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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Schöne Ausblicke</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zur Schürze als Gegenstand der Theorieverhandlung in
                    Teresa Präauers <hi rend="italic">Kochen im falschen Jahrhundert</hi></title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Tanja</forename>
                        <surname>Kreidenhuber</surname>
                    </name>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-04-02</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9455</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">✓2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Teresa Präauer</term>
                    <term xml:lang="de">Gender-Theorie</term>
                    <term xml:lang="de">fashion writing</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Teresa Präauer</term>
                    <term xml:lang="en">gender theory</term>
                    <term xml:lang="en">fashion writing</term>
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                    <name>Thomas Zangl</name>
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                    <name>Thomas Zangl</name>
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                <change><date when-iso="2025-03-12">A few additions and changes</date><name>Laura
                        Tezarek</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Text untersucht die Bedeutung des Kleidungsstückes der Schürze für den
                    Entwurf weiblicher Rollenbilder in Teresa Präauers <title>Kochen im falschen
                        Jahrhundert</title> (2023). Mithilfe einer gendertheoretischen
                    Primärtextanalyse zeigt der Beitrag, dass die Schürze in Präauers Roman nicht
                    zuletzt dazu dient, die Differenzen von Theorie und Praxis in der
                    Geschlechtergleichstellung sichtbar zu machen.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The text examines the significance of the apron as an item of clothing for the
                    design of female role models in Teresa Präauer's <title>Kochen im falschen
                        Jahrhundert</title> (2023). With the help of a gender-theoretical primary
                    text analysis, the article shows that the apron in Präauer's novel serves not
                    least to make the differences between theory and practice in gender equality
                    visible.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_04-02_01">
                <p>Die Konzepte der Theorie der Gleichstellung, der alten, neuen, der sich ständig
                    wandelnden feministischen Forschung, pfeifen in Teresa Präauers Text <hi
                        rend="italic">Kochen im falschen Jahrhundert</hi> durch die Luft – und
                    kreuzen ein fiktives Praxisbeispiel: die Figur der Gastgeberin. Diese
                    Protagonistin soll vor einem gendertheoretischen Deutungshintergrund als
                    Praxissubjekt der vielfältig diskutierten Theorien zu den
                    Geschlechterverhältnisse unserer westlichen Gesellschaft eingeordnet werden.
                    Dieser Beitrag will diese Figur mithilfe eines symbolträchtigen Gegenstandes als
                    Frau und Individuum definieren: mithilfe der <hi rend="italic">Schürze</hi>. So
                    verhandelt die Gastgeberin ihre eigene Position im 21. Jahrhundert, wenn es um
                    die Fragen von Gender und Geschlecht sowie Rahmenbedingungen und
                    Handlungsmustern dieser Geschlechterstrukturen geht. Es soll daher das Augenmerk
                    auf die Gastgeberin als <hi rend="italic">Frauenfigur</hi> gelegt werden. Die
                    Analyse will die Gastgeberin dabei nicht als starre Verkörperung einer
                    bestimmten Geschlechterrolle, sondern ganz im Sinne des Konzepts des „Doing
                    Gender“ als eine sich stetig neu verhandelnde Frauenfigur auf mehreren Ebenen
                    untersuchen: Mikro-, Meso- und Makroebene der Gleichstellungsfrage, die in der
                    feministischen Forschung und den Gender Studies jene Frage nach der Umsetzung
                    von der Theorie in die Praxis des Geschlechtergleichstellungsziels auf seinen
                    mannigfaltigen Ebenen behandelt. Diese Auseinandersetzung mit dem Rollenbild der
                    Frau drückt sich meiner grundlegenden These nach vor allem in der Handhabung der
                    Gastgeberin mit ihrer Schürze als rollendefinierendem Kleidungsstück aus. Mein
                    Beitrag soll sich in vier Teile gliedern: Nach der Darlegung des aktuellen
                    Forschungs- und Rezeptionsstands möchte ich in einem ersten Schritt den
                    theoretischen Rahmen und die Grundbegriffe für eine geschlechter- und
                    gendertheoretische Textanalyse klären. Als Nächstes soll die Rolle der Kleidung
                    für die Geschlechterrollen der Frau im Text näher untersucht werden. Dies bildet
                    die Grundlage für die Analyse der kulturellen Kodierung der Schürze.
                    Abschließend soll meine These diskutiert werden: Die Gastgeberin verhandelt im
                    Umgang mit ihrer Schürze auch den Versuch, sich selbst <hi rend="italic">als
                        Frau ihrer Zeit</hi> zu identifizieren und positionieren und damit Theorie
                    und Praxis der Gleichstellung miteinander zu verknüpfen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_04-02_02">
                <head>1. Teresa Präauer und <hi rend="italic">Kochen im falschen Jahrhundert</hi>:
                    Forschungs- und Rezeptionsstand</head>
                <p>Die österreichische Schriftstellerin und bildende Künstlerin Teresa Präauer
                    etablierte sich mit ihrem Prosadebüt <hi rend="italic">Für den Herrscher aus
                        Übersee </hi>(2012) in der deutschsprachigen Literaturszene (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Langemeyer2016" xml:id="ref_Langemeyer2016-182"
                        >Langemeyer 2016: 182</ref>). Kalina Kupczyńska reiht Präauers Schreiben in
                    die lange Tradition der <quote source="#ref_Kupczyńska2019-21">spezifisch
                        ‚österreichischen‘ Ironie</quote> (<ref type="bibl" target="#Kupczyńska2019"
                        xml:id="ref_Kupczyńska2019-21">Kupczyńska 2019: 21</ref>) ein. Für
                    Kupczyńska steht die Ironie als <quote source="#ref_Kupczyńska2019-22">mother of
                        confusion</quote> (vgl. <ref type="bibl" target="#Kupczyńska2019"
                        xml:id="ref_Kupczyńska2019-22">ebd.: 22</ref>, mit Verweis auf <ref
                        type="bibl" target="#Booth1975" xml:id="ref_Booth1975-01">Booth 1975</ref>)
                    im Mittelpunkt des Texts, und Ironie versteht mein Beitrag als „aufdeckender“
                    Faktor, der dem Text Diskurskraft hinsichtlich kultureller und soziologischer
                    Fragestellungen verleiht. In der Art eines Kammerspiels entwickelt sich ein
                    Abend aus der Essenseinladung für drei Gäste, was zunächst „unspektakulär“
                    erscheint (<ref type="bibl" target="#Kupczyńska2024"
                        xml:id="ref_Kupczyńska2024-196">Kupczyńska 2024: 196</ref>). Doch in
                    Kupczyńskas Analyse wird deutlich, dass die Handlung sich auf mehreren <quote
                        source="#ref_Kupczyńska2024-196b">Bedeutungsebenen</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kupczyńska2024" xml:id="ref_Kupczyńska2024-196b">ebd.</ref>)
                    entfaltet: Mehrere Versionen eines Abends voll der Diskussion über <quote
                        source="#ref_Wallstein2023-01">Essen, Wohnen, Arbeit, Migrationspolitik,
                        Selfies</quote> (<ref type="bibl" target="#Wallstein2023"
                        xml:id="ref_Wallstein2023-01">Wallstein Verlag 2023</ref>) überlagern sich,
                    begleitet von den Beschreibungen von Erinnerungen an die eigenen Erfahrungen mit
                    Essen, Kochen und so auch mit verschiedenen Lebensweisen und -einstellungen. Der
                    Text spielt dabei vor allem auch mit Suspense und einer parodierenden
                    Darstellung eines Dinnerabends (vgl. <ref type="bibl" target="#Kupczyńska2024"
                        xml:id="ref_Kupczyńska2024-197">Kupczyńska 2024: 197</ref>).</p>
                <p>Vom Wallstein Verlag selbst als <quote source="#ref_Wallstein2023-02">schlau,
                        witzig, heiter</quote> und <quote source="#ref_Wallstein2023-02"
                        >gleichzeitig begleitet von den unterschwelligen oder ganz offen
                        artikulierten Aggressionen der Beteiligten</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Wallstein2023" xml:id="ref_Wallstein2023-02">Wallstein Verlag
                        2023</ref>) beschrieben, erkennen auch die Rezepient:innen-Stimmen aus
                    Presse und Buchhandel den Text als <quote source="#ref_Kölsch2023-01"
                        >scharfsinnig und voller Witz</quote> (<ref type="bibl" target="#Kölsch2023"
                        xml:id="ref_Kölsch2023-01">Kölsch 2023</ref>), als <quote
                        source="#ref_Schneider2023-01">gesellschaftskritisches</quote> und <quote
                        source="#ref_Schneider2023-01">zeitloses Kunstwerk, das in 100 Jahren sowohl
                        von Soziolog:innen als auch von Literaturwissenschaftler:innen herangezogen
                        werden wird, um Kunst und Leben in den 2020er-Jahren zu verstehen</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Schneider2023" xml:id="ref_Schneider2023-01"
                        >Schneider 2023</ref>) und als <quote source="#ref_Tröger2023-01"
                        >Lifestyle-Satire</quote> (<ref type="bibl" target="#Tröger2023"
                        xml:id="ref_Tröger2023-01">Tröger 2023</ref>) an. Als <quote
                        source="#ref_Strigl2023-01">ein Konversationsstück, in dem die Gedanken der
                        Sprechenden mindestens genauso wichtig sind wie ihre Worte</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Strigl2023" xml:id="ref_Strigl2023-01">Strigl
                        2023</ref>), beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl den
                    Roman und greift die von Kupczyńska genauer ausgeführte, grundsätzliche
                    ironische Note Präauers Texte auf (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kupczyńska2019" xml:id="ref_Kupczyńska2019-21b">Kupczyńska 2019:
                        21</ref>), indem sie vermerkt: <quote source="#ref_Strigl2023-02">Die
                        Autorin würzt mit Witz und fein dosierter Ironie […]</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Strigl2023" xml:id="ref_Strigl2023-02">Strigl
                        2023</ref>). Beatrice Simonsens stimmt mit ein: <quote
                        source="#ref_Simonsen2023-01">bei all dem prickelnden Charme, der aus dem
                        Roman herüberweht, vergisst Teresa Präauer nicht [...] die Komplexität der
                        Fragestellung: ‚Was ist Kultur?‘</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Simonsen2023" xml:id="ref_Simonsen2023-01">Simonsen 2023</ref>).
