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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Bernhards Musik – ein Hör-Gang</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Manfred</forename>
                        <surname>Mittermayer</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Literaturarchiv Salzburg</affiliation>
                    <email>Manfred.Mittermayer@sbg.ac.at</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-7581-1789</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2021</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-02-04-02</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">2</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords>
                    <term xml:lang="">Playlist</term>
                    <term xml:lang="">Thomas Bernhard</term>
                    <term xml:lang="">Autobiographie</term>
                    <term xml:lang="">Insturmental</term>
                    <term xml:lang="">Gesang</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Manfred Mittermayer legt überblicksartig die wichtigsten Musikbezüge in Thomas
                    Bernhards Werk dar: Instrumentalmusik und Kompositionen für Gesang. – Eine
                    faszinierende Bandbreite, vorgestellt in von Bernhard bevorzugten oder erwähnten
                    Interpretationen, nachzuhören mittels YouTube-Links. </p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Manfred Mittermayer offers an overview of the most important musical references
                    in Thomas Bernhard’s works: instrumental music and vocal compositions. It is a
                    fascinating range that is introduced in interpretations that Bernhard preferred
                    or mentioned, to be listened to via YouTube links.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr02_04-02_01">
                <p>In mehreren Aussagen hat Thomas Bernhard hervorgehoben, wie eng die Verbindung
                    seiner Literatur zur Musik sei. Im Gespräch mit der ORF-Journalistin Brigitte
                    Hofer (1978) meint er, seine Theatertexte seien im Grunde eine <quote
                        source="#ref_W22_Journalistik2-142">Notenschrift für Schauspieler</quote>;
                    die Wörter, die er niederschreibe, seien <quote
                        source="#ref_W22_Journalistik2-142">eigentlich nur Notenköpfe</quote>, und
                    die Interpreten <quote source="#ref_W22_Journalistik2-142">müssen dann drauf
                        spielen, da kommt ja erst die Musik heraus</quote>. Wenn man seine Texte
                    lese, <quote source="#ref_W22_Journalistik2-142">müßte man eigentlich Partituren
                        lesen; es lebt noch nicht als Musik</quote>
                    <ref xml:id="ref_W22_Journalistik2-142" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W22_Journalistik2">W 22/2: 142</ref>. In einem Interview mit
                    Jean-Louis de Rambures (1983) betont er außerdem, der unverkennbare Ton, den er
                    entwickelt habe, sei eine <quote source="#ref_W22_Journalistik2-250">Frage des
                        Rhythmus</quote> und habe <quote source="#ref_W22_Journalistik2-250">viel
                        mit Musik zu tun</quote>. Was er schreibe, könne man „nur verstehen, wenn
                    man sich klarmacht, daß zuallererst die musikalische Komponente zählt“; erst an
                    zweiter Stelle komme der Inhalt. <quote source="#ref_W22_Journalistik2-250">Wenn
                        das erste einmal da ist, kann ich anfangen, Dinge und Ereignisse zu
                        beschreiben. Das Problem liegt im Wie</quote>
                    <ref xml:id="ref_W22_Journalistik2-250" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W22_Journalistik2">W 22/2: 250</ref>. </p>
                <p>Die Bernhard-Forschung hat in einer Reihe von Publikationen zu analysieren
                    versucht, inwiefern die Musik bei Bernhard zu einem künstlerischen Formprinzip
                    wird. Bernhards Wiederholungstechnik, das Rotieren seiner Sätze um kleinere
                    sprachliche Einheiten und die variative „Durchführung“ dieser motivähnlichen
                    Elemente sowie der häufig coda-artige Abschluss lassen an Strukturen
                    musikalischer Kompositionen denken. Hinweise auf diesen Aspekt seines Schreibens
                    gibt der Autor selbst vor allem in Bezug auf seine Arbeiten fürs Theater. Am
                    Ende des Stücks <title>Die Jagdgesellschaft</title> (1974) verwendet er sogar
                    musikologische Termini, wenn er anmerkt, es sei „<quote
                        source="#W15_Dramen1-419">in drei Sätzen geschrieben, der letzte […] ist der
                        ,langsame Satz‘</quote>“ <ref xml:id="ref_W15-419" type="bibl"
                        rend="brackets" target="#W15_Dramen1">W 15: 419</ref>. In ähnlicher Weise
                    sagt er über das Stück <title>Am Ziel</title> (1981), es sei <quote
                        source="#ref_Dittmar1990-230">eine Art symphonisch-dramatische Dichtung in
                        zwei Sätzen, einem langsamen und einem noch langsameren Satz</quote> (zit.
