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                <title type="main" xml:lang="de">„ACh! Wie hart fallt jetzt das scheiden“</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Urlaublieder des 18. Jahrhunderts: Digitale
                    Aufbereitung und Annotation</title>
                <!---->
                <author>
                    <name>
                        <forename>Claudia</forename>
                        <surname>Resch</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage,
                        Österreichische Akademie der Wissenschaften</affiliation>
                    <email>claudia.resch@oeaw.ac.at</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-8066-7363</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2021</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI"/>10.25365/wdr-02-03-01 <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">2</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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            <langUsage>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Urlaublieder</term>
                    <term xml:lang="de">Frühe Neuzeit</term>
                    <term xml:lang="de">Armesünderblätter</term>
                    <term xml:lang="de">mehrdimensionale Annotation</term>
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    <text>
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            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <!--Abstract-->
                <p>Claudia Resch widmet sich in ihrem Beitrag Wiener Urlaubliedern des 18.
                    Jahrhunderts. Diese Texte haben keinen Bezug zur heutigen Bedeutung von
                    ,Urlaub‘, sondern wurden den zum Tod verurteilten ‚Malefikant*innen‘ in den Mund
                    gelegt. Diese Texte und Lieder des Scheidens fanden auf Flugzetteln massenweise
                    Verbreitung. – Ein Bericht über die digitale Transformation und mehrdimensionale
                    Annotation einer wenig bekannten historischen Textsorte.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Claudia Resch’s contribution focuses on Viennese <term>Urlaublieder</term> of the
                    18th century. These texts have no reference to the current meaning of ‘Urlaub’ –
                    holiday – but were ascribed to ‘malfeasants’ condemned to death. These texts and
                    songs of parting were distributed en masse as handbills. – A report on the
                    digital transformation and multi-dimensional annotation of a little-known
                    historical text type.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr02_03-01_01">
                <head>1. Ein Urlaublied zum Abschied</head>
                <p> Die sogenannten „Urlaublieder“ haben in der Frühen Neuzeit nichts mit Sommerhits
                    gemein, wie man heute auf den ersten Blick annehmen könnte. Vielmehr erscheint
                    „Urlaub“ (mhd. urloup, urlop, urlob) als Erstglied des Determinativkompositums
                    hier in seiner Bedeutung als <quote source="#ref_d2e3">Erlaubnis fortzugehen,
                        Verabschiedung, Abschied</quote>, wie Wolfgang Pfeifers
                        <title>Etymologisches Wörterbuch</title>
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Atrikel_Urlaub_Etym1993">vgl. 1993</ref> vorschlägt. Auch Johann
                    Christoph Adelung listet in seinem <title>Grammatisch-kritischen Wörterbuch der
                        Hochdeutschen Mundart</title>
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Artiekl_Urlaub_Adelung">vgl. 1811: 964</ref> als eine der
                    Bedeutungsvarianten <quote source="#ref_d2e3">Abschied, die Abreise,
                        Entfernung</quote>. Das <title>Deutsche Wörterbuch</title>
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Artikel_Urlaub_Grimm"
                        >1936: 2466</ref> von Jacob und Wilhelm Grimm kennt Urlaub ebenfalls u.a. im
                    Sinn von <quote source="#ref_d2e3">erlaubnis, abschied, zu got</quote> und
                    verweist insbesondere auf die Wendung jemandem „<quote source="#ref_d2e3">die
                        Urlaublieder singen“</quote>. Diese wird in Karl Friedrich Wilhelm Wanders
                        <title>Deutschem Sprichwörter-Lexikon</title>
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Artikel_Urlaubslied_Sprichwörter">1867: 1497</ref> näher erläutert:
                    Demnach werden als „Urlaublieder“ jene Lieder bezeichnet, <quote
                        source="ref_rtikel_Urlaubslied_Sprichwörter-1497">welche, nachdem die Leiche
                        ins Grab gesenkt ist, gesungen werden, in welchen der Verstorbene redend
                        eingeführt ist und Urlaub oder Abschied nimmt.</quote> Im
                        <title>Österreichischen Musiklexikon online</title> werden Urlaublieder auch
                    als „Abschiedslieder“ oder „Beurlaubungslieder“ bezeichnet. </p>
                <p> Innerhalb der größeren Gruppe der „Totenlieder“, denen sie angehören, stellen
                    sie insofern eine Besonderheit dar, als sie <quote source="#ref_d2e3">dem Toten
                        in den Mund gelegt sind und den Abschied von der Familie, den Verwandten und
                        Bekannten beinhalten</quote>, wie der Eintrag des Musiklexikons bestätigt
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Atrikel_Totenlied"
                        >ebd.</ref>. Die besondere Erzählperspektive gibt der/dem Toten letzte
                    Gelegenheit, <quote source="#ref_d2e3">um sich von den Hinterbliebenen zu
                        verabschieden, ihnen Trost zu spenden und sie um Verzeihung für
                        Beleidigungen u.ä. zu bitten, um den Glauben an Gott zu bekräftigen, sowie
                        für ihr Seelenheil zu bitten und die Freude auf ein Wiedersehen im Himmel
                        mit den Lieben zu verdeutlichen</quote>
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                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Töppel2005">Töppel
                        2005: 26</ref>. Die Liedform setzt die enge Verbundenheit in Gemeinschaft
                    der Toten mit den Lebenden auch über den Tod hinaus voraus und bekräftigt diese
                    nochmals. </p>
                <p> Die hier vorgestellten Urlaublieder haben allerdings einen besonderen
                    Entstehungskontext: Sie beziehen sich auf Frauen und Männer, die in der ersten
                    Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien zum Tod verurteilt und hingerichtet worden
                    sind. Auf Flugblätter gedruckt, kamen sie anlässlich dieser öffentlichen
                    Hinrichtungen und im Verbund mit weiteren Informationen über die sogenannten
                    Malefikant*innen massenweise in Umlauf. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_02">
                <head>2. Zwei Urlaublieder aus dem Jahr 1742: Philipp N. und Andrä B. </head>
                <p> Das erste exemplarisch vorgestellte vierstrophige Urlaublied ist Philipp N.
