<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<!--<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<?xml-model href="https://www.univie.ac.at/wdr/schema/wdr.sch" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron"?>-->
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_jtei.rng" type="application/xml" schematypens="http://relaxng.org/ns/structure/1.0"?>
<?xml-model href="http://www.tei-c.org/release/xml/tei/custom/schema/relaxng/tei_jtei.rng" type="application/xml" schematypens="http://purl.oclc.org/dsdl/schematron“?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0"
    xml:id="wdr03_02-07-Miron" rend="wdr">
    <teiHeader>
        <fileDesc>
            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Das Spiel des Helldunkels und die Erfahrung der
                    Polyphonie *</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Mannigfaltigkeit zwischen und jenseits der
                    Sinne</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Shira M.</forename>
                        <surname>Miron</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Yale University</affiliation>
                    <email>shira.miron@yale.edu</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0002-3174-0840</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-07</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Polyphonie</term>
                    <term xml:lang="">Intermedialität</term>
                    <term xml:lang="de">Simultaneität</term>
                </keywords>
            </textClass>
        </profileDesc>
        <revisionDesc>
            <listChange>
                <change when="2022-03-06T11:36:58.841+01:00">Converted from a Word document</change>
            </listChange>
        </revisionDesc>
    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Die Autorin geht mittels der Metapher des <hi rend="italic">Helldunkel</hi>
                    Adornos Weg vom Zusammensehen zum Zusammenhören in seiner Auseinandersetzung mit
                    Mehrstimmigkeit und Kontrapunkt nach. Über Friedrich Wilhelm Joseph von
                    Schellings Philosophie der Kunst und Michail Bachtins dialogischer Theorie des
                    polyphonen Romans kehrt Miron zu Adornos Leitidee zurück und versucht sie neu zu
                    beleuchten. Die Gegenüberstellung von Adorno, Schelling und Bachtin dient als
                    Basis für weitere Überlegungen zur Verbildlichung von Stimmenvielfalt und
                    Polyphonie sowie zur rhetorischen Funktion der Helldunkel-Metapher.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The author uses the metaphor of <hi rend="italic">Helldunkel</hi> (<hi
                        rend="italic">chiaroscuro</hi>) to follow Adorno’s path from seeing together
                    to hearing together in his examination of polyphony and counterpoint. Taking a
                    detour via Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling’s philosophy of art and
                    Mikhail Bakhtin’s dialogical theory of the polyphonic novel, Shira Miron returns
                    to Adorno’s guiding idea and attempts to throw a new light on it. Contrasting
                    Adorno, Schelling, and Bakhtin provides the basis for further thoughts about
                    visualizing a multiplicity of voices and polyphony, as well as the rhetorical
                    function of the <hi rend="italic">Helldunkel</hi> metaphor.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_02-07_01">
                <head>1. Polyphones Licht – Einleitung</head>
                <p><quote source="#ref_Schönberg1922-466">Anscheinend, und wahrscheinlich wird das
                        immer deutlicher werden, wenden wir uns einer neuen Epoche des polyphonen
                        Stils zu</quote>, konstatiert der Komponist Arnold Schönberg 1911 in seinen
                    Nachträgen zum musikalischen <q source="#ref_Schönberg1922-466"
                        >Darstellungssystem</q>, das zunächst die Grundlage für seine Harmonielehre
                    gebildet hatte (<ref xml:id="ref_Schönberg1922-466" type="bibl"
                        target="#Schönberg1922">Schönberg 1922: 466</ref>). Die eingehende
                    Erörterung dieses neuen Stils sowie insbesondere die Eigenart seines polyphonen
                    Ansatzes werden in den nächsten Jahrzehnten ein zentrales Anliegen Theodor W.
                    Adornos sein. Obwohl Adorno in seinen musikphilosophischen Schriften die <quote
                        source="#ref_Adorno2003a-156">radikale Vorherrschaft des
                        Kontrapunkts</quote> (<ref xml:id="ref_Adorno2003a-156" type="bibl"
                        target="#Adorno2003a">Adorno 2003a: 156</ref>) als Kern und Antrieb dieser
                    neuen Musik – zumal in derjenigen Schönbergs – konzediert, weist er gleichzeitig
                    jedoch auch auf die weitverbreitete Unfähigkeit hin, diese Musik zu hören und
                    sie in ihrem eigentlichen Wesen wahrzunehmen.<note xml:id="endnote_01"><p>In
                                <title>Die Funktion des Kontrapunkts in der neuen Musik</title>
                            sowie in früheren Texten unterscheidet Adorno zwischen dem Begriff der
                            Polyphonie als harmonisch und dem Kontrapunkt als melodisch. Laut Adorno
                            ist Schönbergs Musik daher in erster Linie kontrapunktisch, und nicht
                            polyphon. S. z.B Adorno (<ref type="bibl" target="#Adorno2003b">2003b:
                                88f.</ref>) und vgl. hierzu seine Auseinandersetzung mit Heinrich
                            Jalowetz’ Unterscheidung zwischen Polyphonie und Kontrapunkt als
                            umgekehrte gesellschaftliche Modelle (<ref type="bibl"
                                target="#Adorno2003a">Adorno 2003a: 148</ref>).</p></note>
                </p>
                <p>In seinem 1963 in <title>Der getreue Korrepetitor </title>erschienenen Aufsatz <q
                        rend="double-qm">Anweisungen zum Hören neuer Musik</q> hebt Adorno ebenjene
                    Kontrapunktik als einen objektiven Grund für die bislang gescheiterte Rezeption
                    der neuen Musik hervor.<note xml:id="endnote_02"><p> Mit <q rend="double-qm"
                                >neue Musik</q> ist hier ausschließlich die Musik der Wiener Schule
                            gemeint.</p></note> Die Kontrapunktik verlangt, <quote
                        source="#ref_Adorno2003c-189">daß mehrere genuin selbstständige Stimmen
                        gleichzeitig in ihrem Unterschied und in ihrer Bezogenheit aufeinander
                        vernommen werden</quote> (<ref xml:id="ref_Adorno2003c-189" type="bibl"
                        target="#Adorno2003c">2003c: 189</ref>). Damit vollzieht sie in ihrer
                    neuartigen Radikalität eine dem hörenden Subjekt unbekannte Komplexität. Um den
                    Weg zum richtigen Hören zu bahnen, jener <quote source="#ref_Adorno2003c-189f"
                        >schweigende[n] imaginative[n], schließlich hörende[n] Aktivität</quote>,
                    greift Adorno hier, wie schon in seinen früheren Texten, auf Søren Kierkegaards
                    Begriff des <quote source="#ref_Adorno2003c-189f">spekulativen Ohr[s]</quote>
                    zurück (<ref xml:id="ref_Adorno2003c-189f" type="bibl" target="#Adorno2003c"
                        >ebd.: 189f.</ref>). Bereits in der 1957 veröffentlichten Version seines
                    Vortrags <q rend="double-qm">Die Funktion des Kontrapunkts in der neuen
                        Musik</q> stellt Adorno Kierkegaards eher beiläufig angeführte Definition
                    jenes spekulativen Ohrs seinem Text als Motto voran, indem er den folgenden Satz
                    aus einer Fußnote in <title>Entweder-Oder</title> zitiert: <quote
                        source="#ref_Adorno2003a-144">Wie das spekulative Auge zusammensieht, so
                        hört das spekulative Ohr zusammen</quote> (<ref xml:id="ref_Adorno2003a-144"
                        type="bibl" target="#Adorno2003a">Adorno 2003a: 144</ref>).<note
                        xml:id="endnote_03"><p> Adorno (<ref xml:id="ref_Kierkegaard1993-148"
                                type="bibl" target="#Kierkegaard1993">1993: 148</ref>) zitiert hier
                            aus einer Fußnote im ersten Teil von Søren Kierkegaards <title>Entweder
                                – Oder</title>, in der Kierkegaard die einzige Art von Hören
                            darstellt, die es ermöglichen würde, die Ironie in Elviras Aria aus Don
                            Giovanni zu hören: <quote source="#ref_Kierkegaard1993-148">So sind
                                meiner Meinung nach die Arie Elvirens und die Situation aufzufassen.
                                Don Juans unvergleichliche Ironie darf nicht für sich bleiben,
                                sondern muß in Elvirens substantieller Leidenschaft verborgen sein.
