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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">,Stimme‘ und ‚Dur und Moll‘ *</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Intermedialität und Gender bei Mascha Kaléko</title>

                <author>
                    <name>
                        <forename>Anna Maria</forename>
                        <surname>Olivari</surname>
                    </name>
                    <affiliation>TU Dortmund</affiliation>
                    <email>anna.olivari@tu-dortmund.de</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-8153-1521</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-06</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Intermedialität</term>
                    <term xml:lang="de">Gender</term>
                    <term xml:lang="de">Lyrik</term>
                    <term xml:lang="de">Differenz</term>
                </keywords>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Beitrag widmet sich dem lyrischen Werk Mascha Kalékos aus intermedialer und
                    genderorientierter Perspektive. Dies erfolgt durch die kombinierte Anwendung der
                    Werkzeuge <q rend="single-qm">Stimme</q> und <q rend="single-qm">Dur und
                        Moll</q>, die aus intermedialen Markierungen in den Texten der Autorin
                    hervorgehen. Die beiden Werkzeuge ermöglichen es, Kalékos Texte im Hinblick auf
                    verschiedene Aspekte in den Blick zu nehmen, etwa Stimmen im Text, Performanz,
                    poetologisches Verständnis und spezifische Auffassung von Differenz. </p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The present article deals with Mascha Kaléko’s poetic œuvre from an intermedial
                    and gender-oriented perspective. With this goal the tools <q rend="single-qm"
                        >Stimme</q> (voice) and <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> (major and
                    minor), which result from intermedial markings in the texts of this author, are
                    combined in the analysis. The applied tools allow an analysis of Kaléko’s poems
                    on many points of view, e.g. textual voices, performance, poetological
                    understanding, and specific view on diversity.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_02-06_01">
                <p>Es scheint keine Begründung notwendig, das Werk Mascha Kalékos aus Sicht der
                    musikliterarischen Intermedialität zu erforschen. Bereits ein erster, schneller
                    Blick, der sich lediglich auf paratextuelle Elemente wie beispielsweise die
                    Titel konzentriert, zeigt eine Vielzahl intermedialer Referenzen: So heißt eine
                    Gedichtsammlung <title>Verse in Dur und Moll</title> (<ref type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a: 293</ref>), Gedichte nennen sich etwa
                        <title>Solo für Frauenstimme</title> (<ref type="bibl" target="#kaléko2012a"
                        >ebd.: 199</ref>), <title>Liebe, da capo …</title> (<ref type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">ebd.: 83</ref>) und <title>Meditation eines
                        Hof-Sängers</title> (<ref type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.: 25</ref>).
                    An den Beispielen werden intermediale Markierungen erkennbar, die mit Irina
                    Rajewsky (<ref type="bibl" target="#rajewsky2002">vgl. Rajewsky 2002:
                        111–113</ref>) zu einer näheren Analyse anregen sollten. Neben Gedichten für
                    Erwachsene und Kinder veröffentlichte Kaléko auch Werbetexte für <quote
                        source="#ref_kaléko2012c-213">die Hauszeitschrift der Deutschen Grammophon
                        Gesellschaft</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012c-213" type="bibl"
                        target="#kaléko2012c">Kaléko 2012c: 213</ref>; <ref
                        xml:id="ref_kaléko2012c-471-527" target="#kaléko2012c">vgl. Kaléko 2012a:
                        471–527</ref>). Möchte man ein solches Unterfangen zudem aus einem
                    biografischen Blickwinkel heraus begründen, so könnte man sich beispielsweise
                    nicht nur auf die vorher erwähnten Werbetexte, sondern etwa auch auf Kalékos
                    Werke für das Kabarett berufen sowie auf das lange Eheverhältnis zu Chemjo
                    Vinaver, einem Komponisten und Erforscher vor allem von jüdisch-chassidischer
                    Musik (<ref type="bibl" target="#Fetthauer2010">vgl. Fetthauer 2010</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#patzsievers2014">Patz 2014</ref>). Auch heben viele
                    Rezensionen über Kalékos Werke die Musikalität ihres Schreibens hervor und
                    sprechen z.B. vom <quote source="#ref_kaléko2012c-113">femininen
                        Rhythmus</quote> (<ref type="bibl" target="#kaléko2012c">zit. in Kaléko
                        2012c: 113</ref>) oder von <quote source="#ref_pinthus1958">knappe[r]
                        heiter-melancholische[r] Wortmusik</quote> (<ref xml:id="ref_pinthus1958"
                        type="bibl" target="#pinthus1958">Pinthus 1958</ref>).</p>
                <p>Dennoch sind bis auf sehr wenige Ausnahmen (<ref type="bibl"
                        target="#petelin2013">vgl. Petelin 2013</ref>) bisher kaum
                    Forschungsbeiträge, die Kalékos Texte einer musikliterarischen Analyse
                    unterziehen, erschienen. Noch 2018 kritisiert Meyer die marginale Rezeption
                    Kalékos vonseiten der Literaturwissenschaft, oft aufgrund einer vermeintlichen
                    Einfachheit der Texte, die eine Interpretation für unnötig erscheinen lasse
                        (<ref type="bibl" target="#meyer2018">vgl. Meyer 2018: 12 u. 19</ref>). Im
                    Rahmen dieses Beitrags ist es nicht möglich, sich den vielen intermedialen
                    Referenzen in den Texten der Dichterin in dem Maße zu widmen, wie es
                    wünschenswert wäre. Jedoch nimmt sich der vorliegende Beitrag der
                    Forschungslücke anhand der beiden Analysewerkzeuge <q rend="single-qm"
                        >Stimme</q> und <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> exemplarisch an. Die
                    beiden Begriffe ermöglichen einerseits eine Analyse von Kalékos lyrischem Œuvre
                    im Hinblick auf die Stimmen im Text sowie auf ihre Performanz und andererseits
                    eine Rekonstruktion ihres poetologischen Verständnisses sowie ihrer
                    gesellschaftskritischen Dimension, speziell in Bezug auf Geschlechterdifferenz.
                    Hierzu greift der Beitrag auf die Ausführungen von Hélène Cixous zu Stimme und
                    Gesang zurück (<ref type="bibl" target="#cixous1980">vgl. Cixous 1980</ref>).
