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    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">„[O]ft nur ein schlechterer Ersatz“? *</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Chancen und Grenzen der Stimme im
                    Online-Lesungsvideo</title>

                <author>
                    <name>
                        <forename>Anna</forename>
                        <surname>Bers</surname></name>
                    <affiliation>Universität Göttingen</affiliation>
                    <email>anna.bers@phil.uni-goettingen.de</email>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-04</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Online-Lesungsvideos</term>
                    <term xml:lang="en">Stimme</term>

                </keywords>
            </textClass>
        </profileDesc>
        <revisionDesc>
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                <change when="2021-03-26T11:01:16.45+01:00">Converted from a Word document</change>
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        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Das literarische Vermittlungsmedium, das im Folgenden beschrieben werden soll,
                    hat unter den Bedingungen einer globalen Pandemie eine Karriere gemacht, die ihm
                    bei der Konzeption dieser Überlegungen keine*r zugetraut hätte. Das
                    Online-Lesungsvideo, um das es hier gehen soll, war ein Randprodukt
                    literarischer Vermittlungsstrategien, ein Bonus, den sich Autor*innen leisten
                    konnten, aber keineswegs mussten. Ziel meines Beitrages ist es, die genuin
                    intermediale Praktik der Lyrik-Performance-Clips, etwa auf dem Portal <hi
                        rend="italic">Youtube</hi>, zu untersuchen, um aufzuzeigen, welche Probleme
                    und welche Chancen die Speicherung von Stimmlichkeit im Clip bietet.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In the conditions of a global pandemic the literary medium described in this
                    contribution has risen to heights no-one would have thought possible when these
                    thoughts were first drafted. The online literary reading video we are referring
                    to here was a marginal product of literary communication strategies, a bonus
                    authors could treat themselves to but by no means a must. The aim of my
                    contribution is to examine the genuinely intermedial practice of poetry
                    performance clips, for instance on <hi rend="italic">Youtube</hi>, in order to
                    show which problems and chances the recording of vocal qualities in a clip may
                    imply.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_02-04_01">

                <p>Das literarische Vermittlungsmedium, das im Folgenden beschrieben werden soll,
                    hat unter den Bedingungen einer globalen Pandemie eine Karriere gemacht, die ihm
                    bei der Konzeption dieser Überlegungen keine*r zugetraut hätte. Das
                    Online-Lesungsvideo, um das es hier gehen soll, war ein Randprodukt
                    literarischer Vermittlungsstrategien, ein Bonus, den sich Autor*innen leisten
                    konnten, aber keineswegs mussten. 2020 wurde aus diesem <q rend="single-qm"
                        >Kann</q> jedoch für viele Akteur*innen des Kunst- und Kulturbetriebs und so
                    auch für literarische Autor*innen, Verlage, Literaturhäuser, Festivals und für
                    die Rezipierenden ein – nicht zuletzt: ökonomisches – ,Muss‘.</p>
                <p>Anhand der folgenden Überlegungen kann deutlich werden, welche medialen und
                    sozialen Potenziale das Online-Lesungsvideo birgt, aber auch, welche Parameter
                    dazu führen, dass dieses Genre tendenziell als unbefriedigend aufgefasst wird.
                    So nennt der Lyriker Tristan Marquardt die Online-Formate der Pandemiezeit
                        <quote source="#ref_Marquardt2021a">oft nur ein[en] schlechtere[n]
                        Ersatz</quote> für Präsenz-Lesungen (<ref xml:id="ref_Marquardt2021a"
                        type="bibl" target="#Marquardt2021">Marquardt 2021</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_02">
                <head>1. Literatursoziologische Aspekte des Online-Lesungsvideos</head>
                <p>Als Online-Lesungsvideo soll hier ein Film bezeichnet werden, der eine Lesung von
                    literarischen Texten (in der Regel durch den*die Autor*in) konserviert. Für die
                    vorliegende Erkundung des Mediums ist ein weiter Gegenstandsbereich nützlich,
                    der alle Formen bewahrender und stillstellender Lesungsvideos umfasst: vom eher
                    dokumentarischen Mitschnitt einer konkreten Veranstaltung bis zur technisch
                    avancierten Aufzeichnung einer für die Aufnahme zusätzlich durchgestalteten
                    Textdarbietung. Die Grenzen zu verwandten Kunstformen sind dabei durchaus
                    fließend: Aufzeichnungen von stark inszenierten und filmisch aufbereiteten
                    Lesungs-Performances haben einerseits phänotypisch große Ähnlichkeit mit dem
                    Internet Poetry Clip.<note xml:id="endnote_01">
                        <p>Von Internet Poetry Clips, wie Sonja Klimek (<ref type="bibl"
                                target="#Klimek2021">Klimek 2021</ref>) Online-Videos zu lyrischen
                            Texten nennt, die in der Art von Musikvideos gestaltete Filmkunstwerke
                            sind, unterscheiden sich Online-Lesungsvideos (abgesehen von der
                            Einschränkung auf eine Textgattung) nur graduell. Die bedienten Codes
                            und viele Funktionen der Clips ähneln einander. Worauf es jedoch im
                            Folgenden ankommt, sind die Formen und Funktionen des konservierten
                            Genres <hi rend="italic">Lesung</hi> im Online-Video, die in Internet
                            Poetry Clips integriert sein kann, aber nicht muss.</p></note> Zentrale
                    mediale Aspekte des Online-Lesungsvideos hängen mit seinem Charakter als
                    tertiäres Produkt zusammen: Die Lesung als konventionalisiertes Genre ist ein
                    Kunstwerk, das konstitutiv auf einen vorgängigen Text verweist und damit (anders
                    als andere literarische Performances) immer als sekundäres Produkt inszeniert
                        ist.<note xml:id="endnote_02">
                        <p>Anders als andere performative Literaturgattungen ist die Lesung eine
                            Performance, deren textförmiges Vorher das Zentrum der Praxis bildet,
                            vgl. als Belege für den Konsens etwa: <quote source="#ref_Maye2020-307a"
                                >Gegenüber der textförmig erscheinenden Literatur wird die Lesung
                                üblicherweise als nachträglich angesehen</quote> (<ref
                                xml:id="ref_Maye2020-307a" type="bibl" target="#Maye2020">Maye 2020:
                                307</ref>) oder <quote source="#ref_Wilpert2001-426">Lesung, der
                                öffentliche, halböffentliche oder private Vortrag e. bereits
                                erschienenen, noch ungedruckten oder unvollendeten Literaturwerks
                                oft durch den Autor oder e. geübten Rezitator</quote> (<ref
                                xml:id="ref_Wilpert2001-426" type="bibl" target="#Wilpert2001"
                                >Wilpert 2001: 462</ref>).</p>
                    </note> Das Online-Lesungsvideo konserviert in dritter Instanz die Lesung eines
                        Textes.<note xml:id="endnote_03">
                        <p>In beiden Fällen, in Bezug auf die vom Text abhängige Lesung und auf das
                            von der Lesung abhängige Video, ist es wichtig, sowohl den
                            sekundären/tertiären Status als konstitutiv wahrzunehmen, weil die
                            entstehenden Kunstwerke jeweils zentrale Charakteristika des vorgängigen
                            Mediums inszenieren und adaptieren, aber auch verlieren. Zugleich – und
                            darauf wird im Folgenden durch den theaterwissenschaftlichen Fokus ein
                            besonderes Gewicht gelegt – entstehen aber neue Kunstwerke, die medialen
                            Eigengesetzlichkeiten unterliegen: eine unwiederholbare Performance in
                            der Lesung und ein Online-Video in deren Speicherung.</p>
                    </note> Aus diesem Grund ist das Online-Lesungsvideo andererseits zwar verwandt
                    mit, aber über seine asynchrone Speicherungsfunktion medial abzugrenzen von
                    synchronen und einmaligen Live-Lesungs-Streams.</p>
                <p>Welche Funktionen erfüllt nun ein solches digitales Literaturvideo für die
                    beteiligten Instanzen? Welche Vorteile bietet diese Art der Literaturvermittlung
                    erstens Autor*innen, zweitens Institutionen und drittens Rezipierenden? Für alle
                    drei Gruppen, so sei behauptet, bietet dieses Format eine attraktive Kombination
                    aus mindestens zwei Praxiskontexten, nämlich der Autor*innenlesung und der
                    digitalen Repräsentation und Interaktion im Netz. Während die Lesung trotz ihrer
                    zunehmenden Institutionalisierung und Popularität (<ref type="bibl"
                        target="#Johannsen2012">vgl. Johannsen 2012: 267–269</ref>) zu den <quote
                        source="#ref_Giacomuzzi2017-112">herkömmlichen Mittel[n] der
                        Selbstpräsentation und Kommunikation</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Giacomuzzi2017-112" type="bibl" target="#Giacomuzzi2017"
                        >Giacomuzzi 2017: 112</ref>) zählen dürfte, gelten
                    Online-(Selbst-)Repräsentationstechniken als – relativ zur langen Geschichte der
                    Lesung – neue Phänomene einer digitalisierten Gegenwart.</p>
                <p>Die Lesung auf der einen Seite bietet Autor*innen ein Inszenierungsinstrument,
