<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_jtei.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_jtei.rng" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?>
<TEI xml:id="wdr01_02-01-Holdenried" xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" rend="wdr">
    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Zwischen Apologetik und Progression</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Autobiographik und Diaristik im Zeitraum
                    1945–1955</title>
                <author>
                    <name><forename>Michaela</forename>
                        <surname>Holdenried</surname></name>
                    <affiliation>Albert-Ludwigs-Universität Freiburg</affiliation>
                    <email>michaela.holdenried@germanistik.uni-freiburg.de</email>
                    <idno type="ORCID"/>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2020</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-01-02-01</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/2924</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">1</biblScope>
                <idno type="ISSN"/>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Autobiographik</term>
                    <term xml:lang="de">Gattung Tagebuch</term>
                    <term xml:lang="de">Diaristik</term>
                    <term xml:lang="de">Nachkriegszeit</term>
                </keywords>
            </textClass>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">autobiography</term>
                    <term xml:lang="en">diaristics</term>
                    <term xml:lang="en">diaries</term>
                    <term xml:lang="en">post-war period</term>
                </keywords>
            </textClass>
        </profileDesc>
        <revisionDesc>
            <listChange>
                <change when="2019-09-21">Converted from a Word document</change>
                <change when="2020-09-26">Final corrections</change>
            </listChange>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Nach einen allgemeinen Überblick über deutschsprachige Autobiographik nach 1945
                    werden im Beitrag die Funktionen der Diaristik im und nach dem Dritten Reich
                    beleuchtet. <emph>Im</emph> Nationalsozialismus deshalb, weil das Funktionieren
                    oder die Dominanz des Formtypus&#8217; Tagebuch nach 1945 ohne die Behandlung
                    und den propagandistischen Einsatz der <q rend="single-qm">Zweckform</q> davor
                    nicht verständlich wäre. An zahlreichen Beispielen wird die Frage der
                    persönlichen Selbstinszenierung, der Möglichkeit von Gegenwartsfindung und der
                    Innovationsfähigkeit des Genres Tagebuch nach 1945 behandelt.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p><title>Between Apologetics and Progression. Autobiography and Diaristics in the
                        Period 1945–1955</title>: Following a general overview on German language
                    autobiography after 1945, Michaela Holdenried examines in her contribution the
                    functions of diaristics in and after the Third Reich. <emph>In</emph> National
                    Socialism because the functioning or the dominance of the formal type of the
                        diary <emph>after</emph> 1945 would be impossible to understand without the
                    approach to and the propagandistic use of this <q rend="single-qm" xml:lang="en"
                        >purposeful form</q> in the preceding years. Numerous examples address the
                    question of individual self-staging, the possibility of discovering the present,
                    and the innovative capabilities of the diary genre after 1945.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr01_02-01_01">
                <head>Generische Entwicklungen der Autobiographik im 20. Jahrhundert</head>
                <p>Formtypologien der Autobiographik müssen Momente der gattungsinternen
                    Verschiebungen und Dominanzen als jeweils historisch zu bestimmende
                    Erscheinungen mitreflektieren. Zum <quote source="#ref_aichinger1977-802"
                        >Gesamtkomplex autobiographischen Schrifttums</quote> (<ref type="bibl"
                        xml:id="ref_aichinger1977-802" target="#aichinger1977">Aichinger 1977:
                        802</ref>) hatte Ingrid Aichinger <quote source="#ref_aichinger1977-802">die
                            <q rend="single-qm">eigentliche Selbstbiographie</q>, Memoiren,
                        Erinnerungen, Bekenntnisse, den autobiographischen Roman und das
                        Tagebuch</quote> (<ref type="bibl" target="#aichinger1977">ebd.</ref>)
                    gezählt; davon setzt sie auf nicht ganz klare Weise den Brief, das literarische
                    Selbstporträt und die philosophische Ich-Reflexion ab. Auch Reisebeschreibungen
                    und Chroniken gehören dazu. Tagebuch und essayistische Aufzeichnungen sind für
                    sie die entscheidend innovativen autobiographischen Formen, weil sie das, was
                    Aichinger als <q rend="single-qm">Klassenziel</q> formuliert, nämlich eine
                    weitreichende <quote source="#ref_aichinger1977-803">Erfassung des Ich</quote>
                        (<ref xml:id="ref_aichinger1977-803" type="bibl" target="#aichinger1977"
                        >ebd.: 803</ref>) zu erreichen, am ehesten gewährleisten können.
                    Insbesondere literarisch hochstehende Autoren wie Kafka hätten zu einer
                    Erneuerung der <q rend="single-qm">formlosen Form</q> (<ref type="bibl"
                        target="#boerner1969">vgl. Boerner 1969: 11f.</ref>) Tagebuch beigetragen.
                    Sylvia Schwab gelangte einige Jahre später zu einem anders gelagerten Ergebnis:
                    Ihr Formenkreis führt neben anderen autobiographischen Subgattungen das Tagebuch
                    als eigenständige Form (<ref type="bibl" target="#schwab1981">vgl. Schwab
                        1981</ref>). </p>
                <p>Weder für die eigentliche Autobiographie noch für das Tagebuch kann von einer
                    überzeitlich gültigen Typologie ausgegangen werden. Vielmehr sollte man sie eher
                    als Querschnittsanalyse für einen bestimmten Zeitraum begreifen, innerhalb
                    dessen die Korrelationen zwischen den Typen, die Gewichtsverschiebungen und das
                    Auftauchen neuer Formen sowie die Umschreibung tradierter Formen zu beobachten
                    sind. So wäre eine sinnvolle typologische Abgrenzung für das 20. Jahrhundert die
                    zwischen einer Orientierung am Primat des Narrativen oder am Primat des
                    Reflexiv-Essayistischen. Zu ersterem Segment würden die Memoiren, die
                    persönlichen Erinnerungen und der autobiographische Roman resp. die Autofiktion
                    zählen, zu letzterem das Tagebuch, der Brief, die Briefserie und der
                    autobiographische Essay.</p>
                <p>Für bestimmte historische Phasen sind Präponderanzen bestimmter Formen zu
                    beobachten; für das 21. Jahrhundert kann – nach langanhaltenden
                    Fusionsbewegungen zwischen Autobiographie und Roman – von einer Vorherrschaft
                    der <q rend="single-qm">Autofiktion</q> ausgegangen werden. </p>
                <p>Für den uns interessierenden Zeitraum zwischen 1945 und 1955 spielen in eins mit
                    den politischen Prozessen der beginnenden Auseinandersetzung mit der jüngsten
                    Vergangenheit auch generische Prozesse der Variation, Ablösung und Subvertierung
                    eingespielter Formen eine große Rolle. So kann das Tagebuch zwar als diejenige
                    Form gelten, mit der am schnellsten auf krisenhafte Zeiterscheinungen reagiert
                    wird, doch entstehen neue Varianten nicht <hi rend="italic">ex nihilo</hi>.
                    Vielmehr sprechen Steuwer und Graf in einer neueren Überblicksdarstellung zum
                    Tagebuch im 20. Jahrhundert nicht nur von einer <quote
                        source="#ref_steuwer2015-18">sozialen Ausweitung des
                        Tagebuchschreibens</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_steuwer2015-18"
                        target="#steuwer2015">Steuwer/Graf 2015: 18</ref>), sondern auch von einer
                    krisenbezogenen <quote source="#ref_steuwer2015-22">Multiplikation der
                        Schreibanlässe</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_steuwer2015-22"
                        target="#steuwer2015">ebd.: 22</ref>). Gerade politische Regimewechsel seien
                    als gewichtige Schreibanlässe zu sehen, <quote source="#ref_steuwer2015-22"
                        >sowohl weil Individuen meinten, Zeugen historischer Veränderungen zu werden
                        und Geschichte beobachten zu können, als auch, weil sie die Notwendigkeit
                        hervorrufen konnten, sich zum neuen Regime zu verhalten.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#steuwer2015">Ebd.</ref>) Das gilt in besonderem Maße
                    für die Zeit nach 1933 wie auch für die Zeit nach der Befreiung, denn auch die
                    Kapitulation und damit das Ende des NS-Regimes stellten eine solche
                    Dringlichkeit des Schreibanlasses her.</p>
                <p>Man könnte, gestützt auf solche typologischen Variationsprozesse sowie auf
                    funktionsgeschichtliche Untersuchungen, die These wagen, dass in Phasen breiter
                    gesellschaftlicher Mobilisierung – und gemeint sind damit immer auch
                    militärische Totalmobilisierungen – die eigentliche Autobiographie als ein
                    Medium der Selbstverständigung zurücktritt zugunsten punktuell
                    selbstvergewissernder autobiographischer Formen wie dem Tagebuch (und anderen,
                    reflexiven Formen, etwa der [autobiographischen] Lyrik). Es ist das <q
                        rend="single-qm">soldatische</q> Tagebuch, das entsprechend den Krieg
                    überdauert und eine Kontinuität suggeriert, welche gegen (als Zwang erlebte)
                    Zäsuren gesetzt werden, wie am Beispiel Ernst Jüngers zu zeigen ist.</p>
                <p>Begreift man die Autobiographie, in der Definition von Georg Misch <quote
                        source="#ref_misch1989-38">die Beschreibung (<hi rend="italic">graphia</hi>)
                        des Lebens (<hi rend="italic">bios</hi>) eines Einzelnen durch diesen selbst
                            (<hi rend="italic">auto</hi>)</quote> (<ref type="bibl"
                        xml:id="ref_misch1989-38" target="#misch1989">Misch 1989: 38</ref>), als
                        <emph>die</emph> Gattung bürgerlicher Selbstgenese (und in diesem Sinne
                    würde denn auch der durchaus nicht unproblematische Begriff des <hi
                        rend="italic">Ego-Dokuments</hi> zutreffen), so wird schnell verständlich,
                    weshalb Zeiten der Bedrohung, der Instabilität gesellschaftlicher Verhältnisse
                    der auslotenden Selbsterkundung über längere Zeiträume meist wenig förderlich
                    waren. Die Autobiographie wurde über den bürgerlichen Subjektbegriff in
                    langandauernden Prozessen <q rend="single-qm">anthropologisiert</q>, d.h.
                    vorherrschende Strömungen der Autobiographieforschung interpretierten die
                    Autobiographie als <emph>das</emph> anthropologische Projekt der Neuzeit. Wenn
                    avancierte Theoretiker wie Helmut Pfotenhauer oder Autobiographen wie
                    Georges-Arthur Goldschmidt Anthropologie weiterhin als das Substrat des
                    Autobiographischen bewerten, dann sicher nicht im Sinne einer metaphysischen
                    Überhöhung [des Bürgerlichen als] des Ewig-Menschlichen, sondern im Horizont
                    seiner je geschichtlichen Veränderungen. Zur Ganzheitlichkeit gehöre – so
                    Pfotenhauer – auch das Fremde, Irrationale, Nicht-Gelingende (<ref
                        xml:id="ref_pfortenhauer1987-5" type="bibl" target="#pfotenhauer1987">vgl.
