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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">„Was waren wir denn ohne sie?“</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Polyphonie in Wir-Erzählungen der Gegenwart
                    *</title>

                <author>
                    <name>
                        <forename>Silvan</forename>
                        <surname>Moosmüller</surname></name>
                    <affiliation>Universität Luzern</affiliation>
                    <email>Silvan.Moosmueller@unilu.ch</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0003-2614-0522</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-03</idno>
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            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Polyphonie</term>
                    <term xml:lang="en">Wir-Erzählungen</term>
                    <term xml:lang="en">Saša Stanišić</term>
                    <term xml:lang="en">Kevin Vennemann</term>
                    <term xml:lang="en">Günter Grass</term>
                    <term xml:lang="en">Lucia Leidenfrost</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Deutschsprachige Autor:innen greifen in letzter Zeit wiederholt auf ein <q
                        rend="single-qm">wir</q> als Erzählinstanz zurück, etwa Saša Stanišić in
                    seinem Dorfroman Vor dem Fest (2014). Literarische Texte sind in der Lage,
                    dieses <q rend="single-qm">wir</q> nicht einfach als monolithische <q
                        rend="single-qm">Einheit</q> vorauszusetzen, sondern die inneren Spannungen
                    zwischen Individuum, Kollektiv und diversen Untergruppen auszuloten. Moosmüller
                    analysiert die Polyphonie solcher <q rend="double-qm">plural storytelling
                        voices</q> mit einem speziellen Augenmerk auf die intermedialen Bezüge zur
                    Musik. Er fragt sich dabei, wie literarische Texte die Dynamik zwischen
                    individuellen/r Stimme(n) und chorisch-kollektivem Sprechen ausagieren.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Recently, German-language authors have repeatedly fallen back on a ‘we’ as the
                    narrative voice, for instance Saša Stanišić in his village novel Vor dem Fest
                    (Before the Feast, 2014). Literary texts are able not only to presuppose this
                    ‘we’ as a monolithic ‘unit’, but to fathom the internal tensions between
                    individual, collective and diverse sub-groups. Silvan Moosmüller analyses the
                    polyphony of such “plural storytelling voices” with a special focus on
                    intermedial references to music, asking how literary texts enact the dynamics
                    between individual voice(s) and choric-collective speech.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_02-03_01">

                <cit>
                    <quote>Aber kennen Sie einen Roman, in dem „wir“ im wahrsten Sinn der ersten
                        Person Plural verwendet wurde und nicht als Pluralis majestatis der
                        Wissenschaftler oder Politiker? <lb/><p>Carl Djerassi: <hi rend="italic"
                                >Marx, Deceased</hi></p><note xml:id="endnote_01">Djerassi, Carl
                            (1994): Marx, verschieden. Roman. Aus dem Amerikanischen von
                            Ursula-Maria Mössner. Zürich: Haffmanns, S. 273.</note></quote>
                </cit>



            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-03_02">
                <p>Erzählungen, die durchgehend in der ersten Person Plural verfasst sind, bilden in
                    der Literatur eine Ausnahme, auch wenn es ein paar Klassiker gibt: Franz Kafkas
                        <title>Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse</title> (1924) zum
                    Beispiel, oder William Faulkners <title>A Rose for Emily</title> (1929). Umso
                    auffälliger ist, dass Autor*innen von Romanen und anderen Prosagattungen in
                    letzter Zeit vermehrt auf ein Wir als Erzählinstanz zurückgreifen. Diese Tendenz
                    lässt sich sprachenübergreifend beobachten (<ref type="bibl"
                        target="#Bekhta2020">vgl. Bekhta 2020: 2, 178</ref>). Und sie findet eine
                    Entsprechung außerhalb der Literatur, wo vom Sachbuch über den Essay bis zum
                    Pamphlet oder Manifest die Wir-Form allgegenwärtig ist (<ref type="bibl"
                        target="#Kermani2009">vgl. Kermani 2009</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Garcia2018">Garcia 2018</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Basil2021
                        ">Basil 2021</ref>). Die These
                    scheint sich zu bestätigen, dass in Gesellschaften, in denen die etablierten
                    hegemonialen Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen in Frage stehen, das
                    Bedürfnis nach einer Selbstvergewisserung durch kollektive Erzählungen zunimmt
                        (<ref type="bibl" target="#Marcus2008">vgl. Marcus 2008: 137</ref>), so wie
                    generell kollektive Identität als <quote source="#ref_Delitz2018-51"
                        >gegenwärtiges Leitproblem</quote> erscheint (<ref
                        xml:id="ref_Delitz2018-51" type="bibl" target="#Delitz2018">Delitz 2018:
                        51</ref>). Wer aber spricht überhaupt, wenn ein Wir spricht – und in wessen
                    Namen?</p>
                <p>In performativen und auditiven Darbietungsformen geben in der Regel die
                    Aufführungssituation oder der Klang einer Stimme Aufschluss (oder zumindest
                    deutliche Hinweise), wie sich das Wir zusammensetzt, das spricht. Wenn zum
                    Beispiel in Johann Sebastian Bachs <title>Matthäus-Passion</title> BWV 244 der
                    Chor die Schlusszeilen <q rend="double-qm">Wir setzen uns in Tränen nieder</q>
                    anstimmt, ist akustisch unmittelbar vernehmbar, dass hinter dem singenden <q
                        rend="double-qm">Wir</q> eine Gruppe mehrerer Sängerinnen und Sänger steht.
                    Das Wir, als das Bachs Chor spricht (respektive singt), gibt sich unmittelbar
                    als kollektive Instanz zu erkennen, an der mehrere Stimmen gleichzeitig
                    beteiligt sind – mal im blockhaften Unisono, mal kontrapunktisch in mehrere
                    Einzelstimmen aufgefächert (Polyphonie). Desgleichen sind die Theaterbühnen von
                    kollektiven Instanzen bevölkert, die Sprechakte gemeinsam performieren.
                    Historisch reicht das Spektrum vom Chor in der antiken Tragödie bis zum
                    Sprechchor im postdramatischen Theater (<ref type="bibl" target="#Hass2021">vgl.
