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                <title type="main" xml:lang="de">Hörreste, Phonographie, Polyphonie</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Akustische Dispositive der Gesellschaftskritik in
                    Kathrin Rögglas Prosawerk</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Rosa</forename>
                        <surname>Coppola</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Università degli Studi di Napoli "L’Orientale"</affiliation>
                    <email>rosa.coppola0505@gmail.com</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0002-4240-2038</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-08</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Polyphonie</term>
                    <term xml:lang="">Kathrin Röggla</term>
                    <term xml:lang="de">Phonographie</term>
                </keywords>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Kathrin Rögglas künstlerische Produktion lässt sich als medienübergreifendes Werk
                    verstehen, in dem durch eine kritische Darstellung der zeitgenössischen
                    Gesellschaft die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen. Rosa Coppola
                    untersucht Rögglas intermediale Inszenierungsstrategien, die in Hubert Fichtes
                    Interviewtechnik eine Grundlage haben. Coppola stellt den Begriff des "Hörrests"
                    ins Zentrum – eine Neubearbeitung des Freud’schen Begriff des "Tagesrests" – und
                    analysiert in zwei Prosatexten die Röggla’sche Re-inszenierung der
                    Mündlichkeit.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Kathrin Röggla’s artistic production may be understood as a cross-media oeuvre in
                    which a critical portrayal of current society blurs the line between fact and
                    fiction. Rosa Coppola examines Röggla’s intermedial strategies of staging based
                    in Hubert Fichte’s interviewing method. Coppola focuses on the concept of the
                    "remnant of listening" – a reworking of Freud’s concept of the "remnant of the
                    day" – and analyses Röggla’s re-staging of orality in two prose texts.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_02-08_01">
                <p>Im Zentrum dieses Beitrags steht das Dispositiv des Hörrests, das als zentrales
                    Phänomen der Realismus-Idee von Kathrin Röggla anzusehen ist. Unter <q
                        rend="single-qm">Hörrest</q> versteht man die akustischen Einheiten, welche
                    die Grundlage der <q rend="double-qm">Sprachpartituren</q> Rögglas bilden. Der
                    Beitrag versucht, den Ursprung und das Funktionieren dieses Schreibprinzips zu
                    erörtern. Am Anfang steht eine Kontextualisierung innerhalb der
                    deutschsprachigen Literaturgeschichte, wobei Korrespondenzen zwischen Rögglas
                    Werk und Hubert Fichte bzw. Sigmund Freud im Vordergrund stehen. Anschließend
                    werden die verschiedenen Deklinationen dieses ästhetischen Dispositivs in einer
                    chronologischen Perspektive gezeigt und diskutiert, mit Beispielen aus
                        <title>Abrauschen</title> und <title>wir schlafen nicht</title>. Als
                    Abschluss wird ein Blick auf die Ausformung des Polyphonen im Rögglas Prosawerk
                    geworfen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-08_02">
                <head>1. Das <q rend="double-qm">hässliche Gespräch</q> des zeitgenössischen
                    Realismus</head>
                <p>Im Rahmen der Diskussion über Formen und Funktionen eines <q rend="double-qm"
                        >strukturalen Realismus</q> (<ref type="bibl" target="#Kammer2020">vgl.