                    n. <ref xml:id="ref_d2e3" type="bibl" target="#Dittmar1990">Dittmar 1990:
                        230</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_04-02_02">
                <head>Autobiographisches</head>
                <p>Bernhards autobiographische Schriften handeln immer wieder von der Rolle der
                    Musik im Zusammenhang mit persönlicher Existenzgewinnung und Rettung aus
                    lebensgefährlichen Situationen. Im ersten Band <title>Die Ursache </title>(1975)
                    gebraucht der Internatszögling die Musik in der als zerstörerisch erlebten Stadt
                    Salzburg als Vehikel der Selbstbewahrung: In der Abgeschiedenheit der
                    Schuhkammer bringt er auf der Geige <quote source="#ref_W10_Autobiographie-15"
                        >die virtuoseste Musik</quote> hervor, die mit der im Musikunterricht <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-15">vorgeschriebenen Musik aber nicht das
                        geringste zu tun</quote> habe. Dadurch wird sie für ihn zum Mittel, sich
                        <quote source="#ref_W10_Autobiographie-15">von den übrigen Zöglingen und von
                        dem ganzen Internatsgetriebe absondern und sich selbst hingeben zu
                        können</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-15" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 15</ref>.</p>
                <p>Auch später gelingt ihm auf diese Weise die Bewältigung unerträglicher und
                    bedrohlicher Lebenssituationen. Indem er selbst eine musikalische Ausbildung
                    beginnt, schafft er sich einen Ausgleich zur beruflichen Sphäre, wo sich der
                    junge Kaufmannslehrling außerdem erstmals von den anderen Menschen anerkannt
                    fühlt: <quote source="#ref_d2e3">Die Musik war der meinem Wesen und meinem
                        Talent und meiner Neigung entsprechendste Gegensatz</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-191" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 191</ref>. Dadurch entsteht ein gut
                    ausbalancierter Mechanismus der Existenzbewältigung: „Gesang, Musikwissenschaft
                    und kaufmännische Lehre“ hätten aus ihm „plötzlich einen ununterbrochen in
                    größter Anspannung existierenden, tatsächlich völlig ausgelasteten Menschen
                    gemacht“ und ihm „einen Idealzustand in Kopf und Körper ermöglicht“, schreibt
                    Bernhard in <title>Der Keller</title> (1976); <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-194">ich befand mich im
                        Gleichgewicht</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-194" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 194f.</ref>.</p>
                <p>Eine existenzerhaltende Rolle schreibt Bernhard der Musik vor allem zu, als sie
                    für den lebensgefährlich erkrankten jungen Mann im Verlauf seiner lang
                    andauernden Rekonvaleszenz therapeutische Funktion erhält. Im Salzburger
                    Landeskrankhaus habe er sogleich <quote source="#ref_W10_Autobiographie-241"
                        >wieder an die Musik</quote> gedacht und Mozart und Schubert gehört,
                    berichtet er in <title>Der Atem</title> (1978): <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-241">Ich konnte die in meinem Eckbett aus
                        mir heraus gehörte Musik zu einem, wenn nicht zu <hi rend="italic">dem</hi>
                        wichtigsten Mittel meines Heilungsprozesses machen</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-241" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 241</ref>. In der Lungenheilstätte
                    Grafenhof in St. Veit im Pongau habe er sich durch die musikalische Praxis
                    geheilt: <quote source="#ref_W10_Autobiographie-399">Wochenlanges Singen</quote>
                    habe seinen <quote source="#ref_W10_Autobiographie-399">Allgemeinzustand so
                        gebessert</quote>, dass er „<quote source="#ref_W10_Autobiographie-399"
                        >glauben durfte, auf diesem musikalischen Wege gesund zu werden</quote>“,
                    schreibt er in <title>Die Kälte </title>(1981). Die <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-399">praktische Ausübung der Musik</quote>
                    sei zu seinem „<quote source="#ref_d2e3">Lebenstraining</quote>“ geworden; er
                    bezeichnet sie ausdrücklich als seine <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-399">Bestimmung</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-399f." type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 399f.</ref>.</p>
                <p>Die folgende Auswahl an Musik-Aufnahmen orientiert sich an Bernhards eigenen
                    Vorlieben und möglichen Bezügen zu seinem Leben und Werk; mit „NLTB“ (=Nachlass
                    Thomas Bernhard) markierte Einspielungen befanden sich auch in Bernhards
                    Besitz.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_04-02_03">
                <head>Instrumentalstücke</head>
                <p>Kein Musikstück ist in der Wahrnehmung durch das Publikum so stark mit Thomas
                    Bernhard assoziiert ist wie Johann Sebastian Bachs<title>
                        Goldberg-Variationen</title>. Sie stehen im Mittelpunkt des Romans
                        <title>Der Untergeher </title>(1983); mehrere Beiträge beschäftigen sich auf
                    subtile Weise mit der Beziehung zwischen Bachs Werk, das in diesem Text auch
                    durch die <title>Kunst der Fuge </title>repräsentiert ist, und Bernhards
                    künstlerischer Antwort darauf (vgl. <ref xml:id="ref_voerknecht1999-d2e3"
                        type="bibl" target="#Voerknecht1999">Voerknecht 1999</ref>; <ref
                        xml:id="ref_gamper1990-d2e3" type="bibl" target="#Gamper1990">Gamper
                        1990</ref>; <ref xml:id="ref_köpnick1992-d2e3" type="bibl"
                        target="#Köpnick1992">Köpnick 1992</ref>). Axel Diller vergleicht die ersten
                    drei Sätze des Texts, die – ungewöhnlich für Bernhards Schreibweise – vom
                    restlichen absatzlosen Textstrom abgesetzt sind, mit dem Aufbau der
                        <title>Goldberg-Variationen</title>; jeder dieser Sätze werde durch
                    Satzzeichen in vier Segmente gegliedert und sei damit analog zur aus 4 mal 4
                    Takten bestehenden „Aria“ gebaut (vgl. <ref xml:id="ref_Diller2011-24"
                        type="bibl" target="#Diller2011">Diller 2011: 24-36</ref>). </p>
                <p>Johann Sebastian Bach: <title>Goldberg-Variationen</title>; Glenn Gould, Klavier
                    (erste Aufnahme 1955, NLTB) <ref target="www.youtube.com/watch?v=Cwas_7H5KUs"
                        >www.youtube.com/watch?v=Cwas_7H5KUs</ref></p>
                <p>Johann Sebastian Bach: <title>Goldberg-Variationen</title>; Glenn Gould, Klavier
                    (zweite Aufnahme 1981, NLTB) <ref target=" www.youtube.com/watch?v=aEkXet4WX_c">
                        www.youtube.com/watch?v=aEkXet4WX_c</ref></p>
                <p>Das Instrumentalwerk, das Bernhard in seinen Texten am häufigsten aufruft, ist
                    Mozarts <title>Haffnersymphonie</title>. In seinem Roman <title>Das
                        Kalkwerk</title> (1970) verwendet sie der Protagonist Konrad, der
                    scheiternde Verfasser einer Studie über das Gehör, wenn er seine überreizten
                    Nerven beruhigen will – allerdings zunehmend ohne Erfolg (vgl. <ref
                        xml:id="ref_W3_Kalkwerk.172" type="bibl" target="#W3_Kalkwerk">W 3:
                        172</ref>). In dem Stück <title>Die Jagdgesellschaft</title> (1974), das
                    Bernhard selbst besonders geschätzt hat, erklingt sie, kurz bevor sich der
                    General das Leben nimmt (vgl. <ref xml:id="ref_W15_Dramen1-413" type="bibl"
                        target="#W15_Dramen1">W 15: 413</ref>). Im Roman <title>Beton</title> (1982)
                    schafft es der Musikschriftsteller Rudolf mit ihrer Hilfe, seine übermächtige
                    Erregung unter Kontrolle zu bringen: <quote source="#ref_W5_Beton-89">„Immer
                        wieder ist es die Musik, die mich rettet</quote>“ <ref
                        xml:id="ref_W5_Beton-89" type="bibl" rend="brackets" target="#W5_Beton">W 5:
                        89</ref>. Besonders auffällig wird die Komposition in <title>Wittgensteins
                        Neffe</title> beschworen, ausdrücklich als <quote
                        source="#ref_W13_Erzählungen3-222">Lieblingssymphonie</quote> des
                    Ich-Erzählers <ref xml:id="ref_W13_Erzählungen3-222" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W13_Erzählungen3">W 13: 222</ref>. </p>
                <p>Hier tritt sie in Verbindung mit Bernhards deklariertem <quote source="#ref_d2e3"
                        >Lieblingskapellmeister</quote>
                    <ref xml:id="ref_W13_Erzählungen3ebd" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W13_Erzählungen3">ebd.</ref> Carl Schuricht (1880–1967) auf, jenem
                    Dirigenten, von dem der Autor die meisten Plattenaufnahmen besaß (vgl. <ref
                        xml:id="ref_bloemsaat-voerknecht2006-d2e3" type="bibl"
                        target="#Bloemsaat-Voerknecht2006">Bloemsaat-Voerknecht 2006</ref> = BV
                    260). In einem Brief von Martha Schuricht, der Witwe des Dirigenten, vom 10.