                    Die Frage nach kulturellen Gegebenheiten und ihrer Reflexion interessiert
                    besonders in der Auseinandersetzung mit der These dieses Beitrags – und lässt
                    sich auch mit dem Konzept der typisch „österreichischen“ Ironie verknüpfen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Kupczyńska2019" xml:id="ref_Kupczyńska2019-21c"
                        >Kupczyńska 2019: 21</ref>), die Präauers Texte durchzieht: <quote
                        source="#ref_Kupczyńska2019-21d">Der Clou der ‚österreichischen‘ Ironie
                        liegt darin, anzuecken, d. h. Widersprüche sichtbar zu machen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Kupczyńska2019" xml:id="ref_Kupczyńska2019-21d"
                        >ebd.</ref>) und das vermag <hi rend="italic">Kochen im falschen
                        Jahrhundert</hi> auch, wenn es um Themen der Feminismus- und Genderforschung
                    geht. Diese „aufdeckende“ Funktionen der Ironie verleiht dem Text Diskurskraft
                    hinsichtlich kultureller und soziologischer Fragestellungen – und zeigt sich in
                    Hinblick auf meine These auch in jenen gendertheoretischen Fragen der westlichen
                    Kultur, die der Roman aufwirft und in eben dieser präsentierenden und gewitzten
                    Manier zu verhandeln vermag.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_04-02_03">
                <head>2. Die Konzepte pfeifen durch die Luft: Erstellung eines gendertheoretischen
                    Deutungsrahmens und Begriffsklärung</head>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Präauer2023-49">Hatten sie alle Möglichkeiten? Die Konzepte
                        der Theorie pfiffen durch die Luft und wirbelten die Feuilletons der
                        internationalen Zeitungen auf, während man sich auf dem Boden als Paar an
                        der Praxis versuchte und schund. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-49">Präauer 2023: 49</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Frage nach dem Fortschritt des Gleichstellungsziels im 21. Jahrhundert birgt
                    eine Flut an vielfältigen wissenschaftlichen Ansätzen auf der einen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-201">Klaus 2020:
                        201</ref>) und eine Realität der stockenden Entwicklung und bestehenden
                    Ungleichheit auf der anderen Seite (vgl. <ref type="bibl" target="#Lenz2013"
                        xml:id="ref_Lenz2013-124">Lenz 2013: 124</ref>). Die vielschichtigen
                    Herausforderungen der Gleichstellungsfrage werden nicht nur in feministischer
                    Forschung und Lebenspraxis vielfach und hitzig diskutiert (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-211">Klaus 2020: 211f</ref>). Sie
                    spiegeln sich in ihren Fragestellungen, Ansätzen und Widersprüchen auch in den
                    gegenwärtigen Medien und so auch in der Gegenwartsliteratur wider (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Strube2015" xml:id="ref_Strube2015-9">Strube 2015:
                        9</ref>; <ref type="bibl" target="#Gruhlich2020"
                        xml:id="ref_Gruhlich2020-25">Gruhlich 2020: 25</ref>). Ich folge in meinem
                    Beitrag Elisabeth Klaus die in einem praxisorientierten Sinn eine <quote
                        source="#ref_Klaus2020-211b">gesellschaftstheoretische Orientierung</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-211b">Klaus
                        2020: 211</ref>) entwirft, in der zwei wesentliche Ansätze der
                    feministischen Forschung Verbindung finden: der „Gleichheitsansatz“, wesentlich
                    geprägt von Ursula Scheu (vgl. <ref type="bibl" target="#Scheu1977"
                        xml:id="ref_Scheu1977-01">Scheu 1977</ref>), und der „Differenzansatz“,
                    wesentlich geprägt von Gudrun-Axeli Knapp (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Knapp1995" xml:id="ref_Knapp1995-01">Knapp 1995</ref>). Dieses
                    Theoriepaar erscheint zunächst <quote source="#ref_Klaus2020-205">diametral
                        entgegengesetzt</quote> (<ref type="bibl" target="#Klaus2020"
                        xml:id="ref_Klaus2020-205">Klaus 2020: 205</ref>): Während der
                    Gleichheitsansatz sozialpsychologisch <quote source="#ref_Klaus2020-211c">die
                        Diskriminierung von Frauen, die nach wie vor fehlende Einlösung des
                        Gleichberechtigungsversprechens in vielen gesellschaftlichen Feldern</quote>
                    auf der Mikroebene des Individuums nachzuweisen sucht, arbeitet die <quote
                        source="#ref_Klaus2020-211c">sozialstruktur-orientierte Variante des
                        Differenzansatzes</quote> laut Klaus <quote source="#ref_Klaus2020-211c">die
                        sozialen und sozial-historischen Bedingungen von Geschlechterdifferenzen und
                        Geschlechtertrennungen</quote> (<ref type="bibl" target="#Klaus2020"
                        xml:id="ref_Klaus2020-211c">ebd.: 211</ref>) auf Meso- und Makroebene
                    heraus. Dies bringt durchaus konflikthafte Ansichten auf die
                    Gleichstellungsfrage mit sich. Der Gleichheitsansatz konzipiert Geschlecht als
                    rollenspezifische, homogene Gruppen von Frau und Mann, die unterschiedliche
                    Sozialisationsprozesse erleben und sieht die Frau dabei als das <quote
                        source="#ref_Klaus2020-203">unterdrückte ‚Andere‘ zur männlichen
                        Norm</quote> und als <quote source="#ref_Klaus2020-203">Opfer der
                        Verhältnisse</quote> (<ref type="bibl" target="#Klaus2020"
                        xml:id="ref_Klaus2020-203">ebd.: 203</ref>). Der Differenzansatz hingegen
                    rückt den aktiven Umgang des Individuums mit den aktuellen Bedingungen,
                    Lebensvorstellungen und Alltagserfahrungen in den Fokus. Das Sozialkonstrukt der
                    Gesellschaft miteinbeziehend, wird die Geschlechterdifferenz nun auch unter
                    Berücksichtigung der vielfältigen Machtbeziehungen und der sozial-historischen
                    Bedingungen der Geschlechtertrennung betrachtet (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-204">Klaus 2020: 204</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#BeckerSchmidt1987" xml:id="ref_BeckerSchmidt1987-01"
                        >Becker-Schmidt &amp; Knapp 1987</ref>; <ref type="bibl" target="#Beer1990"
                        xml:id="ref_Beer1990-01">Beer 1990</ref>). Vereint als
                    gesellschaftstheoretischer Ansatz können materielle Folgen von
                    Geschlechterverhältnissen untersucht werden, die aus eben jenen historischen
                    Strukturierungs- und Sedimentierungsprozesse resultieren (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-211d">ebd.: 211</ref>, mit Verweis
                    auf <ref type="bibl" target="#Knapp1995" xml:id="ref_Knapp1995-187">Knapp 1995:
                        187f</ref>). Im sozialkonstruktivistischen Fokus auf das <quote
                        source="#ref_Klaus2020-01">‘Gemachtwerden‘ von Frauen</quote> als <quote
                        source="#ref_Klaus2020-01">historisch-kulturell auferlegter Zwang</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-01">ebd.</ref>)
                    gilt theorienübergreifend der Minimalkonsens von „Gender“ als sozial
                    konstruierte Geschlechterrolle und „Geschlecht“ als biologisch determinierte
                    Identität (vgl. <ref type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-210"
                        >ebd.: 210</ref>; vgl. <ref type="bibl" target="#Babka2024"
                        xml:id="ref_Babka2024-61">Babka &amp; Posselt 2024: 61</ref>). In diese
                    Überlegungen eingebettet, bildet die Schürze der Gastgeberin in Präauers Roman
                    meiner Hypothese nach jenen Gegenstand, der die dargelegten Ebenen des
                    Gleichstellungsdiskurses zeitgleich vereint und verhandelt. Mithilfe dieser
                    Forschungsgrundlage lässt sich die gendertheoretische Bedeutung der Schürze
                    gezielt auf mehreren Ebenen analysieren. Denn als Kleidungsstück der Gastgeberin
                    fungiert die <quote source="#ref_Präauer2023-10">grün-blau gestreifte
                        Schürze</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                        xml:id="ref_Präauer2023-10">Präauer 2023: 10</ref>) als vergegenständlichter
                    Verschmelzungspunkt der Mikro-, Meso- und Makroebene der Gleichstellungsfrage
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-211e">Klaus
                        2020: 211</ref>): Auf der <hi rend="italic">Mikroebene</hi> ist sie das
                    Kleidungsstück eines Individuums, der Protagonistin. Auf der <hi rend="italic"
                        >Mesoebene</hi> definiert sie ihre Rolle für diesen Abend, die der
                    Gastgeberin (vgl. <ref type="bibl" target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-8"
                        >ebd.: 8; 82</ref>). Und auf der <hi rend="italic">Makroebene</hi> schlägt
                    sie als Erbstück gleichsam die Brücke zur Vergangenheit, zu den Frauen, die vor
                    der Protagonistin kamen: Zu den Müttern und Großmüttern (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Klaus2020" xml:id="ref_Klaus2020-82">ebd.: 82</ref>). Alle drei
                    Ebenen des gesellschaftstheoretischen und sozialkonstruktivistischen
                    Kombinationsansatzes nach Klaus sollen als vereint im Kleidungsstück der Schürze
                    untersucht werden. Jegliche Stellen im Text, die Geschlechter- und
                    Gleichstellungsfrage berühren, bilden damit das zu analysierende Textkorpus.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_04-02_04">
