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                <title type="main" xml:lang="de">Lyrics im Netz</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zur Lyrik-Lyrics-Debatte im Lichte populärer
                    Diskurse und Rezeptionspraktiken</title>
                <title type="sub" xml:lang="de" rend="left-align">
                    Zur Lyrik-Lyrics-Debatte im Lichte populärer Diskurse und Rezeptionspraktiken
                </title>
                <!---->

                <author>
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                        <forename>Susanne</forename>
                        <surname>Müller</surname>
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                    <affiliation>Georg-August-Universität Göttingen</affiliation>
                    <email>susanne.mueller01@stud.uni-goettingen.de</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0002-3488-4356</idno>
                </author>
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                        <forename>Philipp</forename>
                        <surname>Böttcher</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Humboldt-Universität Berlin</affiliation>
                    <email>philipp.boettcher@hu-berlin.de</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-9834-268X</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2021</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-02-02-04</idno>
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            </publicationStmt>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">2</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Lyrik</term>
                    <term xml:lang="de">Lyrics</term>
                    <term xml:lang="de">Gedicht</term>
                    <term xml:lang="de">Songtext</term>
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                    <term xml:lang="de">Netzrezeption</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Beitrag denkt zusammen, was in der Literaturwissenschaft häufig entweder
                    getrennt voneinander betrachtet oder auf Basis eines wertenden Literaturbegriffs
                    gleichgesetzt wird: Songs und Gedichte. Die Lyrik-Lyrics Diskussion wird hier
                    dagegen aus der Perspektive populärer Diskurse, Text- und Rezeptionspraktiken
                    erkundet. Die daraus gewonnen Überlegungen zum Verhältnis von Text und Klang
                    münden in die exemplarische Analyse eines populären Songs.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>This article brings together what in literary studies ist often either considered
                    separately or, based on a concept of literature that focusses on the aesthetic
                    value of a text, treated as equivalent: Songs and poems. Here, however, the
                    debate on 'lyrics as poetry' is explored from the perspective of popular
                    discourses as well as text and reception practices. The resulting reflections on
                    the relationship between text and sound lead to an exemplary analysis of a
                    popular song.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr02_02-04_01">
                <p>„Du bist […] wie ein Gedicht für mich, deshalb […] schreib ich ein Gedicht für
                    dich.“ – Wenn der Soul-Sänger Flo Mega in seinem mit dem Rapper Nico Suave
                    veröffentlichten Song <title>Gedicht</title> (2014) diese Zeilen singt, dann
                    setzt er damit – wie auch mit dem Songtitel an sich – ganz selbstverständlich
                    zwei Dinge miteinander gleich, die in der Literaturwissenschaft in der Regel
                    getrennt voneinander betrachtet werden und deren potenziell enge Verwandtschaft
                    mit zunehmender disziplinärer Aufmerksamkeit diskutiert wird: Songs und Gedichte
                    (vgl. etwa
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                        target="#Ammon_Petersdorff2019a">Ammon/Petersdorff 2019a</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Petersdorff2017-d2e3" type="bibl" target="#Petersdorff2017"
                        >Petersdorff 2017</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Kaiser_Sina_Bleumer2016" type="bibl"
                        target="#Kaiser_Sina_Bluemer2016">Kaiser/Sina/Bleumer 2016</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_huber2019-d2e3" type="bibl" target="#Huber2019">Huber
                    2019</ref>). Dass eine derartige Gleichsetzung keine Seltenheit darstellt,
                    vielmehr häufig sowohl im Selbstverständnis von Künstler*innen als auch in der
                    Rezeption durch deren Hörer- bzw. Leserschaft zutage tritt, ist eine
                    Beobachtung, die für die in diesem Beitrag angestellten Überlegungen leitend ist
                    – nicht nur, weil sich hierfür zahlreiche Beispiele anführen ließen, sondern
                    weil diese ihre meta-reflexiven und heuristischen Potentiale bezogen auf die
                    Lyrics-Lyrik-Debatte mitunter selbst zu erkennen geben. </p>
                <p>So verfährt der Rap-Künstler Dendemann auf seinem Album <title>Da nich
                        für</title> (2019) zwar auf den ersten Blick ganz ähnlich wie seine
                    genannten Kollegen, wenn er eines seiner Lieder mit <title>Nochn Gedicht</title>
                    überschreibt. Er geht jedoch noch einige Schritte weiter: zum einen, indem er
                    damit nicht nur ein Lied, sondern letztlich alle seiner Songs implizit als
                    Gedichte ausweist; zum anderen, indem er mit ‚Noch’n Gedicht‘ explizit auf Heinz
                    Erhardt anspielt, dessen Gedichte und Lieder zunächst allenfalls als populäre
                    Klein- und Unterhaltungskunst galten, ehe sie den Status des kanonisierten
                    nationalen Kulturguts erreichten und als Lyrik anerkannt bzw. ernstgenommen
                        wurden.<note xml:id="endnote_01"><p>Die charakteristische Wendung „Noch’n
                            Gedicht“, mit der Heinz Erhardt bei Auftritten den Übergang von einem
                            Gedicht zum anderen einläutete, ist inzwischen zum geflügelten Wort
                            geworden. Die gewandelte Kanonizität von Erhardts Schaffen wird etwa
                            durch die folgende Reclam-Ausgabe belegt – und in ihrem Nachwort
                            reflektiert
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                                xml:id="ref_erhardt2016-d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                                target="#Erhardt2016">Erhardt 2016</ref>.</p></note> Verwiesen wird
                    so zugleich auf die historische Wandelbarkeit wie die normative Dimension des
                    Verständnisses von ‚E‘- und ‚U‘- Kultur einerseits und der Zuschreibung von
                    Lyrizität andererseits. </p>
                <p>Nicht anders als in den feuilletonistischen und wissenschaftlichen Diskussionen
                    über das Verhältnis von Lyrik und Lyrics offenbaren sich auch in den Lyrics und
                    Selbstaussagen populärer Künstler*innen unterschiedlich weit gefasste
                    Lyrik-Begriffe: Während sich bei Flo Mega ein sehr weites Lyrik-Verständnis
                    artikuliert, das ,Gedicht‘ vor allem als ästhetische Kategorie fasst (und daher
                    auch eine begehrte Frau mit einem als grundsätzlich ‚schön‘ definierten Gedicht
                    vergleichen kann), während dort also ,Gedicht‘ eher schlagwortartig gebraucht
                    wird, ohne dass damit ein lyrischer Status in engerem Sinne beansprucht wird,
                    proklamiert Dendemann im weiteren Verlauf des Liedes unter anderem: „In meinem
                    Garten da wachsen große Jamben und Trochäen“ oder: „Das hier ist ein Gedicht,
                    das durch die Blume spricht“, und bedient sich damit eindeutig eines mit
                    ‚klassischer‘ Lyrik assoziierten Vokabulars sowie eines entsprechenden
                    rhetorisch-literarischen Anspruchs. Unterstrichen wird dies zudem durch das
                    Selbstverständnis, ein „Poet“, „ein hammerharter derber Dichter“ (ebd.) zu sein
                    – ein Selbstentwurf, der nicht nur Dendemanns ganzes Werk durchzieht,<note
                        xml:id="endnote_02"><p>Vgl. bspw. Dendemann: <title>Beste wo gibt</title>
                            (2008).</p></note> sondern auch durch das Feuilleton bekräftigt wird,
                    wenn der Rapper etwa mit der <title>Zeit</title> u.a. über Reimtechniken, Heinz
                    Erhardts Doppelreime und Robert Gernhardt spricht (vgl.
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                        xml:id="ref_giammarco2019-d2e3" type="bibl" target="#Giammarco2019"
                        >Giammarco 2019</ref>).</p>
                <p>Samy Deluxe führt diesen Gedanken mit seinem <title>Poesie Album</title> (2011)
                    konsequent zu Ende. Der Prämisse des Albums folgend, dass alle dort gelisteten
                    Tracks als ‚Poesie‘ zu verstehen seien, reiht er sich im namengebenden Titelsong
                    als „beste[r]“ und „größte[r] Poet“ der Gegenwart hinter Goethe, Schiller und
                    Co. in die Tradition der ‚großen deutschen Dichter‘ ein: </p>
                
                    <cit><quote><lg>
                        <l>Ich bin so Schiller, so Goethe, so bitter, so böse</l>
                        <l>Noch immer der größte Poet, der hier lebt</l>
                        <l>Wenn ihr jetzt noch mehr wollt</l>
                        <l>Fütter ich euch deutschen Dichtern Reime</l>
                        <l>Bis ihr alle Brecht wie Bertolt</l>
                        <l>Das ist für mich echter Erfolg</l>
                        <l>Wenn der Text noch mehr rollt</l>
                        <l>Und ich schein’ wie der Morgenstern </l>
                        <l>Hoffe, dass ihr alle aus den Reim’ und den Worten lernt </l>
                        <l>Meine Damen und Herren</l>
                        <l>Was würde ich bloß tun hier, wär’ ich nich’ Rapstar? </l>
                        <l>Wahrscheinlich wär’ ich der neue Erich Kästner </l>
                        <l>[…]</l>
                        <l>Was für’n geiles Leben, ich mache Scheine, scheine</l>
                        <l>Indem ich Reime reime so wie Heinrich Heine</l>
                    </lg></quote></cit>
                
                <p>Selbst unter Abzug spielerischer Ironie und raptypischer Übertreibung drückt sich
                    hier auf Seiten des Künstlers der Anspruch aus, seine textzentrierten Songs als
                    zeitgemäße Form von ‚Hochlyrik‘ verstanden zu wissen und damit die Trennung
                    zwischen populärer und hoher Kunst überhaupt gesprengt sehen zu wollen.<note
                        xml:id="endnote_03"><p>Insbesondere im Rap werden die Formen und Bedingungen
                            der eigenen Schriftlichkeit sowie die Nähe zur Lyrik permanent
                            reflektiert und ausgestellt. Zudem sprechen gerade Rapkünstler*innen von
                            ihrer Kunst vielfach als ‚poetry‘ oder ‚literature‘ mit Musikbegleitung;
                            auch die Umgangsweisen der Rezipienten bekräftigen den Charakter von Rap
                            als einem stark textzentrierten Genre, vgl. dazu jeweils genauer
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_wolbring2015-d2e3" type="bibl" target="#Wolbring2015"
                                >Wolbring 2015</ref>: bes. S. 128–134;
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_wolbring2018-d2e3" type="bibl" target="#Wolbring2018"
                                >Wolbring 2018</ref>.</p></note> In der bis Ende der 1970er Jahre
                    zurückreichenden (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_urban1979-d2e3" type="bibl" target="#Urban1979">Urban
                        1979;</ref>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_faulstich1978-d2e3" type="bibl" target="#Faulstich1978"
                        >Faulstich 1978</ref>) und trotz des topisch beklagten Forschungsdesiderats
                    zuletzt stark angewachsenen feuilletonistischen und wissenschaftlichen
                    Beschäftigung mit Songtexten spielt diese Differenz hingegen mindestens subkutan
                    sehr wohl noch eine Rolle. Dort, wo die Literaturwissenschaft ansetzt, sich dem
                    viel diskutierten Verhältnis von Lyrics und Lyrik systematisch zu widmen, macht
                    sie daraus nicht selten doch eine Wertungsfrage (als die sie die Debatte mit
                    „ästhetische[n] Vorbehalte[n]“
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Achermann_Naschert2005-d2e3" type="bibl"
                        target="#Achermann_Naschert2005">Achermann/Naschert 2005</ref>: 213)
                    insbesondere gegenüber Songtexten von Künstler*innen ohne literarischen
                    Hintergrund zum Teil sogar offensiv behandelt; vgl. etwa
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="Schuette_oJ" type="bibl" target="#Schütte_o.J.">Schütte
                    [o.J.]</ref>). So wendet die Songtext-Philologie sich mit Vorliebe nicht etwa
                    den Liedern der kommerziell erfolgreichsten Chartkünstler*innen zu, sondern den
                    Songs jener ohnehin unter vorausgehendem Literarizitätsverdacht stehenden
                    ‚Writern unter den Songwritern‘ (z.B. Dylan, Cohen, Cave und Regener, von
                    Lowtzow), die dann argumentativ gewissermaßen endgültig von der Pop- zur
                    Hochkultur hin aufgewertet werden. Entsprechend wird das
                    literaturwissenschaftliche Interesse für Songs u.a. damit begründet, „dass es
                    längst eine große Zahl auch literarisch anspruchsvoller Songtexte gibt, die den
                    Vergleich mit Gedichten keineswegs zu scheuen brauchen (und dies auch nicht
                    tun)“
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="Amon_Petersdorff-9" type="bibl" target="#Ammon_Petersdorff2019b"
                        >Ammon/Petersdorff 2019b</ref>: 9; vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_naschert2006-d2e3" type="bibl" target="#Naschert2006">Naschert
                        2006</ref>: 112,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_rehfeldt2009-d2e3" type="bibl" target="#Rehfeldt2009">Rehfeldt
                        2009</ref>: 151). Und zur Nagelprobe wird des Öfteren die Frage, ob der
                    Songtext, auf Papier gedruckt und wiederholter philologischer Lektüre
                    ausgesetzt, bestehen kann, ja ‚überlebensfähig‘ erscheint
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Boettcher2018-74" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Böttcher2018">vgl. Böttcher 2018: 74</ref>. </p>
                <p>Zwar gibt es eine Forschungsdiskussion, die sich zum einen vor allem um die
                    Zurechnung von Lyrics zur Lyrik dreht, zum anderen nach den spezifischen
                    Analyseverfahren bezogen auf Songtexte, besonders nach der Berücksichtigung von
                    Musik, Stimme sowie Performance und der Lizenz zur lyrikanalogen Lektüre von
                    Songs als Gedichten fragt; einheitliche oder jeweils eindeutige Positionierungen
                    dazu haben sich aber bisher nicht ergeben.<note xml:id="endnote_04"><p>Vgl.