                    Gerade die Musik verstärkt die Thematisierung von Geschlechterdifferenz und
                    lässt sich außerhalb von binären Denkschemata begreifen. Ein intermedialer und
                    genderorientierter Gesamtblick auf Kalékos lyrisches Werk soll demnach eine
                    Neulektüre der Werke der Dichterin offerieren. Durch die Bezüge zur Musik im
                    Text und Paratext, speziell zu <q rend="single-qm">Stimme</q> und <q
                        rend="single-qm">Dur und Moll</q>– so lautet die These des vorliegenden
                    Artikels –, werden Hinweise auf die Performanz und auf das poetologische
                    Verständnis vieler Gedichte gegeben.<note xml:id="endnote_01"><p>Zu den Effekten
                            von Intermedialität <ref type="bibl" target="#gess2010">vgl. Gess 2010:
                                insb. 141, 152 u. 156–158</ref>; <ref type="bibl"
                                target="#olivari2021">Olivari 2021: 19f.</ref></p></note>
                </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-06_02">
                <head>1. Stimme</head>
                <p>Mascha Kalékos lyrische Texte wurden oft vertont oder vorgelesen, Letzteres auch
                    von der Autorin selbst (<ref type="bibl" target="#meyer2018">vgl. Meyer 2018:
                        81–84 u. 408f.</ref>). Diesbezüglich ist in manchen Fällen die Rede von
                    primärer Intermedialität (vgl. <ref type="bibl" target="#wolf2013">Wolf 2013:
                        345</ref>) wohl möglich, da Kaléko einige Texte speziell zum Vertonen
                    schrieb und infolgedessen mit Musiker*innen zusammenarbeitete (<ref type="bibl"
                        target="#meyer2018">vgl. Meyer 2018: 81f.</ref>). All dies scheint bereits
                    für eine <quote source="#ref_burdorf2015-21">Sangbarkeit</quote> (<ref
                        xml:id="ref_burdorf2015-21a" type="bibl" target="#Burdorf2015">Burdorf 2015:
                        21</ref>) ihrer Texte zu sprechen. In diesem Beitrag soll der Fokus jedoch
                    nicht auf den intermedialen Transpositionen von Kalékos Werken liegen. Vielmehr
                    soll das Potenzial der Texte selber berücksichtigt werden, also das, was im Text
                    und Paratext bereits eine gewisse Sangbarkeit sowie einen <quote
                        source="#ref_burdorf2015-22">liedartige[n] Charakter</quote> (<ref
                        xml:id="ref_burdorf2015-21b" type="bibl" target="#burdorf2015">ebd.</ref>)
                    belegt. Unter dieser Prämisse soll eine kursorische, transdisziplinäre
                    Gesamtanalyse der lyrischen Texte der Dichterin durchgeführt werden, die
                    Intermedialität und Lyrikanalyse kombiniert und die sich zunächst des
                    Analysewerkzeugs <q rend="single-qm">Stimme</q> bedient.</p>
                <p>Zunächst seien die Begriffe <q rend="single-qm">Stimmen im Text</q> und <q
                        rend="single-qm">Performanz</q> skizziert. Dieter Burdorf entwirft ein
                    vierstufiges Modell von Sprecher*innen und Adressat*innen <quote
                        source="#ref_burdorf2015-204">im Gedicht und im Umgang mit ihm</quote>:
                        <quote source="#ref_burdorf2015-204">Stimmen im Text</quote>, <quote
                        source="#ref_burdorf2015-204">Textstruktur</quote>, <quote
                        source="#ref_burdorf2015-204">Textproduktion</quote> und <quote
                        source="#ref_burdorf2015-204">Performanz</quote> (<ref
                        xml:id="ref_burdorf2015-204a" type="bibl" target="#burdorf2015">ebd.:
                        204</ref>). Unter <quote source="#ref_burdorf2015-204">Stimmen im
                        Text</quote> listet Burdorf einerseits das <quote
                        source="#ref_burdorf2015-204">artikulierte[] Ich (bzw. Rollen-Ich oder
                        Figuren-Ich)</quote> (<ref xml:id="ref_burdorf2015-204" type="bibl"
                        target="#burdorf2015">ebd.</ref>), was die Sprecher*inneninstanzen angeht,
                    andererseits die Adressat*innen der Sprecher*inneninstanzen auf. Die vierte
                    Ebene der Performanz umfasst den*die Sprecher*in, der*die laut Burdorf sowohl
                    der*die Autor*in oder ein*e Rezitator*in als auch ein*e Sänger*in sein kann, und
                    die Hörer*innen und Zuschauer*innen. Die grundsätzliche Nähe der Lyrik zur Musik
                    wird in diesem Modell mitberücksichtigt: Auf der Ebene der Performanz kann man
                    sich nicht nur die Frage stellen, ob ein Gedicht vorzulesen, sondern auch, ob es
                    vorzusingen ist. Infolgedessen scheint der Begriff der Stimme auf der ersten
                    Ebene des Modells, der in der Musik etwa als <q rend="single-qm"
                        >Frauenstimme</q> oder <q rend="single-qm">Sopranstimme</q> dekliniert wird,
                    besonders adäquat.</p>
                <p>Im Folgenden seien in einem ersten Schritt die Stimmen im Text in die Analyse
                    einbezogen. In einigen lyrischen Werken Kalékos wird durch <quote
                        source="#ref_rajewsky2002-82">Intermedialitätssignal[e]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_rajewsky2002-82" type="bibl" target="#rajewsky2002">Rajewsky
                        2002: 82</ref>) der Eindruck erweckt, dass das artikulierte Ich des Gedichts
                    mit einem*r Sänger*in korrespondiert. Zum Repertoire gehört beispielsweise ein
                        <quote source="#ref_kaléko2012a-25">Hof-Sänger[]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-25a" type="bibl" target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a:
                        25</ref>), der, einmal wohlhabend, nun <quote source="#ref_kaléko2012a-25"
                        >vom Fensterapplaus / Der Küchenmädchen und von den Groschen der
                        Hausbewohner</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-25b" type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">ebd.</ref>) lebt und witzigerweise <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-25">grad für Singen […] nicht begabt</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-25c" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.</ref>)
                    war. Dann ist eine <quote source="#ref_kaléko2012a-199">Frauenstimme</quote> zu
                    finden, die sich durch ein <quote source="#ref_kaléko2012a-199">Solo</quote>
                        (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-199a" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.:
                        199</ref>) an ihren Liebenden wendet. Dass es sich in diesem Fall um eine
                    Sängerin, vielleicht sogar um eine Opernsängerin handeln könnte, bestätigen –
                    außerhalb des Titels <title>Solo für Frauenstimme</title> – einige textuelle
                    Indizien, etwa der Vergleich mit den Kulissen (<quote
                        source="#ref_kaléko2012a-199">Und alle Mauern sanken wie Kulissen</quote>,
                        <ref xml:id="ref_kaléko2012a-199b" type="bibl" target="#kaléko2012a"
                        >ebd.</ref>) sowie der Vers <quote source="#ref_kaléko2012a-199c">So starb
                        ich tausend Mal</quote>, die an die vielen weiblichen Opernfiguren der
                    Musikgeschichte denken lässt, die aus Liebe starben, etwa Puccinis Tosca oder
                    Wagners Isolde. </p>
                <p>Der Vergleich mit dem Gesang wird in Kalékos Gedichten – folgt man Rajewskys
                    intermedialem analytischen Prozedere (<ref type="bibl" target="#rajewsky2002"
                        >vgl. Rajewsky 2002: z.B. 111</ref>) – von den expliziten Systemerwähnungen
                    angeregt, die somit zu einer intermedial orientierten Lektüre des Textes führen.
                    Liegt die Konzentration zunächst einmal auf paratextuellen Elementen, wäre ein
                    Beispiel dafür der Titel des vorher erwähnten Gedichts <title>Solo für
                        Frauenstimme</title>: Bereits das Wort <q rend="double-qm">Solo</q> verweist
                    auf das Medium der Musik, jedoch eher der instrumentalen (<ref type="bibl"
                        target="#fuller2001">vgl. Fuller 2001</ref>) – die Ergänzung <q
                        rend="double-qm">für Frauenstimme</q> platziert aber die Erwähnung in die
                    Sphäre der Vokalmusik. Die Sammlung selbst, in der sich das Gedicht befindet,
                    heißt <title>Lieder für Liebende</title> (<ref type="bibl" target="#kaléko2012a"
                        >Kaléko 2012a:195</ref>):<note xml:id="endnote_02">Es existieren diverse
                        Fassungen der Sammlung <title>Lieder für Liebende</title> (<ref type="bibl"
                            target="#kaléko2012c">vgl. Kaléko 2012c: 432–455</ref>): In diesem
                        Beitrag steht die erste Fassung aus dem Jahr 1945, die in den USA als
                        zweiter Teil des Werkes <title>Verse für Zeitgenossen</title> veröffentlicht
                        wurde, im Fokus (<ref type="bibl" target="#kaléko2012c">vgl. ebd.:
                        434</ref>).</note> Es wirkt so, als handele es sich um einen Liedzyklus für
                    Stimme und Instrument. Dass diese Vermutung plausibel ist, wird vom Inhalt des
                    ersten Gedichts der Sammlung <title>Weil du nicht da bist</title> unmittelbar
                    bestätigt: Nicht nur kommt dort die Vorstellungswelt des Gesangs durch Verse wie
                        <quote source="#ref_kaléko2012a-197">November singt in mir sein graues
                        Lied</quote> zum Tragen, sondern es werden auch <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-197">[v]erstaubte Noten über dem Klavier</quote>
                        (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-197" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.:
                        197</ref>) angesprochen. Die Stimme im Text, die erneut mit einer Sängerin
                    korrespondieren könnte, scheint die Musik aus Liebesgründen vernachlässigt zu
                    haben. Das erwähnte Klavier verstärkt den Vergleich mit romantischen Liedzyklen
                    für Stimme und Klavier. Auch in einem weiteren Gedicht aus der Sammlung
                        <title>Kommentar überflüssig</title> lautet der Schlussvers: <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-203">Das Lied ist aus. Die Melodie verklang</quote>
                        (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-203" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.:
                        203</ref>) und deutet so erneut auf Lieder für Stimme und instrumentale
                    Begleitung. In Kalékos Gedichten herrscht eine Simulation von Vokalmusik, die
                    dazu führt, dass man die Stimmen im Text mit singenden Stimmen, ja sogar mit
                    mehr oder weniger professionell ausgebildeten Sänger*innen in Zusammenhang
                    bringen könnte.</p>
                <p>Diese erste Feststellung ermöglicht eine Weiterführung der Analyse, und zwar in
                    Hinblick auf die Ebene der Performanz. Kalékos Gedichte lenken die akustische
                    Dimension des Textes stark. Wie zeichnet sich beispielsweise die Stimme des
                    Hof-Sängers aus, will man das im Text hervorgerufene Erlebnis, sie zu hören,
                    näher beschreiben? Wahrscheinlich als verstimmt und nicht besonders angenehm, da
                    der Sänger aus Geldnot in Höfen singt, obwohl er dafür gänzlich unbegabt ist.