                <head>3. Die Schürze und die Theorieverhandlung der Gleichstellungsfrage bei
                    Präauer</head>
                <div xml:id="wdr06_04-02_04-01">
                    <head>3.1 Genderrollen(spiel) – Kleidung und Geschlecht im Text</head>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-49b">Es war zu erwarten, dass er patzte. Und
                            es war nicht ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern. […] In der
                            vorauseilenden, selbstgewählten Zuständigkeit für die Entfernung des
                            Flecks steckte bereits der Anfang der Rollenverteilung zwischen den
                            Geschlechtern. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                                xml:id="ref_Präauer2023-49b">Präauer 2023: 49f</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Genderrollen und die damit verbundenen Handlungsmuster werden in <hi
                            rend="italic">Kochen im falschen Jahrhundert</hi> durchgängig an den
                        Figuren verhandelt – ob nun in ihrer Interaktion, auf gedanklicher Ebene der
                        Protagonistin oder in der Stimme der Erzählinstanz. Die Figuren werden in
                        ihrer Kleiderwahl allesamt unterschiedlich präsentiert und auch
                        charakterisiert. Die Protagonistin nimmt in dieser Verhandlung einen
                        besonderen Platz ein: Für den Abend schlüpft sie in die Rolle der <quote
                            source="#ref_Präauer2023-9">freundliche[n] Gastgeberin</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-9">ebd.:
                            9</ref>) – Kenntlich gemacht vor allem durch die Kleiderwahl einer
                        Kombination aus einem eleganten <quote source="#ref_Präauer2023-10b"
                            >ärmellosen schwarzen Hosenanzug</quote> und einer <quote
                            source="#ref_Präauer2023-10b">Baumwollschürze,
                            grün-blau-gestreift</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-10b">ebd.: 10</ref>), welche als passend für
                        einen <quote source="#ref_Präauer2023-14">sinnlichen Abend</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-14">ebd.:
                            14</ref>) dargestellt wird. Damit wird die Schürze zunächst mehr als
                        modisches Statement und weniger als Gebrauchsgegenstand eingeführt. Die
                        Gastgeberin schlüpft damit in eine bestimmte Rolle, die allerdings im Laufe
                        des Textes nicht starr bleibt: Viel mehr haftet der Gastgeberin im Tragen
                        der Schürze eine gewisse Unsicherheit an, wenn sie sie nicht wirklich zu
                        gebrauchen weiß, noch sich langfristig damit präsentieren möchte (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-13">ebd.: 13;
                            111</ref>). Sie gilt im Text zwar als den <quote
                            source="#ref_Präauer2023-14b">praktischen Kochutensilien</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-14b">ebd.:
                            14</ref>) zugehörig, dies spiegelt sich aber nicht im Verhalten der
                        Protagonistin wider: Sie nutzt sie nicht, um Flecken auf ihrem Overall zu
                        vermeiden (vgl. <ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-127">ebd.: 127</ref>), und auch <quote
                            source="#ref_Präauer2023-67">[d]ie klebrigen Finger</quote> wischt sie
                        sich nicht an der Schürze ab, sondern wäscht diese lieber <quote
                            source="#ref_Präauer2023-67">ausgiebig mit Seife und Wasser</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-67"
                            >ebd.: 67</ref>). In ihrer Funktionalität bleibt die Schürze hier
                        deutlich eingeschränkt, wird gar obsolet. Im Laufe des Textes nimmt die
                        Gastgeberin die Schürze schließlich ab, denn sie <quote
                            source="#ref_Präauer2023-111">passte nicht zu diesem Abend und nicht zu
                            diesen Gästen. Oder war es umgekehrt?</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-111">ebd.: 111</ref>)
                        Damit tritt die Bedeutung der Schürze als getragenes Kleidungsstück hervor:
                        Die Gastgeberin nutzt die Schürze als etwas, das ein bestimmtes Bild an die
                        Gäste und auch an die Leserschaft zu vermitteln vermag. Die Wahl der Schürze
                        für diesen Abend löst eine Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrem
                        sozialen Umfeld aus. Auf der Mikroebene sucht die Gastgeberin sich
                        individuell Ausdruck zu verleihen: Die Positionen wesentlicher Theorien in
                        der feministischen Forschung bekräftigen einen solchen
                        Inszenierungscharakter auf der Mesoebene der Gesellschaft, der damit
                        unweigerlich mit der individuellen und sozialen Aushandlung einer solchen
                        Genderdarstellung verknüpft ist (vgl. <ref type="bibl" target="#Babka2024"
                            xml:id="ref_Babka2024-62">Babka &amp; Posselt 2024: 62</ref>). Gender
                        als das soziale Geschlecht bildet damit laut Babka und Posselt eine <quote
                            source="#ref_Babka2024-01">soziale[] und kulturelle[]
                            Konstruktion</quote>, die stets einer solchen <quote
                            source="#ref_Babka2024-01">sozialen Inszenierung und Aushandlung
                            bedarf</quote> (<ref type="bibl" target="#Babka2024"
                            xml:id="ref_Babka2024-01">ebd.</ref>). Der Begriff des „Doing gender“
                        verweist in diesem Kontext darauf, dass die soziale Geschlechtsidentität
                        innerhalb <quote source="#ref_Babka2024-02">sozialer Interaktionsprozesse
                            zugeschrieben und ausgehandelt wird</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Babka2024" xml:id="ref_Babka2024-02">ebd.</ref>). Der Umgang
                        mit dem Tragen eines Kleidungsstücks an sich zeigt im Text bereits, welche
                        Bedeutung damit der Schürze für die Auseinandersetzung der Gastgeberin im
                        Text mit ihrer Identität als Frau und in ihrem Fall damit auch mit ihrem
                        sozial ausgelebten Geschlecht zukommt.</p>
                </div>
                <div xml:id="wdr06_04-02_04-02">
                    <head>3.2 Nach „Kittelschürze“ und „Kochschürze“: Kulturelle Codierung der
                        Schürze und neue alte Rollenbilder</head>
                    <p>Doch wie genau lässt sich die soziale Geschlechtsidentität der Gastgeberin
                        beschreiben und einordnen? Die Positionierung der Gastgeberin in ihrer
                        Genderrolle für diesen Abend fußt in dieser Frage wesentlich auf ihrer
                        eigenen Vorstellung der Selbstinszenierung, die sie selbst kontinuierlich in
                        den größeren Rahmen der sozial-historischen Bedingungen für Frauen in Kultur
                        und Gesellschaft fügt. Wesentlich effektiver als in der Funktion eines
                        Gebrauchsgegenstands, vermag die Schürze also ihre symbolische Funktion für
                        die Positionierung der Gastgeberin in Gender- und Geschlechterfragen zu
                        erfüllen: <quote source="#ref_Präauer2023-82">Das Kleidungsstück würde, von
                            der Gastgeberin getragen, eine ganz neue Bedeutung haben. Sie wäre weder
                            die duldsam gebundene Kittelschürze der Generation ihrer Großmütter noch
                            die wütend verweigerte Kochschürze der Generation ihrer Mütter.</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-82"
                            >Präauer 2023: 82</ref>)</p>
                    <p>Wie in der Einführung des gendertheoretischen Deutungsrahmens angeführt,
                        schlägt die Schürze hier eine symbolische Brücke zwischen dem Individuum,
                        der Gastgeberin, und dem größeren Kontext der historisch-kulturellen
                        Geschlechterstrukturen, in deren wandelnden Rahmenbedingungen sie sich als
                        Frau befindet. Während die Schürze der Gastgeberin hier im Angesicht eine
                        neuer Zeit mit <quote source="#ref_Präauer2023-49c">alle[n]
                            Möglichkeiten</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-49c">ebd.: 49</ref>) wie ein Überbleibsel aus
                        alten und anderen Zeiten scheint, zeichnet die Realität im Text vor dem
                        Hintergrund des gendertheoretischen Deutungsrahmens ein anderes Bild:
                        Ausgewählte Textstellen, in denen Aussagen zu den Frauenfiguren getätigt
                        werden, scheinen der Prämisse einer noch immer bestehenden
                        Geschlechterideologie (vgl. <ref type="bibl" target="#Abramowski2020"
                            xml:id="ref_Abramowski2020-18">Abramowski 2020: 18</ref>) wie sie auch
                        schon Mutter- und Großmutter-Generation erlebt hat, nämlich durchaus
                        zuzustimmen. Vor allem dann, wenn es um die (heteronorme) innerfamiliäre
                        Arbeitsteilung geht, erscheint die Geschlechterideologie der Generationen
                        vor der Gastgeberin plötzlich gar nicht mehr „veraltet“, sondern als noch
                        immer bestehende Realität – so vermerkt der Ehemann: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-110">Die Großmutter übernehme,
                            zugegebenermaßen, das meiste, räumte der Ehemann mit Bedauern ein. Die
