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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Nikolaus Lenau und der ‚Gypsy-Jazz‘</title>
                
                <author>
                    <name>
                        <forename>David</forename>
                        <surname>Hell</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                    <email>a09407785@unet.univie.ac.at</email>
                    
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2021</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-02-04-06</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">2</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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            </langUsage>
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                <keywords>
                    <term xml:lang="">Nikolaus Lenau</term>
                    <term xml:lang="">‚Gypsy-Jazz‘</term>
                    <term xml:lang="">Django Reinhardt</term>
                    <term xml:lang="">Harri Strojka</term>
                    <term xml:lang="">Habsburger-Monarchie</term>
                    <term xml:lang="">Creative Europe</term>
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                <change when="2021-04-10">Converted from a Word Document</change>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Auch in der zweiten Ausgabe der <title>Wiener digitalen Revue</title> wollen die
                    Herausgeber*innen einen studentischen Beitrag aus dem Wiener
                    Germanistik-Institut präsentieren. Der Essay von David Hell gibt uns Einblicke
                    in die Dichtung Nikolaus Lenaus über Vorformen des ‚Gypsy-Jazz‘, über die Musik
                    der Roma und Sinti. Er betont dabei die Bedeutung einer grenzübergreifenden
                    Rezeption verschiedener Kunststile, wie sie in der Habsburger-Monarchie erfolgen
                    konnte und auch aktuell etwa über das EU-Programm Creative Europe gefördert
                    wird.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In this second issue, the editors of the <title>Wiener Digitale Revue</title>
                    again present a student contribution from the Viennese Department of German
                    Studies: David Hell’s essay offers insights into Nikolaus Lenau’s poems on
                    precursors of ‘gypsy jazz’, the music of the Sinti and Romani people,
                    emphasizing the importance of a transnational reception of different artistic
                    styles that was possible in the Hapsburg monarchy, and which is also promoted
                    today, for instance by the Creative Europe EU programme.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr02_04-06_01">
                <head>In den wilden Süden</head>
                <p><title>Tears</title> wurde von Django Reinhardt (1910–1953) und seinem Geiger
                    Stéphane Grappelli (1908–1997) als kleines, unauffälliges Stück in Moll
                    komponiert. Wenn es um Tränen geht, so der Titel, dann ist Moll, die traurige
                    Tonart, ideal. Zu Beginn ist aber Traurigkeit kaum wahrnehmbar. Gitarre und Bass
                    leiten ein und spielen sich leichtfüßig und locker musikalisch die Bälle zu. Die
                    Schwermut folgt erst im dritten Durchgang. Dann kommt die Violine hinzu und
                    verwandelt Atmosphäre und Wirkung – der sentimentale Bogen der Geige öffnet in
                    den Zuhörenden die Türen zu anderen (Traum-)Welten.</p>
                <figure xml:id="wdr02_04-06_Abb_01">
                        <graphic url="wdr02_04-06_Abb_01.png" width="300px" height="300px"/>
                        <head type="legend">Gottlieb, William P. Portrait of Django Reinhardt,
                            Aquarium, New York, N.Y., ca. Nov. United States, 1946. , Monographic.
                            Photograph (<ref target="www.loc.gov/item/gottlieb.07301/">www.loc.gov/item/gottlieb.07301/</ref>), Tears
                            (<ref target="www.youtube.com/watch?v=Txlfrh9cjoA">www.youtube.com/watch?v=Txlfrh9cjoA</ref> resp. auch
                            <ref target="www.dailymotion.com/video/xryy0q" >www.dailymotion.com/video/xryy0q</ref>)</head>
                    </figure>
                <figure xml:id="wdr02_04-06_Abb_02">
                        <graphic url="wdr02_04-06_Abb_02.jpg" width="300px" height="300px"/>
                        <head type="legend">Immer wieder in Verbeugung vor Django Reinhardt: Harri
                            Stojka (<ref target="www.harristojka.at/html/harri-stojka-musik.html">www.harristojka.at/html/harri-stojka-musik.html</ref>)</head>
                    </figure>
                <p>Das Lied, in den USA von einem Europäer geschrieben, der der Gruppe der Sinti
                    angehörte, soll als Einleitung in jenen Musikspeicher dienen, den das Werk des
                    spätromantischen Schriftstellers Nikolaus Lenau (1802–1850) für uns heute noch
                    darstellen kann (siehe zu Lenau allgemein <ref xml:id="ref_ritter2002" type="bibl" target="#Ritter2002">Ritter 2002</ref>). Auch Lenau – im damals
                    ungarischen und fast gänzlich deutschsprachigen, heute rumänischen Csatád
                    (Lenauheim) geboren, über Budapest schließlich nach Stockerau und Wien gekommen
                    – sollte es mit Vorformen des ‚Gypsy-Jazz‘ im Ohr nach Nordamerika verschlagen.