                    gewidmet. Wie aus den übrigen Seiten des Flugblatts hervorgeht, war er aus der
                    Gegend von St. Pölten gebürtig, verheiratet und 36 Jahre alt, als sein Urteil an
                    einem Dienstag, den 18. September 1742, vollzogen wurde. Seine Erhängung am
                    Wienerberg sollte „andern zum Beispiel, und Exempel“ (vgl. Titelseite) dienen
                    und war die Folge diverser Diebstähle, deren Schaden Philipp N. nicht oder nur
                    mehr zum Teil begleichen konnte: Aufgelistet wurden mehrere Einbrüche am
                    Schottenfeld, auf der Wieden, in Gumpendorf, am Alsergrund und außerhalb der
                    Schönbrunner Linie, bei welchen er zwischen September 1740 und der Fastenzeit
                    1741 Wein, Schmalz, Käse, Mundmehl<note xml:id="endnote_01"><p>Dabei handelt es
                            sich um aufwändig erzeugtes helles Weizenmehl.</p></note>, Weizen,
                    Kleidung, sechs Frischlinge sowie eine trächtige Kuh entwendet hatte. Das in
                        <ref type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_01">Abb. 1</ref> gezeigte
                    Urlaublied beschließt das Flugblatt</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_01">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_01.jpg" width="250" height="250"/>
                    <head type="legend">Urlaublied für Philipp N. (1742) auf der Rückseite eines
                        Flugblatts, Wienbibliothek im Rathaus.</head>
                </figure>. <p> Von der Hinrichtung des Philipp N. berichtete – neben dem Flugblatt –
                    auch die periodisch erscheinende Presse, das „Wienerische Diarium“
                    veröffentlichte tags darauf allerdings nur eine knappe Notiz (Abb. 2):</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_02">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_02.jpg" width="100" height="50"/>
                    <head type="legend">Ausschnitt aus dem „Wienerischen Diarium“ vom 19. September
                        1742, Seite 985.</head>
                </figure>
                <p> Im selben Jahr, am 18. Dezember 1742 und ebenfalls an einem Dienstag, wurde der
                    31-jährige Andrä B. mit dem Schwert enthauptet, weil der Junggeselle aus
                    Lothringen zwei Monate zuvor einen Bierwirt am Neuen Markt ermordet hatte. Das
                    zugehörige Flugblatt bestand lediglich aus einer Titelseite und dem zweiseitigen
                    Urlaublied, dem (wie in <ref type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_03">Abb.
                        3</ref> und <ref type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_04">Abb. 4</ref>
                    zu sehen) eine Holzschnittvignette mit einem bekränzten Totenkopf<note
                        xml:id="endnote_02"><p>Weiters zu erkennen sind zwei brennende Kerzen sowie
                            ein Stundenglas auf der linken und eine Distel auf der rechten Seite.
                        </p></note> beigefügt war.</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_03">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_03.jpg" width="250" height="250"/>
                    <head type="legend">Urlaublied für Andrä B. (1742), letzte Seite des Flugblatts
                        (recto), Wienbibliothek im Rathaus.</head>
                </figure>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_04">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_04.jpg" width="250" height="250"/>
                    <head type="legend">Urlaublied für Andrä B. (1742), letzte Seite des Flugblatts
                        (verso), Wienbibliothek im Rathaus.</head>
                </figure>
                <p> Die spärlichen Angaben zu dieser Hinrichtung ergänzt eines der
                    Exekutionsprotokolle, das sich aus dieser Zeit erhalten hat, indem es im
                    Gegensatz zum Flugblatt den Namen von Andrä B. („Adrianus Berdi“) ausschreibt
                    und als Mordopfer den erstochenen Bierwirt beim (goldenen) „Adler“ nennt (<ref
                        type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_04_01">Abb. 5</ref>). Ein zweites
                    Protokoll vermerkt schließlich die beiden Augustiner (Pater Herman und Frater
                    Cajetanus), die den Verurteilten begleitet und nach dessen Hinrichtung bestattet
                    haben (<ref type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_04_02">Abb. 6</ref>).</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_05">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_05.jpg" width="100" height="100"/>
                    <head type="legend">Eintrag aus dem Exekutionsprotokoll Folio 23<hi
                            rend="superscript">r</hi>, Niederösterreichisches Landesmuseum</head>
                </figure>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_06">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_06.jpg" width="80" height="80"/>
                    <head type="legend">Eintrag aus dem zweiten Exekutionsprotokoll Folio 13,
                        Österreichische Nationalbibliothek</head>
                </figure>
                <p> Urlaublieder, wie die beiden exemplarisch gezeigten, sind in Wien für den
                    Zeitraum zwischen 1735 und 1742<note xml:id="endnote_03"><p>Konkret handelt es
                            sich um sechs Lieder aus dem Jahr 1735, ein Lied jeweils aus den Jahren
                            1736 und 1737, drei Lieder aus dem Jahr 1738, jeweils zwei aus den
                            Jahren 1739 und 1740, ein Lied aus dem Jahr 1741 und schließlich drei
                            Lieder aus dem Jahr 1742. Dass ein weiteres Urlaublied aus dem Jahr 1744
                            existiert haben muss, das heute aber verloren ist, lässt eine Kustode am
                            Ende der Seite des Armesünderblatts von Catharina H. vermuten, die mit
                            dem Bestimmungswort „Urlaub=“ vermutlich auf das Grundwort „Lied“
                            verweist, allerdings fehlt die komplette Seite, auf der es folgen
                            sollte. Nur zwei Flugblätter aus dem genannten Zeitraum enthalten kein
                            Urlaublied.</p></note> nachweisbar. Dass auch vor dieser Zeit
                    Urlaublieder verfasst worden sind, ist sehr wahrscheinlich, doch haben sich nach
                    heutigem Wissensstand nur insgesamt 19 solcher Lieder erhalten, wovon nur acht
                    explizit diese Bezeichnung im Titel führen. Die übrigen weisen zwar alle
                    inhaltlichen und formalen Merkmale von Urlaubliedern auf, werden aber nicht als
                    solche bezeichnet, sondern beginnen unmittelbar mit den mindestens vier und
                    höchstens 13 Strophen. Alle werden durch das zentriert gedruckte Wort „ENDE“ –
                    bei frei bleibendem Platz auch durch Verzierungen oder verschiedene
                    Totenkopfvignetten (wie in <ref type="crossref" target="#wdr02_03-01_Abb_04"
                        >Abb. 4</ref>) – beschlossen. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_03">
                <head>3. Urlaublieder als Teil der Armesünderblätter</head>
                <p> Wie bereits erwähnt, waren derartige Urlaublieder bis in die 1740er Jahre als
                    Kleinformen in Flugblätter integriert,<note xml:id="endnote_04"><p>Dass die
                            Flugblattliteratur immer wieder auch zum „Trägermedium“ für Kleinformen
                            (wie den Urlaubliedern) wird, ist laut Daniel Bellingradt und Michael
                            Schilling
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                                target="#Bellingrat/Schilling2013">2013: 280</ref> typisch: <quote
                                source="#ref_Bellingrat/Schilling2013-280">Stilistisch finden sich
                                in Flugschriften alle möglichen Formen von Textsorten und Gattungen,
                                je nach Belieben der bei der ideellen Herstellung des Inhaltes
                                Beteiligten wurden u.a. Gedichte neben Prosapassagen, Liedtexten,
                                Dialogen, Gebeten, Predigten, Fabeln oder Briefen in den Druck
                                integriert. Diesbezüglich können Flugschriften mit literarischen
                                Textanteilen auch als ,literarische Medien‘ bezeichnet
                                werden.</quote></p></note> die ereignisbezogen anlässlich von
                    Hinrichtungen produziert und durch ambulante Händlerinnen auf der Straße
                    vertrieben wurden
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Petzoldt2000">vgl.
