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            <titleStmt>
                <title type="main">Tagebuch im Krieg</title>
                <title type="sub">Das <hi rend="italic">Echolot</hi> von Walter Kempowski</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Arno</forename>
                        <surname>Dusini</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                    <email>arno.dusini@univie.ac.at</email>
                    <idno type="ORCID"/>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2020</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-01-02-06</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/4158</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">1</biblScope>
                <idno type="ISSN"/>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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            <langUsage>
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            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Holocaust</term>
                    <term xml:lang="de">Zweiter Weltkrieg</term>
                    <term xml:lang="de">Memoria</term>
                    <term xml:lang="de">Chronistik</term>
                    <term xml:lang="de">Tagebücher</term>
                    <term xml:lang="de">Walter Kempowski</term>
                    <term xml:lang="de">Das Echolot</term>
                </keywords>
            </textClass>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">holocaust</term>
                    <term xml:lang="en">Second World War</term>
                    <term xml:lang="en">memoria</term>
                    <term xml:lang="en">chronistics</term>
                    <term xml:lang="en">diaries</term>
                    <term xml:lang="en">Walter Kempowski</term>
                    <term xml:lang="en">Echolot</term>
                </keywords>
            </textClass>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>In Form eines <term>kollektiven Tagebuchs</term> verhandelt Walter Kempowskis
                        <title>Echolot</title> nach fünf Jahrzehnten jene katastrophalen Ereignisse
                    des Zweiten Weltkriegs, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch jeder
                    chronikalischen Ordnung entbehrten. Bei Kempowski sollten die Betroffenen resp.
                    ihre Aufzeichnungen und Briefe <q rend="single-qm">selbst</q> zu Wort kommen und
                    Geschichte schreiben. Doch diese Uniformierung von Selbstzeugnissen muss aufs
                    Kritischste hinterfragt bleiben: Es ist nur scheinbar ein <q rend="single-qm"
                        >neutrales</q> Vorhaben, Autorschaft vordergründig aus der Hand zu geben,
                    Texte ihres Kontextes zu entheben und gerade für die Zeit des singulären
                    Zivilisationsbruches eine totale Dialogizität zu suggerieren. Es scheint
                    vielmehr, als führe die Chronik im <title>Echolot</title> noch in der Memoria
                    Krieg.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p><title>The Diary at War: Walter Kempowski’s <q rend="single-qm" xml:lang="en"
                            >Echolot</q></title>: With his <term xml:lang="en">collective
                        diary</term> <title>Echolot</title>, Walter Kempowski attempted from 1993
                    onwards to present a unified chronicle of World War II: by giving their <q
                        rend="single-qm" xml:lang="en">own</q> voice to those concerned, or rather
                    their diary records, and having them write history. Arno Dusini’s contribution
                    shows the clear limits of such an endeavour and points out the huge problems of
                    the claim of seemingly relinquishing authorship, taking texts out of their
                    context and suggesting a total dialogue in a time of a singular breach of
                    civilization. As a result, it seems the chronicle in the <title>Echolot</title>
                    is still waging war even in memory.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr01_02-06_01">
                <head>I. Das Potential chronikalischer Formen<note xml:id="endnote_01"> Die ersten
                        Überlegungen zu diesem Aufsatz wurden am <date>20. Mai 2014</date> im Rahmen
                        der Ringvorlesung <title>Literatur und Chronistik</title> an der Universität
                        Wien (SS 2014) vorgetragen; Gelegenheit zur Diskussion verdankt sich auch
                        dem von der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien vom 21. bis
                        22. November 2014 in Regensburg organisierten Workshop <title>Tagebücher
                            zwischen Quelle und Text</title> (Konzept: Volker Depkat und Wolfram
                        Pyla).</note></head>
                <p>In seinem Aufsatz <title>Chronistik der Moderne. Zur literarischen Überwindung
                        des Historismus</title> bemerkt Detlev Schöttker, dass das Problem moderner
                    Chronistik von der Literatur- wie Geschichtswissenschaft merkwürdig
                    vernachlässigt sei, was insbesondere ob des Potentials der chronikalische Formen
                    höchst bedauerlich stimme <ref type="bibl" target="#schoettker2016"
                        rend="brackets">Schöttker 2016</ref>.<note xml:id="endnote_02">Detlev
                        Schöttkers Aufsatz geht auf die einleitende Vorlesung zu der Ringvorlesung
                            <title>Literatur und Chronistik</title> an der Universität Wien (SS
                        2014) zurück.</note> Der Aufsatz, der sich mit Texten von Wilhelm Raabe,
                    Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Alexander Kluge, Uwe Johnson und nicht zuletzt
                    mit solchen von Walter Kempowski auseinandersetzt, gründet seine Überlegungen
                    auf Hayden Whites großes Buch <title>Metahistory</title> (<ref type="bibl"
                        target="#white1991" xml:id="ref_white1991-19">White 1991</ref>; alle
                    folgenden Zitate S. 19). Darin wird an prominenter Stelle zwischen verschiedenen
                        <quote source="#ref_white1991-19">Versionen der Begriffsbildung in der
                        historischen Darstellung</quote> unterschieden: <quote
                        source="#ref_white1991-19">1. Chronik; 2. Fabel; 3. Formen der narrativen
                        Strukturierung; 4. Art der formalen Argumentation; 5. Form der ideologischen
                        Implikation.</quote> An dieser nicht ganz einfachen Begriffsreihe
                    interessiert hinsichtlich der im Folgenden aufgeworfenen Frage nach der Gattung
                        <q rend="single-qm">Tagebuch</q> resp. nach einem <q rend="single-qm"
                        >kollektivem Tagebuch</q> insbesondere der Umstand, dass White der genannten
                    Aufzählung eine eigene, vorgängige Ebene unterstellt. Diese setzt sich nach
                    White zusammen aus <quote source="#ref_white1991-19"><q rend="single-qm"
                            >primitiven Elementen</q> im <emph>historischen Ansatz</emph></quote>
                    und <quote source="#ref_white1991-19">Daten aus <emph>unbearbeiteten
                            historischen Aufzeichnungen</emph></quote>; sie sind dazu bestimmt,
                    durch einen <quote source="#ref_white1991-19">Prozeß der Auswahl und
                        Anordnung</quote> in der historischen Darstellung aufzugehen. Angesichts des
                    Umstands, dass White, was man <q rend="single-qm">historische Darstellung</q>
                    nennt, als einen <quote source="#ref_white1991-19">Vermittlungsversuch</quote>
                    im <quote source="#ref_white1991-19"><emph>historischen Feld</emph></quote> zu
                    fassen sucht, der sich zwischen <quote source="#ref_white1991-19">der rohen
                        historischen Aufzeichnung, <emph>anderen historischen Berichten</emph> und
                        den <emph>Lesern</emph></quote> abspielt, kommt den <q rend="single-qm"
                        >unbearbeiteten</q>, erst im Nachhinein selegierten und organisierten Daten
                    ein auffällig selbstverständlicher Stellenwert zu:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_white1991-19">Zunächst werden die Elemente des historischen
                        Feldes durch die Anordnung der zu erörternden Ereignisse in der zeitlichen
                        Reihenfolge ihres Auftretens zu einer Chronik organisiert; dann wird die
                        Chronik durch eine weitere Aufbereitung der Ereignisse zu Bestandteilen
                        eines <q rend="single-qm">Schauspiels</q> oder Geschehniszusammenhangs, in
                        dem man klar einen Anfang, eine Mitte und einen Schluß glaubt unterscheiden
                        zu können, in eine Fabel umgewandelt. Diese <emph>Transformation der Chronik
                            in eine Fabel</emph> wird durch die Kennzeichnung einiger Ereignisse der
                        Chronik als Eröffnungsmotive, anderer als Schlußmotive und wieder anderer
                        als Überleitungen bewirkt. <ref target="#white1991" type="bibl"
                            rend="brackets">White 1991: 19</ref></quote>
                </cit>

                <p>Dagegen hätten White zufolge fabellose Chroniken <quote source="#ref_dusini2005"
                        >streng genommen ein offenes Ende und sind grundsätzlich ohne <hi
                            rend="WDR_Standard_kursiv_Zchn">Eröffnungsphase</hi>; sie <q
                            rend="single-qm">beginnen</q>, sobald der Berichterstatter anfängt,
                        Ereignisse festzuhalten. Sie kennen weder Höhepunkte noch Auflösungen und
                        sind endlos fortsetzbar.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#dusini2005" xml:id="ref_dusini2005" rend="brackets"
                        >Vgl. Dusini 2005</ref></p>

                <p>Whites Unterscheidung von chronikaler Reihe und narrativer Überformung ist an
                    Aristoteles’ Konzept der <q rend="single-qm">Fabel</q> orientiert: in dessen
                    Frage nach der <q rend="single-qm">Tragödie</q> werden Daten erst unter dem
                    Zugriff auswählender und ordnender Erzählprozesse sinnvoll. Im hier
                    thematisierten Zusammenhang von Chronikalem bzw. Tagebuch scheinen Whites
                    Überlegungen vor allem nach zwei Seiten hin explikationswürdig.</p>

                <p>Zum einen wäre es in Bezug auf die aristotelische Poetik voreilig, von der
                    sinngebenden Funktion der <q rend="single-qm">Fabel</q> im Umkehrschluss auf die
                    Sinnlosigkeit des erst durch die <q rend="single-qm">Fabel</q> zum Sinn zu
                    entfaltenden Datenmaterials zu schließen; schon das von White mit den Begriffen
                    von <q rend="single-qm">Elementen</q> und <q rend="single-qm">Daten</q> erfasste
                    Substrat der chronikalen Erzählung (und nachfolgend der historiographischen) ist
                    eminent historisch und von je unterschiedlicher Geschichtsfähigkeit. Jeder
                    Versuch, die historische Etablierung und Veränderung von Gattungen zu
                    beschreiben, arbeitet sich in erster Linie an diesem Problem des, wie man es
                    nennen könnte, <q rend="single-qm">Protohistorischen</q> ab. Und tatsächlich
                    eignet diesem Substrat eine ganz eigentümliche, auch ideologische
                    Ansprechbarkeit: dort, wo es um diskursive Disziplinierung, aber gerade auch da,
                    wo es eben gegen eine solche Disziplinierung geht. Für unsere Fragestellung
                    scheint entscheidend, dass die Moderne sich von dieser Doppelgesichtigkeit des
                    Datenmaterials hat nachhhaltig faszinieren lassen: Ohne dass sie die Figur des
                    Protohistorischen allein antithetisch auf das eine oder andere zu fixieren
                    versucht hätte, vermochte sie vielmehr die Spannung diskurskonstitutiv offen zu
                    halten. Mit anderen Worten: Seine moderne Karriere verdanken das <q
                        rend="single-qm">Primitive</q>, das <q rend="single-qm">Unbearbeitete</q>
                    und das <q rend="single-qm">Rohe</q> ihrem janus-köpfigen Form-Profil zwischen
                    Kalkül und Authentizität.</p>