                        Hass 2021</ref>).</p>
                <p>In der Schriftlichkeit fehlt dem Wir eine solche performative oder akustische
                    Visitenkarte. Das sprechende (oder erzählende) Wir ist hier zunächst lediglich
                    eine Funktion des Textes. Seine Stimme erhält es erst durch die <hi
                        rend="italic">subvocalization</hi> im Akt der Rezeption (<ref type="bibl"
                        target="#Tonger-Erk2016">vgl. Tonger-Erk 2016: 216</ref>). Dasselbe lässt
                    sich zwar von der Stimme jeder Erzählinstanz sagen. Auch ein*e Ich-Erzähler*in
                    verfügt über eine Stimme nur insofern, als ihr*ihm diese bei der Lektüre als <hi
                        rend="italic">inner voice</hi> zugesprochen wird. Und doch gibt es gegenüber
                    der Wir-Erzählinstanz einen entscheidenden Unterschied: Das Ich ist
                    grammatikalisch eindeutig als Stimme im Singular, als Stimme einer Person
                    bestimmt. Das Wir lässt indes offen, ob es seinerseits als Einzelstimme zu
                    imaginieren ist, die auf eine Gruppe lediglich referenziert, also <hi
                        rend="italic">für</hi> eine Gruppe spricht – oder aber als kollektive
                    Stimme, an der mehrere Sprecher*innen partizipieren (<ref type="bibl"
                        target="#Fludernik2018">vgl. Fludernik 2018: 174</ref>). </p>
                <p>Für den Begriff der Polyphonie, anhand dem ich im vorliegenden Beitrag einen
                    bestimmten Typus von Wir-Erzählung profiliere, ist dieser Unterschied
                    entscheidend. Denn Polyphonie, Vielstimmigkeit, wie ich sie verstehe, setzt das
                    Mitwirken mehrerer Stimmen am Erzählakt voraus. Und zwar so, dass diese Stimmen
                    als Einzelstimmen vernehmbar bleiben und zugleich mit anderen Stimmen
                    interagieren und sich zum Kollektiv formieren. Die fiktionale Literatur der
                    Gegenwart experimentiert mit solchen polyphonen Wir-Erzählstimmen. In meinem
                    Beitrag gehe ich der Frage nach, mit welchen literarischen Mitteln die
                    Autor*innen diese Stimmen kreieren und welches Potenzial polyphone
                    Wir-Erzählungen haben, um Konzeptionen des Kollektiven zu hinterfragen. Im
                    ersten Teil diskutiere ich das veranschlagte Konzept der Polyphonie im Kontext
                    der bisherigen – fast ausschließlich angelsächsischen – Forschung zu <hi
                        rend="italic">we-narratives</hi> (1.). Anschließend entwickle ich anhand
                    eines Korpus deutschsprachiger Wir-Erzählungen einen Katalog mit fünf Aspekten,
                    die für polyphone Wir-Erzählungen charakteristisch sind (2.). Als Fazit
                    profiliere ich solche polyphonen Wir-Erzählungen gegenüber binären Erzählungen
                    des Wir versus Sie (3.). </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-03_03">
                <head>1. Polyphonie und <hi rend="italic">we-narratives</hi></head>
                <p>Der Begriff Polyphonie wird in Musik, Literaturwissenschaft, Linguistik und
                    Philosophie derart unterschiedlich verwendet, dass man nicht umhinkommt, zu
                    präzisieren, mit welchem Erkenntnisinteresse man ihn im Einzelfall
                        einsetzt.<note xml:id="endnote_02"><p> Dem Polyphonie-Konzept in seiner
                            genealogischen Tiefe und seiner systematischen und interdisziplinären
                            Breite widmet sich ausführlich das zweite Kapitel in <ref type="bibl"
                                target="#Hörner2020">Hörner 2020</ref>.</p></note> Angesichts der
                    gebotenen Kürze kann dies hier nur thesenartig geschehen. Dabei greife ich – in
                    zugespitzter Weise – auf das Polyphonie-Konzept zurück, das ich im Sammelband
                        <title>Polyphonie und Narration</title> gemeinsam mit Boris Previšić
                    entwickelt habe (<ref type="bibl" target="#Moosmüller_Previšić2020"
                        >Moosmüller/Previšić 2020</ref>). In besagtem Band machen wir einen
                    Vorschlag, den Polyphonie-Begriff erzähltheoretisch zu schärfen. Unsere
                    Grundidee hierbei ist, das Polyphonie-Konzept klarer vom benachbarten (und
                    manchmal auch synonym verwendeten) Konzept der Multiperspektivität abzugrenzen. </p>
                <p>Das Konzept der Multiperspektivität orientiert sich – schon in seiner Metaphorik,
                    aber auch konzeptuell – hauptsächlich an visuellen Kategorien wie Perspektive,
                    Perspektivenstruktur, Fokalisierung, point of view (<ref type="bibl"
                        target="#Nünning2000">Nünning 2000</ref>). Im Unterschied dazu verstehen wir
                    Polyphonie, ausgehend vom musikalischen Terminus, als akustisches Modell für das
                    simultane (Harmonie) und sukzessive (Melodie) Zusammenwirken verschiedener
                    Stimmen. Dieses Modell übertragen wir auf das literarische Kommunikationssystem
                        (<ref type="bibl" target="#Jakobson2016">Jakobson 2016</ref>).
                    Narratologisch verschiebt sich der Fokus damit – nach Gérard Genettes
                    Terminologie – von der Ebene des <q rend="single-qm">Modus</q> auf die Ebene der
                        <q rend="single-qm">Stimme</q> (<ref type="bibl" target="#Genette1998"
                        >Genette 1998</ref>). Das heißt: Statt auf die erzählte Geschichte und ihre
                    Vermittlung lenkt unser Polyphonie-Konzept die Aufmerksamkeit auf den Erzählakt
                    selber. Und am Erzählakt wiederum interessiert uns das Zusammenspiel von
                    Produktion und Rezeption, also die Frage: Welche Produktions- und
                    Rezeptionsinstanzen am Erzählakt partizipieren und wie sie hierbei zueinander in
                    Beziehung treten. </p>
                <p>Wenn die Polyphonie somit den Fokus auf die kommunikative Dynamik des Erzählakts
                    lenkt, so ist damit auch eine andere Auffassung narrativer Kohärenz verbunden.
                    In Anlehnung an Niklas Luhmann sprechen wir in unserem Sammelband von einer <q
                        rend="single-qm">Kohärenz zweiter Ordnung</q>. Denn die Kohärenz, die aus
                    unserem Polyphonie-Konzept resultiert, bezieht sich nicht auf die Chronologie
                    und Kausalität der Handlung. Stattdessen betrifft sie die kommunikativen
                    Prozesse, über die sich die am Erzählakt beteiligten Erzähl- und
                    Rezeptionsinstanzen über das Verständnis des zu Erzählenden verständigen – mit
                    der Konsequenz, dass sich das Erzählen selber beobachtet (<ref type="bibl"
                        target="#Sill2001">Sill 2001: 51</ref>).</p>
                <p>Zur Differenzierung von Wir-Erzählungen ist dieses Konzept von Polyphonie
                    deswegen aussichtsreich, weil die Verwendung der Wir-Form zunächst suggeriert,
                    es handle sich um die Erzählung einer Gruppe – und folglich mehrerer Personen.