                    Oktober 1984 heißt es: „Vor Allem bin ich tief gerührt, wie Sie über meinen Mann
                    schreiben, zeigt es mir doch, dass Sie einer der Wenigen sind, die Carl
                    Schuricht als Menschen und als Musiker so sehen und erfassen, wie er wirklich
                    war. Dass das einer der grössten Schriftsteller unserer Zeit in einem seiner
                    Werke festgehalten hat, macht mich sehr glücklich“ (zit. n. <ref
                        xml:id="ref_W13_Erzählungen3-350" type="bibl" target="#W13_Erzählungen3"
                        >Komm W 13: 350</ref>).</p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Sinfonie Nr. 35</title> D-Dur KV 385 „Haffner“;
                    Wiener Philharmoniker, Dir.: Carl Schuricht [NLTB] </p>
                <p>1. Satz: <ref target="www.youtube.com/watch?v=1Fnq4m_TTXQ"
                        >www.youtube.com/watch?v=1Fnq4m_TTXQ</ref></p>
                <p>2. Satz: <ref target="www.youtube.com/watch?v=q6xFU-wQPf0"
                        >www.youtube.com/watch?v=q6xFU-wQPf0</ref></p>
                <p>3. Satz: <ref target="www.youtube.com/watch?v=BaPJcMlnCwE"
                        >www.youtube.com/watch?v=BaPJcMlnCwE</ref></p>
                <p>4. Satz: <ref target="www.youtube.com/watch?v=Fv4w7jiebCQ"
                        >www.youtube.com/watch?v=Fv4w7jiebCQ</ref>
                </p>
                <p>Nach Bernhards Tod fand sich eine Aufnahme der 4. Sinfonie von Johannes Brahms
                    unter Carl Schuricht auf seinem Plattenspieler. Mit Bezug auf den Schluss-Satz
                    dieses Werks spricht Gudrun Kuhn vom Konzept der <quote source="#ref_d2e3"
                        >entwickelnden Variation</quote>, das sich auf Bernhards Schreibweise
                    anwenden lasse. Es sei eine Kompositionstechnik, welche <quote
                        source="#ref_Kuhn1999a-178">die Variationengrenzen überspielt, einzelne
                        Elemente asymmetrisch weiterführt und selbständig werdende Motive oder
                        Variierungstypen nach der Art vielfältiger Rück- und Vorverweise miteinander
                        verknüpft bzw. gegenseitig überlagert</quote>. Für die Hörenden würden
                    dadurch nicht so sehr in sich geschlossene Einzelvariationen wahrnehmbar als
                    vielmehr ein <quote source="#ref_Kuhn1999a-178">fortlaufendes musikalisches
                        Gewebe</quote>
                    <ref xml:id="ref_Kuhn1999a-178" type="bibl" rend="brackets" target="#Kuhn1999a"
                        >Kuhn 1999a: 178</ref>.</p>
                <p>Johannes Brahms: <title>Sinfonie Nr. 4</title> e-Moll; Wiener Philharmoniker,
                    Dir.: Carl Schuricht [NLTB]: <ref target="www.youtube.com/watch?v=0KBAy7M2w74"
                        >www.youtube.com/watch?v=0KBAy7M2w74</ref></p>
                <p>Ein besonders populäres Werk unserer musikalischen Überlieferung steht im
                    Mittelpunkt von Bernhards zweitem Salzburger Festspielstück, der Komödie
                        <title>Die Macht der Gewohnheit</title> (1974): Franz Schuberts
                        <title>Forellenquintett</title>. Seit 22 Jahren strebt der Zirkusdirektor
                    Caribaldi mit seinen völlig überforderten Mitspielern, vier Zirkusartisten,
                    vergeblich eine Aufführung dieses Musikstücks in der Zirkusmanege an. Auch
                    diesmal kommt die verzweifelt angestrebte Aufführung nicht zustande kommt – es
                    ist lediglich aus dem Radio zu hören, nachdem die Probe wieder einmal, wie
                    unzählige Male zuvor, im Chaos versunken ist.</p>
                <p>Franz Schubert: Forellenquintett D 667 A-Dur, 1. Satz; Amadeus Quartett, Emil
                    Gilels, Klavier (Bernhard besaß eine Plattenaufnahme des
                        <title>Forellenquintetts</title> mit dem Amadeus Quartett, allerdings mit
                    dem Pianisten Jörg Demus; vgl. <ref xml:id="ref_Bloemsaat-Voerknecht2006-272"
                        type="bibl" rend="brackets" target="#Bloemsaat-Voerknecht2006">BV
                    272</ref>): <ref target="www.youtube.com/watch?v=AtlyQ5rthwY"
                        >www.youtube.com/watch?v=AtlyQ5rthwY</ref>
                </p>

            </div>
            <div xml:id="wdr02_04-02_04">
                <head>Kompositionen für Gesang</head>
                <p>In <title>Der Keller </title>erinnert sich Bernhard, dass sein Großvater ein Jahr
                    nach seinem Abgang vom Gymnasium für ihn per Annonce unter dem Kennwort
                    „Schaljapin“ einen Gesangslehrer gesucht habe; <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-191">von Schaljapin als dem berühmtesten
                        Bassisten seiner Zeit hatte mir mein Großvater oft erzählt, er haßte die
                        Oper und alles, was mit der Oper zusammenhing, aber die urplötzliche
                        Möglichkeit, daß sein geliebter Enkel vielleicht ein berühmter Sänger wird,
                        betrachtete mein Großvater doch als ein großes Glück</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10-191" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 191</ref>. </p>
                <p>Das folgende Beispiel für Schaljapins Kunst aus der Oper <title>Boris
                        Godunov</title> enthält eine weitere Anspielung auf Bernhards Literatur: Im
                    Jahr 1965, zur Zeit der Entstehung der Erstfassung seines ersten Theaterstücks,