                <p>Zum anderen ist die <q rend="single-qm">Fabel</q> ein Konzept, das nicht nur im
                    Sinn der aristotelischen <title>Poetik</title> die Organisationsform eines
                    einzelnen Textes analysierbar macht. Whites theoretisches Interesse an
                    verschiedenen Logiken historischer Aufzeichnungen setzt zwar eine Fülle von
                    Texten voraus, die in ihrer analogen Struktur als eigene Klasse zu definieren
                    sind, typisiert aber darüber hinaus in deren Plural übergeordnete Klassen, die
                    ihrerseits als von <q rend="single-qm">Fabeln</q> organisiert gedacht werden
                    können. Mit anderen Worten: Fabeln folgten ihrerseits einer Fabel. Dass Haydn
                    Whites Buch aus seiner intensiven Beschäftigung mit der <quote
                        source="#ref_white1991-19">historischen Einbildungskraft im 19. Jahrhundert
                        in Europa</quote> hervorgegangen ist, ist symptomatisch: Die Sonderstellung,
                    die dem 19. Jahrhundert unter den historischen Epochen des Abendlandes zukommt,
                    ist unabdingbar auch mit dem Narrativ verbunden, sich als <emph>die</emph> Fabel
                    der Fabeln zu begreifen.</p>

                <p>Um die Sonderstellung des 19. Jahrhunderts auch für das spätere 20., mit
                    Kempowskis <title>Echolot</title>-Projekt zur Debatte stehende Jahrhundert zu
                    unterstreichen, sei an den über seine Kindheit mit Wien verbundenen, im Alter
                    von 95 Jahren verstorbenen Historiker Eric Hobsbawm erinnert, der für das 19.
                    den Namen <q rend="double-qm">langes 19. Jahrhundert</q>
                        (<date>1789</date>–<date>1914</date>) etabliert hat, wohingegen er das
                        <term>kurze 20. Jahrhundert</term> (<date>1914</date>–<date>1989</date>) als
                        <quote source="#ref_hobsbawm1989">Zeitalter der Extreme</quote> ausweist und
                    in diesem nochmals die Phase zwischen <date>1914</date>–<date>1945</date> als
                        <quote source="#ref_hobsbawm1989">Zeitalter der Katastrophe</quote>
                    kenntlich macht (<ref type="bibl" target="#hobsbawm1989"
                        xml:id="ref_hobsbawm1989">Hobsbawm 1989</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#hobsbawm1995" xml:id="ref_hobsbawm1995">1995</ref>). Die Logik
                    dieser Benennung lässt sich als Hinweis auf eine <q source="single-qm"
                        >Extremisierung</q> des 19. Jahrhunderts im 20. lesen. Wobei die
                    Katastrophen des 20. Jahrhunderts dann auch den radikalen Hiatus von
                    Geschichtskonzepten und -modellen bedeuten, die im 19. Jahrhundert gründen. Vom
                    Chronikalen im 20. Jahrhundert zu sprechen, heißt von daher schlicht danach zu
                    fragen, wie man nach dem Zusammenbruch der Geschichtsmodelle des 19. im 20.
                    Jahrhundert zu chronikalischen Formen zurückkehren könne. Die Literatur – das
                    zeigt der verdienstvolle Aufsatz Schöttkers – hat sich diesem Problem so
                    konsequent wie produktiv gestellt.</p>

                <p>Hier sei auch jene berühmte Passage aus dem <title>Mann ohne
                        Eigenschaften</title> aufgerufen, in der Robert Musil noch lange vor Beginn
                    des 2. Weltkriegs die Aporien einer linearen erzählerischen Ordnung ausfaltet.
                    Da heißt es vom Protagonisten Ulrich:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_musil1952-664"><p>Und als einer jener scheinbar abseitigen
                            und abstrakten Gedanken, die in seinem Leben oft so unmittelbare
                            Bedeutung gewannen, fiel ihm ein, daß das Gesetz dieses Lebens, nach dem
                            man sich, überlastet und von Einfalt träumend, sehnt, kein anderes sei
                            als das der erzählerischen Ordnung! Jener einfachen Ordnung, die darin
                            besteht, daß man sagen kann: <q rend="single-qm">Als das geschehen war,
                                hat sich jenes ereignet!</q> Es ist die einfache Reihenfolge, die
                            Abbildung der überwältigenden Mannigfaltigkeit des Lebens in einer
                            eindimensionalen, wie ein Mathematiker sagen würde, was uns beruhigt;
                            die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf
                            einen Faden, eben jenen berühmten <q rend="single-qm">Faden der
                                Erzählung</q>, aus dem nun also auch der Lebensfaden besteht. Wohl
                            dem, der sagen kann <q rend="single-qm">als</q>, <q rend="single-qm"
                                >ehe</q> und <q rend="single-qm">nachdem</q>! Es mag ihm Schlechtes
                            widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald
                            er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen
                            Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf
                            den Magen. Das ist es, was sich der Roman künstlich zunutze gemacht hat:
                            der Wanderer mag bei strömendem Regen die Landstraße reiten oder bei
                            zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird
                            behaglich zumute, und das wäre schwer zu begreifen, wenn dieser ewige
                            Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen
                            beruhigen, diese bewährteste <q rend="single-qm">perspektivische
                                Verkürzung des Verstandes</q> nicht schon zum Leben selbst gehörte.
                            Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler.
                            Sie lieben nicht die Lyrik, oder nur für Augenblicke, und wenn in den
                            Faden des Lebens auch ein wenig <q rend="single-qm">weil</q> und <q
                                rend="single-qm">damit</q> hineingeknüpft wird, so verabscheuen sie
                            doch alle Besinnung, die darüber hinausgreift: sie lieben das
                            ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit
                            gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, daß ihr Leben einen <q
                                rend="single-qm">Lauf</q> habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und
                            Ulrich bemerkte nun, daß ihm dieses <hi rend="bold">primitiv
                                Epische</hi> abhanden gekommen sei, woran das private Leben noch
                            festhält, obgleich öffentlich alles schon unerzählerisch geworden ist
                            und nicht einem <q rend="single-qm">Faden</q> mehr folgt, sondern sich
                            in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet. <ref type="bibl"
                                target="#musil1952" xml:id="ref_musil1952-664" rend="brackets">Musil
                                1952: 664f. [Kap. <title>Heimweg</title>]; Hervorhebung A.
                            D.</ref></p></quote>
                </cit>

                <p>Einem Schreibprojekt entstammend, das noch zutiefst dem Roman des 19.
                    Jahrhunderts verpflichtet ist, lässt sich die Passage als gewichtiger Einspruch
                    gegen die These von der <q rend="single-qm">Chronik</q> als <quote
                        source="#ref_schoettker2016">literarische[r] Überwindung des
                        Historismus</quote>
                    <ref type="bibl" target="#schoettker2016" xml:id="ref_schoettker2016"
                        rend="brackets">Schöttker 2016</ref> verstehen. Die Musilsche Diagnose eines
                    Verlustes des <quote source="#ref_musil1952-664">primitiv Epische[n]</quote>
                    lässt es angebracht erscheinen, gegen eine positiv entfaltete Hermeneutik
                    chronikalischer Formen im 20. Jahrhundert auch die Kehrseite der These
                    einzubedenken, nämlich die Rückkehr ins <q rend="single-qm">Rohe</q> resp. <q
                        rend="single-qm">Primitive</q>, die sich als <q rend="single-qm"
                        >chronikalisch</q> gibt, um im Zeichen vorgeblicher erzählerischer
                    Unverstelltheit eine im Grunde komplexe Erzählung des <q rend="single-qm"
                        >Zeitalters</q> vorzutragen. Der Gegenstand der folgenden Ausführungen,
                    Walter Kempowskis <title>Echolot</title>, kann paradigmatisch dafür einstehen –
                    vom Autor als <title>kollektives Tagebuch</title> bezeichnet, avancierte es
                    nicht zuletzt aufgrund seiner entsprechenden chronikalischen Uniformierung zu
                    einem in der deutschen Literatur und in Deutschland einzigartig erfolgreichen
                    Werk.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-06_02">
                <head>II. Die Rezeption von <hi rend="italic">Echolot</hi>
                </head>
                <p>Um die breite feuilletonistische, literaturgeschichtliche wie
                    geschichtswissenschaftliche Prominenz von Walter Kempowskis
                        <title>Echolot</title> zu umreißen, genügt es, den sorgfältig recherchierten
                    deutschsprachigen <title>Wikipedia</title>-Artikel zum <title>Echolot</title> zu
                    konsultieren:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_wikipedia2019a"><p><title>Das Echolot</title> wurde in den
                            deutschsprachigen Feuilletons überwiegend positiv bis begeistert
                            aufgenommen. Dirk Hempel [Hempel ist auch Biograph Kempowskis, A. D.]
                            nannte das <title>Echolot</title>
                            <q rend="single-qm">das große Literaturereignis der neunziger Jahre in
                                Deutschland</q>, das im Ausland besprochen wurde <q rend="single-qm"
                                >wie selten ein Werk der deutschen Gegenwartsliteratur</q>. So
                            bezeichnete Stephen Kinzer das <title>Echolot</title> in der <title>New
                                York Times</title> als <q rend="single-qm">eine außerordentliche
                                historische Arbeit, die zu einer Veröffentlichungssensation
                                wurde</q>. // Bereits im <date>Dezember 1992</date> kündigte Volker
                            Hage das Werk im <title>Spiegel</title> als <q rend="single-qm">eines
                                der letzten großen literarischen Wagnisse dieses Jahrhunderts</q>
                            an. Nach Erscheinen machte Frank Schirrmacher die Samstagsbeilage
                                <title>Bilder und Zeiten</title> der <title>Frankfurter Allgemeinen
                                Zeitung</title> mit einer Rezension zum <title>Echolot</title> auf
                            und prägte den Satz: <q rend="single-qm">Wenn die Welt noch Augen hat,
                                zu sehen, wird sie […] in diesem Werk eine der größten Leistungen
                                der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken.</q> [...] Noch zwölf
                            Jahre später äußerte sich Schirrmacher enthusiastisch in
                                <title>Lesen!</title> zum <title>Abgesang ’45</title>: <q
                                rend="single-qm">Dieses Buch ersetzt eine ganze Bibliothek zum Thema
                                Kriegsende.</q> Und Denis Scheck lobte in <title>druckfrisch</title>
                            <q rend="single-qm">eines der größten Leseabenteuer unserer Zeit</q>. //
                            Besonders herausgestellt wurde in vielen Rezensionen die Größe des
                            Projekts und Kempowskis Arbeitsleistung. So bezeichnete Gustav Seibt in
                            der Süddeutschen Zeitung <title>Das Echolot</title> als <q
                                rend="single-qm">eines der ambitioniertesten, schon als
                                Arbeitsleistung beeindruckendsten Unternehmen der deutschen
                                Literaturgeschichte.</q> Martin Lüdke sah Kempowski durch <q
                                rend="single-qm">ein unvergleichliches Monument</q> in die <q
                                rend="single-qm">Literaturgeschichte eingehen</q>. <ref type="bibl"
                                target="#wikipedia2019a" xml:id="ref_wikipedia2019a" rend="brackets"
                                >Wikipedia 2019a</ref></p></quote>
                </cit>

