewältigen. Dies erscheint auch notwendig, wenn z. B. schon eine sehr frühe
                    Version von Photoshop (1.0.1 aus dem Jahr 1990), deren Code heute öffentlich
                    zugänglich ist, aus ca. 100.000 Zeilen Text besteht. Es ist also sinnvoll,
                    zunächst relevante Analysefelder einzugrenzen, z.B. indem man die Verwendung
                    bestimmter Ausdrücke und Befehlsketten zunächst auf ihre Häufigkeit hin
                    untersucht. Der Code wird so für eine semantisch orientierte Lektüre
                    vorbereitet, die sich inhaltlich den Sprachen, Paradigmen, Kommentaren und
                    Benennungen widmet (vgl. <ref type="bibl" target="#Heilmann2024"
                        xml:id="ref_Heilmann2024">Heilmann 2024</ref>). Einige Untersuchungen
                    befassen sich bereits mit dem Dilemma, dass die methodischen Innovationen des
                    Forschungsfeldes vielleicht gerade zu einem Zeitpunkt entwickelt werden, in dem
                    sich längst ein neues Programmierparadigma unter weitgehendem Verzicht auf von
                    Menschen generierten Code abzeichnet. Bekanntlich basieren Künstliche Neuronale
                    Netze der neuesten Generationen nicht mehr auf sequenziellen Befehlszeilen,
                    deren logische Abfolge prinzipiell in einer zuvor von ihren Entwickler:innen
                    codierten Form untersuchbar ist, sondern erzielen ihre Ergebnisse über tausende
                    parallel ablaufende Prozesse, die in Wechselwirkung zueinanderstehen. Die so
                    entstehende Unübersichtlichkeit macht es z.B. in großen Sprachmodellen
                    unmöglich, die Entscheidung für bestimmte Generierungen in einer bestimmten
                    Programmzeile zu verorten. Vor diesem Hintergrund wird das theoretische
                    Verständnis von KI-Architekturen in Bezug auf Sprachverarbeitung und Semantik
                    aktuell intensiv diskutiert (vgl. <ref type="bibl" target="#Kirschenbaum2024"
                        xml:id="ref_Kirschenbaum2024">Kirschenbaum 2024</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Bajohr2024" xml:id="ref_Bajohr2024">Bajohr 2024</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_03-02_03">
                <head>3. Code als Form</head>
                <p>Während seit einiger Zeit also kein Zweifel mehr besteht, dass Algorithmen in
                    Textform nicht ausschließlich für Maschinen geschrieben, sondern auch von
                    Menschen gelesen und kritisch analysiert werden können, so zeichnen sich mit
                    Blick auf die bisherigen Ansätze doch auch einige methodische Probleme des
                    Forschungsfeldes ab. An erster Stelle steht hier die schon erwähnte
                    Zugänglichkeit des Textkorpus. Es liegt in der Natur der Sache, dass
                    Code-Forscher:innen nur auf Open-Source-Programme zugreifen können, was wiederum
                    große privatwirtschaftliche Anwendungen wie z.B. Social-Media-Algorithmen oder
                    Suchmaschinen-Logiken ausschließt – trotz ihrer offensichtlichen Relevanz für
                    Untersuchungen zur digitalen Kultur der Gegenwart. In Platform Studies, Software
                    Studies und Science und Technology Studies, deren methodischer Zugang zu
                    digitalen Artefakten auch nicht auf Text beschränkt ist, können solche
                    Anwendungen dagegen diskutiert werden. Viele Forschungsbeiträge aus den CCS
                    thematisieren aufgrund dieser Zugangsproblematik historische Codes, die im Fall