                    Die Stimme von <title>Solo für Frauenstimme</title> ruft hingegen ein
                    angenehmeres <q rend="double-qm">Musikerlebnis</q> hervor, selbst wenn sie die
                    Einsamkeit einer Liebenden ausdrückt, was die intermediale Markierung <q
                        rend="double-qm">Solo</q> verstärkt. Die Simulation von Vokalmusik in
                    Kalékos lyrischen Texten bringt darüber hinaus mit sich, dass im Leser, der
                    Leserin ein Bild der möglichen Performanz der Texte entsteht. Einer singenden
                    Stimme scheint diesbezüglich nichts entgegenzustehen, selbst wenn es sich um
                    Gedichtsammlungen für Kinder wie <title>Verse für Kinder und über Tiere</title>
                        (<ref type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.: 712–731</ref>) handelt, die
                    mit einem Gedicht beginnt, das den Titel <title>Zum Einsingen</title> (<ref
                        type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.: 715</ref>) trägt: Dadurch wird die
                    Vorstellung hervorgerufen, die gesamte Sammlung sei zum Singen gedacht und das
                    erste Gedicht fungiere, vergleichbar etwa mit einer Tonleiter, als Einsingübung.
                    Gérard Genette weist auf den <quote source="#ref_genette2019-18"><hi
                            rend="italic">funktionalen</hi> Charakter</quote> von Paratexten hin
                        (<ref xml:id="ref_genette2019-18" type="bibl" target="#genette2019">Genette
                        2019: 18</ref>, Hervorh. i.O.). Gleichermaßen lassen sich auch die
                    Ergänzungen <quote source="#ref_kaléko2012a-201a">in Dur</quote> bzw. <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-201a">in Moll</quote> bei den komplementären
                    Gedichten <title>Sonett in Dur</title> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-201a"
                        type="bibl" target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a: 201</ref>) und <title>Sonett
                        in Moll</title> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-202" type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">ebd.: 202</ref>), die vorgeben, wie die Texte
                    vorzusingen sind, definieren.</p>
                <p>Abgesehen von paratextuellen Aspekten lässt sich die <quote
                        source="#ref_lubkoll2010-88">Musikalisierung der poetischen Rede</quote>
                        (<ref xml:id="ref_lubkoll2010-88" type="bibl" target="#lubkoll2010">Lubkoll
                        2010: 88</ref>) und speziell ihre Sangbarkeit bei Kaléko auch in der
                    Lyrikanalyse aufzeigen. Betrachtet man z.B. Metrum und Rhythmus, so zeichnen
                    sich Kalékos lyrische Werke durch ausgeprägte Regelmäßigkeit aus: In der
                    Sammlung <title>Lieder für Liebende</title> sind die Gedichte hauptsächlich in
                    Quartetten verfasst und werden ab und an mit einer ein- oder zweiversigen Coda
                    beschlossen. Das Reimschema bleibt in den Texten jeweils konstant. Der Inhalt
                    passt sich der Form an, was etwa in der bereits erwähnten Sammlung für Kinder,
                    näherhin im Gedicht <title>Kleines Gebet</title>, zu Wortschöpfungen wie <quote
                        source="#ref_lubkoll2010-719">abgezont</quote> (<ref
                        xml:id="ref_lubkoll2010-719" type="bibl" target="#lubkoll2010">ebd.:
                        719</ref>) führt. Auch Wiederholungen sind fester Bestandteil ihres
                    lyrischen Œuvres, so kommen die Worte <quote source="#ref_lubkoll2010-197">Weil
                        du nicht da bist</quote> (<ref xml:id="ref_lubkoll2010-197" type="bibl"
                        target="#lubkoll2010">ebd.: 197</ref>) im gleichnamigen, bereits zitierten
                    Eingangsgedicht aus <title>Lieder für Liebende</title> insgesamt sieben Mal vor.
                    Das Gedicht <title>Leierkastenwalzer</title> aus <title>Verse für Kinder und
                        über Tiere</title> weist sogar einen Refrain, <quote
                        source="#ref_lubkoll2010-720a">Hm-tata Hm-tata Hm-ta-ta-ta / Der Leiermann
                        ist da</quote> (<ref xml:id="ref_lubkoll2010-720a" type="bibl"
                        target="#lubkoll2010">ebd.: 720</ref>) auf. Die Lektüre (oder vielleicht
                    besser: das Vorsingen) des Textes gelingt, wenn man sich an dem Dreiertakt des
                    Walzers orientiert (zum Walzer <ref type="bibl" target="#flotzinger2016">vgl.
                        Flotzinger 2016</ref>). So lautet die erste Strophe:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_lubkoll2010-720b">
                        <lg>
                            <l>Horch Horch da spielt der Leiermann</l>
                            <l>Er orgelt schon im Hof nebenan</l>
                            <l>Den Walzer aus dem Alten Wien</l>
                            <l>Die Polka aus Berlin</l>
                            <l>Dann eine Oper und einen Choral</l>
                            <l>Und die Ballade vom Landwehrkanal</l></lg> (<ref
                            xml:id="ref_lubkoll2010-720b" type="bibl" target="#lubkoll2010"
                            >ebd.</ref>)</quote>
                </cit>

                <p>An obigem Beispiel lässt sich zudem erkennen, wie die Autorin versucht, anhand
                    von Metrum und Rhythmus Temposchwankungen, die für den Walzer typisch sind, für
                    die Aufführung des Textes zu suggerieren. Zäsuren sind darüber hinaus oft zu
                    finden und bewirken in der Lektüre etwa am Ende eines Gedichts ein Rallentando
                    bzw. eine längere Pause vor dem Schluss – so z.B. in <title>Sonett in
                        Moll</title>: <quote source="#ref_lubkoll2010-202">Im Traume nur siehst du
                        es glühn und funkeln. – Ich spür es wohl, wie unsre Tage dunkeln</quote>
                        (<ref xml:id="ref_lubkoll2010-202" type="bibl" target="#lubkoll2010">ebd.:
                        202</ref>). All die angesprochenen Eigenschaften von Kalékos lyrischen
                    Texten scheinen <quote source="#ref_lubkoll2010-90">dem ästhetischen Anspruch
                        […] der mnemotechnischen Bewältigung</quote> (<ref
                        xml:id="ref_lubkoll2010-90" type="bibl" target="#lubkoll2010">ebd.:
                    90</ref>), der nicht nur die Einprägsamkeit, sondern auch die Sang- und
                    Vertonbarkeit der Texte selber fördert, zu dienen.</p>
                <p>Um nun zu den eingangs vorgestellten Schritten der Analyse zurückzukehren, die
                    sich – kurz gefasst – einerseits mit den Stimmen in Kalékos Texten, andererseits
                    mit ihrer Performanz, sprich mit der Art der vortragenden Stimme, befassten,
                    ergibt sich das folgende Zwischenfazit: Die Simulation von Vokalmusik wird so
                    weit geführt, dass im Paratext und im Text oft eine Assoziation der textinternen
                    Stimmen mit Sänger*innen hervorgerufen wird. Es kommt aus intermedialer Sicht zu
                    einer Systemkontamination, nämlich zu einer <quote
                        source="#ref_rajewsky2002-133">Modifikation des kontaktnehmenden in Richtung