                <p>Die zitierten Urteile und Einschätzungen machen nachdrücklich klar, dass es bei
                    Kempowskis <title>Echolot</title> um weit mehr als um einen erstaunlichen
                    Verlagserfolg geht. Nicht irgendwelche Meinungsmacher äußern sich hier, sondern
                    repräsentative Autoritäten an den Schaltstellen des öffentlichen Lebens: Alle
                    sprechen dem <title>Echolot</title> eine hervorragende Funktion in der Frage
                    nach dem Verstehen und dem Verständnis der deutschen Geschichte zu. Selbst der
                    damalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau sah sich veranlasst, das von
                    Kempowski selbst aufgebaute und auch für das <title>Echolot</title> genutzte
                    Text-Archiv in Nartum zu besuchen.<note xml:id="endnote_03">Zum Archiv-Problem
                        vgl. <ref type="bibl" target="#ricoeur1988">Ricoeur 1988–1991</ref>, insbes.
                        Bd. 3: 185–200 (Abschnitt <title>Archiv, Dokument, Spur</title>).</note>
                    Kempowski, so Rau nach dem Zeugnis von Carla A. Damiano, Kempowski habe <cit>
                        <quote source="#ref_damiano2005-7"><p><q rend="single-qm">die Stimmen der
                                    Toten gerettet</q>, sein Werk stehe dafür, <q rend="single-qm"
                                    >dem einzelnen Leben zu seinem Recht zu verhelfen, das einzelne
                                    Leben in seiner Einzigartigkeit darzustellen und zu
                                erhalten</q>. In seinem Werk mischten sich <q rend="single-qm">auf
                                    unvergleichliche Weise tiefe Menschlichkeit, ja
                                    Menschenfreundlichkeit, und tiefe Skepsis gegenüber dem, was
                                    Menschen denken und hervorbringen können</q>. // Rau betonte,
                                sein Besuch diene auch dem Zweck, auf das berühmte und einzigartige
                                Archiv noch einmal ausdrücklich aufmerksam zu machen, das Kempowski
                                aus eigner Kraft und aus eigenen Mitteln, ohne staatliche oder
                                andere Unterstützung aufgebaut habe: <q rend="single-qm">Das wohl
                                    größte Tagebucharchiv der Welt</q>. <ref type="bibl"
                                    target="#damiano2005" xml:id="ref_damiano2005-7" rend="brackets"
                                    >Damiano 2005: 7</ref></p></quote>
                    </cit></p>

                <p>Unentschieden bleibt, ob Rau mit dem Archiv in Nartum auch auf das
                        <title>Echolot</title> Bezug nimmt, wenn er dem Autor die Mitteilung
                    zukommen lässt: <quote source="#ref_damiano2005-7">Sie haben den Deutschen etwas
                        geschenkt, was wohl kein anderes Volk hat: ein lesbares Archiv seiner
                        Hoffnungen und Irrtümer, ihrer Sehnsüchte und ihres Versagens. Dafür sage
                        ich Ihnen heute ganz offiziell als Bundespräsident Dank.</quote> (Ebd.)</p>

                <p>Indes lässt sich nicht nur das, worum es <emph>beim</emph>, sondern auch das,
                    worum es – unabtrennbar davon – <emph>im</emph>
                    <title>kollektiven Tagebuch</title> geht, trefflich <title>Wikipedia</title>
                    entnehmen:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_wikipedia2019a"><p><title>Das Echolot. Ein kollektives
                                Tagebuch</title> ist der Titel einer vierteiligen und aus insgesamt
                            zehn Einzelbänden bestehenden Buchreihe des deutschen Schriftstellers
                            Walter Kempowski. Die Bücher bestehen aus einer Collage von Tagebüchern,
                            Briefen, autobiografischen Erinnerungen sowie Fotografien aus der Zeit
                            des Zweiten Weltkriegs. Neben bekannten Tagebüchern wie jenen von Thomas
                            Mann oder Ernst Jünger sowie den Darstellungen führender
                            Nationalsozialisten und Politiker der Alliierten umfasst die Collage
                            zahlreiche zuvor unveröffentlichte Aufzeichnungen von Soldaten,
                            Zivilisten, Widerstandskämpfern, Tätern und Opfern des NS-Regimes, die
                            Kempowski seit Jahrzehnten in seinem privaten Archiv gesammelt hatte. In
                            der chronologisch geordneten und unkommentierten Gegenüberstellung von
                            Aufzeichnungen aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert das
                                <title>Echolot</title> die Gleichzeitigkeit einer Vielfalt von
                            Ereignissen wie Sichtweisen während des Zweiten Weltkriegs. // Der erste
                            Teil des <title>Echolots</title> erschien im Jahr <date>1993</date>. Er
                            umfasst in vier Bänden Einträge aus den Monaten Januar bis Februar
                                <date>1943</date>. Dieselben Monate im Jahr <date>1945</date>
                            behandelte der zweite Teil, der <date>1999</date> unter dem Titel
                                <title>Fuga furiosa</title> veröffentlicht wurde. Der
                                <date>2002</date> erschienene Einzelband <title>Barbarossa
                                ’41</title> ist chronologisch gesehen der Beginn der Reihe und
                            enthält Aufzeichnungen aus dem Zeitraum Juni bis Dezember
                                <date>1941</date>. Den Abschluss des Werks bildete der
                                <title>Abgesang ’45</title> aus dem Jahr <date>2005</date>. Wiederum
                            in einem Band fokussiert er sich auf vier Daten im April und Mai
                                <date>1945</date>, dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Erstausgabe
                            aller Teile erschienen in der Erstausgabe im Albrecht Knaus Verlag.
                            [...] [<title>Das Echolot</title>] gilt neben Kempowskis
                                <title>Deutscher Chronik</title> als Hauptwerk des Autors. <ref
                                type="bibl" target="#wikipedia2019a" rend="brackets">Wikipedia
                                2019a</ref></p></quote>
                </cit>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-06_03">
                <head>III. Zur Titelapparatur</head>
                <p>Für die im Münchner Knaus-Verlag erschienenen zehn Bände des
                        <title>Echolots</title> ergibt sich überblicksartig folgende Einteilung:
                    Teil I: <title>Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar
                        1943</title>. 4 Bände. <date>1993</date> (ca. 100 Seiten pro Tag) / Teil II:
                        <title>Das Echolot. Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter
                        1945</title>. 4 Bände. <date>1999</date> (ca. 100 Seiten pro Tag) / Teil
                    III: <title>Das Echolot. Barbarossa ’41. Ein kollektives Tagebuch</title>. 1
                    Band. <date>2002</date> (ca. 20 Seiten pro Tag) / Teil IV: <title>Das Echolot.
                        Abgesang ’45. Ein kollektives Tagebuch</title>. 1 Band. <date>2005</date>
                    (insgesamt vier Tage im Umfang von jeweils ca. 100 Seiten). Solche
                    Titelapparatur ist kommentierungsbedürftig. Hier bloß drei Anmerkungen.</p>

                <p><label>a)</label>
                    <q rend="single-qm">Echolot</q> bezeichnet bekanntlich eine elektroakustische
                    Methode zur Feststellung von Wassertiefen. Weil Schall zurückgeworfen wird, kann
                    über die Zeitspanne, die zwischen der Aussendung eines Schallimpulses in die
                    Tiefe und seiner Rückkehr an die Wasseroberfläche liegt, die Entfernung von der
                    Wasseroberfläche zum Grund gemessen werden. In spezifischer Hinsicht auf
                    Kempowskis Verwendung des Begriffs empfiehlt es sich, daran zu erinnern, dass
                    die Entwicklung des Echolots historisch eng mit dem Untergang der Titanic
                        <date>1912</date> und in der Folge mit den Kriegshandlungen des Ersten
                    Weltkriegs verbunden ist. Wenn Kempowski sein Projekt mit <q rend="single-qm"
                        >Echolot</q> tituliert, oszilliert der Begriff also zwischen der Bedeutung
                    von exaktem Vermessungsgerät und der Bedeutung von Kriegsinstrument. Kempowski
                        <emph>überträgt</emph> vom Ersten Weltkrieg auf den Zweiten. Sein Text,
                    erschienen zwischen <date>1993</date> und <date>2005</date>, enthält Texte bzw.
                    Textaktualisierungen, die aus der Zeit zwischen <date>1941</date> und
                        <date>1945</date> stammen resp. auf diese Jahre bezogen sind: Sie sind der
                    Grund, den es von den Erscheinungsdaten her auszuloten gilt.
                        <title>Echolot</title> lässt sich also als Unternehmen verstehen, die
                        <emph>historische Tiefendistanz</emph> zwischen Inszenierung und Dokument
                    festzulegen. Das verwendete Bild des <q rend="single-qm">Echolots</q> kennt
                    allerdings die entscheidende Differenz zwischen dem Zweiten und dem Ersten
                    Weltkrieg, den Holocaust, nicht.</p>