                    Wie in den einführenden Bemerkungen vorweggenommen, ist aber bei Weitem nicht
                    jedes Wir polyphon in dem Sinne, dass mehrere Erzählstimmen am Erzählakt <hi
                        rend="italic">partizipieren</hi>. Der Regelfall ist vielmehr, dass eine
                    Einzelperson im Namen einer Gruppe spricht. Über das Wir schließt das erzählende
                    Ich diese Gruppe zwar sowohl auf der Ebene der <hi rend="italic">histoire</hi>
                    als auch auf der Ebene des <hi rend="italic">discours</hi> ein (die Gruppe ist
                    mitgemeint). Im Erzählakt selbst (der <hi rend="italic">narration</hi>) wird
                    jedoch auf die anderen Gruppenmitglieder lediglich referenziert, ohne dass sie
                    eine eigene Stimme erhalten.<note xml:id="endnote_03"><p> Zur Unterscheidung von
                                <hi rend="italic">histoire</hi>, <hi rend="italic">discours</hi> und
                                <hi rend="italic">narration</hi>
                            <ref type="bibl" target="#Genette1998">vgl. Genette 1998:
                        15</ref>.</p></note> Hinsichtlich der für die Polyphonie ausschlaggebenden
                    Ebene des Erzählaktes handelt es sich in diesem häufigsten Fall der
                    Wir-Erzählung somit um ein zum Wir erweitertes Ich oder vice versa um ein zum
                    Ich verkürzbares Wir, das gerade <hi rend="italic">nicht</hi> polyphon im hier
                    zugrunde gelegten Verständnis ist. </p>
                <p>In ihrer aktuellen Monografie zu Wir-Erzählungen (<hi rend="italic"
                        >we-narratives</hi>) geht Natalya Bekhta gar soweit, diesen prototypischen
                    Fall des Wir als verkapptes Ich aus dem engeren Verständnis eines <q
                        rend="double-qm">We-Narrative Proper</q> auszuschließen, indem sie für eine
                    normative Definition von Wir-Erzählungen nach folgenden Kriterien plädiert: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bekhta2020-11">We-narrative is defined by the narrator
                        speaking, acting, and thinking as a collective narrative agent and
                        possessing a collective subjectivity, which the narrative performatively
                        creates and maintains throughout its course. In other words, the we-narrator
                        is a collective character narrator whose voice does not imply an ,I‘; in
                        we-narrative a group, not an individual, is telling the story. (<ref
                            xml:id="ref_Bekhta2020-11" type="bibl" target="#Bekhta2020">Bekhta 2020:
                            11</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Nur ein <quote source="#ref_Bekhta2020-18a">full-blown we-narrator</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Bekhta2020-18a" type="bibl" target="#Bekhta2020">Bekhta 2020:
                        18</ref>), dessen kollektive Stimme sich aus einer kollektiven Subjektivität
                    speist, qualifiziert für Bekhta eine Erzählung in der Wir-Form als
                    Wir-Erzählung. Damit vertritt Bekhta ein wesentlich engeres Verständnis als zum
                    Beispiel Monika Fludernik (<ref type="bibl" target="#Fludernik2011">2011</ref>,
                        <ref type="bibl" target="#Fludernik2018">2018</ref>) und Uri Margolin (<ref
                        type="bibl" target="#Margolin1996">1996</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Margolin2000">2000</ref>, <ref type="bibl" target="#Margolin2001"
                        >2001</ref>), die die Kategorie des <hi rend="italic">we-narrative</hi> auch
                    für Erzählungen gelten lassen, in denen ein Ich für Andere spricht (i) oder sich
                    verschiedene Ich-Erzählstimmen einer Gruppe zu Wort melden (ii). Für Bekhta
                    handelt es sich in diesen Fällen zwar um <quote source="#ref_Bekhta2020-47-66"
                        >We-Discourses</quote>, aber nicht um <quote source="#ref_Bekhta2020-47-66"
                        >We-Narratives</quote> (<ref xml:id="ref_Bekhta2020-47-66" type="bibl"
                        target="#Bekhta2020">Bekhta 2020: 47–66</ref>). Den ersten Fall (i) mit dem
                        <quote source="#ref_Bekhta2020-18b">progroup I-narrator</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Bekhta2020-18b" type="bibl" target="#Bekhta2020">ebd.: 18</ref>)
                    rubriziert sie unter die Kategorie des <quote source="#ref_Bekhta2020-24"
                        >first-person singular narrative</quote>, den zweiten (ii) unter die
                    Kategorie des <quote source="#ref_Bekhta2020-24">multiperson narrative</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Bekhta2020-24" type="bibl" target="#Bekhta2020">ebd.:
                        24</ref>).</p>
                <p>Mit dem Polyphonie-Konzept lässt sich an Bekhtas Typologie eine weitere
                    Differenzierung vornehmen. Denn insofern die Polyphonie die partizipativen und
                    evaluativen Dynamiken <hi rend="italic">verschiedener </hi>Erzählstimmen und
                    Rezeptionsinstanzen am Erzählakt fokussiert, hat sie es in Bezug auf
                    Wir-Erzählungen nicht nur auf die kollektiven Eigenschaften eines <q
                        rend="double-qm">collective narrative agent</q> abgesehen, sondern gerade
                    auch auf die Spannungen und Konflikte zwischen dem Kollektiv als Gruppe – und
                    den Einzelstimmen, aus denen sich die kollektive Stimme zusammensetzt.<note
                        xml:id="endnote_04"><p> Auf diesen Aspekt zielt auch Amit Marcus, der hierzu
                            ebenfalls mit einem – allerdings an Bachtin orientierten –
                            Polyphonie-Begriff arbeitet (<ref type="bibl" target="#Marcus2008">vgl.