                            Versäumnisse der letzten Jahrhunderte und die daraus entwachsene Schuld
                            wollte er dennoch nicht alleine schultern.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-110">Präauer 2023:
                            110</ref>)</p>
                    <p>Wie die Erzählinstanz passend erläutert, wäre es so, dass <quote
                            source="#ref_Präauer2023-78">in der Praxis weiterhin beinah
                            ausschließlich die Großmütter und Mütter kochten, putzen und die Kinder
                            versorgten.</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-78">ebd.: 78</ref>) Lenz bemerkt hinsichtlich
                        feministischer Forschungspositionen zusammenfassend: <quote
                            source="#ref_Lenz2013-124b">Frauen leisten immer noch den Löwenanteil
                            der unbezahlten Versorgungsarbeit.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Lenz2013" xml:id="ref_Lenz2013-124b">Lenz 2013: 124</ref>)
                        Wibke Derboven stimmt in diese Analyse mit ein und vermerkt, dass
                        insbesondere Frauen <quote source="#ref_Derboven2022-457">vielfach
                            unbezahlte und in großen Teilen unsichtbare Haus- und Sorgearbeit
                            leisten, ohne die die Gesellschaft nicht funktionieren würde.</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Derboven2022" xml:id="ref_Derboven2022-457"
                            >Derboven 2022: 457</ref>) Der Ehemann versucht sich währenddessen
                        allerdings als Mann, der die Pro-Geschlechtergleichheit lebt, zu
                        inszenieren: Dabei klingt er allerdings <quote source="#ref_Präauer2023-71"
                            >ungewohnt bemüht</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-71">Präauer 2023: 71</ref>), wenn er vermerkt,
                        dass er das gemeinsame Kind an den Vormittagen übernehme und von der
                        Erzählinstanz zugeschrieben bekommt, dass er das Schulderbe der Männer daher
                            <quote source="#ref_Präauer2023-110b">nicht alleine schultern</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-110b"
                            >ebd.: 110</ref>) wolle. Die Gastgeberin befindet sich in ihrer Rolle
                        für den Abend also mittendrin, wenn es um die Verhandlung alter und neuer
                        Geschlechterstrukturen geht – und damit auch mittendrin im Aufdecken noch
                        immer bestehender Ungleichheiten. Entgegen diesen Verweisen will sich die
                        Gastgeberin fest entschlossen mit der <quote source="#ref_Präauer2023-82b"
                            >ganz neue[n] Bedeutung</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-82b">ebd.: 82</ref>) der Schürze von dieser im
                        Haushalts- und Pflegebereich angesiedelten Geschlechterrolle der Frau
                        abgrenzen, immerhin: <quote source="#ref_Präauer2023-50">Das Horoskop hatte
                            der Gastgeberin in Bezug auf ihr Sternzeichen jedenfalls anderes
                            versprochen als Abwaschen und Aufräumen.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-50">ebd.: 50</ref>) Doch
                        mit dem Anlegen der Schürze kann auch sie <hi rend="italic">der</hi>
                        historisch-kulturellen Genderrolle der westlichen Bürgerfamilie schlechthin
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#König2022" xml:id="ref_König2022-437">König
                            2022: 437</ref>; <ref type="bibl" target="#Meuser2022"
                            xml:id="ref_Meuser2022-27">Meuser 2022: 27</ref>; <ref type="bibl"
                            target="#Abramowski2020" xml:id="ref_Abramowski2020-17">Abramowski 2020:
                            17</ref>) nicht entgehen: <quote source="#ref_Präauer2023-194">Man sei
                            auch weiterhin mit den Erwartungen an die Rolle konfrontiert, und mit
                            den eigenen Bildern der sogenannten Hausfrau im Kopf.</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-194">Präauer
                            2023: 194</ref>) Die Rolle <hi rend="italic">Hausfrau</hi> holt die
                        Gastgeberin als <quote source="#ref_Präauer2023-01">Herkunft</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-01"
                        >ebd.</ref>) ein, vergegenständlicht ihre Historie in der <quote
                            source="#ref_Präauer2023-82c">duldsam gebundene[n]</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-82c">ebd.:
                            82</ref>) wie auch <quote source="#ref_Präauer2023-02">wütend
                            verweigerte[n]</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-02">ebd.</ref>) Schürze, die damit eine
                        Zeitlinie zieht, an dessen Ende jetzt die Gastgeberin <quote
                            source="#ref_Präauer2023-158">im eleganten Zusammenspiel von Lektüre und
                            Nagellack, von Feminismus und Schönheit</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-158">ebd.: 158</ref>)
                        steht. Den gesellschaftlichen Wert solcher im Text hervorgehobenen
                        (scheinbaren) Errungenschaften der Gleichstellungsgeschichte beschreibt
                        Paul-Hermann Gruner als <quote source="#ref_Gruner2018-2">von keiner
                            relevanten gesellschaftlichen Gruppierung mehr ernstlich
                            bezweifelt</quote> und daher als <quote source="#ref_Gruner2018-2"
                            >pure[] Selbstverständlichkeit gerade in den Köpfen junger
                            Frauen</quote> (<ref type="bibl" target="#Gruner2018"
                            xml:id="ref_Gruner2018-2">Gruner 2018: 2</ref>). Eben dieser
                        „Selbstverständlichkeit“ wird in Präauers Text auf den Zahn gefühlt: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-49d">Überhaupt gab es an diesem Ort zu jener
                            Zeit keinerlei Gebot, sich an überlieferte Modelle zu halten. Sie hatten
                            alle Möglichkeiten. [/]Hatten sie alle Möglichkeiten?</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-49d">Präauer
                            2023: 49</ref>)</p>
                    <p>Es ist genau diese Frage, die den widersprüchlichen Zwischenraum
                        charakterisiert, in dem sich die Gastgeberin hinsichtlich der
                        Gleichstellungsfrage befindet: War die Großmutter noch „duldsam“ in die ihr
                        zugewiesene Geschlechterrolle eingefügt, verweigerte die Mutter schon <quote
                            source="#ref_Präauer2023-82d">wütend</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-82d">ebd.: 82</ref>) jenes
                        Zeichen der Genderrolle Hausfrau. Doch die Gastgeberin selbst bindet sich
                        die Schürze wieder um. Wo also positioniert sie sich, wenn es um die
                        Gleichstellung in der westlichen Kultur geht? Die <quote
                            source="#ref_Präauer2023-49e">überlieferte[n] Modelle</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-49e">ebd.:
                            49</ref>) beziehen sich vor dem Hintergrund der angeführten Textstellen
                        so vor allem auf die Genderrolle der Hausfrau. Lenz verortet die Entwicklung
                        dieser <quote source="#ref_Lenz2013-127">tiefgehende geschlechtliche
                            Arbeitsteilung</quote> (<ref type="bibl" target="#Lenz2013"
                            xml:id="ref_Lenz2013-127">Lenz 2013: 127</ref>) im Fortschreiten des
                        Kapitalismus, der Männer zunächst als Lohnarbeiter und schließlich <quote
                            source="#ref_Lenz2013-01">zunehmend als Familienernährer
                            definiert</quote> (<ref type="bibl" target="#Lenz2013"
                            xml:id="ref_Lenz2013-01">ebd.</ref>), während die Frauen vorrangig als
                        Hausfrauen und Mütter in die nun kapitalistisch orientierten
                        Sozialstrukturen eingeordnet werden (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Federici2020" xml:id="ref_Federici2020-39">Federici 2020:
                            39f</ref>; <ref type="bibl" target="#Mies2020" xml:id="ref_Mies2020-50"
                            >Mies 2020: 50–53</ref>). Von Seiten der feministischen Bewegungen und
                        Forschung ist dieses <quote source="#ref_Klammer2022-414">männliche
                            Ernährermodell</quote> (<ref type="bibl" target="#Klammer2022"
                            xml:id="ref_Klammer2022-414">Klammer &amp; Klenner 2022: 414</ref>)
                        umfassend abgelehnt und kritisiert worden, da es die ökonomische
                        Abhängigkeit der Frau vom Ehemann voraussetzt sowie auf einer, vor allem
                        auch biologisch begründeten (vgl. <ref type="bibl" target="#Babka2024"
                            xml:id="ref_Babka2024-62b">Babka &amp; Posselt 2024: 62</ref>; <ref
                            type="bibl" target="#Scheu1977" xml:id="ref_Scheu1977-23">Scheu 1977:
                            23f.</ref>), erzwungenen, weiblichen Unterordnung basiert (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Klammer2022" xml:id="ref_Klammer2022-414b">Klammer
                            &amp; Klenner 2022: 414</ref>). Die Rolle, die das kapitalistisch
                        orientierte Lebensmuster für die Stellung und das Verhalten der Frau in
                        ihrer Genderrolle spielt, beleuchtet Präauer, wenn es um das weibliche
                        Körperideal im historischen Kontext geht:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-66">Der Körper der Frau war in seiner
                            Bewertung gekoppelt an das Steigen und Sinken des Wirtschaftswachstums.