                        Pfotenhauer 1987: 5</ref>).<note xml:id="endnote_01"><p>An dieser Stelle
                            wäre ein Exkurs zur Auseinandersetzung innerhalb der
                            Autobiographieforschung anzudeuten, für den Namen wie Paul de Man
                            (Autobiographie lediglich als <q rend="single-qm">Trope</q>), Manfred
                            Schneider (Autobiographie als Kontrollinstrumentarium) etc.
                        stehen.</p></note> Eine dekonstruktivistische Verabschiedung des
                    Subjektbegriffs als bloßem Konstrukt übersieht, dass jede auch noch so
                    avancierte Form autobiographischer Selbstreferentialität an einer wie auch immer
                    gearteten Essenz des Subjekts festhält (<ref type="bibl"
                        xml:id="ref_holdenried2017" target="#holdenried2017">vgl. Holdenried
                        2017</ref>). Ganz gleichgültig, ob man dies nun das <quote
                        source="#ref_goldschmidt1994-52">Grundwahre</quote> Goethes, die <quote
                        source="#ref_goldschmidt1994-52">eigentümliche Grundmelodie
                        Eichendorffs</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_goldschmidt1994-52"
                        target="#goldschmidt1994">Goldschmidt 1994: 52</ref>) oder das tiefe
                    Ausloten fragmentarischer, ja, dissoziierter Ich-Zustände wie bei Fernando
                    Pessoa oder bei Georges-Arthur Goldschmidt nennt: Der Rekurs auf Sprache ist
                        <emph>das</emph> alle Lebenserzählungen verbindende gemeinsame Prinzip.
                    Autobiographisches Schreiben wird nie zum absoluten, autoreferentiellen Text –
                    noch im avanciertesten, gebrochensten, fragmentarischsten Werk werden
                    lebensgeschichtliche Verbindungen und Verbindlichkeiten hergestellt, wenn auch
                    möglicherweise nicht mehr über verpflichtende Lebensschemata (analog etwa dem
                    Erikson’schen Lebenszyklus), sondern über die Art, wie sprachlich, stilistisch
                    und textstrategisch der Verlust an immanenter Erfahrungshaltigkeit in einen
                    Gewinn ästhetischer Erfahrung umgemünzt wird. Helmut Heißenbüttel hat schon 1966
                    in einem nachmals berühmt gewordenen Artikel über die <title>Literatur der
                        Selbstentblößer</title> festgestellt, dass es nicht mehr um ein <q
                        rend="single-qm">fertiges</q>, sondern um ein prozessuales Ich gehe (<ref
                        type="bibl" target="#heissenbuettel1966">vgl. Heißenbüttel 1966</ref>).</p>
                <p>Was poststrukturalistischen Theoretikern wie Manfred Schneider als Beweis gilt,
                    dass <q rend="single-qm">Person</q> nur eine fiktive kulturelle Einheit sei
                        (<ref type="bibl" target="#schneider1986">vgl. Schneider 1986</ref>),
                    konterte Manfred Frank bekanntlich mit seiner These von der <q rend="single-qm"
                        >Unhintergehbarkeit von Individualität</q> (<ref type="bibl"
                        target="#frank1986">vgl. Frank 1986</ref>). Ich selbst habe für eine eher
                    vermittelnde Position plädiert (<ref type="bibl" target="#holdenried1991">vgl.
                        Holdenried 1991</ref>). Und tatsächlich sind beide Positionen nicht so
                    unvereinbar, wie es zunächst scheint. In der permanenten Anstrengung der
                    modernen Autobiographik liegt m.E. keineswegs motorischer Leerlauf, eine Art
                    sprachartistischer <q rend="single-qm">Phantomschmerz</q> angesichts des
                    Verlorenen (Subjekts), sondern die tangentiale Annäherung an eine selbst im
                    Überschreiten befindliche Dimension von Subjektivität. Neben der
                    quintessentiellen Funktion der Selbstbeobachtung (<emph>der</emph> rote Faden
                    der Autobiographiegeschichte von der antiken Gerichtsrede über die pietistische
                    Selbstkontrolle bis hin zur Selbstbefragung in der durch Rousseau begründeten
                    Form der Introspektion noch in der Moderne) tritt Ruth Klüger zufolge im 20.
                    Jahrhundert eine weitere: <quote source="#ref_klueger1996-409">Autobiographie
                        ist eine Art Zeugenaussage.</quote> (<ref xml:id="ref_klueger1996-409"
                        type="bibl" target="#klueger1996">Klüger 1996: 409</ref>)</p>
                <p>Und diese Zeugenaussage bezieht sich, wie die Skandale um die pseudologischen
                    KZ-Autobiographien der jüngeren Zeit gezeigt haben, durchaus auf moralische
                        Kategorien.<note xml:id="endnote_02">
                        <p>Zum folgenden Abschnitt <ref type="bibl" xml:id="ref_holdenried2017-65f"
                                target="#holdenried2017">vgl. Holdenried 2017: 65f</ref>. Zu einer
                            breiten Diskussion über Wahrheit und Lüge führte der Fall Binjamin
                            Wilkomirski, dem der Journalist Daniel Ganzfried sein Buch <title>...
                                alias Wilkomirksi</title> widmete. Wilkomirski hatte sich ein Leben
                            als jüdischer Verfolgter, komplett mit allen Akzidentien einer solchen
                            Legende, also der Jugend im Ghetto etc., <q rend="single-qm"
                                >erfunden</q> (<ref type="bibl" target="#wilkomirski1995">vgl.
                                Wilkomirski 1995</ref>. Dazu: <ref type="bibl"
                                target="#ganzfried2002">Ganzfried 2002</ref>). In der Terminologie
                            der Psychiatrie ließe sich hier von einer Pseudologie sprechen.</p>
                    </note> Es ist die Figur des Zeugen, die gleichsam als <q rend="single-qm"
                        >Shifter</q> von der Anmaßung des Memoirentypus&#8217; (<q rend="single-qm"
                        >Zeuge des Jahrhunderts</q>) über die prekäre Zeitzeugenschaft eines seiner
                    selbst unsicher gewordenen Subjekts wieder eingewandert ist in die Debatte um
                    Glaubwürdigkeit und Möglichkeit einer historischen Wahrheit. So heißt es bei
                    Jean Améry unmissverständlich: <quote source="#ref_amery1966-8">Ich war
                        dabei.</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_amery1966-8"
                        target="#amery1966">Améry 1966: 8</ref>) Und zwar als Opfer, als
                    Gefolterter, von den Nazis Verfolgter, der als <quote source="#ref_amery1966-9"
                        >Augenzeuge</quote> (<ref xml:id="ref_amery1966-9" type="bibl"
                        target="#amery1966">ebd.: 9</ref>) <emph>eine</emph> unhinterfragbare
                    archivalische (dokumentarische) Wahrheit zu Protokoll gibt (<ref
                        xml:id="ref_agambem2003" type="bibl" target="#agamben2003">vgl. Agamben
                        2003</ref>). Bei Améry haben wir es mit einer Zuspitzung der Forderung nach
                    Wahrhaftigkeit zu tun, die von einer existentiell beglaubigten Position aus
                    behauptet wird. Hier scheint der spielerische Umgang mit fiktionaler Innovation
                    ausgesetzt und durch das Moment eines autoptischen Ernstes ersetzt zu sein. Der
                    gleiche Ernst kennzeichnet aber auch eine autobiographisch bis an die Grenzen
                    gehende Selbstbefragung wie diejenige Christa Wolfs – ein Musterbeispiel der
                    Fiktionalisierung durch <q rend="single-qm">subjektive Authentizität</q>: <quote
                        source="#ref_wolf1979-323">Steckt denn in der Frage <q rend="single-qm">Wer
                            bist du?</q> noch irgendein Sinn? Ist sie nicht hoffnungslos veraltet,
                        überholt von der Verhörfrage: <q rend="single-qm">Was hast du
                        getan?</q></quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_wolf1979-323"
                        target="#wolf1979">Wolf 1979: 323</ref>)<note xml:id="endnote_03">
                        <p><ref type="bibl" target="#holdenried2003" xml:id="ref_holdenried2003"
                                >Vgl. dazu Holdenried 2003.</ref></p>
                    </note></p>
                <p>Von einer Entwicklung der Autobiographik kann aus den genannten Gründen während
                    der Zeit des Nationalsozialismus keine Rede sein. Die Gattung wird auf ihren
                    funktionalen Gehalt reduziert, sie wird in gewisser Weise wieder zur Zweckform.
                    In der Autobiographieforschung klafft hier bis heute eine durchaus signifikante
                        Lücke.<note xml:id="endnote_04">
                        <p>Wolfgang Paulsens autobiographiegeschichtlicher Überblick war lange Zeit
                            der einzige, der bemüht war, den Zeitraum 1933–45 abzudecken (<ref
                                xml:id="ref_paulsen1991" type="bibl" target="#paulsen1991">vgl.