                    das ursprünglich als eine Art „Anti-Jedermann“ für die Salzburger Festspiele
                    gedacht war, aber aufgrund seines düsteren Inhalts dort nicht aufgeführt wurde,
                    besuchte Bernhard eine Aufführung von Modest Mussorgskis Oper <title>Boris
                        Godunow</title>, die in der opulenten Inszenierung Herbert von Karajans auf
                    dem Programm der Festspiele stand. Die Wahl des Titels <title>Ein Fest für
                        Boris</title> für die 1970 in Hamburg uraufgeführte Endfassung legt nahe,
                    Bernhard habe sich mit der späteren Namensgebung seines Helden polemisch auf die
                    etablierte Salzburger Festspielästhetik beziehen wollen.</p>
                <p>Modest Mussorgski: <title>Boris Godunov</title>, Abschied und Tod des Boris;
                    Fjodor Schaljapin: <ref target="www.youtube.com/watch?v=siM3pnF66oI"
                        >www.youtube.com/watch?v=siM3pnF66oI</ref></p>
                <p>Die Lehrerin, die Bernhard dann tatsächlich Unterricht erteilte, war Maria
                    Keldorfer (1879–1966), die in Dresden in der Uraufführung des
                        <title>Rosenkavaliers</title> von Richard Strauss eine Sopranrolle gesungen
                    und schon bald die Partie der Sophie übernommen hatte. Später meinte der
                    Erzähler der Autobiographie, dass er womöglich <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-194">ein guter Oratoriensänger</quote>
                    geworden wäre: <quote source="#ref_W10_Autobiographie-194">Purcell, Händel,
                        Bach, Mozart hätten ohne weiteres der Inhalt meines Lebens sein
                        können</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10-194" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 194</ref>, er habe <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-195">den Simon in den Jahreszeiten, den
                        Rafael in der Schöpfung, den Caleb in Josua von Händel“ gesungen. „An das
                        Dettinger-Tedeum erinnere ich mich, an den Messias</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10_Autobiographie-196" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 196</ref>. Die Auswahl der folgenden
                    Ausschnitte aus den jeweiligen Werken orientiert sich an einem Arienalbum (hg.
                    von Alfred Dörffler), das Bernhard besaß und in dem er die entsprechenden Stücke
                    angekreuzt hatte (vgl. <ref xml:id="ref_Bloemsaat-Voerknecht2006-74" type="bibl"
                        target="#Bloemsaat-Voerknecht2006">BV 74</ref>).</p>
                <p>Georg Friedrich Händel: <title>Der Messias</title>, Arie „Sie schallt, die
                    Posaun“ [Arienalbum, vgl. BV 265]; Donna Brown, Bach-Kollegium Stuttgart, Dir.:
                    Hellmut Rilling: <ref target="www.youtube.com/watch?v=iFxo-1pKFNo"
                        >www.youtube.com/watch?v=iFxo-1pKFNo</ref></p>
                <p>Georg Friedrich Händel: <title>Joshua</title>, Arie des Caleb: „Soll ich auf
                    Mamres Fruchtgefilden“ [Arienalbum, vgl. BV 265]; George Humphreys, Dir.:
                    Laurence Cummings: <ref target="www.youtube.com/watch?v=QxuA5HMAroA"
                        >www.youtube.com/watch?v=QxuA5HMAroA</ref></p>
                <p>Joseph Haydn: <title>Die Jahreszeiten</title>, Arie des Simon: „Schon eilet froh
                    der Ackermann“; Andreas Schmidt, English Classical Players, Dir.: John Eliot
                    Gardiner (mit Partitur) [Arienalbum, vgl. BV 266]: <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=ROICNhPMSAE"
                        >www.youtube.com/watch?v=ROICNhPMSAE</ref></p>
                <p>Joseph Haydn: <title>Die Schöpfung</title>, Arie des Rafael: „Rollend in
                    schäumenden Wellen“ [Arienalbum, vgl. BV 266]; Rudolf Rosen, Collegium Vocale
                    Gent, Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe: <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=Gs2Gnc7sv10"
                        >www.youtube.com/watch?v=Gs2Gnc7sv10</ref></p>
                <p>Georg Friedrich Händel: <title>Dettingen Te Deum</title>; Choir of Westminster
                    Abbey, The English Concert, Dir.: Trevor Pinnock: <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=EkqV23RRiqQ"
                        >www.youtube.com/watch?v=EkqV23RRiqQ</ref></p>
                <p>Im Zusammenhang mit der Darstellung seiner frühen Gesangsausbildung entwirft
                    Bernhard eine Stufenleiter seiner musikalischen Vorlieben: <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-196">Händel liebte ich von meiner frühesten
                        Kindheit an, Bach bewunderte ich, aber er ist immer nur in die Nähe meines
                        Herzens gekommen, Mozart war meine ureigene Welt</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10-196" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 196</ref>. Ganz im Zeichen Mozarts und
                    jener Oper, in der sich ihm <quote source="#ref_W10-200">alle musikalischen
                        Wünsche auf die vollkommenste Weise erfüllt</quote> hätten, steht auch eine
                    begeisterte Erinnerung an die ersten Erlebnisse im Zusammenhang mit den
                    Salzburger Festspielen: <quote source="#ref_W10-200">Die Zauberflöte, die Oper,
                        die in meinem Leben die erste Oper ist, die ich gehört und gesehen habe und
