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                <title type="main" xml:lang="de">Mode und sozialer Wandel um 1800</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Norbert</forename>
                        <surname>Bachleitner</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-04-04</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9458</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Wien um 1800</term>
                    <term xml:lang="de">Wiener Mode</term>
                    <term xml:lang="de">bürgerliche Emanzipation</term>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Vienna around 1800</term>
                    <term xml:lang="en">Viennese fashion</term>
                    <term xml:lang="en">bourgeois emancipation</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Norbert Bachleitner untersucht, wie um 1800 Mode zum Ausdruck der
                    gesellschaftlichen Emanzipation des Bürgertums wurde und welche Stellung hier
                    Wien im internationalen Netzwerk einnahm, in dem Paris und London
                    Vorreiterrollen innehatten. Die Wiener Mode war am Beginn des 19. Jahrhunderts
                    im Gegensatz zu Teilen Deutschlands weniger national als supranational
                    ausgerichtet. Der Beitrag fokussiert darauf, wie Mode in Zeiten der Abschaffung
                    der letzten Kleiderordnungen und zunehmender sozialer Mobilität zu einem Medium
                    der sozialen Distinktion wurde. Wichtiges Anschauungsmaterial sind dabei die
                    Illustrationen des Wiener Graphikers Hieronymus Löschenkohl, die das Publikum
                    über die neueste Mode informierten und zur Nachahmung anregten; sie belegen, wie
                    rasch und tiefgreifend in Sachen Mode die Veränderungen vor sich gingen.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Norbert Bachleitner examines how fashion became an expression of the social
                    emancipation of the bourgeoisie around 1800 and what position Vienna occupied in
                    the international network in which Paris and London played pioneering roles. In
                    contrast to parts of Germany, Viennese fashion at the beginning of the 19th
                    century was less national than supranational. The article focuses on how fashion
                    became a medium of social distinction in times of the abolition of the last
                    dress codes and increasing social mobility. The illustrations by the Viennese
                    graphic artist Hieronymus Löschenkohl, which informed the public about the
                    latest fashions and encouraged them to imitate them, are important illustrative
                    material; they demonstrate how rapidly and profoundly changes in fashion were
                    taking place.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_04-04_01">
                <p>Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Mode signifikant zu verändern.
                    Sie wurde zu einem nicht unwesentlichen Faktor der gesellschaftlichen
                    Emanzipation des Bürgertums. Zunächst werden in diesem Beitrag einige allgemeine
                    Aspekte des Modewandels beleuchtet, ehe abschließend Illustrationen der neuesten
                    Mode des bekannten Wiener Graphikers Hieronymus Löschenkohl in den Fokus rücken.
                    Sie dienten zur Information des Publikums sowie zur allfälligen Nachahmung und
                    zeigen, wie rasch die Veränderungen vor sich gingen und wie tiefgreifend sie
                    ausfielen.</p>
                <p>Wie in den Künsten gab auch in der Mode, wenig überraschend, Paris den Ton an,
                    für die neue bürgerliche Mode war vor allem England vorbildlich. Der Stil von
                    Bekleidung, Schmuck, Mobiliar, Kutschen und diversen Gebrauchsgegenständen
                    begann sich immer rascher zu verändern. In Zeiten der Abschaffung der letzten
                    Kleiderordnungen und zunehmender sozialer Mobilität wurde Mode zu einem Medium
