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            <titleStmt>
                <title type="main">Wir haben nämlich beide eine Zahnspange, aber er nur oben</title>
                <title type="sub">Interview mit Diana Köhle, Organisatorin der österreichweiten
                    Tagebuch-Slams</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Wolfgang</forename>
                        <surname>Straub</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                    <email>wolfgang.straub@univie.ac.at</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-6007-5707</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2020</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-01-04-01</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/2937</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">1</biblScope>
                <idno type="ISSN"/>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Diana Köhle</term>
                    <term xml:lang="de">Tagebuch-Slam</term>
                    <term xml:lang="de">Tagebuch</term>
                    <term xml:lang="de">Performance</term>
                </keywords>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Diana Köhle</term>
                    <term xml:lang="en">diaries</term>
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                    <term xml:lang="en">diary-slam</term>
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        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Diana Köhle veranstaltet und moderiert seit 2004 Poetry Slams in Wien, sie ist
                    Herausgeberin von Slam-Anthologien. Seit 2013 organisiert sie regelmäßig
                    Tagebuch-Slams. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit diesem von
                    ihr erfundenen Format.</p>
                <!-- CP: damit Abstract auf neuer Seite ist -->
                <p rend="empty"/>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p><title>Interview: <q rend="double-qm" xml:lang="en">You know we both wear dental
                            braces, but he only in the upper jaw.</q> Interview with Diana Köhle,
                        organisor of Austrian diary slams</title>: Since 2004, Diana Köhle has been
                    organizing and moderating poetry slams in Vienna, she is an editor of slam
                    anthologies. Since 2013, she is regularly organizing diary slams. In the
                    interview with Wolfgang Straub, she talks about her experiences with this format
                    of her own invention.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <p><hi rend="italic">Wolfgang Straub: Wie kommt man auf die Idee, Leute vor Publikum aus
                    ihren Tagebüchern vorlesen zu lassen und dabei gegen drei andere
                    Tagebuch-VorleserInnen in einem Wettbewerb anzutreten?</hi></p>
            <p>Diana Köhle: Bei meinen Slams wurde häufig gefragt, warum ich selbst nicht schreibe.
                Da habe ich immer geantwortet: <q rend="double-qm">Ich schreibe nicht, aber ich habe
                    Tagebuch geschrieben.</q> Irgendwann war ich dann mal neugierig, was ich denn
                als Teenagerin so geschrieben habe. Meine Eltern haben mir die Tagebücher geschickt,
                und ich war überrascht, wie viele es waren. Ja, das Leben war eben hart in den
                Bergen und ich hatte wenig Gleichgesinnte, aber viel Zeit zum Tagebuchschreiben. Ich
                habe mich beim Lesen sehr amüsiert und mir gedacht, dass es bestimmt auch anderen
                aus der zeitlichen Distanz heraus so geht. So entstand die Idee zum ersten
                    <title>Diary Slam</title>. Der Abend war so lustig und erfolgreich, dass klar
                war, das gehört wiederholt. So entstand dann der TAGebuch Slam im TAG (Theater an
                der Gumpendorfer Straße), dort bin ich nun seit November 2013. 2014 wurde David
                Schalko auf den TAGebuch Slam aufmerksam und hat für den ORF fünf Folgen
                    <title>Liebes Tagebuch, …</title> produziert. Seit 2015 beglücke ich auch die
                Bundesländern mit Tagebuch-Slams.</p>
            <p><hi rend="italic">In ein Tagebuch schreibt man auch (oder vor allem) intime Details –
