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            <titleStmt>
                <title type="main"><q rend="double-qm">Glück auf dem Weg, ihr jungen
                        Kunstschaffenden!</q></title>
                <title type="sub">Die Kulturzeitschrift <hi rend="italic">Wiener Revue</hi>
                    (1945–1950)</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Holger</forename>
                        <surname>Englerth</surname>
                    </name>
                    <affiliation/>
                    <email>holger.englerth@gmail.com</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-9115-634X</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2020</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-01-04-05</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/3126</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">1</biblScope>
                <idno type="ISSN"/>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Wiener Revue</term>
                    <term xml:lang="de">Literaturzeitschrift</term>
                </keywords>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Wiener Revue</term>
                    <term xml:lang="en">literary journal</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <head>Memorandum</head>
                <p>Das Projekt <title>Österreichische Literaturzeitschriften 1945–1990</title> an
                    der Österreichischen Nationalbibliothek verweist auf eine Kulturzeitschrift,
                    deren Titel in Zusammenhang mit unserer Publikation zu stehen scheint:
                            <title><ref
                            target="https://www.onb.ac.at/oe-literaturzeitschriften/Wiener_Revue/Wiener_Revue.htm"
                            >Wiener Revue</ref></title>. Die Parallele besteht einzig im Titel –
                    dennoch möchten wir in einer gekürzten Version des Essays von Holger Englerth
                    für das erwähnte Projekt an diese Zeitschrift erinnern, die in den sechs Jahren
                    ihres Bestehens die wechselvolle Geschichte von einer <title>Halbmonatsschrift
                        für Kultur, Kunst, Theater, Film und Unterhaltung</title> unter
                    kommunistischem Einfluss zu einem <title>Blatt der eleganten Welt</title>
                    erlebte.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <head>Memorandum</head>
                <p><title><q rend="double-qm" xml:lang="en">All the best on your path, you young
                            artists!</q> The Culture Journal Wiener Revue (1945–1950)</title>: The
                    project <title>Austrian Literary Magazines 1945–1990</title> at the Austrian
                    National Library refers to a culture journal with a title that seems to suggest
                    a strong connection to our own publication: <title>Wiener Revue</title>. The
                    only parallel is the title – nevertheless, we want to evoke this journal in an
                    abridged version of Holger Englerth’s essay for the mentioned project, which, in
                    its six years of existence, had an eventful history from a <q rend="double-qm"
                        xml:lang="en">bi-monthly journal for culture, art, theatre, film, and
                        entertainment</q> under communist influence to a <q rend="double-qm"
                        xml:lang="en">gazette of the elegant world</q>.</p>
            </div>

        </front>
        <body>
            <p>Die <title>Wiener Revue</title> erschien im <date>Juli 1945</date> so knapp nach
                Kriegsende, dass ihr Preis noch in Reichsmark angegeben wurde. Die erste
                Kulturzeitschrift nach dem Krieg stand unter dem Einfluss der österreichischen
                Kommunisten. Karl Steinhardt, <date>1919</date> an der Gründung der kommunistischen
                Internationale in Moskau beteiligt und <date>1945</date> der erste Vizebürgermeister