                        Petzoldt 2000: 494</ref>. Die Fachliteratur
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_ammerer/adomeit2010-d2e3" type="bibl"
                        target="#Ammerer/Adomeit2010">Ammerer/Adomeit 2010</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_bollen2013-d2e3" type="bibl" target="#Bollen2013">Bollen
                        2013</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_ammerer2016-d2e3" type="bibl" target="#Ammerer2016">Ammerer
                        2016</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_ammerer/brandhuber2018-d2e3" type="bibl"
                        target="#Ammerer/Brandhuber2018">Ammerer/Brandhuber 2018</ref>) bezeichnet
                    diese Formen des ephemeren Tagesschrifttums seit Richard van Dülmen
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Dülmen1988">1988:
                        168</ref> als sogenannte „Armesünderblätter“. Aus mehreren Gründen, die
                    Resch
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Resch2020">vgl. 2020:
                        271f.</ref> darlegt, haben die Armesünderblätter der Stadt Wien bislang
                    weder in der germanistischen noch in der (presse-)historischen Forschung
                    Beachtung gefunden. Um eine solide Basis für deren interdisziplinäre Beforschung
                    zu schaffen, wird die Sammlung von insgesamt 180 Armesünderblättern derzeit am
                    Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ACDH-CH) an der
                    Österreichischen Akademie der Wissenschaften digital erschlossen.<note
                        xml:id="endnote_05"><p>Die Erschließungsarbeiten wurden im Zuge eines von
                            der Stadt Wien geförderten Projekts mit dem Titel „Totenkult und
                            Jenseitsvorsorge in Wien: Barocke Bruderschaftsdrucke als
                            Forschungsgegenstand der digitalen Geisteswissenschaften“ (LWI0240
                            I-III, Leitung: Claudia Resch) durchgeführt.</p></note> Als wesentliche
                    Bestandteile der Armesünderblätter sind somit auch die 19 Urlaublieder
                    Gegenstand dieser Edition. Wie weit die Arbeiten an dieser Sammlung bereits
                    gediehen und welche editorischen Entscheidungen in der Praxis zu treffen sind,
                    beschreiben die folgenden Abschnitte. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_04">
                <head>4. Digitale Transformation und mehrdimensionale Annotation</head>
                <p> Noch bevor mit der digitalen Transformation begonnen werden konnte, wurden die
                    fragilen Einzelblätter im Original gesichtet und an drei verschiedenen Wiener
                    Kulturinstitutionen zur Primärdigitalisierung in Auftrag gegeben.<note
                        xml:id="endnote_06"><p>Der umfassendste Teil dieses auch unter
                            konservatorischen Argumenten dringend zu digitalisierenden Bestands
                            stammt aus der Wienbibliothek im Rathaus und ist Teil des Nachlasses des
                            Beamten und Historikers Walter Sturminger (1899–1973). Ein kleinerer
                            Teil ist in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt und
                            wenige Blätter lagern im Wien Museum; das Wiener Kriminalmuseum zeigt
                            lediglich Kopien.</p></note> Wenn Emil Kroymann et al.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Kroymann/Thiebes/Lüdeling2004">2004: 5</ref> betonen, dass bei
                    Texten älterer Sprachstufen <quote source="#ref_Kroymann/Thiebes/Lüdeling2004-5"
                        >schon in der Phase der Digitalisierung viele Entscheidungen getroffen
                        werden</quote> müssen, gilt dies vor allem für den Grad an Diplomatizität.
                    Im Fall der Armesünderblätter wird grundsätzlich darauf geachtet, den
                    historischen Sprachstand der in Fraktur gesetzten Druckvorlagen in deren
                    digitaler Repräsentation originalnahe und weitgehend verlustfrei wiederzugeben.
                    Diesen Überlegungen folgend, bleibt die Typographie des Originals in den
                    Transkriptionen möglichst gewahrt. Konsonantische Ligaturen, wie sie etwa bei
                        <hi rend="italic">tz</hi> oder <hi rend="italic">st</hi> vorkommen, sind im
                    transkribierten Text aufgelöst; die Ligatur von Schaft-<hi rend="italic">s</hi>
                    und <hi rend="italic">z</hi> hingegen wird als <hi rend="italic">ß</hi>
                    wiedergegeben. Das kleine <hi rend="italic">e</hi> über <hi rend="italic">a</hi>
                    , <hi rend="italic">o</hi> und <hi rend="italic">u</hi> ist durch die Unicodes
                    der entsprechenden Umlaute repräsentiert; lediglich auf eine Differenzierung der
                    beiden Varianten von <hi rend="italic">s</hi> und <hi rend="italic">r</hi>
                    (sogenanntes „rundes s“ oder langes „Schaft-s“ sowie normales „r“ oder „rundes
                    r“, auch „r rotunda“) wird verzichtet.<note xml:id="endnote_07"><p>Andere
                            Sammlungen von historischen Drucken (wie etwa das „Deutsche Textarchiv“)
                            gehen hier einen anderen Weg und haben sich gegen diese
                            Vereinheitlichung entschieden.</p></note> Fügungen mit
                    Mittelstrichschreibung wie <term>Thrännen=Bach</term> , <term>Frevel=Muth</term>
                    oder <term>Lebens=Rest</term> sind mit dem Istgleichzeichen dargestellt, weil es
                    dem Druckbild am nächsten kommt. Die zur Gliederung von Sätzen verwendeten
                    Virgeln werden als Schrägstriche mit Spatien wiedergegeben.</p>
                <p> An der Erstellung des Volltextes waren neben den Projektmitarbeiter*innen<note
                        xml:id="endnote_08"><p>Im Projekt waren Magdalena Aigner, Michael Fröstl und
                            Eva Maria Wohlfarter beschäftigt.</p></note>, die den Großteil der
                    Dokumente bearbeiteten, auch Studierende aus München im Rahmen eines thematisch
                    passenden Proseminars beteiligt sowie Nachwuchswissenschaftler*innen aus Wien im
                    Rahmen eines Praktikums am ACDH-CH. Alle erstellten Texte im Umfang von etwa
                    100.000 Token (Wortformen) wurden anschließend in Korrekturgängen mehrfach durch
                    das Projektteam überprüft und zeichneten sich somit durch eine sehr hohe
                    Erfassungsgenauigkeit aus. Aufgrund der geringen Textmenge, der bekannten
                    Probleme beim Einlesen von Frakturschrift und des jeweils individuellen
                    Druckbilds der Armesünderblätter (Variation der Schriftgrößen und -typen,
                    Verwendung von Initialen, Verzierungen, etc.) wurde diesfalls auf automatische