                    eine Verkaufsstrategie, ein Feedbackinstrument, ein Mittel der Positionierung im
                    Betrieb (<ref type="bibl" target="#Grimm2011">vgl. Grimm 2011: 2, 21f.</ref>),
                    aber auch eine relevante Einkommensquelle in ihrer <quote
                        source="#ref_Hagestedt2007-302">Mischkalkulation</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Hagestedt2007-302" type="bibl" target="#Hagestedt2007">Hagestedt
                        2007: 302</ref>). Und von den inszenatorischen Effekten wiederum profitieren
                    Literaturhäuser, -festivals und Verlage. Das Publikum schätzt an einer Lesung
                    soziale und psychologische Aspekte wie die Präsenz des*r realen Autor*in,
                    der*die <quote source="#ref_Maye2020-307b">sich selbst veröffentlicht</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Maye2020-307b" type="bibl" target="#Maye2020">Maye 2020:
                        307</ref>), den Austausch mit diesem*r sowie bestimmte sinnliche (vor allem:
                    klangliche) Aspekte der Live-Veranstaltung (<ref type="bibl" target="#Grimm2011"
                        >vgl. Grimm 2011: 2, 18</ref> und <ref type="bibl" target="#Johannsen2012"
                        >Johannsen 2012: 273</ref>). Gerade unter den Bedingungen der Pandemie hat
                    sich dies gezeigt, denn es</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Marquardt2021b">ist deutlicher denn je geworden, dass
                        Kultur-Veranstaltungen nicht nur künstlerische, sondern auch soziale Praxis
                        sind. Sie leben vom Austausch und der Begegnung, sorgen dafür, dass man mit
                        der Kunst nicht allein und die Kunst ein wichtiger Teil des
                        gesellschaftlichen Lebens ist. (<ref xml:id="ref_Marquardt2021b" type="bibl"
                            target="#Marquardt2021">Marquardt 2021</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Social-Media-Präsenz eines*r Autor*in auf der anderen Seite dient ganz
                    ähnlichen Zwecken, sie ist für die*den Schreibende*n und dessen*deren Verlag
                    Marketing- und Positionierungstool. Zwei Aspekte sind aber in diesem Medium
                    zusätzlich wichtig, wie Giacomuzzi zeigt: Erstens wird von
                    Selbstvermarktungsstrategien im Netz stärker als vom etablierten Medium Lesung
                    gefordert, dass sie Widersprüchliches vermögen. Eine öffentliche Präsenz wird
                    gefordert, sie muss aber zugleich stets den Anschein vermitteln, dass der*die
                    Autor*in <quote source="#ref_Giacomuzzi2017-111a">an derlei <q rend="single-qm"
                            >weltlichen</q> Dingen <q rend="single-qm">uninteressiert</q></quote>
                    sei (<ref xml:id="ref_Giacomuzzi2017-111a" type="bibl" target="#Giacomuzzi2017"
                        >Giacomuzzi 2017: 111</ref>). Zweitens unterscheidet sich die Quantität des
                    Geforderten, ein Online-Auftritt muss <quote source="ref_Giacomuzzi2017-113a"
                        >die Aufmerksamkeit nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich an sich […]
                        binden</quote> (<ref xml:id="ref_Giacomuzzi2017-113a" type="bibl"
                        target="#Giacomuzzi2017">ebd.: 113</ref>). Für die Rezipierenden entsteht in
                    der Social-Media-Interaktion der Eindruck, Anteil am Leben (mehr oder weniger)
                    berühmter Personen und möglicherweise sogar unmittelbaren Einfluss auf den*die
                    Autor*in nehmen zu können.<note xml:id="endnote_04">
                        <p><quote source="#ref_Giacomuzzi2017-111b">Egal jedoch, ob Autoren ihre
                                Leser zum Zusehen, Interagieren, Mitreden oder Mitschreiben
                                einladen, konstruieren sie eine Gemeinschaft und befriedigen damit
                                verschiedene Bedürfnisse, sei es das Bedürfnis nach Inklusion und
                                nach <q rend="single-qm">Celebrity</q> oder sei es jenes nach
                                Authentizität, das durch die öffentlichen Inszenierungspraktiken
                                immer weniger gestillt und dadurch immer mehr genährt wird.</quote>
                                (<ref xml:id="ref_Giacomuzzi2017-111b" type="bibl"
                                target="#Giacomuzzi2017">Giacomuzzi 2017: 111</ref>)</p></note></p>
                <p>Die Schnittmenge der beiden medialen Inszenierungspraktiken ist also groß und
                    klammert gleichzeitig bestimmte unerwünschtere Aspekte aus: Sowohl Lesung als
                    auch Webpräsenz dienen Autor*innen und Verlagen zu PR-Zwecken, zur Inszenierung
                    und Positionierung und stärken den Feedback-Aspekt. Literatur, gerade wenn sie
                    dem Primat autonomer Kunstproduktion unterliegt, profitiert aber von den
                    Web-Strategien, weil die widersprüchlich erscheinende Aufgabe der notwendigen
                    Inszenierung bei gleichzeitigem Desinteresse in einem Distanzmedium wie dem Netz
                    leichter orchestriert und sorgfältiger durchdacht werden kann als in der
                    situativen Lesung. Die körperliche (Ko-)Präsenz im Hier und Jetzt einer Lesung
                    entfällt online, dennoch können visuelle und körperliche Aspekte einer
                    Autor*innenpersona durch Videos oder Fotografien eingesetzt werden. Vom
                    Netz-Angebot überträgt das Medium Online-Lesungsvideo auch die Vorteile der
                    Konservierung und Darbietung von Daten auf das Format Lesung, das flüchtig und
                    einmalig ist. Ein Social-Media-Auftritt (oder eine Homepage) verlangt
                    Kontinuität, die in der Zusammenführung im Format Online-Lesungsvideo keine
                    notwendige Bedingung ist: Autor*innen, Verlage und Häuser können durchaus nur
                    ein einzelnes Video zur Verfügung stellen, ohne dass eine Fortsetzung
                    erforderlich wäre. Auch dies kommt der Trennung von Autor*in und Werk ggf.
                    zugute. Gleichzeitig lässt sich ein Video, insbesondere, wenn es auf einer
                    Plattform (z.B. YouTube, Vimeo, aber auch Facebook) eingebunden ist, besonders
                    leicht in kollektiv strukturierten Netzwerken verbreiten und zum Gegenstand von
                    Interaktion machen.<note xml:id="endnote_05">
                        <p>Dass hier vor allem große Portale und soziale Netzwerke genannt werden,
                            entspricht der aktuellen Praxis: Zwar gibt es z.B. mit <hi rend="italic"
                                >dichterlesen.net</hi> eine Datenbank, die (Lesungs-)Veranstaltungen
                            mehrerer Literaturhäuser archiviert, allerdings werden hier überwiegend
                            akustische Sicherungen aufbewahrt, Videos derselben Häuser und
                            Veranstaltungen sowie vieler anderer Literaturhäuser und -festivals sind
                            dagegen zusätzlich oder bisweilen auch ausschließlich auf YouTube,
                            Vimeo, Facebook etc. eingebunden.</p>
                    </note> Autor*innen sind also präsent, ohne gegenwärtig zu sein, das Kunstwerk
                    kann sich in den verselbstständigenden Strukturen des Netzes vom*von der
                    Urheber*in lösen und wird dennoch sinnlich-stimmlich konserviert.</p>
                <p>Für die Lesenden eröffnet die Schnittmenge die Möglichkeit, den*die Autor*in als
                    Person wahrzunehmen. Während die körperliche Realpräsenz nicht vermittelt werden
                    kann, können Celebrity-Observationen, ein Zugriff auf Körperbilder und ggf. auch
                    bestimmte Authentizitätsannahmen an das Online-Lesungsvideo herangetragen
                    werden. Besonders relevant für das Portal YouTube und vergleichbare Videoportale
                    sind die Möglichkeiten, die ein hochgeladenes Produkt für die Rezeption bietet:
                        <quote source="#ref_Cseke2018-19a">Durch den Akt des Hochladens auf YouTube
                        erfahren Videos demnach eine Eigendynamik, da sie weiterverbreitet und
                        jeweils neu kontextualisiert werden.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Cseke2018-19a" type="bibl" target="#Cseke2018">Cseke 2018:
                        19</ref>) Das Online-Video reproduziert überdies besonders relevante
                    sinnliche Codes – visuelle und akustische nämlich.</p>
                <p>Es zeigt sich also, dass Online-Lesungsvideos das Beste aus zwei medialen Welten
                    zu kombinieren vermögen. Der einzige Effekt, den Online-Videos anders als
                    Lesungen nicht zeitigen können, ist ggf. ein unmittelbar ökonomischer: Das Video
                    im Netz bringt nicht in jedem Fall ein Honorar ein. Im Gegenteil: Wird eine
                    Lesung online sehr leicht zugänglich gemacht, kann es unter Umständen für
                    Veranstalter*innen weniger attraktiv sein, eine*n Autor*in erneut
                        einzuladen.<note xml:id="endnote_06">
                        <p>Ein Akteur, der in der Trias Autor*innen, Verlage und Rezipient*innen
                            nicht berücksichtigt wurde, der aber gerade in ökonomischer Hinsicht von
                            Online-Lesungsvideos profitiert, ist das Video-Portal, auf dem ein Film
                            angeboten wird. Jedes Video generiert in seinem Netzwerk Daten und
                            Werbekontexte, die für die Plattform ökonomisches Kapital bedeuten:
                                <quote source="#ref_Burgess2018-97">even as audiences or consumers
                                rather than creators – we are creating economic value for the big
                                platforms</quote> (<ref xml:id="ref_Burgess2018-97" type="bibl"
                                target="#Burgess2018">Burgess/Green 2018: 97</ref>). Diese Dimension
                            muss mitgedacht werden, auch wenn sie im Folgenden nicht explizit
                            erwähnt wird, insbesondere unter den spezifisch prekären
                            Arbeitsbedingungen Kulturschaffender (<ref type="bibl"