                <p><label>b)</label> Der über die vier Teile des <title>Echolots</title> hinweg
                    konstant bleibende Untertitel <title>Ein kollektives Tagebuch</title> zehrt vom
                    hermeneutischen Profil der autobiographischen Textsorte <q rend="single-qm"
                        >Tagebuch</q>. Als strenge Gattungsbezeichnung ist er nicht zu verstehen.
                    Kempowskis <title>Echolot</title> versammelt Textzeugen unterschiedlichster
                    Gattungen; neben Briefauszügen stehen Propagandaschriften, Tagesbefehle,
                    Tagebuchnotizen, Reden, Passagen aus Memoiren, Radioberichte, Kinospielpläne,
                    Wetteraufzeichnungen und Eisenbahnfahrpläne etc. Der paradoxe Charakter der
                    Prägung <title>Kollektives Tagebuch</title> überspringt aber auch
                    Entscheidenderes. Als <q rend="single-qm">Von-Tag-zu-Tag</q>-Werkstätte zeitlich
                    nur mehr sehr kleinräumig zu denkender Individualitätsentwürfe widersetzt sich
                    das moderne Tagebuch dem Begriff des <q rend="single-qm">Kollektiven</q> nicht
                    nur, sondern sperrt sich ihm geradezu; insbesondere für den von den
                    Aufzeichnungen erfassten Zeitraum, dem der Rekurs auf das <q rend="single-qm"
                        >Kollektive</q> als Argument und Movens zur realen Auslöschung des
                    Individuellen diente. Ungeachtet der Frage, inwiefern sich solche Auslöschung im
                        <title>Echolot</title> selbst symbolisch wiederholt, kann festhalten werden,
                    dass der von Kempowskis verwendete Untertitel <title>Ein kollektives
                        Tagebuch</title> gleich auf mehreren Bedeutungsebenen seiner Sache
                    dreinredet: Als <q rend="single-qm">Tagebuch</q> behauptet es metaphorisch für
                    alle seine Teile individuelle Authentizität; metonymisch markiert er die
                    Strukturierung der Textmasse durch das tägliche Datum; und wörtlich – dazu
                    später genauer – zielt er auf die Idee des <q rend="single-qm">Buches</q>, in
                    dem das Verhältnis zwischen Kollektiv und Individuum zur Disposition steht.</p>

                <p><label>c)</label> Zu Titel und Untertitel kommen weitere Angaben: Die Bände des
                    ersten Teils tragen die lapidare und orientierende Zeitangabe <title>Januar und
                        Februar 1943</title>. Von da an montiert Kempowski auffällige Zwischentitel:
                    im Fall des zweiten Teils <title>Fuga furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter
                        1945</title>; in dem des dritten Teils <title>Barbarossa ’41</title>; im
                    Fall des vierten Teils schließlich <title>Abgesang ’45</title>. Das sind
                    allesamt Angaben von unterschiedlicher Qualität. Der Begriff der <q
                        rend="single-qm">Fuga</q> entstammt musikalischer Formenlehre und meint die
                    polyphonisch strengst gebaute, durch Johann Sebastian Bachs <title>Kunst der
                        Fuge</title> zur Vollendung entwickelte musikalische Engführung
                    verschiedener Stimmen. Eine <q rend="double-qm">furiose Fuge</q> kann von daher
                    nur als Oxymoron verstanden werden: <q rend="single-qm">Fuge</q> und <q
                        rend="single-qm">Furor</q> verhalten sich zueinander wie Struktur zu Chaos.
                    Aus literaturgeschichtlicher Perspektive muss sich zudem das Faktum aufdrängen,
                    dass Paul Celans <title>Todesfuge</title> zur <q rend="single-qm">Chiffre</q>
                    für den Holocaust geworden ist. Dagegen legt der zweite Teil des
                        <title>Echolot</title>-Projekts <q rend="single-qm">Fuge</q> im spezifischen
                    Sinn der lateinischen <term>fuga</term> semantisch auf Flucht fest, nämlich auf
                    die Flucht der deutschen Zivilbevölkerung aus den Ostgebieten. Der für den
                    dritten Teil aufgerufene Zwischentitel <title>Barbarossa ’41</title> ist der
                    deutsche Name für den <q rend="single-qm">Vernichtungskrieg</q> gegen Russland.
                    Und <title>Abgesang</title> hat die Bedeutung <q rend="single-qm">abschließender
                        Strophenteil</q> (Verslehre), kann aber nach Auskunft des Wörterbuchs auch
                    einen <quote source="#ref_online2019">Kommentar</quote> meinen, eine <quote
                        source="#ref_online2019">Gedenkrede [....] über etwas, das bald untergehen
                        wird</quote> oder <quote source="#ref_online2019">ein letztes Werk</quote>
                    eines Dichters oder Komponisten <ref type="bibl" target="#online2019"
                        xml:id="ref_online2019" rend="brackets">Online-Wörterbuch 2019</ref>. Im
                        <title>Echolot</title> meint <q rend="single-qm">Abgesang</q> konkret die
                    letzten Kriegstage, den Untergang des Dritten Reiches. All dies vorausgesetzt,
                    lässt sich zumindest eines zweifelsfrei argumentieren: Kempowskis Technik der
                    Zwischentitulierung greift suggestiv in das Textgeschehen ein. Die Titel stellen
                    die reproduzierten Zeugnisse, die unter ihnen versammelt sind, unter
                    interpretatorisch wirkungsmächtige Vorzeichen – Zeichen einer Autorschaft, die
                    sich nicht explizit, aber in maßgeblicher Position zu erkennen gibt.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-06_04">
                <head>IV. Gegenstimmen</head>
                <p>Nun hat es unter den Rezensionen und Besprechungen von Kempowskis Unternehmen
                    gewichtige Gegenstimmen gegeben. Auch darüber gibt <title>Wikipedia</title>
                    verlässlich Auskunft. Der Historiker Johannes Willms, der bei Reinhart Koselleck
                    promovierte, verweist auf den Unterschied von Archiv und Buch, wenn er meint,
                        <quote source="#ref_willms1993">daß dieses Mixtum compositum wenig mit
                        Literatur oder gar mit Historiographie zu tun hat, sondern daß es sich dabei
                        lediglich um das Ergebnis eines monomanischen Sammeltriebs handelt</quote>
                    <ref type="bibl" target="#willms1993" xml:id="ref_willms1993" rend="brackets"
                        >Willms 1993</ref>. Bei der Besprechung anlässlich des Erscheinens der
                    ersten vier Bände im <title>Literarischen Quartett</title> vom <date>24. Februar
                        1994</date> spricht der Überlebende des Warschauer Ghettos Marcel
                    Reich-Ranicki von <quote source="#ref_reich-ranitzky2000-311">Wirrwarr</quote>
                    und <quote source="#ref_reich-ranitzky2000-311">Chaos</quote>
                    <ref type="bibl" target="#reich-ranitzky2000"
                        xml:id="ref_reich-ranitzky2000-311" rend="brackets"
                        >Reich-Ranicki/Löffler/Karasek 2000: 311</ref>; dagegen meint der
                    Literaturkritiker des <title>Spiegel</title>, Hellmuth Karasek, die Lektüre
                    (i.e. der Konferenz von Casablanca, Stalingrad, die Sportpalastrede von Joseph
                    Goebbels, die Entdeckung, Verurteilung und Hinrichtung der Geschwister Scholl)
                    mache <quote source="#ref_reich-ranitzky2000-312">ungeheueren Spaß</quote>
                    <ref type="bibl" target="#reich-ranitzky2000"
                        xml:id="ref_reich-ranitzky2000-312" rend="brackets">ebd.: 312</ref>. Der
                    Historiker Christian Maier befindet unter Aufwendung eines berühmten
                    Musil-Zitats in einer vorsichtigen Glosse: <quote source="#ref_meier1995-1129"
                        >Nicht die Einzelnen, sondern irgendein Kollektiv ist das Subjekt dieses <q
                            rend="single-qm">kollektiven Tagebuchs</q>. Und als dessen Erfahrung
                        ließe sich mit Musil summieren: <q rend="single-qm">So also sieht
                            Weltgeschichte in der Nähe aus: Man sieht nichts.</q></quote>
                    <ref type="bibl" target="#meier1995" xml:id="ref_meier1995-1129" rend="brackets"
                        >Meier 1995: 1129</ref><note xml:id="endnote_04">Das Musil-Zitat stammt aus
                        dem Text <title>Das hilflose Europa Oder Reise vom Hundertsten in Tausendste
                            [1922]</title>
                        <ref type="bibl" target="#musil1978" xml:id="ref_musil1978" rend="brackets"
                            >Musil 1978</ref>, mit dem korrekten Wortlaut: <quote
                            source="#ref_musil1978">So sieht also Weltgeschichte in der Nähe aus;
                            man sieht nichts.</quote></note> Stefanie Carp kritisiert die <quote
                        source="#ref_carp1995-667">Harmlosigkeit</quote> der <quote
                        source="#ref_carp1995-667">Collage</quote> und meint, dass diese <quote
                        source="#ref_carp1995-667">literarisch und ideologisch beabsichtigt</quote>
                    <ref type="bibl" target="#carp1995" xml:id="ref_carp1995-667" rend="brackets"
                        >Carp 1995: 667</ref> sei. Christoph Cornelißen, ebenfalls Historiker, kommt
                    zu dem Befund, dass Kempowski viel <quote source="#ref_cornelissen2005">[v]on
                        den moralischen Dimensionen dieses Niedergangs und seinen individuellen
                        Konsequenzen</quote> zu berichten wisse, dennoch verlieren sich <quote
                        source="#ref_cornelissen2005">in einem Moment, in dem mehr oder minder alle
                        Menschen als Opfer einer gleichsam nicht mehr zu stoppenden historischen
                        Lawine gezeichnet werden, […] Fragen nach Schuld und Verantwortung, ja, noch
                        weitergehend, das ganze entzieht sich einer konkreten historischen
                        Analyse.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#cornelissen2005" xml:id="ref_cornelissen2005"
                        rend="brackets">Cornelißen 2005</ref>. Kempowskis einstiger Lektor Fritz J.
                    Raddatz erkannte in der <quote source="#ref_raddatz1993">gigantischen
                        Leistung</quote> des <title>Echolots</title> ein <quote
                        source="#ref_raddatz1993">Radebrechen des nordischen Elite-Volkes</quote>
                    und eine <quote source="#ref_raddatz1993">klebrige Mixtur aus Gefühligkeit und
                        Rohheit</quote>
                    <ref type="bibl" target="#raddatz1993" xml:id="ref_raddatz1993" rend="brackets"
                        >Raddatz 1993</ref>. Der gewichtigste Text gegen das <title>Echolot</title>
                    ist gerade einmal zehn Seiten lang und stammt von Klaus Köhler: <title>Die
                        Chronik als Apologie. Walter Kempowski und die Welthöllen der
                        Menschheit</title>
                    <ref type="bibl" target="#koehler2006" rend="brackets">Köhler 2006</ref>.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-06_05">
                <head>V. Jenseits der Philologie?</head>
                <p>Nun ist die Beschäftigung mit Kempowskis <title>Echolot</title> tatsächlich so
                    etwas wie Dienstpflicht – Kempowski selbst hat hinsichtlich der Rezeption seines
                    Werkes provokant mit einem Zwischenraum zwischen Germanistik und Historiographie
                    kalkuliert. In dem unter dem Titel <title>Culpa. Notizen zum Echolot</title>
                    <date>2005</date> publizierten Tagebuch notiert er unter dem Datum des <date>26.
                        September 1993</date>:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_kempowski2005-351"><p><q rend="single-qm">Rheinischer
                                Merkur</q> nennt das <q rend="single-qm">Echo</q> eine
                                <emph>Dokumentation</emph>. Der Sache selbst können sie nichts
                            anhaben, mit dem Ausdruck <q rend="single-qm">Dokumentation</q> schieben
                            sie sie auf ein Abstellgleis. // Nein, es ist schon alles gut. Nun muß
                            ich die Bertelsmänner schön loben, das haben sie verdient. Allen voran
                                <hi rend="bold">Kamerad Bittel</hi>. [Karl Heinz Bittel, der Lektor
                            des Knaus-Verlages; Hervorhebung A. D.] Er hat viel aushalten müssen.
                            Aber ich auch! // Daß sie im Prospekt, gleich ganz oben, den
                                <title>Rheinischen Merkur</title> verkünden lassen, ich hätte eine
                            Dokumentation vorgelegt, zeugt nicht gerade von Durchblick. // Die
                            Historiker werden jetzt sagen: <title>Echolot</title>? Das ist eine
                            Sache für die Germanisten. // Und Germanisten: Das betrifft die
                            Historiker. So werden wir hin- und hergeschoben, bis sich die Sache von
                            selbst erledigt. <ref type="bibl" target="#kempowski2005"
                                xml:id="ref_kempowski2005-351" rend="brackets">Kempowski 2005:
                                351</ref><note xml:id="endnote_05">Zur Bezeichnung <quote
                                    source="#ref_kempowski2005-346">Kamerad</quote> vgl. die
                                Eintragung vom <date>8. September 1993</date>
                                <ref type="bibl" target="#kempowski2005"
                                    xml:id="ref_kempowski2005-346" rend="brackets">Kempowski 2005:
                                    346</ref>.</note></p></quote>
                </cit>