                                Marcus 2008</ref>).</p></note> Polyphon ist eine Wir-Erzählung also
                    nicht schon, wenn eine Gruppe ihrem kollektiven Bewusstsein mit <hi
                        rend="italic">einer</hi> kollektiven Stimme Ausdruck verleiht, sondern erst
                    wenn diese kollektive Stimme in sich wieder als <hi rend="italic"
                        >vielstimmige</hi> erkennbar ist. Wie aber lässt sich eine solche
                    Vielstimmigkeit des Kollektiven im schriftlichen Medium der Literatur überhaupt
                    realisieren?</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-03_04">
                <head>2. Polyphone Wir-Erzählungen in der Gegenwartsliteratur</head>
                <p>Kollektive Wir-Stimmen, die in sich nochmals vielstimmig sind, kommen in der
                    Menge schriftlicher Erzeugnisse überhaupt nur in literarischen Texten vor, und
                    auch dort vergleichsweise selten. Außerhalb der Literatur findet die Wir-Form
                    hauptsächlich als kollektive Projektion eines Ich Verwendung (<ref type="bibl"
                        target="#Fludernik2018">vgl. Fludernik 2018: 175</ref>). Nur in
                    Ausnahmefällen – wie in der folgenden Passage bei Margaret Stokowski – wird
                    hierbei die jeweilige Sprechposition thematisiert und ansatzweise
                    reflektiert:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Stokowski2016-89">Angesprochen fühlen dürfen sich alle
                        Frauen: Das „Wir“ ist allgegenwärtig – ein rhetorisches Mittel, das sich
                        Frauenmagazine mit Boulevardmedien und Erzieher*innen im Kindergarten
                        teilen. [Fn: Und mit diesem Buch] „Wir machen das so“, heißt immer auch: Wer
                        es nicht so macht, gehört nicht dazu. „Wir“ und „uns“ zu sagen, stellt
                        Gemeinschaft her. (<ref xml:id="ref_Stokowski2016-89" type="bibl"
                            target="#Stokowski2016">Stokowski 2016: 89</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Auch in literarischen Texten ist unter allen Wir-Erzählstimmen die Figur des <q
                        rend="double-qm">progroup I-narrator</q> am häufigsten vertreten. Namentlich
                    der Generationen-Roman, in dem Wir-Instanzen besonders oft vorkommen,
                    funktioniert nach dem Muster eines zum Wir erweiterten Ich. So begründet etwa
                    Jana Hensel die Verwendung der Wir-Form in <title>Zonenkinder</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Hensel2002">2002</ref>) ganz explizit: <quote
                        source="#ref_Engler2018-48a">Wenn ich mit meiner eigenen Geschichte gekommen
                        wäre, hätte man sie zur Seite schieben können. Aber genau das wollte ich
                        verhindern</quote> (<ref xml:id="ref_Engler2018-48a" type="bibl"
                        target="#Engler2018">Engler/Hensel 2018: 48</ref>). Das Wir ist für Hensel
                    somit in erster Linie ein politisch motiviertes Stilmittel – ein Sprachrohr der
                    ostdeutschen Zonenkinder-Generation –, das die Autorin mit der Absicht
                    verwendet, <quote source="#Engler2018-48b">eine Identität zu markieren, einen
                        kollektiven Erfahrungsraum, den man uns ja vorher abgesprochen hatte</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Engler2018-48b" type="bibl" target="#Engler2018">ebd.:
                        48</ref>).</p>
                <p>Von solchen Texten mit einem zum Wir erweiterten Ich unterscheiden sich die im
                    Folgenden behandelten Romane von <ref type="bibl" target="#Grass1995a">Günter
                        Grass (<title>Ein weites Feld</title>, 1995</ref>), <ref type="bibl"
                        target="#Stanišić2014">Saša Stanišić (<title>Vor dem Fest</title>,
                        2014</ref>), <ref type="bibl" target="#Vennemann2005">Kevin Vennemann
                            (<title>Nahe Jedenew</title>, 2005</ref>) und <ref type="bibl"
                        target="#Leidenfrost2020">Lucia Leidenfrost (<title>Wir verlassenen
                            Kinder</title>, 2020</ref>) in signifikanter Weise. Sie alle operieren
                    mit einer Wir-Erzählinstanz, die sich in mehrere Stimmen auffaltet, ohne ihren
                    kollektiven Charakter aufzugeben. Bei Grass erzählt ein Wir von
                    Archiv-Mitarbeitenden die Geschichte des Protagonisten Theo Wuttke alias Fonty,
                    der als Wiedergänger Theodor Fontanes genau ein Jahrhundert später die
                    Lebensbahnen des Schriftstellers erneut durchläuft und schließlich im Getümmel
                    der Wendejahre abtaucht. Stanišić lässt in seinem Wir die Bewohner des fiktiven
                    Dorfes Fürstenfelde zu Wort kommen, die sich auf das jährliche Annenfest
                    vorbereiten. Und in Vennemanns und Leidenfrosts Romanen sprechen zwei
                    Kinder-Kollektive; bei Vennemann als Zeug*innen einer grässlichen Pogrom-Nacht,
                    bei Leidenfrost als Gruppe zurückgelassener Kinder, die sich, getrennt von den
                    Eltern, zusehends gegen ihre Lebenswelt abhärten. Was diese Wir-Stimmen als
                    polyphon auszeichnet und mit welchen Mitteln die Romane diese Polyphonie
                    erzeugen, stelle ich nachfolgend in fünf Punkten exemplarisch heraus.</p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Mehrstimmigkeit des Wir</hi>
                </p>
                <p>In den genannten Texten ist das erzählende Wir polyphon, weil es sich aus
                    mehreren explizit hervorgehobenen Stimmen und/oder Untergruppen zusammensetzt,
                    die am Erzählakt partizipieren. Diese Mehrstimmigkeit des Wir manifestiert sich
                    auf verschiedene Arten. </p>
                <p>Erstens, können einzelne Stimmen vorübergehend aus dem Kollektiv hervortreten,
                    wie in der folgenden Passage aus Kevin Vennemanns <title>Nahe Jedenew</title>
                    die Stimme Marians aus dem Kollektiv der Kinder hervortritt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Vennemann2005-16">Marian sagt: Der Nebel rettet uns heute
                        nacht, er sagt: sie [Antonina, S. M.] sieht sich nach uns um und wartet auf
                        uns, Marian hält uns an den Handgelenken fest, er sagt: Aber wir können
                        nicht kommen, und wir schließen die Augen und denken: Sie sieht sich nach
                        uns um und wartet auf uns, wir denken: Wir können nicht kommen. (<ref
                            xml:id="ref_Vennemann2005-16" type="bibl" target="#Vennemann2005"
                            >Vennemann 2005: 16</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>In dieser Passage bildet das Wir zunächst den (hörenden, rezipierenden)
                    Resonanzraum einer einzelnen Stimme, ehe diese Einzelstimme (die Stimme Marians)
                    in die Stimme des Kollektivs übergeht. Solche Übergänge zwischen individuellen
                    Einzelstimmen und kollektiver Stimme lassen sich auch bei Günter Grass
                    beobachten, mit dem Unterschied, dass die Einzelstimmen in Grass’ Roman anonym
                    bleiben. In einem Interview mit der Zeitschrift <title>Stern</title> beließ es
                    Grass denn auch bei der lapidaren Anmerkung: <quote source="#ref_Grass1995b-413"
                        >Das wir wird in einzelne Personen aufgelöst, aber man weiß nicht, wie viele
                        es insgesamt sind</quote> (<ref xml:id="ref_Grass1995b-413" type="bibl"
                        target="#Grass1995b">Grass 1995b: 413</ref>).</p>
                <p>Eine andere Weise, wie sich ein Wir vielstimmig artikulieren kann, hat mit den
                    deiktischen Eigenschaften des Pronomens <q rend="single-qm">wir</q> zu tun. Wie
                    bereits erwähnt, hat das Wir im Unterschied zum Ich keinen eindeutigen
                    Referenten. Potenziell erweitert oder verengt sich die Reichweite seiner
                    Referenz ständig. Monika Fludernik spricht in diesem Zusammenhang von einer
                        <quote source="#ref_Fludernik2018-185">illimitable variety of <hi
                            rend="italic">we</hi></quote>, und zieht den Schluss: <quote
                        source="#ref_Fludernik2018-185"><hi rend="italic">We</hi>-narrative […]
                        treads a tightrope between shared experiences of a group of individuals and
                        their very specific actions and opinions, creating and un-creating subgroups
                        with communal attitudes or thoughts</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Fludernik2018-185" type="bibl" target="#Fludernik2018">Fludernik
                        2018: 185</ref>). Grass macht diese Schwankungen der Referenz explizit, wenn
                    er zwischen <q rend="double-qm">Wir</q>, <q rend="double-qm">Ich</q> und <q
                        rend="double-qm">Einige</q> differenziert: <quote
                        source="#ref_Grass1995a-764a">Nicht, daß wir das Archiv geschlossen hätten,
                        aber gesucht haben wir ihn [Fonty, S. M.] überall. Einige waren ständig
                        unterwegs, und auch ich schob wiederholt Außendienst […]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Grass1995a-764a" type="bibl" target="#Grass1995a">Grass 1995a:
                        764</ref>). Sowohl das <q rend="double-qm">Ich</q> als auch das <q
                        rend="double-qm">Einige</q> sind in dieser Passage Teil des <q
                        rend="double-qm">Wir</q>. Gleichzeitig wird durch die Markierung der
                    Untergruppen dessen Uniformität durchbrochen. Auch in Lucia Leidenfrosts
                        <title>Wir verlassenen Kinder</title> gibt es Binnenunterscheidungen
                    innerhalb der Gruppe: <quote source="#ref_Leidenfrost2020-7">Wir sind neunzehn
                        Kinder in unserem Dorf. […] Sieben von uns haben eine Großmutter oder einen
                        Großvater oder sogar beides.</quote> (<ref xml:id="ref_Leidenfrost2020-7"
                        type="bibl" target="#Leidenfrost2020">Leidenfrost 2019: 7</ref>) Und in
                    Kevin Vennemanns <title>Nahe Jedenew</title> partizipieren am Wir manchmal neun,
                    manchmal sechs, vier oder zwei Kinder:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Vennemann2005-18">Wir liegen im Rund der Lichtung zu zweit,
                        zu zweit haben wir auf der Lichtung bequem Platz, wir sind jünger und
                        kleiner als Marian, wir helfen Marian, das Rund in das Feld zu schneiden im
                        Mai, wir nehmen die Sense zu zweit und wollen die Sense so legen, daß
                        Zygmunt nicht drauftreten kann, Marian hilft uns, und dann nehmen wir die
                        Sense zu dritt, am Ende nimmt Marian die Sense alleine […]. (<ref
                            xml:id="ref_Vennemann2005-18" type="bibl" target="#Vennemann2005"
                            >Vennemann 2005: 18</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Schließlich bringt Saša Stanišić in seinem Roman <title>Vor dem Fest</title> noch
                    eine dritte Art ins Spiel, wie ein Wir seine Mehrstimmigkeit entfalten kann.