                Wiens, schilderte im dritten Heft eine Gründungsszene aus seinem
                Rathausarbeitszimmer im noch umkämpften Wien:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_steinhardt1945-2"><q rend="double-qm">Was wollt Ihr, liebe
                        Freunde?</q>
                    <q rend="double-qm">Wir wollen arbeiten.</q>
                    <q rend="double-qm">Was wollt Ihr arbeiten?</q>
                    <q rend="double-qm">Wir wollen malen, zeichnen, schreiben.</q>
                    <q rend="double-qm">Gut, das könnt Ihr doch.</q>
                    <q rend="double-qm">Nein, wir sind arm. Wir haben kein Heim, wir haben keine
                        Möglichkeit zu schaffen.</q> […] Einer der jungen Leute gibt mir ein Heft in
                    die Hand. Es ist der sogenannte Spiegel einer Monatsschrift, d.h. auf den
                    Blättern sind schon Abbildungen an ihre richtige Stelle vorgeklebt, die
                    Schriftzeilen sind schon angedeutet, die Verzierungen, Vignetten usw. sind schon
                    gezeichnet […]. Mein Buchdruckerherz ist erfreut. <ref type="bibl"
                        rend="brackets" xml:id="ref_steinhardt1945-2" target="#steinhardt1945"
                        >Steinhardt 1945</ref></quote>
            </cit>
            <p>Dieses Heft – als Titel stand <title>Wiener Revue</title> – würde eine künstlerische,
                literarische Zier für das neue Wien bilden.</p>
            <p>Für die erste Nummer verfasste Ernst Fischer das Geleitwort: <quote
                    source="#ref_fischer1945-2">Nie wieder soll [Wien] eine deutsche Provinzstadt
                    sein, sondern zur europäischen Kulturstadt soll es sich dauernd erheben. […]
                    Dazu möge auch diese Zeitschrift ihren Beitrag leisten</quote>
                <ref type="bibl" target="#fischer1945" xml:id="ref_fischer1945-2" rend="brackets"
                    >Fischer 1945</ref>. Von schlichten Anfängerarbeiten bis zur gesamteuropäischen
                Aufgabe reichte der weit gespannte Anspruch, den die Zeitschrift stellte. Dem
                Untertitel <title>Halbmonatsschrift für Kultur, Kunst, Theater, Film und
                    Unterhaltung</title> konnte, was die Erscheinungshäufigkeit betraf, schon bald
                nicht mehr entsprochen werden, zudem trat der letztgenannte Bereich, die
                Unterhaltung, zunehmend in den Vordergrund. Auf dem letzten Heft von 1950 tauchte
                ein neuer Untertitel auf: <title>Das Blatt der eleganten Welt</title>. Für eine
                Zeitschrift, die ihr Entstehen so klar den kommunistischen Kreisen der
                Nachkriegszeit verdankte, eine verblüffende Entwicklung.</p>
            <p>Nach den programmatischen Äußerungen der beiden Politiker Fischer und Steinhardt nahm
                eine Artikelreihe von Max Gura in der vierten Nummer ihren Anfang, in der er sich
                mit kulturellen Fragen auseinandersetzte. In seinem Beitrag zur
                    <title>Nachkriegsliteratur. Rückschau und Nutzanwendung</title> meldete er
                deutliche Zweifel an der Literatur: <quote source="#ref_gura1945-5">Daß dem ersten
                    nach zwanzig Jahren ein zweiter Weltkrieg, ein noch weit besser organisiertes
                    Massenmorden folgte, ist nicht zuletzt die Schuld der Literaten.</quote>
                <ref type="bibl" target="#gura1945" rend="brackets" xml:id="ref_gura1945-5">Gura
                    1945: 5</ref> Später sprach er doch einer engagierten Literatur das Wort:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_gura1946a-5">Der Künstler, dessen Leitmotiv nicht ein einziges
                    Urteil gegen Grausamkeit, Vergewaltigung des Individuums und Verherrlichung der
                    Brutalität bedeutet, – der versündigt sich nicht nur an sich selbst […], sondern
                    an der allgemeinen kulturellen Sendung des Menschengeschlechtes. […] Das Grauen