                <p>Im Folgenden einige Beobachtungen, die als philologische durchaus auch die
                    Historiographie interessieren könnten.</p>

                <div xml:id="wdr01_02-06_05-01">
                    <head>1) Die Verortung im Kanon.</head>
                    <p>Während Reich-Ranicki im <title>Literarischen Quartett</title> das
                            <title>Echolot</title> als wild gewordenes <quote
                            source="#ref_reich-ranitzky2000-311">Telefonbuch</quote>
                        <ref type="bibl" target="#reich-ranitzky2000" rend="brackets"
                            >Reich-Ranicki/Löffler/Karasek 2000: 311</ref> anspricht, wird das
                            <title>Echolot</title> immer wieder mit einer Reihe von zweifellos
                        klassischen Werken in Zusammenhang gebracht. So schreibt, in der aktuellen
                        Version von <title>Kindlers Literatur Lexikon Online</title>, Jörg Drews,
                        einer der Rühmer des <title>Echolots</title>:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_drews2009"><p>Literarhistorisch und methodisch muss man
                                Kempowskis Zitat-Großmontage in die Nähe jenes Projekts Walter
                                Benjamins rücken, das für die in den 1930er Jahren geplante
                                kulturhistorische Schrift <title>Pariser Passagen</title> angehäufte
                                Zitat-Material einfach nur als solches darzubieten und keine
                                durchgeschriebene Darstellung daraus zu machen. Das andere Werk, in
                                dessen Nähe Kempowskis Buch gesehen werden kann, ist Peter Weiss’
                                Roman <title>Die Ästhetik des Widerstands</title>
                                    (<date>1975</date>–<date>1981</date>), in welchem versucht wird,
                                ein ungeheures <q rend="single-qm">Ganzes</q>, nämlich die
                                Geschichte der Zerstörung der deutschen Arbeiterbewegung zwischen
                                    <date>1937</date> und <date>1945</date> durch den Stalinismus
                                und den Nationalsozialismus, erzählerisch zu bewältigen. Das
                                    <title>Echolot</title> wie <title>Die Ästhetik des
                                    Widerstands</title> sind eigentlich keine Romane mehr; evident
                                ist dies bei <title>Das Echolot</title>, wo die Tiefen und Untiefen
                                der deutschen Geschichte – wie die Metapher des Titels zeigt – auf
                                eine ganz andere als herkömmliche Weise auszuloten versucht werden,
                                während Weiss’ <title>Ästhetik des Widerstands</title> sich dem
                                Sujet dadurch zu nähern versucht, dass die Geschichte eines
                                namenlosen jungen Autors erzählt wird, der sich auf die große
                                Aufgabe vorbereitet und bei dem wir keinen Moment sicher sind, ob er
                                daran nicht scheitert. Ähnlich ausgreifend als Projekt sind
                                schließlich höchstens noch Uwe Johnsons vierbändige
                                    <title>Jahrestage</title> (<date>1975</date>–<date>1981</date>),
                                die tief ins 20. Jh. zurückgreifen, aber ihren Schwerpunkt in den
                                Jahren vom Kriegsende <date>1945</date> bis <date>1968</date> haben.
                                    <ref type="bibl" target="#drews2009" xml:id="ref_drews2009"
                                    rend="brackets">Drews 2009</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p><quote source="#ref_drews2009">Zitat-Material einfach nur als solches
                            darzubieten</quote> (<title>Passagen-Werk</title>), <quote
                            source="#ref_drews2009">ein ungeheures <q rend="single-qm"
                            >Ganzes</q></quote> (<title>Ästhetik des Widerstands</title>), <quote
                            source="#ref_drews2009">Ähnlich ausgreifend als Projekt</quote>
                            (<title>Jahrestage</title>) – das sind die lexikographischen Attribute,
                        welche die Kanonisierung des <title>Echlots</title> stützen sollen. Wobei
                        angemerkt sei, dass Kempowski zumindest gegen die Gleichsetzung von
                            <title>Echolot</title> und Benjamins <title>Passagen-Werk</title>
                        Vorbehalte geäußert hat; Drews Versuch einer literarhistorischen Fixierung
                        nennt Kempowski früh einen <quote source="#ref_kempowski2005-259">lieben
                            Vergleich</quote>, der ihn eher in <quote
                            source="#ref_kempowski2005-259">Selbstzweifel</quote> stürze, <quote
                            source="#ref_kempowski2005-259">denn mit dem großartigen Werk kann das
                                <title>Echolot</title> wohl kaum verglichen werden. Beide haben nur
                            in bezug auf die Anlage als Collage miteinander zu tun, und dann
                            natürlich – das sieht Drews genau – tritt in beiden Werken der Autor
                            hinter den Text zurück.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-259"
                            rend="brackets">Kempowski 2005: 259</ref></p>

                    <p>Carla A. Damiano, die dem <title>Echolot</title> ein ganzes Buch gewidmet
                        hat, konstelliert das <title>Echolot</title> über Alexander Kluges Theorie
                        der <q rend="single-qm">Montage</q> mit Claude Lanzmanns
                        <title>Shoa</title>-Dokumentation <ref type="bibl" target="#damiano2005"
                            xml:id="ref_damiano2005-123" rend="brackets">vgl. Damiano 2005:
                            123–166</ref>. Dabei findet Lanzmanns Dokumentation in Kempowskis
                        Arbeitstagebuch nur einmal Erwähnung. Eine unheimliche Paronymie zersetzt
                        die ohnehin problematische Passage:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_kempowski2005-80"><p><date>10.3.1986</date> // Ich sah
                                dann noch lange fern, den Shoah-Film von <hi rend="bold"
                                    >Lanzmann,</hi> der äußerst aufklärend wirkte, was Einzelheiten
                                anging, peinlich die Zudringlichkeit, mit der die Zeugen befragt
                                wurden. [...] // Merkwürdig der Gedanke, dass ich auf dem <hi
                                    rend="underline">Höhepunkt der Judenvernichtung</hi> zur
                                    Klavier<hi rend="underline">stunde</hi> ging und den
                                    <title>Fröhlichen <hi rend="bold">Landmann</hi></title> [Robert
                                Schumann, Album für die Jugend, op.68 (entstanden
                                <date>1848</date>), 43 Klavierstücke, A. D.] spielte.
                                    <date>1942</date> war <hi rend="underline">aber auch</hi> das
                                    <hi rend="underline">Jahr</hi>, in dem Rostock zerstört wurde.
                                Und das muß vielleicht <hi rend="underline">symbolisch</hi>
                                verstanden werden. <ref type="bibl" target="#kempowski2005"
                                    xml:id="ref_kempowski2005-80" rend="brackets">Kempowski 2005:
                                    80; alle Hervorhebungen A. D.</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Die durch Damianos Konstellierung aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis des
                            <title>Echolots</title> und seiner sprachlichen Strategien nicht nur zum
                        deutschen Nationalsozialismus, sondern zu dessen unabdingbaren Kern, dem
                        Holocaust, ist so akut wie ungeklärt.</p>