                    Nämlich indem es in unterschiedlichen Soziolekten und Stilhöhen spricht: Bei
                    Stanišić reicht das Spektrum von der slangartigen Jugendsprache bis zum
                    gehobenen Märchendeutsch. Dadurch zerfällt in seinem Roman die vermeintlich <hi
                        rend="italic">eine</hi> Stimme des Wir stilistisch in die <hi rend="italic"
                        >verschiedenen</hi> Stimmen seiner Mitglieder und Untergruppen (<ref
                        type="bibl" target="#Moosmüller2020">vgl. Moosmüller 2020: 172</ref>).</p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Simultaner Sprechakt</hi>
                </p>
                <p>Speziell an der Mehrstimmigkeit in polyphonen Wir-Erzählungen ist jedoch, dass
                    die Erzählinstanz trotz der Ausdifferenzierung in einzelne Stimmen ihren
                    kollektiven Charakter wahrt. Oder stärker formuliert: Die Ausdifferenzierung in
                        <hi rend="italic">verschiedene</hi> Stimmen ist zugleich Voraussetzung
                    dafür, dass das Wir als kollektiver Bündelungspunkt dieser verschiedenen Stimmen
                    erscheint. Dadurch kann ein polyphones Wir etwas imaginieren, was im Medium der
                    literarischen Schriftlichkeit sonst nur schwer darstellbar ist: Einen Erzählakt,
                    bei dem verschiedene Stimmen simultan, also gleichzeitig, erklingen. Dazu muss
                    das Wir seinen kollektiven Charakter aber fortwährend behaupten.<note
                        xml:id="endnote_05"><p> Bekhta unterscheidet zwischen indikativem und
                            performativem Gebrauch des Wir: <quote source="#ref_Bekhta2020-61">Under
                                the indicative ,we‘ I have grouped the usage of the first-person
                                plural pronoun in an individual speaker’s reference to herself and
                                another person or group to which she belongs or with which she
                                associates herself […]. The performative ,we‘, on the other hand,
                                creates a more complex reference: It expresses something that is
                                imagined or projected, performatively creating something that did
                                not exist before. That is to say, performative we-narration creates
                                a group character narrator.</quote> (<ref xml:id="ref_Bekhta2020-61"
                                type="bibl" target="#Bekhta2020">Bekhta 2020:
                    61</ref>)</p></note></p>
                <p>So wird in Lucia Leidenfrosts Roman die Gleichzeitigkeit im Sprechen und Handeln
                    der Kinder eigens betont: <quote source="#ref_Leidenfrost2020-40">Und wir
                        machten das alle gemeinsam und gleichzeitig. Wie ein Vogelschwarm waren
                        wir.</quote> (<ref xml:id="ref_Leidenfrost2020-40" type="bibl"
                        target="#Leidenfrost2020">Leidenfrost 2020: 40</ref>) Und auch in Günter
                    Grass’ <title>Ein weites Feld</title> wird der Erzählakt explizit als der einer
                    ganzen Gruppe – und nicht nur einzelner Individuen – markiert: <quote
                        source="#ref_Grass1995a-764b">Es war, […] als mahne uns […] die Pflicht an,
                        sogleich und als Kollektiv die Geschichte des Verschollenen
                        niederzuschreiben.</quote> (<ref xml:id="ref_Grass1995a-764b" type="bibl"
                        target="#Grass1995a">Grass 1995a: 764</ref>)</p>
                <p>Die beiden ersten Punkte (<hi rend="italic">Mehrstimmigkeit des Wir</hi> und <hi
                        rend="italic">Simultaner Sprechakt</hi>) zusammengenommen, zeigt sich der
                    Doppelcharakter des polyphonen Wir deutlich: Ein solches Wir changiert zwischen
                    einer sukzessiven Gestalt, in der verschiedene Gruppenmitglieder abwechselnd
                    erzählen und ihre Individualität behaupten, und einer simultanen Gestalt, in der
                    sich die Stimmen gleichzeitig (quasi im Unisono) zur kollektiven Erzählstimme
                        vereinen.<note xml:id="endnote_06"><p> Schon Susan Lanser hat diese Typen
                            von Wir-Instanzen unterschieden (<ref xml:id="ref_Lanser1992-21"
                                type="bibl" target="#Lanser1992">Lanser 1992, 21</ref>): Sie spricht
                            von <quote source="#ref_Lanser1992-21">a <hi rend="italic"
                                    >simultaneous</hi> form in which a plural <q rend="single-qm"
                                    >we</q> narrates, and a <hi rend="italic">sequential</hi> form
                                in which individual members of a group narrate in turn</quote> /
                            we-narrative wiederum als Teil des communal bzw. collective narrative
                                (<ref type="bibl" target="#Bekhta2020">vgl. Bekhta 2020:
                            29</ref>)</p></note></p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Zusammengesetzte Erzählkompetenz</hi>
                </p>
                <p>Die dargelegte Verschränkung aus individuellem und kollektivem Erzählakt wirkt
                    sich auf die Erzählkompetenz des polyphonen Wir aus. Ein solches Wir
                    unterscheidet sich einerseits von einer Ich-Erzählinstanz und andererseits von
                    einem*r auktorialen Erzähler*in. Von einem*r Ich-Erzähler*in unterscheidet sich
                    die Wir-Instanz dadurch, dass sie auf ein geteiltes Wissen zurückgreifen kann
                    und somit über eine breitere epistemologische Grundlage verfügt: <quote
                        source="#ref_Bekhta2017-116">By virtue of being a collectivity […], these
                        narrators can make use of particular forms of collective knowledge, spatial,