                    kommerzieller Anwendungen nachträglich freigegeben wurden (wie im Fall der
                    bereits genannten frühen Photoshop-Version). Das muss per se kein Makel sein,
                    setzt den möglichen Feldern einer eng als Textanalyse gefassten Quellcodekritik
                    aber doch Grenzen.</p>
                <p>Das zweite Problemfeld geht direkt aus der Orientierung der CCS an der
                        <term>critique</term> und der aus ihr abgeleiteten Konzentration auf die
                    natürlichsprachliche Metaphorik von Programmsprachen hervor. Es ist
                    verführerisch – und kann produktiv sein – Quellcodes als ideologischen Text zu
                    dechiffrieren, in dessen Variablenbenennungen und Kommentaren verborgene
                    Bedeutungsüberschüsse angelegt sind. Allerdings hat die von den CCS oft bemühte
                    Analogie zwischen Source Codes und literarischen Texten eine Grenze: Je nach
                    verwendeter Programmiersprache sind natürlichsprachliche Begriffe im
                    Programmtext nur in sehr geringfügigem Umfang vorhanden. Und selbst wo dies in
                    neueren, auf Benutzerfreundlichkeit ausgelegten Sprachen der Fall ist, sind
                    diese Begriffe zu einem Großteil durch die Konventionen der verwendeten
                    Programmiersprachen vorgegeben. Natürlich können auch diese Konventionen in
                    einem Kommentar zum Thema werden, aber es ist kein Zufall, dass <term>close
                        reading</term> als Methode der Analyse eines Codes besonders fruchtbar dann
                    zu sein scheint, wenn er – wie im Fall des von Marino analysierten
                        <title>Transborder Immigrant Tools</title> – bereits im Hinblick auf seine
                    Lesbarkeit als Text mit Bedeutungsüberschuss geschrieben wurde: Als konzeptuelle
                    Aussage eines digitalen Kunstprojekts ist seine Terminologie bewusst darauf
                    ausgerichtet, einen poetischen Referenzrahmen für den Algorithmus zu eröffnen
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Marino2020b" xml:id="ref_Marino2020b">Marino
                        2020b</ref>).</p>
                <p>Während es also zweifellos Codes gibt, deren literarische Mittel in einem
                        <term>close reading</term> analysiert werden können, stellt sich doch die
                    Frage nach dem heuristischen Vorgehen, wenn dies nicht der Fall sein sollte.
                    Schließt man die entsprechenden Codes, obwohl sie für eine Forschungsfrage
                    relevant sein können, von einer kritischen Analyse aus? Sinnvoller erscheint es,
                    den Instrumentenkasten der Interpretation zu erweitern, wie dies in einigen
                    Beiträgen des Sammelband code/verstehen unternommen wird (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bajohr2025" xml:id="ref_Bajohr2025">Bajohr/Roloff 2025</ref>). Und
                    hier könnte eine Perspektivverschiebung von den sprachlichen Mitteln eines Codes
                    hin zu seiner Form eine entscheidende Rolle spielen. Die Betonung der Form eines
                    Codes in der Analyse ist auch im Fall sequenziell arbeitender Algorithmen eine
                    naheliegende Grundsatzentscheidung, denn es gibt wohl kaum stärker formalisierte
                    Texte als sie. Nur eine rigide Syntax und konventionalisierte Wortwahl sowie die
                    Einhaltung verschiedenster Programmierkonventionen lassen sie ihre Funktionen
                    erfüllen – jeder formale Fehler führt zum Abbruch der Ausführung des Programms.