                                Dies muß man zusammen hören. Wie das spekulative Auge zusammen
                                sieht, so hört das spekulative Ohr zusammen</quote>.</p></note> Als
                    Philosoph des 19. Jahrhunderts kann Kierkegaard allerdings nicht als Zeitgenosse
                    der <q rend="double-qm">neuen Epoche des polyphonen Stils</q>, wie Schönberg sie
                    nannte, begriffen werden. Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass Adorno
                    Kierkegaards Begriff als Einführung in seine Debatte um die neue Musik
                    aufgreift. Im Hinblick auf die zum Motto hervorgehobene Worte Kierkegaards fällt
                    dabei insbesondere auf, dass der Ausgangspunkt von Adornos <q rend="single-qm"
                        >Höranweisungen</q> gar nicht in der auditiven Wahrnehmung verortet wird,
                    sondern vielmehr in der visuellen. Das <hi rend="italic">Zusammensehen</hi> und
                    das <hi rend="italic">Zusammenhören</hi> des Individuums stehen dabei für Adorno
                    als miteinander verbundene Prämissen für Erkenntnis und Produktion sowie für
                    Beschreibung und Kritik verschiedener Manifestationen von Mehrstimmigkeit in der
                    Musik und im Allgemeinen. Dadurch baut Adorno, wie im Folgenden gezeigt wird,
                    auf einem seit der Frühromantik andauernden Diskurs auf, der die Wahrnehmung
                    polyphoner Vielfalt nicht nur dem Hören, sondern auch dem Sehen zuschreibt –
                    welches ebenfalls das Vermögen besitzt, Eindrücke <q rend="double-qm">in ihrem
                        Unterschied und in ihrer Bezogenheit aufeinander</q> wahrzunehmen. </p>
                <p>Jenseits von einem darin eingeschlossenen synästhetischen Übergang legt die
                    Gleichsetzung von <q rend="double-qm">Zusammensehen</q> und <q rend="double-qm"
                        >Zusammenhören</q> somit die Möglichkeit nahe, Polyphonie und Kontrapunktik
                    als Erfahrung der gleichzeitigen Mannigfaltigkeit zu betrachten, die sich nicht
                    ausschließlich in der musikalischen Sukzession entfaltet. Vielmehr unterliegen
                    Polyphonie und Kontrapunktik in diesem Fall einem komplexen, nicht
                    vereinheitlichenden Weltbild, das eine entsprechende Wahrnehmungseinstellung
                    seitens des erkennenden Subjekts erfordert. Die von Kierkegaard und später
                    Adorno angedeutete Übertragbarkeit des Erkenntnisproblems einer eingeschlossenen
                    Mannigfaltigkeit von einem sinnlichen Bereich auf einen anderen deutet dabei auf
                    ein Phänomen hin, das jenseits des Vermögens der jeweiligen Sinne zu suchen
                    wäre. Im Folgenden geht es daher weniger um ein Aufbereiten der Diskussion über
                    das Verhältnis von Zusammensehen und Zusammenhören aus der Perspektive der
                    Synästhesie als vielmehr darum, die Bedeutung des in dem jeweiligen Sinn
                    angelegten Hinausgehens herauszuarbeiten und dabei die Folgerungen für die
                    subjektive Erkenntnis und Welterfahrung zu bestimmen. </p>
                <p>Ein erster Annährungsversuch in Bezug auf Ort und Wesen des Phänomens der
                    zusammen erlebten Mannigfaltigkeit soll hier zunächst anhand Rainer Maria Rilkes
                    fünftem Sonett an Orpheus (II. Teil) unternommen werden, in dem ein explizit
                    synästhetisch geprägtes <quote source="#ref_Rilke1996-259">polyphone[s]
                        Licht</quote> geschaut wird (<ref xml:id="ref_Rilke1996-259" type="bibl"
                        target="#Rilke1996">Rilke 1996: 259</ref>). Ebendieses Licht, das in den
                    Schoß der Anemone gegossen wird, trifft auf den im Gedicht angesprochenen <q
                        rend="double-qm">Muskel des unendlichen Empfangs</q> der Blume, dem
                    darauffolgend in hymnischem Tonfall zugerufen wird: <q rend="double-qm">du,
                        Entschluß und Kraft von <hi rend="italic">wie</hi>viel Welten!</q> Im Sinne
                    von Käte Hamburgers (1971) phänomenologischer Auslegung der Lyrik Rilkes
                    bezeichnet hier der unendliche Empfang der Anemone ihre <hi rend="italic"
                        >schauende Haltung</hi> zur Welt. Die erst dadurch ermöglichte unmittelbare
                    Begegnung mit dem polyphonen Licht verweist damit auf die Etablierung eines <hi
                        rend="italic">Weltinnenraumes</hi>, der das Auflösen des Objekts (der <q
                        rend="double-qm"><hi rend="italic">wie</hi>viel Welten</q>) in das Subjekt
                    (die Anemone) bedeutet. Das in der letzten Strophe angesprochene kollektive
                    Bestreben, <q rend="double-qm">endlich offen und Empfänger</q> zu sein, hebt
                    dabei das Wahrnehmen der Mannigfaltigkeit als eine grundlegende Herausforderung
                    an die Erkenntnis hervor, die weder dem Sehen, noch dem Hören, noch der
                    Physiognomie des Muskels allein zugeschrieben wird. Dadurch führt die zunächst
                    explizit ausgedrückte synästhetische Wahrnehmung des <q rend="double-qm"
                        >polyphone[n] Licht[s]</q> zur Einführung eines Phänomens, das über das
                    jeweilige Medium sowie den partikulären Sinn hinausgeht. Die ineinander
                    verflochtenen auditiven und visuellen Komponenten definieren somit den <q
                        rend="double-qm">Empfang</q> der Anemone als einen, der auf einer
                    sinnübergreifenden Wahrnehmung beruht. Dadurch wird dem Empfang <q
                        rend="double-qm">Unendlichkeit</q> zugesprochen sowie auch die Fähigkeit,
                    die erlebte Mannigfaltigkeit nicht nur sinnlich oder synästhetisch, sondern auch
                    geistig zu erfassen. Diese in Rilkes Sonett vollgezogene Affinität des Visuellen
                    und Auditiven realisiert dabei Kierkegaards Gleichstellung des Zusammenhörens
                    und Zusammensehens auf mehreren Ebenen, indem sie ein synästhetisches und
                    zugleich übersinnliches Phänomen von Mannigfaltigkeit sowie darüber hinaus die
                    Möglichkeit eines Empfangs dieser Mannigfaltigkeit formuliert. </p>
                <p>Während Polyphonie und Kontrapunktik zunächst den Ausgangspunkt für die
                    Erörterung einer zusammengehörenden Mannigfaltigkeit eigenständiger Bestandteile
                    bilden, wird anschließend der Frage nach möglichen Parallelen bei der Entfaltung
                    des visuellen Begriffs des <hi rend="italic">Helldunkels</hi> im Bereich der
                    Kunstgeschichte und darüber hinaus nachgegangen. Obgleich sich der technische
                    Begriff des Helldunkels auf ein Spektrum an Schattierungen und nicht auf einen
                    Parallellauf unabhängiger Komponenten bezieht, wie etwa im Fall der Polyphonie,
                    dient er dennoch, wie aufgezeigt wird, der ästhetischen Realisierung eines
                    äquivalenten Paradoxons der Erkenntnis gleichzeitiger Mannigfaltigkeit. Die
                    allmähliche Herausbildung des Begriffes des <q rend="double-qm">Helldunkels</q>
                    sowie seine damit einhergehende Verlagerung aus dem technischen in den geistigen
                    Bereich um 1800 führten sowohl zu direkten als auch indirekten Vergleichen des
                    Begriffs mit jenem der Polyphonie in zahlreichen poetischen und theoretischen
                    Texten. Der folgende Beitrag setzt sich mit der in einer Reihe dieser Texte
                    aufzufindenden Affinität der beiden künstlerisch-ästhetischen Phänomene
                    auseinander und geht dabei, wie im Fall von Rilkes <q rend="double-qm"
                        >polyphone[m] Licht</q>, der Frage nach der Bedeutung dieser Gleichstellung
                    als auch ihres Antriebes nach.</p>
                <p>Die vergleichende Lektüre, die abschließend erneut auf Adornos <q
                        rend="double-qm">Anweisungen</q> eingehen wird, widmet sich im
                    darauffolgenden Teil des Beitrags der romantischen und frühromantischen Ästhetik
                    und Philosophie sowie insbesondere den darin inbegriffenen Versuchen die
                    Aufklärung zu überwinden. Friedrich Wilhelm Joseph von Schellings Annäherungs-
                    und Formulierungsversuch der ästhetisch-philosophischen Möglichkeit von <q
                        rend="double-qm">Vielheit in der Einheit</q>, und zwar mittels der Begriffe
                    Harmonie und Helldunkel, ebenso wie die Poetisierung einer vom Zustand der
                    optischen und auditiven Mannigfaltigkeit herrührenden Weltanschauung bei Novalis
                    werden dabei die Vorgeschichte sowie die Voraussetzung zur modernen Diskussion
                        darlegen.<note xml:id="endnote_04"><p>Die folgende Erörterung der durch
                            polyphone und visuelle Vielfalt bedingten Weltanschauungen schon seit
                            dem Ende des 18. Jahrhunderts steht im Kontrast zu den üblichen
                            Untersuchungen von Pluralität als Zustand erst ab dem 20. Jahrhundert,
                            wie z. B. in <ref type="bibl" target="#Wolf2017">Wolf 2017:
                            56–57</ref>.</p>
                    </note> Diese später aufkommenden Erörterungen über die Möglichkeit oder gar das
                    Bestreben eines Zusammenauffassens im visuellen und auditiven Bereich werden im
                    abschließenden Teil des Beitrags anhand Michail Bachtins Einführung in seine
                    Romantheorie sowie auch in Bezug auf Adornos Kritik der neuen Musik
                    aufgegriffen. So werden das Kernanliegen dieser späteren Texte sowie die
                    Ursachen für die Gleichstellung visueller und auditiver Wahrnehmungen vor dem
                    Hintergrund der romantischen Vorgeschichte neu beleuchtet.</p>
                <p>Im Unterschied zum explizit zusammengeführten <q rend="double-qm">polyphonen
                        Licht</q> in Rilkes Sonett stehen die auditiven und visuellen Begriffsfelder
                    in einigen der im Folgenden erwähnten Texte, in denen sich die Autoren mit der
                    Wahrnehmung der Koexistenz entgegengesetzter Elemente auseinandersetzen,
                    freizügiger nebeneinander. Es geht daher im vorliegenden Beitrag weder um eine
                    Begriffsgeschichte der Polyphonie noch des Helldunkels, sondern vielmehr um
                    einen Versuch, die verschiedenen Formulierungen der Affinität des Sehens und
                    Hörens mittels dieser beiden Begriffe zu rekonstruieren und miteinander zu
                    vergleichen. Die Grundannahme hierbei ist, dass dadurch eine Brücke vom
                    sinnlichen und synästhetischen Bereich hin zu ästhetischen, poetischen, sozial-
                    und kulturkritischen Diskussionsräumen geschlagen werden kann, in denen die
                    Erzeugung sowie die Wahrnehmung einer Mannigfaltigkeit von Stimmen, von
                    einfallendem Licht oder, wie etwa bei Rilke, von <q rend="double-qm">Welten</q>
                    im Mittelpunkt stehen. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-07_02">
                <head>2. Das <hi rend="italic">Helldunkel</hi> als Differenz, Indifferenz und
                    Einheit – Schelling und die deutsche Frühromantik</head>
                <p>Wenn Polyphonie und Kontrapunktik die erlebten Objekte bzw. Konfigurationen des
                        <q rend="double-qm">Zusammenhörens</q> sind, so liegt es nahe, den Begriff
                    des <q rend="double-qm">Helldunkels</q> mit seinem Bedeutungsfeld als dasjenige
                    des <q rend="double-qm">Zusammensehens</q> festzulegen. Das antithetische
                    Kompositum entstand zunächst im Italienischen (<hi rend="italic"
                        >chiaroscuro</hi>) und entwickelte sich während der Renaissance als Teil der
                    kunsttheoretischen Diskussion im Bereich der Lichtdarstellung in der Malerei.