                        in welcher ich gleich drei Partien gesungen habe, den Sarastro, den Sprecher
                        und den Papageno</quote>
                    <ref xml:id="ref_W10Auto-200" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 200</ref>.</p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>, Arie des Papageno „Der
                    Vogelfänger bin ich ja“; Gerhard Hüsch, Berliner Philharmoniker, Dir.: Thomas
                    Beecham [NLTB]: <ref target="www.youtube.com/watch?v=iFxo-1pKFNo"
                        >www.youtube.com/watch?v=iFxo-1pKFNo</ref>
                    www.youtube.com/watch?v=yXQ_yNBPev4 </p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>, Arie des Papageno „Der
                    Vogelfänger bin ich ja“; Erich Kunz, Wiener Philharmoniker, Dir.: Wilhelm
                    Furtwängler (Salzburger Festspiele 1949): <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=CKfNhnNrx98"
                        >www.youtube.com/watch?v=CKfNhnNrx98</ref></p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>, Arie des Sarastro „In
                    diesen heil’gen Hallen“; Josef Greindl, Wiener Philharmoniker, Dir.: Wilhelm
                    Furtwängler (Salzburger Festspiele 1949): <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=iyDusLgu9IY"
                        >www.youtube.com/watch?v=iyDusLgu9IY</ref></p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>; Hans Hotter als
                    Sprecher, mit Rudolf Schock: <ref target="www.youtube.com/watch?v=mdbjIO2_ZZQ"
                        >www.youtube.com/watch?v=mdbjIO2_ZZQ</ref></p>
                <p>Die Produktion der Salzburger Festspiele stand bis 1952 auf dem Spielplan
                    (allerdings im letzten Jahr unter der Leitung Rudolf Moralts); Bernhard schrieb
                    als Mitarbeiter des Salzburger Demokratischen Volksblatts am 22. Juli 1952
                    darüber einen enthusiastischen Artikel (<quote source="#W22_Journalistik2-38"
                        >Die drei Damen sind wieder da …</quote>, <ref xml:id="ref_W22-38"
                        type="bibl" target="#W22_Journalistik2">W 22/1, 38-40</ref>). </p>
                <p>Mit seinem Freund Rudolf Brändle, einem Kapellmeister und Komponisten, den er in
                    der Lungenheilstätte Grafenhof kennenlernte, musizierte er zur Zeit seines
                    Aufenthalts in der Heilanstalt in der St. Veiter Pfarrkirche. Brändle begleitete
                    Thomas bei den Arien, die er vortrug. Mozarts „O Isis und Osiris“ aus der
                        <title>Zauberflöte</title> und die Osmin-Arien aus <title>Die Entführung aus
                        dem Serail </title>hätten nicht unbedingt zu diesem Ort gepasst, eher schon
                    Ausschnitte aus Haydns <title>Schöpfung</title>. Bernhards Repertoire sei aber
                    noch sehr beschränkt und er auch kein guter Sänger vom Blatt gewesen, deshalb
                    habe er immer dieselben Stücke gesungen. Seine Stimme habe ein „warmes,
                    baritonales Timbre“ gehabt, ähnlich wie das des jungen Hans Hotter (Brändle,
                    zit. nach <ref xml:id="ref_Fleischmann1992-42" type="bibl"
                        target="#Fleischmann1992">Fleischmann 1992: 42</ref>); Hotter wurde deshalb
                    in dem vorangegangenen Beispiel aus Mozarts <title>Zauberflöte</title> für die
                    Rolle des Sprechers ausgewählt. Bernhard erinnerte sich später daran, dass er
                    vor allem Stücke aus Bachs <title>Liederbuch der Anna Magdalena</title> gesungen
                    habe. Emotional besonders berührt habe ihn außerdem Bruckners <title>Ave
                        Maria</title>, erzählte er im Gespräch mit Krista Fleischmann <ref
                        xml:id="ref_W22-332" type="bibl" rend="brackets" target="#W22_Journalistik2"
                        >W 22/2: 332</ref>.</p>
                <p>Anton Bruckner: <title>Ave Maria</title>; Collegium Vocale Gent, Dir.: Philip
                    Herreweghe: <ref target="www.youtube.com/watch?v=FE5Ej1-SyWk"
                        >www.youtube.com/watch?v=FE5Ej1-SyWk</ref></p>
                <p>1955 begann Bernhard am Mozarteum, der Hochschule für Musik und darstellende
                    Kunst in Salzburg, ein Gesangsstudium. Er nahm Gesangsstunden bei Stoja
                    Milinkovic, einer 1886 geborene Sopranistin (ihr Todesdatum ist nicht bekannt),
                    die neben anderen Opernhäusern v.a. am Stadttheater von Nürnberg engagiert war,
                    hauptsächlich Partien aus dem Soubretten- und dem lyrischen Fach sang und von
                    1943 bis 1958 am Salzburger Mozarteum unterrichtete. Außerdem belegte er
                    Musiklehre bei Franz Sauer und Musikgeschichte bei Eberhard Preussner.
                    Milinkovic benotet seine gesanglichen Leistungen im Studienjahr 1955/56
                    durchschnittlich mit „Sehr gut“. Bernhards Studium wurde von Hedwig Stavianicek
                    finanziert (vgl. Brändle, zit. n. <ref xml:id="ref_Fleischmann1922-44"
                        type="bibl" target="#Fleischmann1992">Fleischmann 1992: 44</ref>). </p>
                <p>Auch während seiner Zeit als Gast des Ehepaares Maja und Gerhard Lampersberg am
                    Tonhof bei Maria Saal in Kärnten wirkte Bernhard bei den vielfältigen
                    musikalischen Aktivitäten seines Gastgebers mit. Er sang Werke von J. Haydn, J.