                    soll nicht verewigt werden – nein: wir sehnen uns nach einem schönen, freien,
                    glücklichen Dasein. Aber mit Filzpantoffelromantik und Lämmerwölkchenidyllen
                    werden wir das nie erreichen […]. <ref type="bibl" target="#gura1946a"
                        rend="brackets" xml:id="ref_gura1946a-5">Gura 1946a: 5</ref></quote>
            </cit>
            <p>Doch nicht nur folgte gleich auf der nächsten Seite ein harmloses Stilleben von Max
                Florian, bereits im nächsten Heft hielt Oskar Maurus Fontana es für die Aufgabe der
                Literatur <quote source="#ref_fontana1946-13">die Ruhe der Selle, die Sicherheit der
                    Sitte</quote> herzustellen, von der <quote source="#ref_fontana1946-13"
                    >Herzenskälte weg wieder zur Herzenswärme [zu] führen</quote>. <ref type="bibl"
                    target="#fontana1946" xml:id="ref_fontana1946-13" rend="brackets">Fontana 1946:
                    13</ref></p>
            <p>In der <title>Revue neuer Lyrik</title>, eine jeweils zweiseitige Rubrik, die in
                sieben Heften erschien, schien man eher Fontana als Gura folgen zu wollen. Titel wie
                    <title>Verzauberte Nacht</title> von Herbert Polk oder <title>Die Geige</title>
                von Ita von der Kettenburg folgten höchst konventionelle, gefühlsselige Gedichte (WR
                II.2 1946: 6). In die <title>Kleine Krankheit</title> schien der Dichter überhaupt
                zu regredieren: <quote source="#ref_muehlbauer1946-7">Schweigen. Brav liegen. / Mach
                    auch die Augen zu. / Kopf an dich schmiegen. / Ruh.</quote>
                <ref type="bibl" target="#muehlbauer1946" xml:id="ref_muehlbauer1946-7"
                    rend="brackets">Mühlbauer 1946: 7</ref></p>
            <p>Einer der vorgestellten jungen Künstler war aber auch Michael Kehlmann, später
                Filmemacher und Regisseur, damals erst 18 Jahre alt und KZ-Überlebender. Er
                reagierte auf die Forderung nach einer <quote source="#ref_kehlmann1946a-8"
                    >fortschrittlich-humanistisch-realistischen Kunst</quote> indem er der Literatur
                nur noch eine Aufgabe zuschrieb: <quote source="#ref_kehlmann1946a-8">ein geistiges
                    Gegengewicht zur Atombombe zu bilden.</quote>
                <ref target="#kehlmann1946a" type="bibl" xml:id="ref_kehlmann1946a-8"
                    rend="brackets">Kehlmann 1946a</ref><note xml:id="endnote_01">Auch Gura
                    fürchtete einen dritten Weltkrieg.</note> Dabei lehnte er eine strenge Fixierung
                auf realistische Kunst ab. Dass er für seinen Brief, in dem er der <title>Wiener
                    Revue</title> auch vorwarf, <quote source="#ref_kehlmann1946a-8">an der
                    Oberfläche der Dinge zu haften</quote> den Preis der Seite vier gewann,
                illustriert die Erwünschtheit von Kritik bei den Zeitungsmachern.<note
                    xml:id="endnote_02">Für die beste Bestätigung einer Meinung der Zeitschrift
                    waren 40 Schilling als Preisgeld ausgeschrieben, für die sachlich beste
                    Argumentation gegen eine von der <title>Wiener Revue</title> vertretene Ansicht
                    dagegen 60.</note></p>
            <p>Für die <title>Wiener Revue</title> galt gerade Österreich als besonders gefährdet,
                denn <quote source="#ref_gura1946b-4">das Gift des Nazismus drang in die Seelen
                    unserer Landsleute früher ein, als in andere Völker und fand daher auch mehr
                    Opfer.</quote>
                <ref type="bibl" target="#gura1946b" xml:id="ref_gura1946b-4" rend="brackets">Gura
                    1946b: 4</ref> Im Gedicht <title>Der Unsterbliche</title> wurde der Typus des <q
                    rend="single-qm">Herrn Karl</q> vorweggenommen.</p>