                    Allerdings nur äußerst kurzzeitig und natürlich unter ganz anderen
                    Voraussetzungen: Im Jahr 1832 kaufte Lenau mitten im Nichts, mitten in der
                    Wildnis von Ohio 400 Morgen Kongressland, um eine neue Existenz zu begründen.
                    Doch schon nach wenigen Monaten sollte er völlig desillusioniert von den
                    frühkapitalistischen Auswüchsen in der Neuen Welt als ‚Amerika-Müder‘
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_kürnberger1855-d2e3" type="bibl" target="#Kürnberger1855"
                        >Kürnberger 1855</ref>; dazu
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_müller-funk2009-d2e3" type="bibl" target="#Müller-Funk2009"
                        >Müller-Funk 2009</ref>) nach Europa zurückkehren und fortan zwischen
                    Württemberg, Bad Ischl und Wien pendeln. Es setzte jene – allerdings
                    hochproduktive – Phase der geistigen Unbeständigkeit ein, die Peter Härtling in
                        <title>Niembsch oder Der Stillstand</title> 1964 als ‚Suite‘ inszeniert hat,
                    die in die Kapitel Präludium, Rondo, Gigue, Menuett-Gavotte, Allemande, Bourrée,
                    Sarabande und Burlesca-Air unterteilt ist. Eine weitere Koinzidenz soll nicht
                    unerwähnt bleiben: Beide, sowohl Reinhardt als auch Lenau, sollten bereits im
                    frühen Alter von Anfang 40 zu tragischen Opfern eines Schlaganfalls werden.</p>
                <p>Nikolaus Lenaus Freundeskreis in Stuttgart, der aus den schwäbischen Dichtern
                    Gustav Schwab, Karl Mayer und Justinus Kerner bestand, hatte ihn von seiner
                    Amerika-Reise abhalten wollen. Das hatte vor allem den Grund, dass Lenaus
                        <title>Gedichte</title>, die 1832 bei Cotta erschienen waren, mittlerweile
                    ein recht großes Echo hervorgerufen hatten. In ihnen ließ sich ein neuer Klang
                    vernehmen, welcher die bereits bestehende Ungarn-Romantik als Zweig des
                    allgemeinen romantischen Orientalismus (vgl. <ref xml:id="ref_watzatka2013-103-107" type="bibl" target="#Watzatka2014">Watzatka 2014: 103–107</ref>) verstärkte
                    und den sehnsuchtsvollen Blick <title>Nach Süden</title>, zum „fernen
                    Ungerlande“
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Lenau1995a-85" type="bibl" rend="brackets" target="#Lenau1995a"
                        >Lenau 1995a: 85</ref>, in die Puszta und an die Schilfufer sowie zu den
                    Siedlungen und Wegstrecken der Magyaren, Husaren und Roma bediente.</p>
                <p>Auch in diesen Gegenden, genauer in Tokaj, am Rand der ungarischen Tiefebene (die
                    Stadt ist heute noch bekannt für den herzhaften Süßwein), hatte Lenau in seinem
                    15. und 16. Lebensjahr gelebt. Wenige Jahre später dann kam Lenau noch einmal
                    für ein halbes Jahr in die kleine Tiefebene Westungarns, wo er Landwirtschaft
                    studierte und immer wieder zu Pferde die Umgebung durchstrich. Diese Welt mit
                    ihren wohltemperierten Farben und typischen Klängen sollte schließlich als