                    Weil höhere Programmiersprachen beständig die Waage zwischen natürlicher Sprache
                    und einer für den Compiler verständlichen Form halten, erscheint uns das
                    Verhältnis zwischen ihnen und den Vorgängen, die sie beschreiben, auch häufig so
                    problematisch – die Geschichte der Computerprogrammierung ist voller Beispiele
                    für fehlgehende Reduktionen komplexer Vorgänge auf wenige, maschinell
                    verarbeitbare Algorithmen. Quellcodes stellen notwendig <quote
                        source="#ref_Daston2022-3">dünne Regeln</quote> auf, wie Lorraine Daston
                    dies nennt, sie gehen <quote source="#ref_Daston-3">von einer vorhersehbaren,
                        stabilen Welt aus, in der alle Möglichkeiten vorhersehbar sind und laden
                        nicht zur Ausübung von Ermessensspielraum ein.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Daston2022" xml:id="ref_Daston2022-3">Daston 2022: 3</ref>)
                    Trotzdem werden die kontinuierlichen und dynamischen Prozesse, die wir als
                    Menschen wahrnehmen und in denen wir existieren, natürlich immer weiter in eine
                    notwendig diskontinuierliche und statische Version ihrer selbst für die
                    Verarbeitung in Computern übertragen. Und an diesem Punkt lassen sie sich zur
                    Form literarischer Texte in Beziehung setzen, die immer da im Zentrum
                    textgebundener Darstellung entsteht, wo <quote source="#ref_Erdbeer2022-11"
                        >Stabiles auf Dynamisches, Gesteuertes auf Emergentes trifft</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Erdbeer2022" xml:id="ref_Erdbeer2022-11">Erdbeer 2022:
                        11</ref>). Die Formanalyse eines Codes bezieht demnach all jene Elemente
                    ein, in denen seine äußere Erscheinung als Text der Welt ein eigenes Gefüge
                    gibt. Das bedeutet, dass wir z.B. die Grammatik und Syntax von
                    Programmiersprachen, die Programmierkonventionen, sowie die Verwendung von
                    Datenstrukturen in einer Software als Ordnungs-, Strukturierungs-,
                    Klassifikations- und Wertungspraktiken beschreiben können.</p>
                <p>Wenn Code sich also aufgrund seiner logischen Reduktion ontologischer
                    Gegebenheiten und ihrer Neuverknüpfung in einer künstlichen Konstruktion
                    besonders für eine Formanalyse anbietet, so ist diese Form nicht einfach durch
                        <quote source="#ref_Daston2007-28">den Computer</quote> vorgegeben. Sie ist
                    vielmehr das Ergebnis einer Spannung zwischen seiner binären Schaltung, der
                    algorithmischen Logik des Programms, sowie, drittens, seiner konkreten
                    Ausführung im Stil der jeweiligen Programmierer:innen, die auf unterschiedliche
                    Weise historisch wandelbaren, normativen Vorgaben wie Effizienz, Eleganz oder
                    Nachvollziehbarkeit folgen – ähnlich den <quote source="#ref_Daston2007-28"
                        >epistemischen Tugenden</quote> der Wissenschaft, die Verfahren und Vorgehen
                    ihrer Erkenntnis bestimmen (<ref type="bibl" target="#Daston2007"
                        xml:id="ref_Daston2007-28">Daston/Galison 2007: 28</ref>). Die Form eines
                    Codes ist also etwas, das aus der Technik der ihn ausführenden Maschine, den
                    Praktiken des Programmierens, den Regeln seiner Sprache und aus den ihn
                    umgebenden epistemischen Ordnungen entsteht. Sie ist daher nicht durch bloße
                    Aufmerksamkeit für die Textoberfläche, ihre Rhythmen, Muster, Wiederholungen und
                    deren Beschreibung analysierbar (vgl. <ref type="bibl" target="#Kramnick2024"
                        xml:id="ref_Kramnick2024-653">Kramnick/Nersessian 2024: 653f.</ref>). Sie
                    ist auch nicht zur Gänze jenseits ihres historischen Entstehungskontextes zu
                    bestimmen, wie dies einige revisionistische Positionen der neo-formalistischen
                    Literaturwissenschaft voraussetzen (vgl. <ref type="bibl" target="#Felski2008"
                        xml:id="ref_Felski2008">Felski 2008</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Felski2015" xml:id="ref_Felski2015">2015</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#MacPherson2015" xml:id="ref_MacPherson2015">MacPherson 2015</ref>).
                    Mit dem reduktionistischen Formalismus von Carolie Levine muss dagegen die
                    horizontale Verbindung von Code zu anderen Formen – sozialen, juristischen,
                    epistemischen – auf dem Feld einer gemeinsamen Geschichte beschrieben werden.
                    Formen sind bei Levine nie nur ästhetische Phänomene oder eine alleinige Domäne
                    des Textes. Sobald man sie in ihren Affordanzen erfasst, also in ihrer
                    Fähigkeit, Ordnung, Struktur und Gestalt in einem Sujet herzustellen, können sie
                    auch in ihrer Verknüpfung mit anderen, sie umgebenden Formen beschrieben werden.