            <p><cit>
                    <quote source="#ref_lind1946-7">
                        <lg>
                            <l>Der Spießer will vom Kriegesweh</l>
                            <l>Und auch von Nazis nichts mehr hören.</l>
                            <l>Man läßt sich halt beim Schleich-Diner</l>
                            <l>Von solchen Sachen nicht gern stören.</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>Das angenehme Gruseln bringt</l>
                            <l>Jetzt eh der Nürnberger Bericht,</l>
                            <l>Den man im Kauen mitverschlingt</l>
                            <l>Wie ein Gewürz – mehr braucht es nicht.</l></lg>
                        <lg>
                            <l>[…]</l></lg>
                        <lg>
                            <l>Und stört dann so ein Zeitungskritler</l>
                            <l>Etwa mit Judennot sein Prassen,</l>
                            <l>Dann raunzt er: „Warum hat der Hitler</l>
                            <l>Von denen noch wen leben lassen?</l>
                            <ref type="bibl" target="#lind1946" xml:id="ref_lind1946-7"
                                rend="brackets">Lind 1946: 7</ref></lg></quote>
                </cit>
            </p>
            <p>Während Gura in seinen Beiträgen allgemein gegen Naziliteratur zu Felde zog, ohne
                dabei Namen zu nennen, wurde Rudolf Berger deutlicher. Er kritisierte unter dem
                Titel <title>Dieser Zeit ins Gesicht gespuckt</title>, dass in Zeiten des
                Papiermangels Autoren wie der <q rend="single-qm">Pg. Ginzkey</q> oder der durch
                wiederholte Anspielungen kaum getarnte Hans Nüchtern ohne Probleme veröffentlichen
                konnten <ref type="bibl" target="#berger1946a" rend="brackets">vgl. Berger 1946a:
                    29</ref>. Kehlmann sprach der älteren Generation ein verheerendes Urteil
                aus:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_kehlmann1946b-14">Da war die Feigheit, die zu allem schwieg: da
                    waren die wetterwendigen Literaten vom Schlage eines Ginzkey, Weinheber, Brehm.
                    Von jenen, die seit alters her die Wahnsinnsherde des Großdeutschtums
                    verfochten, wie Strobl und Jelusich, soll nicht gesprochen werden. […] Aber sie
                    haben es nie unterlassen, alle diese Herren, zur Jugend als die Verkünder des
                    wahren Wortes zu sprechen. <ref type="bibl" target="#kehlmann1946b"
                        xml:id="ref_kehlmann1946b-14" rend="brackets">Kehlmann 1946b:
                    14</ref></quote>
            </cit>
            <p>Die kompromisslose Haltung ehemaligen Nationalsozialist*innen gegenüber, aber auch
                die ungewöhnlich große Anzahl von Texten, die direkt auf die Erfahrungen der
                Verfolgung und des Terrors zu sprechen kamen, erklären sich aus dem kommunistischen
                Hintergrund vieler Beteiligten. Nicht nur Berger und Kehlmann waren im KZ gewesen,
                die Kommunist*innen hatten unter allen politischen Parteien den höchsten Blutzoll im
                Widerstand entrichtet.</p>
            <p>Während Hugo Huppert in <title>Stumpergasse</title> in nüchternem Ton von zwei Frauen
                berichtete, die wegen ihres gezeigten Mitleids mit den Opfern eines Pogroms selbst
                zu Tode geteert wurden <ref type="bibl" target="#huppert1946" rend="brackets">vgl.
                    Huppert 1946: 6</ref>, stand die Frau im Gedicht von Herbert Polk, die als
                Franzosenliebchen der Gestapo zum Opfer fällt, in der Christusnachfolge: <quote
                    source="#ref_polk1946-6">Ein Dornenkranz zerreißt dein Haupt / und blutger
                    Schweiß bedeckt die Stirne. / Die Menge johlt: <q rend="single-qm">Da seht die
                        Dirne!</q> / So hat der Herr gelitten und geglaubt.</quote>