                            anders dagegen Achermann: „[D]ie Mehrheit der Pop- und Song-Theoretiker
                            scheinen sich einig: Lyrics sind nicht Lyrik“
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Achermann2019-248" type="bibl" rend="brackets"
                                target="#Achermann2019">2019: 248</ref>.</p></note> Vielfach bleibt
                    die Lyrics-Lyrik-Debatte, bleiben theoretische Erwägungen ausgeklammert und es
                    dominieren Einzeltextstudien, die sich Songtexten mittels klassischer
                    literaturwissenschaftlicher (Gedicht-)Analysetechniken nähern. Insgesamt fällt
                    auf, dass Songs eher als losgelöstes Phänomen – eben in bspw. Sammelbänden mit
                    entsprechenden Themenschwerpunkten&#160;– behandelt werden, während sie sowohl in
                    groß angelegten lyrik- wie popliteraturtheoretischen Abhandlungen oftmals nur am
                    Rande erwähnt werden (vgl. z.B.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Baßler_Schumacher2019" type="bibl"
                        target="#Baßler_Schumacher2019">Baßler/Schumacher 2019</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Burdorf2015-29" type="bibl" target="#Burdorf2015">Burdorf 2015:
                        29–32</ref>). Wenngleich häufig betont wird, wie zentral die „Hybridform“
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_huber2019-232" type="bibl" rend="brackets" target="#Huber2019"
                        >Huber 2019: 232</ref> von Lyrics, nämlich ihre enge Verbindung zur Musik,
                    auch für die Analyse und Interpretation ist, bleibt eine intensive Beschäftigung
                    mit der klanglichen Dimension teilweise ganz, zumeist größtenteils aus (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Huber2019-229f." type="bibl" target="#Huber2019">ebd.:
                        229f.</ref>). </p>
                <p>Nun gibt es für eine eher textzentrierte Analyse, wie sie der gegenwärtigen
                    literaturwissenschaftlichen Praxis überwiegend entspricht, gewichtige Argumente,
                    die in der hierzulande bisher wenig beachteten internationalen Forschung
                    entschieden verfochten wurden, ohne dabei mit einem letztlich normativen und
                    wertungsbezogenen Literaturbegriff zu operieren (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradley2017a" type="bibl" target="#Bradley2017a">Bradley
                        2017a</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradlex2017b" type="bibl" target="#Bradley2017b">Bradley
                        2017b</ref>), wie er die Debatte um den lyrischen Charakter der Lyrics seit
                    jeher begleitet.<note xml:id="endnote_05"><p>Vgl. aus der Perspektive eines
                            normativen Lyrikbegriffs etwa:
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Ramazani2014-184" type="bibl" target="#Ramazani2014"
                                >Ramazani 2014: 184–238</ref>; vgl. zu dieser Diskussion außerdem:
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Regfeldt2009-152" type="bibl" target="#Rehfeldt2009"
                                >Rehfeldt 2009: 152–157</ref>.</p></note> Der vorliegende Text
                    möchte dazu beitragen, sich in der Lyrics-Lyrik-Frage von einem solchen
                    Verständnis zu lösen bzw. ein reflexiveres Verhältnis zu dieser zu gewinnen,
                    indem er den Befund, wonach Songtexte seit dem frühen 20. Jahrhundert Teil der
                    Alltagskultur sind, für das digitale Zeitalter ernst nimmt.</p>
                <p>Im Fokus stehen im Folgenden Beobachtungen zum populären Diskurs über Lyrics als
                    Lyrik, vor allem die in der Diskussion unbeachtete Ebene der Rezeption – und
                    d.h. gegenwärtig: der Netzrezeption. Indem der Beitrag einerseits den Blick auf
                    die eingangs bereits skizzierten künstlerischen Selbstverständnisse lenkt,
                    andererseits nach Songverständnissen, Rezeptionspraktiken und Zuschreibungsakten
                    in der populären (Netz-)Rezeption und den digitalen Wissenskulturen fragt, soll
                    erörtert werden, welche Perspektiven auf die Lyrics-Lyrik-Debatte aus der
                    Betrachtung der populären Kulturen und ihrer Praktiken gewonnen werden können –
                    denn auch dort wird diese Debatte implizit und explizit geführt. Allerdings
                    haben sich hier lyrikanaloge Textumgangsweisen etabliert, die ohne die
                    Unterscheidung von ‚E‘ und ‚U‘ auskommen. Aus der kursorischen Untersuchung der
                    empirischen Rezeptionspraxis im Netz soll schließlich ausblickhaft eine
                    exemplarische, die Text- und Klangdimension von Popsongs gleichermaßen
                    berücksichtigende Analyse entwickelt werden.<note xml:id="endnote_06"><p>Für
                            eine vom Grundprinzip her ähnliche, aber detailliertere Analyse mit
                            einem stärkeren musikwissenschaftlichen Einschlag vgl.
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_puhani2019-d2e3" type="bibl" target="#Puhani2019">Puhani
                                2019</ref>.</p></note> Die Wahl fällt dabei auf ein Lied, das von
                    der prototypischen ‚Songlyrik‘ à la Dylan denkbar weit entfernt und gerade nicht
                    verdächtig ist, dem gängigerweise literaturwissenschaftlich adressierten Bereich
                    der ‚populären Hochkultur‘ anzugehören. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_02-04_02">
                <head>I.</head>
                <p>Die Frage, ob ein Songtext als Gedicht gelten kann und ein*e Songschreiber*in als
                    Lyriker*in, scheint man jenseits akademischer Gefilde weitaus bedenkenloser zu
                    beantworten – oder sich so gar nicht zu stellen. Sowohl Musik-Produzierende
                    (bzw. im Rahmen ihrer Vermarktung Agierende) als auch Rezipient*innen ziehen die
                    literarische Gattung Lyrik ganz selbstverständlich als Vergleichskategorie für
                    Songs heran. In den Kommentarspalten sozialer Netzwerke, auf
                    (semi-)professionellen Musikblogs, in Musikmagazinen, Foren für
                    Musikinteressierte, Radio-Moderationen, bei Konzertankündigungen und -&#xA0;rezensionen<note xml:id="endnote_07"><p>„Wer die Gilde der neuen deutschen
                            Popmusiker wie Mark Forster, Joris, Wincent Weiss, Tim Bendzko oder
                            Andreas Bourani als Befindlichkeitspoeten wahrnimmt, als Club der
                            sanften Dichter, der einzig von der demonstrativen Inszenierung von
                            Sensibilität als kleinstem gemeinsamem Nenner lebt: Dieser Auftritt des
                            Pop-Poeten aus Waldbronn nahe Karlsruhe bestätigte Fans wie Kritiker in
                            ihren Ansichten“ (Christof Hammer: „Mit Kinderchor und Häschenohren“
                            [Rezension zum Konzert von Max Giesinger in der Liederhalle], 8.3.2019.
                            URL:
                            www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.max-giesinger-in-der-liederhalle-mit-kinderchor-und-haeschenohren.580cb22a-71db-443a-8ea8-fb465e3d7f0b.html).</p></note>,
                    in Künstler*innen-Interviews und in den Songs selbst finden sich zahlreiche
                    Beispiele für eine Rezeptionspraxis, die Lyrik und Lyrics mindestens als nahe
                    Verwandte begreift. </p>
                <p>Dies geschieht zunächst ganz explizit: Künstler*innen bezeichnen sich selbst als
                    „lyrical poet[s]“<note xml:id="endnote_08"><p>Vanilla Ice – <title>Ice Ice
                                Baby</title> (1989).</p></note> und ‚Dichter‘, Fans klassifizieren
                    einzelne Songs als „Gedicht[e]“<note xml:id="endnote_09"><p>Kommentar von Pamela
                            Stefanie zum Musikvideo von Philipp Poisel – <title>Erkläre mir die
                                Liebe</title>, 13.12.2018, URL:
                            www.facebook.com/stefaniemotta/posts/10155700127561455. </p></note> bzw.