                        auf das kontaktgebende System</quote> (<ref xml:id="ref_rajewsky2002-133"
                        type="bibl" target="#rajewsky2002">Rajewsky 2002: 133</ref>, <ref
                        type="bibl" target="#rajewsky2002">vgl. auch 118–149</ref>). Des Weiteren
                    scheint das Vorsingen der Texte, vielleicht auch mit instrumentaler Begleitung,
                    anlässlich einer Aufführung sehr geeignet. Es sei hier ein weiterer Aspekt, der
                    zudem als Anknüpfungspunkt zum nächsten Abschnitt fungiert, erwähnt: In Kalékos
                    lyrischem Œuvre dominieren weibliche Stimmen. Der Hof-Sänger zählt zu den
                    wenigen Ausnahmen. Die Markierung des Geschlechts erfolgt sowohl paratextuell,
                    wie am bereits erwähnten Gedicht <title>Solo für Frauenstimme</title> erkennbar
                    wird, als auch durch die Sprache im Text: Beispielsweise wendet sich das
                    artikulierte Ich von <title>Sonett in Dur</title> an einen <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-201b">Liebste[n]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-201b" type="bibl" target="#kaléko2012a">Kaléko
                        2012a: 201</ref>), der in Kalékos Texten niemals zu Wort zu kommen scheint,
                    obwohl sich seine Präsenz durch rhythmisch ähnliche Geräusche, etwa <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-198">das Pochen</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-198" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.:
                        198</ref>) des Herzens oder das Verhallen seines Schrittes (<ref type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">vgl. ebd.: 200</ref>) wahrnehmen lässt. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-06_03">
                <head>2. Dur und Moll</head>
                <p>Peter Benary fasst die vielen Bedeutungen und historischen Ausprägungen von <q
                        rend="single-qm">Dur und Moll</q> folgendermaßen zusammen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_benary2016-Ia"> Dur und Moll werden in der nachantiken und
                        mittelalterlichen Terminologie bezogen auf die genera (γένη), auf Ganz- und
                        Halbton (re-mi und mi-fa), auf deren Position in Tetrachord und Hexachord,
                        auf große und kleine Terz über einem Ton oder im Quintrahmen sowie auf die
                        Tonstufen <hi rend="italic">h</hi> und <hi rend="italic">b</hi> (<hi
                            rend="italic">b durum</hi> und <hi rend="italic">b molle</hi>), später
                        auf Dreiklang, Tonleiter, Tongeschlecht und Tonalität. Dur und Moll als
                        Tongeschlechter zu bezeichnen, geht auf die antiken (diatonischen,
                        chromatischen oder enharmonischen) γένη zurück und entspricht als
                        Übersetzung des lat. genus (Gattung) der dualen oder polaren Auffassung von
                        Dur und Moll (<ref xml:id="ref_benary2016-Ia" type="bibl"
                            target="#benary2016">Benary 2016: I. Begriff, Hervorh. i.O.</ref>).
                    </quote>
                </cit>
                <p>In diesem Beitrag dient <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> als Analysewerkzeug,
                    um die Untersuchung des ersten Abschnitts weiterzuführen und dementsprechend auf
                    das poetologische Gesamtbild von Kalékos lyrischem Werk einzugehen: Welche Art
                    von Lyrik zeichnet sich durch die Gedichte aus? Inwieweit spielt Musik in diesem
                    Rahmen eine Rolle? Des Weiteren ermöglicht dieses zweite Analysewerkzeug, die
                    intermediale Lyrikanalyse mit einer genderorientierten Perspektive zu
                    kombinieren: Musik verstärkt in Kalékos lyrischem Œuvre sowohl poetologische als
                    auch genderbezogene Aspekte, vor allem rund um das Thema der
                    Geschlechterdifferenz. </p>
                <p>Um mit den poetologischen Komponenten zu beginnen, sei hier als Erstes auf das
                    Titelblatt von Kalékos Rowohlt-Erstausgabe von <title>Verse für
                        Zeitgenossen</title> (1958) hingewiesen (<ref type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">vgl. Kaléko 2012a: 221</ref>). Dort wird die Dichterin
                    als Muse mit der Lyra abgebildet, die für die Natur (in diesem Fall: zwei
                    Frösche, ein wenig Gras, ein paar Vögelchen) ihre Verse singt. Es kann jedoch
                    nicht von einem Locus amoenus im Stil Petrarcas die Rede sein: Kaléko sowie die
                    Vögelchen sitzen auf Strommasten, die ein Symbol für den technischen Fortschritt
                    und die Aktualität der Sammlung darzustellen scheinen, was die Ergänzung <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-301">für Zeitgenossen</quote> im Titel verstärkt.
                    Dieses Porträt der Dichterin drückt noch einmal aus, was etwa die vorher
                    genannten Gedichte <title>Sonett in Dur</title> und <title>Sonett in
                        Moll</title> sowie die Gedichtsammlung <title>Verse in Dur und Moll</title>
                    als auch das Gedicht <title>Kein Neutöner</title> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-301" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.:
                        301</ref>) bereits ins Zentrum stellen: Kalékos Lyrik offenbart sich als
                    eine Art von Lyrik, die ihre Nähe zur Musik sucht und explizit deklariert (dazu
                        <ref type="bibl" target="#asmuth1976">vgl. etwa Asmuth 1976: 133–136</ref>).
                    Das schließt den Rückgriff auf traditionelle Formen wie die Form des
                    (Liebes-)Sonetts ein, laut Burdorf die einzige, <quote
                        source="#ref_burdorf2015-119">die in der neueren deutschen Lyrik vom Barock
                        bis heute mit nur geringen Unterbrechungen häufig verwendet wurde</quote>
                        (<ref xml:id="ref_burdorf2015-119" type="bibl" target="#burdorf2015">Burdorf
                        2015: 119</ref>). Um zu signalisieren, dass das Wort <q rend="single-qm"
                        >Sonett</q> wie im 17. Jahrhundert als <q rend="single-qm">Klinggedicht</q>
                    interpretiert wird (<ref type="bibl" target="#burdorf2015">vgl. ebd.</ref>),
                    verdeutlicht der Titel, dass der Text in einer Dur- bzw. Moll-Tonart zu singen
                    und zu begleiten ist. Obwohl die Gedichte nicht der Form <quote
                        source="#ref_kaléko2012b-595">eine[s] klassischen Sonett[s]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012b-595" type="bibl" target="#kaléko2012b">Kaléko 2012b:
                        595</ref>) entsprechen, wie dies bei Kaléko oft der Fall ist und was die
                    Autorin selbst im vorigen Zitat aus einem Brief an Wolfgang Weyrauch betont
                        (<ref type="bibl" target="#meyer2018">vgl. auch Meyer 2018: 269f</ref>.;
                        <ref type="bibl" target="#kaléko2012c">Kaléko 2012c: 39</ref>), gibt es hier
                    immerhin eine zweiteilige Struktur und gereimte Verse. </p>
                <p>Freie Verse sind bei Kaléko allerdings selten zu finden: Aus formaler Perspektive
                    orientiert sich das Gesamtwerk an der lyrischen Tradition der gebundenen Rede.