                                target="#Burgess2018">vgl. ebd.</ref>) und den noch prekäreren
                            Bedingungen derselben in einer Pandemie.</p></note> Gleichzeitig führen
                    PR-Strategien natürlich mittelbar zu mehr Buchverkäufen und anderen
                    Einkünften.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_03">
                <head>2. Stimme</head>
                <p>Welche Relevanz haben nun die Kategorie <q rend="single-qm">Stimme</q>, wie sie
                    die Theaterwissenschaft konzeptionalisiert, und ihre medialen Charakteristika in
                    den genannten Praktiken Lesung und Webauftritt? Und welche Aspekte der Stimme
                    kommen im Online-Lesungsvideo zum Tragen?</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_04">
                <p>
                    <hi rend="italic">Stimme in der Lesung</hi>
                </p>
                <p>In der Lesung nimmt die Stimme des*der Autors*in eine zentrale Stellung ein und
                    die Lesung erlaubt <quote source="#ref_Herrmann2020-34">die Popularisierung und
                        Vermarktung von Literatur mithilfe der Stimme</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Herrmann2020-34" type="bibl" target="#Herrmann2020">Herrmann
                        2020: 34</ref>). Eine Lesung ist damit nicht nur an ein textliches Davor
                        gebunden,<note xml:id="endnote_07"><p> Vgl. Anm. 2.</p></note> sondern
                    zugleich eine einmalige und eigengesetzliche Aufführung.<note
                        xml:id="endnote_08"><p> Dieser weite Begriff von Aufführung/Performance ist
                            von den Arbeiten Erika Fischer-Lichtes geprägt und lässt sich in beinahe
                            allen relevanten Aspekten auch auf die Darbietung von literarischen
                            Texten vor Publikum (in einer Lesung) übertragen, (<ref type="bibl"
                                target="#Maye2020">vgl. dazu Maye 2020: 307</ref> und in Bezug auf
                            Lyrik ausführlich <ref type="bibl" target="#Bers2017">Bers/Trilcke
                                2017</ref>). Ein Unterschied zwischen (traditionellen)
                            Theaterstücken und Lesungen ist das Fehlen einer Fiktionsvereinbarung,
                            die festlegt, dass Schauspieler*innen Figuren verkörpern. In der Lesung
                            herrscht eine gegenteilige Vereinbarung, der zufolge der*die Autor*in
                            gerade keine Als-ob-Fiktion bedient, sondern sich selbst darstellt. Dass
                            hier dennoch Inszenierungspraktiken benutzt werden, versteht
                        sich.</p></note> Das heißt, sie ist – wie eine Bühnenaufführung oder eine
                    Kunstperformance – eine reale, einmalige und körperbezogene Begegnung zwischen
                    mindestens zwei Menschen.</p>
                <p>Die materielle Seite der flüchtigen Kunstform hängt maßgeblich mit der Stimme
                    zusammen: <quote source="#ref_Fischer-Lichte2021-74">Mit der Stimme entstehen
                        alle drei Arten von Materialität – Räumlichkeit, Körperlichkeit und
                        Lautlichkeit</quote> (<ref xml:id="ref_Fischer-Lichte2021-74" type="bibl"
                        target="#Fischer-Lichte2021">Fischer-Lichte 2021: 74</ref>). Die Stimme
                    erzeugt und ordnet durch den Laut den Raum (<ref type="bibl"
                        target="#Fischer-Lichte2021">vgl. ebd.: 69f.</ref>) – was sich schon an der
                    Wichtigkeit eines (akustisch) guten Sitzplatzes bei einer Lesung erweisen kann.
                    Die Stimme hat Anteil an der doppelten Körperlichkeit eines*r Akteurs*in: Sie
                    verweist im Falle des*der Autors*in auf das ephemere körperliche Gegenüber
                    (seinen <quote source="#ref_Fischer-Lichte2021-73">phänomenale[n] Leib</quote>,
                        <ref xml:id="ref_Fischer-Lichte2021-73a" type="bibl"
                        target="#Fischer-Lichte2021">ebd.: 73</ref>), das in realer (Ko-)Präsenz
                    wahrzunehmen ein Motiv für den Besuch einer Lesung sein kann, ebenso wie auf den
                        <hi rend="italic">semiotischen Körper</hi> des*der Autors*in (<ref
                        type="bibl" target="#Fischer-Lichte2021">vgl. ebd.</ref>), der sich etwa
                    durch Dia- und Soziolekte, Gender- und Age-Hinweise auszeichnet und für
                    Rezipierende ggf. in einem relevanten Verhältnis zum Werk stehen mag.<note
                        xml:id="endnote_09"><p> Vgl. zur <quote source="#ref_Giacomuzzi2017-113b"
                                >bei Lesungen unvermeidbar eintretenden Koppelung von Autor und
                                Werk</quote>
                            <ref xml:id="ref_Giacomuzzi2017-113b" type="bibl"
                                target="#Giacomuzzi2017">Giacomuzzi 2017: 113</ref>.</p></note> Oder
                    anders formuliert: Wer zu einer Lesung geht, der*die möchte erstens mit dem
                    Körper des*der Autors*in im Hier und Jetzt verbunden sein und zweitens über
                    dessen Codes zusätzlichen Aufschluss über Bedeutungen seiner*ihrer Texte
                    erhalten.</p>
                <p>Außer für die materiellen Dimensionen einer Lesung ist die Stimme auch für eine
                    weitere konstitutive und distinktive Eigenschaft performativer Kunst zentral:
                    die leibliche Ko-Präsenz von Autor*in und Publikum (<ref type="bibl"
                        target="#Fischer-Lichte2021">vgl. ebd.: 64–69</ref>). Sowohl die von
                    Autor*innen und ihren Verlagen als auch die rezeptionsseitig gewünschten
                    partikularen Effekte der Inszenierung und Positionierung bzw. Begegnung nutzen
                    körperliche Präsenz-Effekte, die laut Fischer-Lichte zentral für Aufführungen
                    sind: die Unplanbarkeit (<ref type="bibl" target="#Fischer-Lichte2021">vgl.
                        ebd.: 65 f.</ref>), trotz einer gleichzeitigen Erwartung an die schematisch
                    vorgesehenen Handlungsabläufe, hier: im Script <q rend="single-qm">Lesung</q>,
                    und den Subjekt-konstituierenden und sozialen Charakter (<ref type="bibl"
                        target="#Fischer-Lichte2021">vgl. ebd.: 67 f.</ref>) einer performativen
                    Darbietung. Was für die Aufführung im Allgemeinen gilt, betrifft die Stimme im
                    Besonderen: <quote source="#ref_Kolesch2006-11a">Die (Sprech-)Stimme ist nicht
                        nur Medium der Rede und Vehikel von Sinn, sondern handelt in ihrer immer
                        auch unkontrollierbaren Eigendynamik den Vorgaben der Rede oftmals
                        zuwider.</quote> (<ref xml:id="ref_Kolesch2006-11a" type="bibl"
                        target="#Kolesch2006">Kolesch/Krämer 2006: 11</ref>) Weitere Eigenschaften
                    der Stimme in der Lesung sind ihre ereignishafte Flüchtigkeit und ihr Bezug zum
                    Körper: <quote source="#ref_Kolesch2014-343">Die erklingende Stimme ist so
                        flüchtig und ephemer wie eine Theateraufführung, beide bringen im Wortsinn
                        den Körper ins Spiel und zielen auf Wahrnehmung: Eine Stimme appelliert
                        daran, gehört und beantwortet zu werden, eine (Theater-)Aufführung benötigt
                        konstitutiv ein Publikum.</quote> (<ref xml:id="ref_Kolesch2014-343"
                        type="bibl" target="#Kolesch2014">Kolesch 2014: 343</ref>)<note
                        xml:id="endnote_10"><p> Vgl. auch <ref xml:id="ref_Kolesch2006-11b"
                                type="bibl" target="#Kolesch2006">Kolesch/Krämer 2006: 11</ref>, die
                            den hier und folgend beschriebenen Phänomenen fünf Namen geben: <quote
                                source="#ref_Kolesch2006-11b">Ereignishaftigkeit</quote>, <quote
                                source="#ref_Kolesch2006-11b">Aufführungscharakter</quote>, <quote
                                source="#ref_Kolesch2006-11b">Verkörperungscharakter</quote>, <quote
                                source="#ref_Kolesch2006-11b">Subversions- und
                                Transgressionspotenzial</quote> und <quote
                                source="#ref_Kolesch2006-11b">Intersubjektivität</quote>.</p></note>
                    Die Interaktion basiert in den maßgeblichen Bestandteilen auf den Möglichkeiten
                    verbaler und paraverbaler Äußerungen (Vorlesen oder Rezitieren,
                    Interview-Passagen, Wortmeldungen, Zwischenrufe). Diese Möglichkeiten
                    konstituieren die soziale Situation, in der jede beteiligte Person <quote
                        source="#ref_Fischer-Lichte2021-68">mitverantwortlich für das [ist], was
                        sich während der Aufführung ereignet. […] Wer teilnimmt, trägt prinzipiell
                        Mitverantwortung.</quote> (<ref xml:id="ref_Fischer-Lichte2021-68"
                        type="bibl" target="#Fischer-Lichte2021">Fischer-Lichte 2021: 68</ref>) Auf
                    die beschriebenen Ansprüche der Akteur*innen angewandt, bedeutet diese
                    Mitverantwortung positiv gefasst auch die Möglichkeit der Einflussnahme, sei es
                    als PR-Strategie oder als Feedbackmechanismus.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_05">
                <p>
                    <hi rend="italic">Stimme im Netz</hi>
                </p>
                <p>Die Web-Präsenz von Autor*innen weist zunächst gerade keine konstitutive
                    Verbindung zur Kategorie <q rend="single-qm">Stimme</q> auf. Weder eine eigene
                    Homepage noch ein Social-Media-Auftritt müssen in der Regel stimmliche Anteile
                    zur Verfügung stellen.<note xml:id="endnote_11"><p> Exemplarisch sei auf die
                            beiden bei Giacomuzzi als klar unterschiedliche Inszenierungs-Typen
                            beschriebenen Autorinnen Sibylle Berg und Elfriede Jelinek verwiesen:
                            Jelinek sei eine Autorin, die sich entziehe, Berg nutze eine besondere Taktik
                            die Neugier zu wecken (<ref type="bibl" target="#Giacomuzzi2017">vgl.