                    Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten – <hi rend="italic">chiaro e
                        scuro</hi> – als zwei eigenständigen Entitäten führte zu verschiedenen
                    theoretischen und künstlerischen Ansätzen, durch eine entsprechend wirksame
                    Mischung, Abstufung und Akzentuierung Effekte wie <q rend="double-qm"
                        >Harmonie</q>, <q rend="double-qm">Grazie</q> sowie auch <q rend="double-qm"
                        >Pathos</q> oder <q rend="double-qm">Kontrast</q> zu erreichen (<ref
                        type="bibl" target="#Lehmann2018">vgl. Lehmann 2018</ref>). Erst 1672 wurden
                    die entgegengesetzten Dimensionen <hi rend="italic">chiaro</hi> und <hi
                        rend="italic">scuro</hi> als Kompositum in einem Wort zusammengeschrieben,
                    was eine neue oxymorische Einheitsebene des Begriffes erzeugte (<ref type="bibl"
                        target="#Frank2007">vgl. Frank 2007: 209f.</ref>). Bald darauf folgte dann
                    das französische <hi rend="italic">clair-obscur</hi>. Das deutsche <hi
                        rend="italic">Helldunkel </hi>lässt sich hingegen erst ein Jahrhundert
                    später in kunsttheoretischen Schriften auffinden.<note xml:id="endnote_05"><p>
                            Als ersten Hinweis auf das deutsche <hi rend="italic">Helldunkel</hi>
                            erwähnt Frank (<ref type="bibl" target="#Frank2007">2007</ref>)
                            Christian Ludwig von Hagedorns 1762 entstandene <title>Betrachtung über
                                die Malerei</title>. Johann Christoph Adelungs Lemma <quote
                                source="#ref_Adelung1808-1100a">Das Helldunkle</quote> zeichnet den
                            Weg des deutschen Begriffes aus dem Italienischen und später über das
                            Französische nach (<ref xml:id="ref_Adelung1808-1100a" type="bibl"
                                target="#Adelung1808">1808: 1100</ref>).</p></note>
                </p>
                <p>Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich der deutsche Begriff auch
                    außerhalb des Künstlerateliers sowie des Bereichs der Maltechnik und wurde im
                    Rahmen verschiedenartiger Beschreibungen der visuellen Wahrnehmung in Anspruch
                        genommen.<note xml:id="endnote_06"><p> Die folgenden Beispiele stehen daher
                            im Kontrast zu Franks Argument, laut dem der Begriff bei einer <quote
                                source="#ref_Frank2007-210">empirischen Verallgemeinerung […] bis
                                weit ins 19. Jahrhundert</quote> reicht, Frank, <q rend="double-qm"
                                >Helldunkel</q> (<ref xml:id="ref_Frank2007-210" type="bibl"
                                target="#Frank2007">2007: 210</ref>). </p></note> So erschien das
                        <hi rend="italic">Helldunkel</hi> gleichzeitig als Objekt der empirischen
                    Beobachtung (im realen Sinne) sowie als Bezeichnung eines ideellen Objekts und
                    seiner Wirkung. Diese neu entstandene Zweideutigkeit des Wortes wurde sowohl von
                    Johann Christoph Adelung als auch, einige Jahrzehnte später, von den Gebrüdern
                    Grimm im jeweiligen Wörterbuch berücksichtigt. So fügte Adelung dem Lemma <quote
                        source="#ref_Adelung1808-1100b">das Helldunkle</quote> eine zweite
                    Definition des Wortes hinzu, und zwar als <quote source="#ref_Adelung1808-1100b"
                        >die Haltung</quote>, wodurch ein geistig-charakterlicher Bedeutungshorizont
                    suggeriert wurde (<ref xml:id="ref_Adelung1808-1100b" type="bibl"
                        target="#Adelung1808">Adelung 1808: 1100</ref>). Die Gebrüder Grimm (<ref
                        xml:id="ref_Grimm2021" type="bibl" target="#Grimm2021">2021</ref>) listen
                    eine Reihe von Quellen auf, welche den Begriff <quote source="#ref_Grimm2021">im
                        nicht technischen Sinne</quote> verwenden, eingeführt mit einem Zitat aus
                    Wielands <title>Geschichte des Agathons</title>, in dem die Rede von einem
                        <quote source="#ref_Wieland2010-769">magischen Helldunkel</quote> ist,
                        <quote source="#ref_Wieland2010-769">worin [dem Auge] das volle Licht der
                        Vernunft nach und nach unerträglich wird</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wieland2010-769" type="bibl" target="#Wieland2010">Wieland 2010:
                        769</ref>). Wenngleich Wielands <q rend="double-qm">magische[s]
                        Helldunkel</q> sich zum <q rend="double-qm">technischen</q>“ Helldunkel in
                    einem übertragenen Sinne verhält, indem das geistige Chiaroscuro einen Kontrast
                    zum aufgeklärten Licht bildet, hält es zugleich auch die empirische Dimension
                    eines Sehens fest, das entgegengesetzte Elemente zusammenbringt. </p>
                <p>Beide Seiten des Helldunkels, das heißt das Technische als auch das ins Magische
                    oder Ideelle übertragene, werden dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts in
                    Friedrich Wilhelm Schellings <title>Philosophie der Kunst</title> (<ref
                        type="bibl" target="#ref_Schelling1984">1984</ref>) zusammengebracht. Obwohl
                    Schelling sich technischer Begriffe aus den verschiedenen Kunstbereichen
                    bedient, sollte sein Versuch einer <q rend="double-qm">Konstruktion der
                        Kunstformen</q> jedoch keinesfalls als Ästhetik bzw. Theorie der Kunst im
                    engeren Sinne verstanden werden. Eben davor warnt der Autor selbst, und zwar
                    1802 in einem Brief an August Wilhelm Schlegel, in dem er sein Vorhaben
                    bekanntgibt, im kommenden Semester an der Berliner Universität eine Philosophie
                    der <quote source="#ref_Schlegel1989-435-436">Kunst an sich</quote> vorzutragen,
                    welche maßgeblich eine <quote source="#ref_Schlegel1989-435-436">Philosophie des
                        Universums</quote> sein solle (<ref xml:id="ref_Schlegel1989-435-436"
                        type="bibl" target="#Schlegel1989">Schlegel 1989: 435–436</ref>). <note
                        xml:id="endnote_07"><p>Über Schellings bahnbrechende Einführung der Idee der
                            Identität und Konterdependenz zwischen Philosophie und Kunst <ref
                                type="bibl" target="#Campbell2010">vgl. Campbell 2010</ref>:
                        2.</p></note> Diese Philosophie sollte im Unterschied zur Theorie der Künste
                    im bloßen empirischen Sinne entfaltet und verstanden werden, das heißt, im
                    Kontrast zu derjenigen, die Schlegel in seinen eigenen <title>Vorlesungen über
                        schöne Literatur und Kunst</title> ausgearbeitet hatte, und der Schelling
                    Begriffe wie den des <q rend="double-qm">Helldunkels</q> entnimmt und
                        weiterbearbeitet.<note xml:id="endnote_08">
                        <p>Am Ende des Briefes bittet Schelling Schlegel um eine Kopie seiner
                            Vorlesungen. Für Schlegels Einführung des Begriffs des Helldunkels <ref
                                type="bibl" target="#Schlegel1989">s. Schlegel 1989: 324f.</ref></p>
                    </note></p>
                <p>Bereits in dieser früheren Briefquelle sowie auch später in seiner
                        <title>Philosophie</title> deutet Schelling hingegen an, dass seine
                    philosophische Auseinandersetzung mit der Kunst der höchste Ausdruck seiner
                    Identitätsphilosophie in der Realität sei (<ref type="bibl"
                        target="#Schlegel1989">ebd.: 435f.</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Schelling1984">Schelling 1984: 185–200</ref>). Anhand der
                    verschiedenen Kunstformen <hi rend="italic">bilde</hi> der Künstler, laut