                                Paulsen 1991</ref>); wenngleich in merkwürdig idiosynkratischer
                            Form. Systematischer geht Lothar Bluhm vor, allerdings mit fragwürdigen
                            Prämissen zur inneren Emigration (<ref type="bibl" target="#bluhm1991"
                                xml:id="ref_bluhm1991">vgl. Bluhm 1991</ref>).</p>
                    </note> Drei Richtungen wären grob zu unterscheiden: Diejenigen
                    autobiographischen Zeugnisse, die einen Pakt mit der Macht demonstrieren und das
                    autobiographische Schreiben als ideologisches Instrumentarium zur Unterstützung
                    des faschistischen Regimes einsetzen, und andererseits die Zeugnisse der Opfer,
                    in Gefängnisse und Konzentrationslager Verschleppten, im Untergrund Lebenden
                    oder noch ins Exil Entkommenen. Erstere wurden im Dritten Reich veröffentlicht,
                    letztere aus naheliegenden Gründen – mit Ausnahme einiger Exilwerke (z.B. Klaus
                    Manns <title>The Turning Point</title> [1942]) – nach 1945, manche sogar
                    Jahrzehnte später. Dazwischen wäre eine breite Spanne autobiographischer Texte
                    jeglicher Form anzusiedeln, die von Tagebüchern der sogenannten Inneren
                    Emigration über verspätete Erinnerungen der Naturalisten bis hin zu vermeintlich
                        <q rend="single-qm">apolitischen</q> Zeugnissen reichen.</p>
                <p>Gerhart Hauptmanns Erinnerungen aus den 1930er Jahren (<title>Im Wirbel der
                        Berufung</title>, 1936; <title>Das Abenteuer meiner Jugend</title>, 1937)
                    sieht Wolfgang Paulsen in nachvollziehbarer Linie hin zur Blut-und
                    Boden-Literatur verlaufen, eine Linie, die bekanntlich einige Expressionisten
                    wie eben auch einige Naturalisten überschritten haben. Gerade bei Hauptmann
                    zeigt sich im Vergleich mit seinen Tagebüchern, dass die Erinnerungen wohl nur
                    als Lebenslügen bezeichnet werden können. Die konventionelle Form schlägt in der
                    falschen Idylle einen bedenklichen Bogen zur faschistischen Schollenliteratur
                    eines Gustav Frenssen (<title>Lebensbericht</title>, 1940) (<ref
                        target="#holdenried2013" type="bibl" xml:id="ref_holdenried2013">vgl.
                        Holdenried 2013</ref>). Auch der ehemalige Naturalist Max Halbe dokumentiert
                    seine Anhängerschaft an die neue Ideologie schon im Titel seiner Autobiographie,
                        <title>Scholle und Schicksal</title> (1933), und ebenso Johannes Schlaf mit
                        <title>Aus meinem Leben</title> (1941). Der <q rend="single-qm"
                        >Anschluss</q> ans Dritte Reich wird über eine lang gepflegte Ideologie des
                    Landschaftlich-Heimatgebundenen vollzogen; die anachronistische, tief im 19.
                    Jahrhundert wurzelnde Form der Verklärung und Idyllisierung des Regionalen, oft
                    auch bäuerlich-einfachen Lebens ist insofern literarischer <q rend="italic"
                        >Erfüllungsgehilfe</q>, als sie über die brutale Modernität des
                    nationalsozialistisch-kapitalistischen Modells hinwegzutäuschen half. Umwegige
                    Kontinuität kennzeichnet auch das Werk Hans Carossas, dessen Bücher unter dem
                    Nationalsozialismus nicht nur weiter erscheinen konnten, sondern dessen
                    opportunistische Haltung auch dazu führte, dass er in die abstruse
                    Hitler&#8217;sche Liste der Gottbegnadeten (sechs) wichtigsten deutschen Dichter
                    aufgenommen wurde. Sein <title>Rumänisches Tagebuch</title> von 1924 erfuhr ab
                    1931 mehrfache Auflagen. Carossa wird gerne als der Inneren Emigration zugehörig
                    kategorisiert. Paradigmatisch lässt sich an seiner Person einmal mehr zeigen,
                    wie ambivalent dieser Begriff und seine Implikationen sind. Wie viele andere
                    suchte er sich später in einem Rechtfertigungsbuch, <title>Ungleiche
                        Welten</title> (1951), vom Ruch des NS-Gewinnlers mit dem Hinweis auf ein
                    gewissermaßen schicksalhaftes Geschehen zu reinigen.<note xml:id="endnote_05">
                        <p>Sein Buch <title>Ungleiche Welten</title> erfuhr daher negative Kritik,
                            es verschleiere und beschönige, stelle den Dichter als unpolitisch und
                            die Nationalsozialisten als Schicksalsmacht dar, gegen die kein
                            Widerstand möglich gewesen sei (<ref type="bibl" target="#sarkowicz2002"
                                xml:id="ref_sarkowicz2002-127">vgl. Sarkowicz/Alf 2002:
                            127</ref>).</p>
                    </note>
                </p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-01_02">
                <head>Autobiographik nach 1945</head>
                <p>Anders als Carossa sah Gottfried Benn lange Zeit keinerlei Notwendigkeit der
                    Selbstrechtfertigung. Als <emph>das</emph>
                    <quote source="#ref_peitsch1990-374">Muster einer deutschen Apologie</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#peitsch1990" xml:id="ref_peitsch1990-374">Peitsch
                        1990: 374</ref>) hat Helmut Peitsch Benns <title>Doppelleben</title> (1950)
                    herausgestellt. Dessen Polemik richtete sich gegen die deutschen Emigranten
                    (Klaus Mann namentlich), die es sich <quote source="#ref_benn1980-115">in
                        französischen Badeorten</quote> wohl sein ließen. Er selbst hingegen sei
                    gefährdet gewesen, weil er zwar preußisch, aber eben auch antihitlerisch
                    eingestellt gewesen sei. Das NS-Regime wird als Ansammlung von <quote
                        source="#ref_benn1980-115">Krakeelern</quote> geschildert, als <quote
                        source="#ref_benn1980-115">reiner Ausfall an Wurf und Form</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#benn1980" xml:id="ref_benn1980-115">Benn 1980 [1950]:
                        115</ref>). – eine Diagnose, in der in erster Linie sein elitäres
                    Bewusstsein aufscheint und nicht die politische Kritik an einem
                    totalitär-inhumanen System. Nur die Kunst – und hierin trifft sich Benns
                    Rechtfertigungsschrift mit den Hoffnungen der 1950er Jahre insgesamt – ist von
                    der resignativen Ansicht stagnierender Menschheitsgeschichte ausgenommen; wahre
                    Kunst aber sei zugleich antiideologisch und hermetisch. Benns Montagegestus
                    bleibt indes – weit entfernt von jeder wirklichen Progressivität – ein rein
                    artistischer, äußerlicher Effekt im Dienste der Selbstrechtfertigung. </p>
                <p>Das Verdikt des Formalismus lässt sich auch auf Arnolt Bronnen anwenden, der als
                    ehemaliger österreichischer Expressionist Anschluss an die Nationalsozialisten
                    gesucht hatte, von diesen aber wegen seiner <q rend="single-qm">exzessiven
                        Vergangenheit</q> nicht geschätzt wurde. Ingrid Aichinger meinte in seiner
                    Autobiographie <title>arnolt bronnen gibt zu protokoll</title> (1954) zwar eine
                    jener innovativen Formveränderungen zu bemerken (<ref type="bibl"
                        target="#aichinger1977" xml:id="ref_aichinger1977_816">vgl. Aichinger 1977:
                        816</ref>), von denen oben die Rede war, doch gilt auch für Bronnen, dass
                    der apologetische Zweck die formalistischen Mittel heiligt.</p>
                <p>Inhaltlich in scheinbar scharfem Kontrast zu den Apologeten jener Jahre steht
                    Alfred Andersch&#8217; Bericht einer Desertion, <title>Die Kirschen der
                        Freiheit</title> (1952). Andersch deutet seine Flucht 1944 in Italien als
                    einen existentialistischen Akt, für den symbolisch die wild wachsenden Kirschen
                    stehen, die er in Freiheit genießt. Der reportagehafte Stil, das <q
                        rend="single-qm">faktische Schreiben</q>, entspricht einer weltanschaulichen
                    Abkehr von ideologischen Dogmen, wie sie im Realismuspostulat der Gruppe 47
                    gefordert wurde. Deutungen wie der polemische Verriss W.G. Sebalds im Anhang zu
                    seinen Vorlesungen <title>Luftkrieg und Literatur</title> (1999) werfen jedoch
                    retrospektiv ein anderes Licht auf den Autor, den Sebald schonungslos des
                    Opportunismus bis hin zum Verrat (seiner jüdischen Frau) bezichtigt (<ref
                        xml:id="ref_sebald1999-123" target="#sebald1999" type="bibl">vgl. Sebald
                        1999: 123–160</ref>).</p>
                <p>Ein Großteil der Autobiographik nach 1945 hatte also stabilisierenden Charakter;
                    die autobiographischen Werke hingegen, welche Verfolgung und Internierung
                    thematisierten und der größere Teil der Exilautobiographik wurden mit
                    symptomatischer Verzögerung veröffentlicht, einiges davon erst nach
                        Jahrzehnten.<note xml:id="endnote_06"><p>Helmut Peitschs zunächst
                            überraschender Befund – dass nur 2 von 100 <quote
                                source="#ref_peitsch1990-214">Erlebnisberichten</quote> das Exil
                            thematisieren (<ref type="bibl" target="#peitsch1990"
                                xml:id="ref_peitsch1990-214">vgl. Peitsch 1990: 214</ref>) – mutet
                            weniger überraschend an, wenn man Döblins <title>Schicksalsreise</title>
                            (1949) über die Feindseligkeiten gegenüber Emigranten liest.</p></note>
                    Neben der Vernichtung von Aufzeichnungen und weitgehendem Desinteresse an der
                    Veröffentlichung von Autobiographien der Exilanten, die vielfach als <q
                        rend="single-qm">Verräter</q> denunziert wurden, konnten und wollten viele
                    Überlebende des Holocaust ihre traumatischen Erfahrungen nicht im Schreibakt
                    wiederholen; Jean Améry und Primo Levi (<title>Ist das ein Mensch?</title>,
                    1961) beschrieben ein Grauen, das in der Selbsttötung endete. Viele
                    Autobiographien von Überlebenden, Ruth Klügers <title>weiter leben</title>
                    (1992), Charlotte Delbos <title>Trilogie. Auschwitz und danach</title> (1990)
                    erschienen erst in den 1990er Jahren. </p>
            </div>


            <div xml:id="wdr01_02-01_03">
                <head>Ausnahmen und die Regel autobiographischen Schreibens nach 1945</head>
                <p>Wie Carossa stand auch Max Dessoir, der Philosoph und Psychologe, ausdrücklich in
                    der Tradition des 19. Jahrhunderts. Anders als Carossas Werk kennzeichnet
                    Dessoirs <title>Buch der Erinnerung</title>, das bereits 1946 erschien, eine
                    überraschende Selbsteinsicht: Nicht als <q rend="single-qm">Selbstentblößung</q>
                    seien seine Erinnerungen gedacht gewesen, sondern als memoriale Stellungnahme
                    zum Zeitgeschehen. Doch muss Dessoir am Ende feststellen, dass ihm sein
                    Memoiren-Projekt entglitten, ja, dass er gescheitert ist. Er selbst vermutet als
                    Grund dafür, das falsche Genre gewählt zu haben. <quote
                        source="#ref_dessoir1946-301">Tagebuchartig</quote> hätten die eigenen
                    Erfahrungen vielleicht adäquater erfasst werden können als in der Memoirenform
                        (<ref type="bibl" target="#dessoir1946" xml:id="ref_dessoir1946-301">vgl.