                            Das Körpergewicht der Frauen betreffend war es in der Generation der
                            Großmütter von Bedeutung gewesen, nicht zu schmal zu sein, in der
                            Generation der Mütter hingegen, nicht zu dick zu sein. (<ref type="bibl"
                                target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-66">Präauer 2023:
                                66f</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Dass dieses Phänomen nur im Makrokosmos der historischen Entwicklung und
                        Vergangenheit angesiedelt sein könnte, entkräftet die Protagonistin in ihrem
                        subjektiven Mikrokosmos als einzelne Frau sofort: So hat sie <quote
                            source="#ref_Präauer2023-66b">[o]bjektiv betrachtet […] keinen Grund,
                            sich Gedanken über ihre Figur zu machen</quote>, sieht <quote
                            source="#ref_Präauer2023-66b">subjektiv</quote> aber <quote
                            source="#ref_Präauer2023-66b">Gründe, dies doch zu tun</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-66b">ebd.:
                            66</ref>). Die durch die Schürze in der Gegenwart omnipräsente
                        Vergangenheit lässt Reflexionen zu den Geschlechterrollenbildern entstehen:
                        Saßen diese ganz im Sinne der Geschlechterideologie von Hausfrau und
                        Ernährer noch immer <quote source="#ref_Präauer2023-45">in den Knochen
                            dieser Generation, als Erbe der Eltern, Großeltern und
                            Urgroßeltern</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-45">ebd.: 45</ref>)? Die Schürze bildet damit
                        für die Gastgeberin unweigerlich jenen Gegenstand, der den Kampf des <quote
                            source="#ref_Präauer2023-194b">Sich-Lossagen[s]</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-194b">ebd.:
                            194</ref>) und <quote source="#ref_Präauer2023-03"
                            >Nicht-Loskommen[s]</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-03">ebd.</ref>) von der Genderrolle als Frau zu
                        symbolisieren vermag. Dieser Kampf findet entsprechend der
                        Geschlechterrollen von Mann und Frau mit besonderer Betonung auf den
                        heutigen Alltag innerhalb der heteronormen Partnerschaft statt: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-49f">Die Konzepte der Theorie pfiffen durch die
                            Luft […], während man sich auf dem Boden als Paar an der Praxis
                            versuchte und schund.</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-49f">ebd.: 49</ref>) In der Theorie lebt der Weg
                        Richtung Gleichstellungsziel von dem Aufdecken <quote
                            source="#ref_Lenz2013-127b">ungleiche[r] Macht- und
                            Arbeitsteilung</quote> (<ref type="bibl" target="#Lenz2013"
                            xml:id="ref_Lenz2013-127b">Lenz 2013: 127</ref>), der <quote
                            source="#ref_Derboven2022-457b">An- und Überforderungen im unbezahlten
                            Bereich von Arbeit</quote> (<ref type="bibl" target="#Derboven2022"
                            xml:id="ref_Derboven2022-457b">Derboven 2022: 457</ref>), den noch immer
                        mehrheitlich Frauen angehören und dem Weiterbestehen <quote
                            source="#ref_Abramowski2020-18b">eine[r] traditionelle[n]
                            innerhäusliche[n] Arbeitsteilung</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Abramowski2020" xml:id="ref_Abramowski2020-18b">Abramowski
                            2020: 18</ref>), die sich vor allem im <quote
                            source="#ref_Winter2023-197">Versorgungskochen</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Winter2023" xml:id="ref_Winter2023-197">Winter 2023: 197</ref>)
                        der Hausfrau immer wieder zu reproduzieren vermag (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Winter2023" xml:id="ref_Winter2023-01">ebd.</ref>). Haben die
                        Entwicklungen hin zu institutionalisierter Geschlechtergleichstellung und
                        die Übersetzung feministischer Theorien in die Praxis so für den
                        Lebensalltag der Frauen nichts verändert? Was ist mit dem Leben voller
                        Möglichkeiten, das der Gastgeberin <quote source="#ref_Präauer2023-49g"
                            >versprochen</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-49g">Präauer 2023: 49</ref>) wurde? Es sind
                        genau diese Fragen, die hier die Schürze darzustellen und ebenso
                        auszuverhandeln vermag. Dafür ist ein tieferer Blick in die häusliche Sphäre
                        und ihrer kulturellen sowie politischen Bedeutung erforderlich.</p>
                </div>
                <div xml:id="wdr06_04-02_04-03">
                    <head>3.3 Das Private ist politisch: Aus dem Reservoir alter Rollenbilder</head>
                    <p>Die Entwicklungen Richtung Gleichstellung begründen zwar heute ein <quote
                            source="#ref_Gruner2018-2b">weit jenseits von Heim und Herd</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Gruner2018" xml:id="ref_Gruner2018-2b">Gruner
                            2018: 2</ref>) gerücktes Frauenbild unserer westlichen Gesellschaft,
                        doch vor allem in der Praxis des Alltags heterosexueller Paare geht es mit
                        der Gleichstellung schleppend voran, wie auch der Text vermerkt: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-49h">Im Zuge des häuslichen Gebarens griff man
                            noch immer auf ein Reservoir an alten Rollenbildern zurück</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-49h">Präauer
                            2023: 49</ref>). Dabei findet eine kulturelle Codierung der
                        Haushaltssphäre als Lebenssphäre der Frau Bestätigung (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#BuschHeizmann2015" xml:id="ref_BuschHeizmann2015-476"
                            >Busch-Heizmann &amp; Bröckel 2015: 476</ref>). Diese hält sich
                        innerhalb der heteronormen Beziehung trotz institutionalisiertem
                        Gleichstellungskonsens bis heute hartnäckig (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Lenz2013" xml:id="ref_Lenz2013-126">Lenz 2013: 126</ref>).
                        Dabei gilt eine wesentliche Aussage der neuen Frauenbewegung der 1960er und
                        1970er Jahre heute besonders in der öffentlichen Diskussion um
                        Geschlechtergleichstellung: Das Private als Gegenstand des Politischen.
                        Damit gemeint ist laut Kahlert, dass die vormals als <quote
                            source="#ref_Kahlert2015-147">‚persönlich‘ bzw. ‚privat‘ erklärte[n]
                            Fragen</quote> (<ref type="bibl" target="#Kahlert2015"
                            xml:id="ref_Kahlert2015-147">Kahlert 2015: 147</ref>) politische
                        Legitimation erfahren. Dies führt zu einem erweiterten Politikverständnis,
                        welches vor allem der öffentlichen Verhandlung von Geschlechterfragen dient
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#Kahlert2015" xml:id="ref_Kahlert2015-01"
                            >ebd.</ref>). Die private Lebensgestaltung und damit Verteilung der
                        Zuständigkeiten und Rollen in der heterosexuellen Beziehung einer
                        heteronormen Gesellschaft spiegeln direkt die kulturellen Gegebenheiten
                        wider und reproduzieren diese damit auch immer wieder (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#MetzGöckel2018" xml:id="ref_MetzGöckel2018-21">Metz-Göckel
                            2018: 21</ref>; <ref type="bibl" target="#Winter2023"
                            xml:id="ref_Winter2023-197b">Winter 2023: 197</ref>; <ref type="bibl"
                            target="#Lenz2013" xml:id="ref_Lenz2013-126b">Lenz 2013: 126</ref>; <ref
                            type="bibl" target="#Abramowski2020" xml:id="ref_Abramowski2020-19"
                            >Abramowski 2020: 19</ref>). Dieser Wandel in gesellschaftlicher und
                        politischer Ideologie wird auch im Text angesprochen: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-149">[…] die scheinbaren Gegensätze versöhnen,
                            das Intime mit der Öffentlichkeit, die Last der Herkunft mit der
                            Freiheit der individuellen Entscheidung.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-149">Präauer 2023:
                            149</ref>) Das Verhalten, die Gedanken und die Gefühle der Gastgeberin
                        an diesem Abend können damit in der Textanalyse im Kontext des öffentlichen
                        Gleichstellungsdiskurses untersucht werden, da sie auch in der Erzählung
                        immer wieder auf eine solche Art und Weise in Verbindung gebracht werden
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-94"
                            >ebd.: 78; 94; 99; 110f.</ref>). Die Herkunft kann hier somit auf das
                        Erbe der Frauen vor der Gastgeberin bezogen werden, während sie selbst sich
                        diesen Ebenen gegenüber als Individuum und als Frau dieser neuen Zeit zu
                        identifizieren und positionieren versucht. Die ständige Selbstreflexion über
                        die Gegebenheiten der (kulturellen) Wirklichkeit und dem eigenen Platz
                        innerhalb dieser gegenwärtigen Lebensrealität, jenem <quote
                            source="#ref_Präauer2023-14c">falsche[n] Jahrhundert</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-14c">ebd.:
                            14</ref>), scheint dabei immer wieder in einer gedanklichen Sackgasse zu
                        landen. Lenz erklärt dieses Grundsatz-Dilemma: <quote
                            source="#ref_Lenz2013-124c">Wie […] muss sich das Denken bewegen, wenn
                            es die sich beschleunigende Gegenwart von der Zukunft her sehen, also
                            antizipieren will, ohne die Vergangenheit zu vergessen oder der Illusion
                            grenzenloser Verflüssigung der Verhältnisse zu verfallen?</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Lenz2013" xml:id="ref_Lenz2013-124c">Lenz 2013:
                            124</ref>) Die Gastgeberin sucht sich die im Text dargestellte
                        Lebensrealität konstant zu erklären, dann wieder zu hinterfragen und
                        schließlich doch im Zusammenspiel mit der Erzählinstanz durch Ironie mit
                        ihrer differenzentlarvenden Funktion obsolet zu machen. Die ironische Note
                        durchzieht die Interaktionen der Gastgeberin mit ihren Gästen und baut in
                        ihrem Witz vor allem auf die Genderrollen der Beteiligten: Entgegen der
                        bemühten Hausfrau übt sich die Gastgeberin in einer modernen Lässigkeit, die
                        aber nicht natürlich, sondern nur vom <quote source="#ref_Präauer2023-27"
                            >vielen Üben</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-27">Präauer 2023: 27</ref>) kommt. Entgegen der
                        bekochten und bedienten Rolle des Mannes in Gegenwart einer Gastgeberin und
                        Hausfrau, scheint der Schweizer, der diese Rolle zuvor gerne annimmt, nun
                        doch nach seinem langen, harten Arbeitstag sein Geschirr eigenständig in den
                        Geschirrspieler zu räumen – die Gastgeberin reagiert begeistert (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-69">ebd.:
                            69</ref>). Die bewundernden und dankbaren Gedanken der Gastgeberin
                        hinsichtlich dieses Verhaltens werden aber sofort ironisch als falsche
                        Hoffnung entlarvt: Denn der Schweizer lässt sein Geschirr einfach stehen
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-04"
                            >ebd.</ref>). Die tradierten Rollenbilder scheinen weiterhin zu bestehen
                        – vor allem, wenn es um die Interaktion im sozialen Setting geht. Das
                        Individuum tritt damit schließlich als eine Rollenfigur der Genderstrukturen
                        auf – wie die Protagonistin als großzügige und lässige Gastgeberin für
                        diesen Abend. Dies zeigt sich auch in einer betonten Künstlichkeit, die auf
                        den Mangel an Natürlichkeit und Individualität bei der Gastgeberin
                        hinzudeuten scheint:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-13b">Die Gastgeberin saß da wie auf einem
                            Gemälde, bewusst platziert, sitzende Frau mit hochgezogenem Knie, ganz
                            falsches Jahrhundert. Schöner Ausblick, schwärmte der Schweizer. Die
                            Gastgeberin senkte den Blick und sah auf die Schürze hinunter. Die
                            Kombination aus elegantem Overall und praktischen Kochutensilien
                            versprach einen sinnlichen Abend. Der Schweizer, der vom Gebäude
                            gegenüber gesprochen hatte, musste lachen. Du auch! (<ref type="bibl"
                                target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-13b">ebd.:
                            13f</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Dass die Gastgeberin hier diejenige ist, die sich selbst als <quote
                            source="#ref_Präauer2023-05">Anblick</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-05">ebd.</ref>)
                        interpretiert, deutet auf ihr eigenes stark verfestigtes Rollendenken hin:
                        Die Interpretation dieser Dynamik des Sehens und Gesehen-Werdens vom
                        Subjekt, dem Schweizer, auf das Objekt, die Gastgeberin, geht hier ganz von
                        der Gastgeberin aus. Es wird deutlich, wie festgefahren die Dynamiken
                        zwischen den Geschlechtern auch in ihrem Bewusstsein zu sein scheinen (vgl.