                    <p>Jörg Drews verantwortet nicht nur den Artikel über <title>Das Echolot</title>
                        in <title>Kindlers Literaturlexikon</title>, sondern auch die Preisrede zur
                        Übergabe des Thomas-Mann-Preises an Kempowski am <date>7. August 2005</date>
                        in Lübeck. Die Rede wurde später, in gering abgeänderter Form, unter dem
                        Titel <title>Die Dämonen reizen – und sich dann blitzschnell umdrehen, als
                            sei nichts</title>
                        <ref type="bibl" target="#drews2006" rend="brackets">Drews 2006</ref>,
                        veröffentlicht. Das <q rend="single-qm">Montage</q>-Prinzip von
                            <title>Echolot</title> legitimiert Drews darin mit dem Hinweis, dass
                        selbst Goethe in seinem berühmten Kriegstext</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_drews2006-49"><p><title>Campagne in Frankreich</title>
                                seitenlang Fremdtexte einbaute [...], allerdings ohne sie kenntlich
                                zu machen, und Georg Büchners Drama <title>Dantons Tod</title>
                                besteht zu etwa 40 Prozent aus wörtlichen Übernahmen aus
                                Parlamentsreden während der Französischen Revolution, ähnlich wie
                                Karl Kraus’ <title>Die letzten Tage der Menschheit</title>
                                eigentlich eine dramatisierte Zitatengirlande ist: und von welcher
                                Wucht! Ein milderes Beispiel, gewissermaßen ein konservativeres,
                                gesitteteres, ist Thomas Manns <title>Dr. Faustus</title>, der fast
                                durchweg ein Amalgam aus Zitat und Manns eigenem Stil ist und
                                bisweilen wörtlich zitiert. <ref type="bibl" target="#drews2006"
                                    xml:id="ref_drews2006-49" rend="brackets">Drews 2006:
                                    49f.</ref><note xml:id="endnote_06">Zugleich leicht bearbeitete
                                    Fassung der Preisrede bei der Übergabe des Thomas Mann Preises
                                    an Walter Kempowski am <date>7. August 2005</date> in
                                    Lübeck.</note></p></quote>
                    </cit>

                    <p>In <title>Kindlers Literatur Lexikon Online</title> kann man ergänzend
                        nachlesen:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_drews2009"><p>Walter Kempowski begleitete das Erscheinen
                                des letzten Bandes von <title>Das Echolot</title>
                                <date>2005</date> mit der Publikation eines Tagebuchs zur
                                Entstehungsgeschichte des Buches, in ironischer Analogie zu dem Buch
                                    <title>Die Entstehung des Dr. Faustus</title>
                                (<date>1949</date>) des von Kempowski verehrten Thomas Mann, das vom
                                Werden von <title>Doktor Faustus. Das Leben des Tonsetzers Adrian
                                    Leverkühn</title> berichtet: <title>Culpa. Notizen zum <q
                                        rend="single-qm">Echolot</q></title> ist ein ebenso
                                aufschlussreicher wie <hi rend="bold">amüsanter</hi>
                                Werkstattbericht. <ref type="bibl" target="#drews2009"
                                    rend="brackets">Drews 2009; Hervorhebung A. D.</ref></p></quote>
                    </cit>
                </div>

                <div xml:id="wdr01_02-06_05-02">
                    <head>2) Das Problem des Kontexts.</head>
                    <p>Vielfach kritisiert wurde am <title>Echolot</title> die fehlende
                        Kontextualisierung der in die Tageschronik aufgenommenen und unter dem TAG
                        organisierten Dokumente. So fehlen alle Hinweise auf Herkunft, Schreibort,
                        -situation, -instanz, Schriftträger etc.: <quote source="#ref_willms1993"
                            >Ein solches Verfahren ist historiographisch gesehen unzulässig und
                            deshalb vollkommen inakzeptabel</quote>, urteilt <ref type="bibl"
                            target="#willms1993">Johannes Willms (1993)</ref>. Das Verfahren, Texte,
                        darunter sehr private und intime, nackt zu präsentieren, ist umso
                        auffälliger, als Kempowski für sein eigenes Projekt ein Journal führt und
                        die Entstehung seines Textes auch darüber hinaus offensiv durch
                        paratextuelle Rahmungen (Interviews etc.) begleitet. Kai Sina, der in seiner
                        Studie <title>Sühnewerk und Opferleben. Kunstreligion bei Walter
                            Kempowski</title> Kempowskis Konzeption von Autorschaft im Sinn einer
                        vom Autor selbst für sich in Anspruch genommenen <q rend="single-qm"
                            >imitatio Christi</q> folgt, spricht für die Textpräsentation in
                            <title>Echolot</title> von strategischem <quote
                            source="#ref_sina2012-241">Sinnentzug im Text</quote> zugunsten einer
                            <quote source="#ref_sina2012-241">Sinnstiftung <emph>um</emph> den
                            Text</quote>
                        <ref type="bibl" target="#sina2012" xml:id="ref_sina2012-241"
                            rend="brackets">Sina 2012: 241 bzw. 244</ref>.</p>

                    <p>Solche Unterscheidung ist historisch vor dem Hintergrund der
                        literaturwissenschaftlichen Debatten in den 1950 bis 1970 Jahren zu lesen,
                        insbesondere im Spannungsbogen der Auseinandersetzungen um die sogenannte
                        text- oder werkimmanente Methode und den <q rend="single-qm"
                            >Zürcher-Literaturstreit</q>. Nicht erst aus dem historischen Abstand
                        wird klar, dass mit dem Begriff einer <q rend="single-qm">textimmanenten
                            Methode</q> gegen dessen eigene plakative Begrifflichkeit kein
                        methodologisch brauchbares philologisches Werkzeug, sondern ein
                        ideologischer Kampfbegriff zu verstehen war, der, indem er alle Historie aus
                        dem Text auszublenden suchte, die Katastrophen-Geschichte des 20.
                        Jahrhunderts human einzufärben suchte. Peter Handke hat es konzis auf den
                        Punkt gebracht, wenn er Emil Staigers berühmte Programm-Rede als <quote
                            source="#ref_hoellerer1967-170">eine Spielart jener
                            Unmenschlichkeit</quote> kritisiert, <quote
                            source="#ref_hoellerer1967-170">die mit dem unreflektierten Kauderwelsch
                            einer längst verjährten Menschlichkeit so oft eine Verständigung
                            zwischen Menschen verhindert.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#hoellerer1967" xml:id="ref_hoellerer1967-170"
                            rend="brackets">Zit. n. Höllerer/Miller 1967: 170</ref></p>

                    <p>Kempowski selbst hat Einsprüche gegen seine Strategie einer kontextfreien
                        Präsentation immer wieder mit dem Hinweis abgewiesen, dass die Texte für
                        sich selbst sprechen müssten: es sei am Leser, auf das <quote
                            source="#ref_kempowski2005-374">Monstrum</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-374"
                            rend="brackets">Kemposki 2005: 374</ref>
                        <title>Echolot</title> zu reagieren. Solche Entkoppelung von Zeugnis und
                        Historie macht die Texte zu rein emotionalen Triggern, die erst in der
                        Rezeption des <title>Echolots</title> zur Vernunft kommen könnten; nicht die
                        Geschichte also hätte die Dokumente gemacht, sondern den Dokumenten ist es
                        aufgetragen, Geschichte zu machen. Das verschweigt freilich, dass die
                        Selektion von Stimmen immer auch eine Ausblendung von Stimmen bedeutet; und
                        dass – mit Roman Jakobson zu sprechen – eine Störung der referentiellen
                        Funktion der Rede eben in erster Linie eine Störung des Kontextes
                        darstellt.</p>
                </div>

                <div xml:id="wdr01_02-06_05-03">
                    <head>3) Die Zitation der Stimmen.</head>
                    <p>Die Rede davon, dass es sich bei <quote source="#ref_drews2006-49">Karl
                            Kraus’ <title>Letzten Tagen der Menschheit</title> eigentlich</quote> um
                            <quote source="#ref_drews2006-49">eine dramatisierte
                            Zitatengirlande</quote> handle <ref type="bibl" target="#drews2006"
                            rend="brackets">Drews 2006: 49f.</ref>, lässt zumindest dann, wenn dies
                        das Prinzip der <q rend="single-qm">Montage</q>, des <q rend="single-qm"
                            >Arrangements</q> oder der <q rend="single-qm">Collage</q> legitimieren
                        soll, außer acht, dass für Karl Kraus das Zitat nicht wie für Kempowski eine
                        Form für das <q rend="single-qm"
                            >Noch-einmal-<emph>auferstehen</emph>-Lassen</q>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-141"
                            rend="brackets">vgl. Kempowski 2005: 141</ref> des Vergangenen, sondern
                        eine horrible Form des Gegenwärtigen war und blieb. (<quote
                            source="#ref_kraus1986-10">Denn über alle Schmach des Krieges geht die
                            der Menschen, von ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar
                            ertragen, daß er ist, aber nicht, daß er war.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kraus1986" xml:id="ref_kraus1986-10">Kraus 1986:
                            10</ref>) Wiederauferstehen-Lassen des Nationalsozialismus gegen
                        zeitgenössische Zeugenschaft des Furchtbaren – dieser Unterscheidung hat
                        sich das <title>Echolot</title> auch in Hinsicht auf Lanzmanns
                            <title>Shoah</title>-Projekt zu stellen, aber das nur als Nachtrag. Die
                        aktiv Textzusammenhang stiftenden Techniken von <q rend="single-qm"
                            >Collage</q>, <q rend="single-qm">Montage</q> oder <q rend="single-qm"
                            >Arrangement</q> (um es über die Wortklasse zur Kenntlichkeit zu
                        bringen: <q rend="double-qm">ich arrangiere</q> die Geschichte, <q
                            rend="double-qm">ich montiere</q> die Geschichte, <q rend="double-qm"
                            >ich collagiere</q> die Geschichte) ziehen Beziehungslinien und schaffen
                        Bezüge, die in den einzelnen Textpassagen und über sie hinweg zwischen den
                        zitierten Stimmen aufgetan werden. In Frageform: Wessen Rede wird im
                            <title>Echolot</title> neben welche Rede gesetzt? Wer spricht mit wem in
                        einer Konfiguration, die allein das Buch veranstaltet?</p>