                        Dessoir 1946: 301</ref>). Dieses Scheitern ist ein zeittypisches Phänomen.
                    Ein wesentlicher Grund dürfte eben im Fehlen eines innovativen, zeitgenössischen
                    Musters der Autobiographik gelegen haben. <quote source="#ref_dessoir1946-7">Es
                        ist deshalb so schwer, ein wirklich gelebtes Leben in eine literarische
                        Darstellungsform überzuführen, weil wenige Lebensläufe sich in einer geraden
                        Linie bewegen.</quote> (<ref xml:id="ref_dessoir1946-7" type="bibl"
                        target="#dessoir1946">Ebd.: 7</ref>) Dessoir konnte zwar die Diagnose
                    stellen, eine Lösung etwa in Form des Ausweichens auf das Tagebuch blieb ihm
                    jedoch versperrt.</p>
                <p>Ein Ausnahmebuch anderer Art stellt Georg K. Glasers Bericht <title>Geheimnis und
                        Gewalt</title> (1951) dar, den Schweikert in inhaltlicher Nähe zu Oskar
                    Maria Grafs <title>Wir sind Gefangene</title> (1927) und Franz Jungs
                        <title>Torpedokäfer</title> (Neuausgabe 1961) verortet hat (<ref
                        xml:id="ref_schweikert1980" target="#schweikert1980" type="bibl">vgl.
                        Schweikert 1980</ref>). In seiner Autobiographie liefert Glaser am eigenen
                    Exempel Belege für Wilhelm Reichs Deutungen des Faschismus. Er konstatiert in
                    leidvoller Einsicht – ähnlich wie sehr viel später Bernward Vesper in <title>Die
                        Reise</title> (1977) –, dass der brutale Vater, ja, dass Hitler in ihm
                    selbst stecke. Solch radikale Selbsteinsicht und Selbstergreifung ist nach 1945
                    selten. Auch bei Exilanten wie Klaus Mann etwa muss das Erlebte, die Traumata
                    der Exilierung, nicht unbedingt zu einer vertieften und in der Form gespiegelten
                    Selbstbefragung führen; sein Bericht <title>Der Wendepunkt</title> (1952) fällt
                    vielmehr gerade durch seine memoirenartige, konventionelle Form unter das Gesetz
                    der Regel, nicht der Ausnahme.<note xml:id="endnote_07"><p>Paulsen mokierte sich
                            geradezu über das Defilee von <quote source="#ref_paulsen1991-62"
                                >Zelebritäten</quote> bei Mann (<ref type="bibl"
                                target="#paulsen1991" xml:id="ref_paulsen1991-62">Paulsen 1991:
                                62</ref>).</p></note></p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-01_04">
                <head>Funktionen der Diaristik im und nach dem Dritten Reich</head>
                <p>Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Diaristik erfolgte mit einem deutlichen
                    Schwerpunkt in den 1990er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzung mit der sog.
                    Inneren Emigration und der Rolle der Autobiographik in der Zeit nach dem Zweiten
                    Weltkrieg. Lothar Bluhm wandte sich explizit dem Tagebuch der Inneren Emigration
                    zu (<ref type="bibl" target="#bluhm1991" xml:id="red_bluhm1991">vgl. Bluhm
                        1991</ref>), in allerdings unkritisch-empathischer Weise (<ref
                        target="#holdenried1996" type="bibl" xml:id="ref_holdenried1996">vgl.
                        Holdenried 1996</ref>). Deutlich anders ging Helmut Peitsch mit seiner
                    grundlegenden Arbeit zur Funktion der Autobiographik nach 1945 vor: Sein
                    Referenzrahmen war durch die Funktionen <q rend="single-qm">Rechtfertigung</q>
                    und <q rend="single-qm">Retuschierung</q> bestimmt; seine Hauptthese lautete,
                    dass ein Großteil der Autobiographik nach 1945 selbstentlastenden Charakter
                    hatte (<ref type="bibl" target="#peitsch1990" xml:id="ref_peitsch1990">vgl.
                        Peitsch 1990</ref>).</p>
                <p>Zwar war ein Bestseller des diaristischen Schreibens, das Tagebuch der Anne
                    Frank, schon 1950 auf Deutsch veröffentlicht, in 40 Sprachen übersetzt und
                    millionenfach verkauft worden, das keineswegs in diese Rubrik passte. Gerade
                    daran lässt sich aber zeigen, dass die Wahl des Tagebuchs als privater
                    Äußerungsform einen Wunsch nach <quote source="#ref_zurnieden1995-290"
                        >Orientierung, Entlastung und Sicherheit</quote> (<ref
                        target="#zurnieden1995" type="bibl" xml:id="ref_zurnieden1995-290">Zur
                        Nieden 1995: 290</ref>) erkennen ließ, ein Wunsch, der bei Anhängern und
                    Verfolgten des Nazi-Regimes gleichermaßen vorhanden war. David Barnouw stellte
                    anlässlich des 70. Todesjahres von Anne Frank im Jahr 2015 wenig überraschend
                    fest, dass es gerade die Ikonisierung Anne Franks war, welche lange Zeit eine
                    kritische Auseinandersetzung mit ihren Tagebüchern verhinderte. <title>Het
                        Achterhuis</title> war Gegenstand emphatischer Zuwendung zu den Opfern,
                    hatte eine pädagogische Hauptfunktion und wurde erst allmählich – auch durch die
                    Konflikte um den von Barnouw geprägten Begriff der <q rend="single-qm"
                        >Anne-Frank-Industrie</q><note xml:id="endnote_08"><p>Barnouw äußert sich
                            auch zu Konflikten mit der Leitung der Anne Frank-Stiftung (<ref
                                target="#barnouw2015" type="bibl" xml:id="ref_barnouw2015">vgl.
                                Barnouw 2015</ref>).</p></note> – zum Gegenstand einer kritischen
                    Auseinandersetzung. Dass es jenseits davon immer schon Angriffe auf die
                    Authentizität der Tagebücher gab, sei hier als bekanntes Faktum nur am Rande
                    erwähnt. Erst 1986 wurden die gesammelten Tagebücher vom Niederländischen
                    Staatlichen Institut für Kriegsdokumentation veröffentlicht und noch danach,
                    1998, tauchten weitere Tagebuch-Blätter auf; interessante Studien, so Barnouw,
                    seien erst im Zuge einer intensiveren Sichtung der Archive der Anne
                    Frank-Stiftung und des Anne Frank-Fonds möglich geworden.</p>
                <p>Das Tagebuch war es also, das als dominierender Formtypus bereits der 1940er
                    Jahre nach 1945 eine Kontinuität im Wandel autobiographischen Schreibens
                    garantierte. Im Zweiten Weltkrieg war es propagandistischen Zwecken unterstellt
                    worden, heroische Aufzeichnungen von Soldaten sollten das System stärken, die
                    Bevölkerung wurde aufgefordert, Tagebuch zu schreiben, um Orientierung (in der
                    Ideologie) und persönliche Entlastung zu finden. Steuwer und Graf stellen solche
                    propagandistischen Funktionen schon für viel frühere Phasen fest: <quote
                        source="#ref_steuwer2015-23">Nach dem deutschfranzösischen Krieg 1870/71
                        wurden zahlreiche Kriegserinnerungen und auch Tagebücher von Soldaten [...]
                        veröffentlicht und von privater Seite gezielt gesammelt.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#steuwer2015" xml:id="ref_steuwer2015-23">Steuwer/Graf
                        2015: 23</ref>) Aber auch der Widerstand nutzte das Medium; im Zweiten
                    Weltkrieg sendete Radio London Aufrufe, Tagebücher sorgfältig aufzubewahren –
                    und Anne Frank folgte dem durch das Abschreiben ihres Tagebuchs (<ref
                        target="#mulisch1986" type="bibl" xml:id="ref_mulisch1986">vgl. Mulisch
                        1986</ref>). Die Aufrufe Internationaler Gerichtshöfe, Gräuel und
                    Kriegsverbrechen zu dokumentieren, schließen an diese Funktion noch heute
                    an.</p>
                <p>Nach 1945 tritt die Entlastungsfunktion in den Vordergrund: In meist <q
                        rend="single-qm">nachträglichen</q> Tagebüchern (eigentlich eine <hi
                        rend="italic">contradictio in adiecto</hi>) z.B. Ruth Andreas-Friedrichs
                    wird die Unmittelbarkeit der Form zum Rechtfertigungsträger umgemünzt. <q
                        rend="single-qm">Verspätete</q> Tagebücher werden zu dem Zeitpunkt begonnen,
                    als die VerfasserInnen den Krieg für verloren glaubten; der
                    Rechtfertigungsaspekt ist auch hier sehr stark. Während Peitsch noch
                    feststellte, dass die Berliner Journalistin Andreas-Friedrich sich in ihren
                    Tagebuchaufzeichnungen <title>Der Schattenmann. Tagebuchaufzeichnungen
                        1938–1945</title>, erschienen bereits 1947, <quote
                        source="#ref_peitsch1990-301">aus einer Angehörigen der literarischen
                        Inneren Emigration zur Exponentin des politischen Widerstands zu
                        schreiben</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_peitsch1990-301"
                        target="#peitsch1990">Peitsch 1990: 301</ref>) vermochte, sieht Irmela von
                    der Lühe zwar die durchaus <q rend="single-qm">idealistischen</q> Züge des Werks
                    (sie bezieht sich dabei nur auf den ersten Teil; der 2. Teil bezieht sich auf
                    die Zeit 1945–48), stuft Andreas-Friedrich aber gemäß ihrer Selbstaussagen als
                    eine <q rend="single-qm">aufrechte</q> Deutsche ein, die sich vehement und unter
                    Berufung auf ihre Aktionen (Hilfe für verfolgte Juden, <q rend="single-qm">Onkel
                        Emil</q>-Gruppe, <q rend="single-qm">Sag Nein</q>-Aktion im April 1945!) vom
                    Vorwurf der Kollektivschuld zu befreien suchte (<ref type="bibl"
                        target="#luehe1999" xml:id="ref_luehe1999">vgl. Lühe 1999</ref>).