                    Sie spiegeln dabei <quote source="#ref_Levine2015-3">Konfigurationen,
                        Ordnungsprinzipien und Mustern von Wiederholung und Differenz</quote>
                    jenseits des Codes in einer Gesellschaft und Kultur, unterstützen oder
                    stabilisieren sie dabei, oder stellen sie infrage (<ref type="bibl"
                        target="#Levine2015" xml:id="ref_Levine2015-3">Levine 2015: 3</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_03-02_04">
                <head>4. Die Form des <hi rend="italic">Forensic Statistical Tool</hi></head>
                <p>Das Potenzial einer formalen Analyse von Quellcodes lässt sich exemplarisch am
                        <title>Forensic Statistical Tool</title> (FST) aufzeigen. Diese Software
                    galt zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung als Pionierarbeit auf dem Gebiet des
                    statistischen DNA-Abgleichs, einem relativ neuen forensischen Verfahren. Wenn
                    DNA-Proben von einem Tatort das Erbgut mehrerer Personen enthalten, ist der
                    klassische DNA-Abgleich, der aufgrund der Einzigartigkeit der DNA-Struktur einer
                    Person als besonders sicheres Beweismittel gilt, nicht mehr durchführbar. Er
                    benötigt weitgehend unverfälschte Proben von einer eindeutig zu
                    identifizierenden Person. Hier kommen nun Anwendungen wie das FST ins Spiel, die
                    auch komplex zusammengesetzte Spuren analysieren können, in denen DNA von
                    mehreren Personen enthalten ist. Sie geben allerdings nur die Wahrscheinlichkeit
                    an, mit der die DNA einer verdächtigen Person im Vergleich zu einer zufälligen
                    Person der gleichen ethnischen Gruppe in der Probe enthalten ist oder umgekehrt
                    die Wahrscheinlichkeit, mit der dies eben nicht der Fall ist. Der Algorithmus
                    des FST verwendet dafür ein statistisches Vorhersageverfahren, das zunächst alle
                    möglichen Rekombinationen für die in der Probe gefundenen Genausprägungen
                    (Allele) generiert, um diese dann mit einer Populationsdatenbank und dem
                    DNA-Profilen eines Tatverdächtigen zu vergleichen. Daraus leitet das Programm
                    einen numerischen Wert ab, der die gefundenen DNA-Kombinationen mit der
                    Vergleichsprobe in Beziehung setzt (vgl. <ref type="bibl" target="#Watters2016"
                        xml:id="ref_Watters2016">Watters/Coyle 2016</ref>). Die Software wurde vom
                    Labor des Office of the Chief Medical Examiner (OCME) in New York City
                    entwickelt und von der New Yorker Polizei wahrscheinlich bei tausenden
                    Ermittlungen eingesetzt (vgl. <ref type="bibl" target="#Kirchner2017a"
                        xml:id="ref_Kirchner2017a">Kirchner 2017</ref>).</p>
                <p>Digitale Anwendungen für polizeiliche oder gerichtliche Zwecke sind trotz ihrer
                    sensiblen Natur und den weitreichenden Konsequenzen ihrer Berechnungen in ihrer
                    Programmlogik in der Regel nicht öffentlich zugänglich, da es zumindest in den
                    USA üblich ist, solche Anwendungen in privatwirtschaftlichen Strukturen zu
                    entwickeln. Das bedeutet, dass ihr Code als Geschäftsgeheimnis geschützt ist. Im
                    Fall einer DNA-Abgleich-Software kennen Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht,
                    Verteidigung und sogar das beteiligte DNA-Labor daher in der Regel nur die
                    Fehlerquoten ihres Tools, nicht aber den Berechnungsalgorithmus selbst und
                    können daher auch nicht überprüfen, welche Kriterien seinen Lösungen zu Grunde
                    liegen (vgl. <ref type="bibl" target="#Wexler2015" xml:id="ref_Wexler2015"
                        >Wexler 2015</ref>). Auch der Code des FST, obwohl von einer öffentlichen
                    Einrichtung entwickelt, war zunächst nicht einsehbar. Trotzdem konnte er in
                    Gerichtsverfahren eingesetzt und im Extremfall zu Verurteilungen führen, bei
                    denen die Angeklagten ausschließlich durch die Software belastet wurden. So etwa
                    im Strafverfahren gegen die Mitglieder einer jüdischen Bürgerwehr wegen einer
                    Prügelattacke in New York im Jahr 2013: Einer der Angeklagten musste hier
                    zunächst eine hohe Haftstrafe antreten, obwohl er jegliche Beteiligung an der
                    Tat bestritt und keine weiteren Indizien oder Beweise gegen ihn vorlagen, was
                    einige mediale Aufmerksamkeit erregte und sogar in einer True-Crime-Serie
                    aufgegriffen wurde (vgl. <ref type="bibl" target="#Loudenberg2019"
                        xml:id="ref_Loudenberg2019">Loudenberg 2019</ref>). Das FST hatte eine
                    133-fache Wahrscheinlichkeit errechnet, dass eine DNA-Spur am Schuh des Opfers
                    mit der des Beschuldigten identisch war (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kirchner2017a" xml:id="ref_Kirchner2017a-2">Kirchner 2017</ref>).