                                Giacomuzzi 2017: 110 f.</ref>). Jelinek stellt sich auf ihrer
                            Homepage (<ref target="http://www.elfriedejelinek.com/"
                                >www.elfriedejelinek.com</ref>, Zugriff am 26.11.2021) gewissermaßen
                            hinter eine imposante Wand von eigenen Texten, Bergs Homepage (<ref
                                target="https://sibylleberg.com/">https://sibylleberg.com</ref>,
                            Zugriff am 26.11.2021) informiert und bietet eine Art Fanshop sowie
                            Zugang zu den für Bergs Inszenierung besonders relevanten
                            Social-Media-Auftritten an. Berg nutzt ein relativ klassisches
                            Autorinnenportrait im Info-Bereich, Jelinek verweist mit einem Foto
                            ihres berühmten transparenten Kugel-Hängesessels, in dem einzig
                            Stofftiere, nicht aber die Autorin Platz genommen haben, auf bekannte
                            Portraits der Autorin aus mehreren Jahrzehnten. Die Stimme der Autorin
                            hat jedoch auf keiner der beiden Seiten irgendeinen Ort.</p></note> Das
                    ist kein Zufall: Wie dargelegt wurde, schätzen Autor*innen an Web-Auftritten
                    Folgendes: eine widersprüchlich anmutende, weil scheinbar unbeteiligte PR, die
                    an die Maximen autonomer Autorschaftskonzepte anschlussfähig ist, und die
                    Kontinuität von Kommunikation mit dem Publikum. Wer also ein Online-Medium
                    wählt, sucht eine Interaktion <hi rend="italic">ohne</hi> die beschriebenen
                    Effekte körperlicher Ko-Präsenz und Unvorhersehbarkeit, die eine Lesung
                    auszeichnen. Onlinekommunikation ist im Verhältnis zur performativen Lesung
                    steuerbar, distanziert und zugleich kontinuierlich und dauerhaft(er als eine
                    einmalige Aufführung).</p>
                <p>Und auch Lesende suchen Facebook, Twitter (zunehmend auch Instagramm und TikTok)
                    und Autor*innen-Homepages nicht auf, um eine (konservierte) Stimme
                    kennenzulernen. Gleichzeitig sind aber bestimmte körperliche Aspekte (etwa das
                    Aussehen einer Person und sein semiotischer Körper) ein besonders beliebter
                    Gegenstand von digitalen Inszenierungspraktiken (<ref type="bibl"
                        target="#Giacomuzzi2017">vgl. Giacomuzzi 2017: 114</ref> am Beispiel von
                    Thomas Glavinic). Auch hier entsteht das Spannungsverhältnis, das – z.B. im
                    Genre Autor*innen-Portrait (<ref type="bibl" target="#Oster2014">vgl. Oster
                        2014: 38</ref>) – eine Tradition lange vor der Digitalisierung besitzt: Es
                    ist die Spannung zwischen wirksamer Selbstinszenierung und Schemata, die das
                    Werk in den Vordergrund stellen und die Autorrolle auszublenden suchen.</p>
                <p>Medien, die dezidiert stimmliche Aspekte von Autorschaft und die
                    rezeptionsseitige Aufladung derselben ausstellen, sind (bisher) nicht
                    unmittelbar mit Online-Präsenzen verknüpft. Es gibt berühmte
                    Stimmaufzeichnungen, Rezitationen und Lesungen von Autor*innen.<note
                        xml:id="endnote_12"><p> Vgl. exemplarisch eine Höredition mit Texten von
                            Thomas Mann (<ref type="bibl" target="#Mann2015">Mann 2015</ref>), die
                            nach Werken organisiert ist, oder die Aufzeichnungen von Lyrikern wie
                            Ernst Jandl oder Thomas Kling, deren stimmliche Darbietungen zentral für
                            ihr Schaffen waren und die nach der Logik von (Hör-)Büchern vermarktet,
                            katalogisiert und konserviert werden, indem sie z.B. eine ISBN besitzen
                                (<ref type="bibl" target="#Jandl1996">Jandl 1996</ref> oder <ref
                                type="bibl" target="#Kling1999">Kling 1999</ref>). Die Sammlung
                            lyrikline.org macht ebenfalls den einzelnen Text zum Angelpunkt ihrer
                            Bereitstellung von Autor*innen-Lesungen, bietet aber auch Pfade an, die
                            über die Kategorien <q rend="double-qm">Autoren</q> und <q
                                rend="double-qm">Sprachen</q> führen. Dieses Projekt sei also
                            exemplarisch für neue Wege angeführt, es muss sich aber offenbar gegen
                            konventionelle Rezeptionserwartungen zu Wehr setzen, wie an der Rubrik
                                <q rend="double-qm">about</q> zu erkennen ist: <quote
                                source="#ref_Lyrikline2021">Natürlich will lyrikline dem Buch nicht
                                den Platz streitig machen, es ersetzen oder abschaffen, denn die
                                physische Präsenz des Buches und die Beziehung, die man zu ihm
                                aufbauen kann, ist von einer ganz eigenen, unerreichten Qualität. Es
                                geht vielmehr darum, ein neues Medium in einen Multiplikator bei der
                                Verbreitung von Poesie zu verwandeln.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Lyrikline2021">Lyrikline 2021</ref>).</p></note> Ihr
                    Vertrieb erfolgt aber auf dem Hörbuch- und zunehmend auch auf dem Podcast-Markt.
                    Hier wird also eine Werk-Logik bedient, nach der man einen einzelnen,
                    abgeschlossenen und jederzeit und allerorts zu rezipierenden Einzeltext erwirbt.
                    Auf Interaktion, Personeninszenierung und Präsenz sind diese Medien nicht in
                    erster Linie aus.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_06">
                <p>
                    <hi rend="italic">Stimme im Online-Lesungsvideo</hi>
                </p>
                <p>Das Online-Lesungsvideo, so konnte gezeigt werden, kombiniert mediale Vorteile
                    von Lesung und Webpräsenz und birgt in Hinblick auf Honorare einen möglichen
                    Nachteil für Autor*innen. In Bezug auf die Kategorie Stimme, auch das wurde
                    gezeigt, sind die beiden verglichenen Formate allerdings unvereinbar
                    unterschiedlich: Während die Lesung die Stimme ins Zentrum rückt und auch viele
                    mediale Spezifika der Lesung als Aufführung (Körperlichkeit, Räumlichkeit,
                    Ko-Präsenz) maßgeblich mit der Stimme verbunden sind, nutzen Web-Auftritte die
                    Stimme nicht oder nicht notwendigerweise.</p>
                <p>Was bedeutet dies für das Format Online-Lesungsvideo? Zunächst wird die Stimme im
                    Video, ebenso wie etwa in einem Hörbuch, konserviert und behält dadurch
                    bestimmte Eigenschaften bzw. gewinnt sie hinzu. Wiebke Vorrath formuliert dies
                    für das Hörbuch wie folgt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Vorrath2017-126">Zweierlei bringt diese Konservierung mit
                        sich: Erstens bleiben einige Eigenheiten der oralen Sprache erhalten, allen
                        voran die individuelle Stimme eines Menschen, die auf dessen Kulturraum,
                        Körper, Geschlecht etc. verweist, eine einzigartige Klangfarbe besitzt und
                        bei einmaliger Rezeption flüchtig bleibt. Zweitens kann die Rezeption
                        beliebig oft wiederholt oder unterbrochen, das Gedicht vor- und
                        zurückgespult werden etc. Die Aufnahme ist demnach nicht flüchtig und zudem
                        ist sie reproduzierbar sowie unabhängig (eine weitreichende Verbreitung ist
                        möglich, Produktion und Rezeption sind räumlich wie zeitlich getrennt).