                    Schelling, die ideellen Formen in die Realität <hi rend="italic">ein</hi>, und
                    demnach könne sie der Philosoph dann in der Realität begreifen (<ref type="bibl"
                        target="#Schelling1984">ebd.: 289</ref>). Alle technischen sowie
                    künstlerischen Begriffe sind daher als elementare Bestandteile in Schellings
                    System zu verstehen – ein System, das eine Triplizität zwischen dem Realen, dem
                    Ideellen und der Indifferenz konstatiert und welches durch ein inneres Streben
                    nach Einheit gekennzeichnet ist.<note xml:id="endnote_09">
                        <p>Auf dieses Streben nach Einheit wird Hegel später oft zurückgreifen,
                            indem er Schellings Triplizität, deren Konstruktion er als <quote
                                source="#ref_Hegel1988-37">einen Zirkel von Gegenseitigkeit, wodurch
                                man nicht erfährt, was die Sache selbst, weder was die eine noch die
                                andere ist</quote> stark kritisiert (<ref xml:id="ref_Hegel1988-37"
                                type="bibl" target="#Hegel1988">1988: 37</ref>).</p>
                    </note> Die sich daraus ergebende modellartige Bedeutung der Kunst bei
                    Schelling, welche im markanten und dezidierten Unterschied zu Kants Ästhetik
                    steht, schlägt eine neue Brücke zwischen den Kunstformen – und verleiht dabei
                    auch den technischen Termini eine stiftende Rolle und <quote
                        source="#ref_Knatz1998-110">Potenz</quote> im philosophischen System (<ref
                        xml:id="ref_Knatz1998-110" type="bibl" target="#Knatz1998">Knatz 1998:
                        110</ref>). </p>
                <p>In diesem Zusammenhang stellt Schelling das Helldunkel, <quote
                        source="#ref_Schelling1984-361">[den] eigentlich magische[n] Teil in der
                        Malerei</quote>, als das <quote source="#ref_Schelling1984-361"
                        >Ideelle</quote> in der Kunst der Malerei vor (<ref
                        xml:id="ref_Schelling1984-361" type="bibl" target="#Schelling1984">Schelling
                        1984: 361</ref>). Es ist aufgrund der <quote source="#ref_Schelling1984-358"
                        >Spiele und Zufälligkeiten des Helldunkels</quote>, dass Tiefe und Fläche
                    erzeugt werden können und Körper und Gestalten in der Zeichnung gleichzeitig
                    zusammen oder getrennt voneinander erscheinen (<ref
                        xml:id="ref_Schelling1984-358" type="bibl" target="#Schelling1984">ebd.:
                        358</ref>). Diese besondere Leistung des Helldunkels liegt in Schellings
                    Ermessen am unendlichen Spektrum von Helligkeit und Dunkelheit, welches eine
                    einzigartige Wahrnehmung aufgefächerter Mannigfaltigkeit ermöglicht. Die Wirkung
                    dieser Wahrnehmung beschreibt Schelling als eine, in der die verschiedenen
                    Abstufungen von Dunkelheit und Helligkeit <quote
                        source="#ref_Schelling1984-361f">unterscheidbar bleiben, ohne in sich selbst
                        unterscheidbar zu sein</quote> (<ref xml:id="ref_Schelling1984-361f"
                        type="bibl" target="#Schelling1984">ebd.: 361f.</ref>). Nur durch das
                    gleichzeitige Erfassen der Abstufungen im Helldunkel, welche in Wirklichkeit
                        <quote source="#ref_Schelling1984-362a">identische und nur in sich selbst
                        abstufende Maße</quote> sind, so folgert Schelling, könne das Bild als
                    Ganzes erfasst werden. In diesem <quote source="#ref_Schelling1984-362a"
                        >Zustand</quote> nimmt das Auge eine <quote source="#ref_Schelling1984-362a"
                        >aus der Differenz hergestellt[e] Indifferenz</quote> wahr, oder, um
                    Kierkegaards Terminologie erneut aufzugreifen, <hi rend="italic">sieht es
                        zusammen</hi>. Diese zusammengesehene Indifferenz ist Schelling zufolge
                    nichts weniger als <quote source="#ref_Schelling1984-362a">die eigentliche und
                        wahrste Wirkung aller Kunst</quote> (<ref xml:id="ref_Schelling1984-362a"
                        type="bibl" target="#Schelling1984">ebd.: 362</ref>).</p>
                <p>Schellings Formulierung der <quote source="#ref_Schelling1984-362a">aus der
                        Differenz hergestellten Indifferenz</quote> durch das Helldunkel in der
                    Malerei führt dabei unmittelbar zu seinen Erörterungen über die Musik zurück –
                    der ersten Kunstform in seinem Kunstmodell. Dort untersucht Schelling unter
                    seinem Begriff der <quote source="#ref_Schelling1984-362a">Harmonie</quote> ein
                    äquivalentes Phänomen der erlebten <quote source="#ref_Schelling1984-362a"
                        >Vielheit</quote>. Wie später in Bezug auf das Helldunkel in der Malerei
                    versteht Schelling den Begriff der Harmonie als ideelle Potenz der musikalischen
                    Kunst. Dementgegen fungiert der Rhythmus als das Reale und die Melodie als die
                    Indifferenz im musikalischen System. Unter dem Begriff der Harmonie erfasst
                    Schelling daher nicht nur den Gegensatz zur Melodie, d.h. nicht nur den
                    vertikalen Akkord im Unterschied zur horizontalen Linie, sondern alles, was über
                    die alleinstehende homophone Linie hinausgeht. Aus diesem Grund begreift er den
                    historischen Übergang vom homophonen Cantus Firmus zum vierstimmig gesetzten
                    Choral als einen Übergang von Melodie zu Harmonie. Die <quote
                        source="#ref_Schelling1984-325">neuere Musik</quote>, das heißt, die Musik
                    seiner eigenen Epoche, bezeichnet er aus diesem Grund als harmonisch.<note
                        xml:id="endnote_10">
                        <p><quote source="#ref_Schelling1984-325">Das Vorherrschende in der neueren
                                Musik ist die Harmonie, welche eben das Entgegengesetzte der
                                rhythmischen Melodie der Alten ist</quote> (<ref
                                xml:id="ref_Schelling1984-325" type="bibl" target="#Schelling1984"
                                >Schelling 1984: 325</ref>). Diese Auffassung der neuen Musik lässt
                            sich u.a. auch in E.T.A. Hoffmanns <title>Alte und neue Musikkirche
                            </title>finden.</p>
                    </note> Die Erschaffung der Harmonie gelingt nach Schelling erst dann, <quote
                        source="#ref_Schelling1984-326b">wenn [der Tonkünstler] mehrere Stimmen,
                        deren jede ihre eigene Melodie hat, in ein wohlklingendes Ganzes zu
                        vereinigen weiß. Dort [in der Melodie] ist offenbar Einheit in Vielheit,
                        hier [in der Harmonie] Vielheit in Einheit, dort Succession, hier
                        Coexistenz</quote> (<ref xml:id="ref_Schelling1984-326b" type="bibl"
                        target="#Schelling1984">ebd.: 326</ref>). </p>
                <p>Schellings Harmonie-Begriff steht dabei nicht, wie bei Adorno, im Gegensatz zur
                    Polyphonie, sondern ist im Wesentlichen polyphon gedacht, und zwar auf eine
                    Weise, die sich auch bei anderen Zeitgenossen vorfinden lässt.<note
                        xml:id="endnote_11">
                        <p>Sowohl die Betrachtung der Harmonie als kontrapunktisch, welche von
                            Jean-Philippe Rameau in seiner Harmonielehre eingeführt wird, als auch
                            die Spuren der vorherrschenden begrifflichen Verschwommenheit im Bereich
                            der Musiktheorie werden später von E.T.A. Hoffmann in seiner
                                <title>Kreisleriana</title> hervorgehoben: <quote
                                source="#ref_Hoffmann2006-71">In keiner Kunst ist die Theorie
                                schwächer und unzureichender als in der Musik, die Regeln des