                        „poems“<note xml:id="endnote_10"><p>Kommentar von CaltonDouglas zu Kendrick
                            Lamar – <title>Poetic Justice</title>, 8.1.2014. URL:
                            genius.com/Kendrick-lamar-poetic-justice-lyrics.</p></note> oder ganze
                    Alben bzw. Werke als „aggressive poetry“<note xml:id="endnote_11"><p>Kommentar
                            von Jeremiah Landis zum Musikvideo von Aesop Rock – <title>Zero Dark
                                Thirty</title>, [o. D.]. URL:
                            www.youtube.com/watch?v=Dbd4h1kaFlY&amp;lc=UgjI0KzBxicVnXgCoAEC.7-H0Z7-HJgs8w_2puLuP2f.</p></note>,
                    und Konzertagenturen bewerben das Werk ihrer gebuchten Künstler*innen vor
                    bevorstehenden Veranstaltungen als „eine wahre Verschmelzung betreffend Lyrik,
                    Pop und unkonventionellen Klangwelten“<note xml:id="endnote_12"><p>Post der
                            Konzertdirektion Karsten Jahnke Konzerte, Ankündigung von Twenty One
                            Pilots, 2.9.2013: URL: tinyurl.com/y8orfbkn. </p></note>. Darüber hinaus
                    findet aber auch eine implizite Annäherung von Lyrics und Lyrik statt, wenn
                    beispielsweise Seiten wie <title>genius.com</title> die
                    literaturwissenschaftlichen Techniken der Gedichtanalyse auf Songtexte
                    übertragen, Künstler*innen im Zusammenhang mit Dichter*innen stillschweigend in
                    Lieblingsgedicht-Sammlungen aufgenommen werden<note xml:id="endnote_13"><p>Vgl.
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Ridell2018" type="bibl" target="#Riddell2018">Chris
                                Riddell: Poems to Live Your Life By. London: Pan MacMillan
                                2018</ref>; vgl. auch: „<title>Love Letter</title> by Nick Cave is
                            lyrical poetry about passion, remorse and hope that lives on the page
                            just as powerfully as in song“ (ders.: „From John Keats to Nick Cave:
                            poems for every stage in life“, The Guardian, International Edition,
                            4.10.2018, URL:
                            theguardian.com/books/2018/oct/04/poetry-to-live-by-chris-riddell).</p></note>
                    oder Kanye West auf <title>powerpoetry.com</title> kommentarlos neben Goethe,
                    Shakespeare und Plath als „famous poet“ aufgeführt wird.<note
                        xml:id="endnote_14"><p>Seite für Kanye West auf
                                <title>powerpoetry.com</title>. URL:
                            www.powerpoetry.org/famous-poet/kanye-west.</p></note>
                </p>
                <p>Fest steht: Wenn Amazon-Rezensent*innen Bands „für die Gabe[,] Lyrik aus den
                    Boxen fließen zu lassen“,<note xml:id="endnote_15"><p>Kundenrezension zu
                            Silbermond – <title>Schritte</title>, Tilman Schneider, „Songs mit ganz
                            viel Tiefe“, 26.11.2019. URL:
                            www.amazon.de/gp/customer-reviews/R1AHGFEA6LWW94/ref=cm_cr_arp_d_rvw_ttl?ie=UTF8&amp;ASIN=B07Y36SSXQ.
                        </p></note> beglückwünschen, offenbart sich darin letztlich ein
                    Lyrik/Lyrics-Verständnis, das sich mit Tobias Schwall, Songwriter für Helene
                    Fischer, folgendermaßen auf den Punkt bringen ließe: „Ein Lied ist ja im Prinzip
                    ein Gedicht“.<note xml:id="endnote_16"><p>„Wer schrieb ein Lied für Helene?“
                            [Interview mit Tobias Schwall], Aachener Zeitung, 8.2.2018, URL:
                            www.aachener-zeitung.de/karlo-clever/songwriter-von-helene-fischer_aid-24422739.</p></note>
                    Das seit 2019 erscheinende Magazin <title>Lyrics as Poetry</title> erhebt diese
                    in der populären Rezeption vorherrschende Auffassung gar zum titelgebenden
                        Programm.<note xml:id="endnote_17"><p>Vgl. die Webpage der Print-Zeitschrift
                                <title>Lyrics as Poetry</title>:
                    www.lyricsaspoetry.com/.</p></note></p>
                <p>Dass ebenjene Position allerdings nicht so einhellig vertreten wird, wie man
                    aufgrund der angeführten Zitate vermuten könnte, erweist sich bei genauerer
                    Betrachtung in den unterschiedlichen Nuancierungen der Aussagen: Während
                    einerseits Songs hier tatsächlich als Gedichte klassifiziert werden, werden sie
                    andererseits oft nur mit Gedichten verglichen, scheinen sich also nach Meinung
                    der Schreibenden gewisse Eigenschaften mit Gedichten zu teilen, ohne jedoch
                    selbst welche zu sein. In der Regel lässt sich diese Überlegung nur an der
                    Verwendung von Vergleichswörtern wie „wie“ bzw. „like“ ablesen;<note
                        xml:id="endnote_18"><p>Vgl. etwa den Beitrag von Jennifer Minz auf der
                            Facebook-Seite von Philipp Poisel, 2.1.2012: „ich liebe deine texte.
                            einfach wunderschön… <hi rend="italic">wie</hi> Gedichte“ (URL:
                            www.facebook.com/Philipp.Poisel.offiziell/posts/351937358165464,
                            Hervorhebung durch die Verf.); vgl. Petersdorff: In der Bar zum
                            Krokodil. Lieder und Songs <hi rend="italic">als</hi> Gedichte; vgl.
                            außerdem das auf der Homepage präsentierte Motto von <title>Lyrics as
                                Poetry</title>: „<title>Lyrics <hi rend="italic">as</hi>
                                Poetry</title> is a new print-only journal spotlighting the work of
                            songwriters, where lyrics can be appreciated on their own aesthetic
                            merit—as art on the printed page, <hi rend="italic">like</hi> poetry“ (URL:
                            www.lyricsaspoetry.com/, Hervorhg. durch die Verf.).</p></note> sie
                    bringen Analogie und Differenzbewusstsein gleichermaßen zum Ausdruck. In einigen
                    Fällen finden sich aber auch im Rahmen der nicht-wissenschaftlichen
                    Beschäftigung mit Songs durchaus ambitionierte und vergleichsweise elaborierte
                    Überlegungen zum lyrischen Status von Songs, in denen ein Unterschied zwischen
                    Songs und Gedichten postuliert wird – obgleich insbesondere Diskussionen in
                    Foren offenbaren, dass die Meinungen diesbezüglich ebenso auseinander gehen wie
                    dies mitunter in der wissenschaftlichen Debatte der Fall ist.<note
                        xml:id="endnote_19"><p>Vgl. auch die Diskussion im Forum zur Frage von Myzel
                            (17.6.2011): „Was genau ist der Unterschied zwischen einem Liedtext und
                            einem Gedicht?“, URL: forum.fanfiktion.de/t/11466/1; Frage von Laraa22:
                            „Sind Lieder Gedichte?“ und Antworten darauf, [o. D.]. URL:
                            www.gutefrage.net/frage/sind-lieder-gedichte; Edith Jeske: „Lyric und
                            Lyrics – Hintergrundwissen (Buchseite 28)“, 22.7.2011, URL:
                            songtexte-schreiben-lernen.de/blog/s-28-lyric-und-lyrics-hintergrundwissen/.</p></note>
                </p>
                <p>An einer Moderation, mit der die Schauspielerin Caroline Peters im <hi
                        rend="italic">Deutschlandfunk</hi> die Band <hi rend="italic">Selig</hi>
                    ankündigt, lässt sich unter anderem ablesen, dass die wissenschaftliche Debatte
                    nicht von jener zu trennen ist, die in ‚populäreren Räumen‘ geführt wird: </p>
                <cit>
                    <quote source="Peters">Eine Musik, die in meinem Leben auch immer wieder an
                        verschiedenen Stellen aufgetaucht ist, ist die Musik von Selig, das ist,
                        glaub ich, ein bisschen der Soundtrack meiner Generation gewesen […]. Und
                        dann sind sie immer wieder verschwunden […] und auch die <hi rend="italic"
                            >Lieder</hi> sind immer wieder für mich verschwunden und <hi
                            rend="italic">textlich</hi> zum Beispiel immer wieder zurückgekommen,
                        weil ich tatsächlich behaupten würde – jetzt kommt die steile literarische
                        These – : Jan Plewka [Sänger von <hi rend="italic">Selig</hi>] ist der <hi
                            rend="italic">beste Dichter deutscher Sprache</hi> (was natürlich kein
                        Literaturwissenschaftler unterschreiben würde, weil er ja <hi rend="italic"
                            >Popstar</hi> war und Popstar ist, dann kann er ja kein Dichter sein),
                        aber in <hi rend="italic">meinen</hi> Augen ist er ein <hi rend="italic"
                            >fantastischer</hi> Wortkünstler und ein herausragender <hi
                            rend="italic">Dichter</hi> im Sinne von Dichtern wie Paul Celan oder
                        Ingeborg Bachmann.<note xml:id="endnote_20"><p>„David Bowie hat mich
                                wahnsinnig beeindruckt“, Caroline Peters im Deutschlandfunk,
                                    <title>Klassik-Pop-et-cetera</title>, Sendung vom 8.2.2020. URL:
                                www.deutschlandfunk.de/die-schauspielerin-caroline-peters-david-bowie-hat-mich.827.de.html?dram:article_id=465149#
                                [Transkription und Hervorhebung in Anlehnung an die Betonung von
                                Peters durch die Verf.]. </p></note></quote>
                </cit>
                <p>Peters’ Aussagen sind gleich in mehrerlei Hinsicht aufschlussreich. Sie zeigen,
                    dass die Gleichsetzung bzw. Subsummierung von Lyrics und Lyrik nicht nur
                    zufällig, achtlos oder deshalb geschieht, weil Rezipient*innen behelfsmäßig auf
                    Begriffe aus ihrem Schulunterricht zurückgreifen. Peters benutzt das Label
                    ‚Lyrik‘ ganz bewusst und bezieht die damit verbundenen Schlussfolgerungen mit
                    ein: Wer einen Songwriter als herausragenden Dichter klassifiziert, ordnet ihn
                    eben in dieselbe Kategorie ein wie Celan, Bachmann und andere, unstrittige
                    ‚große deutsche Dichter‘. Zugleich artikuliert Peters ein Problembewusstsein für
                    die Kontroversität der Lyrics-Lyrik-Frage und schreibt der Literaturwissenschaft
                    eine den Realitäten so kaum mehr entsprechende normative Trennung von Lyrics und
                    Lyrik zu, die in ihrer eigenen Argumentation durch literarische Werturteile
                    aufgehoben wird – was wiederum als Phänomen auch in der wissenschaftlichen
                    Auseinandersetzung begegnet. </p>
                <p>Innerhalb derselben finden die Selbstaussagen von Künstler*innen in der Regel
                    wenig Beachtung, auch solche nicht, bei denen sich die Repräsentant*innen der
                    Popkultur kategorisch gegen die Gleichsetzung von Songs und Gedichten
                    aussprechen. Selbst diese Position gibt es jedoch häufiger. So erklärt der
                    Sänger Tamino etwa in einem Interview: „Ich sehe in Songs keine Gedichte.