                    Verschiedene Vorworte der mehrfachen Auflagen betonen stets, dass das Tagebuch
                    den Zweck gehabt habe, auf den <q rend="single-qm">Zeugenstand</q>
                    vorzubereiten. Nicht jeder, der in Deutschland geblieben sei, könne als Nazi
                    verurteilt werden. Was von der Lühe einräumt, ist, dass an Andreas-Friedrichs
                    Tagebuch eine zunehmende Aversion gegen die Emigranten abzulesen sei (<ref
                        target="#luehe1999" xml:id="ref_luehe1999-29" type="bibl">vgl. ebd.:
                        29</ref>) – ihr Verständnis dafür ist mehr als merkwürdig, koinzidiert diese
                    Aversion doch mit der Beschönigung vieler anderer, die sich reinzuwaschen
                    suchten – auch durch klare Retuschen. </p>
                <p>Wenn Steuwer und Graf die literarisierenden, <quote source="#ref_steuwer2015-35"
                        >nachträglichen Eingriffe bei der Veröffentlichung von Tagbüchern [...]
                        nicht grundsätzlich von der Absicht zur Schönung getrieben</quote> sehen
                        (<ref type="bibl" target="#steuwer2015" xml:id="ref_steuwer2015-35"
                        >Steuwer/Graf 2015: 35</ref>) – womit sie sich u.a. gegen die von Peitsch
                    vertretene Position wenden –, sondern eine <quote source="#ref_steuwer2015-35f"
                        >Bedingung [...], die eine breite Rezeption der Tagebuchveröffentlichungen
                        im 20. Jahrhunderts [sic] erst ermöglichte</quote> (<ref
                        target="#steuwer2015" type="bibl" xml:id="ref_steuwer2015-35f">ebd.:
                        35f.</ref>), so ist dies zwar einerseits sicher richtig – eine Minimierung
                    der Retuschen, ja, das Ausstellen einer wissenschaftlichen <q rend="single-qm"
                        >Unbedenklichkeitserklärung</q> jedoch kann nicht nur auf literarische oder
                    Markterfordernisse reduziert werden. Und wenn letztlich der <quote
                        source="#ref_steuwer2015-36">hypertrophe Authentizitätsanspruch</quote>
                    dafür verantwortlich gemacht wird, dass <quote source="#ref_steuwer2015-36"
                        >nachträgliche Eingriffe unkenntlich [...] und die Fiktion eines
                        unveränderten Dokuments zu bewahren</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#steuwer2015" xml:id="ref_steuwer2015-36">ebd.: 36</ref>) gesucht
                    werden, so scheint damit, gelinde gesagt, eine geschichtswissenschaftliche
                    Position vertreten, welche an die Diskussion um <hi rend="italic">fake news</hi>
                        erinnert.<note xml:id="endnote_09"><p>Das soll allerdings nicht heißen, dass
                            nicht, wie an der genannten Stelle gefordert, Schreibpraktiken mit
                            einbezogen werden sollten; aber es gilt hier eben zweckformale Mittel
                            (der Rechtfertigung) von solchen der bloß literarischen Stilisierung zu
                            unterscheiden.</p></note>
                </p>
                <p><quote source="#ref_peitsch1990-289">Verspätete</quote> oder <quote
                        source="#ref_peitsch1990-289">nachträgliche</quote> Tagebücher in der
                    Terminologie Peitschs sind in jedem Fall auch in funktionsgeschichtlicher
                    Hinsicht sehr genau in den Blick zu nehmen (<ref type="bibl"
                        target="#peitsch1990" xml:id="ref_peitsch1990-289">Peitsch 1990: 289 u.
                        233</ref>). Luise Rinsers <title>Gefängnistagebuch</title> (1946) las man
                    häufig als Selbststilisierung zur Nazi-Gegnerin; in ihrem Fall eines
                    nachträglich verfassten Tagebuchs plädierte Peitsch aber dafür, die <quote
                        source="#ref_peitsch1990-192">Wandlung</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#peitsch1990" xml:id="ref_peitsch1990-192">ebd.: 192</ref>) – <quote
                        source="#ref_rinser1979-12">Für mich wurde der Aufenthalt im Gefängnis zur
                        Wende meines Lebens</quote> (<ref type="bibl" target="#rinser1979"
                        xml:id="ref_rinser1979-12">Rinser 1979 [1946]: 12</ref>) – ernst zu nehmen.
                    Wenn Rinser im Vorwort davon spricht, dass sie in die <q rend="single-qm"
                        >reeducation</q> eingebunden gewesen sei, so ist davon auszugehen, dass auch
                    ihr Tagebuch einen <q rend="single-qm">volkserzieherischen</q> Anspruch als
                    Impuls hatte. So heißt es denn auch im Vorwort:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_rinser1979-12b">Alles, was gewaltsam aus dem Gedächtnis der
                        Menschheit verbannt wird, taucht eines Tages mit fordernder Gewalt wieder
                        auf. [...] Jenen, die mir sagen, es sei zu unbedeutend, was ich zu berichten
                        habe, kann ich nicht widersprechen. Ich kann sie nur darauf verweisen, daß
                        es mir nicht um mich selber ging, sondern nur darum, den grausamen Spuk des
                        Gefängnistages und damit die Leidenszeit von Tausenden festzuhalten. <ref
                            rend="brackets" target="#rinser1979" type="bibl"
                            xml:id="ref_rinser1979-12b">Rinser 1979 [1946]: 12</ref></quote>
                </cit>
                <p>Allerdings wurde von der Literaturkritik und den maßgeblichen
                    literaturpolitischen Instanzen jener Zeit ein ganz anderes Modell diaristischen
                    Schreibens favorisiert, nämlich dasjenige Ernst Jüngers: Das Beharren auf dem <q
                        rend="single-qm">Kriegserlebnis</q> garantierte eine Transformation des
                    Vergangenen, eine <q rend="single-qm">Wandlung</q>, die nicht gleichbedeutend zu
                    sein brauchte mit einer Totalabsage an die völkische Vergangenheit. Seine
                        <title>Strahlungen</title> (1949) waren – und sind, wie das jüngst
                    erschienene <title>Ernst-Jünger-Handbuch</title> (2014) zeigt, – Gegenstand
                    einer anhaltenden Debatte über die Funktion des Werks im Faschismus und die
                    Beglaubigung einer <q rend="single-qm">Wandlung</q> des kriegsteilnehmenden
                    Offiziers, der in der Pariser Kampagne seinen Obsessionen nachgehen konnte. Die
                    Hoffnung einiger seiner Anhänger bestand darin, dass sein Werk gerade für eine
                    dogmenferne Transformation des deutschen Nationalismus stehe, die, wie Peitsch
                    zusammengefasst hat, <quote source="#ref_peitsch1990-234">politisch ins
                        Europäische, weltanschaulich ins Christliche</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#peitsch1990" xml:id="ref_peitsch1990-234">Peitsch 1990: 234</ref>)
                    überging. Es war aber wohl viel eher Jüngers existentialistische Überhöhung des
                    Krieges, in dem ein Individuum seine Souveränität behauptete, welche die
                    Rezipienten in den Bann schlug (und schlägt). Aus der so gebildeten <q
                        rend="single-qm">Erlebnis-Gemeinschaft</q> blieben naturgemäß die Exilanten
                    ausgeschlossen.</p>
                <p>Justus Fetscher hat in einem engagierten Beitrag sehr deutlich positioniert die
                    verschiedenen Rollenspiele Jüngers in eine Typologie zusammengefasst, welche der
                    generellen Rahmung durch das Moment des <q rend="single-qm">Schauspiels</q>
                    unterstellt war. Nicht-Soldat, Ritter, Jäger, Beobachter, Theologe und
                    schließlich Dichter wie Figur seien die Rollen, welche Jünger in seinen
                    Tagbüchern durchspiele (<ref target="#fetscher1999" type="bibl"
                        xml:id="ref_fetscher1999">vgl. Fetscher 1999</ref>). Neben dem
                    anachronistischen Krieger resp. Ritter scheint mir insbesondere der Typus <q
                        rend="single-qm">Beobachter</q> besonders bemerkenswert zu sein. Jünger
                    selbst spricht von seinem Tagebuch als <q rend="single-qm">Logbuch</q> – und
                    sieht sich als einen vom Geschehen unbetroffenen Beobachter. Sehr deutlich wurde
                    auch bislang schon in der Forschung herausgearbeitet, wie durch diese Position
                    eine Ästhetik des Sublimen entsteht, die Gert Mattenklott sehr pointiert mit <q
                        rend="single-qm">ästhetischem Immoralismus</q> gleichgesetzt hat (<ref
                        type="bibl" target="#klausnitzer2014" xml:id="ref_klausnitzer2014-166">zit.