                            (<ref xml:id="Vorrath2017-126" type="bibl" target="#Vorrath2017">Vorrath
                            2017: 126</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Was Fischer-Lichte – zu Recht – für Aufführungen als Unmöglichkeit beschreibt,
                    eine Trennung von semiotischem Körper und phänomenalem Leib nämlich,<note
                        xml:id="endnote_13"><p> Fischer-Lichte beschreibt für die
                            Aufführungssituation, dass <quote source="#ref_Fischer-Lichte2021-73"
                                >freilich der phänomenale Leib durchaus ohne den semiotischen Körper
                                gedacht werden kann, das Umgekehrte dagegen nicht möglich
                                ist</quote> (<ref xml:id="ref_Fischer-Lichte2021-73" type="bibl"
                                target="#Fischer-Lichte2021">Fischer-Lichte 2021:
                        73</ref>).</p></note> kann hier also in Bezug auf die Stimme durchaus
                    geschehen: Sie bleibt als Zeichenträgerin erhalten, verweist aber nicht auf
                    einen Körper im Hier und Jetzt. Für literarische Künstler*innen, die sich einer
                    Vorstellung von der Autonomie literarischer Produktion verschrieben haben und
                    ihre Person deutlich vom Werk trennen, ist diese Situation besonders attraktiv:
                    Wenn es aus Marketing- oder auch aus ästhetischen Gründen unausweichlich oder
                    gewünscht ist, die eigene Körperlichkeit und Stimme einzusetzen, dann kann ein
                    vom Leib und der Unberechenbarkeit der Ko-Präsenz abgetrennter Zeichen-Körper
                    als Mittel der Wahl gelten. Die gezielte, geplante und durchdachte semiotische
                    Aufladung von (hier: körperlichen) Zeichenträgern ist ein Vorgang, der
                    Kunstschaffenden in Distanzmedien vertraut sein dürfte, wohingegen eine reale
                    Präsenz-Begegnung tendenziell weniger Kontrolle erlaubt und den*die Autor*in als
                    soziales Subjekt mit anderen Subjekten und als Leib mit anderen Leibern
                    konfrontiert.</p>
                <p>Ein deutlicher Unterschied zwischen Hörbuch und Online-Lesungsvideo ist, dass im
                    Filmmedium deutlich mehr Codes und Kanäle aus der Aufführungssituation, die es
                    abbildet, transportiert werden können. Dreidimensionale Aspekte der Realität
                    einer Lesung wie Körper, Raum, Lichtordnung usw. werden ins zweidimensionale
                    Medium Film übersetzt. Für Autor*innen bedeutet dies die Chance oder
                    Herausforderung, ungleich mehr Zeichen und Zeichenarten produzieren zu können
                    oder müssen. Für Lesende entstehen dadurch besonders viele Zeichen, die sie als
                    Indices auf Präsenzeffekte verstehen können: Den Körper, die Stimme, die
                    Räumlichkeit im Film dargestellt zu wissen, erlaubt Rezipierenden möglicherweise
                    ästhetische Erfahrungen, die weniger das Werk und vielmehr den*die Autor*in in
                    den Vordergrund rücken. Das große interaktive stimmliche Potenzial einer
                    Live-Lesung geht Rezipierenden im Video verloren, aber die Stimme als
                    Zeichenträger und Vehikel zur Annäherung an den*die Autor*in als Person bleibt
                    erhalten. Viele Videoformate erlauben gleichzeitig andere Feedbackmechanismen
                    wie Kommentare und <q rend="single-qm">Likes</q>, sodass die für Produktion und
                    Rezeption attraktive Dimension des Feedbacks erhalten bleibt und Lesende sich
                    als Teil künstlerischer Prozesse fühlen können.</p>
                <p>Zusammenfassend kann man also mit Kolesch und Krämer (<ref type="bibl"
                        target="#Kolesch2006">vgl. Kolesch/Krämer 2006: 11</ref>) für die fünf
                    zentralen Charakteristika der Stimme im Online-Lesungsvideo folgende Auswertung
                    vornehmen: Die (1) <hi rend="italic">Ereignishaftigkeit</hi> der Stimme, die als
                    ephemeres Medium verlangt, dass sie im Moment der Artikulation auch gehört wird,
                    wird – wie im Hörbuch – durch die Konservierung aufgehoben. Die konservierte
                    Stimme ist ein sekundäres Produkt und verliert ihren Ereignischarakter. Dasselbe
                    gilt für die besonders wichtigen Aspekte des (2) <hi rend="italic">Aufführungs-
                    </hi>und des (3) <hi rend="italic">Verkörperungscharakters</hi> von Stimme: Die
                    Lesung ist im Video keine einmalige Veranstaltung im Hier und Jetzt einander
                    ausgesetzter sozialer Leiber, sondern ein Abbild einer vergangenen Situation und
                    die Aufzeichnung eines semiotischen körperlichen Index. Insofern ist auch das
                    (4) <hi rend="italic">Subversions- und Transgressionspotenzial</hi> in der
                    Gegenwart der Stimme nur aus der zeitlichen Distanz zu beobachten, nicht aber
                    als sozialer Agens zu spüren. Stimme bleibt sinnliche Erfahrung, führt aber kein
                    situatives Eigenleben mehr. Die (5) <hi rend="italic">Intersubjektivität</hi>
                    der Stimme dürfte auch in der entzerrten Kommunikation relevant sein, insofern
                    es gerade das Subjekt ist, das Rezipierende in Lesungen und so auch in
                    Online-Lesungen kennenlernen möchten. Wenn also die Stimme eines*r Autors*in im
                    Video in der Lage ist, das Publikum in sozial relevanter Weise zu erreichen,
                    dann fügt dies dem Kunstwerk und seiner Rezeptionsweise eine zusätzliche
                    Dimension hinzu, die das Medium Online-Lesungsvideo attraktiv macht.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_07">
                <head>3. Instrumentarium</head>
                <p>Um im Folgenden zwei Online-Lesungsvideos auszuwerten, sollen anhand der
                    beschriebenen Auswertung die fünf Charakteristika von Stimme in der Aufführung
                    in fünf Charakteristika der Stimme im Video übertragen werden, um so ein
                    Analyseraster zur Verfügung zu stellen, das die netztypischen sozialen, aber
                    auch die vorgängigen (und im Video stillgestellten) performativen Aspekte
                    ausreichend berücksichtigt, denn <quote source="#ref_Cseke2018-19b">[e]ine
                        isolierte, rein filmanalytische und filmgeschichtliche Herangehensweise an
                        die Analysen würde der digitalen Umgebung von YouTube-Videos nicht gerecht
                        werden.</quote> (<ref xml:id="ref_Cseke2018-19b" type="bibl"
                        target="#Cseke2018">Cseke 2018: 19</ref>) Gleichzeitig soll hier ein Fokus
                    auf die Stimme und ihre medialen und sozialen Funktionen gelegt werden, weshalb
                    bestimmte Parameter der initialen Performance sowie der filmischen Konservierung
                    nicht berücksichtigt werden können. Im Folgenden werden Lesungen von
                    literarischen Texten untersucht, die am ehesten der Gattung Lyrik zuzuordnen
                    sind. Dennoch müssen genuin lyrikologische Fragen im Folgenden keine spezifische
                    Rolle spielen – ob die vorgestellten Kunstwerke also tatsächlich Lyrik sind,
                    darf offen bleiben. Auf diese Weise kann auch eine Anschlussfähigkeit für andere
                    Gattungen gewährleistet werden.<note xml:id="endnote_14"><p> Zu spezifisch
                            lyriktheoretischen Fragen in Bezug auf Videos <ref type="bibl"
                                target="#Klimek2021">vgl. Klimek 2021</ref> und auf Performances
                                <ref type="bibl" target="#Bers2021">Bers 2020</ref> und <ref
                                type="bibl" target="#Bers2017">Bers/Trilcke
                    2017</ref>.</p></note></p>
                <p>Die flüchtige Ereignishaftigkeit der Stimme wird im Video stillgestellt, weshalb
                    (1) Parameter der Konservierung berücksichtigt werden müssen. Aus dem
                    Aufführungscharakter in Ko-Präsenz wird ein (2) gesteuertes semiotisches
                    Kunstwerk der In-Szenierung. Die leiblichen Aspekte des Verkörperungscharakters
                    entfallen, der (3) Index auf einen kulturell besetzten semiotischen Körper steht
                    hier im Vordergrund. Das Subversions- und Transgressionspotenzial der Stimme im
                    Hier und Jetzt geht ebenfalls verloren; was jedoch bleibt, ist ein spezifisches
                    (4) sinnliches Erlebnis über die Kanäle Hören und Sehen. Die Intersubjektivität,
                    also das Potenzial, sozial zu verbinden und zu trennen, entfaltet sich im Video
                    zeitlich versetzt und dient Zwecken wie PR auf Produktionsseite und der
                    (angenommenen) Annäherung an den*die Autor*in auf der Seite der Rezeption. Das
                    Internet verfügt jedoch über eigene Wege des (5) Feedbacks und des Community
                    Building etwa durch Kommentarspalten, Hashtags, Bewertungsmechanismen etc.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_08">
                <head>4. Zu den Beispielen</head>
                <p>Zwei Videos sollen im Folgenden nach den erarbeiteten Kriterien ausgewertet
                    werden. Dabei geht es nicht um eine auch nur annähernd vollständige Beschreibung
                    der Kunstwerke, sondern um eine explorative Anwendung der bisher
                    ausdifferenzierten Konzepte. Allein die Analyse der stimmlichen Parameter ist so
                    komplex, dass eine eigene Disziplin, die Sprechwissenschaft, hier mit ihren
                    analytischen Instrumentarien zu Rate zu ziehen wäre. Die Kunstwerke wurden
                    überdies zu diesem Zweck, der Erkundung des Online-Lesungsvideos, so ausgewählt,
                    dass sie in relevanten Grundeigenschaften möglichst unterschiedlich sind, um so
                    exemplarische Charakteristika des Mediums diskutieren zu können: Einerseits wird
                    ein Auftritt von Cia Rinne beim chilenischen Festival de Poesía y Música aus dem
                    Jahr 2018 betrachtet (<ref type="bibl" target="#Rinne2018">Rinne 2018</ref>).