                    Reminiszenz an die Kindheits- und Jugendjahre in den Gedichten und Versepen
                    Lenaus immer wieder in den Vordergrund drängen. Im späteren Gedicht <title>Die
                        drei Zigeuner</title> (1838) werden drei Roma als Naturmenschen beschrieben,
                    die ganz in ihrer eigenen hermetisch abgeschlossenen Welt leben. Zwei von ihnen
                    haben Musikinstrumente bei sich – einer spielt auf einer Fiedel, der andere hat
                    ein Zimbal an einen Baumstamm gehängt. In diesem Gedicht quellen nun aus allen
                    Verszeilen pannonische Glut und Lebensgefühl der Durchreisenden hervor, die zwar
                    völlig arm sind, aber alle Zeit der Welt zu haben scheinen.</p>
                <p>Dieses Bild lässt sich nun einerseits topologisch gut über die zeitgenössischen
                    Gemälde der ‚wandernden‘ oder ‚geigenden Zigeuner‘ erschließen, wie jenes von
                    Ferencz Pongrácz, das Lenau auch zu seinem Gedicht inspirierte (<ref
                        type="crossref" target="#wdr02_04-06_Abb_03">Abb. 3</ref>; vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_d2e3" type="bibl" target="#Watzatka2014">Watzatka 2014:
                        110–113</ref>; zum ‚Zigeunerbild‘ allgemein
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_brittnacher2012-d2e3" type="bibl" target="#Brittnacher2012"
                        >Brittnacher 2012</ref>).</p>
                <figure xml:id="wdr02_04-06_Abb_03">
                        <graphic url="wdr02_04-06_Abb_03.jpg" width="300px" height="300px"/>
                        <head type="legend">Ferencz Pongrácz: Három cigány / Drei Zigeuner, 1836 (©
                            Wikimedia Commons
                            <ref target="https://hu.wikipedia.org/wiki/Fájl:Pongrácz_F_Három_cigány.jpg"> https://hu.wikipedia.org/wiki/Fájl:Pongrácz_F_Három_cigány.jpg</ref>
                            [CC-BY-SA])</head>
                    </figure>
                <p>Doch sollte man sich dazu unbedingt auch Lenaus Nordamerika-Erfahrung in
                    Erinnerung rufen, wie sie sich etwa aus dem Gedicht <title>Die drei
                        Indianer</title> (1834) erschließen lässt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#Lenau1995b-329">
                        <lg>
                            <l>Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren! </l>
                            <l>Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren, </l>
                            <l>Die einst Bettler unsern Strand erklettert! </l>
                            <l>Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe! </l>
                            <l>Hundert Flüche jedem Felsenriffe, </l>
                            <l>Das sie nicht hat in den Grund geschmettert! </l>
                            <l>Täglich übers Meer in wilder Eile </l>
                            <l>Fliegen ihre Schiffe, giftge Pfeile, </l>
                            <l>Treffen unsre Küste mit Verderben. </l>
                            <l>Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen, </l>
                            <l>Als im Herzen tödlich bittres Hassen: </l>
                            <l>Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben!