                    Vielleicht kann man manche Songs einfach lesen und die Aussage bleibt, vor allem
                    bei Songs von Leonard Cohen. Aber die meisten Songs sind keine Gedichte. Sogar
                    Bob[-]Dylan[-]Songs nicht.“<note xml:id="endnote_21"><p>„Vom Dichten und
                            Performen – Tamino im Interview“ [Interview von Yannick Philippe], The
                            Postie, 7.8.2018. URL:
                            thepostie.de/interviews/tamino-im-interview-vom-dichten-und-performen.</p></note>
                    Und auch in den Songs selbst finden sich Pendants zu den oben genannten
                    selbstbewussten Künstler*innen-Bekenntnissen, in denen für das eigene Schaffen
                    eben <hi rend="italic">kein</hi> dichterisches Vermögen beansprucht wird, so zum
                    Beispiel, wenn es in <title>Suck It and See</title> von den Arctic Monkeys
                    heißt: „I poured my aching heart into a pop song / I couldn’t get the hang of
                    poetry“. </p>
                <p>Auch im populären Diskurs lässt sich ein Spannungsfeld in der
                    Lyrics-Lyrik-Debatte beobachten, das sowohl bezogen auf die verschiedenen
                    Akteur*innen als auch in Bezug auf die vertretenen Positionen von Ambivalenz und
                    Vielfalt geprägt ist. Dabei unterscheidet sich selbst innerhalb vermeintlich
                    homogener Gruppen das Lyrics/Lyrik-Verständnis gravierend, in den meisten Fällen
                    werden aber keine Begründungen oder systematischen Überlegungen zur
                    Rechtfertigung des eigenen Standpunktes angeführt. Dass die Diskussion letztlich
                    axiomatische Züge trägt, zeigt sich z.B., wenn sich der Schriftsteller und
                    Musiker Sven Regener dagegen verwahrt, dass seine Songtexte überhaupt gelesen
                    werden („Songtexte sind für mich nicht zum Lesen da“), obwohl er diese im
                    gleichen Atemzug zur „Dichtung“ zählt und die nicht musikalisch begleitete Lyrik
                    schließlich zum literaturhistorischen Ausnahmefall erklärt („Die Lyrik ist die
                    Musik in der Literatur“).<note xml:id="endnote_22"><p>„Songtexte sind Dichtung“.
                            Interview mit Wolfgang Niedecken, Sven Regener und Juli Zeh, Frankfurter
                            Rundschau, 10.3.2011. URL:
                            www.fr.de/kultur/buchmesse-frankfurt/buchmesse-rueckblick/wolfgang-niedecken-sven-regener-juli-zeh-songtexte-sind-dichtung-a-934769.</p></note>
                </p>
                <p>Wie komplex das Spannungsverhältnis sich gestaltet, in dem Songs durch
                    Hörerschaft und Produzierende bezogen auf Lyrik verortet werden, lässt sich
                    recht eindrücklich am Beispiel von Eminems <title>The Monster</title> (2013)
                    ablesen. Dort heißt es: „Now I ain’t much of a poet / But I know somebody once
                    told me to seize the moment“. Zunächst handelt es sich bei der zweiten Zeile um
                    ein wiederkehrendes Motiv in Eminems Songs, das sich wortgetreu und prominent in
                        <title>Sing For The Moment</title> (2003) und sinngemäß in <title>Lose
                        Yourself</title> (2002) wiederfindet; „somebody“ bezeichnet in diesem Sinne
                    also den Künstler selbst. Darüber hinaus lassen sich die Zeilen jedoch als
                    Verweis auf die berühmte Sentenz „carpe diem“ des römischen Dichters Horaz
                    deuten, wodurch die vermeintlich bescheidene und auf den ersten Blick
                    irritierende Erwähnung des eigenen (Nicht-)Dichter-Seins durchaus ambivalent
                    erscheint – rappte Eminem zudem doch bereits 2001 in <title>Renegade</title>
                    darüber, dass er für einige „a regular modern-day Shakespeare“ sei. </p>
                <p>Obschon die eher beiläufig anmutende Bemerkung zum eigenen Dichter-Status
                    durchaus als Kokettieren mit ebendiesem verstanden werden kann, provozierte die
                    Zeile bei seinen Hörer*innen aufschlussreiche Reaktionen: Auf der Website
                        <title>songmeanings.com</title>, die sich zum einen der Bereitstellung von
                    Songtexten verschrieben hat, zum anderen aber vor allem deren Interpretation(en)
                    durch registrierte Nutzer*innen in den Vordergrund stellt, findet sich ein
                    Kommentar, in dem eine Userin dem Rapper vehement widerspricht: „I know in this
                    song Eminem says that he’s not a poet, but really, that’s what he is! His songs
                    have so much meaning to it [sic].“<note xml:id="endnote_23"><p>Kommentar von
                            leolivie zu Eminem – <title>The Monster</title>, 19.3.2014. URL:
                            songmeanings.com/songs/view/3530822107859471346/?&amp;specific_com=73016256721#comments.</p></note>
                    Neben der beinahe entrüsteten Richtigstellung der künstlerischen Selbstaussage
                    findet sich hier im zweiten Satz zugleich ein wertvoller Hinweis auf das
                    intuitive Lyrik-Verständnis der Rezipientin: das Vorhandensein von
                    Mehrdeutigkeit(en) und ‚tieferem‘, zu entschlüsselndem Sinn.</p>
                <p>Bemerkenswert ist überdies das Selbstverständnis der Rezipientin, die sich
                    fraglos dazu befugt sieht, ihrem Idol entgegen seiner (vermeintlichen) Ablehnung
                    den Dichterstatus zuzusprechen, und die ihm damit letztlich – wenn auch
                    sicherlich unbeabsichtigt – die Deutungshoheit sowohl über seine Person(a)<note
                        xml:id="endnote_24"><p>Bzw. genauer: über den „Pop-Star“ Eminem, der laut
                            Diederichsen „durch eine konstitutive Unentschiedenheit zwischen Rolle
                            und Person in der Performance bestimmt wird“
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Diederichsen2014-270" type="bibl" rend="brackets"
                                target="#Diederichsen2014">2014: 270</ref>; zum Konzept der Persona
                            vgl. auch
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_baßler2019-138" type="bibl" target="#Baßler2019">Baßler
                                2019: 138</ref>.</p></note> als auch sein Werk abspricht. Diese
                    Beobachtung lässt sich auf ein Gros der in diesem Rahmen vorgestellten
                    Rezeptionseffekte übertragen und führt letzten Endes zu der zentralen
                    Erkenntnis, dass in der Idee von ‚Lyrics als Lyrik‘ die populäre Rezeption (im
                    Gegensatz zur Autorschaft) eine maßgebliche Rolle spielt.<note
                        xml:id="endnote_25"><p>Zu den Rezipient*innen als „Macher von Pop-Musik“:
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Diederichsen2014-XI" type="bibl"
                                target="#Diederichsen2014">Diederichsen 2014: XI, 3–39.</ref>
                        </p></note> Dies gilt zumal für die Netzrezeption als wichtigsten Ort der
                    Songtext-Rezeption (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_böttcher2018-d2e3" type="bibl" target="#Böttcher2018">Böttcher
                        2018</ref>) – und zwar selbst dort, wo (wie bei <title>genius</title>) die
                    Künstler*innen als privilegierte Interpret*innen ihrer Werke behandelt werden.
                </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_02-04_03">
                <head>II.</head>
                <p>Um Aufschluss darüber zu erhalten, wie sich in der populären Rezeption der Blick
                    auf Text und/oder Klang sowie deren Verhältnis zueinander – als zentraler Aspekt
                    der Lyrics-Lyrik-Debatte – genauer ausnimmt, lohnt die Beschäftigung mit den
                    Rezeptionspraktiken in den Netzgemeinschaften. In ihnen wird deutlich, dass sich
                    die vielschichtige und multifaktorielle Bedeutungskonstitution von Songs in den
                    Hör- bzw. Lese-Praktiken der Rezipient*innen widerspiegelt. So lässt sich
                    wiederholt beobachten, dass Kommentator*innen Songs mindestens als ‚Zweiklang‘
                    begreifen: als Zusammenspiel von Text und Musik. Userin Michelle Hovatter
                    beispielsweise lobt Cave für dessen „Exquisite music, beautiful poetry“<note
                        xml:id="endnote_26"><p>Michelle Hovatter, Kommentar zu Nick Cave &amp; The
                            Bad Seeds – <title>Skeleton Tree</title>, 12.9.2016.URL:
                            www.facebook.com/nickcaveandthebadseeds/posts/10153907684268034?comment_id=10153907867553034&amp;comment_tracking=%7B;
                            vgl. auch den Kommentar von Kobyab1 aus dem Live-Chat zu Nick Cave and
                            The Bad Seeds – <title>Ghosteen</title> (Global Premiere), 3.10.2019,
                            min. 54:49: „The poetry and music sweeps you away“ (URL:
                            www.youtube.com/watch?v=GwlU_wsT20Q). </p></note>, artspling 106
                    beschreibt das Arrangement von Glass Animals’ <title>Agnes</title> als „the way
                    they add the intensely trancing music with the powerful lyrics“<note
                        xml:id="endnote_27"><p>Kommentar von artspling zu Glass Animals –
                                <title>Agnes</title>, 14.3.2017. URL:
                            genius.com/Glass-animals-agnes-lyrics.</p></note> , und eine
                    Amazon-Rezensentin attestiert Max Giesingers Album <title>Laufen Lernen</title>
                    begeistert: „Schöne Texte deutsch [sic]! Und tolle Musik.“<note
                        xml:id="endnote_28"><p>Kundenrezension zu Max Giesinger – <hi rend="italic"
                                >Laufen Lernen</hi>, Katrin Bogusch-Gabriel, „Super Spitze“,
                            30.10.2014. URL: www.amazon.de/gp/customer-reviews/R2CLU8M4R8I5Y1/ref=cm_cr_getr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&amp;ASIN=B00J8Y84AC.</p></note>
                    Auch die verbreitete Auffassung, ‚RAP‘ als Akronym für „Rhythm And Poetry“ oder
                    „Rhythm Assisted Poetry“<note xml:id="endnote_29"><p>Kommentar von CLIFFHEADUK
                            zum Video „Denzel Curry "CLOUT COBAIN | CLOUT CO13A1N" Official Lyrics
                            &amp; Meaning“. URL: www.youtube.com/watch?v=u_u3ikNihbw&amp;lc=UgwS0W6DX-6JyLs1GfN4AaABAg.8p66f2n4arW8pbXMRTNc-c;
                            Kommentar von Psyoneal, URL: www.youtube.com/watch?v=u_u3ikNihbw&amp;lc=UgwS0W6DX-6JyLs1GfN4AaABAg.8p66f2n4arW8rWzWwtzA3m.</p></note>
                    zu begreifen, verrät eine ähnliche Tendenz. </p>
                <p>Dabei verrät die Bandbreite vergleichbarer Aussagen, die vom deutschen
                        „SongPoeten“<note xml:id="endnote_30"><p>So der neueste Marketingcoup von
                            Sony Music, vgl. die Albumankündigung „Songpoeten“, 29.1.2016, URL:
                            www.sonymusic.de/news/das-album-der-neuen-deutschen-poesie; die
                            Facebook-Seite „Songpoeten“, betrieben von Sony Music,
                            www.facebook.com/songpoetende/; sowie den Youtube-Kanal „Songpoeten“,
                            betrieben von Sony Music, URL:
                            www.youtube.com/channel/UCVkXCOYluJvD6OPjX9HXj-A. </p></note> Mark
                    Forster („Tolles Arrangement und schoene Texte“)<note xml:id="endnote_31"
                            ><p>Kundenrezension zu Mark Forster – <title>Bauch und Kopf</title>,
                            Sonne fuer die Ohren, „Viel besser als die vorherige“, 11.6.2015, URL:
                            www.amazon.de/gp/customer-reviews/R3FXAA9P27P5BY/ref=cm_cr_othr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&amp;ASIN=B00L1S9S76.