                            <ref type="bibl" target="#Rakow1986" xml:id="ref_Rakow1986-19">Rakow
                            1986: 19</ref>). Gesellschaftstheoretisch fügen sich Wahrnehmung und
                        Verhalten somit in eine Perspektive des Gleichheitsansatzes, der die Frau
                        als Individuum, aber gleichsam als Opfer und Objekt versteht. Und doch: Das
                        Individuum hinter der Gastgeberin sucht sich auszudrücken:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-16">Sie sei damals als Studentin sehr
                            eigenständig gewesen, sagte die Gastgeberin bestimmt.<lb/>Sie sei in
                            ihrer Familie eine der ersten gewesen, die studiert haben, sagte die
                            Gastgeberin. Eine kreative falsche Antwort, setzte der Schweizer seine
                            Rede fort und ließ sich nicht unterbrechen, sei ihm lieber als dieses
                            kritiklose Nachbeten des Stoffs. Kreativ, wiederholte die Gastgeberin,
                            als hätte sie in eine rohe Zwiebel gebissen. Dies sollte kein Abend
                            werden, an dem sie bloß zuhörte. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                                xml:id="ref_Präauer2023-16">Präauer 2023: 16</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Der direkte Zusammenhang zur vorangehenden Szene wird mit dem abschließenden
                        Satz der Interaktion deutlich hergestellt: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-17">Die Gastgeberin wollte kein Ausblick
                            sein.</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-17">ebd.: 17</ref>) Gendertheoretisch kann nun
                        die Perspektive des sozialkonstruktivistisch orientierten Differenzansatzes
                        greifen, da sich das Individuum hier in seinem Verhalten auch aktiv mit den
                        herrschenden Geschlechterstrukturen auseinandersetzt und diese auch
                        auszuverhandeln oder sogar zu verändern sucht. Damit kann ein Blick auf
                        jenes Individuum, auf jene Frau erhascht werden, die hinter der (Gender-)
                        Rolle der Gastgeberin zu stecken scheint. Im Sinne dieser These so auf ein
                        fiktives Praxisexempel, das die Fragen der modernen Frau hinsichtlich
                        Gleichstellung in sich vereint. Die Diskrepanz zwischen Diskurs und Realität
                        ist dabei ein zentrales Merkmal dieser Auseinandersetzung mit den noch immer
                        bestehenden, einschränkenden Rahmenbedingungen, die Gleichstellung
                        verhindern (vgl. <ref type="bibl" target="#Bareket2021"
                            xml:id="ref_Bareket2021-1175">Bareket et al. 2021: 1175</ref>; <ref
                            type="bibl" target="#König2022" xml:id="ref_König2022-437b">König 2022:
                            437</ref>; <ref type="bibl" target="#Abramowski2020"
                            xml:id="ref_Abramowski2020-18c">Abramowski 2020: 18</ref>). Die
                        vielfältigen Strukturebenen unserer heutigen Geschlechterverhältnisse werden
                        so in der feministischen Grundsatzfrage vereint: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-49i">Hatten sie alle Möglichkeiten?</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-49i"
                            >Präauer 2023: 49</ref>)</p>
                </div>
                <div xml:id="wdr06_04-02_04-04">
                    <head>3.4 Wie Theorie und Praxis der Gleichstellung in der Schürze
                        kollidieren</head>
                    <p>Diese Frage vereint und verhandelt gleichsam in Präauers Text Theorie mit
                        Praxis. Sie sucht der These dieses Beitrags nach auf der Textebene die
                        theoretischen Vorstöße in der Frage nach Gleichstellung in die praktischen
                        Lebensrealität der Geschlechterverhältnisse zu übersetzen. So entlarvt sie
                        aber am Beispiel der Gastgeberin durchaus auch Widersprüche und Differenzen
                        zwischen der Theorie-Praxis-Frage. Dies bringt, ganz im Sinne der im
                        vorangehenden Kapitel dargelegten Verweise auf die ironische Note Präauers
                        Prosa, unweigerlich ein Aufdecken von Unterschieden von Diskurs und Realität
                        und noch immer bestehenden einschränkenden Rahmenbedingungen, die
                        Gleichstellung verhindern, mit sich. Dieses Aufdecken und „Schinden“ an den
                        Widersprüchen zwischen Theorie und Praxis, findet in eben jener Sphäre
                        statt, die sich als höchst bedeutend für die Genderrollen positioniert: In
                        der angeführten privaten Sphäre des Heims und damit der Arbeitsverteilung
                        zwischen den Geschlechtern prallen die Theoriekonzepte aufeinander und
                        kollidieren mit der Praxis – der fiktiven Alltagswelt einer namenlosen Frau,
                        definiert nur durch ihre Rolle als „Gastgeberin“ für diesen Abend. Sie
                        pfeifen durch die Luft, sie konkurrieren und verknüpfen sich gleichzeitig
                        miteinander, sie wollen Orientierung bieten, doch schaffen gleichsam
                        Verwirrung und Frustration – denn in der fiktiven Praxis des Textes schindet
                        man sich an dem Versuch ab, etwas im dargestellten Alltag zu verändern. Die
                        Schürze vermag in der Frage nach den Möglichkeiten der Gegenwart so Theorie
                        mit der Praxis zu verbinden: Sie wird von Beginn an als kennzeichnendes
                        Kleidungsstück der Gastgeberin eingeführt, der Deutungsrahmen, orientiert an
                        Klaus, lässt die Schürze als ein Verbindungsglied erscheinen, an dem die
                        Gastgeberin ihre Identität, ihre (Gender-) Rolle und ihr Erbe verhandelt. So
                        stellt die Schürze zunächst zwar ein Erbstück aus einer anderen Zeit dar,
                        doch sie trägt die damalig bestehenden Genderrollen in die Zeit der
                        Romanhandlung – und offenbart in dieser Verbindung von
                        historisch-familiengeschichtlicher Sphäre und individueller Sphäre, wie
                        langsam es in Sachen Gleichstellung voran geht. Dabei werfen vor allem die
                        sozialen Interaktionen der Abendgesellschaft immer wieder die Fragen nach
                        dem Gleichstellungsstand der aktuellen Zeit auf. Wie Abramowski passend
                        aufwirft: Sind es also, trotz teils gewandelter Rahmenbedingungen, immer
                        noch jene verfestigten Geschlechterideologien, die das gesellschaftliche
                        Zusammenleben Generation für Generation, bestimmen (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Abramowski2020" xml:id="ref_Abramowski2020-18d">Abramowski
                            2020: 18</ref>)? Fast als sei die Protagonistin in ihren Erwartungen an
                        das Leben verraten worden, vermerkt die Erzählinstanz:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-49j">Dabei hatten sowohl das Horoskop als
                            auch die historische Epoche der Gastgeberin für ihr Leben doch Freiheit
                            versprochen, resultierend aus einer Befreiung von den einschränkenden
                            Mustern traditionellen Verhaltens. Weder war es folglich die Aufgabe der
                            Frau, den Mann zu tadeln, noch war es die Aufgabe des Mannes, die Frau
                            kleinzumachen. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                                xml:id="ref_Präauer2023-49j">Präauer 2023: 49</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Die Schürze als Vergegenständlichung der gegensätzlichen Bedeutungen von
                        individueller „Freiheit“ und „einschränkenden Mustern traditionellen
                        Verhaltens“ verknüpft unweigerlich das eigene Selbst mit den übergeordneten
                        gesellschaftlichen Strukturen und deren historischer Entwicklung:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-194c">An den Gegenständen haftete der
                            Selbstentwurf, die Einbindung in die Gesellschaft. Die
                            Familienverhältnisse, das Sich-Lossagen und das Erinnern und
                            Nicht-Loskommen. Die Ablehnung von Rollen und die Suche nach anderen
                            Rollen. Wo der einzelne Mensch sich vielleicht frei fühlte von diesen
                            Zuschreibungen, wo er die Herkunft, einem Versprechen von Autonomie und
                            Gestaltungsmöglichkeiten anhängend, gleichsam überwunden hatte, da
                            trugen die Dinge, und mit ihnen der gute und der schlechte Geschmack,
                            wie eine viel zu späte Erinnerung die Geschichte von Aufstieg und Fall
                            mit sich. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                                xml:id="ref_Präauer2023-194c">Präauer 2023: 194f.</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Der „Selbstentwurf“ und die „Einbindung in die Gesellschaft“ zeigen sich in
                        der Schürze, die immer wieder Selbstdarstellung innerhalb der Gesellschaft
                        des Abends ermöglicht. Sie <quote source="#ref_Präauer2023-111b"
                            >passte</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-111b">ebd.: 111</ref>) irgendwann aber einfach
                        nicht mehr, die Gastgeberin legt sie ab – und doch können die
                        Theoriediskurse und die gesellschaftliche Realität des Abends in Sachen
                        Gleichstellung nicht abgelegt werden. Die Überlegungen der Gastgeberin
                        kreisen um präsentierte feministische Selbstdarstellung, wenn sie über die
                        Malerin auf Social Media spricht (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-06">ebd.</ref>), drehen
                        sich um ihre Zuständigkeiten als Frau für diesen Abend, wenn es um ihren
                        Partner geht (vgl. <ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-8">ebd.: 8; 44</ref>), und hinterfragen die
                        eigene Lebensgeschichte und die Entscheidungen darin (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-126">ebd.: 126</ref>).