                                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                    xml:id="ref_Lenau1995a-329" type="bibl" rend="brackets"
                                    target="#Lenau1995a">Lenau 1995b: 329</ref>
                            </l>
                        </lg></quote>
                </cit>
                <p>Die Illusion vom Wilden Westen ist schon in der Spätromantik durchschaut und auf
                    den existenziellen Nullpunkt der indigenen Bevölkerung gebracht. Bei Lenau wird
                    demgegenüber die zentraleuropäische Puszta-Ebene die Fluchtlinie vorgeben, auf
                    denen die Leserinnen und Leser den Roma und ihrer ungebundenen Musik in die
                    endlose Weite der zentraleuropäischen Steppenlandschaft folgen können.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr02_04-06_02">
                <head>In den Dorfschenken</head>
                <p>Lenaus Dichtung ist ohne die ihr zugrundeliegende Musikalität kaum zu fassen.</p>
                <cit>
                    <quote source="#Pascu2003-253"><p>Der Dichter war bestrebt, mit Worten Musik zu
                            machen. Anhand sprachlich-rhythmischer Mittel versuchte er Gefühle und
                            Stimmungen auszudrücken. Von den stilistischen Mitteln, die der
                            Musikalität der Sprache dienen, erscheinen häufig die Alliteration und
                            die Wiederholung als musikalitätsgenerierende Mittel. Die akkustischen
                            [sic!] Eigenschaften der Vokale rufen die „Klangwirkung“ hervor, durch
                            das Wechselspiel der hellen und dunklen Vokale, die durch verschiedene
                            Klangfärbung und unterschiedliche Schallfläche wirken. Das Wort als
                            Bedeutungsträger löst Gefühle nebst Bildern aus, die dem begrifflichen
                            Gehalt klanglich
                                entsprechen. <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                xml:id="ref_Pascu2003-253" type="bibl" rend="brackets"
                                target="#Pascu2003">Pascu 2003: 253</ref></p></quote>
                </cit>
                <p>Dementsprechend tragen viele der Gedichte von Lenau auch den Titel-Zusatz ‚Lied‘:
                    Neben den wohl bekanntesten <title>Schilfliedern</title> (1832), einem aus fünf
                    Gedichten und überwiegend aus vierhebigen Trochäen bestehenden Miniatur-Zyklus,
                    sind das <title>Lied eines Auswanderers</title> (1823), die
                        <title>Polenlieder</title> (1835) oder die <title>Waldlieder</title> (1843)
                    zu nennen. Und in anderen Gedichten, die nicht als Lieder bezeichnet werden,
                    findet wiederum Musik statt oder es treten Musiker auf. Dieser Umstand sollte
                    schließlich auch zu rund 800 Vertonungen von Lenaus Gedichten animieren.
                    Darunter befinden sich viele und sehr bedeutende Komponisten, wie etwa Robert
                    Schumann, Hugo Wolf, Richard Strauss, Felix Mendelssohn Bartholdy oder der in
                    Westungarn (heute Raiding im Burgenland) geborene Franz (Ferenc) Liszt, der
                    unter anderem auch das Gedicht <title>Die drei Zigeuner</title> vertonte sowie
                    symphonische Dichtungen zu Lenaus Versepos <title>Faust – Ein Gedicht</title>
                    (1836) verfasste, wie etwa den<title> Tanz in der Dorfschenke</title>
                        (<title>Mephisto-Walzer Nr. 1</title>).</p>
                <p>In dieser Szene der Dorfschenke – gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, wie sehr
                    sich Lenaus Faust von Goethes Werk selbstbewusst abhebt und nicht nur formal
                    Eigenständigkeit entwickelt („Faust ist ein Gemeingut der Menschheit, kein
                    Monopol Göthes“, zit. n.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_lenau1997-260" type="bibl" target="#Lenau1997">Lenau 1997:
                        260</ref>) – jagt Mephistopheles Faust in die Glut der Begierde, die sich an
                    der Musik und am Tanz entfachen soll. Mephistopheles fordert die Musiker auf,
                    ihren lahmen Walzer zu beenden und ihm eine Geige zu überreichen. Der von ihm