                <ref type="bibl" target="#polk1946" xml:id="ref_polk1946-6" rend="brackets">Polk
                    1946: 6</ref></p>
            <p>Dieses Motiv wiederholte sich mehrmals in der Zeitschrift, u.a. in den Gedichten von
                Rudolf Felmayer <ref type="bibl" target="#felmayer1946" xml:id="ref_felmayer1946-14"
                    rend="brackets">Felmayer 1946: 14</ref> und in <title>Die Blutzeugen</title> von
                Erich Fried <ref type="bibl" target="#fried1946" rend="brackets">Fried 1946:
                    19</ref>.<note xml:id="endnote_03"><quote source="#ref_fried1946-19">In den
                        Akten der aufgelösten Gerichte, / In den Totenlisten im Lagerspital / steht
                        im Amtsstil die neue Apostelgeschichte, voll von Wundern und Wunden,
                        gewaltig an Glauben und Qual. <ref type="bibl" target="#fried1946"
                            xml:id="ref_fried1946-19" rend="brackets">Fried 1946:
                    19</ref></quote>.</note>
                <title>Der Heiland von Dachau</title> von Hugo Huppert, laut dem Autor die <quote
                    source="#ref_huppert1979-305">erste, die allererste belletristische Publikation
                    im befreiten Wien 1945</quote>
                <ref type="bibl" target="#huppert1979" xml:id="ref_huppert1979-305" rend="brackets"
                    >Huppert 1979: 305</ref>, erschien als Sonderheft der <title>Wiener
                    Revue</title>
                <ref type="bibl" target="#huppert1945a" xml:id="ref_huppert1945a" rend="brackets"
                    >vgl. Huppert 1945a</ref>.</p>
            <p>Die Texte, die sich unmittelbar mit Erlebnissen im Konzentrationslager befassen,
                waren vom Bemühen gekennzeichnet, Zeugnis abzulegen und gleichzeitig dem Sinnlosen
                Sinn abzugewinnen. Im Bericht <title>Auspeitschung unter dem Weihnachtsbaum</title>
                von Viktor Matejka, dem einflußreichen Wiener Stadtrat der Nachkriegsjahre, steckte
                das Grauen davor, wie leicht Menschen zu Peinigern ihrer Mitmenschen werden können.
                Es brauchte nur die Erlaubnis dazu, <quote source="#ref_matejka1945-13">ein bißchen
                    Anerkennung und die Aussicht auf eine kleine Karriere</quote>
                <ref type="bibl" target="#matejka1945" xml:id="ref_matejka1945-13" rend="brackets"
                    >Matejka 1945: 13</ref>.</p>
            <p>Matejka war der Regisseur der <title>Blutnacht auf dem Schreckenstein</title>
                gewesen, ein Ritterstück mit kaum zu übersehenden Zeitbezügen, das dennoch im KZ
                Dachau von den Häftlingen aufgeführt werden konnte <ref type="bibl"
                    target="#klamper1981" rend="brackets">vgl. Klamper 1981: 298–309</ref>. Der
                Autor, Rudolf Kalmar, berichtete über den Inhalt des Stücks und die Umstände der
                Aufführung in einem für die <title>Wiener Revue</title> ungewöhnlich langem Beitrag
                von vier Seiten <ref type="bibl" target="#kalmar1946" rend="brackets">vgl. Kalmar
                    1946: 16–18, 40</ref>.</p>
            <p>Otto Horn<note xml:id="endnote_04"> Otto Horn, wegen Widerstandstätigkeit zu sechs
                    Jahren Zuchthaus verurteilt, <quote source="#ref_bolbecher2000-322">meldete sich
                        freiwillig zum <q rend="single-qm">Sprengkommando</q>, das die gefährliche
                        Aufgabe hatte, nicht explodierte Bomben und Sprengsätze in Wien zu
                        entschärfen.</quote> Nach dem Krieg war er Schriftsteller und Journalist
                    u.a. für den Pressedienst der KPÖ <ref type="bibl" target="#bolbecher2000"
                        xml:id="ref_bolbecher2000-322" rend="brackets">vgl. Bolbecher/Kaiser 2000:
                        322</ref>.</note> schloss sein Gedicht <title>Ich hab’ es überlebt</title>