                        Dass die Schürze als Vergegenständlichung all dieser Gedanken um das eigene
                        Leben und das eigene Handeln als (weiblichem) Individuum wirken kann, zeigt
                        schließlich auch eine der finalen Szenen mit den Polizisten und der
                        Gastgeberin:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-179">Übrigens, sagte einer noch, Flecken auf
                            der Kleidung würden sich durch das Tragen einer Schürze beim Kochen
                            vermeiden lassen. Unabhängig davon, wer nun kochte, sie dachten da nicht
                            in binären Strukturen. Kleiner Tipp der Polizei, Ihr Freund und Helfer.
                            Stimmt, rief die Gastgeberin und klang dabei wie eine gute Tochter.
                                (<ref type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-179"
                                >ebd.: 179</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Auf die Autorität der Männer reagiert die Gastgeberin also wie die „gute
                        Tochter“, sie fügt sich in jene „binäre[] Strukturen“ der Geschlechterrollen
                        und wird mit diesem „[k]leine[n] Tipp“ an die Schürze erinnert, die auch
                        hier in ihrer Bedeutung für die Genderrollen nur der Gastgeberin als
                        Frauenfigur zugewiesen werden kann. Die Hausfrau holt die Gastgeberin
                        mithilfe der Schürze ein:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-194d">Man sei auch weiterhin mit den
                            Erwartungen an die Rolle konfrontiert, und mit den eigenen Bildern der
                            sogenannten Hausfrau im Kopf. Beim Kochen hole einen die Herkunft ein,
                            die guten wie die schlechten Erinnerungen. Der internationale Koch habe
                            es da wohl leichter: Wenn er einen Kochlöffel in die Hand nehme, werde
                            der zum Zepter seiner Selbstbestimmung und seines Erfolgs. (<ref
                                type="bibl" target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-194d"
                                >Präauer 2023: 194</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Dass der Kochlöffel des männlichen Koches dabei der Schürze der weiblichen
                        Hausfrau gegenübergestellt wird, verweist auch hier wieder auf die
                        geschlechtsbedingte Zuweisung von Macht und Autorität, wie sie auch beim
                        Kochen zu finden ist, da das „Versorgungs“ -Kochen der Frauen nicht mit
                        Kapital und Prestige entlohnt wird (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Winter2023" xml:id="ref_Winter2023-196">Winter 2023:
                        196f</ref>). So wollte die Gastgeberin zu Beginn, dass die Schürze als ein
                        von ihr getragenes Kleidungsstück eine <quote source="#ref_Präauer2023-82e"
                            >ganz neue Bedeutung</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-82e">Präauer 2023: 82</ref>) annimmt, vielleicht
                        auch zum Zeichen von <quote source="#ref_Präauer2023-194e">Selbstbestimmung
                            und […] Erfolg</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-194e">ebd.: 194</ref>) avancieren kann. Doch die
                        alte Rolle und die damit verknüpften Erwartungen halten sich hartnäckig. Es
                        sind diese Szenen im letzten Teil des Textes, die deutlich machen, welche
                        essenzielle Rolle die Schürze in der Auseinandersetzung von
                        Gleichstellungstheorie und -praxis einnimmt: Sie eröffnet die historischen
                        Gegebenheiten und Vorbedingungen der sich scheinbar, weil
                        rechtlich-ideologisch (vgl. <ref type="bibl" target="#Lenz2013"
                            xml:id="ref_Lenz2013-126c">Lenz 2013: 126</ref>) vollzogenen
                        Geschlechtergleichstellung und verknüpft diese direkt mit dem akuten
                        Geschehen im Text. Damit entfaltet sich für die Gastgeberin auch ein
                        Reflexionsprozess über die Übersetzung von der Theorie in die Praxis:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Präauer2023-78b">Unter Feminismus hast du als junges
                            Mädchen theoretisch die Gleichberechtigung von Frauen und Männern
                            verstanden, wobei in der Praxis weiterhin beinah ausschließlich die
                            Großmütter und Mütter kochten, putzten und die Kinder versorgten. Die
                            Begriffe und Ideen vom Zusammenleben haben sich seither ein paar Mal
                            gewandelt. (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                                xml:id="ref_Präauer2023-78b">Präauer 2023: 78</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Jene Theorien der Gender- und feministischen Forschung fungieren für die
                        Gastgeberin in der Praxis so alles andere als orientierungsbietend. Vielmehr
                        scheint der Übersetzungsversuch der Theorie in die Praxis in der Schürze
                        sogar zu scheitern – sie wird nicht nur von der Gastgeberin als
                        Kleidungsstück abgelegt, sondern auch abschließend mit eben jener
                        Vergangenheit verknüpft, der die heutigen Gleichstellungsversuche (noch)
                        nicht entfliehen können: <quote source="#ref_Präauer2023-183">Nach dem Essen
                            wusch deine Großmutter mit der Hand das Geschirr ab und dein Großvater
                            lag auf einer Bettbank, um einen kurzen Mittagsschlaf zu halten. So ist
                            es immer gewesen, erinnerst du dich daran?</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-183">Präauer 2023:
                            183</ref>)</p>
                    <p>Diese Textstellen sprechen mit diesen „Begriffe[n] und Ideen vom
                        Zusammenleben“ direkt die Theorien hinsichtlich der Gleichstellung in der
                        realen, privaten Praxis an. Die erläuterte Verbindung von Privatem und
                        Politischem schafft hier auch die Gastgeberin, wenn sie von der „Theorie“
                        spricht und diese in klaren Gegensatz zur „Praxis“ setzt, die die
                        „Großmütter und Mütter“ noch immer in die häusliche Sphäre verweist. Wenn es
                        „immer so gewesen“ ist, wie sucht sich die Gastgeberin heute von diesen
                        Zuweisungen an ihr Geschlecht zu lösen? Ihre Versuche im Text stehen immer
                        wieder im Widerspruch zur sozialen Realität des Abends und münden für die
                        Gastgeberin auch in das Sinnieren darüber, <hi rend="italic">was </hi>sie
                        nun als Frau und Individuum überhaupt zu tun bestimmt ist: <quote
                            source="#ref_Präauer2023-126b">Hatte sie in ihrem Leben nicht die
                            Aufgabe, die geschenkte und erarbeitete Freiheit voll
                            auszuschöpfen?</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-126b">ebd.: 126</ref>) Denn wo es wirkt, <quote
                            source="#ref_Präauer2023-193">[a]ls würden sich alle so leicht tun mit
                            dem Leben</quote> (<ref type="bibl" target="#Präauer2023"
                            xml:id="ref_Präauer2023-193">ebd.: 193</ref>), bringt die Gastgeberin
                        die Frage nach der Gleichstellung wieder zurück in ihre eigene Realität,
                        indem sie vermerkt: <quote source="#ref_Präauer2023-07">Es habe wohl auch
                            damit zu tun, wie man aufgewachsen sei. Und wer in der Familie einmal
                            welche Aufgabe übernommen habe.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Präauer2023" xml:id="ref_Präauer2023-07">ebd.</ref>) Die
                        Geschlechterrollen innerhalb des heteronormen familiär-häuslichen
                        Handlungsbereichs bleiben also bis zum Schluss der Erzählung ein
                        wesentliches Motiv. Sie verweisen damit beständig auf jene Ausverhandlung
                        der Gleichstellungsfrage, die durch das Tragen der Schürze von Beginn an
                        eröffnet wurde.</p>
                </div>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_04-02_05">
                <head>4. Resümee</head>
                <p>Die These, dass anhand der Schürze der Gastgeberin in Präauers Roman ein
                    Ausverhandeln von den Differenzen von Theorie und Praxis der
                    Geschlechtergleichstellung dargestellt wird, kann anhand der Textanalyse im
                    angeführten Deutungsrahmen effektiv gestützt werden. Die Gastgeberin nutzt ihre
                    Schürze klar als ein semantisch aufgeladenes Kleidungsstück, über das sie sich
                    von Beginn an sozial zu definieren und als Frauenfigur zu identifizieren sucht.
                    Gepaart mit den Referenzen auf die Großmütter und Mütter vor ihrer Zeit, die
                    unweigerlich an die Auseinandersetzung mit der Schürze geknüpft sind, und den
                    Selbstreflexionen bezüglich der eigenen Stellung als Frau in der heutigen Zeit
                    ergibt dieses Zusammenspiel eine spannende Ambivalenz: Sucht die Gastgeberin zu
                    Beginn die Schürze mit neuer Bedeutung aufzuladen, die ganz entgegen dem
                    Rollenbild der Hausfrau, aber auch der entschiedenen Abwehr dieser Genderrolle
                    stehen soll, holen die Historie und die bestehende gesellschaftliche Kodierung
                    der Schürze die Gastgeberin in der Praxis immer wieder ein: So wird im Text
                    explizit auf das Rollenbild der Hausfrau verwiesen und der Vergangenheit
                    zugeschrieben, während die Realität wesentliche Elemente der
                    geschlechtsbedingten Arbeitsteilung jedoch noch klar und deutlich für die
                    Gegenwart aufweist. Das weibliche Individuum kann seiner Rolle so letztlich
                    nicht voll und ganz entfliehen: Für die Gastgeberin kann es hier keine Antwort
                    auf die Frage nach Lösungsansätzen für die Stagnation des
                    Gleichstellungsfortschrittes geben – doch sie verortet das Problem der
                    Gleichstellungsfrage für sich selbst im Zusammenspiel ihrer Gedanken, ihrem
                    Handeln und ihrem sozialen Umfeld. Sie bringt diese Ebenen kontinuierlich
                    miteinander in Verbindung: Auf der Mikroebene der Protagonistin wird die Schürze
                    als Gegenstand so immer wieder mit Bedeutung aufgeladen, welche mit der
                    sozial-historischen Bedeutung auf der Makroebene der Frauen der Vergangenheit
                    verknüpft und schließlich auf der Mesoebene der sozialen Bedeutung für ihre
                    Interaktion mit den Gästen immer wieder neu verhandelt wird. Damit spielt sich
                    die Handlung in mehreren Strukturbereichen ab, die die darin bestehenden Rollen
                    und Machtverhältnisse stetig infrage stellen und so auch die Konzepte der
                    Theorie der Gleichstellung in ihrer Praxisübersetzung selbst diskutieren. Die
                    Gastgeberin vermag so zwar mit ihrem Verhalten und ihren Selbstreflexionen die
                    Grenzen ihrer Geschlechterrolle immer wieder neu austesten und hinterfragen,
                    doch verbleibt auch sie in ihrem Handeln schlussendlich in dem Zwischenraum
                    eines Theorie-Praxis-Dilemmas, der keine Antwort auf die Gleichstellungsfrage zu
                    geben vermag.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <head>Literatur</head>
                <listBibl>
                    <head>Primärliteratur:</head>
                    <bibl xml:id="Präauer2023">Präauer, Teresa (2023): Kochen im falschen
                        Jahrhundert. 7. Aufl. Göttingen: Wallstein Verlag.</bibl>
                </listBibl>
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                    <head>Sekundärliteratur:</head>
                    <bibl xml:id="Abramowski2020">Abramowski, Ruth (2020): Das bisschen Haushalt.