                    Diese letzte Feststellung wird vom wiederholten Bezug auf <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> noch stärker hervorgehoben: Benary führt weiter aus, dass
                        <q rend="single-qm">Dur und Moll</q>
                    <quote source="#ref_benary2016-III">im Rahmen der funktionalen Harmonik seit
                        etwa 1850 in ein Endstadium</quote> (<ref xml:id="ref_benary2016-III"
                        type="bibl" target="#benary2016">Benary 2016: III. Entwicklung</ref>)
                    geraten, also immer mehr an Bedeutung verlieren. Nicht zufällig heißt ein
                    poetologisches Gedicht Kalékos <title>Kein Neutöner</title>, das oft aus einer
                    biographistischen Lesart heraus als die Antwort der Dichterin auf ihre
                    zeitgenössischen Tendenzen in der Lyrik gedeutet wird (<ref type="bibl"
                        target="#scholz2013">vgl. Scholz 2013: 11–13</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#rosenkranz2007">Rosenkranz 2007: 190–195</ref>). Erneut steht hier
                    die Verwandtschaft von Musik und Lyrik im Vordergrund, selbst wenn es darum
                    geht, die Poesie der Nachkriegszeit zu definieren. Das artikulierte Ich, das als
                    Selbstinszenierung Kalékos gelesen wurde, spricht über die Art und Weise, wie
                    Gedichte geschrieben werden sollen und vergleicht sich dabei mit den
                    Komponist*innen, die sich gegen die Neue Musik wehren – man denke etwa an Hans
                    Werner Henzes Positionen gegen diejenigen von Nono und Stockhausen in Darmstadt
                        (<ref type="bibl" target="#olivari2021">vgl. dazu Olivari 2021: 294</ref>;
                        <ref type="bibl" target="#bielefeldt2003">Bielefeldt 2003: 40</ref>). Das
                    artikulierte Ich singt nämlich, <quote source="#ref_kaléko2012a-301">wie der
                        Vogel singt</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-301a" type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a: 301</ref>), gehört <quote
                        source="#ref_kaléko2012a-301">keiner Schule an</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-301b" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.</ref>)
                    und fühlt sich <quote source="#ref_kaléko2012a-301">ganz unmodern</quote> (<ref
                        xml:id="ref_kaléko2012a-301c" type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.</ref>):
                        <quote source="#ref_kaléko2012a-301">Zwar liest man meine Verse gern, / doch
                        werden sie – verstanden!</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-301d"
                        type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.</ref>), lauten die Schlussverse. Bis
                    zum Ende der zweiten Strophe, in der von <quote source="#ref_kaléko2012a-301"
                        >der deutschen Dichtung</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-301e"
                        type="bibl" target="#kaléko2012a">ebd.</ref>) die Rede ist, könnte das
                    artikulierte Ich sowohl ein Komponist (wegen des Titels <title>Kein
                        Neutöner</title>) als auch ein Sänger sein (das artikulierte Ich ist sowohl
                    im Paratext als auch im Text männlich konnotiert). Die bereits erwähnten
                    Schlussverse ordnen es jedoch eher in die Sphäre der Poesie ein, obwohl das
                    Gedicht für eine prinzipielle Austauschbarkeit von Dichten, Singen und
                    Komponieren plädiert. </p>
                <p>Vergleichbar etwa zu Burdorfs Analyse von Ingeborg Bachmanns <title>Keine
                        Delikatessen</title>, lässt sich hier der Text als literarisches Werk und
                    losgelöst von allen biographistischen Deutungen als poetologisches Gedicht lesen
                        (<ref type="bibl" target="#burdorf2015">vgl. Burdorf 2015: 198</ref>). Noch
                    ausdrücklicher wird hier für eine einfache, sangbare Poesie plädiert, die sich,
                    obwohl sie in einem postmodernen Kontext entsteht, an der Tradition orientiert –
                    die Hinweise <quote source="#ref_burdorf2015-198">vom Lärm umringt</quote> und
                        <quote source="#ref_burdorf2015-198">Großstadtspatz</quote> (<ref
                        xml:id="ref_burdorf2015-198" type="bibl" target="#burdorf2015">ebd.</ref>)
                    deuten wie im Fall des vorher erwähnten Rowohlt-Titelblattes mit den Strommasten
                    ein urbanes, zeitgenössisches Setting an.<note xml:id="endnote_03"><quote
                            source="#ref_kaléko2012c-115">Ich singe, wie der Vogel singt</quote> ist
                        zudem ein Goethe-Zitat (Gedicht <title>Der Sänger</title> aus <title>Wilhelm
                            Meisters Lehrjahre</title>), <ref xml:id="ref_kaléko2012c-115"
                            target="#kaléko2012c">vgl. Kaléko 2012c: 115</ref>.</note> Um den Konnex
                    zwischen Musik und Lyrik nochmals hervorzuheben, werden die Tendenzen in der
                    Lyrik um 1960 und die darauf bezogenen Diskussionen mit der Situation im
                    Musikbereich verglichen: Die lyrische Tradition, die bei Kaléko etwa durch den
                    Rückgriff auf die Form des Liebessonetts und die Vorliebe für gereimte Verse
                    auftaucht, wird, so wie die musikalische Tradition, für die <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> stehen, verteidigt.<note xml:id="endnote_04">Es sei hier
                        am Rande erwähnt, wie Kaléko in einem autobiografischen Dokument aus dem
                        Nachlass den Terminus <q rend="single-qm">Neutöner</q> definiert: <quote
                            source="#ref_kaléko2012a-835a">Ach ja, die <q rend="single-qm"
                                >Neutöner</q>, jene Sklaven des <q rend="single-qm">freien
                                Verses</q> (vers libre). Der abgetragene Expressionismus von 1920
                            auf neu <q rend="single-qm">gewendet</q></quote> (<ref
                            xml:id="ref_kaléko2012a-835a" type="bibl" target="#kaléko2012a">Kaléko
                            2012a: 835</ref>). </note></p>
                <p> Als letzten Punkt dieses Abschnitts soll eine weitere Konstante in Kalékos
                    lyrischem Werk skizziert werden: Die Thematisierung von Geschlechterdifferenz,
                    die durch die Musik und speziell den wiederholten Bezug auf <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> noch stärker zum Tragen kommt. Birgit Wartenpfuhl
                    interpretiert die Funktion wie folgt: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_wartenpfuhl2000-17a"> Die Thematisierung von
                        Geschlechterdifferenz dient als Mittel der Kritik an bestehenden
                        Herrschaftsverhältnissen. Sie ist Ausdruck liberaler Forderungen nach
                        Gleichheit und Freiheit aller Menschen auf der Grundlage der weiblichen
                        Differenz und knüpft hierbei an die sexuelle/biologische Differenz zwischen
                        den Geschlechtern an; im Sinne der Anerkennung der besonderen weiblichen
                        Lebensumstände, die gekennzeichnet sind durch die lange Geschichte der
                        wirtschaftlichen, politischen und körperlichen Entrechtung der Frauen.
                        Andererseits ist die Geschlechterdifferenz eine zu dekonstruierende
                        Kategorie, da sie als binärer Code das gesamte <quote
                            source="#ref_list1995-41-44">Diskursuniversum</quote> (<ref
                            xml:id="ref_list1995-41-44" type="bibl" target="#list1995">List
                            1995</ref>) durchdringt und die Thematisierung von Differenzen nur
                        innerhalb von Entweder-oder-Schemata zuläßt (<ref
                            xml:id="ref_wartenpfuhl2000-17a" type="bibl" target="#wartenpfuhl2000"
                            >Wartenpfuhl 2000: 17</ref>). </quote>
                </cit>
                <p>Viele Gedichte belegen, dass Geschlechterdifferenz in Kalékos Texten häufig
                    thematisiert wird: Bekannt ist etwa das Gedicht <title>Die Frau in der
                        Kultur</title> (<ref type="bibl" target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a:
                        385f.</ref>). Ähnlich zu Virginia Woolfs in feministischen Kontexten weit
                    rezipierten Essay <title>A Room of One’s Own</title> beklagt das Gedicht die
                    marginale Rolle der Frau im kulturellen Bereich, die nicht so produktiv und
                    einfallsreich wie z.B. Petrarca sein kann, da sie sich bei der Arbeit ständig
                    unterbrechen muss, um mal <quote source="#ref_kaléko2012a-385">den Säugling
                        trockenzulegen</quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-385" type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a: 385</ref>) oder das Gemüse zu putzen.