                        </p></note> bis hin zum auch in der populären Rezeption gern als „greatest
                    modern poet“ bezeichneten Dylan („another piece of eloquent wordsmithing mastery
                    set to music“)<note xml:id="endnote_32"><p>Mona Innes, Kommentar zu Bob Dylan –
                                <title>I Contain Multitudes</title>, 17.4.2020, URL:
                            www.facebook.com/bobdylan/photos/a.10151375261005696/10163204993540696/?type=3&amp;comment_id=10163205176350696;
                            Kommentar von Kimberley Meek, 17.4.2020, URL:
                            www.facebook.com/bobdylan/photos/a.10151375261005696/10163204993540696/?type=3&amp;comment_id=10163205536665696.
                        </p></note> reicht, dass – bei allen genre- und soziokulturell bedingten
                    Unterschieden – die Wahrnehmung von Songs als Zusammenschluss verschiedener
                    Elemente weit verbreitet ist. Auch wenn sich die genaue Bezeichnung dieser
                    Bestandteile insbesondere aufseiten der ‚Musik‘ unterschiedlich gestaltet, sie
                    mal als „Musik“, „Arrangement“, „Rhythmus“, „Melodie“, „Stimme“ oder „Beat“
                    bezeichnet werden,<note xml:id="endnote_33"><p>Vgl. Beispiele oben sowie die
                            Kundenrezension zu Max Giesinger – <title>Die Reise</title>, Katrin,
                            „Jeah“, 25.1.2019: „Tief greifende Texte mit toller Melodie versehen“
                            (URL:
                            www.amazon.de/gp/customer-reviews/RCI4MOEJFH957/ref=cm_cr_getr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&amp;ASIN=B07CXYN4BS);
                            in Bezug auf die Stimme vgl. Kundenrezensionen mit dem Schlagwort
                            ‚Stimme‘ zu Mark Forster – <title>Bauch und Kopf</title>, URL:
                            www.amazon.de/Bauch-Kopf-Mark-Forster/product-reviews/B00L1S9S76/ref=cm_cr_arp_d_viewopt_kywd?pageNumber=1&amp;filterByKeyword=stimme;
                            zu Stimme und Beat vgl. Kommentar von iam_alphodon zu Justin Bieber –
                                <title>Yummy</title>, 3.1.2020, URL:
                            genius.com/Justin-bieber-yummy-lyrics; vgl. außerdem den Kommentar von
                            dmadsen zu Maroon 5 – <title>Better That We Break</title>, 16.06.2007:
                            „Music and words combine very well in this song“ (URL:
                            songmeanings.com/songs/view/3530822107858663706/?&amp;specific_com=73015322245#comments);
                            „Melancholie und viel Gefühl sind die Hauptzutaten seiner Texte, und
                            musikalisch schimmert bei jedem Ton die Liebe zum Detail durch“
                            (Matthias Klaus: „German Pop 21: Florian Ostertag“, Programmankündigung
                            der Deutschen Welle, 24.2.2012, URL:
                            www.dw.com/de/german-pop-21-florian-ostertag/a-15765885).</p></note>
                    zeigt sich insgesamt die eindeutige Tendenz, den Text (auch „Lyrics“, „Poetry“,
                    „words“) als ein zentrales Element von Songs zu begreifen, das für sich genommen
                    stehen und bewertet werden kann. Besonders deutlich wird dies dort, wo für die
                    Rezipienten eine qualitative Diskrepanz zwischen den verschiedenen Bestandteilen
                    eines Songs besteht, so etwa wenn User*in iam_alphadon 53 sich anlässlich Justin
                    Biebers Comeback-Single <title>Yummy</title> höchst unzufrieden darüber äußert,
                    dass Beat und Gesang zwar ganz nett seien, die Lyrics aber auf ganzer Linie
                    enttäuschten: „All this track has is an interesting beat and nice vocals, it is
                    a mess lyrically. This shouldn’t be happening after 4 years“.<note
                        xml:id="endnote_34"><p>Kommentar von iam_alphodon zu Justin Bieber –
                                <title>Yummy</title>.</p></note>
                </p>
                <p>Wie zentral der Songtext für die populäre Rezeption ist, deutet sich bereits in
                    Werner Faulstichs früher hellsichtiger Bezeichnung von Songtexten als
                    „(Massen-)Lyrik“ an
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Faulstich1978-62" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Faulstich1978">1978: 62</ref>. Durch ihre ständige und weitläufige
                    Verfügbarkeit im Internet wurde dieser Effekt in den letzten Jahren massiv
                    verstärkt, sodass die Bedeutung von Lyrics für die Rezeption sich heutzutage
                    allein am enormen Umfang des lyricsbezogenen Internetangebot ablesen lässt (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Böttcher2018-74f." type="bibl" target="#Böttcher2018">Böttcher
                        2018: 74f.</ref>;
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_naschert2006-113" type="bibl" target="#Naschert2006">Naschert
                        2006: 113</ref>). Umgekehrt spiegelt sich in der Breite und dem zunehmenden
                    Ausbau des digitalen Angebots das immer schon ausgeprägte Bedürfnis der
                    Rezipient*innen, Songtexte auch lesend nachzuvollziehen, sowie die besondere
                    Bedeutung der sprachlichen Zeichen, mithin des Textes, für das Verstehen des
                    Songs als Ganzes.<note xml:id="endnote_35"><p>Vgl. dagegen die Vorstellung von
                            einer „ahierarchischen Vernetzung heterogener sinnbildender Elemente“
                            bei
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_petras2011-21" type="bibl" target="#Petras2011">Petras
                                2011: 21</ref>.</p></note>
                </p>
                <p>Dabei geht es mutmaßlich nicht zuletzt um die auditive Wahrnehmung der Hörenden,
                    die sich aufgrund genre-, künstler- oder song-spezifischer Gegebenheiten oder
                    der eigenen (Fremd)-Sprachenkenntnisse mit dem Problem konfrontiert sehen,
                    schlichtweg nicht heraushören zu können, welche Worte im Song überhaupt gesungen
                        werden.<note xml:id="endnote_36"><p>Auch das Phänomen der
                            „Songmissverständnisse“ resultiert aus derartigen Verständnisproblemen,
                            vgl. dazu z.B. Behrendt 2017.</p></note> Webseiten wie
                        <title>azlyrics</title>, <title>songtexte</title>,
                        <title>metrolyrics</title> oder <title>lyrics.com</title>, die bloße Texte
                    und eine seitenintegrierte Möglichkeit zum simultanen Anhören des jeweiligen
                    Songs über Amazon Music anbieten, bedienen ebenjenes Bedürfnis und stellen
                    gleichzeitig einen Gesamttext zur Verfügung, der vom Rezipient*innen im eigenen
                    Tempo und beliebig oft gelesen werden kann. Sie übernehmen damit die
                    ursprüngliche Funktion von Booklets, ohne diese allerdings zu ersetzen
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Böttcher2018" type="bibl" rend="brackets" target="#Böttcher2018"
                        >vgl. Böttcher 2018</ref>.</p>
                <p>Wie ausgeprägt die Nachfrage nach Songtexten letztlich ist, lässt sich überdies
                    daran ablesen, dass Google seit Dezember 2014 die jeweiligen Lyrics als
                    Ergebnisse von Songtext-Suchen direkt im Browser anzeigt. Dass es sich hierbei
                    nicht um eine mildtätige Maßnahme des Unternehmens handelt, um seine
                    Nutzer*innen vor werbeträchtigen Lyricsseiten zu schützen, sondern der
                    Entscheidung marktwirtschaftliche Überlegungen zugrunde liegen, ist offenkundig
                    – führt doch der zugehörige Link zum Google-Play-Store, in dem sich der gesuchte
                    Song direkt käuflich erwerben lässt. Weniger offensichtlich und zugleich
                    deutlich interessanter ist jedoch der – an Led Zeppelins <title>Stairway to
                        Heaven</title> angelehnte – Teaser, mit dem Google seine Neuerung
                    ankündigte: „There's a feeling you get when you turn to a song and you know that
                    the words have two meanings. Well it's whispered that now if you go search the
                    tune, maybe Google will lead you to reason. Ooh, it makes you wonder ...“<note
                        xml:id="endnote_37"><p>Zit. n. Rick McCormick: „Google now shows song lyrics
                            with search results“, The Verge, 23.12.2014, URL:
                            www.theverge.com/2014/12/23/7439833/google-now-shows-song-lyrics-with-search-results.</p></note>
                    Zum einen spiegeln sich in diesem kurzen Text gängige Rezeptionspraktiken, die
                    (wie oben beschrieben) auf ein ‚Verstehens‘-Bedürfnis zurückgehen und in der
                    Internetrecherche münden. Zum anderen verweist das Zitat aber auf ein weiteres
                    Verständnisproblem, das Musik-Rezipient*innen ins Netz treibt: die
                    Mehrdeutigkeit von Wörtern bzw. Texten.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_02-04_04">
                <head>III.</head>
                <p>Die Entschlüsselung solcher Mehrdeutigkeiten hat sich insbesondere
                        <title>genius.com</title> zur Aufgabe gemacht, indem dort innerhalb einer
                    inzwischen mehr als zwei Millionen Mitglieder zählenden Community mittlerweile
                    über 25 Millionen Songtexte<note xml:id="endnote_38"><p>Vgl. „About Genius“,
                            URL: genius.com/Genius-about-genius-annotated.</p></note> in
                    standardisierter, von User*innen vorgenommener Transkription präsentiert werden,
                    die dann im Rahmen eines komplexen Annotationssystems mit gemeinschaftlich
                    generiertem Wissen angereichert werden. Vorwiegend geht es dabei um
                    intertextuelle Bezüge, Hintergrundwissen zu den jeweiligen Künstler*innen, Alben
                    und Songs, Übersetzungen von fremdsprachlichen Wörtern oder Slang-Begriffen,
                    doch auch Interpretationsansätze einzelner Textteile und sogar Analysen
                    literarischer Klassiker im engeren Sinn sind dort zu finden (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_böttcher2018_2" type="bibl" target="#Böttcher2018">Böttcher
                        2018</ref>;
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_dieckmann2021-d2e3" type="bibl" target="#Dieckmann2021"
                        >Dieckmann 2021</ref>). Wenngleich ein seitenintegriertes Tool zum Anhören
                    des Songs zur Verfügung gestellt wird – das allerdings nach 30 Sekunden nur noch
                    für Apple-Music-Abonnenten weiter nutzbar ist –, fällt auf, dass eindeutig der
                    semantisch-pragmatisch decodierbare Songtext im Zentrum des Interesses steht.