                mit einer Wendung gegen das Vergessen:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_horn1946-16">
                    <lg>
                        <l>Euch zu sagen, was wir einst erstrebt:</l>
                        <l>Tod dem Grauen,</l>
                        <l>Neues bauen! –</l>
                        <l>dazu hab’ ich all das überlebt.</l>
                        <ref type="bibl" target="#horn1946" xml:id="ref_horn1946-16" rend="brackets"
                            >WR II.11 1946: 16</ref></lg></quote>
            </cit>
            <p>Erika Danneberg schilderte glaubwürdig traumatisiertes Leben:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_danneberg1946-16">
                    <lg><l>Dies ist das Schrecklichste an allem Leiden,</l>
                        <l>daß du aus seiner Flut tauchst und vergißt,</l>
                        <l>und daß du weiterlebst dein kleines Leben,</l>
                        <l>und nicht mehr traurig, nur noch müde bist.</l></lg>
                    <lg>
                        <l>[…]</l></lg>
                    <lg>
                        <l>Doch manchmal spürst du selbst, daß deine Freude </l>
                        <l>und deine Trauer ohne Tiefe ist,</l>
                        <l>und daß an allem Leiden dies das Schwerste:</l>
                        <l>daß du erwachst – und lächelst – und vergißt. <ref type="bibl"
                                target="#danneberg1946" xml:id="ref_danneberg1946-16"
                                rend="brackets">Danneberg 1946: 15</ref></l></lg></quote>
            </cit>
            <p>Gura fand den Kreis jener, die für eine <quote source="#ref_gura1946a-4">Wiedergeburt
                    der Kunst</quote> – und damit zur Mitarbeit an der <title>Wiener Revue</title> –
                zur Verfügung standen, sehr klein:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_gura1946a-4">Als erste diejenigen, welche während der
                    faschistischen Ära geschwiegen und lieber in fremden Berufen gefront hatten, als
                    ihrer Überzeugung untreu zu werden. Sodann jene, die trotz Folter, Hunger,
                    Auszehrung und Verzweiflung die Jahre einer unvorstellbar fürchterlichen Haft
                    überstanden hatten und aus den Konzentrationslagern nunmehr zurückkehrten. (<ref
                        type="bibl" target="#gura1946a" xml:id="ref_gura1946a-4">Gura 1946a:
                    4</ref>)</quote>
            </cit>
            <p>Die dritte Gruppe war die der Emigrant*innen, jedoch nur jener, die wieder
                zurückgekehrt waren. Berger griff die <title>Ästheten in der Ferne</title> explizit
                an:</p>
            <cit>
                <quote source="#ref_berger1946b-8">Sie kommentieren ihre Flucht aus
                    Hitlerdeutschland jetzt mit wohlgewählten Worten; von der Pflicht, die Freiheit
                    ihrer Kunst zu sichern, schreiben sie, und wir wollen ihnen glauben, daß es
                    nicht die Sorge um ihren Körper war. Daß sie aber schon in ihren neuen Heimen
                    saßen, in Florida und Kalifornien, während vier von uns im bessren KZ.-Block
                    zusammen einen Meter im Quadrat bewohnten, und daß sie dichten konnten, während
                    wir am Bock die Doppelschläge der SS empfingen, berechtigt uns, sogar zu denen,
                    die das Große ihrer Werke von uns immer unterscheiden wird, zu sprechen.</quote>
            </cit>
            <p>Dass sie nicht sofort zur Hilfe herbeigeeilt wären, sei enttäuschend, <quote
                    source="#ref_berger1946b-8">allein zu bleiben in den Jahren, die nun kommen,
                    ängstigt uns nicht.</quote>
                <ref type="bibl" target="#berger1946b" xml:id="ref_berger1946b-8" rend="brackets"
                    >Berger 1946b: 8f.</ref></p>
            <p>Dieser direkte Angriff blieb der einzige in der <title>Wiener Revue</title>.