                    Verfahren der Texterkennung verzichtet – der Aufwand hätte sich dadurch kaum
                    verringert. Die angestrebte Genauigkeit ließ sich letztlich am schnellsten durch
                    mehrere sorgfältige Kollationierungsvorgänge erzielen, in welchen die Originale
                    mit dem erstellten elektronischen Text abgeglichen wurden. Das Ergebnis bietet
                    nun eine sehr zuverlässige, weitgehend fehlerfreie Basis zur Anreicherung der
                    Texte. </p>
                <p> Die Anreicherung oder Textannotation wiederum orientierte sich einerseits an der
                    historischen Quelle, für die es eine digitale Repräsentation zu finden galt, und
                    andererseits an bestehenden texttechnologischen Standards. Aus den umfangreichen
                    Empfehlungen der Text Encoding Inititiative (TEI), die für literarische,
                    linguistische, historische und religiöse Texte von Philolog*innen und
                    Linguist*innen gemeinsam entwickelt wurden, war projektspezifisch eine
                    quellenadäquate Auswahl zu treffen, womit letztlich auch festgelegt wurde,
                    welche Erkenntnispotenziale ermöglicht werden sollten. Dabei war neben eigenen
                    Forschungsinteressen auch zu bedenken, welche Textmerkmale für andere wesentlich
                    sein könnten: <quote source="#ref_Claridge2008-252">The compilers need to decide
                        what kinds of information are to be provided, to which level of detail and
                        precision, both for their own purposes and for those of prospective users,
                        who may have very diverse research agendas,</quote> rät Claudia Claridge
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Claridge2008">2008:
                        252</ref>. </p>
                <p>Um die Armesünderblätter für ein möglichst breit gedachtes Nutzungsspektrum
                    aufzubereiten, wurden mehrere Dimensionen der Annotation berücksichtigt und
                    umgesetzt: </p>
                <p> 1. Eine erste grundlegende Annotationsebene war die Kenntlichmachung von
                    formal-strukturellen Merkmalen, wie etwa Titelseiten, Überschriften,
                    Paragraphen, Verszeilen und Versgruppen, Schrifttypenwechsel von deutscher
                    Fraktur und Antiqua, Initialen, Trennlinien, Zierzeilen, wiederkehrenden
                    Schlussformeln und Vignetten. Bei der Kodierung zeigte sich, dass die
                    nicht-biblionomen, beidseitig bedruckten und gefalteten Flugblätter mitunter
                    formale Besonderheiten aufweisen, die von den Vorannahmen des
                    TEI-Dokumentmodells abweichen können – beispielsweise, wenn der Titelabschnitt
                    bereits in den Haupttext übergeht oder Druckerlizenzen erst auf der Rückseite
                    der gefalteten Blätter erscheinen. Welche Lösungen gefunden wurden, damit solche
                    strukturellen Besonderheiten dennoch TEI-konform kodiert werden konnten, wurde
                    in einem Beitrag für das <title>Journal der Text Encoding Initiative</title>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Resch/Schopper/Wissik2019">vgl. Resch et al. 2019: 6f.</ref>
                    ausführlich diskutiert. </p>
                <p> 2. Eine weitere Annotationsebene betraf die personenbezogene Annotation, bei der
                    (wie in Abb. 7 zu sehen) biographische Informationen zu den Verurteilten, wie
                    etwa deren Vorname, die Abkürzung des anonymisierten Nachnamens, das Geschlecht
                    und Alter, der Familienstand, die Herkunft, Religion, optional auch eine
                    Berufsbezeichnung sowie Datum, Ort und Art der Hinrichtung mit Hilfe des
                    namesdates-Moduls kodiert wurden.</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_07">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_07.jpg" width="200" height="200"/>
                    <head type="legend">Detail der TEI-Kodierung mit biographischen Angaben zu Andrä
                        B. (1742)</head>
                </figure>

                <p> 3. Eine dritte Ebene stellte schließlich die linguistische Basisannotation dar,
                    bei welcher die Volltexte tokenisiert und nach dem (hierfür geringfügig
                    erweiterten) Stuttgart-Tübingen-TagSet (zum STTS vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" target="#Schiller/Teufel/Stöckert1999"
                        >Schiller et al. 1999</ref>) nach Wortarten klassifiziert, d.h. PoS-getagged
                    wurden. Jede einzelne identifizierte Worteinheit wurde dann auch lemmatisiert
                    beziehungsweise auf eine kanonisierte Grundform zurückgeführt, wie Abb. 8
                    zeigt.</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_08">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_08.jpg" width="130" height="130"/>
                    <head type="legend">Detail der linguistischen Annotation mit PoS-Tags und
                        Lemma-Angabe</head>
                </figure>
                <p> Bei der Ansetzung der Lemmata wurden (im Hinblick auf heutige Benutzer*innen
                    dieses Korpus) mehrere Referenzwerke konsultiert: Als erstes Referenzwerk galt
                    der <title>Duden</title> in seiner digital verfügbaren Version. War das
                    jeweilige Lemma dort nicht enthalten, wurde im <title>Deutschen Wörterbuch von
                        Jacob und Wilhelm Grimm</title> (DWB) digital nachgeschlagen. Als zweites
                    historisches Fachwörterbuch wurde das <title>Deutsche Rechtswörterbuch</title>
                    in seiner Online-Version herangezogen; die wenigen lateinischen Textstellen
                    wurden nach dem <title>Lateinisch-deutschen und deutsch-lateinischen
                        Handwörterbuch</title> von Karl Ernst Georges lemmatisiert. Jene Wortformen,
                    die in keinem der genannten Referenzwerke belegt waren, wurden als sogenannte
                    „Out of vocabulary“-Wörter (oov) mit einem Asterisk gekennzeichnet und auf eine
                    naheliegende Grundform zurückgeführt. Beispiele für diese in keinem
                    konsultierten Wörterbuch verzeichneten Lemmata sind etwa
                        <term>Flüchtigwerdung*</term>, <term>Zornesübereilung*</term>,
                        <term>totschlägerisch*</term> oder <term>geringschädig*</term>. </p>
                <p> Die zuletzt genannte Lemmatisierung kann insbesondere in historischen Texten, in
                    welchen es eine Vielzahl von Schreibvarianten gibt, von wesentlicher Bedeutung
                    sein, denn auf diese Weise lassen sich all die Formen über <hi rend="underline"
                        style="font-size:12pt">ein</hi> Lemma finden. So können in den
                    lemmatisierten Armesünderblättern mit <hi rend="underline"