                    der sozialen Distinktion. Der langlebige galant-höfische Geschmack mit seinem
                    Fokus auf die materielle Kostbarkeit der Objekte wurde nun schrittweise
                    abgelöst: Der Individualismus und der Aufstiegsdrang des Bürgertums, zu dem hier
                    auch die sogenannte zweite Gesellschaft der Nobilitierten zu rechnen ist, die
                    Binnenkonkurrenz in dieser Klasse sowie die angestrebte Abgrenzung nach ‚oben‘
                    und ‚unten‘ verhalfen der Mode im modernen Sinn zum Durchbruch (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Simmel1995" xml:id="ref_Simmel1995-1905">Simmel [1905]
                        1995</ref>). Die nötigen Informationen über Neuheiten und auch konkrete
                    Kaufangebote stellten die nun entstehenden Modezeitschriften bereit.</p>
                <p>Das bürgerliche Modeideal folgte – als Gegenmodell zur höfischen Mode – den
                    Prinzipien Einfachheit, Natürlichkeit, Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Wagner1994" xml:id="ref_Wagner1994-28">Wagner
                        1994: 28</ref>). Das <hi rend="italic">Journal des Luxus und der Moden</hi>,
                    die erste langlebige Modezeitschrift (1786–1827), veranschaulichte 1801 den
                    Gegensatz durch einen Vergleich der typisch feudalen Aufmachung von 1701 mit
                    jener der Bürger:innen von 1801 (<ref type="crossref"
                        target="#wdr06_04-04_Abb_01">siehe Abbildung 1</ref>). Die höfische Mode von
                    1701 setzte sich aus mehreren Schichten zusammen, sie war viel aufwendiger und
                    detailreicher ausgestaltet, sie schrieb etwa Perücken, kostbaren Schmuck, Besatz
                    mit Spitzen, Goldknöpfe und Schuhe mit Absatz vor, die die Mobilität
                    erschwerten. Diese Aufmachung strahlt Unbeweglichkeit und Stillstand aus. Die
                    Bekleidung von 1801 wirkt dagegen schlicht, leicht und luftig, die Sandalen und
                    Stiefel mit flacher Sohle sind bewegungsfreundlich, der einzige dezente Dekor
                    findet sich auf dem Gilet des Mannes, der einen dekorativen, an einen frühen
                    Golfschläger erinnernden Krummstock in der Hand hält. Es ist ferner sicher kein
                    Zufall, dass die beiden Modelle ausgerechnet einen perfekt zu ihnen passenden
                    englischen Greyhound ausführen, der schroff mit dem tollpatschigen höfischen
                    Schoßhündchen kontrastiert. Signalisiert werden durch die Aufmachung Bewegung,
                    Aktivität und Flexibilität.</p>

                <figure xml:id="wdr06_04-04_Abb_01">
                    <graphic width="400px" height="150px" url="media/wdr06_04-04_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">Journal des Luxus und der Moden 16 (Januar 1801),
                        Frontispiz</head>
                </figure>
                <p>Modeneuheiten wurden, wie erwähnt, durch die Fachpresse, aber auch durch einzeln
                    vertriebene Kupferstiche vermittelt, daneben konnten Interessenten aus Paris
                    nach der neuesten Mode drapierte Wachspuppen beziehen, die an öffentlichen
                    Plätzen zur Schau gestellt wurden (vgl. <ref type="bibl" target="#Kleinert1980"
                        xml:id="ref_Kleinert1980-22">Kleinert 1980: 22</ref>). Darüber hinaus
                    lockten auch in Wien um 1800 Geschäfte mit neuartigen Auslagen zu Besichtigung
                    und Kauf. Als Modebarometer galt ab 1807 eine täglich neu eingekleidete
                    Wachspuppe im Modewarengeschäft „Zur schönen Wienerin“ am zentralen
                    Stock-im-Eisen-Platz (vgl. <ref type="bibl" target="#Springschitz1949"
                        xml:id="ref_Springschutz1949-41">Springschitz 1949: 41f.</ref>). In
                    Großstädten war sowohl die soziale Konkurrenz um führende Positionen weit größer
                    als auf dem Land, auch versammelte sich hier die begüterte Oberschicht und obere
                    Mittelschicht, das heißt eine kritische Masse zahlungskräftiger Konsument:innen.