                    Zweifellos werden im Gedicht bestehende Herrschaftsverhältnisse kritisiert,
                    Geschlechterdifferenz erscheint allerdings als dualistisch: Weiblichkeit wird
                    als Supplement von Männlichkeit begriffen (<ref type="bibl" target="#günter2014"
                        >vgl. Günter 2014: 99</ref>).</p>
                <p><q rend="single-qm">Dur und Moll</q> kann vergleichbar zur Geschlechterdifferenz
                    als binärer Code angesehen werden, der ebenfalls einem Entweder-oder-Schema
                    entspringt. Etymologisch betrachtet liegt es auf der Hand, dass Dur von <hi
                        rend="italic">durum</hi> und Moll von <hi rend="italic">molle</hi>
                    abgeleitet wird. Abgesehen davon, dass die beiden Begriffe noch einmal ein
                    Beweis für Roland Barthes Beobachtung sind, dass die Musik <quote
                        source="#ref_barthes1990-269">aus natürlicher Neigung</quote> (<ref
                        xml:id="ref_barthes1990-269a" type="bibl" target="#barthes1990">Barthes
                        1990: 269</ref>) durch die Sprache <quote source="#ref_barthes1990-269"
                        >sofort ein Adjektiv</quote> (<ref xml:id="ref_barthes1990-269b" type="bibl"
                        target="#barthes1990">ebd.</ref>) erhält, lohnt es sich, den beiden
                    Adjektiven Aufmerksamkeit zu schenken: Dur wird mit Stärke und Härte und Moll
                    mit Schwäche und Weichheit in Verbindung gebracht. Gioseffo Zarlino,
                    Musiktheoretiker und Komponist der Renaissance, erweitert das Repertoire an
                    Adjektiven und bezeichnet die durale Quintteilung als <hi rend="italic"
                        >allegra</hi> (fröhlich), die mollare als <hi rend="italic">mesta</hi>
                    (traurig) (<ref type="bibl" target="#benary2016">vgl. Benary 2016:
                        Entwicklung</ref>).</p>
                <p>In der zu Beginn dieses Abschnitts vorgelegten Definition von <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> rekurrieren zudem Termini wie <quote
                        source="#ref_benary2016-Ib">genera</quote> und <quote
                        source="#ref_benary2016-Ib">Tongeschlechter</quote> (<ref
                        xml:id="ref_benary2016-Ib" type="bibl" target="#benary2016">ebd.: I.
                        Begriff</ref>), die ein Beweis dafür sind, dass <q rend="single-qm">Dur und
                        Moll</q> so wie das Wort <q rend="single-qm">Gender</q> oder auch <q
                        rend="single-qm">Genre</q> auf das lateinische Wort <q rend="single-qm"
                        >genus</q>, das für das grammatikalische Geschlecht steht, zurückgeführt
                    werden können (<ref type="bibl" target="#nieberle2013">vgl. Nieberle 2013:
                        76</ref>). Sowohl in der Musiktheorie als auch in der Lyrikanalyse tauchen
                    Begriffe auf, etwa <q rend="single-qm">weibliche</q> und <q rend="single-qm"
                        >männliche</q> Kadenz, die geschlechtlich konnotiert sind (<ref type="bibl"
                        target="#nieberle2013">vgl. ebd.: 85f.</ref>). In Bezug auf
                    Geschlechterdifferenz führt Nieberle weiter aus, dass die <quote
                        source="#ref_nieberle2013-136">Unterschiede argumentativ miteinander
                        verschränkt [werden], so dass biologische Unterschiede mit sozialem
                        Rollenverständnis und psychischer Kondition erklärt werden und vice
                        versa</quote> (<ref xml:id="ref_nieberle2013-136a" type="bibl"
                        target="#nieberle2013">ebd.: 136</ref>), und nennt als Beispiel <quote
                        source="#ref_nieberle2013-136">weibliche Schwäche versus männliche
                        Stärke</quote> (<ref xml:id="ref_nieberle2013-136b" type="bibl"
                        target="#nieberle2013">ebd.</ref>), also gerade die Attribute, die die
                    Etymologie von <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> ausmachen. Des Weiteren
                    verwendet Kaléko die Ergänzung <q rend="double-qm">in Dur</q> und <q
                        rend="double-qm">in Moll</q> nicht nur für eine Gedichtsammlung, sondern
                    auch für zwei Gedichte (das bereits erwähnte Gedicht <title>Sonett in
                        Dur</title> und das Gedicht <title>Sonett in Moll</title>), die in
                    Sonettform sind: Ein Sonett besteht bekanntermaßen aus zwei <hi rend="italic"
                        >ungleichen</hi> Teilen. In den beiden Gedichten findet sich diese Struktur
                    wieder, denn sie sind je aus drei Quartetten und einem Distichon
                    zusammengesetzt. Der Verzicht auf die abschließenden beiden Terzette so wie etwa
                    in der englischsprachigen Tradition dieser Gedichtform rückt die Zahl zwei und
                    die Asymmetrie der Gedichtform noch mehr in den Vordergrund. Sowohl durch die
                    Wahl der Form als auch durch den intermedialen Bezug auf <q rend="single-qm">Dur
                        und Moll</q> wird die Konstruktion eines unausgewogenen, dualistischen
                    Geschlechterverhältnisses verstärkt. Inhaltlich hat man es nämlich mit einem
                    Liebessonett zu tun, in dem sich eine weiblich konnotierte Stimme<note
                        xml:id="endnote_05">Die Zuschreibung ist im Fall der weiblichen Stimme durch
                        die Lektüre von nur diesen beiden Gedichten keineswegs eindeutig, sondern
                        erst nach der Lektüre weiterer Gedichte aus derselben Sammlung,
                            <title>Lieder für Liebende</title>, möglich.</note> an ihren männlich
                    konnotierten Geliebten wendet und über die Etappen ihrer Liebesbeziehung
                    nachdenkt.</p>
                <p>Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen: Durch die Analyse der Funktion des
                    intermedialen Bezugs auf <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> konnte ein
                    poetologischer Aspekt des lyrischen Gesamtwerkes Mascha Kalékos noch deutlicher
                    herausgearbeitet werden, der bereits im ersten Abschnitt durch die Anwendung des
                    Werkzeugs <q rend="single-qm">Stimme</q> aufgetaucht war, nämlich die starke
                    Affinität von Lyrik und Musik. Kalékos Lyrik vergleicht durch den Bezug auf <q
                        rend="single-qm">Dur und Moll</q> die Tendenzen im lyrischen Bereich mit
                    denen im Musikbereich und plädiert für die Orientierung an der lyrischen
                    Tradition der gebundenen Rede, selbst in einem postmodernen Kontext. Darüber
                    hinaus dient der intermediale Bezug auf <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> als
                    Verstärkung eines weiteren, wiederholt vorkommenden Aspektes von Kalékos
                    lyrischen Texten: die Thematisierung von Geschlechterdifferenz. <q
                        rend="single-qm">Dur und Moll</q> dienen demnach als Mittel der Kritik
                    sowohl an den Tendenzen der Lyrik um 1960 als auch an bestehenden
                    Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Bedeutet dies nun, dass sich
                    Kalékos Gesamtwerk eines binären Codes bedient, der mit Wartenpfuhl <quote
                        source="#ref_wartenpfuhl2000-17b">die Thematisierung von Differenzen nur
                        innerhalb von Entweder-oder-Schemata</quote> (<ref
                        xml:id="ref_wartenpfuhl2000-17b" type="bibl" target="#wartenpfuhl2000"
                        >Wartenpfuhl 2000: 17</ref>) zulässt und daher bei gleichzeitiger Kritik
                    doch eine symbolische, traditionell phallogozentrische Ordnung weiter
                    reproduziert (<ref type="bibl" target="#nieberle2013">vgl. Nieberle 2013:
                        135</ref>; <ref type="bibl" target="#butler2007">Butler 2007: 18</ref>)? Um
                    diese Frage zu beantworten, soll im nächsten Abschnitt erneut das Werkzeug <q
                        rend="single-qm">Stimme</q> angewandt werden.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-06_04">
                <head>3. Und wieder Stimme</head>
                <p>In diesem dritten Schritt der Analyse, der die Ergebnisse von Abschnitt eins und
                    zwei durch die erneute Anwendung des transmedialen Werkzeugs <q rend="single-qm"
                        >Stimme</q> zu abstrahieren versucht, soll auf Hélène Cixous’ Schriften
                    zurückgegriffen werden. Die wissenschaftlichen Texte – oder <quote
                        source="#ref_moi1989-121">halb-wissenschaftliche[n]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_moi1989-121a" type="bibl" target="#moi1989">Moi 1989:
                    121</ref>), wie sie Toril Moi definiert – von Cixous kreisen um das weibliche
                    Schreiben, die sogenannte <hi rend="italic">écriture féminine</hi>, und widmen
                    sich dabei den <quote source="#ref_moi1989-121">Beziehungen zwischen Frauen,
                        Weiblichkeit, Feminismus und der Produktion von Texten</quote> (<ref
                        xml:id="ref_moi1989-121b" type="bibl" target="#moi1989">vgl. ebd.</ref>).