                    und bei den Veranstaltungen werden diese ins Scheinwerferlicht gezerrt. Wie
                    gehen die Teilnehmenden mit dieser <q rend="double-qm">Entblößung</q> um? Gibt
                    es Anteile eines therapeutischen Settings?</hi></p>
            <p>Wichtig ist mir: Wir lachen nicht übereinander, sondern miteinander. Mir ist klar,
                dass die Teilnehmer*innen sehr viel preisgeben und etwas vorlesen, das nicht für die
                Öffentlichkeit gedacht war. Ich empfehle den Teilnehmer*innen Stellen auszuwählen,
                bei denen sie über ihr damaliges Ich schmunzeln können. Sie sollten nichts vorlesen,
                wo sie das Gefühl haben, sie verraten ihr damaliges Ich. Es dürfen auch keine
                aktuellen Beiträge vorgelesen werden, sie sollten mindestens fünf Jahre alt sein,
                damit man ein wenig Abstand dazu hat.</p>
            <p>Und ja, es hat schon etwas Therapeutisches, mit der damaligen Zeit, Erlebnissen oder
                gar Personen abzurechnen. Das kann gut tun, vor allem weil man sieht, dass man
                mittlerweile drübersteht und mit Gleichgesinnten darüber lachen kann.</p>
            <p><hi rend="italic">Wer wählt die Leseausschnitte aus? Gibt es hier Kriterien oder
                    Muster? Und was kommt besonders gut an?</hi></p>
            <p>Ich lasse mich genauso wie das Publikum überraschen, das heißt, ich lese die Texte
                nicht im Vorfeld. Es müssen originale Tagebucheinträge sein, es dürfen Textstellen
                gestrichen und ausgelassen, aber nicht umgeschrieben werden. Ebenfalls ist es
                erlaubt – und oft auch empfehlenswert – Namen zu ändern, außer man will mit jemandem
                abrechnen … Am besten kommen natürlich Liebessachen an, Sex sells. In diesen
                Einträgen erkennen sich auch viele im Publikum wieder, und es ist immer jemand
                dabei, dem es auch so erging oder der auch so geschrieben hat.</p>
            <p><hi rend="italic">Gibt es eine Alterskohorte, die bei den Veranstaltungen auf der
                    Bühne und im Publikum besonders stark vertreten ist?</hi></p>
            <p>Bei 167 Tagebuch-Slams in ganz Österreich waren bis dato 436 Teilnehmer*innen auf der
                Bühne (Stand: August 2019), der älteste Teilnehmer mit 90 Jahren. Den älteren
                Kandidat*innen macht es Spaß, dass ihnen Jüngere zuhören und sie ihre Geschichten
                mit ihnen teilen können, sie zeigen gerne, dass die schönsten Geschichten das Leben
                schreibt. Was mir aufgefallen ist, ist, dass ich bisher wenig 70er Jahrgänge auf der
                Bühne hatte. Wieso? Keine Ahnung, aber vielleicht melden sich ja nach diesem
                Interview welche bei mir an …</p>
            <p>Das Publikum ist altersmäßig durchmischt, häufig studentisch. Aber der Tagebuch-Slam
                ist ein Event, zu dem man auch mal mit Eltern oder Großeltern hingeht und einen
                netten, lustigen Abend verbringt und dabei ein wenig in Nostalgie schwelgt.</p>
            <p><hi rend="italic">Und wie schaut es mit der Mann-Frau-Verteilung aus?</hi></p>
            <p>436 Teilnehmer*innen, 72 Männer. Männer behaupten häufig, sie haben nie Tagebuch
                geschrieben. Wenn ich dann genauer nachfrage, dann haben sie Reisetagebuch
                geschrieben, und, ja, das ist auch ein Tagebuch. Trotzdem fällt auf, dass mehr
                Frauen geschrieben haben bzw. sie häufig länger durchgehalten und die Tagebücher
                aufbewahrt haben.</p>
            <p><hi rend="italic">Du organisierst mittlerweile Tagebuch-Slams in ganz Österreich –
                    gibt es regionale Spezifika, die dir auffallen?</hi></p>
            <p>In den Bergen, da haben sie mehr zu verbergen. Es ist natürlich schwieriger in den
                Bundesländern, Teilnehmer*innen zu finden, weil sich da schneller herumspricht, wenn
                man über jemanden vorgelesen hat bzw. überhaupt vorliest und das dann doch manchen
                peinlich ist und sie lieber die Anonymität der Großstadt bevorzugen.</p>
            <p>Vom Inhalt her, geht es überall um die ersten Male.</p>
            <p>Was schon auffällt, sind die Einträge im Dialekt. Im Westen kommt das häufiger vor.