                    geführte Bogen verzaubert die Dorfschenke in einen sexuell aufgeladenen Ort. Die
                    Töne von des Teufels Geige gleichen einem <quote source="#ref_Lenau1997-33"
                        >selig hinsterbende[n] Lustgestöhne</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Lenau1997-33" type="bibl" rend="brackets" target="#Lenau1997"
                        >ebd.: 33</ref>. Mit abwechselnden Schattierungen übernimmt die Musik die
                    Handlungen der Tanzgesellschaft, die, in Daktylen wiedergegeben, nur noch wie an
                    Schnüren geführte Puppen agieren und völlig dem Willen des Spielers ausgesetzt
                    sind. Im wilden Getöse gehen Hahnenkämpfe in Küsse über. Innerhalb der Amplitude
                    der Emotionen erliegt alles den verführerischen Weisen des Geigenklangs. Bis
                    Faust wie berauscht mit seiner Tanzpartnerin, immer in Begleitung der
                    Geigenklänge, die dann durch den Gesang der Nachtigall abgelöst werden, hinaus
                    zum Wald und zu seinem Liebesnest davontanzt.</p>
                <p>Die Geige ist immer schon ein ambivalentes Instrument gewesen. Seit jeher steht
                    sie im Verruf, göttlichen wie teuflischen Ursprungs zu sein. Jedenfalls ruft sie
                    in uns unterschiedliche Wirkungen hervor. Gräfin Mariza singt in der
                    gleichnamigen Operette von Emmerich Kálmán: <quote source="#ref_Kalman_oJ">Höre
                        ich Zigeunergeigen, bei des Cymbals wildem Lauf / Wird es mir um’s Herz so
                        eigen, wachen alle Wünsche auf</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Kalman_oJ" type="bibl" rend="brackets" target="#Kalman_oJ"
                        >Kálmán o.J.</ref>. Man erkennt hier die Nähe zur ungarischen Volksmusik,
                    die stark von Violine, Bratsche, Klarinette, Zymbal und Kontrabass bestimmt ist
                    – wobei es vor allem die Geige ist, die immer wieder in den Vordergrund gehoben
                    wird. Diese Hervorstellung der Geigenvirtuosität geht insbesondere auf den
                    Roma-Violinisten und Komponisten János Bihari zurück, der um 1800 den Typus des
                    ‚Musikzigeunertums‘ vorgeprägt und damit gleichzeitig auch gesellschaftlich
                    aufgewertet hatte (Abb. 4; vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Wagner2020-187f." type="bibl" target="#Wagner2020">Wagner 2020:
                        187f.</ref>).</p>
                <figure xml:id="wdr02_04-06_Abb_04">
                        <graphic width="300px" height="300px" url="wdr02_04-06_Abb_04.jpg"/>
                        <head type="legend">Johann Daniel Donat: Janós Bihari, 1820 (© Wikimedia
                            Commons
                            <ref target="https://de.wikipedia.org/wiki/János_Bihari#/media/Datei:Donát_Bihari.jpg"> https://de.wikipedia.org/wiki/János_Bihari#/media/Datei:Donát_Bihari.jpg</ref>
                            [CC-BY-SA])</head>
                    </figure>
                <p>Diese Tradition greift nun auch Lenau auf und verbindet sie mit den
                    existenziellen Leitthemen des Faust-Stoffes. Wenn es in der Überschrift der
                    Szene heißt: <quote source="#ref_Lenau1997-30">Dorfschenke. Hochzeit. Musik und
                        Tanz</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Lenau1997-30" type="bibl" rend="brackets" target="#Lenau1997"
                        >Lenau 1997: 30</ref>, so vereinen sich darin außerdem Themen, die in Lenaus
                    Leben eine Rolle spielten: Er war einerseits, den gesellschaftlichen
                    Gepflogenheiten in Ungarn entsprechend, ein exzellenter Tänzer und andererseits
                    selbst ein virtuoser Musiker, der sowohl Geige, Gitarre als auch Klavier spielen
                    konnte. Dazu lässt sich ein zeitgenössisches Dokument heranziehen: Der
                    österreichische Musikjournalist August Schmidt schrieb in einem
                    selbstbiografischen Bericht über eine Begegnung mit Nikolaus Lenau, bei der er
                    diesen nach Hause begleitete und dazu bringen wollte, ihm etwas auf der Geige
                    vorzuspielen. Nach einiger Zeit ließ sich Lenau dazu hinreißen und spielte.