                    Hier steht eine Autorin auf der Bühne, die keine technischen Hilfsmittel benutzt
                    und allein mit ihrer Stimme ein 19-minütiges Programm aufführt. Dieser Film
                    steht für das Online-Lesungsvideo vor der Covid-19-Pandemie. Als solcher ist er
                    auch dadurch charakterisiert, dass er ein sekundäres Produkt gegenüber einem
                    (hier: performativen) Vorgänger-Kunstwerk ist.</p>
                <p>Andererseits soll Dirk Hülstrunks Video mit dem Titel <hi rend="italic">Die
                        Stimme stimmt nicht mehr</hi> untersucht werden (<ref type="bibl"
                        target="#Hülstrunk2020">Hülstrunk 2020</ref>), das im April 2020 auf dem
                    YouTube-Kanal des Autors hochgeladen wurde. Der Aufführungsort ist der
                    Frankfurter Frisörsalon Schlitz, der ab Sommer 2020 auch für das Podcastformat
                        <hi rend="italic">Wortsalon Schlitz</hi> (<ref type="bibl"
                        target="#Wortsalon2020">vgl. Wortsalon Schlitz 2020</ref>) namensgebend
                    wurde. Hülstrunk ist ein etablierter Performance-Poet und nutzt im Video ein
                    technisches Mittel der Vervielfachung seiner eigenen Stimme, eine
                    Loopstation.</p>
                <p>Es stehen sich also eine Autorin und ein Autor, eine Performancesequenz und eine
                    Einzeltextaufführung, ein sekundäres und ein primäres Produkt, ein Festival mit
                    Publikum und eine Solo-Aufzeichnung, ein einstimmiges und ein mehrstimmiges
                    sowie ein Kunstwerk aus der Zeit vor der Pandemie und eines aus der sogenannten
                        <q rend="single-qm">ersten Welle</q> im Jahr 2020 gegenüber.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_09">
                <p>
                    <hi rend="italic">Parameter der Konservierung von Stimme</hi>
                </p>
                <p>Online-Lesungsvideos büßen den Ereignischarakter einer als Aufführung
                    konzeptionalisierten Lesung ein. Das Format konserviert visuelle und akustische
                    Codes im zweidimensionalen Medium. Dabei nimmt es zusätzlich Rahmungen in
                    Anspruch, die Videoplattformen bieten: Cia Rinnes Auftritt beim Festival de
                    Poesía y Música wird vom YouTube-Account der Veranstaltung zur Verfügung
                    gestellt, der den Festivalcharakter durch eine Verlinkungsstruktur mehrerer
                    Performances aus verschiedenen Jahren digital adaptiert und sogar erweitert.
                    Rinnes Auftritt ist so Teil eines größeren Ganzen, das die Autorin als Person in
                    den Hintergrund rückt. Auch das Corporate-Design und der deutlich ausgestellte
                    gestalterische Einfluss auf das Videokunstwerk tragen zu diesem Eindruck
                    bei.</p>
                <p>Hülstrunks Beitrag wird dagegen auf dessen eigenem und erkennbar auf reale
                    Identifikation angelegtem<note xml:id="endnote_15"><p> Diese Tatsache ist für
                            die Ästhetik von YouTube-Artefakten nicht trivial: YouTube erlaubt und
                            fördert eine Ästhetik, die Pseudonymität, Anonymität und Authentizität
                            erst aushandelt. Hülstrunk setzt aber ganz auf eine ungebrochene
                            Identifikation von Video-Produzent und Urheber der Kunst und realer
                            Person. <ref type="bibl" target="#Cseke2018">Vgl. Cseke 2018:
                            20</ref>.</p></note> Kanal zur Verfügung gestellt, sodass die
                    Autorfunktion hier durchaus formal bedient wird. Die beschriebene
                    Herausforderung für Autor*innen, online zugleich persönlich präsent zu sein und
                    dennoch die Fiktion vom Primat und der Autonomie des Kunstwerks zu bedienen,
                    bewältigt Hülstrunk, indem der Film eine eher behelfsmäßige technisch-formale
                    Ästhetik ausstellt und den Körper auf komisch wirkende Weise verhüllt. Dadurch
                    wird deutlich, dass sich dieser Autor zwar zeigt, aber gleichzeitig nicht allzu
                    ernst nimmt. Den Anspruch ernstgenommen zu werden, so zeigt sich, erhebt dagegen
                    einzig das performte Gedicht – nicht der Film, nicht die Plattform, nicht der
                    Performer.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_10">
                <p>
                    <hi rend="italic">Gesteuertes semiotisches Kunstwerk der In-Szenierung</hi>
                </p>
                <p>Die situativen, einmaligen und ephemeren Effekte der Aufführung werden im
                    Online-Lesungsvideo sozusagen eingefroren und verlieren ihre unberechenbare
                    Eigendynamik. Das Format erlaubt dagegen eine gesteuerte semiotische
                    Inszenierung durch die Künstler*innen. So entsteht ein doppeltes Codesystem, das
                    die Logik der (konservierten) Performance und die Logik eines Videokunstwerks
                    kombiniert. Im Fall von Rinnes Performance gehen die filmischen Entscheidungen
                    vermutlich (auch und vor allem) auf die Festivalveranstaltenden zurück, die
                    besonders viel Energie in eine hochwertige Aufbereitung des Auftritts legen. Die
                    Steuerung von Stimme, Gestik, Mimik, Kleidung etc., die auf die Autorin
                    verweisen, sind hier überlagert durch filmkünstlerische Entscheidungen wie die
                    dominant wirkende monochrome Wiedergabe des Auftritts, eine Vielzahl von
                    Kameraperspektiven und Überblendungseffekte (s. Abb. 1). Aus einer einmaligen
                    körperzentrierten Performance wird so ein Filmkunstwerk, das wiederholbar ist
                    und durch seine schwarz-weiße Artifizialität Überzeitlichkeit und Distanz
                    zwischen Rezeption und Kunstwerk, aber insbesondere zwischen Rezeption und
                    Autorin signalisiert.

                <figure xml:id="wdr03_02-04_Abb_01">
                    <graphic url="wdr03_02-04_Abb_01.jpg" width="396px" height="290px"/>
                    <head type="legend">DIY-Ästhetik bei Hülstrunk, Screenshot. Foto: Anna
                        Bers (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)</head>
                </figure></p>

                <p>Auch Hülstrunks Video unterliegt einer doppelten Inszenierungsstrategie. Die
                    Aufführung wird durch ein einziges Requisit, die Trockenhaube, als
                    künstlerischer, quasi-theatraler Akt markiert. Gleichzeitig entsteht in einem
                    Alltagsraum (ein Frisörsalon)<note xml:id="endnote_16"><p> Ob es im April 2020
                            schon absehbar war, welche entscheidende Rolle Friseurbetriebe im
                            Pandemie-Diskurs spielen würden, muss offen bleiben. Sicher ist jedoch,
                            dass ausgerechnet die Umfunktionierung eines Geschäfts dieser Branche
                            und das Verschwinden von Mimik und Augenkontakt unter einer Trockenhaube
                            sich rückblickend als besonders passendes Bild für die von Marquardt
                                (<ref type="bibl" target="#Marquardt2021">Marquardt 2021</ref>)
                            beschriebenen fehlenden sozialen Aspekte von Lesungen entpuppt. Ebenso
                            wie geschlossene Friseursalons Menschen – wie Markus Söder es im Februar
                            2021 behauptet (<ref type="bibl" target="#Söder2021">Söder 2021:
                                0:42</ref>) – ihre Würde zu erhalten vermögen und zugleich soziale
                            Orte sind, so ist auch das gesellschaftliche Ritual der
                            Literaturveranstaltung maßgeblich auf Kontakt, Interaktion und das
                            Verlassen einer technischen Isolationsglocke angewiesen und erfüllt für
                            die Teilnehmenden wertvolle soziale Funktionen. </p></note> eine
                    verfremdende Kulisse. Gegen diese verfremdenden Markierungen von künstlerischem
                    Schaffen arbeitet bei Hülstrunk eine dominante Do-it-yourself-Ästhetik: Die
                    Froschperspektive, die autoreferentielle Spiegelung des Laptops in der Haube,
                    diffuse dreieckige Bildflächen (Wimpel an der Wand oder Lichtreflexe, vgl.