                    S. Bach und W. A. Mozart in der Kirche von Maria Saal, Lampersberg begleitete
                    ihn auf der Orgel. Maja habe über eine <quote source="#Fialik1992-33">sehr
                        schöne, sehr geschulte, dunkle Sopranstimme</quote> verfügt, berichtete die
                    mit Bernhard einige Zeit lang befreundete Autorin Jeannie Ebner. Bernhard habe
                        <quote source="#Fialik1992-33">einen großartigen Naturbaß gehabt, einen
                        richtig schönen, maskulinen Baß</quote> (zit. n. <ref
                        xml:id="ref_Fialik1992-33" type="bibl" target="#Fialik1992">Fialik 1992:
                        33</ref>). Das Repertoire, an dem er sich erprobt habe, sei sehr klein
                    gewesen; darunter <title>Der Tag ist hin, die Sonne gehet nieder</title> von
                    Johann Sebastian Bach, erinnert sich Maja Lampersberg. Auch zu Hause hätten sie
                    im Wesentlichen nur zwei Duette gesungen: „<title>Von Deiner Güt, o Herr und
                        Gott</title> aus der <title>Schöpfung</title>. Und <title>Bei Männern,
                        welche Liebe fühlen</title>, das Papageno-Pamina-Duett aus der
                        <title>Zauberflöte</title>“ (zit. n. <ref xml:id="ref_Fialik1992-110"
                        type="bibl" target="#Fialik1992">Fialik 1992: 110</ref>).</p>
                <p>Johann Sebastian Bach: <title>Musicalisches Gesang-Buch</title>, Arie „Der Tag
                    ist hin, die Sonne gehet nieder“; Klaus Mertens (Bassbariton, Bernhards
                    Stimmlage): <ref target="www.youtube.com/watch?v=bU-jheiF0Gs"
                        >www.youtube.com/watch?v=bU-jheiF0Gs</ref></p>
                <p>Joseph Haydn: <title>Die Schöpfung</title>, Duett „Von deiner Güt, o Herr und
                    Gott“; Gundula Janowitz, Hermann Prey, Wiener Philharmoniker, Dir.: Herbert von
                    Karajan (Salzburger Festspiele 1965): <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=3kyx32c9KMY"
                        >www.youtube.com/watch?v=3kyx32c9KMY</ref></p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>, Duett „Bei Männern
                    welche Liebe fühlen“ (Pamina – Papageno); Gundula Janowitz (auf sie wird später
                    im Zusammenhang mit Bernhards Stück <title>Die Berühmten</title> zurückzukommen
                    sein), Walter Berry, Philharmonia Orchestra London, Dir.: Otto Klemperer: <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=yfLQCr0RjiM"
                        >www.youtube.com/watch?v=yfLQCr0RjiM</ref></p>
                <p>Ein bedeutender Bassbariton des 20. Jahrhunderts erfährt in Bernhards spätem
                    Roman <title>Alte Meister</title> (1985) eine besondere Huldigung: <quote
                        source="#ref_W8-171f">Die Zeiten, in welchen der Sänger aller Sänger, George
                        London, den Don Giovanni gesungen hat in der Oper oder die Fleischerstochter
                        Lipp die Königin der Nacht, sind endgültig vorbei</quote>, klagt der
                    Protagonist des Textes, der Kunstschriftsteller Reger. <quote
                        source="#ref_W8-171f.">Wir hören nur noch die Mittelmäßigen, die
                        Wertlosen.</quote>
                    <ref xml:id="ref_W8" type="bibl" rend="brackets" target="#W8_AlteMeister">W 8:
                        171f.</ref> In einer Vorstufe zur Erzählung <title>Ja</title> (1978) wird
                    Mozarts Oper <title>Don Giovanni</title> übrigens als „Höhepunkt aller Kunst“
                    bezeichnet (zit. n. Komm. W 13, 320).</p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Don Giovanni</title>, George London in der
                    Titelrolle: Arie „Finch'han dal vino“</p>
                <p>
                    <ref target="www.youtube.com/watch?v=XHWN1mbrQ98"
                        >www.youtube.com/watch?v=XHWN1mbrQ98</ref> (1954)</p>
                <p>
                    <ref target="www.youtube.com/watch?v=5L47tdiF8gk"
                        >www.youtube.com/watch?v=5L47tdiF8gk</ref> (1962)</p>
                <p>
                    <ref target="www.youtube.com/watch?v=aZZF552jYtM"
                        >www.youtube.com/watch?v=aZZF552jYtM</ref> (1965, Film) </p>
                <p>Wilma Lipp (die freilich nicht die Tochter eines Fleischers, sondern eines
                    Architekten war) verkörperte zur Zeit von Bernhards Tätigkeit als
                    Kulturjournalist in der oben genannten Produktion der Festspiele die Königin der
                    Nacht (1949–1952). Diese Figur aus Mozarts Oper und eine berühmte
                    Koloratursopranistin stehen im Mittelpunkt von Bernhards erstem Salzburger
                    Festspielstück <title>Der Ignorant und der Wahnsinnige</title> (1972). Genau in
                    der Mitte des Dramas erklingt die erste Arie der Königin der Nacht aus der
                        <title>Zauberflöte</title>. Das Stück lässt sich als polemischer
                    Gegenentwurf zu Schikaneders und Mozarts künstlerischer Hymne auf die
                    Programmatik der Aufklärung lesen – bei Bernhard siegt am Ende nicht das Licht,
                    sondern alles versinkt in Finsternis. In seinem Stück demonstriert Bernhard
                    außerdem an den existenziellen Ängsten der Koloratursängerin die unerträgliche
                    Anstrengung einer Künstlerin, sich fortwährend der Beurteilung durch ein
                    gnadenloses Publikum auszusetzen; zuletzt sagt sie alle bevorstehenden
                    Verpflichtungen einfach ab.</p>
                <p>Wolfgang Amadeus Mozart: <title>Die Zauberflöte</title>, Arie der Königin der
                    Nacht: „O zittre nicht“</p>
                <p>Wilma Lipp, Wiener Philharmoniker, Dir.: Karl Böhm: <ref
                        target="www.youtube.com/watch?v=6-dG2c3G7Jg"
                        >www.youtube.com/watch?v=6-dG2c3G7Jg</ref></p>
                <p>Wilma Lipp, Wiener Philharmoniker, Dir.: Wilhelm Furtwängler (Salzburger
                    Festspiele 1949): <ref target="www.youtube.com/watch?v=9TFIVXuN8Dc"
                        >www.youtube.com/watch?v=9TFIVXuN8Dc</ref></p>
                <p>Ein besonders dichtes Netz an Anspielungen auf musikalische Inhalte durchzieht
                    Bernhards Stück <title>Die Berühmten</title> (1976). Der satirische Text wurde
                    allerdings nicht bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, für die er
                    eigentlich intendiert war; man befürchtete Angriffe auf die künstlerische
                    Prominenz, vor allem auf den mächtigen Dirigenten Herbert von Karajan. </p>
                <p>Bernhard führt darin eine Gruppe von Künstlern vor, die aus ihrer Begabung
                    lediglich möglichst hohes materielles Kapital zu schlagen trachten. Unter ihnen
                    sind auch einige Musiker, etwa ein geschäftstüchtiger Dirigent, eine ständig
                    betrunkene und zu Exzessen neigende Sopranistin, ein Tenor, ein Bassist und eine
                    Pianistin. Im Verlauf des Stücks vernichten sie gemeinsam ihre „Vorbilder“, ihre
                    entsprechenden Berufskollegen aus der Vergangenheit: In einem brutalen Exzess
                    zerstören sie die Puppen von Arturo Toscanini, Lotte Lehmann, Richard Tauber und
                    Richard Mayr, die allesamt Gegner bzw. Verfolgte des Nationalsozialismus waren,
                    aber auch der überzeugten NS-Parteigängerin Elly Ney (vgl. Komm. <ref
                        xml:id="ref_W16-394" type="bibl" target="#W16_Dramen2">W 16: 394-398</ref>).