                        n. Klausnitzer 2014: 166</ref>). Man muss sich nur die berüchtigte <q
                        rend="single-qm">Burgunder-Szene</q> beim Einmarsch der deutschen Besatzer
                    in Paris in Erinnerung rufen, um dies nachdrücklich zu unterstreichen. Ob man
                    angesichts dieser Attitüde noch davon reden möchte, dass Jünger, wie Klausnitzer
                    in seinem Handbuch-Artikel es nennt, <quote source="#ref_klausnitzler2014-165"
                        >beteiligte[r] Beobachter[ ]</quote> (<ref target="#klausnitzer2014"
                        xml:id="ref_klausnitzler2014-165" type="bibl">ebd.: 165</ref>) gewesen sei,
                    ist nicht nur eine Geschmackssache. Mir scheint diese Art der Distanznahme auf
                    eine psychische Panzerung zu verweisen, die pathologische wie ideologische Züge
                    zugleich trägt; pathologisch, weil sie mir genau jenes Theweleit&#8217;sche
                    Verhalten des soldatischen Mannes zu reproduzieren scheint, welches unabdingbar
                    zum Faschismus gehörte, ideologisch, weil Jünger diese Form der <q
                        rend="single-qm">Haltung</q> zeitlebens wohl nie in Frage stellte. Ein
                    Tagebuch, so Jünger, betreibe keine Seelenkunde – wenn manche Forscher (wie
                    Klausnitzer) dennoch gerade in der ästhetischen Verbindung <q rend="single-qm"
                        >stereoskopischen Sehens</q> mit einer meditativen Praxis eine Innovation
                    des Genres sehen wollten, so ist dies sicher diskussionswürdig. Ob es überzeugt,
                    mag dahingestellt bleiben. Mir scheint es eher ein weiterer Beleg dafür zu sein,
                    dass mit Jüngers <quote source="#ref_juenger1949-Vorwort">geistigem Beitrag zum
                        Zweiten Weltkrieg</quote> (so das Vorwort in <ref target="#juenger1949"
                        xml:id="ref_juenger1949-Vorwort" type="bibl">Jünger 1949</ref>) das
                    Kriegstagebuch endgültig seine blutige Herkunft verschleiert hat. Eine
                    vermeintliche Sinngebung des Sinnlosen im überbetonten Rekurs auf die Metapher
                    des Schauspiels sehen zu wollen, zeugt wohl eher von einem Vermeidungsverhalten
                    der Vergangenheit gegenüber, an der man selbst in der Etappe seinen schuldhaften
                    Anteil hatte. Apartes Erleben im puren Ästhetizismus ist angesichts des
                    Betrachteten (das bombardierte Paris, im Tank verschmolzene Leichen) tatsächlich
                    ein Verbrechen.</p>
            </div>



            <div xml:id="wdr01_02-01_05">
                <head>Gegenwart wider Nachträglichkeit: Max Frischs Tagebuch 1946–1949</head>
                <p>In seinem Vorlesungszyklus <title>Luftkrieg und Literatur</title> hat dessen
                    Verfasser W.G. Sebald die deutschen Nachkriegsautoren der Nicht-Reaktion
                    beschuldigt. Reine Gegenwärtigkeit – war sie überhaupt möglich angesichts der
                    Verwüstungen und des traumatisch erlebten Geschehens?</p>
                <p>Frischs Tagebuch 1946–1949 wurde 1950 veröffentlicht; es war als öffentliches
                    Tagebuch auch gedacht: Frisch nimmt darin Stellung zum Zeitgeschehen, gibt
                    Beobachtungen wieder (Fahrt durch das zerstörte Deutschland 1946, Warschauer
                    Ghetto), notiert Begegnungen und moralische Reflexionen über das Leben unter
                    Bedingungen des Terrors. Unter der Überschrift <q rend="double-qm"
                        >Autobiographie</q> findet sich eine Kurzfassung autobiographischer
                    Darstellung, im lakonischen Ton der Chronologie, mit wenigen Hinweisen auf
                    innere Befindlichkeiten. </p>
                <p>Was Sigurd Scheichl schon 1986 für die österreichische Literatur konstatiert hat,
                    dass sie nämlich durch ein völlig anderes <quote source="#ref_scheichl1986-37"
                        >Voraussetzungssystem</quote> (<ref target="#scheichl1986" type="bibl"
                        xml:id="ref_scheichl1986-37">Scheichl 1986: 37</ref>) geprägt gewesen sei
                    und folglich erst um 1965/66 ein <quote source="#ref_scheichl1986-38">Durchbruch
                        moderner Schreibweisen</quote> (<ref type="bibl" target="#scheichl1986"
                        xml:id="ref_scheichl1986-38">ebd.: 38</ref>) festzustellen sei, gilt in
                    variierter Form natürlich auch für die Schweiz und ihre Literatur nach 1945. Was
                    deutschen Autoren 1945 nicht möglich war, Frisch konnte es aufgrund des
                    Augenscheins der Zerstörungen in seinem Tagebuch beschreiben: In seine
                    Reflexionen über die Genese des NS, über die Barbarisierung des Landes der
                    Dichter und Denker – darauf verweist Beatrice Sandberg (<ref
                        target="#sandberg2011" xml:id="ref_sandberg2011" type="bibl">vgl. Sandberg
                        2011</ref>) – mischen sich kritische Selbstbetrachtungen gegenüber der
                    Schweizer <q rend="single-qm">geistigen Landesverteidigung</q>, von der Frisch
                    schließlich abrückt. Die Beschäftigung mit der Schuldfrage kann bei dem
                    Schweizer Autor schon äußerst früh zu einer Position führen, die man in
                    Deutschland erst ein halbes Jahrhundert später einnehmen konnte: dass Schuld
                    auch die alliierten Bombardements treffe (<ref type="bibl"
                        target="#sandberg2011" xml:id="ref_sandberg2011-29">vgl. ebd.:
                        29</ref>).<note xml:id="endnote_10"><p>Sandberg führt aus, wie Frisch eine
                            derartige Schuldzuweisung, die beiden Seiten trifft, bereits noch
                            während des Krieges im März 1945 in seinem ersten Schauspiel, <title>Nun
                                singen sie wieder. Versuch eines Requiems</title>,
                        vornimmt.</p></note></p>
                <p>Bekanntlich ist Frischs Werk – und das trifft auch für sein diaristisches
                    Schreiben zu – von der Spiegelungsfigur des Bildnisses beherrscht. Das Tagebuch,
                    das an zentralen Stellen auf das Bildnisverbot eingeht – <quote
                        source="#ref_frisch1950-37">Du sollst Dir kein Bildnis machen</quote> (<ref
                        target="#frisch1950" xml:id="ref_frisch1950-37" type="bibl">Frisch 1950:
                        37</ref>) –, stellt auch in formaler Hinsicht eine Umsetzung dieses Gebotes
                    dar: Das Fragmentarisch-Unabgeschlossene, Skizzenhafte sei – so Norkowska –
                    ebenso Abwehr der Festlegung von Ich-Identität, wie dies in den fiktionalen
                    Werken der Fall sei (<ref target="#norkowska2013" type="bibl"
                        xml:id="ref_nokowska2013-185">vgl. Norkowska 2013: 185</ref>). Damit ist
                    zugleich impliziert, dass die Form des Tagebuchs keineswegs nur <quote
                        source="#ref_nokowska2013-185">als reines Stoffreservoir</quote> (<ref
                        target="#norkowska2013" type="bibl">ebd.</ref>) zu verstehen sei: Vielmehr
                    dokumentiert sich im Tagebuch das Durchspielen eines <quote
                        source="#ref_norkowska2013-184">Varianten-Ichs</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#norkowska2013" xml:id="ref_norkowska2013-184">ebd.: 184</ref>).
                    Eine langanhaltende Debatte über die Eigenwertigkeit des Tagebuchs – als <q
                        rend="single-qm">vollgültige</q> Literatur oder als <q rend="single-qm"
                        >Nebenwerk</q><note xml:id="endnote_11"><p><ref target="#schafroth1975"
                                type="bibl" xml:id="ref_schlafroth1975">Vgl. Schafroth 1975</ref>,
                            im Rekurs auf Heißenbüttel u.a.</p></note> – dürfte mit den neueren
                    diaristischen Forschungen allmählich zu den Akten gelegt werden: Frisch war
                    deshalb der ideale Tagebuchautor, weil er – diametral entgegengesetzt zu Jüngers
                    ästhetischer Blasiertheit – die Abweichungen von der Genre-Konvention gerade
                    nicht als <hi rend="italic">l&#8217;art pour l&#8217;art</hi> einsetzt. Das
                    Fehlen von Datierungen (außer Jahren), Erzählblöcke, die auch Erzählskizzen sein
                    könnten, Überschriften, die auf Erzählkerne zu verweisen scheinen – die
                    Heterogenität des Diariums erweist dieses als vollendetes Laboratorium. Eine
                    solche Prozessualität ist damit aber keine eines Tagebuchs als <hi rend="italic"
                        >work in progress</hi>, sondern sie ist der Prozessualität des literarischen
                    Werkes gleichgestellt.</p>
                <p>Keine Seelenkunde zu betreiben – sich kein Bildnis zu machen: Mitnichten ist hier
                    eine Konvergenz zwischen Jünger und Frisch zu sehen. Zielt Jüngers Absage an die
                    Seelenkunde auf die Privilegierung der bloßen Oberfläche des Betrachtens, so ist
                    Frischs Verneinung der Funktion eines <hi rend="italic">journal intime</hi> dem
                    völlig entgegengesetzt, nämlich gegen die Zumutung eines ich-enthüllenden
                    Schreibens gewendet, wie es die generischen (Rezeptions-)Konventionen zu fordern
                    scheinen.</p>
            </div>


            <div xml:id="wdr01_02-01_06">
                <head>Progressivliteratur als Absage an Politik?</head>
                <p>Von Österreichs <q rend="single-qm">Voraussetzungssystem</q> (Scheichl) war oben
                    schon die Rede. Mit ein paar wenigen, kurzen Bemerkungen – mit denen ich mir
                    nicht anmaßen möchte, tiefer in die österreichische Literaturgeschichte
                    einzudringen – sei lediglich auf einige Aspekte hingewiesen, die in den neueren
                    österreichischen Überblicksdarstellungen zur Literaturgeschichte betont werden:
                    So mag es wohl stimmen, dass 1945 für Österreich nicht von einer <quote
                        source="#ref_scheichl1986-41">Programmatik der Erneuerung</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#scheichl1986" xml:id="ref_scheichl1986-41">Scheichl
                        1986: 41</ref>) gesprochen werden kann, ja, dass, so Innerhofer, <quote
                        source="#ref_zeyringer2012-609"><q rend="single-qm">[d]er radikale
                            Modernismus</q> [...] vom offiziellen Literaturbetrieb ausgeschlossen
                        [wurde]</quote> (<ref target="#zeyringer2012" type="bibl"
                        xml:id="ref_zeyringer2012_609">zit. n. Zeyringer/Gollner 2012: 609</ref>).
                    Allerdings sind auch die <q rend="single-qm">Kahlschlagsthesen</q> für die
                    deutsche Literatur entschieden in Frage zu stellen bzw. sehr viel
                    differenzierter zu betrachten – waren es doch auch hier, bezieht man sich auf
                    Rezeption und Verbreitung, wohl eher Wilhelm Lehmann und Hans Carossa, welche
                    gelesen wurden, als progressive Literatur. Hier wie da wäre also von <quote
                        source="#ref_okopenko2000">schwierigen Anfängen</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#okopenko2000" xml:id="ref_okopenko2000">Okopenko 2000</ref>) zu
                    sprechen.</p>
                <p>Und wenn Zeyringer/Gollner festhalten, dass die <q rend="single-qm"
                        >moderneren</q> österreichischen Autoren ihr Glück in Westdeutschland
                    suchten (<ref target="#zeyringer2012" type="bibl" xml:id="ref_zeyringer2012-609"
                        >vgl. Zeyringer/Gollner 2012: 609</ref>), so waren es Interdependenzen
                    gerade der bundesrepublikanischen und der österreichischen Progressivliteratur,
                    speziell der Wiener Gruppe, welche zu einem Modernisierungsschub auch in
                    Westdeutschland führten. Wenn Heide Kunzelmann den Kampf zwischen Stabilität und
                    Instabilität als das Merkmal der österreichischen Nachkriegsliteratur hervorhebt
                        (<ref type="bibl" target="#kunzelmann2015" xml:id="ref_kunzelmann2015">vgl.