                    Im <hi rend="italic">Journal des Luxus und der Moden</hi> wird der Zusammenhang
                    von Populationsdichte, Reichtum, Luxuskonsum und Mode am negativen Beispiel von
                    Berlin entwickelt, wo Sparsamkeit und eine im Vergleich zu den Metropolen
                    kulturelle Ärmlichkeit herrschten.</p>
                <cit>
                    <quote source="#Wagner1994">London, Wien, Paris, u. s. w. Alle diese Städte eben
                        so berühmt wegen ihres Luxus, und ihrer Modeerfindungen, als Sie es durch
                        tausend andere Wunderdinge sind, würden gewiß eben so wenig als wir die
                        Kräfte haben, ihren ungeheuern Luxus oder Ueppigkeit zu ertragen, wenn Sie
                        nicht gerade das hätten, was uns fehlt, um beyde auf den Grad wie dorten zu
                        treiben: Volksmenge und lebhafte Geldzirkulation.<note xml:id="endnote_01"
                                    ><p><ref type="bibl" target="#Wagner1994"
                                    xml:id="ref_Wagner1994-7">Journal des Luxus und der Moden
                                    (1791), Januar, S. 7f.</ref></p></note></quote>

                </cit>
                <p>Wenn in der Modezeitschrift Bedauern über das fehlende Modebewusstsein
                    vorherrschte, entwickelte sich gleichzeitig mit der Ausbreitung der Mode ein
                    kritischer Diskurs, der vor Verschwendung als typisch feudaler Verfehlung
                    warnte. Federführend waren hier bürgerliche Ideologen wie Rousseau, Montesquieu
                    oder Knigge, die dazu aufforderten, bürgerliche Tugenden zu pflegen statt mit
                    der Aristokratie in repräsentativem Konsum zu wetteifern.</p>
                <p>Die aufkommende Massenproduktion im Textilsektor führte zum Sinken der Preise,
                    der wichtigsten Voraussetzung, dass sich Mode unter den weniger begüterten
                    Schichten ausbreiten konnte. Dies führte zu einer zumindest äußerlichen
                    Auflösung der starren Standesgrenzen. Dazu meint Georg Simmel in seiner <hi
                        rend="italic">Philosophie der Mode</hi> (1905):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Simmel1995-32">Je mehr ein Artikel raschem Modewechsel
                        unterliegt, desto stärker ist der Bedarf nach <hi rend="italic"
                            >billigen</hi> Produkten seiner Art. Nicht nur weil die breiteren und
                        also ärmeren Massen doch Kaufkraft genug haben, um die Industrie großenteils
                        nach sich zu bestimmen, und durchaus Gegenstände fordern, die wenigstens den
                        äußern und unsoliden Schein des Modernen tragen, sondern auch weil selbst
                        die höheren Schichten der Gesellschaft die Raschheit des Modewechsels, die
                        ihnen durch das Nachdrängen der unteren Schichten oktroyiert wird, nicht
                        leisten können, wenn ihre Objekte nicht relativ billig wären. (<ref
                            type="bibl" target="#Simmel1995" xml:id="ref_Simmel1995-32">Simmel 1995:
                            32f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der ökonomische Gegensatz zwischen Aristokratie und Bürgertum trat nicht zufällig
                    auf dem Wiener Kongress hervor, wo die Feudalklasse im althergebrachten
                    luxuriösen Habit auftrat, die Männer trugen z.B. Culottes oder Uniformen, die
                    männlichen Bürger dagegen Pantalons. Nur wer entsprechend gekleidet war, wurde
                    bei den luxuriös gestalteten Festveranstaltungen bei Hof zugelassen, die nicht
                    zuletzt dazu dienten, Kleiderpracht zur Schau zu stellen. Bei den Ballfesten
                    standen den Damen eigene Umkleidekabinen zur Verfügung, die es ermöglichten,
                    sich in einer Nacht in mehreren Kostümen zu zeigen und beim anschließenden
                    morgendlichen Déjeuner im Prater erneut in geeigneter Kleidung aufzutreten (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Springschitz1949" xml:id="ref_Springschutz1949-55"
                        >Springschitz 1949: 55</ref>). Die Herren wollten nicht nachstehen, die
                    Festkleidung des Fürsten Esterházy soll einen Wert von vier Millionen Gulden
                    gehabt haben und nach jeder Benützung um einige tausend Gulden repariert worden
                    sein (vgl. <ref type="bibl" target="#Springschitz1949"
                        xml:id="ref_Springschutz1949-59">ebd.: 59</ref>).</p>
                <p>Teile des Mittelstands bemühten sich, die Kleidervorschriften zu erfüllen, es gab
                    aber auch Modeverweigerer. Der höhere Beamte Matthias Franz Perth vermerkt in