                        temporal and other possibilities outside the scope of a typical first-person
                        singular narrator.</quote> (<ref xml:id="ref_Bekhta2017-116" type="bibl"
                        target="#Bekhta2017">Bekhta 2017: 116</ref>)</p>
                <p>So tritt das Wir in Saša Stanišićs Roman <title>Vor dem Fest</title> manchmal als
                    transgenerationelle Erzählstimme auf, an der alle Lebendigen und Toten
                    teilhaben, die jemals im Dorf Fürstenfelde gelebt haben: <quote
                        source="#ref_Stanišić2014-12-13">Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot,
                        Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-12-13" type="bibl" target="#Stanišić2014">Stanišić
                        2014: 12–13</ref>) Dasselbe gilt für Günter Grass’ Roman <title>Ein weites
                        Feld</title>. Auch hier überschreitet die Wir-Erzählinstanz die natürliche
                    Lebenszeit einzelner Menschen um ein Vielfaches. Denn neben der Personengruppe,
                    die es umfasst, verfügt das Grass’sche Wir auch über das Wissen des Archivs, das
                    es repräsentiert. Und: <quote source="#ref_Grass1995a-108">nichts ist
                        unsterblicher als ein Archiv. […] Mit Fonty saßen wir in der Falle, wie ihm
                        war dem archivierenden Kollektiv der Name des Unsterblichen
                        vorgeschrieben</quote>. (<ref xml:id="ref_Grass1995a-108" type="bibl"
                        target="#Grass1995a">Grass 1995a: 108</ref>)</p>
                <p>Nicht weniger als von einer Ich-Erzählinstanz unterscheidet sich das polyphone
                    Wir aber auch von einer auktorialen Erzählinstanz. Zwar lässt sich das Wir nicht
                    auf seine einzelnen Mitglieder reduzieren. Dennoch hängt es vom Wissen und der
                    Wahrnehmung seiner Gruppenmitglieder ab. Die ständige Interaktion zwischen dem
                    Kollektiv und den Personen, die es ausmachen, ermöglicht und beschränkt zugleich
                    die erzählerische Souveränität des Wir. So weiß zum Beispiel Grass’
                    archivierendes Kollektiv <quote source="#ref_Grass1995a-481">nicht alles</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Grass1995a-481" type="bibl" target="#Grass1995a">Grass
                        1995a: 481</ref>) und kann manchmal <quote source="#ref_Grass1995a-27">nur
                        vermuten</quote> (<ref xml:id="ref_Grass1995a-27" type="bibl"
                        target="#Grass1995a">ebd.: 27, 71</ref>) oder muss gewisse Sachverhalte
                        <quote source="#ref_Grass1995a-73">unkommentiert</quote> lassen (<ref
                        xml:id="ref_Grass1995a-73" type="bibl" target="#Grass1995a">ebd.: 73</ref>).
                    Bei Stanišić sind einzelne Gruppenmitglieder sogar unersetzlich, weil sie für
                    das Kollektiv Funktionen übernehmen, die dieses ohne sie nicht ausführen kann.
                    Johanna Schwermuth zum Beispiel hat in seinem Roman als <quote
                        source="#ref_Stanišić2014-32a">unsere Chronistin</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-32a" type="bibl" target="#Stanišić2014a">Stanišić
                        2014: 32</ref>) allein Zugang zu den Archiven des <q rend="double-qm">Hauses
                        der Heimat</q>. Darum kann das Wir dieses spezifische Wissen nur von ihr
                    einholen: <quote source="#ref_Stanišić2014-32b">Wir schreiben das Jahr soundso.
                        Frau Schwermuth würde es genau wissen.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-32b" type="bibl" target="#Stanišić2014">ebd.:
                        32</ref>) </p>
                <p>Die quasi auktoriale Kompetenz ergibt sich bei einem polyphonen Wir also
                    letztlich durch die interferierenden <q rend="single-qm">Bewusstseine</q> seiner
                    Mitglieder, die an anderen Stellen auch wieder auf ihre Unabhängigkeit pochen
                    oder dem Kollektiv widersprechen. Es handelt sich somit um eine zusammengesetzte
                    Erzählkompetenz, die im Dialog der Gruppenmitglieder immer wieder neu
                    ausgehandelt werden muss. Darum variiert die Erzählkompetenz situativ – je
                    nachdem <hi rend="italic">welche</hi> und <hi rend="italic">wie viele</hi>
                    Gruppenmitglieder gerade am Kollektiv partizipieren oder sich durchsetzen.</p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Vordergründigkeit des Erzählaktes</hi>
                </p>
                <p>Da die Erzählkompetenz bei einem polyphonen Wir variiert und zwischen den
                    Gruppenmitgliedern stets neu ausgehandelt werden muss, tritt das Erzählen selber
                    in den Vordergrund. Gerade in Stanišićs Roman wird der Akt des Erzählens zum
                    eigentlichen Geschehen: <quote source="#ref_Stanišić2014-30">Unser Annenfest.
                        Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder
                        hat an genau diesem Tag begonnen […]. Vielleicht feiern wir einfach, dass es
                        das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-30" type="bibl" target="#Stanišić2014">Stanišić
                        2014: 30</ref>)</p>
                <p>Anstatt der Referenz auf eine objektive, außertextuelle Wirklichkeit tritt in
                    Stanišićs Roman <title>Vor dem Fest</title> die Frage ins Zentrum, wer an der
                    Narration partizipiert – <hi rend="italic">wer spricht</hi>? </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Stanišić2014-222">Wer schreibt die alten Geschichten? Wer
                        errichtet dem Schrecken ein Denkmal? Wer zieht mit der Harke die Rillen zum
                        Säen der Saat? <lb/>Wer verrät uns, was wir wissen sollten? <lb/>Wer verrät
                        uns, was wir wissen? <lb/>Wer verrät uns, was? Wir. <lb/>Wer verrät uns?