                                Kontrapunkts beziehen sich natürlicherweise nur auf die harmonische
                                Struktur, und ein danach richtig ausgearbeiteter Satz ist die nach
                                den bestimmten Regeln des Verhältnisses richtig entworfene Zeichnung
                                des Malers</quote> (<ref xml:id="ref_Hoffmann2006-71" type="bibl"
                                target="#Hoffmann2006">Hoffmann 2006: 71</ref>). Zum Thema der
                            langen begrifflichen Bestimmung der Polyphonie im Feld der
                            Musikwissenschaft <ref type="bibl" target="#Frobenius1980">s. Frobenius
                                1980</ref>.</p>
                    </note> Jenseits der Frage nach Schellings Kenntnissen im Bereich der
                    Musiktheorie bzw. nach den historischen Tendenzen in der Definition
                    musikalischer Termini soll hier jedoch das Augenmerk auf Schellings wiederholten
                    Versuch gerichtet werden, eine Wahrnehmung der <q rend="double-qm">Vielheit in
                        der Einheit</q> darzustellen. Die hier erzielte <q rend="double-qm"
                        >Coexistenz</q> kommt indessen der <q rend="double-qm">aus der Differenz
                        hergestellten Indifferenz</q> des Helldunkels nahe. Wenngleich beide
                    Phänomene – die harmonische Koexistenz als auch die helldunkle Indifferenz – von
                    Schelling nicht explizit zusammengebracht werden, zeigen sie dennoch Schellings
                    systematische Suche nach einem <q rend="single-qm">zusammenerlebten</q> Ganzen
                    auf, welches durch eine Wahrnehmung verschiedener Elemente hergestellt wird. Ein
                    Rückbezug auf Kierkegaards Worte ermöglicht hier das Wiedererkennen des
                    spekulativ eingestellten Verfahrens des <q rend="double-qm">Zusammensehens</q>
                    in Schellings Helldunkel sowie auch jenes des <q rend="double-qm"
                        >Zusammenhörens</q> in der harmonischen Koexistenz. Denn obwohl es sich beim
                    Helldunklen um ein abgestuftes Spektrum handelt – und in der harmonischen
                    Koexistenz um die Vielheit selbstständiger Stimmen – setzten beide Phänomene die
                    Idee der Mannigfaltigkeit als Ausgangpunkt der künstlerischen Form sowie als
                    deren ästhetische Anschauung voraus. </p>
                <p>Die Idee einer erstrebten und erlebten Mannigfaltigkeit steht dabei im Widerspiel
                    zum <q rend="double-qm">volle[n] Licht der Vernunft</q>, wie bereits in Wielands
                    Worten angeführt wurde. Die Tragweite dieses Paradigmenwechsels, der neue
                    Ansätze zur menschlichen Erkenntnis und Kultur hervorbrachte, lässt sich durch
                    einen Vergleich mit früheren Auffassungen der geistigen Funktion sinnlicher
                    Apperzeption nachverfolgen. Ein einschlägiges Beispiel dafür bietet Johann
                    Gottfried Herders Definition des menschlichen Gehörs im Dienst der Sprache und
                    Kultur in seiner 1769 veröffentlichten Preisschrift <title>Abhandlung über den
                        Ursprung der Sprache</title>. Die menschliche Seele, welche aufgrund der
                    dunklen Gefühle und des <quote source="#ref_Herder1985-747"
                        >überglänzenden</quote> Sehens <quote source="#ref_Herder1985-747">unter der
                        Mannichfaltigkeit erliegt</quote>, bedürfe, laut Herder, einer mäßigenden
                    Mitte, um zum Ausdruck zu kommen (<ref xml:id="ref_Herder1985-747" type="bibl"
                        target="#Herder1985">Herder 1985: 747</ref>). Diese Mitte erkennt Herder im
                    menschlichen Gehör, das eine vereinheitlichende Funktion besitzt: <quote
                        source="#ref_Herder1985-747f">Das Gehör greift also von beiden Seiten um
                        sich: macht klar, was zu dunkel; macht angenehmer, was zu helle war: bringt
                        in das <hi rend="italic">Dunkelmannichfaltige</hi> des Gefühls mehr Einheit,
                        und in das <hi rend="italic">Zuhellmannichfaltige</hi> des Gesichts
                        auch</quote> (<ref xml:id="ref_Herder1985-747f" type="bibl"
                        target="#Herder1985">ebd.: 747f.</ref>). Nur durch die kraft der
                    menschlichen Besonnenheit getriebene Mäßigung jener überwältigenden
                    Mannigfaltigkeit werde eine Einheit in der Form der Sprache erreicht. Diese
                    Einheit, welche Herder als eine der <q rend="double-qm">Proportion und
                        Ordnung</q> auffasst, ist demnach <q rend="double-qm">von Besinnung und
                        Sprachschaffung</q> abgeleitet. Herders eigene Bezeichnung dieser Einheit
                    als <q rend="double-qm">System</q> unterscheidet sich somit wesentlich von
                    Schellings späterem dialektischen Systembegriff. Sie entsteht nicht infolge der
                    Erkenntnis von <q rend="double-qm">Koexistenz</q> oder <q rend="double-qm"
                        >Differenz</q>, sondern wird durch das Überwinden dieser Phänomene
                    vorausgesetzt. Diese Überwindung wird dabei in Herders <title>Abhandlung</title>
                    zu einer zentralen Eigenschaft der menschlichen Vernunft, die die sprachliche
                    Kommunikation und folglich die Bildung der menschlichen Gesellschaft ermöglicht. </p>
                <p>Als poetischer Vorbote für Schellings Begriff der Mannigfaltigkeit sowie Bruch
                    mit Herders Position dient eine spätere, frühromantische <q rend="double-qm"
                        >Ursprungsgeschichte</q> von Sprache und Menschheit, die Wielands Abkehr vom
                    unerträglichen <q rend="double-qm">volle[n] Licht der Vernunft</q>
                    weiterentfaltet: Novalis’ zweiter Teil aus seiner 1802 posthum erschienenen
                    Erzählung <title>Die Lehrlinge zu Sais</title>. Unter dem Titel <q
                        rend="double-qm">Die Natur</q> wird die Genese der menschlichen Sprache und
                    somit auch diejenige der Gesellschaft als <quote source="#ref_Novalis1969-82a"
                        >Übung</quote> geschildert, in der <quote source="#ref_Novalis1969-82a"
                        >Entwicklungen</quote> gefördert werden, die ihrerseits ein langes Verfahren
                    der Zergliederung und Teilung der Natur durch die Sinne vorantreiben (<ref
                        xml:id="ref_Novalis1969-82a" type="bibl" target="#Novalis1969">Novalis 1969:
                        99</ref>). Dieses unentbehrliche Verfahren vergleicht Novalis <q
                        rend="double-qm">mit den Brechungen des Lichtstrahls</q> und erkennt es
                    nicht nur als sinnliche Aktivität, sondern gleichzeitig auch als Geschehen im
                    Inneren des menschlichen Subjekts. Die Abstufungen des erzeugten Helldunkels
                    sind demnach Gegenstände der Sinne und des Geistes und sollen dann durch die
                    Menschen wieder genannt, gemischt und miteinander verknüpft werden.<note
                        xml:id="endnote_12">
                        <p>Über die <q rend="double-qm">Übung</q> in Novalis’ <title>Die Lehrlinge
                                zu Sais </title>als kulturelles Produkt <ref type="bibl"
                                target="#Weber2019">vgl. Weber 2019: 60–75</ref>.</p>
                    </note> Über das menschliche Scheitern dieser Anschauung wird im Text
                    anschließend geklagt und vermutet: <quote source="#ref_Novalis1969-82b"
                        >Vielleicht ist es nur krankhafte Anlage der späteren Menschen, wenn sie das
                        Vermögen verlieren, diese zerstreuten Farben ihres Geistes wieder zu mischen
                        und nach Belieben den alten einfachen Naturstand herzustellen oder neue,
                        mannigfaltige Verbindungen unter ihnen zu bewirken</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Novalis1969-82b" type="bibl" target="#Novalis1969">ebd.</ref>).