                        Kunzelmann 2015</ref>), so trifft dies in gewisser Weise auch für die
                    deutsche Nachkriegsliteratur zu. Autoren wie Max Frisch leisteten dabei
                    Geburtshilfe, auch und gerade durch das autobiographische Tagebuch.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="agamben2003"><author>Agamben, Giorgio</author>
                        (<date>2003</date>): <title type="main" level="m">Was von Auschwitz
                            bleibt</title>. <title type="sub" level="m">Das Archiv und der Zeuge
                            (Homo sacer III)</title>. Aus d. Ital. von Stefan Mohnhardt.
                            <pubPlace>Frankfurt a.M.</pubPlace>:
                        <publisher>Suhrkamp</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="aichinger1977"><author>Aichinger, Ingrid</author>
                            (<date>1977</date>): <title level="a" type="main"
                            >Selbstbiographie</title>, in: <editor>Werner
                            Kohlschmidt</editor>/<editor>Wolfgang Mohr</editor> (Hg.): <title
                            level="m" type="main">Reallexikon der deutschen
                            Literaturgeschichte</title>. <biblScope unit="volume">Bd. 3</biblScope>.
                            <pubPlace>Berlin</pubPlace>/<pubPlace>New York</pubPlace>: <publisher>de
                            Gruyter</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                        >801–819</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="amery1966"><author>Améry, Jean</author> (<date>1966</date>):
                            <title type="main" level="m">Jenseits von Schuld und Sühne</title>.
                            <title type="sub" level="m">Bewältigungsversuche eines
                            Überwältigten</title>. <pubPlace>München</pubPlace>:
                            <publisher>Szcesny</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="barnouw2015"><author>Barnouw, David</author> (<date>2015</date>):
                            <title level="m" type="main">Das Phänomen Anne Frank</title>. Übersetzt
                        von Simone Schroth. <pubPlace>Essen</pubPlace>/<pubPlace>Ruhr</pubPlace>:
                            <publisher>Klartext Verlag</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="benn1980"><author>Benn, Gottfried</author> (<date when="1980">1980
                            [1950]</date>): <title level="a" type="main">Doppelleben</title>, in:
                        Ders.: <title level="m" type="main">Das Hauptwerk</title>. <biblScope
                            unit="volume">Bd. 4</biblScope>: <title type="sub" level="m">Vermischte
                            Schriften</title>, hg. v. <editor>Marguerite Schlüter</editor>.
                            <pubPlace>Wiesbaden</pubPlace>/<pubPlace>München</pubPlace>:
                            <publisher>Limes</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >67–171</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="bluhm1991"><author>Bluhm, Lothar</author> (<date>1991</date>):
                            <title type="main" level="m">Das Tagebuch zum Dritten Reich</title>.
                            <title type="sub" level="m">Zeugnisse der Inneren Emigration von Jochen
                            Klepper bis Ernst Jünger</title>. <pubPlace>Bonn</pubPlace>:
                            <publisher>Bouvier</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="boerner1969"><author>Boerner, Peter</author> (<date>1969</date>):
                            <title level="m" type="main">Tagebuch</title>.
                            <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>: <publisher>Metzler</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="dessoir1946"><author>Dessoir, Max</author> (<date>1946</date>):
                            <title level="m" type="main">Buch der Erinnerung</title>.
                            <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>: <publisher>Enke</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="fetscher1999"><author>Fetscher, Justus</author>
                        (<date>1999</date>): <title type="main" level="a">Portrait of the poet as a
                            dead man</title>. <title level="a" type="sub">Ernst Jünger’s writing in
                            the Second World War: <hi rend="italic">Strahlungen</hi></title>, in:
                            <editor>Helmut Peitsch</editor>/<editor>Charles
                            Burdett</editor>/<editor>Claire Gorrara</editor> (Hg.): <title level="m"
                            type="main">European Memories of the Second World War</title>.
                            <pubPlace>New York</pubPlace>/<pubPlace>Oxford</pubPlace>:
                            <publisher>Berghahn Books</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >99–109</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="frank1986"><author>Frank, Manfred</author> (<date>1986</date>):
                            <title type="main" level="m">Die Unhintergehbarkeit von
                            Individualität</title>. <title type="sub" level="m">Reflexionen über
                            Subjekt, Person und Individuum aus Anlaß ihrer postmodernen
                            Toterklärung</title>. <pubPlace>Frankfurt a.M.</pubPlace>:
                            <publisher>Suhrkamp</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="frisch1950"><author>Frisch, Max</author> (<date>1950</date>):
                            <title level="m" type="main">Tagebuch 1946–1949</title>.
                            <pubPlace>Frankfurt a.M.</pubPlace>:
                        <publisher>Suhrkamp</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="ganzfried2002"><author>Ganzfried, Daniel</author>
                            (<date>2002</date>): <title type="main" level="m">... alias Wilkomirski.
                            Die Holocaust-Travestie</title>. <title type="sub" level="m">Enthüllung
                            und Dokumentation eines literarischen Skandals</title>. Hg. im Auftrag
                        des Deutschschweizer PEN-Zentrums von <editor>Sebastian Hefti</editor>.
                            <pubPlace>Berlin</pubPlace>: <publisher>Jüdische
                            Verlagsanstalt</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="goldschmidt1994"><author>Goldschmidt, Georges-Arthur</author>
                            (<date>1994</date>): <title level="m" type="main">Der bestrafte
                            Narziß</title>. Aus d. Franz. von Mariette Müller.
                            <pubPlace>Zürich</pubPlace>: <publisher>Ammann</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="heissenbuettel1966"><author>Heißenbüttel, Helmut</author>
                            (<date>1966</date>): <title level="a" type="main">Anmerkungen zu einer
                            Literatur der Selbstentblößer</title>, in: <title level="j" type="main"
                            >Merkur</title>
                        <biblScope unit="issue">20</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >568–577</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="holdenried1991"><author>Holdenried, Michaela</author>
                            (<date>1991</date>): <title type="main" level="m">Im Spiegel ein
                            anderer</title>. <title level="m" type="sub">Erfahrungskrise und
                            Subjektdiskurs im modernen autobiographischen Roman</title>.
                            <pubPlace>Heidelberg</pubPlace>: <publisher>Winter</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="holdenried1996"><author>Holdenried, Michaela</author>
                            (<date>1996</date>): <title level="a" type="main">Doppelrezension zu
                            Lothar Bluhm: Das Tagebuch zum Dritten Reich. Zeugnisse der Inneren
                            Emigration von Jochen Klepper bis Ernst Jünger. Bonn: Bouvier, 1991;
                            Helmut Peitsch: <q rend="double-qm">Deutschlands Gedächtnis an seine
                                dunkelste Zeit</q>. Zur Funktion der Autobiographik in den Westzonen
                            Deutschlands und den Westsektoren von Berlin 1945 – 1949. Berlin: Ed.
                            Sigma Bohn, 1990</title>, in: <title level="j" type="main">Archiv für
                            das Studium der neueren Sprachen und Kulturen</title>
                        <biblScope unit="issue">148/1</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >156–160</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="holdenried2003"><author>Holdenried, Michaela</author>
                            (<date>2003</date>): <title level="a" type="main"><q rend="double-qm"
                                >Christa Wolf: Kindheitsmuster</q></title>, in: <title level="m"
                            type="main">Romane des 20. Jahrhunderts</title>. <biblScope
                            unit="volume">Bd. 3</biblScope>. <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>:
                            <publisher>Reclam</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >87–107</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="holdenried2013"><author>Holdenried, Michaela</author>
                            (<date>2013</date>): <title level="a" type="main">Der Roman des
                            Lebens.</title>
                        <title type="sub" level="a">Gerhart Hauptmanns autobiographische
                            Selbsterkundungen in <hi rend="italic">Das Abenteuer meiner Jugend</hi>
                            und <hi rend="italic">Buch der Leidenschaft</hi></title>, in: <title
                            level="m" type="main">Acta Germanica</title>. <title type="sub"
                            level="j">German Studies in Africa. Jahrbuch des Germanistenverbandes im
                            südlichen Afrika</title>, <biblScope unit="issue">41</biblScope>, S.
                            <biblScope unit="page">181–194</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="holdenried2017"><author>Holdenried, Michaela</author>
                            (<date>2017</date>): <title type="main" level="a"><q rend="double-qm">In
                                eigener Sache [...] romanhaft lügen</q>?</title>
                        <title level="a" type="sub">Wahrheitsreferenz, Fiktionalisierung und
                            Fälschung in der Autobiographie</title>, in: <editor>Volker
                            Depkat</editor>/<editor>Wolfram Pyta</editor> (Hg.): <title level="m"
                            type="main">Autobiographie zwischen Text und Quelle</title>.
                            <pubPlace>Berlin</pubPlace>: <publisher>Duncker &amp;
                            Humblot</publisher>, S. <biblScope unit="page">57–73</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="juenger1949"><author>Jünger, Ernst</author> (<date>1949</date>):
                            <title level="m" type="main">Strahlungen</title>.
                            <pubPlace>Tübingen</pubPlace>: <publisher>Heliopolis</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="klausnitzer2014"><author>Klausnitzer, Ralf</author>
                            (<date>2014</date>): <title level="a" type="main">Strahlungen
                            (1949)</title>, in: <editor>Matthias Schöning</editor> (Hg.): <title
                            level="m" type="main">Ernst-Jünger-Handbuch</title>. <title type="sub"
                            level="m">Leben – Werk – Wirkung</title>.
                            <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>/<pubPlace>Weimar</pubPlace>:
                            <publisher>Metzler</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >165–174</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="klueger1996"><author>Klüger, Ruth</author> (<date>1996</date>):
                            <title level="a" type="main">Zum Wahrheitsbegriff in der
                            Autobiographie</title>, in: <editor>Magdalena Heuser</editor> (Hg.):
                            <title type="main" level="m">Autobiographien von Frauen</title>. <title
                            level="m" type="sub">Beiträge zu ihrer Geschichte</title>.
                            <pubPlace>Tübingen</pubPlace>: <publisher>Niemeyer</publisher>, S.