                        <lb/>Wer verrät? <lb/>Wer? (<ref xml:id="ref_Stanišić2014-222" type="bibl"
                            target="#Stanišić2014">ebd.: 222</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>Durch die ständige Thematisierung des Erzählaktes haben polyphone Wir-Erzählungen
                    einen Hang zu Metalepsen, die das Erzählen kommentieren oder reflektieren:
                        <quote source="#ref_Stanišić2014-163">Wir schweifen ab</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-163" type="bibl" target="#Stanišić2014">ebd.:
                        163</ref>), <quote source="#ref_Stanišić2014-32c">Lassen wir das Bild so
                        stehen</quote> (<ref xml:id="ref_Stanišić2014-32c" type="bibl"
                        target="#Stanišić2014">ebd.: 32</ref>). Es geht nicht mehr um die Abbildung
                    einer Wirklichkeit, sondern um den Eintritt in einen Verhandlungsprozess
                    darüber, was der Fall gewesen sein wird. Dabei kann es auch zu
                    Meinungsverschiedenheiten kommen. So etwa bei Günter Grass, wo sich das Wir über
                    einer Darstellungsfrage in die Haare gerät: <quote source="#ref_Grass1995a-285"
                        >Wir stritten ein wenig, ob dem Archiv das Recht zustünde, den
                        chronologischen Ablauf der Hochzeit zu mißachten und die Tischrede einfach
                        vorzuziehen.</quote> (<ref xml:id="ref_Grass1995a-285" type="bibl"
                        target="#Grass1995a">Grass 1995a: 285</ref>) </p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Akustische Rezeptivität</hi>
                </p>
                <p>Da das Erzählen bei polyphonen Wir-Instanzen seine eigene Kontingenz ausstellt,
                    werden sowohl die intra- als auch die extradiegetischen Rezeptionsinstanzen
                    stark in den Erzählvorgang eingebunden. Bei Stanišić vermeidet das Wir zum
                    Beispiel konsequent die Opposition zu einem Sie. Stattdessen adressiert es ein
                    Du, welches zwar ebenfalls außerhalb steht, durch die Ansprache aber in den
                    Erzählakt involviert wird: <quote source="#ref_Stanišić2014-11">Zu den Inseln
                        gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder
                        du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken
                        wie ein Windspiel mit tausend Stäben.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Stanišić2014-11" type="bibl" target="#Stanišić2014">Stanišić
                        2014: 11</ref>) </p>
                <p>Bei Kevin Vennemann wiederum wird – wie oben dargelegt – die interne
                    Gruppenkommunikation über die Resonanz zwischen individuellen Stimmen und dem
                    Kollektiv offengelegt. Überhaupt kommt bei Vennemann dem Akustischen eine
                    tragende Rolle zu: <quote source="#ref_Vennemann2005-9">wir hören die Jedenewer
                        Bauern singen und hören ihre Lieder seit Stunden bereits, alte
                        Partisanenlieder, sie spielen und singen und grölen auf wundersame Weise
                        melodiös.</quote> (<ref xml:id="ref_Vennemann2005-9" type="bibl"
                        target="#Vennemann2005">Vennemann 2005: 9</ref>)</p>
                <p>Die Aktivierung des akustischen Kanals, wie sie sich in vielen Wir-Erzählungen
                    (auch nicht polyphonen) beobachten lässt, stimuliert einerseits die <hi
                        rend="italic">subvocalization</hi> im Leseakt. Andererseits wird dadurch die
                    Performanz der kollektiven Stimme eigens betont. Durch das gemeinsame Sprechen
                    schafft sich das Wir gleichsam einen akustischen Körper, der neben der
                    Gemeinschaft auch die polyphone Überkreuzung der einzelnen Stimmen klanglich
                    imaginierbar macht. Wie bei einem polyphonen Musikstück müssen die Rezipierenden
                    so von Stelle zu Stelle immer wieder entscheiden, ob sie das Wir als kollektive
                    Stimme eines Chors hören wollen oder ob einzelne Stimmen aus dem Chorsatz
                    hervortreten.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-03_05">
                <head>3. Fazit</head>
                <p>Die genannten fünf Punkte: Mehrstimmigkeit des Wir, simultaner Sprechakt,
                    zusammengesetzte Erzählkompetenz, Vordergründigkeit der Narration und akustische
                    Rezeptivität sind charakteristisch für ein polyphones Wir. Ich verstehe sie aber
                    nicht als harte Kriterien. Denn sie können in verschiedenen Wir-Erzählungen mehr
                    oder weniger stark ausgeprägt sein. Das Gegenmodell zu einem solchen polyphonen
                    Wir ist dennoch klar: Es ist das – aus politischen Zusammenhängen hinlänglich
                    bekannte – Wir, das sich durch die Opposition zu einem als gegensätzlich
                    konzipierten <q rend="double-qm">Sie</q> konstituiert (<ref type="bibl"
                        target="#Stanley2018">vgl. Stanley 2018</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Detering2019">Detering 2019</ref>). Nicht einmal die
                    selbstdeklarierte <q rend="double-qm">Chronik des Übergangs</q> von Paul P.
                    Preciado kommt ohne diesen Wir-sie-Gegensatz aus:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Preciado2020-51">Wir sprechen eine andere Sprache. Sie
                        sagen: Repräsentation. Wir sagen: Experiment. Sie sagen: Identität. Wir
                        sagen: Vielheit. Sie sagen: die Banlieues in den Griff bekommen. Wir sagen:
                        die Stadt durchmischen. Sie sagen: Schulden. Wir sagen: sexuelle Kooperation
                        und somatische Interdependenz. Sie sagen Humankapital. Wir sagen:
                        artenübergreifende Allianz. (<ref xml:id="ref_Preciado2020-51" type="bibl"
                            target="#Preciado2020">Preciado 2020: 51</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die polyphonen Erzählverfahren der Literatur sind eine mögliche Strategie, um
                    solche Binarismen zu konterkarieren. Eine nicht minder entlarvende Variante
                    wählt Lydia Haider in ihren Romanen <ref type="bibl" target="#Haider2015"><hi
                            rend="italic">kongregation</hi> (2015</ref>) und <ref type="bibl"
                        target="#Haider2016"><hi rend="italic">rotten</hi> (2016)</ref>, wo sie den
                    Wir-sie-Gegensatz bis zur Karikatur überspitzt. Haider zeigt, dass ein Wir mit
                    starrer Grenzziehung besonders fragil ist, weil es scheitert, sobald es sich
                    gegen niemanden in Position bringen kann:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Haider2015-44">Das über alle Maßen Grauenhafte an der
                        jetzigen Situation war die Unmöglichkeit des Sympathisierens, ein
                        unmittelbarer Vollzug von Anhängerschaft nicht möglich, da niemand wusste,
                        wer hier Freund und wer Feind war, und gerne hätten sich die Menschen auf
                        die richtige Seite gestellt (<ref xml:id="ref_Haider2015-44" type="bibl"
                            target="#Haider2015">Haider 2015: 44</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Mit der Frage, <quote source="#ref_Haider2015-194">was waren wir denn ohne
                        sie</quote> enttarnt Haider ihr Wir als tautologische Hohlform – als eine
                    Hohlform, die ihre Identität ausschließlich aus der Abgrenzung zum Anderen
                    bezieht: <quote source="#ref_Haider2015-194">Wir waren wir, nur wir und sonst
                        nichts.</quote> (<ref xml:id="ref_Haider2015-194" type="bibl"
                        target="#Haider2015">Haider 2015: 194</ref>) </p>
                <p> Dass eine <hi rend="italic">gewisse</hi> Abgrenzung von einem Anderen für jede
                    Wir-Gruppe konstitutiv ist, hat Chantal Mouffe überzeugend dargelegt (<ref
                        type="bibl" target="#Mouffe2007">vgl. Mouffe 2007</ref>). Ein polyphones Wir
                    bietet jedoch die Möglichkeit, solche Ein- und Ausgrenzungen zu dynamisieren.