                    Da jedoch immer wieder Zweifel an der Zuverlässigkeit des Algorithmus geäußert
                    wurden – prominent unter anderem von einem ehemaligen technischen Leiter des
                    DNA-Labors des OCME – erreichte die Organisation ProPublica im Jahr 2017 die
                    Veröffentlichung des FST-Codes zusammen mit begleitenden Materialien wie dem
                    Benutzerhandbuch und einer Executive Summary, die seitdem auf dem
                    Programmrepositorium GitHub einsehbar sind (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kirchner2017b" xml:id="ref_Kirchner2017b">Kirchner et al.
                        2017</ref>). Seitdem besteht die seltene Gelegenheit, ein neuartiges
                    forensisches Programm mit Relevanz für Fragen der gegenwärtigen Polizeiarbeit
                    und ihrer Beziehung zur Statistik als Regierungstechnik über seine
                    Benutzeroberflächen, das Begleitmaterial mit Hinweisen zur praktischen Anwendung
                    der Software und den Code zur Berechnung der DNA-Wahrscheinlichkeitswerte
                    eingehend zu analysieren.</p>
                <p>Der FST liegt auf GitHub in einer Ordnerstruktur vor, die zum größten Teil
                    Dateien in der Programmiersprache C# und zu einem kleineren Teil in Java
                    enthält. In C#-Projekten werden Ordnerstrukturen verwendet, um das Programm in
                    sogenannten Namespaces zu organisieren. Namespaces stellen eine Ordnungsstruktur
                    innerhalb des Codes dar, die zusammengehörige Klassen und andere Funktionen
                    zusammenfasst, um sie leichter verwalten zu können. Für die folgende Analyse ist
                    der Namespace FST.Commons relevant, da hier die wesentliche Berechnungslogik des
                    Programms in der Datei <hi rend="bold">comparison.cs</hi> enthalten ist. Weitere
                    Dateien in FST.Commons regeln den Zugriff des Programms auf die
                    Vergleichsdatenbanken und die Ausgabe der Ergebnisse. Der Code in <hi
                        rend="bold">comparison.cs</hi> initiiert im Wesentlichen einen
                        <term>Likelihood-Ratio-Test</term> (LR-Test), bei dem die Wahrscheinlichkeit
                    zweier Hypothesen bewertet wird: Einerseits die Wahrscheinlichkeit, dass die DNA
                    vom Verdächtigen stammt und andererseits die Wahrscheinlichkeit, dass die DNA
                    von einer Vergleichsperson oder einer zufälligen Person aus derselben ethnischen
                    Population stammt. Das Programm beginnt in der Klasse <hi rend="bold"
                        >Comparison</hi> mit der Initialisierung der DNA-Profile aus einem
                    Beweisstück, einer Vergleichsprobe sowie bekannten, nach Ethnien sortierten
                    Profilstrukturen in einer Datenbank, von der später noch die Rede sein wird (die
                    Nummerierung der Zeilen des Codes entspricht im Folgenden seiner Dokumentation
                    unter <ref type="bibl" target="#Kirchner2017b" xml:id="ref_Kirchner2017b-2"
                        >Kirchner et al. 2017</ref>).</p>

                <figure xml:id="wdr06_03-02_Abb_01">
                    <graphic width="350px" height="223px" url="media/wdr06_03-02_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">Code-Ausschnitt aus dem <hi rend="italic">Forensic