                        style="font-size:12pt">einem</hi> Suchbefehl <hi rend="underline"
                        style="font-size:12pt">alle</hi> Schreibvarianten eines Lemmas in den Texten
                    abgefragt werden: Beispielsweise schließt die Suche nach dem Lemma ,Müßiggang‘
                    neben <term>Müßiggang</term> auch Wortformen wie <term>Mißiggang</term>,
                        <term>Mißig=Gang</term>, <term>Müßig=Gang</term>, <term>Müßig=gang</term>,
                        <term>Müßiggange</term>, <term>Müssiggange</term> und
                        <term>Müssiggangs</term> mit ein. Gleiches gilt für Verben: Bei der Suche
                    nach dem Lemma ,können‘ werden auch flektierte Formen in unterschiedlichen
                    Schreibweisen wie <term>kan</term>, <term>kann</term>, <term>konnt</term>,
                        <term>konnte</term>, <term>konnten</term>, <term>konte</term>,
                        <term>kunt</term>, <term>kunte</term>, <term>kunten</term>,
                        <term>könne</term>, <term>können</term>, <term>könnt</term>,
                        <term>könnte</term>, <term>könnten</term> und <term>könte</term>
                    aufgefunden. </p>
                <p> Die Schwierigkeit, ein solches linguistisches Tagging vollautomatisch
                    durchzuführen, ist bei historischen Sprachstufen inzwischen hinlänglich bekannt
                    (vgl. etwa
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_dipper2010-d2e3" type="bibl" target="#Dipper2010">Dipper
                        2010</ref>,
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" target="#Odebrecht/Belz/Amir2017">Odebrecht et
                        al. 2017 </ref>und
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_resch2021-d2e3" type="bibl" target="#Resch_indruck">Resch
                        2021</ref> im Druck), weshalb die automatisch erstellten Annotationen des
                    „TreeTaggers“ unter hohem Zeitaufwand durch das Projektteam manuell überprüft
                    und gegebenenfalls berichtigt werden mussten.<note xml:id="endnote_09"><p>Neben
                            der Projektleitung waren vor allem Magdalena Aigner und Michael Fröstl
                            mit dieser Aufgabe betraut, wodurch die Konsistenz der Daten
                            gewährleistet blieb. Die zahlreichen schwierigen Fälle wurden gemeinsam
                            diskutiert und – wenn es tatsächlich mehrere Lösungsansätze gab –
                            kollektiv entschieden und abschließend dokumentiert. </p></note> Obwohl
                    dies in der Fachliteratur als „ausgesprochen aufwändig“
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Eckart_etal2018"
                        >Eckart et al. 2018: 126</ref> beschrieben ist, kann darauf, sofern ein
                    gewisses Maß an Verlässlichkeit erzielt werden soll, nur schwer verzichtet
                    werden. </p>
                <p> Bei historischen Texten (und generell) ist manuelle Annotation jedoch nicht
                    zwangsläufig mit fehlerfreier Annotation gleichzusetzen – im Gegensatz zum
                    automatischen Tagging gilt erstere Susan Hunstons
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Hunston2002" type="bibl" rend="brackets" target="#Hunston2002"
                        >2002: 91</ref> Einschätzung zufolge aber zumindest als <quote
                        source="#ref_Hunston2002-91">likely to be more accurate. </quote> Dass
                    Annotationsentscheidungen dennoch unsicher bleiben – <quote
                        source="#ref_Zinsmeister/Hinrichs/Kübler2008-765">no matter how careful the
                        annotators are</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Zinsmeister/Hinrichs/Kübler2008" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Zinsmeister/Hinrichs/Kübler2008">Zinsmeister et al. 2008, 765</ref>
                    –, hängt damit zusammen, dass selbst sehr kompetente Annotator*innen gerade bei
                    älteren Sprachstufen <quote source="#ref_Zinsmeister/Hinrichs/Kübler2008-765">zu
                        unterschiedlichen Schlüssen kommen können</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Eckart_etal2018" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Eckart_etal2018">Eckart et al. 2018: 121</ref>. Vor diesem
                    Hintergrund können die automatisch erzeugten und manuell korrigierten
                    linguistischen Annotationen der Armesünderblätter zwar keinen absolut
                    verlässlichen „Goldstandard“ erreichen – sehr wohl aber entsprechen sie nach
                    Perkuhn et al.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Perkuhn/Keibel/Kupietz2012-59" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Perkuhn/Keibel/Kupietz2012">2012: 59</ref> einem derzeit <quote
                        source="#Perkuhn/Keibel/Kupietz2012-59">besten bekannten
                        Referenzsystem</quote>. </p>
                <p> Was die grundlegende Verdatung der Texte und ihre multidimensionale Annotation
                    nun konkret für die Analyse der Armesünderblätter beziehungsweise im Besonderen
                    für die darin integrierten Urlaublieder leisten kann, soll im Folgenden
                    diskutiert werden. Vorausschickend bleibt zu erwähnen, dass die Anzahl der
                    Urlaublieder keineswegs so groß ist, dass man sie nicht auch in analoger Form
                    überblicken könnte. Dennoch zeigen beispielhafte Auswertungen, dass die erfolgte
                    Datentransformation und -annotation nicht nur Voraussetzung für eine entstehende
                    Edition ist, sondern auch innovative Sichtweisen auf die zeitentfernten Wiener
                    Armesünderblätter ermöglicht und akzentuiert. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_05">
                <head>Exemplarische Auswertungen und Abfragen</head>
                <p> Um die Urlaublieder innerhalb der Armesünderblätter gesondert betrachten zu
                    können, lassen sich etwaige Verszeilen durch die zuvor beschriebene strukturelle
                    Annotation rein formal relativ rasch vom übrigen Prosatext unterscheiden. Aber
                    auch inhaltlich weichen die Urlaublieder durch die Erzählperspektive deutlich
                    vom Rest der Armesünderblätter ab. Wie erwähnt, handelt es sich um persönliche
                    Lieder, <quote source="#ref_d2e3">durch die der Tote sprach</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Töppel2005">Töppel
                        2005: 28</ref> und sich ein letztes Mal selbst und mit eigenen Worten an das
                    (Lese-)Publikum wandte. Diese Ich-Perspektive wird auch in der quantitativen
                    Auswertung der annotierten Lemmata, dargestellt anhand einer Wortwolke (Abb. 9),
                    deutlich sichtbar.</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_09">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_09.jpg" width="250" height="250"/>