                    Indem es ständig seine innere Vielfalt abhorcht, wird es sich gewahr, dass
                        <quote source="#ref_Hölderlin1992-913">das Eigene […] so gut gelernt sein
                        [muss] wie das Fremde</quote> (<ref xml:id="ref_Hölderlin1992-913"
                        type="bibl" target="#Hölderlin1992">Hölderlin 1992: 913</ref>). Geht man mit
                    Jan Fuhse davon aus, dass Gruppenidentitäten in erster Linie <quote
                        source="#ref_Fuhse2001-2">kommunikative Konstrukte</quote> sind, die dazu
                    dienen <quote source="#ref_Fuhse2001-2">den Gruppenzusammenhalt immer wieder zu
                        rekonstruieren und damit zu festigen</quote> (<ref xml:id="ref_Fuhse2001-2"
                        type="bibl" target="#Fuhse2001">Fuhse 2001: 2</ref>), kann gerade die
                    Literatur mit ihrem spezifischen Kommunikationssystem ein Laboratorium sein,
                    welches den <quote source="#ref_Bhabha2011-4">interrogative[n] Zwischenraum
                        zwischen dem Akt der Repräsentation und der Präsenz von
                        Gemeinschaften</quote> (<ref xml:id="ref_Bhabha2011-4" type="bibl"
                        target="#Bhabha2011">Bhabha 2011: 4</ref>) auslotet, reflektiert und den
                    kollektiven Dynamiken in ihrer Stimmenvielfalt besondere Beachtung schenkt. Es
                    geht um Partizipation genauso wie Ein- und Ausgrenzung, das chorischen Sprechen
                    und das Aushalten von Differenzen, um imaginäre Gesellschaftsentwürfe in ihrer
                    utopischen und dystopischen Spielart, um Dynamiken in der Spannung zwischen
                    individuellen und kollektiven Stimmen, um satirische Zuspitzung sowie um Modelle
                    einer <quote source="#ref_Robinson2016">collective consciousness in flux</quote>
                        (<ref xml:id="ef_Robinson2016" type="bibl" target="#Robinson2016">Robinson
                        2016</ref>).</p>
                <p>Das polyphone Wir internalisiert solche kollektiven Kommunikationsprozesse und
                    stellt sie in den Mittelpunkt des Erzählens. Durch die Möglichkeit zwischen
                    individueller und kollektiver Stimme zu wechseln, ist es außerdem in der Lage,
                    den klassischen Hiatus, dass kein Individuum das Kollektiv zu umfassen vermag,
                    umgekehrt aber kein Kollektiv ohne Individuen sich zu bilden vermag (<ref
                        type="bibl" target="#Margolin2000">Margolin 2000: 598</ref>), in narrative
                    Energie zu überführen. Dabei artikulieren sich die Spannungen zwischen dem
                    Kollektiv und den daran partizipierenden Individuen quasi musikalisch als
                    polyphone Überlagerung zwischen den Extremen einzelner unabhängiger Stimmen auf
                    der einen und dem kollektiven Zusammenklang auf der anderen Seite. Kollektive
                    Identität ist dann immer zugleich Ausdruck kollektiver Intentionalität (<ref
                        type="bibl" target="#Schnmid2012">Schmid 2012</ref>). </p>
                <p>Dadurch wird das polyphone Wir der Literatur zu einem interessanten Modell – gerade auch für
                    gesellschaftspolitische Zusammenhänge. Es setzt
                    keine Uniformität voraus. Genauso wenig aber lässt es Verschiedenheiten in einem
                    bloßen Nebeneinander stehen. Differenz ist einem solchen Wir Ausgangspunkt eines
                    narrativen Prozesses, an dem verschiedene Instanzen partizipieren. Im polyphonen
                    Wir bedeutet Identität kein bloßes Auf-eine-gemeinsame-Formel-Bringen. Vielmehr
                    konstituiert sich ein solches Wir durch die Interferenzen zwischen denen, die es
                    ausmachen, immer wieder neu. Und gerade aus diesem kommunikativen Prozess, der
                    sich in der Zeit entfaltet, schöpft es seine Kohärenz.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
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                    <bibl xml:id="Mouffe2007">Mouffe, Chantal (2007): Über das Politische. Wider die
                        kosmopolitische Illusion. Frankfurt/M: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Nünning2000">Nünning, Ansgar/Nünning, Vera (2000):
                        Multiperspektivität aus narratologischer Sicht. Erzähltheoretische
                        Grundlagen und Kategorien zur Analyse der Perspektivenstruktur narrativer
                        Texte. In: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hg.): Multiperspektivisches
                        Erzählen. Zur Theorie und Geschichte der Perspektivenstruktur im englischen
                        Roman des 18. bis 20. Jahrhunderts. Trier: WVT, S. 39–77.</bibl>
                    <bibl xml:id="Preciado2020">Preciado, Paul P. (2020): Ein Apartment auf Uranus.
                        Chroniken des Übergangs. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Berlin:
                        Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Robinson2016">Robinson, Alan (2016): Ein Land der Anwesenden.
                        Dorothee Elimger’s Political Engagement with Switzerland, in: German Life
                        and Letters 69/3, S. 387–407.</bibl>
                    <bibl xml:id="Schnmid2012">Schmid, Hans Bernhard (2012): Wir-Intentionalität.
                        Kritik des ontologischen Individualismus und Rekonstruktion der
                        Gemeinschaft. Freiburg i. Br.: Karl Alber.</bibl>
                    <bibl xml:id="Sill2001">Sill, Oliver (2001): Literatur in der funktional
                        differenzierten Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven auf ein
                        komplexes Phänomen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Stanišić2014">Stanišić, Saša (2014): Vor dem Fest. Roman. München:
                        Luchterhand.</bibl>
                    <bibl xml:id="Stanley2018">Stanley, Jason (2018): How Fascism Works. The
                        Politics of Us and Them. New York: Random House.</bibl>
                    <bibl xml:id="Stokowski2016">Stokowski, Margeret (2016): Untenrum frei. Reinbek
                        b. H.: Rowohlt.</bibl>
                    <bibl xml:id="Tonger-Erk2016">Tonger-Erk, Lily (2016): Den Chor lesen.
                        Medialität und Vielstimmigkeit in Schillers <hi rend="italic">Die Braut von
                            Messina</hi>, in: Julia Bodenburg/Katharina Grabbe/Nicole Haitziger
                        (Hg.): Chor-Figuren. Interdisziplinäre Beiträge. Freiburg i. Br.: Rombach,
                        S. 213–230.</bibl>
                    <bibl xml:id="Vennemann2005">Vennemann, Kevin (2005): Nahe Jedenew. Roman.
                        Frankfurt/M.: Suhrkamp.</bibl>
                </listBibl>
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</TEI>