                    Dass Bernhard kurzfristig tatsächlich an die konkrete Nennung bekannter
                    Festspielkünstler gedacht hatte, belegen Entwurfsblätter im Nachlass, auf denen
                    u.a. auch die Namen Dietrich Fischer-Dieskau, Herbert von Karajan und Gundula
                    Janowitz (die Sängerin heißt auch im endgültigen Text noch „Gundi“, vgl. <ref
                        xml:id="ref_W15-263" type="bibl" target="#W15_Dramen1">W 15: 263</ref>)
                    genannt werden (zit. nach <ref xml:id="ref_Löffler2018-103" type="bibl"
                        target="#Löffler2018">Löffler 2018: 103</ref>).</p>
                <p>Auch in dieser Komödie wird auf ein bekanntes Werk des Musiktheaters angespielt:
                    Die Hauptfigur, ein Bassist (wie der Autor selbst), hat soeben zum 200. Mal den
                    Ochs auf Lerchenau aus der „Komödie für Musik“ <title>Der Rosenkavalier</title>
                    von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gesungen, die im Verlauf der
                    Festspielgeschichte wiederholt erfolgreich aufgeführt wurde (so etwa zur
                    Eröffnung des Großen Festspielhauses am 26. Juli 1960 unter Karajan – gegen
                    dessen Errichtung als <quote source="#ref_W22_Journalistik2-258">Kolossalbau am
                        Fuße des Mönchsbergs</quote> der Journalist Bernhard am 12. April 1954 im
                        <title>Demokratischen Volksblatt</title> übrigens noch polemisiert hatte,
                    vgl. <ref xml:id="ref_W22-358" type="bibl" target="#W22_Journalistik2">W 22/1:
                        358f.</ref>). Sie wird von Bernhards Protagonisten als die „einzige wirklich
                    gelungene Oper nach Mozart“ bezeichnet <ref xml:id="ref_W16-297" type="bibl"
                        rend="brackets" target="#W16_Dramen2">W 16: 297</ref>. </p>
                <p>Den realen Richard Mayr, der enge biographische Bezüge zu Henndorf am Wallersee
                    aufwies, lässt Bernhard – ohne Namensnennung – auch in seinem autobiographischen
                    Band <title>Ein Kind </title>(1982) auftreten, wenn er dort von einer Begegnung
                    mit Carl Zuckmayer berichtet; dessen Haus habe <quote
                        source="#ref_W10_Autobiographie-467">ursprünglich einem berühmten
                        Kammersänger aus Wien gehört</quote>, der <quote source="#ref_W10-467">auf
                        dem Höhepunkt seiner Karriere den Ochs von Lerchenau gesungen</quote> habe
                        <ref xml:id="ref_W10-467" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#W10_Autobiographie">W 10: 467</ref>.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="W_Gesamtausgabe"><title level="s">Thomas Bernhard
                            Gesamtausgabe</title>. Thomas Bernhards Texte werden nach der
                        22-bändigen Ausgabe der Werke (= W) zitiert (Gesamt-Hg.: Martin Huber und
                        Wendelin Schmidt-Dengler):</bibl>
                    <bibl xml:id="W3_Kalkwerk" type="book">Bd. 3: <title level="m">Das
                            Kalkwerk</title>. Hg. von <editor>Renate Langer</editor>.
                            <pubPlace>Frankfurt a. M.</pubPlace>: <publisher>Suhrkamp</publisher>
                        <date>2004</date>.</bibl>
                    <bibl xml:id="W5_Beton">Bd. 5: <title level="m">Beton</title>. Hg. von
                            <editor>Martin Huber</editor> und <editor>Wendelin
                            Schmidt-Dengler</editor>. <pubPlace>Frankfurt a. M.</pubPlace>:
                            <publisher>Suhrkamp</publisher>
                        <date>2006</date>.</bibl>
                    <!-- HIER -->
                    <bibl xml:id="W8_AlteMeister">Bd. 8: Alte Meister. Komödie. Hg. von Martin Huber
                        und Wendelin Schmidt-Dengler. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008.</bibl>
                    <bibl xml:id="W10_Autobiographie">Bd. 10: Die Autobiographie. Hg. von Martin
                        Huber und Manfred Mittermayer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004.</bibl>
                    <bibl xml:id="W13_Erzählungen3"> Bd. 13: Erzählungen III. Hg. von Hans Höller
                        und Manfred Mittermayer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008.</bibl>
                    <bibl xml:id="W15_Dramen1">Bd. 15: Dramen I. Hg. von Manfred Mittermayer und
                        Jean-Marie Winkler. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004.</bibl>
                    <bibl xml:id="W16_Dramen2">Bd. 16: Dramen II. Hg. von Manfred Mittermayer und
                        Jean-Marie Winkler. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2004.</bibl>
                    <bibl xml:id="W22_Journalistik2">Bd. 22: Journalistik, Reden, Interviews. 2
                        Teilbde. Hg. von Wolfram Bayer, Martin Huber und Manfred Mittermayer.
                        Berlin: Suhrkamp 2015.</bibl>

                    <bibl xml:id="Bloemsaat-Voerknecht2003">Bloemsaat-Voerknecht, Liesbeth (2003):
                        Brunettimeißel, Doppelrachiotom, Durazange. Zur Verwendung des im Nachlaß
                        aufgefundenen Skripts „Pathologie–Obduktion“ in „Der Ignorant und der
                        Wahnsinnige“. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2003, S. 141–168.</bibl>
                    <bibl xml:id="Bloemsaat-Voerknecht2006">Bloemsaat-Voerknecht, Liesbeth (2006):
                        Thomas Bernhard und die Musik. Würzburg: Königshausen u. Neumann
                        (=BV).</bibl>
                    <bibl xml:id="Brändle1999">Brändle, Rudolf (1999): Zeugenfreundschaft.