                    Die Unfähigkeit, die „<q rend="double-qm">Brechungen des Lichtstrahls</q>
                    zusammenzusehen und sie erneut ins Spiel zu bringen, bedeutet daher für Novalis
                    ein Scheitern de Geistes und unterstreicht somit die Abkehr von Herders
                    sprachlicher <q rend="double-qm">Einheit</q>. Dieses Scheitern findet jedoch
                    nicht in <title>Die Lehrlinge zu Sais </title>statt, denn die miteinander
                    vermischten Stimmen der Lehrlinge und des Meisters mit den Lauten der Natur
                    werden alle von dem Lehrling wahrgenommen und im poetischen Text entfaltet (<ref
                        type="bibl" target="#Weber2019">Weber 2019: 71–72</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Kreuzer1979">Kreuzer 1979: 287–289</ref>). Der Text kann in diesem
                    Sinne als poetischer Ausdruck und Vollzug von Schellings <q rend="double-qm"
                        >Coexistenz</q> und <q rend="double-qm">Vielheit in Einheit</q> betrachtet
                    werden. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-07_03">
                <head>3. Helldunkel als Voraussetzung der Polyphonie – Bachtin und Adorno </head>
                <p>Die romantisch-ideelle Gestaltung des mannigfaltigen Ganzen durch visuelle und
                    auditive Begriffe findet im ersten Teil des 20. Jahrhunderts ihren Widerhall und
                    erlangt somit eine neue Bedeutung. Zu jenem Zeitpunkt ist es der russische
                    Literaturwissenschaftler und Philosoph Michail Bachtin, der in seinem Werk eine
                    neue Verbindung zwischen den Begriffen Helldunkel und Polyphonie herstellt. Im
                    offenkundigen Gegensatz zu Schellings ideellem Helldunkel führt Bachtin in
                    seiner Schrift <title>Das Wort im Roman</title> den Begriff des <hi
                        rend="italic">Светотень</hi> ein (die russische Übersetzung des
                    italienischen <hi rend="italic">chiaroscuro</hi>), der als Grundlage für die
                    Wahrnehmung der Polyphonie in der Sprache dienen soll, und zwar sowohl in der
                    sozialgeschichtlichen Realität als auch in der literarischen Gattung des Romans.
                    Jede <q rend="double-qm">lebendige Äußerung</q> entsteht somit, laut Bachtin,
                    immer als Teil eines andauernden Dialogs, der ihren Gegenstand gestaltet:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bachtin1979-170">jeder <q rend="single-qm">besprochene</q>
                        und <q rend="single-qm">bestrittene</q> Gegenstand wird von der in der Rede
                        differenzierten sozialen Meinung, vom fremden Wort über ihn einerseits
                        erhellt und anderseits verdunkelt; und in dieses komplexe Spiel des
                        Helldunkel tritt das Wort ein, sättigt sich an ihm, wobei es in ihm seine
                        eigenen semantischen und stilistischen Konturen facettiert (<ref
                            xml:id="ref_Bachtin1979-170" type="bibl" target="#Bachtin1979">Bachtin
                            1979: 170</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Nur wenn dieses von Bachtin geschilderte <q rend="double-qm">Spiel des
                        Helldunkel</q> bewusst wird, findet <hi rend="italic">Heteroglossie</hi>
                    (Mehrstimmigkeit oder Redevielfalt) als Zustand jeder Rede in der Realität und
                    im polyphonen Roman ihre Anerkennung. Die <hi rend="italic">Heteroglossie</hi>,
                    ein von Bachtin geprägter Begriff, bezeichnet den Zustand, in dem die Rede
                    Spuren mehrerer Stimmen in sich trägt und sich daher in einer ständigen
                    Auseinandersetzung mit allen anderen Abstufungen des Helldunkels befindet.<note
                        xml:id="endnote_13">
                        <p>In der deutschen Übersetzung (im Unterschied zur englischen) wird der
                            Begriff <hi rend="italic">Heteroglossie </hi>oft wörtlich übersetzt, wie
                            z. B. in <quote source="#ref_Bachtin1979-157">Redevielfalt</quote> (<ref
                                xml:id="ref_Bachtin1979-157" type="bibl" target="#Bachtin1979"
                                >Bachtin 1979: 157</ref>). Über die Bedeutung des Begriffes in
                            Bachtins Werk <ref type="bibl" target="#Holquist1990">vgl. Holquist
                                1990: 67f.</ref></p>
                    </note> Die literarische Gegenüberstellung mehrerer solcher durch das Spiel des
                    Helldunkels beleuchteten Stimmen, wie es in der menschlichen Realität ohnehin
                    vorkommt, gestaltet nach Bachtin den polyphonen Roman – einen Roman, der durch
                    eine Pluralität von selbstständigen Stimmen der Realität der menschlichen
                    Sprache treu bleibt (<ref type="bibl" target="#Bachtin1971">Bachtin 1971:
                        10</ref>).</p>
                <p>Der Vergleich von Bachtins <q rend="double-qm">Spiel des Helldunkels</q> in der
                    Rede mit Schellings <q rend="double-qm">Spiele und Zufälligkeiten des
                        Helldunkels</q> in der Malerei verweist darauf, dass beide Spiele von einem
                    Zustand der Mannigfaltigkeit ausgehen und daher der harmonischen <q
                        rend="double-qm">Coexistenz</q> oder polyphonen Rede entsprechen. Während
                    die Anschauung dieser Mannigfaltigkeit Schelling als ideelle Voraussetzung der
                    erlebten Indifferenz dient, begreift Bachtin sie als Urzustand der realen
                    Polyphonie im Leben und im Roman. Schellings Begriffe der Harmonie und des
                    Helldunkels werden vom technischen Bereich abstrahiert und in ein
                    philosophisches System übertragen. Dementgegen liegen Bachtins <hi rend="italic"
                        >Helldunkel </hi>und <hi rend="italic">Polyphonie </hi>einer
                    Metaphorisierung zu Grunde, aus der sie gleichzeitig als konkrete Gestaltung von
                    Gattung, Sprache und Gesellschaft hervorgehen. Nichtsdestoweniger dient in
                    beiden Fällen die Verschränkung von Begriffen aus den visuellen und auditiven
                    Bereichen zur Einführung eines Phänomens oder einer Idee, die keinem einzigen
                    Sinn, keiner einzigen Kunstform oder gar einzigem Lebensbereich ausschließlich
                    zugeschrieben sind. Denn für beide Denker setzt das Nachvollziehen oder gar
                    Erkennen einer <q rend="double-qm">Einheit in der Vielheit</q> die Korrespondenz
                    von Helldunkel und Polyphonie voraus, die die Wahrnehmung einer <q
                        rend="double-qm">Vielheit in Einheit</q> fordern. Die Unfähigkeit, das
                    Helldunkle oder Polyphone als solches zu erleben, zu begreifen oder anzuschauen,
                    bedeutet, analog zu Novalis’ ausgerufener <q rend="double-qm">krankhafte[n]
                        Anlage</q>, ein Ausschließen des philosophischen Systems im Fall Schellings
                    sowie von Gesellschaft und Sprache im Fall Bachtins. </p>
                <p>Zum Abschluss soll hier nochmals zum Ausgangspunkt des Vergleiches zurückgekehrt
                    werden, und zwar zu Adornos Plädoyer für die neue Musik, deren Kontrapunktik das
                    Ohr zusammenhören soll, ebenso wie das Auge zusammensieht. Das Befolgen dieser
                    Anweisung, zu der nur das spekulative Ohr fähig ist, steht für Adorno als die
                    absolute Voraussetzung für den Weg zum Hören der <q rend="double-qm">genuin
                        selbstständige[n] Stimmen</q>, ohne diese gleich zu nivellieren. Diese
                    Herausforderung erweist sich in Anbetracht der von Schönberg angekündigten <q
                        rend="double-qm">neuen Epoche des polyphonen Stils</q> umso größer und