                    Schmidt schrieb darüber, <quote source="#ref_Schmidt1878-158">daß mich sein
                        Spiel tief ergriffen und die Töne, die er angeschlagen, mir das Herz
                        schneller schlagen machten, dies muß ich zugestehen. Was er spielte, war
                        keine ungarische Nationalmelodie, es war eine tiefe Melancholie, welche in
                        Tönen Ausdruck fand, welche er den Weisen der Magyaren abgeborgt
                        hatte.</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Schmidt1878-158" type="bibl" rend="brackets"
                        target="#Schmidt1878">Schmidt 1878: 158</ref>
                </p>
                <p>Diese Vorführung als Reaktion auf einen vom Biografen gespielten Verbunkos, einen
                    veralteten militärisch-nationalistischen Werbetanz, stellt auch Lenaus
                    romantische Kunst der Improvisation aus, die Lenau vom Modellvirtuosen Bihari
                    übernommen hatte (vgl.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Wagner2020-188" type="bibl" target="#Wagner2020">Wagner 2020:
                        188–190</ref>). Hier klingt vielleicht der neue feurige Stil der Csárdás an,
                    der, häufig von Roma vorgetragen, damals in Mode kam und mit Trinkliedern als
                    Textgrundlage vor allem in Gaststätten aufgespielt wurde (ungar. Csárda =
                    ‚Wirtshaus‘, ‚Dorfschenke‘). So sehr also die Weite der Puszta zum Träumen
                    anregen mochte, anziehend war im Grunde jene Geselligkeit, die in den
                    Dorfschenken anzutreffen war und für einen spontanen, lebensbejahenden
                    Rhythmuswechsel im Lebensalltag sorgte.</p>
                <p>Was wir bereits in der Faust-Szene sehen konnten, begegnet uns so auch im
                    bezeichnenden Gedicht <title>Die Heideschenke</title> (1826/27), in
                        <title>Mischka an der Theiß</title> (1835), <title>Mischka an der
                        Marosch</title> (1842) oder in <title>Die Bauern am Tissastrande</title>
                    (1844). Lenau schaffte es dabei, die Grenze zwischen den Musik- und auch
                    Kunstformen stellenweise aufzuheben und dem Geigenmotiv im Wechselspiel zwischen
                    Dur und Moll höchst innovative Elemente abzugewinnen. Es lässt sich einer auf
                    einem musikalischen Grundmodell beruhenden kreativen Spontanität zuschreiben –
                    ein Umstand, der, natürlich mit einiger Nachsicht, an eine Vorform des Jazzens
                    denken lässt.</p>
                <cit>
                    <quote source="Lenau1995b-18f.">
                        <lg>
                            <l>Wilder stets Musik erwacht; </l>
                            <l>Rasen die Zigeunerleute? </l>
                            <l>Werden sie der Uebermacht </l>
                            <l>Ihres Liedes selbst zur Beute? </l>
                            <l>Horch, wie scherzend, horch, wie klagend </l>
                            <l>Und das Herz von hinnen tragend, </l>
                            <l>Mischka’s Wundergeige waltet, </l>
                            <l>Durch und durch die Seele spaltet.
                                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                                    xml:id="ref_Lenau1995b-18" type="bibl" rend="brackets"
                                    target="#Lenau1995b">Lenau 1995b: 18f.</ref>
                            </l>
                        </lg></quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr02_04-06_03">
                <head>Kreatives (Zentral-)Europa</head>
                <p>Ein nur noch zartes Pochen ist Lenaus Wirkung auf die Nachwelt, sie scheint
                    verklungen wie ein Schlussakkord im Konzertsaal (erinnert sei an dieser Stelle
                    an den ganz frühen Einfluss des „Geigers vom Traunsee“ bei
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Hofmannsthal1978" type="bibl" target="#Hofmannsthal1978"
                        >Hofmannsthal 1889/1978</ref>). Eine direkte Rezeption zu Lenau findet kaum
                    noch statt – vielmehr ist die stark mit nationalen Identitätsfindungen im
                    Zusammenhang stehende Rezeptionsgeschichte selbst in den Fokus der Forschung
                    gerückt
                        (<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Müller-Kampel" type="bibl" target="#Müller-Kampel2003_2004"
                        >Müller-Kampel 2003/2004</ref>;