                    seinem Tagebuch, dass er trotz Einladung einigen Hoffesten während des
                    Kongresses ferngeblieben sei, weil er sich dafür nicht eigens die
                    vorgeschriebene Kleidung habe anschaffen wollen. Er habe nur eine Probe des
                    großen Caroussels am 22. November 1814 besucht, da dort kein Kleiderzwang
                    geherrscht habe. <quote source="#ref_Patzer1981-69">Alle mir zu früheren Festen
                        angetragenen Billets lehnte ich ab, da man nur in Galla eingelassen wurde,
                        und ich wegen solcher Tandeleyen nicht besonders Kleidungsstücke ankaufen
                        wollte, die in der Folge wieder jahrelang im Schranke liegen würden.</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Patzer1981" xml:id="ref_Patzer1981-69">Patzer
                        1981: 69</ref>)</p>
                <p>Zu dem standespolitischen Stellenwert der Mode gesellten sich im Modediskurs
                    nationale Stereotypen. Die Pariser Neuheiten wurden vielfach – meist in engem
                    Zusammenhang mit der Revolution – als Modetorheiten verurteilt, die Wollust
                    signalisierten und Verschwendung beförderten. Ein handfester Grund hinter der
                    Mode-Xenophobie mag die negative Außenhandelsbilanz der deutschen Staaten und
                    Österreichs gewesen sein (vgl. <ref type="bibl" target="#Jaacks1982"
                        xml:id="ref_Jaacks1982-38">Jaacks 1982: 38</ref>). Jedenfalls wurde von
                    Ernst Moritz Arndt und anderen Fanatikern des Deutschtums während der
                    napoleonischen Besatzungszeit eine deutsche Nationaltracht gefordert und
                    regional auch tatsächlich durchgesetzt. Deutsche Autonomie verlangte auch
                    deutsche Mode (vgl. <ref type="bibl" target="#Arndt1814" xml:id="ref_Arndt1814"
                        >Arndt 1814</ref>). In dieselbe Kerbe schlug in Wien Caroline Pichler in
                    einem auf Einladung des Herausgebers Carl Bertuch verfassten Artikel im <hi
                        rend="italic">Journal des Luxus und der Moden</hi>. Sie empfand die
                    Orientierung an Frankreich als obsolete modische Sklaverei, die die
                    Verschwendungssucht fördere und die Moral der bereits in den Modewettlauf
                    verwickelten Dienerschaft verderbe (vgl. <ref type="bibl" target="#Pichler1815"
                        xml:id="ref_Pichler1815">Pichler 1815</ref>). Leicht erkennbar ist die
                    sozial konservative Stoßrichtung dieser Art von Modekritik.</p>
                <p>Die Mittelschichten wandten sich spätestens ab dem josephinischen Jahrzehnt der
                    Mode zu. Zum Unterschied von Hannover oder Frankfurt, wo die Nationaltracht
                    Anklang gefunden haben soll, folgte man in Wien eher einem supranationalen
                    Geist. In der neu gegründeten <hi rend="italic">Wiener Modenzeitung</hi> war im
                    September 1816 programmatisch zu lesen, dass man zwar nicht der Völkertrennung
                    Vorschub leisten, aber doch bodenständige Mode propagieren wolle (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Seiter1972" xml:id="ref_Seiter1972-52">Seiter 1972:
                        52</ref>). Tatsächlich wurde in Wien ein eigenständiger Modestil entwickelt,
                    zu dem die bis 1849 erscheinende Zeitschrift maßgeblich beitrug. Als spezifische
                    Wiener Modeerrungenschaften galten etwa ab 1812 die <quote
                        source="#ref_Springschutz1949-84-106">Wiener Schals</quote> und 1814 die
                    Hüte mit <quote source="#ref_Springschutz1949-84-106">niederen Köpfen</quote>,
                    die sogar Paris eroberten (<ref type="bibl" target="#Springschitz1949"
                        xml:id="ref_Springschutz1949-84-106">Springschitz 1949: 84, 106</ref>).
                    Alles in allem scheint der Einfluss Wiens in Sachen Mode aber weniger in
                    Richtung Westen als in den ostmitteleuropäischen Raum gewirkt zu haben.</p>
                <p>Anknüpfend an die Gegenüberstellung der Moden von 1701 und 1801 soll anhand von
                    Illustrationen des bekannten Wiener Graphikers Hieronymus Löschenkohl der rasche
                    Wandel der Mode in den Jahren rund um 1800 demonstriert werden.<note
                        xml:id="endnote_02"><p>Die Illustrationen sind der außergewöhnlich
                            reichhaltigen Diplomarbeit von <ref type="bibl" target="#Hubmayer2012"
                                xml:id="ref_Hubmayer2012-277">Thomas Hubmayer (2012)</ref>
                            entnommen, Kommentare dazu finden sich dort auf den S.