                    Zwischen Motiven und Themen, die in Kalékos Werk auftauchen und die in den
                    vorigen Abschnitten bereits angerissen wurden, und denen, die Cixous in ihren
                    Texten anspricht, lassen sich einige Parallelen beobachten. Zunächst einmal,
                    dass sich in den Texten beider Autorinnen wiederholt Mutter-Metaphern auffinden
                    lassen bzw. Mütterlichkeit oft ins Zentrum gestellt wird. Was Kalékos lyrisches
                    Œuvre angeht, so lässt sich hier beispielsweise erneut auf Gedichte wie
                        <title>Die Frau in der Kultur</title>, die das Muttersein explizit
                    thematisieren, verweisen. Bezüglich der Texte von Cixous ist in diesem Kontext
                    zu erwähnen, dass darin ein <quote source="#ref_moi1989-136">namenlose[r], mit
                        Muttermilch und Honig gefüllte[r], präödipale[r ] Raum als Quelle des
                        Gesangs</quote> dargestellt wird, <quote source="#ref_moi1989-136">der in
                        allem weiblichen Schreiben widerhallt</quote> (<ref xml:id="ref_moi1989-136"
                        type="bibl" target="#moi1989">Moi 1989: 136</ref>). Es wird so oft z.B. auf
                    die Stimme und die Brüste der Mutter sowie auf die Muttermilch und das
                    Fruchtwasser Bezug genommen (<ref type="bibl" target="#cixous1980">vgl. Cixous
                        1980: 53</ref>), dass die Brustwarze der Mutter sogar <quote
                        source="#ref_moi1989-140">als präödipales Penis-Symbol</quote> (<ref
                        xml:id="ref_moi1989-140" type="bibl" target="#moi1989">Moi 1989: 140</ref>)
                    interpretiert wurde.</p>
                <p>Zweitens stellt, wie eingangs betont, die Definition weiblichen Schreibens ein
                    Hauptanliegen von Cixous dar. Mit diesem Zweck greift sie wiederholt auf die
                    Binäropposition Männlichkeit/Weiblichkeit, <quote source="#ref_cixous1980-71"
                        >zwei Systeme, zwei Ökonomien</quote> (<ref xml:id="ref_cixous1980-71a"
                        type="bibl" target="#cixous1980">Cixous 1980: 71</ref>), zurück. Diese
                    Dichotomie sei keineswegs mit der Opposition Mann/Frau gleichzusetzen, so
                    Cixous: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_cixous1980-71"> Das schreibende Subjekt ist dann offenbar
                        dasjenige, das Männlichkeit oder Weiblichkeit einschreibt, das etwas von
                        beidem einschreibt oder eher das eine als das andere und Unentscheidbares
                        etc. Ich sage <q rend="single-qm">das schreibende Subjekt</q>, denn
                        tatsächlich ist es nicht zwangsläufig eine Frau oder ein Mann, auch wenn s o
                        z i o l o g i s c h gesehen ein Mann oder eine Frau unterzeichnen [...]
                            (<ref xml:id="ref_cixous1980-71b" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.:
                            71f.; Hervorh. i.O.</ref>). </quote>
                </cit>
                <p>Cixous stützt sich in ihren Arbeiten auf Derrida und sieht dementsprechend
                    Differenz als <hi rend="italic">differánce</hi> an: Differenz wird nicht durch
                    Binarismen, sondern vielfältig und heterogen gedacht (<ref type="bibl"
                        target="#cixous1980">vgl. ebd.: 71</ref>; <ref type="bibl" target="#moi1989"
                        >Moi 1989: 125</ref>). Bereits diese Feststellung ermöglicht, die
                    Thematisierung von Geschlechterdifferenz in Kalékos Werk abseits einer
                    Entweder-oder-Perspektive zu deuten. Es gibt jedoch einen dritten Aspekt, der im
                    Folgenden angesprochen werden soll und der einerseits für eine gewisse
                    gedankliche Korrespondenz zwischen Kaléko und Cixous spricht, andererseits noch
                    stärker die Möglichkeit anbietet, Geschlechterdifferenz bei Kaléko außerhalb von
                    binären Denkschemata anzusiedeln. </p>
                <p>Dieser dritte Aspekt rückt die <q rend="single-qm">Stimme</q> in den Mittelpunkt.
                    Weibliche Schrift muss Cixous zufolge <quote source="#ref_cixous1980-89">vom
                        Körper ausgehen</quote> (<ref xml:id="ref_cixous1980-89" type="bibl"
                        target="#cixous1980">ebd.: 89</ref>): <quote source="#ref_cixous1980-81">Ein
                        Frauentext bildet instinktiv viel mehr Körper als Bilder aus</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-81" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.: 81</ref>),
                    führt sie weiter aus, da der Körper <quote source="#ref_cixous1980-83">nicht
                        beschränkt wie beim Mann, der in der Kastrationsangst befangen ist</quote>
                        (<ref xml:id="ref_cixous1980-83" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.:
                        83</ref>), sei.<note xml:id="endnote_06"><p> Zu Recht unterstreicht Moi,
                            dass trotz des benutzten Differenzbegriffs und der Präzisierungen, wie
                            weibliche und männliche Schrift zu verstehen sind, wohl zu den
                            Widersprüchen in den Schriften von Cixous gehört, dass sie doch manchmal
                            zu einem gewissen Biologismus neigen (<ref type="bibl" target="#moi1989"
                                >vgl. Moi 1989: 134</ref>).</p></note> Kommunikation wird unter
                    Frauen durch ein <quote source="#ref_cixous1980-85">Körpergedächtnis […], eine
                        Übertragung durch den Körper, die unendlich intensiv ist</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-85a" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.:
                    85</ref>), ermöglicht. Wie erfolgt diese Übertragung in einem weiblichen Text?