                    <head type="legend">Im Cirrus-Tool des Textanalyseprogramms „Voyant“ erstellte
                        Wortwolke aller Lemmata unter Verwendung der vordefinierten deutschen
                        Stoppwortliste (mit Ausnahme des Personalpronomens „ich“<note
                            xml:id="endnote_10"><p>Das Wort „ich“ ist bei Stoppwortlisten
                                normalerweise ausgenommen, da es nicht bedeutungstragend ist – hier
                                allerdings ist es ein Charakteristikum des Genres an
                                sich.</p></note>).</head>
                </figure> <p> Trotz des hochfrequent vorkommenden Personalpronomens „ich“ in den
                    Liedern kommen die jeweiligen Malefikant*innen freilich nur scheinbar zu Wort
                    und es steht außer Frage, dass die Verurteilten selbst Urheber*innen der
                    Urlaublieder gewesen sind: <quote source="#ref_d2e3">These were not, of course,
                        the words uttered by the malefactors themselves on the scaffold
                        </quote><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Evans1996">Evans
                        1996: 153</ref>.<note xml:id="endnote_11"><p>Evans sieht hier wohl einen
                            deutlichen Unterschied zu den sogenannten „Last Dying Speeches“; sie
                            werden bei James Anthony Sharpe
                                <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Sharpe1985"
                                >1985: 159</ref> folgendermaßen beschrieben: <quote
                                source="#ref_Sharpe1985-159">the condemned was expected to make a
                                farewell speech, and usually did so in a very stereotyped form. The
                                purpose of these speeches, unsurprisingly enough, was to remind
                                spectators that the death of the condemned constituted an awful
                                warning.</quote></p></note> Da <quote source="#ref_Bollen2013-103"
                        >die Mehrzahl der leseunkundigen und ungebildeten Verurteilten gar nicht in
                        der Lage gewesen wäre, ein mehrstrophiges Gedicht zu gestalten</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bollen2013" type="bibl" rend="brackets" target="#Bollen2013"
                        >Bollen 203: 103</ref>, handelt es sich <quote
                        source="#ref_Ammerer/Adomeit2010-295">bei den in gebundener Sprache
                        verfassten Texten um fingierte Reden</quote>, wie auch Gerhard Ammerer und
                    Friedrich Adomeit
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Ammerer_Adomeit2010" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Ammerer/Adomeit2010">2010: 295</ref> im Fall der Salzburger
                    Armesünderblätter betonen. Wer die Wiener „Urlaublieder“ an Stelle der
                    Malefikant*innen verfasst hat, muss offen bleiben – anders als bei allgemeinen
                    Abschiedsliedern, die Verwandte oder Bekannte ihren Verstorbenen zueigneten,
                    waren hier vermutlich professionelle, vielleicht auch geistliche Schreiber oder
                    staatliche Drucker selbst am Werk, die noch zu Lebzeiten der Verurteilten
                    gerichtliche Informationen bezogen, um diese in personalisierter, versifizierter
                    Form zu verarbeiten. Während Richard Evans
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Evans1996" type="bibl" rend="brackets" target="#Evans1996">vgl.
                        1996: 153</ref> bei den von ihm gesichteten Flugblättern aus Deutschland nur
                    leichte Anpassungen an bestimmte Verurteilte wahrnimmt, weisen die Wiener
                    Urlaublieder zwar eine formelhafte Textarchitektonik, aber inhaltlich – je nach
                    Fall – neben stereotypen Phrasen durchaus individuelle Züge auf. </p>
                <p> Was die in Abb. 9 gezeigte Wortwolke durch die Größe der visualisierten Wörter
                    ebenfalls offenlegt, ist die häufige Verwendung von Lemmata, die dem religiösen
                    Bereich zuzuordnen sind: „Leben“ und „Sterben“ lassen in Zusammenhang mit den
                    Ausdrücken „Gott“ und „Christ“ oder „Mensch“ eine religiöse Ausdeutung erwarten,
                    in der „Strafe“, „Sünde“, „Gericht“ und „Gnade“ eine wesentliche Rolle spielen.
                    Wie sehr Hinrichtungen auch als religiöser Akt gesehen wurden, der reuigen
                    Sünder*innen zum ewigen Leben verhelfen sollte, wird freilich erst im Kontext
                    sichtbar, wofür ein näherer Blick nötig ist. </p>
                <p> Die Urlaublieder sind so formuliert, dass das Publikum (einen vermeintlichen)
                    Einblick in die Beweggründe und das Seelenleben von Verurteilten erhält. Daraus
                    entsteht eine gewisse Verbundenheit, obwohl die Stimme der Verurteilten zu
                    diesem Zeitpunkt nicht mehr gehört wird oder hörbar ist. Mit Interjektionen, die
                    sich durch die Wortartenklassifikation ebenfalls gesammelt abfragen lassen (etwa
                        <title>Oh Himmel!</title> , <title>Weh mir!</title> oder <term>ACh! Wie hart
                        fallt jetzt das scheiden</term> ), klagt der/die Verurteilte sein/ihr Leid,
                    gesteht Fehler ein und bittet jene um Vergebung, die zu Schaden gekommen sind.
                    Mit dem Ausdruck des Bedauerns über den nahenden Abschied von der Welt wenden
                    sich die Malefikant*innen dann mit ihren letzten Bitten sowohl an himmlische
                    Fürsprecher (Gott, Jesus, Maria) als auch an die Gemeinschaft vor Ort. Eine
                    Konkordanzabfrage zum Verb ,lassen‘ im Imperativ in Verbindung mit einem
                    beliebigen darauffolgenden Infinitiv zeigt, wie diese emotionalisierenden
                    Anrufungen gestaltet sind beziehungsweise wie der/die Verurteilte in den
                    Urlaubliedern um Gnade wirbt und versucht, die Herzen zu rühren (<title>laßt es
                        euch zu Herzen gehen</title>):</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_10">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_10.jpg" width="200" height="100"/>
                    <head type="legend">Konkordanzabfrage des Lemmas „lassen“ im Imperativ gefolgt
                        von einem beliebigen Infinitiv eines Vollverbs im Abstand von ein bis fünf
                        Token in der Corpus Query Language der Sketch Engine: [lemma="lassen" &amp;
                        type="VVIMP"][]{0,5}[type="VVINF"]</head>
                </figure>
                <p> Bei einer Abfrage der Wortklasse der allgemein sehr häufig vorkommenden
                    Imperative wird außerdem offenbar, welche dringenden Bitten Verurteilte in
                    diesen Urlaubliedern kurz vor dem Tod an die versammelte Gemeinschaft richten.