                    dringender. Denn ohne das tonale Bezugssystem sowie die von ihm bewirkten
                    vereinheitlichten Spuren einer <q rend="double-qm">inneren Historizität</q> im
                    musikalischen Werk sind nunmehr die alten Höranker abhandengekommen. </p>
                <p>Adornos Anweisungen zum Hören der neuen Musik gehen jedoch über die Grenzen des
                    musikalischen Mediums hinaus. Für ihn steht die (wahre) neue Musik als <quote
                        source="#ref_Adorno2003c-246">Trägerin einer geistig-moralischen
                        Verpflichtung</quote> (<ref xml:id="ref_Adorno2003c-246" type="bibl"
                        target="#Adorno2003c">Adorno 2003c: 246</ref>), indem sie einen verkehrten
                    Umgang mit der Welt bloßstellen muss. Diesen Umgang beschreibt Adorno als <q
                        rend="double-qm">die Tendenz zum atomistischen und kulinarischen Hören, eine
                        […] Neigung zum Abtasten und Abschmücken isolierter Reizmomente.</q>
                    <note xml:id="endnote_14">
                        <p>Vgl. Adornos frühere Beschreibung der Aufgabe der neuen Musik, die so
                            gemeint ist <quote source="#ref_Adorno2003c-147f">daß Widersprüche und
                                Gegensätze, die zwischen verschiedenen Bereichen oder Schichten der
                                Musik walten, ausgetragen werden</quote>. Das musikalische Material
                            und dessen inbegriffene Widersprüche beschreibt er dann als solches, in
                            dem <quote source="#ref_Adorno2003a-147f">die gesamte musikalische
                                Geschichte, schließlich die ganze Gesellschaft</quote> steckt (<ref
                                xml:id="ref_Adorno2003a-147f" type="bibl" target="#Adorno2003a"
                                >Adorno 2003a: 147f.</ref>).</p>
                    </note> Um die Polyphonie als Ganzes von selbstständigen Stimmen zu hören und
                    das atomistische Anschauen durch ein spekulatives und kritisches zu ersetzen,
                    soll man die neue Musik <q rend="double-qm">so hören, wie man ein Bild als
                        Ganzes betrachtet, alle ihre Momente in eines setzen, eine Gleichzeitigkeit
                        des Sukzessiven sich erwerben, anstatt bei jener Diskontinuität zu belassen,
                        zu welcher das Medium der Musik, die zeitliche Aufeinanderfolge,
                        verlockt</q><note xml:id="endnote_15">
                        <p>Über die Möglichkeit eines räumlichen Paradigmas von Mehrstimmigkeit <ref
                                type="bibl" target="#Previšić2014">vgl. Previšić 2014:
                            133.</ref></p></note>. Der Übergang vom Hören zum Sehen und zurück legt
                    auch hier die Auffassung von Polyphonie und Kontrapunktik als Ausdruck der
                    Koexistenz entgegengesetzter Elemente dar, die über die jeweilige Kunstform
                    hinausgehen. Im Gegensatz zu Schellings Kunstsystem, weist hier die sinnliche
                    und mediale Verlagerung jedoch nicht auf die Möglichkeit einer
                    sinnübergreifenden Vorstellung der Mannigfaltigkeit hin, sondern vielmehr auf
                    die Unmöglichkeit einer solchen Vorstellung. Denn ob wir Musik tatsächlich als
                    Bild betrachten oder Polyphonie als Helldunkel auffassen, um somit <q
                        rend="double-qm">mehrere genuin selbstständige Stimmen gleichzeitig in ihrem
                        Unterschied und in ihrer Bezogenheit aufeinander</q> auffassen zu können,
                    bleibt dahingestellt. Es kommt daher die Frage auf, ob es laut Adorno überhaupt
                    eine reale Möglichkeit gibt, die <q rend="double-qm">Vielheit in der Einheit</q>
                    wahrzunehmen, oder ob es sich bei der neuen Musik vielmehr um eine ästhetische
                    Formel handelt, die strukturell jenseits der Ästhetik verortet ist und somit dem
                    Zuhörer und seinen Sinnen ein im Grunde unerreichbares Ziel setzt. Obgleich
                    Adorno diese Frage dem Anschein nach unbeantwortet lässt, ist seine Entscheidung
                    für den Apparat der <q rend="double-qm">Anweisung</q> dennoch von erheblicher
                    Bedeutung. Vielmehr als ein <q rend="double-qm">Spiel</q> im ästhetischen oder
                    gar hermeneutischen Ansatz Gadamers konstatiert Adorno eine Aufgabe kritischer
                    Art. Gleichzeitig und in Anlehnung an seine eigene Auslegung von Kierkegaards <q
                        rend="double-qm">Konstruktion des Ästhetischen</q> kann die Unmöglichkeit
                    des Zusammenhörens jedoch auch als <quote source="#ref_Schwab2011-329">die
                        unmögliche Möglichkeit der Versöhnung</quote> zwischen den entgegengesetzten
                    Elementen betrachtet werden (<ref xml:id="ref_Schwab2011-329" type="bibl"
                        target="#Schwab2011">Hühn und Schwab 2011: 329</ref>). Diese Versöhnung
                    sieht Adorno in seiner Habilitationsschrift als den utopischen Kern in
                    Kierkegaards Ästhetik. So schreibt er sie dann später dem Konstruktivismus der
                    Zwölftonmusik Schönbergs zu, dessen inbegriffene Verwehrung er als <quote
                        source="#ref_Adorno1979-195-200">aber nichts anderes als die Versöhnung der
                        Momente, die ihm mißlingt</quote>, darstellt (<ref
                        xml:id="ref_Adorno1979-195-200" type="bibl" target="#Adorno1979">Adorno
                        1979: 195–200</ref>; <ref type="bibl" target="#Adorno2003b">Adorno 2003b:
                        101</ref>).</p>
                <p>Mit diesem Fragehorizont, der sich schließlich nicht nur auf das hörende Subjekt,
                    sondern auch auf das Objekt der neuen Musik bezieht, schließt Adorno an eine
                    lang andauernde sowie komplexe Auseinandersetzung um die Möglichkeit des
                    medialen und synästhetischen Übergangs an. Im Kern dieser Debatte steht der
                    Versuch, die <q rend="single-qm">zusammenerlebte</q> Mannigfaltigkeit von
                    Stimmen im weiteren Sinne als künstlerisches, poetisches, philosophisches und
                    kritisches Grundproblem sowie auch erstrebtes Ziel zu bestimmen. Die Anerkennung
                    einer strukturellen Übertragbarkeit des Phänomens der Vielheit von einem Medium
                    auf das andere wird indessen durch die Anerkennung der Existenz eines
                    heterogenen Übergangs innerhalb des jeweiligen Mediums in Form der Polyphonie
                    oder des Helldunkels vorausgesetzt. Die sich daraus ergebende Synästhesie
                    findet daher nicht zwischen den Sinnen statt, sondern gilt vielmehr als
                    Vorbedingung der subjektiven Erkenntnis von Mannigfaltigkeit überhaupt. </p>
                <p>Die Manifestation dieses Komplexes sowie die ihm zugrunde liegende Denkweise
                    wurden im vorliegenden Beitrag in zwei zentralen Schritten nachvollzogen. Zum
                    einen wurden die Spuren der Vorgeschichte des Bestrebens nach der Erzeugung und
                    Erkenntnis ästhetischer Mannigfaltigkeit als Einheit im deutschen Idealismus
                    sowie auch in der Frühromantik durch Schelling und Novalis nachgezeichnet, um
                    sie dann, andererseits, mit den neuen sozialen und kritischen Zügen des 20.
                    Jahrhunderts bei Bachtin und Adorno erneut aufzuzeigen. Die wiederholte
                    Verbindung der visuellen und auditiven Phänomene von Mannigfaltigkeit in den
                    verschiedenen Abhandlungen untermauert hierbei die jeweiligen
                    Formulierungsversuche einer Ästhetik, Poetologie oder Kritik, in der der
                    sinnliche Bereich als Ausgangspunkt für den geistigen oder theoretischen dient.