                        <quote source="#ref_cixous1980-85">Das deutlichste Kennzeichen eines
                        weiblichen Textes</quote>, schreibt Cixous, stelle <quote
                        source="#ref_cixous1980-85">seine phonetische Seite</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-85b" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.</ref>)
                    dar, denn er sei <quote source="#ref_cixous1980-85">für die Stimme geschaffen
                        […]</quote> (<ref xml:id="ref_cixous1980-85c" type="bibl"
                        target="#cixous1980">ebd.</ref>). Die akustische Dimension steht hier wie in
                    Kalékos Gedichten im Fokus: Bei der Analyse literarischer Werke geht Cixous der
                    Frage <quote source="#ref_cixous1980-59">W e r singt?</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-59" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.: 59;
                        Hervorh. i.O.</ref>) nach, da <quote source="#ref_cixous1980-82">[e]in Text
                        der Weiblichkeit […] mit geschlossenen Augen geschrieben</quote> werde und
                    infolgedessen auch <quote source="#ref_cixous1980-82">mit geschlossenen Augen
                        gelesen werden</quote> (<ref xml:id="ref_cixous1980-82" type="bibl"
                        target="#cixous1980">ebd.: 82</ref>) sollte. In einem weiblichen Text gilt
                    es also, <quote source="#ref_cixous1980-78">Stimm-Wege</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-78a" type="bibl" target="#cixous1980">ebd.: 78</ref>)
                    nachzuverfolgen: <quote source="#ref_cixous1980-78">Wie man weiß, ist die Stimme
                        etwas vollkommen Unvorhersehbares, sie zieht ihre Bahnen, schwingt in den
                        Raum, hält inne, sie kommt außer Atem oder schöpft Atem, sie ist endlos,
                        d.h. sie hat kein Ziel, sie geht, sie will</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-78b" type="bibl" target="#cixous1980"
                    >ebd.</ref>).</p>
                <p>Oft versteht Cixous Stimme als Gesang, sogar als polyphonischen Choral (<ref
                        type="bibl" target="#cixous1980">vgl. ebd.: 65; 81</ref>). Des Weiteren
                    erläutert Moi, dass Cixous, <quote source="#ref_moi1989-125">die Frau zur Quelle
                        des Lebens, der Kraft und Energie erklärt und die Entstehung einer neuen,
                        weiblichen Sprache begrüßt, die unaufhörlich die patriarchalen, binären
                        Schemata untergräbt, in denen Logozentrismus und Phallozentrismus
                        zusammenwirken</quote> (<ref xml:id="ref_moi1989-125" type="bibl"
                        target="#moi1989">Moi 1989: 125</ref>).</p>
                <p>Mit der selbstverständlichen, jedoch wichtigen <hi rend="italic">reservatio</hi>,
                    dass es sich hierbei um unterschiedliche Gattungen handelt (lyrische Texte bei
                    Kaléko, [halb-]wissenschaftliche bei Cixous), kann Folgendes festgehalten
                    werden: Der erneute Rückgriff auf das Werkzeug <q rend="single-qm">Stimme</q>,
                    insbesondere darauf, wie es bei Cixous angesehen wird, ermöglicht die
                    Binäroppositionen, die Kalékos Œuvre durchziehen und die durch den intermedialen
                    Bezug auf <q rend="single-qm">Dur und Moll</q> in verstärkter Form zum Tragen
                    kommen, aus einer anderen Perspektive zu lesen. Diese Oppositionen, wie in
                    Abschnitt eins und zwei herausgearbeitet, betreffen sowohl die
                    Geschlechterdifferenz (Mann/Frau) als auch poetologische Aspekte (neue/alte
                    Tendenzen in der Lyrik). <quote source="#ref_nieberle2013-51">Stimme, Sprechen
                        und Gesang</quote>, schreibt Nieberle, <quote source="#ref_nieberle2013-51"
                        >verweisen auf das Vorsymbolische, das sich der Bedeutungsstiftung über die
                        binäre Differenz entzieht</quote> (<ref xml:id="ref_nieberle2013-51"
                        type="bibl" target="#nieberle2013">Nieberle 2013: 51</ref>). In diesem
                    Kontext verwundert es kaum, dass Kalékos Gesamtwerk die Affinität von Lyrik und
                    Musik programmatisch deklariert. Dadurch wird auf das Vorsymbolische ebenfalls
                    verwiesen, also nicht nur auf eine Art von Lyrik, die Cixous als <quote
                        source="#ref_cixous1980-24">[g]eschrieben, passiv, fixiert</quote> (<ref
                        xml:id="ref_cixous1980-24" type="bibl" target="#cixous1980">Cixous 1980:
                        24</ref>) definieren würde, sondern auch auf die orale Tradition des
                    Vortragens lyrischer Texte mit instrumentaler Begleitung. Stimme und Gesang
                    arbeiten bei Kaléko dem binären Denken entgegen. In dieser Hinsicht sei erneut
                    auf die beiden Sonette, die in diesem Artikel mehrfach angesprochen wurden,
                    nämlich <title>Sonett in Dur</title> und <title>Sonett in Moll</title>, Bezug
                    genommen: Diese beiden Texte befinden sich innerhalb einer Sammlung, die den
                    Titel <title>Lieder für Liebende</title> trägt. Die Sammlung ist die
                    Makrostruktur, die erneut Stimme und Gesang an exponierte Stelle rückt und somit
                    die in den Titeln der Gedichte enthaltenen Binarismen außerhalb von
                    Entweder-oder-Denkschemata platziert. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-06_05">
                <head>4. Fazit und Ausblick</head>
                <p>Die vorliegende Untersuchung hat anhand der Analysewerkzeuge <q rend="single-qm"
                        >Stimme</q> und <q rend="single-qm">Dur und Moll</q>, die aus intermedialen
                    Bezügen in Kalékos lyrischem Werk resultieren, gezeigt, dass es sich lohnt, die
                    Texte der Dichterin aus intermedialer Perspektive zu analysieren, vor allem wenn
                    man – wie von Rajewsky vorgeschlagen (<ref type="bibl" target="#rajewsky2002"
                        >vgl. Rajewsky 2002: 111</ref>) – nicht nur die Bezüge auflistet, die auf
                    das Medium Musik verweisen, sondern auch ihre Funktion in den Blick nimmt.
                    Mithilfe des transmedialen Werkzeugs <q rend="single-qm">Stimme</q> wurde
                    beispielsweise deutlich, dass die Simulation von Vokalmusik in Kalékos Gedichten
                    so weit geführt wird, dass oft eine Assoziation der Stimme im Text mit einem*r
                    Sänger*in entsteht. Es kommt zu einer Systemkontamination mit dem System der
                    Vokalmusik, die textuell und paratextuell hergestellt wird und zudem zur Folge
                    hat, dass auf der Ebene der Performanz eine singende Stimme sehr passend
                    erscheint.</p>
                <p>Diese enge Verwandtschaft von Lyrik und Musik konnte im zweiten Schritt der
                    Analyse, die auf das intermediale Werkzeug <q rend="single-qm">Dur und Moll</q>
                    zurückgreift, bestätigt werden. In Kalékos Werk sind sowohl zwei Gedichte
                    jeweils mit dem Titel <title>Sonett in Dur</title> und <title>Sonett in
                        Moll</title> wie auch die Gedichtsammlung <title>Verse in Dur und
                        Moll</title> zu finden. Dieser wiederholte Bezug weist auf eine Art von
                    Lyrik hin, die sich als musikaffin bekennt, und verstärkt zugleich die
                    Auffassung, die beispielsweise im poetologischen Gedicht <title>Kein
                        Neutöner</title> im Vordergrund steht, dass Lyrik zugänglich sein und sich
                    an der Tradition orientieren soll. Die damaligen Diskussionen im Bereich der
                    Lyrik werden auf diese Weise mit den Positionen im Bereich der Musik, wo <q
                        rend="single-qm">Dur und Moll</q> in ein Endstadium geraten sind,
                    verglichen. Darüber hinaus wird eine weitere Thematik durch <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> verstärkt, die Kalékos Gesamtwerk durchzieht, nämlich die
                    Geschlechterdifferenz. Die Thematisierung von Geschlechterdifferenz dient zwar
                    dazu, bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen, führt jedoch oft zu einem
                    binären Entweder-oder-Denken. Im dritten Schritt wurde das Werkzeug <q
                        rend="single-qm">Stimme</q> erneut angewandt und anhand der Schriften von
                    Cixous und ihrer Auffassung weiblichen Schreibens gezeigt, dass doch der starke
                    Rückgriff auf Stimme und Gesang bei Kaléko der Thematisierung von Differenzen
                    ermöglicht, sich einer binären, phallogozentrischen Denkweise zu entziehen. </p>
                <p>Boris Previšić plädiert aus literatur- und kulturtheoretischer Perspektive,
                    Polyphonie und Stimmung zusammenzudenken (<ref type="bibl"
                        target="#previšić2014">Previšić 2014: 122</ref>). In Bezug auf Kalékos
                    lyrisches Werk, kann von einem intermedialen und genderorientierten Blickwinkel
                    aus gesagt werden, dass <q rend="single-qm">Stimme</q> und <q rend="single-qm"
                        >Dur und Moll</q> ebenfalls zusammenzudenken sind. Ihre kombinierte
                    Anwendung in der Analyse offeriert neue Lektüren und konturiert bereits
                    existierende Interpretationen. Vor allem ist es dadurch möglich, eine Lesart von
                    Kalékos Gedichten zu versuchen, die – ohne einen biographistischen
                    Interpretationsansatz anzustreben – dennoch einem Zitat der Autorin Rechnung
                    trägt: <quote source="#ref_kaléko2012a-835b">Und auch sonst halte ich es mit den
                        Franzosen – in diesem Fall Verlaine: <q rend="single-qm">De la musique avant
                            toute chose</q></quote> (<ref xml:id="ref_kaléko2012a-835b" type="bibl"
                        target="#kaléko2012a">Kaléko 2012a: 835</ref>). Dieser Beitrag schließt
                    demnach mit der Hoffnung, dass <q rend="single-qm">Musik</q> in Kalékos Texten
                    in der Forschungsliteratur immer stärker in den Fokus gerückt und für literatur-
                    und kulturwissenschaftliche Analysen fruchtbar gemacht wird. </p>

            </div>
        </body>
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                </listBibl>
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