                            Statistical Tool</hi> (FST)</head>
                </figure>

                <figure xml:id="wdr06_03-02_Abb_02">
                    <graphic width="350px" height="187px" url="media/wdr06_03-02_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">Code-Ausschnitt aus dem <hi rend="italic">Forensic
                            Statistical Tool</hi> (FST)</head>
                </figure>

                <p>In dieser Passage des Codes findet noch keine Berechnung statt, aber man kann
                    bereits die Verwendung von Datenstrukturen als wesentliches Instrument der
                    Programmierung in <hi rend="bold">comparison.cs</hi> erkennen: Die Verwendung
                    von sogenannten <term>Dictionaries</term> fällt durch das wiederholte Auftreten
                    des Begriffs im Code schon bei oberflächlicher Durchsicht ins Auge (Zeile 145,
                    146, 159). Dictionaries speichern Daten in sogenannten Schlüssel-Wert-Paaren und
                    eignen sich besonders, wenn Daten schnell und ressourcensparend abrufbar sein
                    sollen. In den Zeilen 154 und 155 werden indessen zwei Variablen definiert, die
                    jeweils auf die Methode <hi rend="bold">ReadDropoutRate()</hi> (Zeile 1396–1487)
                    im Programm verweisen. Von dieser Methode wird das Datenformat
                        <term>DataTable</term> zurückgegeben (Zeile 1484), das ähnlich einer Tabelle
                    in einer Datenbank aus Zeilen und Spalten besteht, in dem also Daten
                    mehrdimensional zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Sowohl
                    Dictionaries als auch DataTables können in C# verwendet werden, um Werte
                    einander leicht und übersichtlich für den Zugriff durch den Algorithmus
                    zuzuordnen. Sie erzeugen Adressierbarkeit, Sichtbarkeit und Nachvollziehbarkeit
                    für die im Programm verwendeten Daten und stehen durch ihre Positionierung
                    innerhalb der Definition der übergeordneten Klasse <hi rend="bold"
                        >comparison</hi> an entscheidender Stelle im Vergleichsvorgang des FST.</p>
                <p>Allein durch eine Wiederholung im Code (wobei die Definition von Methoden in
                    Programmiersprachen wie Java, C# oder Python an sich schon eine
                    Wiederholungsstruktur darstellt, da der Code innerhalb einer Klasse immer wieder
                    aufgerufen werden kann) lässt sich in ihm also die Verwendung von
                    Datenstrukturen als wesentliches Element seines Verfahrens erkennen. Und hier
                    verweist die Form des FST auf die Anfänge der statistischen forensischen Praxis
                    zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Insbesondere die Arbeit von <ref
                        type="bibl" target="#Pearson1934" xml:id="ref_Pearson1934">Pearson
                        (1934)</ref> über die Echtheit der Schädel von Henry Stewart und Oliver
                    Cromwell kommt hier als Vorläufer in Betracht (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Slice2018" xml:id="ref_Slice2018">Slice 2018</ref>). Bei diesen
                    Forschungen spielte der Computer natürlich noch keine Rolle, sondern es wurden
                    menschliche Rechenkräfte zur Bewältigung des enormen Rechenaufwands eingesetzt.