                        Erinnerungen an Thomas Bernhard. Salzburg, Wien: Residenz.</bibl>
                    <bibl xml:id="Diller2011">Diller, Axel (2011): „Ein literarischer Komponist?“
                        Musikalische Strukturen in der späten Prosa Thomas Bernhards. Heidelberg:
                        Winter.</bibl>
                    <bibl xml:id="Dittmar1990"> Dittmar, Jens (Hg.) (1990): Thomas Bernhard.
                        Werkgeschichte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Dreissinger2011">Dreissinger, Sepp (2011): Was reden die Leute. 58
                        Begegnungen mit Thomas Bernhard. Salzburg, Wien: Müry Salzmann.</bibl>
                    <bibl xml:id="Fialik1992">Fialik, Maria (1992): Der Charismatiker. Thomas
                        Bernhard und die Freunde von einst. Wien: Löcker.</bibl>
                    <bibl xml:id="Fleischmann1992">Fleischmann, Krista (Hg.) (1992): Thomas Bernhard
                        – Eine Erinnerung. Interviews zur Person. Wien: Edition S .</bibl>
                    <bibl xml:id="Gamper1990">Gamper, Herbert (1990): „Der hellsichtigste aller
                        Narren“. Der Künstler Gould als „Gould“ in Thomas Bernhards Figurengarten.
                        In: du. Die Zeitschrift der Kultur. H. 4: Mythos Glenn Gould. Die Wahrheit
                        und andere Lügen (April 1990), S. 68–71.</bibl>
                    <bibl xml:id="Herzog1994">Herzog, Andreas (1994): Thomas Bernhards Poetik der
                        prosaischen Musik. In: Zeitschrift für Germanistik, N.F. 1 (1994), S.
                        35–44.</bibl>
                    <bibl xml:id="Köpnick1992">Köpnick, Lutz (1992): Goldberg und die Folgen. Zur
                        Gewalt der Musik bei Thomas Bernhard. In: Sprachkunst 23, S. 267–290.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kolleritsch2000"> Kolleritsch, Otto (Hg.) (2000): Die Musik, das
                        Leben und der Irrtum. Thomas Bernhard und die Musik. Wien/Graz: Universal
                        Edition.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kuhn1996">Kuhn, Gudrun (1996): „Ein philosophisch-musikalisch
                        geschulter Sänger“. Musikästhetische Überlegungen zur Prosa Thomas
                        Bernhards. Würzburg: Königshausen u. Neumann.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kuhn1999a">Kuhn, Gudrun (1999a): Entwickelnde Variation: Thomas
                        Bernhard als schreibender Hörer von Johannes Brahms. In: Hoell, Joachim
                        /Luehrs-Kaiser, Kai (Hg.): Thomas Bernhard – Traditionen und Trabanten.
                        Würzburg: Königshausen u. Neumann, S. 177–193.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kuhn1999b">Kuhn, Gudrun (1999b) Thomas Bernhards Schallplatten und
                        Noten. Verzeichnis und Kommentar. Weitra: Bibl. d. Provinz.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kuhn2002">Kuhn, Gudrun (2002): Musik und Memoria. Zu Hör-Arten von
                        Bernhards Prosa. In: Jahrbuch der Thomas-Bernhard-Privatstiftung 2002
                        (Wissenschaft als Finsternis?), S. 145–161.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kuhn2001">Kuhn, Gudrun (2001): Schaljapin. Eine Überforderung. In:
                        Gebesmair, Franz /Mittermayer, Manfred (Hg.): Bernhard-Tage Ohlsdorf 1999:
                        „In die entgegengesetzte Richtung“. Thomas Bernhard und sein Großvater
                        Johannes Freumbichler. Materialien. Weitra: Bibl. d. Provinz, S.
                        132–158.</bibl>
                    <bibl xml:id="Löffler2018">Löffler, Susanna (2018): „Ich bin ja ein
                        musikalischer Mensch“. Wien u.a.: Böhlau.</bibl>
                    <bibl xml:id="Mittermayer2003"> Mittermayer, Manfred (2003): Ein musikalischer
                        Schriftsteller. Thomas Bernhard und die Musik. In: Melzer, Gerhard/Pechmann,
                        Paul (Hg.): Sprachmusik. Grenzgänge der Literatur. Wien: Sonderzahl, S.
                        63–87.</bibl>
                    <bibl xml:id="Mittermayer2016">Mittermayer, Manfred (2016): Eine Musik des
                        Getrieben-Seins – Friedrich Cerha und Thomas Bernhard. In: Henke, Matthias
                        /Gensch, Gerhard (Hg.): Mechanismen der Macht. Friedrich Cerha und sein
                        musikdramatisches Werk. Unter Mitarbeit von Gundula Wilscher. Innsbruck
                        u.a.: Studien Verlag, S. 181–197.</bibl>
                    <bibl xml:id="Mittermayer2018">Mittermayer, Manfred (2018): Musik. In: Huber,
                        Martin/Mittermayer, Manfred (Hg.): Bernhard-Handbuch. Leben – Werk –
                        Wirkung. Stuttgart: Metzler, S. 381–390.</bibl>
                    <bibl xml:id="Mittermayer2015">Mittermayer, Manfred (2015): Thomas Bernhard.
                        Eine Biografie. Wien, Salzburg: Residenz.</bibl>
                    <bibl xml:id="Voerknecht1999">Voerknecht, Liesbeth (1999): Thomas Bernhard und
                        die Musik: Der Untergeher. In: Hoell, Joachim /Luehrs-Kaiser, Kai (Hg.):
                        Thomas Bernhard – Traditionen und Trabanten. Würzburg: Königshausen u.
                        Neumann, S. 195–206.</bibl>

                    <bibl xml:id="Beilharz">Empfehlenswert außerdem: Die Feuer- und die Wasserprobe
                        (Film von Norbert Beilharz mit vielen Bezügen zur Musik)
                        www.youtube.com/watch?v=0ktFW5KOFjM </bibl>

                    <bibl xml:id="NLTB">NLTB = Nachlass Thomas Bernhard (Hinweis darauf, dass
                        Bernhard die jeweilige Aufnahme besaß)</bibl>

                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