                Und auch sonst sind regional verschiedene Ausdrücke – wie etwa für den Zungenkuss –
                spannend. Ich habe mittlerweile eine Liste dafür, aber auch für den <q
                    rend="double-qm">Schleicher</q> (= Lamourhatscher, enger Paartanz, Stehblues,
                Kniescheibenwalzer, Lento, Hosentürlreiber, Slow, Schieber, …).</p>
            <p><hi rend="italic">Gibt es so etwas wie eine spezifische Tagebuch-Sprache? Wie gehen
                    die Schreiber*innen sprachlich mit Selbstreflexion und mit der Kommunikation mit
                    dem <q rend="double-qm">lieben Tagebuch</q> um?</hi></p>
            <p>Das Tagebuch unterscheidet sich etwa stark vom Blog, den man für die Öffentlichkeit
                schreibt. Das Tagebuch schreibt man meistens für sich im Privaten und verwendet
                daher ganz andere Wörter. Oft ist es eine direkte Ansprechperson, Freundin, der man
                einen Namen gibt. Ich erkenne mittlerweile, welche Bands oder TV-Serien gerade
                    <emph>in</emph> waren, weil die Tagebücher plötzlich diese Namen haben.</p>
            <p>Häufig beginnen die ersten Tagebucheinträge mit <q rend="double-qm">Liebes
                    Tagebuch</q>. Da haben viele das Gefühl, das gehört sich so, und sie richten die
                Einträge an das Tagebuch. Oft entschuldigt man sich auch, dass man so lang nicht
                mehr geschrieben hat. Das Tagebuch hat immer ein offenes Ohr, widerspricht einem
                nicht und ist immer für einen da. Das ist schon ganz praktisch und macht das
                Tagebuch zu etwas Besonderem.</p>
            <p><hi rend="italic">Kannst du beobachten, dass die zunehmende Auflösung der Antipoden
                        <q rend="single-qm">privat</q> und <q rend="single-qm">öffentlich</q> in den
                    sozialen Medien das Tagebuchschreiben verändert?</hi></p>
            <p>Generell fällt mir auf, dass die 90er Jahrgänge kein Problem haben, ihre Texte
                vorzulesen, obwohl das noch nicht so lange her ist, aber sie offensichtlich durch
                Social Media gewohnt sind, ihr Leben öffentlich darzustellen.</p>
            <p><hi rend="italic">Wird deiner Einschätzung nach demnächst der Zeitpunkt kommen, zu
                    dem du nach dieser intensiven und jahrelangen Beschäftigung des Themas Tagebuch
                    überdrüssig wirst?</hi></p>
            <p>Kann sein, aber muss nicht sein. Mir gefällt es, dass ich nun immer mehr über
                Tagebücher weiß. Jeder Tagebuch-Slam-Abend überrascht mich immer wieder aufs Neue.
                Ich freu mich noch auf viele weitere dieser Abende.</p>
            <p><hi rend="italic">Was war der Impuls, ein</hi> Best of <hi rend="italic">aus den
                    Tagebuch-Slams in das Buch</hi> Wir haben nämlich beide eine Zahnspange, aber er
                nur oben <ref type="bibl" target="#koehle2017" xml:id="ref_koehle2017"
                    rend="brackets">2017</ref>
                <hi rend="italic">herauszubringen?</hi></p>
            <p>Der Holzbaum Verlag ist an mich herangetreten, und ich fand die Idee gut. Warum nicht
                auch etwas schaffen, das nicht nur im Moment lebt, sondern ein Nachschlagewerk, das
                man immer wieder hernehmen kann und einen zum Lachen bringt? Ich war mir zwar zu
                Beginn nicht sicher, ob das mit den Zitaten auch in Buchform funktioniert, aber es
                ist aufgegangen. Heuer erscheint übrigens ein zweiter Band, ich freu mich schon
                darauf, es gibt tolle neue Einträge.</p>
            <p><hi rend="italic">Du hast im Vorgespräch erzählt, dass du begonnen hast, täglich
                    Tagebuch zu schreiben. Was waren deine Beweggründe, damit (wieder) zu beginnen?
                    Und welche Qualität hat dieses Schreiben für dich im Alltag?</hi></p>
            <p>Eine gute Freundin hat mir ein 5-Jahre-Tagebuch geschenkt. Das heißt, jeden Tage am
                Abend schreibe ich einen Absatz zum Tag und gleichzeitig sehe ich, was die letzten
                vier Jahre los war. Das tut gut, ist befreiend und erleichtert das Einschlafen, weil
                ich mir nochmals alles von der Seele schreibe. Mittlerweile bin ich das total
                gewohnt und beginne im Herbst mein nächstes 5-Jahre-Tagebuch. Ich brauche das, es
                gehört zu meinem Tagesablauf dazu, ist ein Ritual geworden. Wichtig ist, dass ich
                nach wie vor Tagebuch schreibe, ohne den Hintergedanken, es jemals irgendwo und
                irgendwen vorzulesen, nur für mich, weil es gut tut.</p>
            <p>Weitere Infos zum Tagebuch-Slam: <ref target="http://www.liebestagebuch.at"><hi
                        rend="Hyperlink.0">www.liebestagebuch.at</hi></ref></p>
            <!-- CP: damit Abstract auf neuer Seite ist -->
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            <div type="bibliography">
                <listBibl>

                    <bibl xml:id="koehle2017"><editor>Köhle, Diana</editor> (<date>2017</date>)
                        (Hg.): <title type="main" level="m">Wir haben nämlich beide eine Zahnspange,
                            aber er nur oben</title>. <title type="sub" level="m">Das beste aus 4
                            Jahren Tagebuch Slam</title>. <pubPlace>Wien</pubPlace>:
                            <publisher>Holzbaum Verlag</publisher>.</bibl>
                </listBibl>
            </div>
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</TEI>