                    Davon zeugen zum einen die elaborierten Handreichungen in Form von
                    Transkriptionsrichtlinien zur Herstellung einer belastbaren Textgrundlage, die
                    Instrumentierung und andere klangliche Elemente komplett ignoriert, aber auch
                    ein von den ‚Seitenmachern‘ bereitgestelltes Glossar mit gängigen Begriffen der
                        Lyrikanalyse<note xml:id="endnote_39"><p>Vgl. das „Glossar lyrischer
                            Begriffe“ auf <title>genius.com</title>: URL:
                            genius.com/Genius-deutschland-lyrische-begriffe-annotated.</p></note>
                    sowie die Tatsache, dass auf die klangliche Ebene der jeweiligen Songs auch
                    vonseiten der Rezipient*innen in aller Regel nicht (oder höchstens im Rahmen
                    allgemein gehaltener, oftmals wertender Kommentare ohne interpretatorische
                    Ansätze) eingegangen wird. </p>
                <p>Der Erfolg von <title>genius</title> spricht Bände: Ständig steigende
                    Besucherzahlen (zur Zeit „mehr als hundert Millionen Menschen im Monat“,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_dieckmann2021" type="bibl" target="#Dieckmann2021">Dieckmann
                        2021</ref>), eine enorme Anzahl von Aufrufen der Lyrics von Neuerscheinungen
                    erfolgreicher Künstler*innen<note xml:id="endnote_40"><p>Am 9.2.2021 um 10.56
                            Uhr verzeichnete die <title>genius</title>-Seite der am 5.2.
                            erschienenen Single <title>Up</title> von Cardi B bereits 422.160 Views,
                            140 Menschen sahen sich die Lyrics in diesem Moment gleichzeitig an:
                            https://genius.com/Cardi-b-up-lyrics.</p></note> und deren Bereitschaft,
                    an der Entschlüsselung eigener Songs und/oder in den von <title>genius</title>
                    eigens produzierten Videoformaten mitzuwirken (häufig zum Thema Lyrics und deren
                    von der Künstlerin, vom Künstler abgesegnete Entschlüsselung oder auch zur
                    Entstehung der klanglichen Dimension, etwa unter dem Titel „Official Lyrics
                    &amp; Meaning“ in Formaten wie <term>Deconstructed</term> oder
                        <term>Verified</term>), spiegeln ein enormes Verstehensbedürfnis von
                    Song-Rezipient*innen wider. Und auch die Künstler*innen finden an der gemeinhin
                    äußerst autorgläubigen Community Gefallen: „Es ist cool zu sehen, wie Leute
                    meine Lyrics auseinandernehmen, als sei es fucking Shakespeare“, so die
                    Musikerin Phoebe Bridgers (ebd.).</p>
                <p>Nimmt man die bei <title>genius</title> praktizierte Umgangsweise mit Songs als
                    Rezeptionspraxis ernst, so erscheint es durchaus angemessen, Lyrics als Lyrik
                    ins Zentrum einer Songanalyse zu stellen. Das kollektive Wissen, welches die mit
                    netzphilologischem Positivismus operierende Community hier generiert und
                    präsentiert, besteht besonders in Decodierungshilfen, Dechiffrierungen (etwa
                    intertextueller Allusionen und subkultureller Referenzen) und Deutungsangeboten,
                    die ein allgemeines, weitgehend voraussetzungsloses Verstehen ermöglichen.
                    Fernerhin finden sich in derart global agierenden Netzgemeinden ebenso
                    User*innen, die vergleichsweise kleinen Sprachgemeinschaften angehören und durch
                    ihre Tätigkeit als Übersetzer*innen und Kulturvermittler*innen auch entlegenere
                    Texte für andere zugänglich machen. Daraus ergeben sich potentiell interessante
                    Hinweise für die Songanalyse und durch die Interaktion von Muttersprachler*innen
                    und sprachfremden User*innen neue Rezeptions- und Rückkopplungseffekte.</p>
                <p>So wird der isländische Song <title>Svefn-g-englar</title> durch die Übersetzung
                    auf <title>genius</title> für viele Leser*innen überhaupt erst in Gänze
                    verständlich. Die größte Resonanz (mit 102 Likes) erzeugt jedoch eine Anmerkung
                    zur Bedeutung des ‚Wortes‘ „Tjú“<note xml:id="endnote_41"><p>Vgl. Annotation zu
                            „Tjú“ in Sigur Rós – <hi rend="italic">Svefn-g-englar</hi>, URL:
                            genius.com/6355156.</p></note>, welches den Song prägt und wohl am
                    ehestens als Refrain oder Hook (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradley2017a-56f." type="bibl" target="#Bradley2017a">Bradley
                        2017a: 56f. et passim</ref>) bezeichnet werden kann. Dass die Annotation
                    solchen Anklang findet, mag zum einen daran liegen, dass auch eine
                    Suchmaschineneingabe kein Übersetzungsergebnis liefert, die User*innen demnach
                    dankbar dafür sind, nun eine Erklärung zu finden. Zum anderen lässt sich diese
                    Tatsache wiederum darauf zurückführen, dass „Tjú“ gar kein semantisch
                    verstehbares Wort darstellt, sondern „[a] sound that Icelanders make to comfort
                        infants“.<note xml:id="endnote_42"><p>Ebd.</p></note> Somit kann die
                    Resonanz auch darin begründet sein, dass sich hier neue Deutungsangebote
                    eröffnen, die überdies zum Titel und ebenfalls bei <title>genius</title>
                    präsentierten Cover-Artwork des Songs passen. Dass ein bloßes <q
                        rend="double-qm">Interesting &#9829;</q> als Kommentar zur Annotation noch
                    26 Likes erhält, spricht für diese Überlegung.<note xml:id="endnote_43"
                            ><p>Kommentar von CharlieFordGray zur Annotation zu „Tjú“ in Sigur Rós –
                                <hi rend="italic">Svefn-g-englar</hi>, 14.5.2016, URL:
                            genius.com/6355156 (Stand vom 30.5.2020).</p></note></p>
                <p>Bei Songs, die gänzlich ohne entschlüsselbare Lyrics auskommen, stößt die
                    kleinteilig textzentrierte Analysepraxis von <title>genius</title> indes an ihre
                    Grenzen. So hat ein anderer Song der isländischen Band Sigur Rós, <title>Olsen
                        Olsen</title>, der in der für die Band typischen Fantasiesprache <q
                        rend="double-qm">Hopelandic</q> verfasst ist, zwar ebenfalls einen Eintrag
                    auf der Seite, Annotationen oder Kommentare finden sich jedoch nicht.
                    Nichtsdestotrotz scheint das Bedürfnis, bei <title>genius</title> auf eine
                    Textgrundlage zu stoßen und Hinweise zur Bedeutung des Songs zu erhalten, enorm
                    zu sein: 25.402 Menschen haben die Seite bisher – allem Anschein nach erfolglos
                    – besucht.<note xml:id="endnote_44"><p>Genius-Seite von Sigur Rós – <title>Olsen
                                Olsen</title>, URL: genius.com/Sigur-ros-olsen-olsen-lyrics.
                        </p></note>
                </p>
                <p>Ganz anders verhält es sich auf der ‚Schwesterseite‘ von <title>genius</title>:
                    An die Stelle möglichst vieler Fakten und Auflösungen intertextueller Referenzen
                    tritt bei <title>songmeanings.com</title> die Rekonstruktion eines
                    Bedeutungsganzen im hermeneutischen Verständnis (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Böttcher2018-77-80" type="bibl" target="#Böttcher2018">Böttcher
                        2018: 77–80</ref>), die allerdings nicht notwendigerweise auf Lyrics
                    angewiesen ist. Gesammelt werden also keine Einzelstellenkommentare, sondern
                    subjektive Song-Deutungen der User*innen, die unterhalb des Songtextes in Form
                    von Kommentaren präsentiert werden und ebenfalls mit Likes oder Dislikes
                    versehen werden können. Im Allgemeinen werden auch hier gängige Praktiken der
                    Gedichtanalyse vollzogen, indem bspw. deren Begriffe (‚lyrisches Ich‘)
                    Verwendung finden oder Textzeilen zum Beleg der eigenen Interpretation
                    herangezogen werden (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Böttcher2018ebd." type="bibl" target="#Böttcher2018"
                    >ebd.</ref>). </p>
                <p>Besonders interessant ist überdies, dass sich in den Kommentarspalten auf
                        <title>songmeanings</title> immer wieder User*innen finden, die ihr
                    Verstehensbedürfnis explizit artikulieren. So beginnt ein Kommentar mit den
                    Worten: „I can’t quite figure out what this song means, and it’s been bothering
                        me.“<note xml:id="endnote_45"><p>Kommentar von Anarise zu Fleet Foxes –
                                <title>White Winter Hymnal</title>, 07.06.2008, URL:
                            songmeanings.com/songs/view/3530822107858711972/?&amp;specific_com=73015554179#comments.</p></note>
                    Auch Belege dafür, dass Songs und ihre Texte netzphilologische
                    Anschlusskommunikation provozieren, finden sich häufig: „I was just listening to
                    this song on my iTunes and I was just curious about what people thought this
                    song meant to them, and after hearing people[’]s theories I decided to create an
                    account and voice my meaning of this song.“<note xml:id="endnote_46"
                            ><p>Kommentar von iAudrey zu Beyoncé – <title>Halo</title>, 07.08.2010,
                            URL:
                            songmeanings.com/songs/view/3530822107858748089/?&amp;specific_com=73015953782#comments.</p></note>
                </p>
                <p>Doch auch für einen ‚textlosen‘ Song wie <title>Olsen Olsen</title> finden sich
                    hier immerhin 22 Kommentare, die eindrücklich belegen, dass Songs auch ohne
                    Bedeutung im textzentrierten Sinne ein derartiges Kommunikationsbedürfnis
                    auslösen. Besonders prägnant bringt dies User*in <title>Green Weezer Day</title>
                    auf den Punkt: „What the … Nobody posted on this song??? Ok, there is no meaning
                    to it because it’s in Hopelandic because it isn’t a language, but doesn’t the
                    end sound like some kind of chorus you’d hear enter in heaven? Maybe it’s just
                        me.“<note xml:id="endnote_47"><p>Kommentar von Green Weezer Day zu Sigur Rós
                                –<title> Olsen Olsen</title>, 1.4.2006, URL:
                            songmeanings.com/songs/view/3530822107858583270/?&amp;specific_com=73015007394#comments.</p></note>
                    Zum einen wird an dieser Stelle deutlich, wie selbstverständlich Kommentare bei
                        <title>songmeanings.com</title> unabhängig vom decodierbaren Songtext
                    erwartbar zu sein scheinen; zum anderen wird Subjektivität als zentrales Merkmal
                    der <title>Songmeanings</title>-Philosophie angesprochen. Darüber hinaus findet
                    hier aber auch der Klang des Songs Erwähnung, der – im Gegensatz zur
                    Lektürepraxis bei <title>genius.com</title> – eindeutig als ein zentrales und
                    zuweilen bedeutungstragendes Element begriffen wird. Auffällig ist indes, dass
                    der Bezug zum Klang a) besonders dann zum Tragen kommt, wenn über die (nicht
                    vorhandenen) Lyrics kein Zugang zum Song möglich ist<note xml:id="endnote_48"
                            ><p>Vgl. bspw. die zahlreichen textzentrierten Interpretationen zu Red
                            Hot Chili Peppers – <title>Can’t Stop</title> auf
                                <title>songmeanings.com</title>, URL:
                            songmeanings.com/songs/view/134484/.</p></note> sowie b) dass dabei
                    häufig die vom Song ausgelösten Emotionen und Assoziationen hervorgehoben
                    werden, während eine Bedeutung des ‚textlosen‘ Songs im klassischen Sinne
                    entweder (wie im obigen Kommentar) als nicht vorhanden betrachtet wird bzw.
                    nicht artikulierbar zu sein scheint<note xml:id="endnote_49"><p>Vgl. Kommentar
                            von Schizophren zu Sigur Rós – <title>Ný Batterí</title>, 21.11.2004,
                            URL:
                            songmeanings.com/songs/view/40097/?&amp;specific_com=73014710066#comments.</p></note>
                    – oder schlichtweg nicht interessiert: „I really don’t care what it means. It
                    touches me in complex way [sic], my whole soul is tuning to the music and emotions.“<add>
                        <note xml:id="endnote_50"><p>Kommentar von sneer zu Sigur Rós – <title>Olsen
                                    Olsen</title>, 16.5.2013, URL:
                                songmeanings.com/songs/view/3530822107858583270/?&amp;specific_com=73016211472#comments.