                Allerdings konnten, mit der Ausnahme Erich Fried, tatsächlich nur jene
                Emigrant*innen in der Zeitschrift veröffentlichen, die unmittelbar nach dem Krieg
                heimkehrten. Das Bedauern über die Künstler, die im Ausland blieben, fand noch
                mehrfach Ausdruck. Imre Waldmann beklagte aber auch, dass zu wenig geschehen sei, um
                die Emigrierten zurück zu rufen <ref type="bibl" target="#waldmann1946"
                    rend="brackets">vgl. Waldmann 1946: 11</ref>.</p>
            <p>Emigranten, die als Soldaten dienten, wie Hugo Huppert für die Sowjetunion oder Franz
                Theodor Csokor für England, konnten besonders früh zurückkehren. Gleich im zweiten
                Heft nahm Huppert unter dem Titel <title>Vom Salzburger Jäger</title> das rare Motiv
                der Desertion auf: In Norwegen opferte sich ein Gebirgsjäger, um seinen Begleitern
                die Flucht zu ermöglichen. <ref type="bibl" target="#huppert1945b" rend="brackets"
                    >Huppert 1945: 27</ref> Csokor war so hoch geschätzt, dass ein Auszug aus
                    <title>Kalypso</title>
                <ref type="bibl" target="#csokor1946" rend="brackets">Csokor 1946: 16</ref> im
                Faksimile sowie seine alternative <title>Österreichische Hymne</title>
                veröffentlicht wurden. <ref type="bibl" target="#csokor1945" rend="brackets">Csokor
                    1945: 5</ref></p>
            <p>Neben Ferdinand Bruckner fanden sich auch zwei Autor*innen, die kaum mehr bekannt
                sind. Blieben die Gedichte von Ita von der Kettenburg, die nach wechselvoller Flucht
                in der Tschechoslowakei endete, höchst konventionell (<ref type="bibl"
                    target="#kettenburg1945" xml:id="ref_kettenburg1945-7">vgl. Kettenburg 1945:
                    7</ref>, <ref type="bibl" target="#kettenburg1946" xml:id="ref_kettenburg1946-6"
                    >Kettenburg 1946: 6</ref> und <ref type="bibl" target="#laengle1990"
                    xml:id="ref_laengle1990-287">Längle 1990: 287</ref>), war <title>Die
                    Schiffskarte</title> aus dem schließlich nie veröffentlichten Buch
                    <title>Lebendige Klagen</title> von Eduard Fischer eine fast paradigmatische,
                kurze Geschichte von Verfolgung, Flucht und Deportation eines jüdischen Schusters
                    <ref type="bibl" target="#fischer1946" rend="brackets">Fischer 1946:
                    17</ref>.<note xml:id="endnote_05">Über Eduard Fischer ist nur wenig bekannt:
                    Geboren am 1.8.1897 in Wien, Exil: Niederlande. KZs Dachau, Buchenwald,
                    Westerbork <ref type="bibl" target="#bolbecher2000"
                        xml:id="ref_bolbecher2000-192" rend="brackets">vgl. Bolbecher/Kaiser 2000:
                        192</ref>.</note></p>
            <p>Die <title>Wiener Revue</title> war keinesfalls ein Ort der Avantgardeliteratur,
                gegen Leopold Liegler und Edgar Jené vom <title>Plan</title> wurde heftig
                polemisiert. Literatur hatte <q rend="single-qm">realistisch</q> zu sein. Texte, die
                rein der Unterhaltung dienten, traten ab dem dritten Jahrgang in den Vordergrund.
                    (<quote source="#ref_fuss1947-10">Und die Rosen blühten und gossen ihren Duft um
                    die Einsame her, so stark und herb, als wär’s der Duft ihrer Schmerzen.</quote>
                <ref type="bibl" target="#fuss1947" xml:id="ref_fuss1947-10" rend="brackets">Fuß
                    1947: 10</ref>) Zum reinen Magazin herabgesunken, findet man in den spärlich
                werdenden Heften (1948 und 1949 erscheinen nur je zwei Nummern) nur noch
                Teilabdrucke von Werken Selma Lagerlöffs oder Dostojewskis. Die Modestrecken nehmen
                immer mehr Platz ein, zuweilen tragen die Frauen auch gar nichts mehr. Mit einem
                Titelblatt auf dem ein <title>Erster authentischer Modebericht aus Österreich,
                    Frankreich, England, Italien, Amerika</title> angezeigt war, endete die
                    <title>Wiener Revue</title> 1950. </p>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>

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                    <bibl xml:id="berger1946b"><author>Berger, Rudolf</author> (<date>1946b</date>):
                            <title type="main" level="a">Den Ästheten in der Ferne</title>, in: WR
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                        1945, S. <biblScope unit="page">5</biblScope>.</bibl>

                    <bibl xml:id="csokor1946"><author>Csokor, Theodor</author> (<date>1946</date>):
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                            (<date>1946</date>): <title type="main" level="a">Dies ist das
                            Schrecklichste....</title>, in: WR II.6, S. <biblScope unit="page"
                            >15</biblScope>.</bibl>

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