                    Sie waren auch und vor allem mit der Erstellung und Auswertung des
                    Generalinstruments aller statistischen Berechnungen beschäftigt: der
                    Datentabelle, deren Verknüpfung von Zahlenwerten in Herstellung ihrer
                    Vergleichbarkeit auf einer grafischen Oberfläche entscheidend für die Entstehung
                    der Statistik als wesentlichem Instrument der Gesellschaftswissenschaften war
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Stigler2002" xml:id="ref_Stigler2002-48">Stigler
                        2002: 48</ref>; <ref type="bibl" target="#Hacking2010"
                        xml:id="ref_Hacking2010-105">Hacking 2010: 105–141</ref>). Das FST überträgt
                    in Durchführung seiner zentralen Rechenoperation diese grundlegende
                    Kulturtechnik des statistischen Denkens in den virtuellen Raum zeitgenössischer
                    forensischer Polizeiarbeit.</p>
                <p>Ein weiterer historischer Bezug der Form des Programms auf seine Anfänge in der
                    frühen Statistik entsteht durch seine Verwendung der Korrelation als
                    Berechnungsmethode. Im forensischen DNA-Vergleich des FST wird dieses
                    ursprünglich von Francis Galton entwickelte Verfahren beispielsweise in der
                    Methode <hi rend="bold">DoCompare()</hi> (Zeile 336–547) verwendet, in der die
                    Allelfrequenzen verschiedener ethnischer Populationen korreliert werden, um die
                    Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der ein bestimmtes Allel (oder eine
                    bestimmte Allelkombination) der entnommenen DNA-Probe in ihnen jeweils vorkommt.
                    Dies wiederum ist für korrekte Berechnungen im FST von entscheidender Bedeutung,
                    da Allelkombinationen in verschiedenen Populationen mit unterschiedlicher
                    Häufigkeit vorhanden sind. Kommt also eine am Tatort vorgefundene Genkombination
                    in einer Population kaum vor, wird aber bei einem Tatverdächtigen mit einer
                    ethnischen Herkunft festgestellt, in der sie häufiger anzutreffen ist, so kann
                    dies fälschlicherweise zur Berechnung eines hohen Wahrscheinlichkeitswerts
                    seiner Anwesenheit am Tatort führen. Eine nach Ethnien differenzierende
                    Behandlung des genetischen Materials ist also eine sinnvolle Funktion des
                    Programms – zugleich zeigt sich hier in der Form die unauflösliche Verbindung
                    der computergestützten Datenverwaltung und ihrer Techniken mit der rassistischen
                    Wissenschaft der Eugenik, die bekanntlich von eben jenem bereits erwähnten
                    Francis Galton maßgeblich begründet wurde und mit statistischen Methoden
                    ermittelte genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien zum
                    Ansatzpunkt genetischer Züchtungsphantasien werden ließ: <quote
                        source="#ref_Chun2021-58">Die Korrelation, die auf eugenischen
                        Rekonstruktionen der Vergangenheit beruht [...], trägt den Keim der
                        Manipulation, der Segregation und der Falschdarstellung in sich</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Chun2021" xml:id="ref_Chun2021-58">Chun 2021:
                        58</ref>). Korrelationsberechnungen können überdies auch bei fehlerhaften
                    Voraussetzungen in ihren Daten eine hohe wissenschaftliche Genauigkeit
                    suggerieren. Dies war beim FST der Fall, dessen Algorithmus, wie die durch
                    ProPublica beauftragte gutachterliche Überprüfung feststellte, ähnliche
                    Datenstrukturen von Familienmitgliedern in der Berechnung nicht berücksichtigte.
                    Wo die eugenischen Wissenschaft also Menschen in falschen Kategorien
                    zusammenfasste, die auf oberflächlicher statistischer <quote
                        source="#ref_Chun2021-58">Ähnlichkeit</quote> basierten (<ref type="bibl"
                        target="#Chun2021" xml:id="ref_Chun2021">ebd.</ref>), bezieht das FST
                    bestimmte Besonderheiten von Bevölkerungsgruppen nicht in seine Berechnung ein.