                    <p>Auch wenn alle Choreographie der Stimmen an das ordnende Datum delegiert
                        erscheint, konstruieren doch Textkürzung und Anordnung der Texte die
                        Bezüglichkeiten unterschiedlichster Stimmen. Auch hier gilt, dass die
                        Techniken der <q rend="single-qm">Montage</q>, des <q rend="single-qm"
                            >Arrangements</q> bzw. der <q rend="single-qm">Collage</q> nicht nur
                        dezidierte <quote source="#ref_reich-ranitzky2000-310"
                            >Deutungsabsicht</quote>
                        <ref type="bibl" target="#reich-ranitzky2000"
                            xml:id="ref_reich-ranitzky2000-310" rend="brackets"
                            >Reich-Ranicki/Löffler/Karasek 2000: 310</ref> verraten, sondern in das
                        Stimmgeschehen und die Rede der Zeugnisse selbst eingreifen. In
                            <title>Culpa</title> findet sich ein kurzer Eintrag, der anzeigt, was
                        dabei auf dem Spiel steht: <quote source="#ref_kempowski2005-81"
                                ><date>13.3.1986</date>. // TV: Beim Umschalten [Zappen] <hi
                                rend="bold">zwischendurch den ganzen Jammer erlebt</hi>. Hier die
                            Eisenbahnwaggons mit den KZ<hi rend="bold">lern</hi>, dort die
                            schnulzenden, treppensteigenden Schlagersänger. Und Wissenschaftler, die
                            uns den Ursprung des Lebens erklären.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-81"
                            rend="brackets">Kempowski 2005: 81; Hervorhebung A. D.</ref> Man ist
                        versucht, das zuzuspitzen: Nicht die Gegenüberstellung von
                        Nicht-Zusammen-Gehörigem ist es, worauf das <title>Echolot</title> in erster
                        Linie zielt, nicht auf das, was in den Texten gesagt wird, sondern – viel
                        nachhaltiger – auf einen tragischen <quote source="#ref_kempowski2005-81"
                            >Jammer</quote> des <q rend="single-qm">Arrangements</q>.</p>

                    <p>Der Literaturwissenschaftler Michail Bachtin, dessen Arbeit über den
                        deutschen Bildungsroman in Russland von deutschen Bombern vernichtet wurde
                        und dessen Arbeiten seit <date>1969</date> auch in deutscher Sprache
                        vorliegen, sagt an einer Stelle:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_bachtin1979-170"><p>Eine lebendige Äußerung, die
                                sinnvoll aus einem bestimmten historischen Augenblick, aus einer
                                sozial festgelegten Sphäre hervorgeht, muß notwendig Tausende
                                lebendiger Dialogstränge berühren, die [...] um den Gegenstand der
                                Äußerung geflochten sind, muß notwendig zum Teilnehmer am sozialen
                                Dialog werden. Sie entsteht ja aus ihm, aus diesem Dialog, als seine
                                Fortsetzung, als eine Replik und nähert sich dem Gegenstand nicht
                                von irgendeiner beliebigen Seite. <ref type="bibl"
                                    target="#bachtin1979" xml:id="ref_bachtin1979-170"
                                    rend="brackets">Bachtin 1979: 170</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Man braucht nicht mehr, um erkennbar zu machen, weshalb die Rede von einem <q
                            rend="single-qm">Dialog der Stimmen</q> im <title>Echolot</title> eine
                        Formel ist, die verstellt, dass die Äußerungsinstanzen, die
                            <date>1993</date> ff. miteinander in Kempowskis Buchprojekt
                        kommunizieren, niemals in einem realen, schon gar nicht <quote
                            source="#ref_bachtin1979-170">lebendige[n]</quote>
                        <quote source="#ref_bachtin1979-170">sozialen Dialog</quote>
                        zueinanderstanden.</p>

                    <p>Karl Heinz Bittel, der Lektor auch von Kempowskis <title>Echolot</title>, hat
                        ein Nachwort zur Entstehung des <title>Echolots</title> verfasst; sein Text
                        zu <title>Culpa</title> setzt ein mit den Worten:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_kempowski2005-361"><p><emph>Audiatur et altera
                                    pars</emph> – auch die Gegenpartei soll gehört werden, so lautet
                                eine lateinische, juristische Verfahrensregel. Nur so nämlich, wenn
                                beide Kontrahenten zu Wort kämen, sei es möglich, sich ein gerechtes
                                Urteil zu bilden. Menschen, die etwas gemeinsam erlebt haben, wissen
                                über das Erlebte oft ganz verschiedene Geschichten zu erzählen,
                                jeder mit subjektivem Recht. <ref type="bibl"
                                    target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-361"
                                    rend="brackets">Kempowski 2005: 361</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Was will das <title>Echolot</title> prozessieren? Die Gesetz und Recht
                        aufrufende Szene beruft sich für den einen und den <q rend="double-qm"
                            >anderen Teil</q> auf <q rend="double-qm">Paare</q>, also die
                        lebensweltliche Beziehung zweier sich nahestehender Menschen, und stellt
                        gleich darauf Bittels eigene zeitweilig krisenhafte Beziehung zu Kempowski
                        aus. Das mutet im Licht des verhandelten Gegenstands auch deshalb merkwürdig
                        an, weil Kempowski den <q rend="single-qm">Dialog der Stimmen</q> andernorts
                        dezidiert außerhalb menschlicher Verhältnisse denkt:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_kempowski1993-7"><p>Wir sollten den Alten nicht den Mund
                                zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre
                                Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns
                                gerichtet – die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese
                                Verschwendung können wir uns nicht leisten. Wir müssen uns bücken
                                und aufheben, was nicht vergessen werden darf: Es ist unsere
                                Geschichte, die verhandelt wird [...] DAS ECHOLOT gehört jenen, die
                                geduldig den Stimmen lauschen, die in der Stratosphäre stehen. Das
                                Zuhören kann es möglich machen, dass wir endlich ins reine kommen
                                miteinander. <ref type="bibl" target="#kempowski1993"
                                    xml:id="ref_kempowski1993-7" rend="brackets">Kempowski 1993:
                                    7</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Motiv und Ziel des Projekts provozieren eine Umkehr der Frage nach dem <q
                            rend="single-qm">Zusammenhang</q> der Stimmen in <title>Echolot</title>:
                        Nicht, was korrespondiert stimmlich, sondern, entscheidender: Was geht
                        stimmlich nicht zusammen in diesem Buch? Anders und im etymologischen Sinn:
                        Was ist <q rend="single-qm">inkompatibel</q>?</p>
                </div>

                <div xml:id="wdr01_02-06_05-04">
                    <head>4) Das totale Buch </head>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_wikipedia2019b"><p>Anfang der 1980er Jahre begann
                                Kempowski, biografische Materialien von einfachen Menschen zu
                                sammeln, indem er Anzeigen in der Wochenzeitung <title>Die
                                    Zeit</title> aufgab. Er erhielt Unmengen an Tagebüchern,
                                Briefwechseln, Lebensaufzeichnungen und Fotografien von Menschen aus
                                unterschiedlichen Kreisen und Zeiten. [...] <date>2005</date>
                                vermachte er sein Biografien-Archiv, das mittlerweile
                                hunderttausende Fotos und Millionen Blatt Papier umfasst, der
                                Akademie der Künste in Berlin, wo es seither fachlich betreut wird.
                                    <ref type="bibl" target="#wikipedia2019b"
                                    xml:id="ref_wikipedia2019b" rend="brackets">Wikipedia
                                    2019b</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Reich-Ranicki hat in seiner Verwerfung der ersten Abteilung des
                            <title>Echolots</title> ausdrücklich dem <emph>Sammler</emph> Kempowski
                        Respekt gezollt. Er könne <quote source="#ref_kempowski2005-112">manchmal
                            nachts nicht schlafen, weil er all die im Archiv versammelten Stimmen
                            gleichzeitig vor sich hinflüstern höre – ein nicht enden wollendes
                            Gemurmel ...</quote>, so steht es in <title>Culpa</title> unter dem
                        Datum des <date>2. September 1987</date>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-112"
                            rend="brackets">Kempowski 2005: 112</ref>. Für den <date>8. Oktober
                            1989</date> ist vermerkt: <quote source="#ref_kempowski2005-145">Was mir
                            noch Kopfschmerzen macht: die Anordnung der Beiträge im Tag. Soll sie
                            dialogisch erfolgen oder einfach geographisch. Ich neige dem ersteren
                            zu. Im Grunde ist der Beginn mit Hitler und der Schluß mit Auschwitz
                            jeden Tag schon der Anfang einer dialogischen Gestaltung.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-145"
                            rend="brackets">ebd.: 145</ref> Im Eintrag vom <date>3. März 1991</date>
                        heißt es: <quote source="#ref_kempowski2005-163"><q rend="single-qm"
                                >Echolot</q>; immer noch am 1. Januar, der nun fertig ist. Hildegard
                            liest ihn mir heute abend vor, und ich war ganz zufrieden. Das wird auf
                            die Leser so wirken, als ob <emph>ich</emph> überhaupt nichts daran
                            gemacht hätte.</quote>
                        <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-163"
                            rend="brackets">Ebd.: 163</ref></p>