                            <biblScope unit="page">405–411</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="kunzelmann2015"><author>Kunzelmann, Heide</author>
                            (<date>2015</date>): <title type="main" level="a">Make or Break?</title>
                        <title level="a" type="sub">Instability as an Aesthetic Tool in Progressive
                            Austrian Literature from 1945 to 1955</title>, in: <title level="j"
                            type="main">Journal of Austrian Studies</title>
                        <biblScope unit="issue">48/3</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >89–108</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="luehe1999"><author>Lühe, Irmela von der</author>
                            (<date>1999</date>): <title level="a" type="main"><q rend="double-qm"
                                >This Book Does Not Want to Be a Work of Art. This Book Is
                            Truth</q></title>. <title level="a" type="main">The Diaries of Ruth
                            Andreas-Friedrich</title>, in: <editor>Helmut
                            Peitsch</editor>/<editor>Charles Burdett</editor>/<editor>Claire
                            Gorrara</editor> (Hg.): <title level="m" type="main">European Memories
                            of the Second World War</title>. <pubPlace>New
                            York</pubPlace>/<pubPlace>Oxford</pubPlace>: <publisher>Berghahn
                            Books</publisher>, S. <biblScope unit="page">23–34</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="misch1989"><author>Misch, Georg</author> (<date>1989</date>):
                            <title level="a" type="main">Begriff und Ursprung der Autobiographie
                            [1907/1949]</title>, in: <editor>Günter Niggl</editor> (Hg.): <title
                            type="main" level="m">Die Autobiographie</title>. <title level="m"
                            type="sub">Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung</title>.
                            <pubPlace>Darmstadt</pubPlace>: <publisher>Wissenschaftliche
                            Buchgesellschaft</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >33–55</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="mulisch1986"><author>Mulisch, Harry</author> (<date>1986</date>):
                            <title level="a" type="main">Das Mädchen und der Tod</title>. <title
                            type="sub" level="a">Anne Frank zum Gedenken</title>, in: <title
                            level="j" type="main">Die Zeit</title>. <biblScope unit="issue">Nr. 17.
                            18.4.1986</biblScope>, S. <biblScope unit="page">44</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="norkowska2013"><author>Norkowska, Katarzyna</author>
                            (<date>2013</date>): <title level="a" type="main"><q rend="double-qm">Du
                                sollst Dir kein Bildnis machen</q></title>. <title level="a"
                            type="sub">Zu Max Frischs <q rend="double-qm">Tagebuch 1946–1949</q>, <q
                                rend="double-qm">Tagebuch 1966–1971</q> und <q rend="double-qm"
                                >Entwürfe zu einem dritten Tagebuch</q></title>, in: <title
                            level="j" type="main">Text+Kritik</title>
                        <biblScope unit="issue">47/48</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >181–192</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="okopenko2000"><author>Okopenko, Andreas</author>
                            (<date>2000</date>): <title level="a" type="main">Die schwierigen
                            Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945</title>, in:
                        Ders.: <title level="m" type="main">Gesammelte Aufsätze und andere
                            Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten</title>. <biblScope unit="volume"
                            >1. Band</biblScope>: In der Szene. <pubPlace>Klagenfurt</pubPlace>:
                            <publisher>Ritter</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >13–38</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="paulsen1991"><author>Paulsen, Wolfgang</author>
                        (<date>1991</date>): <title level="m" type="main">Das Ich im Spiegel der
                            Sprache</title>. <title level="m" type="sub">Autobiographisches
                            Schreiben in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts</title>.
                            <pubPlace>Tübingen</pubPlace>: <publisher>Niemeyer</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="peitsch1990"><author>Peitsch, Helmut</author> (<date>1990</date>):
                            <title level="m" type="main"><q rend="double-qm">Deutschlands Gedächtnis
                                an seine dunkelste Zeit</q></title>. <title type="sub" level="m">Zur
                            Funktion der Autobiographik in den Westzonen Deutschlands und den
                            Westsektoren von Berlin 1945 bis 1949</title>.
                            <pubPlace>Berlin</pubPlace>: <publisher>Ed. Sigma
                        Bohn</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="pfotenhauer1987"><author>Pfotenhauer, Helmut</author>
                            (<date>1987</date>): <title level="m" type="main">Literarische
                            Anthropologie</title>. <title type="sub" level="m">Selbstbiographien und
                            ihre Geschichte – am Leitfaden des Leibes</title>.
                            <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>: <publisher>Metzler</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="rinser1979"><author>Rinser, Luise</author> (<date>1979
                            [1946]</date>): <title level="m" type="main">Gefängnistagebuch</title>.
                            <pubPlace>Frankfurt a.M.</pubPlace>:
                        <publisher>Fischer</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="sandberg2011"><author>Sandberg, Beatrice</author>
                            (<date>2011</date>): <title level="a" type="main">Max Frisch –
                            Zeitgenossenschaft und persönliche Verantwortung in der Zeit nach
                            1945</title>, in: <editor>Daniel de Vin</editor> (Hg.): <title level="m"
                            type="main">Max Frisch</title>. <title type="sub" level="m">Citoyen und
                            Poet</title>. <pubPlace>Göttingen</pubPlace>:
                            <publisher>Wallstein</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >21–32</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="sarkowicz2002"><author>Sarkowicz, Hans</author>/<author>Mentzer,
                            Alf</author> (<date>2002</date>): <title level="a" type="main">Carossa,
                            Hans</title>, in: <editor>Dies.</editor>: <title level="m" type="main"
                            >Literatur in Nazi-Deutschland</title>. <title level="m" type="sub">Ein
                            biographisches Lexikon</title>.
                            <pubPlace>Hamburg</pubPlace>/<pubPlace>Wien</pubPlace>:
                            <publisher>Europa-Verlag</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >123–127</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="schafroth1975"><author>Schafroth, Heinz F.</author>
                            (<date>1975</date>): <title level="a" type="main">Bruchstücke einer
                            großen Fiktion</title>. <title type="sub" level="a">Über Max Frischs
                            Tagebuch</title>, in: <title level="j" type="main">Text+Kritik</title>
                        <biblScope unit="issue">47/48</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >48–68</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="scheichl1986"><author>Scheichl, Sigurd Paul</author>
                            (<date>1986</date>): <title type="main" level="a">Weder Kahlschlag noch
                            Stunde Null</title>. <title level="a" type="sub">Besonderheiten des
                            Voraussetzungssystems der Literatur in Österreich zwischen 1945 und
                            1966</title>, in: <editor>Karl Pestalozzi</editor>/<editor>Alexander von
                            Bormann</editor>/<editor>Thomas Koebner</editor> (Hg.): <title level="m"
                            type="main">Vier deutsche Literaturen?</title>
                        <title type="sub" level="m">Literatur seit 1945 – nur die alten
                            Modelle?</title>
                        <pubPlace>Tübingen</pubPlace>: <publisher>Niemeyer</publisher>, S.
                            <biblScope unit="page">37–51</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="schneider1986"><author>Schneider, Manfred</author>
                            (<date>1986</date>): <title level="m" type="main">Die erkaltete
                            Herzensschrift</title>. <title type="sub" level="m">Der
                            autobiographische Text im 20. Jahrhundert</title>.
                            <pubPlace>München</pubPlace>: <publisher>Hanser</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="schwab1981"><author>Schwab, Silvia</author> (<date>1981</date>):
                            <title level="m" type="main">Autobiographie und Lebenserfahrung</title>.
                            <title level="m" type="sub">Versuch einer Typologie deutschsprachiger
                            autobiographischer Schriften zwischen 1965 und 1975</title>.
                            <pubPlace>Würzburg</pubPlace>: <publisher>Königshausen &amp;
                            Neumann</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="schweikert1980"><author>Schweikert, Uwe</author>: <title
                            type="main" level="a">Geheimnis und Gewalt</title>. <title type="sub"
                            level="a">Eine Einladung, Georg K. Glaser zu lesen</title>, in: <title
                            level="j" type="main">Frankfurter Rundschau</title>. <biblScope
                            unit="issue">31.05.1980</biblScope>, S. <biblScope unit="page"
                            >III</biblScope>.</bibl>
                    <bibl xml:id="sebald1999"><author>Sebald, W.G.</author> (<date>1999</date>):
                            <title level="m" type="main">Luftkrieg und Literatur</title>. <title
                            type="sub" level="m">Mit einem Essay zu Alfred Andersch</title>.
                            <pubPlace>München</pubPlace>/<pubPlace>Wien</pubPlace>:
                            <publisher>Hanser</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="steuwer2015"><editor>Steuwer, Janosch</editor>/<editor>Graf,
                            Rüdiger</editor> (Hg.) (<date>2015</date>): <title level="m" type="main"
                            >Selbstreflexionen und Weltdeutungen</title>. <title type="sub"
                            level="m">Tagebücher in der Geschichte und der Geschichtsschreibung des
                            20. Jahrhunderts</title>. <pubPlace>Göttingen</pubPlace>:
                            <publisher>Wallstein</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="wilkomirski1995"><author>Wilkomirski, Binjamin</author>
                            (<date>1995</date>): <title level="m" type="main">Bruchstücke</title>.
                            <title type="sub" level="m">Aus einer Kindheit 1939–1948</title>.
                            <pubPlace>Frankfurt a.M.</pubPlace>: <publisher>Jüdischer
                            Verlag</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="wolf1979"><author>Wolf, Christa</author> (<date>1979</date>):
                            <title level="m" type="main">Kindheitsmuster</title>. <title level="m"
                            type="sub">Roman</title>.
                            <pubPlace>Darmstadt</pubPlace>/<pubPlace>Neuwied</pubPlace>:
                            <publisher>Luchterhand</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="zeyringer2012"><author>Zeyringer, Klaus</author>/<author>Gollner,
                            Helmut</author> (<date>2012</date>): <title level="m" type="main">Eine
                            Literaturgeschichte: Österreich seit 1650</title>.
                            <pubPlace>Innsbruck</pubPlace>/<pubPlace>Wien</pubPlace>/<pubPlace>Bozen</pubPlace>:
                            <publisher>Studienverlag</publisher>.</bibl>
                    <bibl xml:id="zurnieden1995"><author>Zur Nieden, Susanne</author>
                            (<date>1995</date>): <title level="a" type="main">Tagebücher von Frauen
                            im zerstörten Deutschland 1943–1945</title>. <title type="sub" level="a"
                            >Tagebuchschreiben – ein populärer Brauch</title>, in: <editor>Michaela
                            Holdenried</editor> (Hg.): <title level="m" type="main">Geschriebenes
                            Leben</title>. <title type="sub" level="m">Autobiographik von
                            Frauen</title>. <pubPlace>Berlin</pubPlace>:
                            <publisher>Schmidt</publisher>, S. <biblScope unit="page"
                            >287–299</biblScope>.</bibl>
                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