                            </p></note>
                    </add>
                </p>
                <p>Die hier beschriebene Wirkung von Songs, ihre Fähigkeit, Emotionen auszulösen,
                    tritt besonders dort frappierend zutage, wo nicht einmal mehr eine mit
                    sprachlichen Äußerungen in Verbindung zu bringende Stimme im Song zu verzeichnen
                    ist. So zeigt sich Youtube-User ,Brian Combs‘ äußerst verblüfft darüber, dass
                    ein ihm unbekannter Videospiel-Soundtrack ihn aus unerfindlichen Gründen zu
                    Tränen rühren konnte: </p>
                <cit>
                    <quote source="Combs">Whenever I first heard this song, tears fell from my eyes.
                        It wasn’t nostalgia, as I have yet to play the original Donkey Kong Country
                        games. It wasn't the characters that gave me this feeling. It wasn’t an
                        awe-inspiring story. So what was it? How could <hi rend="italic">just a song
                            and a song alone</hi> make me feel this way? Is this the power of a true
                            musician?<note xml:id="endnote_51"><p>Kommentar von Brian Combs zu
                                    <title>Seashore War</title> [Donkey Kong Country: Tropical
                                Freeze Sountrack], URL:
                                www.youtube.com/watch?v=Boqy0Q-4c_M&amp;lc=UgidFcC92VoPy3gCoAEC,
                                Hervorhebung durch die Verf.</p></note>
                    </quote>
                </cit>
                <p>Derartige Rezeptionseffekte belegen eindrücklich die emotive Wirkung von Songs
                    und insbesondere ihrem musikalischen Anteil, die auch in der
                    (literatur-)wissenschaftlichen wie (musik-)psychologischen Forschung immer
                    wieder betont wird (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradley2017a-30" type="bibl" target="#Bradley2017a">Bradley
                        2017a: 30, 53</ref>;
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Juslin_Sloboda2010" type="bibl" target="#Juslin_Sloboda2010"
                        >Juslin/Sloboda 2010</ref>). Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang nur auf
                    die Rezeption von Bruce Springsteens Erfolgshit <title>Born in the USA</title>
                    (1984) verwiesen, bei dem der Klang den Text im Endeffekt geradezu
                    konterkariert: Obwohl der Text das trost- und hoffnungslose Leben eines
                    Vietnam-Veteranen zeichnet und zweifelsohne als Kritik am Vietnamkrieg und dem
                    gesellschaftlichen Umgang mit den rückkehrenden Soldaten zu deuten ist, wurde
                    und wird der Song häufig für Wahlkampfveranstaltungen genutzt und von
                    Patriot*innen vereinnahmt. Die sarkastische Anlage des Refrains und der
                    Charakter des Liedes als Anti-Hymne können hier erst erfasst werden, wenn die
                    Beschäftigung über die klangliche Dimension des Songs mit dem
                    „feierlich-bombastische[n] Charakter der Musik“ (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_behrendt2017-21" type="bibl" target="#Behrendt2017">Behrendt
                        2017: 21</ref>) und dem kraftvollen Gesang Springsteens hinaus sich auch auf
                    den Text erstreckt. </p>
                <p>Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf die Netzrezeption zunächst konstatieren,
                    dass bei der Interpretation eines Liedes durch seine Hörer*innen der Songtext –
                    sofern er vorhanden ist – eindeutig im Zentrum des Interesses steht. ‚Worum es
                    im Song geht‘, darüber geben offenbar erst die Lyrics Aufschluss, und zur
                    Bedeutungsfindung wird die klangliche Dimension nur in absoluten Ausnahmefällen
                    herangezogen. Bei textlosen Songs wiederum wird deutlich, dass der Klang vor
                    allem bezogen auf die Atmosphäre und die emotionale Wirkung des Songs eine
                    zentrale Rolle spielt und damit auch für seine Bedeutung wesentlich ist. Es ist
                    davon auszugehen, dass diese Tatsache für Songs mit dechiffrierbaren Lyrics
                    genauso gilt, ohne dass dies jedoch von ihren Rezipient*innen explizit geäußert
                    werden muss oder überhaupt wahrgenommen bzw. bewusst reflektiert wird. </p>
                <p>Die Auseinandersetzung mit populären Rezeptionspraktiken im Netz zeigt, wie
                    jenseits akademischer Gefilde analysierend-interpretative Umgangsweisen
                    entwickelt und erprobt werden, die ein methodisches Problembewusstsein gegenüber
                    der Lyrics-Lyrik-Frage und der damit zusammenhängenden Berücksichtigung von
                    textlicher und klanglicher Dimension verraten. Das Bemühen von
                        <title>genius</title> um standardisierte Verfahren der Transkription,
                    Kommentierung, Verifizierung und Deutung etwa ist vor diesem Hintergrund zu
                    sehen. Der in der Forschung vor allem von Bradley
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradley2017a_3" type="bibl" target="#Bradley2017a">2017a</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bradley2017b_3" type="bibl" target="#Bradley2017b">2017b</ref>)
                    vertretene Ansatz, gedichtanalytische Herangehensweisen auf Songs zu übertragen
                    – und zwar ungeachtet ihrer literarischen ‚Qualität‘ oder Genre-Zuordnung –,
                    findet in lyrikanalogen Textumgangsweisen der Netzrezeption sowie den
                    beispielhaft präsentierten Aussagen von Produzent*innen und Rezipient*innen
                    wichtige Argumente und durchaus Anknüpfungspotential. Zugleich offenbart die
                    Beschäftigung mit Songinterpretationen im Netz, dass eine adäquate
                    literaturwissenschaftliche Analyse von Songs deren klangliche Dimension nicht
                    ausblenden kann. Wie sich die Bedeutung aus der Wechselwirkung von Text und
                    Klang konstituiert – eine Konstellation, die sich in der Netzrezeption spiegelt
                    –, soll abschließend an einem Beispiel vorgeführt werden, das auf den ersten
                    Blick musikalisch und sprachlich weit weg von jener Songpoetry liegt, die die
                    Literaturwissenschaft in der Regel zur Untersuchung reizt. Die
                    Beispielinterpretation versteht sich in diesem Sinne als Beitrag zu einer
                    literaturwissenschaftlichen Song-Analyse, die mit Eric Achermann und Guido
                    Naschert ihre <quote source="#ref_d2e3">Wertmaßstäbe aus der Analyse der Gattung
                        selbst entwickelt und nicht von außen an diese [heranträgt]</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Naschert2006-213" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Naschert2006">2005: 213</ref>. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_02-04_05">
                <head>IV.</head>
                <p><hi rend="bold">Armin van Buuren – <title>Blah Blah Blah</title></hi></p>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don’t even care about what they say</l>
                    <l>Cause it's ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don’t even care about what they say</l>
                    <l>Cause it’s ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>Blah blah blah </l>
                    <l>Blah blah blah </l>
                    <l>Blah blah blah </l>
                    <l>Blah blah blah </l>
                    <l>Blah blah blah</l>
                    <l>Blah blah blah.....</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don’t even care about what they say</l>
                    <l>Cause it’s ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don't even care about what they say</l>
                    <l>Cause it’s ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don’t even care about what they say </l>
                    <l>Cause it’s ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>All we ever hear from you is blah blah blah</l>
                    <l>So, all we ever do is go ja ja ja </l>
                    <l>And we don’t even care about what they say</l>
                    <l>Cause it’s ja ja ja ja </l>
                    <l>Blah blah blah blah </l>
                </lg>
                <p><title>Blah Blah Blah</title> (2018) ist eine 3:03 Minuten lange Single des
                    erfolgreichen niederländischen Trance-DJs Armin van Buuren. Sowohl textlich wie
                    auch musikalisch ist der Track (genretypisch) enorm repetitiv, lediglich fünf
                    unterschiedliche Verse lassen sich identifizieren, die im Laufe des Songs immer
                    wieder aufgegriffen werden; das titelgebende „Blah Blah Blah“ ist dabei in
                    quantitativer Hinsicht besonders prominent. Der ab 0:45 einsetzende Beat
                    dominiert den insgesamt elektronischen, von Synthesizern geprägten und äußerst
                    tanzbaren Sound. Die stufenweise Zu- und Abnahme von Soundelementen und abrupte
                    Zäsuren prägen die Dynamik des Songs. Auffällig ist eine Klavierpassage (ab
                    1:42), die nach einer deutlichen klanglichen Zäsur zunächst ohne weitere
                    Soundelemente erklingt, ehe sie mit den bekannten Lyrics kombiniert und
                    schließlich mit den vorherigen elektronischen Soundelementen verwoben wird. Ab
                    2:17 endet sie jäh und der Sound kehrt wieder zu seiner Ausgangsform zurück. Van
                    Buuren tritt (wie für DJs üblich) nicht selbst als Sänger auf, stattdessen ist
                    eine Jungenstimme zu hören, die durch einen Echo-Effekt wie eine Art
                    trotzig-aufmüpfiger Kinderchor wirkt und (nicht nur in dieser Hinsicht) an Pink
                    Floyds <title>Another Brick in the Wall</title> erinnert.</p>
                <p>Auch inhaltlich evoziert <title>Blah Blah Blah</title> unweigerlich derartige
                    Assoziationen: Wie beim britischen Vorgänger wird hier textlich eine Opposition
                    zwischen einem Wir und einem angeklagten Du bzw. Ihr aufgemacht („All <hi
                        rend="bold">we</hi> ever hear from <hi rend="bold">you</hi> is blah blah
                    blah“), wobei Letzteres in <title>Another Brick in the Wall</title> erst im
                    Refrain auftaucht („<hi rend="bold">We</hi> don’t need no education / […] All in
                    all <hi rend="bold">you’re</hi> just another brick in the wall“). Darüber hinaus
                    sind beide Songs als Kritik an der Schule und ihren Lehrer*innen zu deuten, auch
                    wenn sich für <title>Blah Blah Blah</title> – im Gegensatz zur expliziten
                    Formulierung bei Pink Floyd („<hi rend="bold">Teachers</hi> leave them kids
                    alone“) – diese Deutung hauptsächlich aus der beschriebenen Gesangsstimme und
                    der intertextuellen Referenz schließen lässt. Dass der Song auch in der
                    populären Rezeption in Zusammenhang mit Schulkritik gebracht wird, unterstreicht
                    diese Überlegungen und wird anhand eines Blickes in die Kommentarspalten im Netz
                    deutlich: Während Youtube-User*in <hi rend="italic">Carla Anastas</hi> unter dem
                    Official-Lyrics-Video behauptet, für das Zusenden des Songs von ihrem*r
                    Lehrer*in (in welcher Form auch immer) des Unterrichts verwiesen worden zu sein
                    und dafür beachtliche 137 Likes erhält, integriert ihn <hi rend="italic"
                        >nicename 102</hi> zum Gefallen von 389 User*innen in einen aktuellen
                    Internet-Witz als Reaktion der Schüler*innen auf die von Lehrer*innen erteilten
                    Hausaufgaben zu Zeiten des Corona-Lockdowns.<note xml:id="endnote_52"><p>Vgl.