                        277–279.</p></note> Sie wurden von Löschenkohl aus der französischen
                    Zeitschrift <hi rend="italic">Cabinet des modes</hi> kopiert. Die Kupfer in <ref
                        type="crossref" target="#wdr06_04-04_Abb_02">Abbildung 2</ref> stammen aus
                    dem Jahr 1786. Sie zeigen die aufwendige Hutmode der 1780er Jahre, die zusammen
                    mit den Kleidern noch ganz den alten höfisch-aristokratischen Stil
                    repräsentiert. Diese Kopfbedeckungen bedurften eines Gerüsts aus Holz oder
                    Draht, das mit Stoff überzogen und schließlich reichlich dekoriert wurde. Die
                    Kupfer in <ref type="crossref" target="#wdr06_04-04_Abb_03">Abbildung 3</ref>
                    zeigen die Mode von 1805. Die Kopfbedeckungen sind im Vergleich äußerst einfach,
                    in einem Fall bleibt der Kopf fast zur Gänze frei. Die Kleider sind ebenfalls
                    nur wenig dekoriert, das eher tiefe Dekolletee ist anfänglich offenbar auch in
                    der bürgerlichen Mode verbreitet, die Ärmel sind kurz, dennoch bleiben die
                    Unterarme durch eigene Hüllen verborgen. Einige der Kostüme kündigen bereits das
                    Biedermeier an, damit geht ein neues Frauenbild einher, das Einfachheit,
                    Natürlichkeit und Häuslichkeit, statt Künstlichkeit, Äußerlichkeit und
                    Repräsentation umfasst.</p>

                <figure xml:id="wdr06_04-04_Abb_02">
                    <graphic width="270px" height="370px" url="media/wdr06_04-04_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">Modekupfer aus: <hi rend="italic">Cabinet des modes</hi>
                        (Wien 1786). Quelle: Hubmayer 2012: 348.</head>
                </figure>
                <figure xml:id="wdr06_04-04_Abb_03">
                    <graphic width="300px" height="403px" url="media/wdr06_04-04_Abb_03.jpg"/>
                    <head type="legend">Modekupfer aus: <hi rend="italic">Kalender der Freundschaft
                            und Liebe für 1806</hi> (Wien: Löschenkohl 1805), Anhang, unpag.;
                        Zusammenstellung nach Hubmayer 2012: 351.</head>
                </figure>
                <p>Die aus vier Kupfern zusammengesetzte <ref type="crossref"
                        target="#wdr06_04-04_Abb_04">Abbildung 4</ref> stammt aus dem Jahr 1791, sie
                    repräsentiert somit die Phase des Übergangs zwischen den beiden zuvor
                    vorgeführten Stilen. Die Hüte der Damen entsprechen noch weitgehend den älteren
                    ausladenden Modellen, auch die hinteren Ausbuchtungen der Kleider lassen auf die
                    altvertraute Applikation sogenannter ‚culs de Paris‘ schließen. Vor allem aber
                    der Herr demonstriert die neue Schlichtheit mit glattem Rock und ebensolcher
                    Hose, nur seine Frisur scheint noch gepudert und kunstvoll, während der keck
                    aufsitzende Hut beinahe dem Stetson eines zeitgenössischen Wildwesthelden
                    ähnelt. Die Bildunterschriften (démocrate, patriote ...) verraten den
                    Zusammenhang mit der als Motor des Wandels wirkenden Revolution. Löschenkohl hat
                    hier allerdings äußerst dezente Beispiele bürgerlicher Mode ausgesucht, gerade
                    die im Gefolge der Revolution entwickelte Bekleidung umfasste für die Damen die
                    Körperformen betonende Chemisekleider aus mitunter extrem dünnem und
                    transparentem Musselin (auch die Herrenmode favorisierte eng anliegende Hosen
                    mit freier Taille).<note xml:id="endnote_03"><p>Siehe <ref type="bibl"
                                target="#Rasche2003" xml:id="ref_Rasche2003-186-199">Rasche/Wolter
                                2003: 186, 199</ref>; der Ausstellungskatalog enthält reichliches
                            über diesen Aspekt hinausgehendes Anschauungsmaterial.</p></note> Derlei
                    ‚Frivolitäten‘ riefen begreiflicherweise Proteste der konservativen Modekritik
                    und Karikaturen hervor.</p>
                <p>Es gibt kaum Zweifel, dass der Wandel in der Mode um 1800 vom aufsteigenden