                    Als Bekehrte rufen sie ihrerseits zur Umkehr auf und erinnern daran, sich vor
                    Übeltaten (wie z.B. dem Stehlen) zu hüten. Der/die zum Tod Verurteilte dient
                    dabei als negatives Beispiel und Spiegelbild (<title>Ach! spieglet euch an
                        mir</title>), das nun selbst geläutert ist und vor ähnlichen Schicksalen
                    warnt:</p>
                <figure xml:id="wdr02_03-01_Abb_11">
                    <graphic url="wdr02_03-01_Abb_11.jpg" width="200" height="100"/>
                    <head type="legend">Konkordanzabfrage aller Sequenzen bestehend aus einem
                        beliebigen Imperativ und der Wortform „euch“ in der Corpus Query Language
                        der Sketch Engine: [type="VVIMP"][word="euch"]</head>
                </figure>
                <p> Wie hier in verdichteter Form ersichtlich wird, vermitteln Urlaublieder damit
                    ein idealisierendes Bild von reumütigen, bußfertigen und schicksalsergebenen
                    Malefikant*innen, die sich im Angesicht des Todes derart vorbildlich verhalten,
                    dass sie selbst mit der Autorität ausgestattet sind, stark adressatenbezogene
                    Handlungsanweisungen zu geben (<title>Halt euch an GOttes Gnad</title>) und
                    andere dazu bewegen, ihren Lebenswandel zu überdenken (<title>bekehrt euch,
                        werdet klug!</title>). Nicht umsonst spricht Magelone Bollen
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bollen2013-94" type="bibl" rend="brackets" target="#Bollen2013"
                        >2013: 94</ref> daher auch von <quote source="#ref_Bollen2013-94">Buß- und
                        Reueliedern</quote>. Die meisten von ihnen enden schließlich mit einer
                    Hinwendung zum Publikum, wie etwa bei Philipp N. („Zu Euch wende ich mich jetzt,
                    so ihr bereits da steht, Und meinen Rechts-Vollziehung mit anderen da anseht“),
                    und der Bitte, für die jeweiligen Verurteilten zu beten – etwa hier bei Andrä
                    B.: „Wer steht, der sehe zu, daß er nicht kom zu fall, Halt euch an GOttes Gnad,
                    und bett für mich zumahl.“ Vor seinem Abschied versichert sich der Verurteilte
                    nochmals des Gebets der Gemeinschaft, wodurch die Beziehung und gegenseitige
                    Verantwortung mit Textende nicht abreißt, sondern sich erst im gegenseitigen
                    Gebetsbeistand erfüllt. In zahlreichen Urlaubliedern verspricht der/die
                    Verurteilte als Gegenleistung für ein Vaterunser seiner/ihrerseits ebenfalls
                    Fürsprache zu leisten. Die Schlussverse aus Andrä B.s Urlaublied zeigen auch,
                    dass Sünder, wie der mit Jesus gekreuzigte „gute“ Schächer Dismas, trotz (oder
                    gerade wegen) ihres verwirkten Lebens eine begründete Hoffnung auf Erlösung
                    haben: Sofern ihre Taten durch den Tod gesühnt werden, können ihre Seelen noch
                    durch Fürbitten der Menge gerettet werden, so die damals verbreitete Meinung.
                </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_06">
                <head>6. „Urlaub muß ich von euch nehmen / die hier stehen ins gesamt“</head>
                <p> Die Urlaublieder stehen somit in mehrfacher Weise in starkem Kontrast zu den
                    übrigen Inhalten der Armesünderblätter: Es ist nicht nur die leicht fasslich
                    gebundene Liedform, die zwischen graphischen Elementen eingebettet ist und den
                    Texten allein dadurch besondere Aufmerksamkeit sichert, sondern eben auch die
                    (fingierte) persönliche und ansprechende Erzählperspektive, welche Interesse zu
                    wecken versucht und sich mit dem religiös aufgeladenen Wortschatz deutlich von
                    den vorangegangenen rechtsrelevanten Sachverhalten und deren teils
                    komplizierten, aus der Verwaltungssprache stammenden prosaischen Satzgefügen
                    unterscheidet. Zudem treten in den Urlaubliedern, wie Resch
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" rend="brackets" target="#Resch_indruck">2021
                        im Druck</ref> feststellt, sprachliche Merkmale auf, welche den Liedern –
                    ganz im Gegensatz zu den Prosateilen der Armesünderblätter – eine gewisse Nähe
                    zur konzeptionellen Mündlichkeit attestieren. </p>
                <p> Ob diese Lieder an Hinrichtungstagen tatsächlich, wie Ammerer
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Ammerer2016-71" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Ammerer2016">2016: 71</ref> vermutet, vor Ort <quote
                        source="#ref_Ammerer2016-71">beim Eintreffen des Todeskandidaten am
                        Richtplatz</quote> mündlich vorgetragen oder gar gesungen wurden, lässt sich
                    heute nicht mehr sagen. Somit bleibt auch die Behauptung
                        Bollens<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bollen2013-47" type="bibl" rend="brackets" target="#Bollen2013">
                        2013: 47</ref>, dass <quote source="#ref_Bollen2013-47">die in den
                        Armesünderblättern abgedruckten Verse öffentlich rezitiert</quote> worden
                    wären, vollkommen unbestätigt. Die Abschiedslieder wären wohl auch nur von dem
                    kleinen Personenkreis gehört worden, der in unmittelbarer Nähe stand, da
                    Exekutionen nicht selten von Lärm und Tumulten begleitet wurden. Dieser Umstand
                    und – wie Ammerer und Adomeit
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Ammerer/Adomeit2010-249" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Ammerer/Adomeit2010">2010: 294f.</ref> vermuten – eine gewisse
                    Erwartungshaltung des Publikums, dennoch letzte Abschiedsworte der armen
                    Sünder*innen zu vernehmen –, könnten mitunter Gründe dafür gewesen sein, weshalb
                    diese Lieder noch am selben Tag in gedruckter Form verbreitet wurden. So würde
                    man noch nach dem Hinrichtungsspektakel die medial überformten letzten
                    Botschaften der Hingerichteten nachlesen, sich ein eigenes Urteil bilden und für
                    deren Seelen beten können. </p>
                <p> Ab etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts scheint diese, durch die Urlaublieder
                    konstruierte, direkte Beziehung zwischen Verurteilten und dem (Lese-)Publikum
                    unvermittelt unterbrochen. Zwar wurden Armesünderblätter danach auch weiterhin
                    tagesaktuell gedruckt, doch verzichteten sie auf die Beigabe von Urlaubliedern.