                    Abbildung) zeigen, dass der Künstler bei der Produktion des Videos selbst und
                    vor allem allein tätig war.<note xml:id="endnote_17"><p>
                            <quote source="#ref_Burgess2018-129a">The <q rend="single-qm">vlog</q>
                                (short for videoblog) genre is one of YouTube’s most central
                                cultural forms […]. […] In their most basic form, typically
                                structured primarily around a monologue delivered directly to
                                camera, vlogs were often produced with little more than a webcam and
                                some witty editing</quote> (<ref xml:id="ref_Burgess2018-129a"
                                type="bibl" target="#Burgess2018">Burgess/Green 2018:
                            129</ref>).</p></note> Analog zur angebotenen Autorfunktion, die sich
                    selbst nicht allzu ernst nimmt, bietet der Film also eine gelungene
                    Performance-Ästhetik an, um sie dann filmisch zu brechen. Diese Spannung
                    unterstreicht, dass im Distanzmedium Film die distinktive Ästhetik der
                    Aufführung und die spezifischen Effekte des Performativen unmöglich sind.
                    Aufgrund der Pandemie ist dieser mediale Weg der technischen Konservierung von
                    nicht Konservierbarem allerdings der einzig mögliche.
                <figure xml:id="wdr03_02-04_Abb_02">
                    <graphic url="wdr03_02-04_Abb_02.jpg" width="396px" height="290px"/>
                    <head type="legend">Filmische Kunstgriffe bei Rinne, Screenshot. Foto:
                        Anna Bers (mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin)</head>
                </figure></p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_11">
                <p>
                    <hi rend="italic">Index auf einen kulturell besetzten semiotischen Körper</hi>
                </p>
                <p>Im Video gehen alle leiblichen Präsenzeffekte von Körpern, die mit Körpern
                    interagieren, verloren. Was bleibt, ist ein inszenierter und kulturell besetzter
                    Körper im Film. Cia Rinne reduziert in ihrer Aufführung möglichst viele Hinweise
                    auf soziale Kategorien wie race, age, class und gender: Minimalistische
                    Kleidung, eine strenge (je nach Kamerawinkel sogar androgyne) Frisur, kein
                    sichtbares Makeup, wenige Gesten und eine extrem reduzierte Mimik machen Rinne
                    zum beinahe alters-, geschlechts-, vor allem aber sprachlich herkunftslosen
                    Medium ihrer universalistischen Botschaft. Sie trachtet danach, alle Sprachen
                    akzentfrei zu artikulieren:<note xml:id="endnote_18"><p> Als gut greifbares
                            Beispiel sei auf die verschiedenen Artikulationsweisen des Lexems <q
                                rend="single-qm">r</q> hingewiesen, die Rinne phonetisch der
                            jeweiligen Sprachnorm entsprechend anpasst: das französische
                            stimmhaft-uvulare [<hi rend="ipa">ʁ] (<quote
                                    source="#ref_Rinne2018-5-48">désire</quote>, <ref
                                    xml:id="ref_Rinne2018-5-48" type="bibl" target="#Rinne2018"
                                    >Rinne 2018: 5:48</ref>)</hi>, das englische postalveolare [ɹ]
                                (<quote source="#ref_Rinne2018-0-44">tomorrow</quote>, <ref
                                xml:id="ref_Rinne2018-0-44" type="bibl" target="#Rinne2018">ebd.:
                                0:44</ref>), das uvulare [ʀ] (<quote source="#ref_Rinne2018-8-28"
                                >warum</quote>, <ref xml:id="ref_Rinne2018-8-28" type="bibl"
                                target="#Rinne2018">ebd.: 8:28</ref>) sowie den Schwa-Auslaut [ɐ]
                                (<quote source="#ref_Rinne2018-8-29">Butter</quote>, <ref
                                xml:id="ref_Rinne2018-8-29" type="bibl" target="#Rinne2018">ebd.:
                                8:29</ref>) des Deutschen sowie das alveolare [r] des Spanischen und
                            Italienischen (<quote source="#ref_Rinne2018-15-29">palabras</quote>,
                                <ref xml:id="ref_Rinne2018-15-29" type="bibl" target="#Rinne2018"
                                >ebd.: 15:29</ref>).</p></note> Nicht die Person Cia Rinne mit ihrer
                    Geschichte des Spracherwerbs spricht hier, sondern eine vielschichtige Lyrik jenseits von
                    Nationalsprachen, die auf Klangerfahrungen beruht.</p>
                <p>Hülstrunk reduziert ebenfalls Hinweise auf die Leiblichkeit seiner Performance,
                    indem er den sichtbaren Zeichenkörper auf einen winzigen Ausschnitt, den Mund,
                    beschränkt. Diese starke Verfremdung fokussiert das einzige von außen sichtbare
                    Organ der Stimmbildung, um das es in <hi rend="italic">Die Stimme stimmt nicht
                        mehr</hi> geht. Gleichzeitig ergänzt Hülstrunk in spannungsreicher Weise die
                    Loopmaschinen-Effekte: Obgleich es sich um dieselbe Stimme handelt, wie
                    zumindest zu Beginn noch deutlich ist, haben die Loop-Artikulationen keinen
                    erkennbaren Ursprung im Bild. Aus diesem Grund tritt die Trockenhaube an die
                    Stelle einer kausalen Ursache. Die technische Stimme außerhalb des Bildes
                    verweist auf die technische Apparatur im Bild.</p>
                <p>Nach ungefähr zwei Dritteln der Darbietung entsteht ein Moment, in dem allein die
                    Loopmaschinenstimme zu hören ist und die Lippen des Autors für einen kurzen
                    Augenblick geschlossen bleiben (<ref type="bibl" target="#Hülstrunk2020"
                        >Hülstrunk 2020: 1:06–1:08</ref>). Hier übernimmt die Maschine, und Stimme
                    und Körper werden tatsächlich voneinander getrennt. Das Gedicht vollzieht die
                    Trennung von Leib und Kunstwerk durch technische Medien nach, die im Video
                    ebenfalls geschieht. Im Anschluss an diesen kurzen Moment verlaufen sich die
                    Stimm-Ebenen in ein immer diffuser werdendes Zischen, sodass <q rend="single-qm"
                        >Original</q> und <q rend="single-qm">Aufnahme</q> nicht mehr zu trennen
                    sind und die Lippensynchronizität bis zur kontrastiven, finalen und durch ihre
                    kehlige Artikulation besonders körperlichen Exklamation <quote
                        source="#ref_Hülstrunk2020-1-45">Die Stimme stimmt nicht mehr</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Hülstrunk2020-1-45" type="bibl" target="#Hülstrunk2020">ebd.:
                        1:45</ref>) aufgehoben bleibt.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_12">
                <p>
                    <hi rend="italic">Sinnliches Erlebnis über die Kanäle Hören und Sehen</hi>
                </p>
                <p>Ebenso wie eine Performance erlaubt auch ein Video sinnliche Erfahrungen. Bei Cia
                    Rinne erzeugt die visuelle Gestaltung den Eindruck eines ästhetisierten
                        Minimalismus.<note xml:id="endnote_19"><p> Vgl. zu dieser Tendenz auch ihren
                            gedruckten Gedichtband <hi rend="italic">L’usage du mot</hi> (deutsche
                            Version bei <hi rend="italic">kookbooks</hi>), dessen Umschlag nicht nur
                            minimalistisch gestaltet ist, sondern anstelle eines Klappentexts auch
                            die Aufschrift: <quote source="#ref_Rinne2017">HERE IT COMES:
                                MINIMALISM. THERE IT WENT</quote> trägt (<ref xml:id="ref_Rinne2017"
                                type="bibl" target="#Rinne2017">Rinne 2017</ref>).</p></note> Nicht
                    nur die schwarz-weiße Kolorierung, auch die klaren Linien im Bild, seltene
                    Schnitte und eine nur spärliche Integration des gefilmten Publikums sorgen für
                    eine ruhige Strenge der Optik. Auch die Köperperformance von Rinne nimmt sich –
                    wie gezeigt wurde – maximal zurück. Dadurch steht die Stimme im Vordergrund. Sie
                    kann durch eine (mutmaßlich) professionell abgestimmte Aufzeichnungstechnik
                    vollkommen ungestört wiedergegeben werden. Die Interaktion von Stimmen im Raum
                    ist – falls vorhanden – nicht hörbar.</p>
                <p>Als Klangkunstwerke funktionieren Rinnes Kunstwerke auch dann, wenn man die
                    jeweilige Sprache und die Semantik der Wörter nicht versteht. Um dies zu
                    erreichen, nutzt Rinne nicht nur strukturelle Wiederholungen, Korrespondenzen
                    und Kontraste des Materials, sondern auch Parameter wie etwa verschiedene
                    Stimmlagen. So spricht sie Französisch am höchsten, Deutsch in einer mittleren
                    Lage und Italienisch und Spanisch relativ tief, zusätzlich variiert sie das
                    Tempo (<ref type="bibl" target="#Rinne2018">vgl. Rinne 2018: 7:02 oder
                        7:55</ref>). Rinnes Inszenierung setzt dabei gleichzeitig auf Kontrolle der
                        <quote source="#ref_Kolesch2006-11c">unkontrollierbaren Eigendynamik</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Kolesch2006-11c" type="bibl" target="#Kolesch2006"
                        >Kolesch/Krämer 2006: 11</ref>) der Stimme. Versprecher, Stolpern, Stottern
                    sind nicht vorgesehen. Beim Text <hi rend="italic">miss trau</hi>, dessen
                    Struktur in der Aneinanderreihung von Komposita mit der Vorsilbe <q
                        rend="single-qm">miss</q> besteht, und in dessen Vortrag jeweils ein noch
                    kürzeres Wort in einem temporeichen Stakkato dem vorhergehenden folgt, lässt
                    sich ein minimales Stolpern feststellen (<ref type="bibl" target="#Rinne2018"
                        >Rinne 2018: 7:54</ref>). Angesichts der disziplinierten und
                    minimalistischen Inszenierung wirkt dieser Fehler besonders stark. Er lässt
                    Rinnes glatte Ästhetik des möglichst ganz ausgeblendeten Situativen für
                    Sekundenbruchteile plötzlich zutage treten und wieder verschwinden. In diesem
                    Moment ist die Künstlerin präsent wie in keinem anderen. Die Dominanz der zur
                    Universalsprache gewordenen Lyrik-Stimme wird kurzzeitig gebrochen.</p>
                <p>Hülstrunks DIY-Ästhetik verschleiert nicht, dass die visuelle Aufzeichnung
                    unzureichend ist, sie stellt vielmehr aus, dass hier eine improvisierte
                    Aufzeichnung stattfindet. Der Ton dagegen unterliegt – wie bei Rinne – keinen
                    Störungen. Die verzerrenden Effekte, die durch die sich überlagernden
                    Loop-Ebenen entstehen, sind Teil des Kunstwerks. Die Störung der Stimme durch
                    ihre technische Wiederholung ist gewünscht. Die sinnliche Erfahrung, die der*die
                    Zuschauer*in machen kann, verweist auf die Abwesenheit einer <q rend="single-qm"
                        >stimmigen</q> Stimme durch die Isolation des Künstlers.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_13">
                <p>
                    <hi rend="italic">Feedback und Community Building</hi>
                </p>
                <p>Das Potenzial zu intersubjektiver Vergemeinschaftung, das die Stimme besitzt,
                    wird im Online-Lesungsvideo nicht durch die Interaktion zweier Stimmen genutzt.