                            den Kommentar von Carla Anastas zum Official-Lyrics-Video von Armin van
                            Buuren – <title>Blah Blah Blah</title>, URL:
                            www.youtube.com/watch?v=mfJhMfOPWdE&amp;lc=UgwZWy6eIidfHRaSelV4AaABAg;
                            Kommentar von nicename 102, URL:
                            www.youtube.com/watch?v=mfJhMfOPWdE&amp;lc=Ugz2C2gxHKl1hduhqrh4AaABAg.
                        </p></note> Es scheint daher plausibel, <title>Blah Blah Blah</title> als
                    moderne Version von <title>Another Brick in the Wall</title> zu bezeichnen.</p>
                <p>Der Blick auf die Lyrics des Songs offenbart, dass sein repetitiver Charakter
                    (auf Text- und Klangebene) das im Song beschriebene (Unterrichts-)Geschehen
                    widerspiegelt, welches bereits im ersten Vers durch das „ever“ als sich ständig
                    wiederholendes, einförmiges Ereignis ausgewiesen wird. Auf der Wortebene wird
                    der abwertenden Dummy-Äußerung „blah blah blah“, die die Aussagen des lyrischen
                    Du als end- und inhaltsloses Gerede darstellt, die bloß eingeübt wirkende,
                    ebenso inhaltslose Zustimmung „ja ja ja“ des lyrischen Wir bzw. impliziten Ichs
                    gegenübergestellt. Die direkte Gegenüberstellung von „hear“ und „say“ und auch
                    die phonetische Ähnlichkeit der beiden Dummy-Äußerungen verstärkt den Eindruck,
                    dass aufseiten des Ichs bloß Gehörtes wiedergegeben wird. Das beschriebene
                    Frage-Antwort-Spiel wird somit bereits auf Ebene der Lyrics als sinnloses und
                    stupide-monotones Vorgehen entlarvt. Dieser Effekt wird durch das
                    Wiederaufgreifen der Äußerungen in den jeweils 4. und 5. Versen der Strophen
                    zusätzlich gesteigert. Die Diskrepanz zwischen der aufständisch-ablehnenden
                    geistigen Verfassung und den vorgeblich zustimmenden Äußerungen des Ichs deutet
                    bereits auf einen Konflikt hin, der im Laufe des Songs in irgendeiner Form
                    gelöst werden muss. Dabei fällt außerdem auf, dass im jeweils 3. Vers der
                    Strophen das vormals persönlich adressierte „you“ zum „they“ wird, wodurch eine
                    fortschreitende innere Distanzierung des Ichs vom Du angedeutet und gleichzeitig
                    das Verbundenheitsgefühl des kollektiven Wir intensiviert wird. </p>
                <p>Klanglich ist zunächst ausschließlich die beschriebene, zu Beginn noch mit
                    vergleichsweise wenig Echo-Effekt belegte Stimme zu hören, begleitet von einem
                    zunehmend lauter werdenden, an ein Klatschen erinnernden Beat. Im Verlauf der
                    ersten beiden Strophen nimmt der Echo-Effekt auf der Stimme zu, wodurch die oben
                    beschriebene Chor-Wirkung sich vollends entfaltet. Dem Klatsch-Sound werden mehr
                    Obertöne hinzugefügt, ein unregelmäßiger Drumbeat wird etabliert und die
                    Lautstärke der elektronischen Sounds nimmt im Vergleich zur Stimme stetig zu.
                    Diese klangliche Klimax erzeugt Spannung, bildet den beschriebenen inneren
                    Konflikt des Ichs ab und weist damit bereits voraus auf die erste Zäsur, in die
                    sie in Strophe 3 bereits nach dem ersten Vers mündet: Der Beat setzt aus, die
                    Stimme singt noch die erste Zeile des immergleichen Textes, steigert das
                    repetitive Moment beim „Blah Blah Blah“ jedoch ins Unzählbare und verwandelt
                    sich schließlich in einen zunehmend höheren, schwirrenden Sound, der
                    metaphorisch an den vor Kopfschmerzen und Überforderung ‚schwirrenden Schädel‘
                    erinnert. Es folgt eine zweite Zäsur mit kurzer Stille, in der lediglich der
                    Hall-Effekt nachklingt. </p>
                <p>Insgesamt wird somit der Eindruck erweckt, dass die Monotonie und die
                    Sinnlosigkeit des Erlebten sich zunächst immer mehr und bis ins Unerträgliche
                    steigern, ehe sie geradezu notwendigerweise in der Befreiung münden, der ab
                    Strophe 4 – allerdings ausschließlich auf klanglicher Ebene – Ausdruck verliehen
                    wird. Erneut ist dort ganz zu Beginn nur die Stimme zu hören, dieses Mal
                    allerdings von Anfang an in ihrer mehrschichtigen Form. Anstelle des
                    spannungssteigernden Klatschens und eher an Drum Fills erinnernden Beats tritt
                    ein regelmäßiger, satter Drum Beat, es kommen nach und nach weitere
                    Synthesizerspuren und Soundeffekte dazu, die jedoch keine spannungssteigernde
                    Funktion mehr übernehmen, sondern den Song vor allem tanzbar machen. Tanzen und
                    Feiern wird hier also als musikalische Befreiung aus dem (Schul-)Alltag
                    inszeniert und Musik als Ausgleich zum immergleichen „Blah Blah Blah“ entworfen.
                    Die Eintönigkeit wird indes nicht gänzlich überwunden, sondern bleibt auf
                    Textebene bestehen; sie erfährt an dieser Stelle allerdings eine Umdeutung sowie
                    klangliche Überformung und wird somit Teil der aufbegehrerischen Hymne einer
                    neuen Generation. Auf eine allgemeinere Ebene übertragen lässt sich <title>Blah
                        Blah Blah</title> nämlich zudem als Ausdruck eines Generationenkonfliktes
                    lesen bzw. hören. </p>
                <p>So gilt elektronische Musik, die sich erst aufgrund technologischer Fortschritte
                    und wachsender Möglichkeiten für digitale Produktionsverfahren in ihrer heutigen
                    Form entwickeln konnte, gemeinhin als Ausdrucksform einer eher jüngeren oder
                    musikalisch ‚progressiveren‘ Generation und wird insbesondere von
                    ‚musik-konservativen‘ Anhängern inzwischen etablierter Genres wie Rock oder Jazz
                    oftmals als ‚nicht-handgemachte‘ Musik abgewertet, da sie ,das Beherrschen eines
                    Instrumentes‘ nicht erkennbar voraussetzt und, so User*in <hi rend="italic"
                        >roseblood</hi>, „ein DJ, der von seinen PC-Beats lebt, [ohne Strom]
                    womöglich aufgeschmissen [wäre]“.<note xml:id="endnote_53"><p>Kommentar von
                            roseblood im Rahmen der Diskussion im Rolling Stone-Forum zur Frage
                            „‚Handgemachte Musik‘ – Sinnvoller Begriff oder überholte Vorstellung?“,
                            13.12.2014, URL:
                            forum.rollingstone.de/foren/reply/handgemachte-musik-sinnvoller-begriff-oder-ueberholte-vorstellung-reply-id-3330606/.</p></note>
                    Darüber hinaus entspricht im Falle von <title>Blah Blah Blah</title> der
                    stimmlich rotzig-respektlose Gesang in Kombination mit dem bereits geschilderten
                    Klangbild dem Klischee einer an ästhetisch-musikalischer Wohlgeformtheit wenig
                    interessierten, aufs Partymachen fixierten, gegenüber den Älteren respektlosen,
                    kurzum: vollkommen ‚verkommenen‘ Jugend. Der Song erfüllt dieses Klischee jedoch
                    nicht nur, sondern er eignet es sich bewusst an und vollzieht insbesondere mit
                    seiner klanglichen Gestaltung performativ das, was er insgesamt sechsmal
                    explizit äußert: „And we don’t even care about what they say“ – textlich wie
                    musikalisch wird hier Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung der anderen zum
                    Programm. </p>
                <p>Insbesondere das ‚Piano-Intermezzo‘, das im Anschluss an eine weitere klangliche
                    Zäsur auf den tanzbaren Teil folgt, erweist sich in Bezug auf den
                    Generationenkonflikt als besonders aufschlussreich: Beim Klavier handelt es sich
                    um ein Instrument, das im Allgemeinen mit klassischer Musik in Verbindung
                    gebracht wird; auch wenn hier wohl eher ein Keyboard zu vernehmen ist, bleibt
                    diese Assoziation bestehen. Nun ist auch das Keyboard in erster Linie ein
                    Tasteninstrument, das beherrscht werden muss und letzten Endes ‚handgemachte‘
                    Musik produziert. In gewisser Weise übernimmt der Song demnach ganz
                    selbstverständlich ein klangliches Element der Musik älterer Generationen,
                    kombiniert es unverblümt mit dem eigenen Text, webt es freimütig in den
                    elektronischen Klangteppich ein und lässt es schließlich zugunsten eines beat-
                    und synthielastigen Finales verstummen. Übertragen auf Sprache, Traditionen und
                    Kultur lässt sich hierin die Aneignung von Althergebrachtem durch die Jugend,
                    aber ebenso dessen Überformung und letztlich Überwindung lesen. </p>
                <p>Dem Song eignet mithin eine umfassende meta-kulturelle Aussagedimension – auch
                    für eine Literaturwissenschaft, die sich (nicht selten normativ und emphatisch)
                    vornehmlich der Songliteratur ihrer Jugend widmet, mag daraus Grundsätzliches zu
                    lernen sein.</p>
            </div>
        </body>
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                    <bibl xml:id="Schütte_o.J.">Schütte, Uwe ([o.J.]): Dichter, sing mir ein neues
                        Lied. Über Lyrik, Songtexte und Musikerromane im Zeitalter der Popkultur.
                        URL: publications.aston.ac.uk/id/eprint/27654/1/_ber_Lyrik_Songtexte_und_
                        Musikerromane.pdf.</bibl>
                    <bibl xml:id="Urban1979">Urban, Peter (1979): Rollende Worte – die Poesie des
                        Rock. Von der Straßenballade zum Pop-Song. Eine wissenschaftliche Analyse
                        der Pop-Song-Texte. Frankfurt a.M.: Fischer-Taschenbuch-Verl.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wolbring2015">Wolbring, Fabian (2015): Die Poetik des
                        deutschsprachigen Rap. Göttingen: V&amp;R unipress.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wolbring2018">Wolbring, Fabian (2018): „Für mich ist das Schwerste
                        beim Schreiben ’n leeres Blatt zu finden“. Fingierte Schriftlichkeit in
                        deutschsprachigen Raps, in: David-Christopher Assmann/Nicola Menzel (Hg.):
                        Textgerede. Interferenzen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der
                        Gegenwartsliteratur. Paderborn: Fink, S. 179–190.</bibl>
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