                    Diese wurden eingestellt und erst später durch sogenannte „Moralreden“ in
                    Versform ersetzt, in denen die Ich-Perspektive aber aufgegeben und von den
                    Verurteilten nur noch in dritter Person gesprochen wurde, womit wohl eine
                    gewisse Distanz beabsichtigt war. Über die Gründe für dieses Verschwinden der
                    Urlaublieder lässt sich nach derzeitigem Wissensstand nur spekulieren. </p>
                <p> Über die Deutung der vielschichtigen Urlaublieder als Teil der in der Forschung
                    bislang vernachlässigten Armesünderblätter gäbe es noch viel zu sagen, zumal sie
                    sich wohl nicht auf eindeutige Zuordnungen reduzieren lassen
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Schwerhoff2009" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Schwerhoff2009">vgl. Schwerhoff 2009: 314</ref>. In Betracht zu
                    ziehen ist nicht nur ein obrigkeitliches Interesse, Hinrichtungen zu
                    legitimieren, sondern auch ein seelsorgerliches, um das Hinrichtungsritual
                    auszudeuten, vermischt mit verlegerischem Interesse und jenem des Publikums. Wie
                    diese Vorläufer der Massenmedien die Wahrnehmung von Exekutionsverfahren und
                    -ritualen in einem urbanen Zentrum wie Wien steuerten, kommentierten und
                    verarbeiteten (ohne über den eigentlichen Hergang Auskunft zu geben), müsste an
                    anderer Stelle und unter Bedachtnahme auf politische, religiöse und
                    mediengeschichtliche Aspekte noch weiter dargelegt werden. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_03-01_07">
                <head>7. Armesünderblätter digital erforschen</head>
                <p> Aus Sicht der Forschung ist es erstaunlich, dass sich die ehemals vermutlich
                    auflagenstarken Zeitdokumente zumindest in einzelnen Exemplaren erhalten haben.
                    Die Urlaublieder sind mittlerweile fast 300 Jahre alte Zeugen zeitlich
                    gebundener, lokaler Ereignisse – in gedruckter Form aber überschritten sie schon
                    damals die <quote source="#ref_Bollen2013-2">Grenzen der unmittelbaren
                        Zeugenschaft</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bollen2013-2" type="bibl" rend="brackets" target="#Bollen2013"
                        >vgl. Bollen 2013: 2</ref>. Das macht sie bis heute zu hochrelevanten
                    Quellen, die für mehrere Disziplinen Anhaltspunkte bieten und unter zahlreichen
                    Erkenntnisinteressen auswertbar und dabei etwa als rechts- und
                    kulturgeschichtliche, aber auch als sprach- und literaturwissenschaftliche
                    Dokumente lesbar sind. Angesichts dieser Tatsache scheint es nur angemessen, die
                    außergewöhnlichen Quellen mittels mehrdimensionaler Annotationen digital
                    aufzubereiten und für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung zu stellen.
                    Während die aufwändige Kodierung bereits weit gediehen ist, befindet sich die
                    Webapplikation erst in Planung. Dabei soll die geleistete Annotationsarbeit ihr
                    Potential dahingehend entfalten können, dass sie den Umgang mit dem
                    zeitentfernten, bedeutsamen Quellenmaterial für User*innen von heute
                    erleichtert. Vorstellbar wären Indices zu Malefikant*innen mit speziellen
                    Filteroptionen (etwa nach Geschlecht, Alter, Familienstand usw.), zu
                    Hinrichtungsorten und Hinrichtungsarten sowie alphabetisch sortierte Register
                    der Wortformen, Wortklassen und Lemmata. Hilfreich wird außerdem die freie Suche
                    sein, die es auch erlaubt, direkt (und kombiniert) nach Wortformen, Wortteilen,
                    Wortklassen, Lemmata und Sequenzen zu suchen. </p>
                <p> Bereits zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich sagen, dass die beschriebenen
                    digitalen Anreicherungen als erste, interpretierende Schritte unser Wissen über
                    den Forschungsgegenstand wesentlich erweitert haben: <quote
                        source="#ref_Hockney2000-5">Encoding an electronic text is an act of
                        interpretation, presenting intellectual challenges which themselves bring
                        the researcher closer to the text</quote>, bestätigt etwa Susan Hockey
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Hockney2000-5" type="bibl" rend="brackets" target="#Hockney2000"
                        >2000: 5</ref>. Ähnlich lautet auch Carole L. Palmers Befund, indem sie
                    argumentiert, dass Forschung bereits im Rahmen der prozeduralen Erstellung von
                    digitalen Textsammlungen stattfindet, und dann sowohl im Produkt als auch in
                    dessen Nutzung enthalten ist: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Palmer2004-352"> Scholars are not only constructing
                        environments where more people can do research more conveniently, they are
                        also creating new research. Like other scholarship in the humanitites,
                        research takes place in the production of the resource, and research is
                        advanced as a result of it. Thus, scholarship is embedded in the product and
                        its use.
                            <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                            xml:id="ref_Palmer2004-352" type="bibl" rend="brackets"
                            target="#Palmer2004">Palmer 2004: 352</ref></quote>
                </cit>
                <p> „Aus der digitalen Praxis“, von der dieser Beitrag berichtet hat, lassen sich
                    diese Beobachtungen bisher jedenfalls bestätigen, denn der Vorgang des
                    Annotierens erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Quellenmaterial und
                    schärft die Wahrnehmung für bestimmte Merkmale und Muster in den jeweiligen
                    Texten. Der Aufwand des Annotierens ist somit nicht nur wesentliche
                    Voraussetzung für eine entstehende Edition, sondern wird auch belohnt, indem die
                    auf diese Weise verdateten Texte auf unterschiedliche Weise weiterverarbeitet
                    werden können. So lassen sich die digital transformierten Textdaten, wie am
                    Beispiel der einfachen Wortwolken und der komplexeren Konkordanzdarstellungen
                    gezeigt worden ist, zunächst aus der Linearität herauslösen und
                    dekontextualisieren, um dann neu angeordnet und rekontextualisiert zu werden.
                    Wie Noah Bubenhofer
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Bubenhofer2020-193" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Bubenhofer2020">2020: 193</ref> kürzlich dargelegt hat, werden die
                    aggregierten Textdaten dadurch anders lesbar und bilden als visuelle Ensembles
                    ihrerseits wiederum neue Erkenntnisgegenstände. Im konkreten Fall bedeutet dies,
                    durch diese Form der digitalen Aufbereitung und Annotation weitere innovative
                    Perspektiven auf die – aus heutiger Sicht zeitentfernten – Wiener Urlaublieder
                    des 18. Jahrhunderts zu ermöglichen. </p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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                            <hi rend="underline color(386EFF)" style="font-size:12pt"
                                >http://universaar.uni-saarland.de/monographien/volltexte/2010/12/pdf/konvens_2010.pdf</hi>
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    </text>
</TEI>