                    Dennoch entstehen in diesem Medium potenziell sowohl stimmliche Effekte des
                    Community Building als auch soziale Interaktionen jenseits der Stimme. Während
                    also die Performance nur die Vergangenheit des Videos ist, kann seine Einbettung
                    auf einer sozial organisierten Videoplattform gleichzeitig zu neuer
                    performativer Interaktion führen.</p>
                <p>Wie gezeigt wurde, zielt Rinnes Strategie maßgeblich darauf ab, die Stimme nicht
                    als soziales Vehikel eines Menschen unter Menschen zu inszenieren, sondern als
                    universelles, beinahe steriles Medium der Klangkunst. Die im Video
                    festgehaltenen Reaktionen des Publikums lassen sich nicht eindeutig
                    interpretieren (handelt es sich um regungslos-konzentriertes Zuhören oder um
                    Apathie), allerdings wird deutlich, dass die Zuhörenden keinen gestischen oder
                    mimischen Kontakt zur Autorin aufnehmen. Rinne spricht (auch aufgrund ihrer
                    Position im Raum) buchstäblich über die Köpfe des Publikums hinweg und eine
                    Interaktion findet oberflächlich gesehen nicht statt. Gleichzeitig gibt es in
                    der Performance keine Ko-Präsenz ohne soziale Handlungen. Die neutrale und
                    schwer zugängliche Haltung des Publikums zeigt also, dass auch in der konkreten
                    Aufführung die Autorin nicht als das Ziel der sozialen Auseinandersetzung
                    zwischen Subjekten wahrgenommen, sondern – einer in der Performance unmöglichen
                    Trennung von Autor*in und Werk Vorschub leistend – vor allem das Kunstwerk rezipiert wird. Wie
                    gezeigt wurde, verstärkt die <q rend="single-qm">Video-Aufmachung</q> diese
                    Tendenz noch. Die Person Cia Rinne verschwindet ganz hinter der Artifizialität
                    des Films. Dennoch kann – und dies mag sowohl für die Veranstaltenden als auch
                    für die Autorin attraktiv sein – durch die Architektur des Portals YouTube eine
                    besondere Communitystruktur genutzt werden. So kommentiert der User <q
                        rend="double-qm">Zenon Marco</q> den Film mit der Bewertung <quote
                        source="#ref_Rinne2018">Fantastic …</quote> (<ref xml:id="ref_Rinne2018"
                        type="bibl" target="#Rinne2018">vgl. Kommentarspalte zu Rinne 2018</ref>)
                    und fünf Besucher*innen geben dem Film eine positive Bewertung per
                    Daumen-Button. Allerdings (ohne bei diesen geringen Zahlen, die sich ggf.
                    schnell ändern können, zu starke Deutungen anbringen zu wollen) scheint das
                    Video – ganz wie die Performance – in quantitativer Hinsicht nicht gerade
                    interaktionsfördernd zu sein. Während Rinnes Film nämlich sechs Reaktionen (fünf
                    positive, eine negative) auf knapp 500 Views verzeichnen kann, sind es bei
                    Hülstrunk vier positive Rückmeldungen per Klick auf nur 38 Besucher*innen (Stand
                    März 2021). Diese Tatsache dürfte der YouTube-typischen DIY-Ästhetik und der
                    Platzierung im Kanal des Autors geschuldet sein. Hier wird deutlich, dass ein
                    konkretes Subjekt als Urheber in Erscheinung treten und seine Kunst intendiert
                    und niedrigschwellig zur Disposition stellen will. Hülstrunk macht sich nahbar
                    und bedient (wenn auch selbstironisch) die Autorfunktion. Das Scheitern der
                    Stimme durch die konservierte und damit um ihre intersubjektiven Aspekte
                    beraubte Performance ist Thema des Films. Dass Kontakt aber online auch auf
                    nicht-körperlichen und nicht-stimmlichen Wegen möglich ist, zeigt zugleich die
                    Einbettung in das Portal und seine interaktive Kommunikationsarchitektur.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-04_14">
                <head>5. Fazit</head>
                <p>Cia Rinnes Kunst führt vor, auf welchem Weg eine universell zugängliche
                    Klang-Lyrik möglich ist, die die Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten von
                    Sprachen nutzt, um die Limitationen einer an eine bestimmte Sprache gebundenen
                    Lyrik zu überwinden. Diese Ästhetik wird durch verschiedene Strategien
                    unterstützt: Rinnes Körper als Zeichenträger tritt in den Hintergrund, eine
                    Interaktion zwischen der Autorin und dem Publikum wird nicht angeboten, sodass
                    das Kunstwerk möglichst von einmaligen und sozialen Effekten frei sein
                    universalistisches Potenzial entfalten kann. Rinnes Klang-Kunst braucht die
                    Stimme, verneint aber leibliche und situativ-ereignishafte Effekte derselben.
                    Die Strategien der Video-Produzent*innen stützen die genannten Effekte: Cia
                    Rinnes eigenem programmatischen Minimalismus entspricht eine sterile und hoch
                    artifizielle Filmregie in schwarz und weiß. Dass diese universalistisch-autonome
                    Botschaft auf YouTube einen passenden Ort gefunden hat, ist kein Zufall. Das
                    Portal gewährleistet Community ohne Ko-Präsenz und beheimatet das vom*von der
                    Urheber*in getrennte Kunstwerk. Rinnes Lyrik hat einen Auftritt auf einem
                    internationalen Festival, dessen interaktiver Charakter auf dem
                    Veranstaltungskanal reproduziert wird, ohne dass die Autorin handeln müsste.
                    Youtube <quote source="#ref_Burgess2018-129b">remains a potential enabler and
                        amplifier of cosmopolitan cultural citizenship</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Burgess2018-129b" type="bibl" target="#Burgess2018"
                        >Burgess/Green 2018: 129</ref>) und Rinnes Kunst ist Ausdruck und Förderin
                    solcher kulturellen Zusammenkünfte zugleich.</p>
                <p>Hülstrunk bedient bestimmte Strategien performativer Kunst, um dann deren
                    Scheitern im Video zu inszenieren. Der Film ist Ausdruck dessen, was der Titel
                    des Textes – insbesondere vor dem Hintergrund der Pandemieerfahrung – behauptet:
                        <q rend="single-qm">Die Stimme stimmt nicht mehr.</q> Er bietet eine
                    Auseinandersetzung mit seiner Person an, indem er den Film auf seinem eigenen
                    Kanal hochlädt, versteckt sich und seine Körperlichkeit sodann aber unter der
                    Trockenhaube. Die Gratwanderung, die Autonomie des Kunstwerks bei gleichzeitiger
                    Selbstinszenierung des Autors zu wahren, gelingt. Hülstrunk bedient durch die
                    improvisiert wirkende Machart des Videos die typische Ästhetik eines
                    interaktiven Videoportals, das zum Mitmachen aufruft und in dem ein Artefakt vor
                    allem durch die Klicks, Kommentare und Verlinkungen von Zuschauenden zu dem
                    wird, was es ist. So überträgt er die fehlende soziale Dimension aus
                    entfallenden Lesungen auf das Online-Lesungsvideo.</p>
                <p>Das Online-Lesungsvideo kann also Angebote zur Interaktion machen und verweigern,
                    Autor*innen oder Texte fokussieren, selbstironisch und metakommentierend sein,
                    aber auch autonome Klang-Kunstwerke produzieren. Und: Es ist, wie Hülstrunk
                    zeigt, in der Pandemie unverzichtbar.</p>
            </div>
        </body>
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                        (Hg.): Phänomene des Performativen in der Lyrik. Systematische Entwürfe und
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