                        Zur Kontinuität traditioneller Arbeitsteilung in Paarbeziehungen – ein
                        europäischer Vergleich. Leverkusen: Budrich Academic Press.</bibl>
                    <bibl xml:id="Babka2024">Babka, Anna/Posselt, Gerald (2024 [1962]]): Gender und
                        Dekonstruktion. Begriffe und kommentierte Grundlagentexte der Gender- und
                        Queer-Theorie. 2., überarb. u. erw. Auflage Wien: Facultas.</bibl>
                    <bibl xml:id="Bareket2021">Bareket, Orly/Shnabel, Nurit/Kende, Anna/Knab,
                        Nadine/Bar-Anan, Yoav/Leach, Colin Wayne: (2021): Need Some Help, Honey?
                        Dependency-Oriented Helping Relations Between Women and Men in the Domestic
                        Sphere, in: Journal of Personality and Social Psychology. Interpersonal
                        Relations and Group Processes 120/5, S. 1175–1203.</bibl>
                    <bibl xml:id="BeckerSchmidt1987">Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli
                        (1987): Geschlechtertrennung – Geschlechterdifferenz. Suchbewegungen
                        sozialen Lernens. Bonn: Neue Gesellschaft.</bibl>
                    <bibl xml:id="Beer1990">Beer, Ursula (1990): Geschlecht, Struktur, Geschichte.
                        Soziale Konstitution des Geschlechterverhältnisses. Frankfurt a. M./New
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                    <bibl xml:id="Booth1975">Booth, Wayne C. (1975): Rhetoric of Irony.
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                    <bibl xml:id="BuschHeizmann2015">Busch-Heizmann, Anne/Bröckel, Miriam (2015):
                        Die Auswirkungen geschlechts(un)typischer Berufstätigkeiten auf die
                        Aufteilung der Hausarbeit in Partnerschaften, in: Kölner Zeitschrift für
                        Soziologie und Sozialpsychologie 67/3, S. 475–507.</bibl>
                    <bibl xml:id="Derboven2022">Derboven, Wibke (2022): Elternschaft als Arbeit, in:
                        Yashodhara-Haller, Lisa/Schlender, Alicia (Hg.): Handbuch Feministische
                        Perspektiven auf Elternschaft. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara
                        Budrich, S. 457–467.</bibl>
                    <bibl xml:id="Federici2020">Federici; Silvia (2020): Die Revolte der Frauen
                        gegen die Hausarbeit und die feministische Neubestimmung der Arbeit, des
                        Klassenkampfes und der kapitalistischen Krise, in: Thomas,
                        Tanja/Wischermann, Ulla (Hg.): Feministische Theorie und Kritische
                        Medienkulturanalyse – Ausgangspunkte und Perspektiven. Bielefeld: Transcipt
                        Verlag, S. 39–46.</bibl>
                    <bibl xml:id="Gruhlich2020">Gruhlich, Julia (2020): Feministische Herrschaft-
                        und Gesellschaftskritik, in: Thomas, Tanja/Wischermann, Ulla (Hg.):
                        Feministische Theorie und Kritische Medienkulturanalyse – Ausgangspunkte und
                        Perspektiven. Bielefeld: Transcipt Verlag, S. 25–37.</bibl>
                    <bibl xml:id="Gruner2018">Gruner, Paul-Hermann (2018): Die suggestive
                        Konfiguration von „Weiblichkeit“ – Frauenzeitschriften, Doing Gender und die
                        Kontinuität tradierter Rollenstereotype. Wiesbaden: Springer.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kahlert2015">Kahlert, Heike (2015): Das Private ist politisch! Die
                        Entgrenzung des Politischen im Kontext von Anthony Giddens’
                        Strukturierungstheorie, in: Harders, Cilja/Kahlert, Heike/Schindler, Deilia
                        (Hg.): Forschungsfeld Politik. Politik und Geschlecht, Bd. 15. Wiesbaden:
                        Verlag für Sozialwissenschaften, S. 147–173.</bibl>
                    <bibl xml:id="Klammer2022">Klammer, Ute/ Klenner, Christina (2022):
                        Familienernährerinnen, in: Yashodhara-Haller, Lisa/Schlender, Alicia (Hg.):
                        Handbuch Feministische Perspektiven auf Elternschaft.
                        Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 413–423.</bibl>
                    <bibl xml:id="Klaus2020">Klaus, Elisabeth (2020): Gleichheit, Differenz,
                        Konstruktion und Dekonstruktion: Ansätze feministischer Forschung revisited,
                        in: Thomas, Tanja/Wischermann, Ulla (Hg.): Feministische Theorie und
                        Kritische Medienkulturanalyse – Ausgangspunkte und Perspektiven. Bielefeld:
                        Transcipt Verlag, S. 201–216.</bibl>
                    <bibl xml:id="Knapp1995">Knapp, Gudrun-Axeli (1995): Unterschiede machen: Zur
                        Sozialpsychologie der Hierarchisierung im Geschlechterverhältnis, in:
                        Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Das Geschlechterverhältnis
                        als Gegenstand der Sozialwissenschaften. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, S.
                        163–194.</bibl>
                    <bibl xml:id="König2022">König, Jochen (2022): Feministische Vaterschaft, in:
                        Yashodhara-Haller, Lisa/Schlender, Alicia (Hg.): Handbuch Feministische
                        Perspektiven auf Elternschaft. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara
                        Budrich, S. 437–445.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kupczyńska2019">Kupczyńska, Kalina (2019): „Österreichische“ und
                        andere Ironie in den Texten von Olga Flor, Teresa Präauer und Cordula Simon,
                        in: Studia Germanica Posnaniensia 40, S. 21–36.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kupczyńska2024">Kupczyńska, Kalina (2024): Teresa Präauer. In:
                        Hilmes, Carola (Hg.): Schriftstellerinnen V. München: Richard Boorberg
                        Verlag GmbH &amp; Co KG, S. 184–198.</bibl>
                    <bibl xml:id="Langemeyer2016">Langemeyer, Peter (2016): Teresa Präauer, in:
                        Freudenstein-Arnold, Christiane (Hg.): Kindler Kompakt: Deutsche Literatur
                        der Gegenwart. Ausgewählt von Christiane Freudenstein-Arnold. Stuttgart:
                        J.B. Metzler, S. 181–183.</bibl>
                    <bibl xml:id="Lenz2013">Lenz, Ilse (2013): Zum Wandel der Geschlechterordnungen
                        im globalisierten flexibilisierten Kapitalismus. Neue Herausforderungen für
                        die Geschlechterforschung, in: Feministische Studien 31/1, S.
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                    <bibl xml:id="MetzGöckel2018">Metz-Göckel, Sigrid (2018): Vom „Lohn für
                        Hausarbeit“ zur universellen Betreuungsarbeit: Die Aufteilung der Hausarbeit
                        zwischen Frauen und Männern – ein altes Thema neu gewendet?, in: Häußler,
                        Angela/Küster, Christine/Ohrem, Sandra/Wagenknecht, Inga (Hg.): Care und die
                        Wissenschaft vom Haushalt. Aktuelle Perspektiven der Haushaltswissenschaft.
                        Wiesbaden: Springer, S. 21–31.</bibl>
                    <bibl xml:id="Meuser2022">Meuser, Michael/Neumann, Benjamin (2022): Vaterschaft,
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                        Perspektiven auf Elternschaft. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara
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                    <bibl xml:id="Mies2020">Mies, Maria (2020): Subsistenzproduktion,
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                        Feministische Theorie und Kritische Medienkulturanalyse – Ausgangspunkte und
                        Perspektiven. Bielefeld: Transcipt Verlag, S. 47–57.</bibl>
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                    <bibl xml:id="Strube2015">Strube, Miriam (2015): Subjekte des Begehrens: Zur
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                        Transcript Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Winter2023">Winter, Martin (2023): Ernährungskulturen und
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                </listBibl>
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                            target="https://www.wallstein-verlag.de/9783835354296-kochen-im-falschen-jahrhundert.html"
                                ><hi rend="underline color(0563C1)"
                                >https://www.wallstein-verlag.de/9783835354296-kochen-im-falschen-jahrhundert.html</hi>,</ref>
                        mit Bezug auf „Pressestimmen“ und „Stimmen aus dem Buchhandel“ (online seit:
                        22.02.2023, Zugriff am 20.03.2024).</bibl>
                    <bibl xml:id="Tröger2023">„Pressestimmen“: Beate Tröger, Die Rheinpfalz am
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