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Simonek2003" type="bibl" target="#Simonek2003_2004">Simonek
                        2003/2004</ref>). Die siebenbändige historisch-kritische Gesamtausgabe zu
                    Nikolaus Lenau ist bei Klett-Cotta zwischen 1989 und 2004 erschienen. Sie ist
                    allerdings bereits vergriffen und ein erneuter Druck ist nicht vorgesehen, wie
                    der Verlag auf Anfrage mitgeteilt hat.</p>
                <p>Aber es tut sich doch etwas, wie das Beispiel der zeitgenössischen Oper
                        <title>Lunea</title> von Heinz Holliger zeigt. Im Wort ‚Lunea‘ sieht man
                    gleich die Wörter ‚Lenau‘ und ‚Luna‘ gemeinsam hervortanzen. Die Oper ist aus
                    einem gleichnamigen Liederzyklus entstanden, der ebenfalls von Holliger stammt
                    und mit dem Schlaganfall Lenaus beginnt, der ihn vier Jahre vor seinem Tod
                    ereilte und eine Gesichtshälfte lähmte. Ein Riss gehe durch sein Gesicht, sagte
                    er selbst. In dreiundzwanzig Lebensblättern zeigt die Oper Lenaus Leben, wie in
                    zerrissenen Fetzen, die eines widerspiegeln: seine rastlose Suche nach
                    Lebensglück und seine unerfüllten Liebesbemühungen. Demzufolge sind die
                    Lebensblätter auch lyrische Bilder. Und immer wieder finden sich darin auch
                    kurze musikalische und historische Zitate, etwa von Franz Liszt.</p>
                <p>Man kann diese zahlreichen musikalischen Referenzen auch als Zeichen dafür sehen,
                    von wie vielen Einflüssen Lenaus Werk geprägt war und wie sehr es sein Anliegen
                    gewesen zu sein schien, diese zu verknüpfen und auf eine neue Ausdrucksebene zu
                    heben. In Lenaus Dichtung spiegeln sich so die kulturelle Heterogenität und
                    Pluralität Zentraleuropas, und es zeigt sich, wie die verschiedenen Kulturen der
                    Habsburger-Monarchie einen <quote source="#ref_d2e3">wichtigen Stimulans für
                        Kreativität</quote>
                    <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_Csaky2002-40" type="bibl" rend="brackets" target="#Csaky2002"
                        >Csàky 2002: 40</ref> bringen konnten.</p>
                <p>Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den kulturellen Austausch zu forcieren. Im
                    Literaturbereich zählen sicher auch die Stadtschreiber dazu. Um noch im weiteren
                    künstlerischen Bereich einen Austausch voranzutreiben, winken etwa Förderungen
                    durch die Europäische Union. So werden im Rahmen von <ref
                        target="https://www.creativeeurope.at"><term>Creative Europe</term></ref>
                    Kulturförderungen im Kunst-, Kultur- und Kreativsektor zugesprochen. Gefördert
                    werden dabei multilaterale Kooperationsprojekte, europäische Netzwerke und
                    Plattformen sowie literarische Übersetzungen. Nach dem Ablauf des ersten
                    Sechsjahreszyklus wird ab heuer das nächste Programm ausgeschrieben. Dies soll
                    abschließend insofern hervorgehoben werden, da wir am Beispiel Lenaus sehen
                    können, wie wichtig es für eine neue Generation ist, mit frischem Schwung alte
                    Stoffe aufzugreifen, die <quote source="#ref_lenau1997-260">ein Gemeingut der
                        Menschheit, kein Monopol [eines Autors]</quote> (zit. n.
                        <?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?><?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?><ref
                        xml:id="ref_lenau1997-260_2" type="bibl" target="#Lenau1997">Lenau 1997:
                        260</ref>) darstellen, und sie in Anbetracht der sich laufend verändernden
                    kulturellen Kontexte neu zu variieren.</p>
            </div>



        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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                        Freiheit sind sehr rauh, das Loch im Kopf aber ist sehr gut“. Nikolaus Lenau
                        in Amerika. Samt einem kurzen Kommentar zu Ferdinand Kürnbergers <title>Der
                            Amerikamüde</title>, in: Ders.: Komplex Österreich. Fragmente zu einer
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                        Leben als literargeschichtliche Erinnerungsfigur. Am Beispiel
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                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