                    Der Faden, der sich durch die Behandlung der angesprochenen Texte zieht, erhellt
                    dabei die vollzogene Affinität zwischen Polyphonie und Helldunkel und somit
                    gleichermaßen zwischen dem Auditiven und Visuellen als grundlegenden
                    Bestandteilen der verschiedenen Positionen. Keinesfalls als bloßes rhetorisches
                    Mittel konzipiert, gestattet diese Verbindung die Überwindung der sinnlichen und
                    medialen Differenz zugunsten der Formulierung des allumfassenden Problems,
                    welches gleichzeitig, wie aus jedem der hier angeführten Beispiele hervorgeht,
                    erst durch die Sinne zu erfassen ist. </p>
                <p>Auf der Grundlage der im Beitrag unternommenen verschiedenen Schritte wurde so
                    das Verhältnis zwischen <hi rend="italic">Einheit </hi>und <hi rend="italic"
                        >Vielheit</hi> unterschiedlich beleuchtet, schattiert und zugleich neu
                    bewertet. Während Schellings Betrachtung der Differenz zur Möglichkeit der
                    Indifferenz und Identität führen soll, wurde diese Differenz von Adorno und
                    Bachtin, die die Einheit als Tendenz zur Unterdrückung der übersehenen und
                    überhörten Vielheit verstehen, genau umgekehrt aufgefasst. Novalis hingegen
                    zeichnet ein vielmehr natürliches und somit sich im Kreislauf befindendes
                    Entstehungs-, Schöpfungs- und Erkenntnisverfahren von der Einheit in die
                    Vielheit und zurück. Dadurch wird eine dem Diskurs inhärente Spannung und
                    Dynamik zwischen dem Streben nach der ideellen <q rend="double-qm">Einheit in
                        der Vielheit</q> sowie des umgekehrten Anspruchs der Moderne nach <q
                        rend="double-qm">Vielheit in der Einheit</q> sichtbar. Das Spiel des
                    Helldunkels, das lange vor Schönbergs Ausrufung der neuen polyphonen Epoche
                    begonnen hatte, wird somit neu definiert und fortgesetzt.<note
                        xml:id="endnote_16"><p>Mein großer Dank gilt Prof. Rüdiger Campe für seine
                            konstruktive Kritik sowie die vielen anregenden Vorschläge, die bei der
                            Überarbeitung dieses Beitrags berücksichtigt wurden. </p></note></p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="Adelung1808">Adelung, Johann Christoph. (1808): Das Helldunkle,
                        in: ders.: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart mit
                        beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der
                        Oberdeutschen. Zweyter Theil, von F–L. Wien: Bauer, S. 1100.</bibl>
                    <bibl xml:id="Adorno1979">Adorno, Theodor W. (1979): Kierkegaard. Konstruktion
                        des Ästhetischen [1933]. Frankfurt/M.: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Adorno2003a">Adorno, Theodor W. (2003a): Die Funktion des
                        Kontrapunkts in der neuen Musik [1957], in: ders.: Musikalische Schriften
                        I–III. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 145–169.</bibl>
                    <bibl xml:id="Adorno2003b">Adorno, Theodor W. (2003b): Philosophie der neuen
                        Musik [1949]. Frankfurt/M.: Suhrkamp. </bibl>
                    <bibl xml:id="Adorno2003c">Adorno, Theodor W. (2003c): Anweisungen zum Hören
                        neuer Musik [1963], in: ders.: Komposition für der Film/ Der getreue
                        Korrepetitor. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 188–248. </bibl>
                    <bibl xml:id="Bachtin1971">Bachtin, Michail M. (1971): Probleme der Poetik
                        Dostoevskijs [1963]. Übs. v. Adelheid Schramm. München: Hanser. </bibl>
                    <bibl xml:id="Bachtin1979">Bachtin, Michail M. (1979): Das Wort im Roman, in:
                        ders.: Die Ästhetik des Wortes. Hg. v. Rainer Grübel, übs. v. Rainer Grübel
                        u. Sabine Reese. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 154–300. </bibl>
                    <bibl xml:id="Campbell2010">Campbell, Edward. (2010): Boulez, Music and
                        Philosophy. Cambridge: Cambridge University Press.</bibl>
                    <bibl xml:id="Frank2007">Frank, Hilmar. (2007): Helldunkel. Die Malerei eröffnet
                        einen neuen Wissensraum, in: Caronlin Bohlmann/Thomas Fink/ Philipp Weiss
                        (Hg.): Lichtgefüge des 17. Jahrhunderts. Rembrandt und Vermeer – Spinoza und
                        Leibniz. München: Wilhelm Fink, S. 207–226. </bibl>
                    <bibl xml:id="Frobenius1980">Frobenius, Wolf (1980): Polyphon, polyodisch, in:
                        Hans Heinrich Eggebrecht (Hg.): Handwörterbuch der musikalischen
                        Terminologie, Bd. 5. Wiesbaden: Steiner, S. 1–19. </bibl>
                    <bibl xml:id="Grimm2021">Grimm, Jakob u. Wilhelm (2021): Helldunkel, in:
                        Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte
                        Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities. Abgerufen
                        von <ref target="https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&amp;lemid=H06023#0"
                            >https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&amp;lemid=H06023#0</ref>, Zugriff
                        am 26.6.2021.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hamburger1971">Hamburger, Käte. (1971): Die phänomenologische
                        Struktur der Dichtung Rilkes, in: dies. (Hg.): Rilke in neuer Sicht.
                        Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer, S. 83–158. </bibl>
                    <bibl xml:id="Hegel1988">Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1988): Phänomenologie
                        des Geistes [1807]. Hg. v. Hans-Friedrich Wessels u. Heinrich Clairmont.
                        Hamburg: Meiner.</bibl>
                    <bibl xml:id="Herder1985">Herder, Johann Gottfried. (1985): Abhandlung über den
                        Ursprung der Sprache [1772], in: Ulrich Gaier (Hg.): Werke in zehn Bänden.
                        Bd. 1. Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag, S. 695–810.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hoffmann2006">Hoffmann, E.T.A. (2006): Fantasiestücke in Callot’s
                        Manier [1814]. Hg. v. Wulf Segebrecht u. Hartmut Steinecke. Frankfurt/M.:
                        Deutscher Klassiker Verlag. </bibl>
                    <bibl xml:id="Holquist1990">Holquist, Michael (1990): Dialogism. London/New
                        York: Routledge.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kierkegaard1993">Kierkegaard, Sören. (1993): Entweder – Oder
                        [1843]. Hg. v. Herman Diem u. Walter Rest, übs. v. Heinrich Fauteck.
                        München: dtv. </bibl>
                    <bibl xml:id="Knatz1998">Knatz, Lothar (1998): Die Philosophie der Kunst, in:
                        Hans Jörg Sandkühler (Hg.): F. W. J Schelling. Stuttgart: Metzler, S.
                        109–123. </bibl>
                    <bibl xml:id="Kreuzer1979">Kreuzer, Ingrid (1979): Novalis <hi rend="italic">Die
                            Lehrlinge zu Sais</hi>. Fragen zur Struktur, Gattung und immanenten
                        Ästhetik, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft Stuttgart 23, S.
                        276–308. </bibl>
                    <bibl xml:id="Lehmann2018">Lehmann, Claudia (2018): Chiaroscuro as an Aesthetic
                        Principle. The Art and Theory of Chiaroscuro in the Early Modern Period. An
                        Introduction, in: Claudia Lehmann/Norberto Gramaccini/Johannes Rößler/Thomas
                        Dittelbach (Hg.): Chiaroscuro als ästhetisches Prinzip. Kunst und Theorie
                        des Helldunkels 1300–1550. Berlin/Boston: de Gruyter, S.&#160;9–47. </bibl>
                    <bibl xml:id="Novalis1969">Novalis (1969): Die Lehrlinge zu Sais [1802], in:
                        Gerhard Schulz (Hg.): Novalis Werke. München: C. H. Beck, S. 95–127. </bibl>
                    <bibl xml:id="Previšić2014">Previšić, Boris (2014): Polyphonie und Stimmung.
                        Musikalische Metaphern zur Aktualisierung der Literatur- und Kulturtheorie,
                        in: Wolf Gerhard Schmidt (Hg.): Faszinosum „Klang“. Anthropologie –
                        Medialität – kulturelle Praxis. Berlin/Boston: de Gruyter, S.
                        118–133.</bibl>
                    <bibl xml:id="Previšić2020">Previšić, Boris/Moosmüller, Silvan (2020):
                        Polyphonie, Multiperspektivität, Intermedialität: Eine Einführung in die
                        terminologischen Grundlagen und den Aufbau des Bandes, in: dies. (Hg.):
                        Polyphonie und Narration. Eine Einführung. Trier: WVT, S. 1–22.</bibl>
                    <bibl xml:id="Rilke1996">Rilke, Rainer Maria (1996): Werke, Bd. 2. Gedichte 1910
                        bis 1926. Hg. v. Manfred Engel u. Ulrich Fülleborn. Frankfurt/M.:
                        Insel.</bibl>
                    <bibl xml:id="Schelling1973">Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph (1973): Briefe
                        und Dokumente, Bd. II, 1775–1803, Zusatzband. Hg. v. Horst Fuhrmans. Bonn:
                        Bouvier. </bibl>
                    <bibl xml:id="Schelling1984">Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph (1984): Philosophie der Kunst [1802/1803], in: ders.: Schriften 1801–1803.
                        Frankfurt/M.: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Schlegel1989">Schlegel, August Wilhelm (1989): Vorlesungen über
                        Ästhetik I. 1798–1803. Hg. v. Ernst Behler. Paderborn: Schöningh. </bibl>
                    <bibl xml:id="Schönberg1922">Schönberg, Arnold (1922): Harmonielehre. 3.
                        Auflage. Wien: Universal. </bibl>
                    <bibl xml:id="Schwab2011">Schwab, Philipp/ Hühn, Lore (2011): Intermittenz und
                        ästhetische Konstruktion: Kierkegaard, in: Richard Klein/Johann
                        Kreuzer/Stefan Müller-Doohm (Hg.): Adorno Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
                        Stuttgart: Metzler, S. 325–335. </bibl>
                    <bibl xml:id="Weber2019">Weber, Philipp (2019): Romantisches Üben. <hi
                            rend="italic">Die Lehrlinge zu Sais</hi> von Novalis, in: Anna
                        Dabrowska/ Daniela Doutch/Julia Martel/Alexander Weinstock (Hg.):
                        Verkörperungen des Kollektiven: Wechselwirkungen von Literatur und
                        Bildungsdiskursen seit dem 18. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript, S. 63–86. </bibl>
                    <bibl xml:id="Wolf2017">Werner, Wolf (2017): Towards a Functional Analysis of
                        Intermediality: The Case of Twentieth-Century Musicalized Fiction
                        Musicalisation of Fiction [2002], in: Walter Bernhart (Hg.): Selected Essays
                        on Intermediality by Werner Wolf. Leiden: Brill, S. 38–62. </bibl>
                    <bibl xml:id="Wieland2010">Wieland, Christoph Martin. (2010): Geschichte des
                        Agathon [1766/1767]. Hg. v. Klaus Manger. Berlin: Deutscher Klassiker
                        Verlag. </bibl>
                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