                    <p>Dass Kempowskis Autorschaft an <title>Echolot</title> nicht nur in der
                        problematischen Konfiguration der Texte liegt, hat zuletzt <ref type="bibl"
                            target="#pereira2013">Valéria Sabrina Pereira (2013)</ref> nachgewiesen.
                        Sie hat drei Stellen des <title>Echolots</title> mit den Zeugnissen im
                        Archiv verglichen und ist zum Befund gelangt, dass Kempowski nicht nur
                        Schriftträger selektierte und aus den Schriftträgern einzelne Textpassagen
                        ausschnitt, sondern auch in diesen selbst Kürzungen vornahm, ohne diese
                        allerdings zu kennzeichnen.<note xml:id="endnote_07">Im Falle des Abdrucks
                            von bereits veröffentlichten Texten mussten in der Endredaktion des
                                <title>Echolots</title> die entsprechenden Auslassungszeichen
                            eingefügt werden.</note> Kempowskis Buch erforderte somit nicht nur eine
                        Übersetzung der Schriftträger aus dem Archiv, sondern verletzte schon vorab
                        deren Integrität. Das Zeugnis des Archivs wird in der Konstruktion des
                        Buches zu einem Zeugen in einem unausgewiesenen Gerichtsverfahren, das sich
                        über die Idee des Buches legitimiert.</p>

                    <p>Es ist wiederum Bittel, der in dem Band <title>Culpa</title> seine
                        Erfahrungen mit der Herausgabe des Buches beschreibt – übrigens unter dem
                        von Kafka geliehenen, in der Zeit nach dem Nationalsozialismus allerdings
                        anders als zu Kafkas Zeit zu verstehenden Titel <title>Beschreibung eines
                            Kampfes</title>. Bittel zitiert darin aus Kempowskis
                        Arbeits-Tagebuch:</p>

                    <cit>
                        <quote source="#ref_kempowski2005-374"><p><q rend="single-qm">Vom Verlag
                                    nichts. Ich warte schon nicht mehr. Es ist wieder so, dass der
                                    Autor als letzter sein Buch zu sehen kriegt.</q> Aber am
                                Nachmittag [so Bittel, A. D.] war es dann soweit: <q
                                    rend="single-qm">Wir öffneten das bleischwere Paket mit vier
                                    Exemplaren des <title>Echolot</title>, in Popcorn eingebettet,
                                    das die Hunde sofort probierten, aber bald davon abließen. Auch
                                    die Hühner – herbeigeeilt – verzichteten nach einer Kostprobe.
                                    Wir saßen am Pavillon bei Tee und begutachteten dann das Werk,
                                    dessen Gestaltung 100prozentig ist. Natürlich sind die Bände
                                    etwas groß, aber das Leinen fasste sich angenehm an, Papier gut,
                                    Fotos in Ordnung – Herz, was begehrst du mehr?</q> [...] Und das
                                Erstaunlichste: Das Monstrum verkaufte sich – trotz des hohen
                                Preises. Bis Weihnachten über 25 000mal. Nachdem das Werk schon bald
                                nach Erscheinen zu einem der spektakulärsten Erfolge in der
                                Geschichte des Knaus Verlags geworden war, erging ein
                                Vorstandsbeschluß, die miniaturisierten vier roten Leinenbände,
                                eingebettet in einen Acrylwürfel, als dekorative Briefbeschwerer
                                fertigen zu lassen. Das Objekt wurde an sämtliche
                                Vorstandsmitglieder verteilt. Auf verschlungenen Wegen gelangte
                                eines dieser Stücke auch auf meinen Schreibtisch. Der Acryl
                                gewordene Beweis, dass man es hier mit einem Klassiker zu tun hat.
                                Ich schenkte das schöne Stück an den Autor weiter. <ref type="bibl"
                                    target="#kempowski2005" rend="brackets">Kempowski 2005:
                                    374f.</ref></p></quote>
                    </cit>

                    <p>Was hier in Superlativ und Miniatur gefeiert wird, ist die Idee des Buches
                        gegen die Textzeugen im Archiv. Wenn Moritz Baßler die <quote
                            source="#ref_bassler2010-22">rhetorischen Strategien</quote> des
                            <title>Echolots</title> im <quote source="#ref_bassler2010-22"
                            >Nacheinander des alten Mediums Buch</quote>
                        <ref type="bibl" target="#bassler2010" xml:id="ref_bassler2010-22"
                            rend="brackets">Baßler 2010: 22</ref> verorten kann, spricht dies dafür,
                        dass das <title>Echolot</title> nicht zuletzt von der materialiter
                        verkörperten Totalisierungsleistung der Buchform zehrt. Noch vor allem, was
                        Kempowskis Projekt sagt, symbolisiert es die Totale, es verspricht den
                        totalen Krieg.</p>
                </div>
            </div>

            <div xml:id="wdr01_02-06_06">
                <head>VI. Zuallerletzt: Memoria</head>
                <p>Es ist das wunderbare Verdienst von Frances A. Yates, in ihrer
                    kulturgeschichtlichen Studie <title>The Art of Memory</title> (<ref type="bibl"
                        target="#yates1990"><date>1966</date>/<date>1990</date></ref>) gezeigt zu
                    haben, dass Ordnungen der Memoria mit genau ausgearbeiteten Systemen der
                    Zugehörigkeit arbeiten – einen oder mehrerer Menschen zu erinnern, heißt nicht
                    nur, seinen/ihren Namen zu erwähnen oder seine/ihre Stimme für die Nachwelt zu
                    bewahren, sondern diesem/diesen Menschen und seiner/ihrer Stimme auch ihren
                    angemessenen, rechtmäßigen Platz zuzuweisen. Letzteres verweigert Kempowski
                    programmatisch: <quote source="#ref_kempowski2005-173">Man müßte, wenn alles
                        fertig ist, die ganze Geschichte durch eine Art Reißwolf jagen, der nach
                        ständig wechselnden Prinzipien die Sätze austauschen würde. Das Ganze wäre
                        dann zwar unlesbar, käme dem jedoch, was ich beabsichtige, näher.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-173"
                        rend="brackets">Kempowski 2005: 173</ref></p>

                <p>Diese Phantasie zerstört nicht nur alle kulturelle Leistung des Buches, derer
                    sich Kempowskis parasitär bemächtigt, es macht vor allem die Sprecher bzw.
                    Sprecherinnen in den Stimmen unkenntlich. Wir sind da schlechterdings bei einem
                        <quote source="#ref_koehler2006-74">Chor der Leiden, bei dem alle
                        Unterschiede einebnenden Universalismus der Opfer</quote>
                    <ref type="bibl" target="#koehler2006" xml:id="ref_koehler2006-74"
                        rend="brackets">Köhler 2006: 74</ref>. Wenn alle Stimmen
                    durcheinanderschreien, murmeln, durcheinanderseuzfen etc., hört man niemanden
                    mehr. Nun wäre freilich auch das nichts, was der deutschen Nachkriegsgeschichte
                    und ihrem Verhältnis zur Vergangenheit unbekannt wäre. Kempowski, am <date>27.
                        Jänner 1989</date>: <quote source="#ref_kempowski2005-128">Hauptarbeit das
                            <q rend="single-qm">Echolot</q>. Die Sache rundet sich. Ohne <q
                            rend="single-qm">offizielle</q>, also bereits veröffentlichte Texte
                        werde ich nicht auskommen. Den publizierten KZ-Zeugnissen stelle ich die
                        anonymen Zeugnisse aus dem Archiv gegenüber, das Raunen. <q rend="single-qm"
                            >Das Raunen</q> wäre auch ein guter Titel [...].</quote>
                    <ref type="bibl" target="#kempowski2005" xml:id="ref_kempowski2005-128"
                        rend="brackets">Kempowski 2005: 128</ref></p>

                <p>Soviel lässt sich in Theodor W. Adornos <title>Jargon der Eigentlichkeit</title>
                    über Heidegger nachlesen: <q rend="single-qm">Raunen</q> bezeichnet jenen
                    entkontextualisierenden, <quote source="#ref_michler2014">jeden klaren Gedanken
                        vereitelnden Gestus</quote>, der nicht nur <quote source="#ref_michler2014"
                        >aus Gegenaufklärung und Antimoderne aller Spielarten bekannt ist</quote>
                    <ref type="bibl" target="#michler2014" xml:id="ref_michler2014" rend="brackets"
                        >Michler 2014</ref>, sondern immer auch die Frage von Verbrechen und Strafe
                    als Frage nach Schuld und Sühne mitverhandelt. Kempowski:</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_kempowski1993-7"><p>Den Guten, die auch immer ein wenig böse
                            sind, und den Bösen, die auch von einer Mutter geboren wurden, habe ich
                            zugehört, und ich habe ihre Texte zu einem Dialog formiert. Die Arbeit
                            rief in mir die unterschiedlichsten Gefühle wach: Verständnis und
                            Verachtung, Ekel und Trauer. Zum Schluß, als ich den großen Chor
                            beisammen hatte und das Ganze auf mich wirken ließ, stand ich plötzlich
                            unter ihnen, und es überwog das, was wir mit dem Wort <q
                                rend="single-qm">Liebe</q> nur unzulänglich bezeichnen können. <ref
                                type="bibl" target="#kempowski1993" rend="brackets">Kempowski 1993:
                                7</ref></p></quote>
                </cit>

                <p>Klaus Köhler dazu in kurzer Form: <quote source="#ref_koehler2006-74">Es geht
                        darum, dass in diesen zentralen Jahren des für die Menschheitsgeschichte
                        singulären Zivilisationsbruches die Täter-Opfer-Perspektive durch die
                        Oh-Mensch-Allüre ersetzt wird.</quote>
                    <ref type="bibl" target="#koehler2006" rend="brackets">Köhler 2006: 74</ref> Es
                    ist die Rede vom <q rend="single-qm">Menschen</q>, die hier gegen Menschen und
                    Menschenwürde gerichtet ist; die Chronik im <title>Echolot</title> lässt nicht
                    wieder <quote source="#ref_kempowski2005-141">noch einmal auferstehen</quote>,
                    sie führt noch in der Memoria Krieg.</p>
            </div>
        </body>

        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
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                        <title type="sub" level="a">Paul Valéry in Walter Kempowskis <hi
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                            type="sub" level="a">Ein Blick auf Walter Kempowski und Alexander
                            Kluge</title>, in: <editor>Hannes Heer</editor>/<editor>Klaus
                            Naumann</editor> (Hg.): <title type="main" level="m"
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                            <publisher>Hamburger Edition</publisher>, <biblScope unit="page"
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