                    Der Verurteilte in der erwähnten Prügelattacke entstammte etwa dem Milieu der
                    orthodox lebenden chassidischen Juden in Williamsburg. Die Software
                    berücksichtigte in ihrem Korrelationsalgorithmus aber diesen Fall einer kleinen
                    Bevölkerungsgruppe nicht, in der seit jeher häufig untereinander geheiratet
                    wurde und deren Mitglieder daher vermutlich mehr DNA miteinander teilen als
                    andere Ethnien (vgl. <ref type="bibl" target="#Kirchner2017a"
                        xml:id="ref_Kirchner2017a-3">Kirchner 2017</ref>).</p>

                <figure xml:id="wdr06_03-02_Abb_03">
                    <graphic width="400px" height="146px" url="media/wdr06_03-02_Abb_03.jpg"/>
                    <head type="legend">Tabelle 4 der Bedienungsanleitung des FST (Anonym 2016: 24)</head>
                </figure>

                <p>Durch eine weitere Tabelle wurden die Ergebnisse des FST für die
                    Weiterverarbeitung in Gerichtsverfahren vorbereitet. Im Benutzerhandbuch wird
                    der numerische Wert der LR-Berechnung in eine qualitative Bewertung für ein
                    wissenschaftliches Gutachten übersetzt, die FST ausgegebenen Quantität Werte
                    also qualitativ beschrieben und die Bedienungsanleitung des FST legt an dieser
                    Stelle großen Wert darauf, dass ihr <quote source="#ref_Kirchner2017a-23">exact
                        wording</quote> verwendet wird (<ref type="bibl" target="#Kirchner2017a"
                        xml:id="ref_Kirchner2017a-23">Ebd. 23</ref>). Ein LR von 1 bis 10 stützt in
                        <quote source="#ref_Kirchner2017a-23">begrenztem</quote> Umfang die Annahme,
                    dass die Verdächtigen-DNA in der Tatort-DNA vorhanden ist, von 10 bis 100 gilt
                    diese These als <quote source="#ref_Kirchner2017a-23">mäßig</quote> belegt, ab
                    einem Wert von 100 bis 1000 findet sich ein <quote
                        source="#ref_Kirchner2017a-23">starker</quote> und von 1000 an ein <quote
                        source="#ref_Kirchner2017a-23">sehr starker</quote> Hinweis darauf. Negative
                    Werte werden analog in einer Skala für die Unterstützung der Ausschlusshypothese
                    dargestellt: Von -1 für eine <quote source="#ref_Kirchner2017a-23"
                        >begrenzte</quote> Unterstützung bis -1000 für eine <quote
                        source="#ref_Kirchner2017a-23">sehr starke</quote> Unterstützung, falls also
                    das Genmaterial einer Person mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht in der
                    DNA-Mischung vertreten ist. Zahlenwerte als Output des FST finden sich hier in
                    eine Skala nüchterner, aber durchaus suggestiver Adjektive übersetzt, ohne dass
                    die leitenden Annahmen für die qualitative Bewertung im Handbuch begründet
                    werden und ohne dass potenzielle Gutachter:innen oder das Gericht Einblick in
                    die Berechnungsweise des FST erhalten.</p>
                <p>In der formalen Analyse eines Codes kann also die Gegenwart und Vergangenheit
                    eines Algorithmus als normatives Instrument hervortreten – in diesem Fall das
                    Erbe der rassistischen Wissenschaft in der Polizeisoftware der Gegenwart. Sie
                    zeigt auch, wie die Form einer Software sich mit anderen normativen Ordnungen
                    verbindet – in diesem Fall als eine Operationskette zwischen Tabellen und
                    mathematischen Berechnungen, die das unsichere Feld der Wahrscheinlichkeiten aus
                    der statistischen Untersuchung von DNA-Allelen in die qualifizierenden
                    Festlegungen juristischer Gutachten übersetzen. Ein Quellcode überträgt also die
                    Analyse eines DNA-Codes in die Sprache des <term>codex juridis</term>. Das FST
                    ist hier mehr als ein komplexes Rechenwerkzeug, das die wissenschaftlichen
                    Operationen forensischer DNA-Abgleiche mit komplexen Proben automatisiert. Es
                    ist eine <emph>Formoperation</emph>, die epistemische Praktiken der
                    Lebenswissenschaften in den institutionellen Text eines Gutachtens überträgt und
                    auf diese Weise in die normative Ordnung juristischer Verfahren einpasst. Code
                    ist an dieser Stelle das Instrument eines <term>vitam instituere</term> (Pierre
                    Legendre), mithin einer Regierungstechnik, die die statistische Gliederung von
                    Bevölkerungen (mit ihrer mal mehr mal weniger unschuldigen Vergangenheit) mit
                    der Identifikationspraxis polizeilicher Ermittlungen verknüpft (vgl. <ref
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                        144</ref>).</p>
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