                    Bürgertum getragen wurde. Dieser tiefgreifende Wandel betrifft nicht nur die
                    Bekleidung, die hier im Mittelpunkt stand, sondern so gut wie alle Objekte des
                    täglichen Lebens. Es scheint naheliegend, die der Mode unterworfene
                    Alltagskultur stärker als bisher in soziologisch grundierte Betrachtungen der
                    Kultur im engeren Sinn einzubeziehen. Auch die Künste, nicht zuletzt die
                    Literatur, entwickeln sich in denselben sozialen Kraftfeldern wie die Mode.</p>

                <figure xml:id="wdr06_04-04_Abb_04">
                    <graphic width="300px" height="341px" url="media/wdr06_04-04_Abb_04.jpg"/>
                    <head type="legend">Modekupfer aus: <hi rend="italic">Historischer Taschen
                            Kalender mit Szenen aus dem Leben Sr. K:K: Maj. Leopold II. für das Jahr
                            1791</hi> (Wien: Löschenkohl 1790), Anhang, unpag.; Zusammenstellung
                        nach Hubmayer 2012: 349.</head>
                </figure>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <head>Literatur</head>
                    <bibl xml:id="Arndt1814">Arndt, Ernst Moritz (1814): Ueber Sitte, Mode und
                        Kleidertracht. Ein Wort aus der Zeit. Frankfurt a. M.: Bernhard
                        Körner.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hubmayer2012">Hubmayer, Thomas (2012): Hieronymus Löschenkohl im
                        Kontext der Kultur- und Sozialgeschichte des Josephinismus. Wien: Univ.
                        Dipl.</bibl>
                    <bibl xml:id="Jaacks1982">Jaacks, Gisela (1982): Modechronik, Modekritik oder
                        Modediktat. Zu Funktion, Thematik und Berichtstil früher deutscher
                        Modejournale am Beispiel des „Journal des Luxus und der Moden“, in: Waffen-
                        und Kostümkunde 24/1982, S. 34–59.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kleinert1980">Kleinert, Annemarie (1980): Die frühen Modejournale
                        in Frankreich. Studien zur Literatur der Mode von den Anfängen bis 1848.
                        Berlin: Schmidt.</bibl>
                    <bibl xml:id="Patzer1981">Patzer, Franz (Hg.) (1981): Wiener Kongreßtagebuch
                        1814/1815. Wie der Rechnungsbeamte Matthias Franz Perth den Wiener Kongreß
                        erlebte. Wien/München: Jugend und Volk.</bibl>
                    <bibl xml:id="Pichler1815">Pichler, Caroline (1815): Ueber eine Nationalkleidung
                        für Teutsche Frauen, in: Journal des Luxus und der Moden 30 (Februar 1815),
                        S. 67–82.</bibl>
                    <bibl xml:id="Rasche2003">Rasche, Adelheid/Wolter, Gundula (Hg.) (2003):
                        Ridikül! Mode in der Karikatur 1600 bis 1900. Berlin/Köln: Du Mont.</bibl>
                    <bibl xml:id="Seiter1972">Seiter, Dorothea (1972): Die Mode als publizistischer
                        Faktor im Kommunikationsprozess. Eine Untersuchung der
                        „Wiener-Moden-Zeitung“, des „Repository of Arts“ und des „Journal des Dames
                        et Modes“ 1816–1830. Wien: Univ. Diss.</bibl>
                    <bibl xml:id="Simmel1995">Simmel, Georg (1995 [1905]): Philosophie der Mode, in:
                        Gesamtausgabe, Bd. 10, hg. von Behr, Michael/Krech, Volkhard/Schmidt, Gert.
                        Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 9–37.</bibl>
                    <bibl xml:id="Springschitz1949">Springschitz, Leopoldine (1949): Wiener Mode im
                        Wandel der Zeit. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Alt-Wiens. Wien: Wiener
                        Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wagner1994">Wagner, Gerhard (1994): Von der galanten zur eleganten
                        Welt. Das Weimarer <hi rend="italic">Journal des Luxus und der Moden</hi>
                        (1786–1827) im Einflußfeld der englischen industriellen Revolution und der
                        Französischen Revolution. Hamburg: von Bockel.</bibl>
                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