                        Kammer/Krauthausen 2020</ref>) hat Kathrin Röggla ihre ästhetische Position
                    zur <q rend="single-qm">Wirklichkeit</q> als ein <q rend="single-qm"
                        >Begehren</q> definiert:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla2020-232a">Meine ganze Arbeit ist in gewisser Hinsicht
                        als ein Sichabarbeiten an der Realität zu verstehen, das Ideal einer Fiktion
                        als rein Ausgedachtes erschiene mir sinnlos und wahnsinnig einsam. Die
                        Tatsache, dass Realismus ein Begehren ist, das eben nicht mehr oder weniger
                        gleichermaßen verteilt ist, hat mich regelrecht überrascht (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2020-232a" type="bibl" target="#Röggla2020">Röggla
                            2020: 232</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Realismus wird also als Streben und nicht als Effekt verstanden, da sich die
                        <quote source="#ref_Röggla2020-234a">Überkomplexität</quote> der
                    zeitgenössischen Lage bzw. ihre <quote source="#ref_Röggla2020-234a"
                        >Unerzählbarkeit</quote> (<ref xml:id="ref_Röggla2020-234a" type="bibl"
                        target="#Röggla2020">ebd: 234</ref>) jedem synthetischen Zugriff entziehen
                    und daher einen Prozess der Re-Signifikation verlangen, der auf den ersten Blick
                    Unzusammenhängendes in Beziehung setzt. Der Akt des <quote
                        source="#ref_Röggla2020-232b">Herstellen[s] von Konstellationen</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Röggla2020-232b" type="bibl" target="#Röggla2020">ebd:
                        232</ref>) lässt sich als Dominante in Rögglas Ästhetik eruieren: <quote
                        source="#ref_Röggla2020-234b">Doch will man etwas über diese Welt sagen,
                        muss man sich von dem Stoff bewegen lassen. Schon der Eingang in einen Stoff
                        verläuft selten nur durch eine Tür. Und wenn doch, verzweigt sich der Gang
                        gleich danach</quote> (<ref xml:id="ref_Röggla2020-234b" type="bibl"
                        target="#Röggla2020">ebd: 234</ref>). In diesem Sinne betont Kathrin Röggla
                    die Bedeutung des dokumentarischen <q rend="single-qm">Rohstoffs</q> für ihre
                    Schreibpraxis, den sie durch Feldforschung sammelt und der ihre ästhetische
                    Re-Inszenierung der Wirklichkeit aktiv beeinflusst.</p>
                <p>Bei Röggla besteht dieser Werkstoff in erster Linie aus akustischen Materialien,
                    da die Autorin diskursiv den soziokulturellen Veränderungen nachspürt, welche
                    die <hi rend="italic">conditio humana</hi> durch den Neoliberalismus ausgesetzt ist. Der Alltagsdiskurs
                    ist dann als die Spielfläche Rögglas künstlerischer Forschung zu erkennen. Die
                    Mündlichkeit, die Stimme sind wichtige Quellen des Röggla’schen Realismus. Es
                    sind die Stimmen, die als Träger des hegemonialen Diskurses, als akustische
                    Belege des <quote source="#ref_Röggla2013-24">Drehbuch[s], das uns
                        frisst</quote> (<ref xml:id="ref_Röggla2013-24" type="bibl"
                        target="#Röggla2013">Röggla 2013: 24</ref>, fungieren. Dafür etabliert
                    Röggla das <quote source="#ref_Röggla2013-393">hässliche Gespräch</quote>,
                    worunter sie eine Dialogtechnik versteht, die darauf abzielt, in den Akt des
                    Sprechens <quote source="#ref_Röggla2013-393">Stolperstellen</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Röggla2013-393" type="bibl" target="#Röggla2013">Röggla 2013:
                        393</ref>) bzw. unerwartete Abweichungen von einer Denkweise, die von
                    neoliberaler <q rend="single-qm">Disziplinierung</q> durchdrungen ist,
                    einzubauen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla2013-392">Ja, man müsste direkt eine Ästhetik des
                        hässlichen Gesprächs erarbeiten, die dem Maß der Missverständnisse
                        entspricht, der Abstände, dem kommunikativen Abgrund, der sich zwischen
                        Menschen auftut, und zwar nicht existentialistisch verbrämt, sondern
                        konkret, nicht jenseits des Materials, sondern in ihm, in den Diskursen, die
                        ihre eigenen Verwerfungen haben, ihre Diskontinuitäten, Risse. (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2013-392" type="bibl" target="#Röggla2013">ebd.:
                            392</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Rögglas Verarbeitung des Akustischen profiliert sich als ästhetische Strategie,
                    um die versteckte Struktur von Denkschablonen gesellschaftskritisch
                    offenzulegen. Der Spielplatz dieser künstlerischen Forschung ist also der
                    Dialog, und die literarische Umsetzung findet in polyphonen Strukturen statt.
                    Der Polyphonie-Begriff wird zum ersten Mal von Michail Bachtin in
                        <title>Probleme der Poetik Dostojewskijs</title> (1963) geprägt, wo er
                    feststellt, dass die Darstellung eines Konflikts durch eine Pluralität von
                    Stimmen ein Grundmerkmale jedes Ausdrucks von Realismus ist. Realistisch
                    schreiben heißt bei Bachtin: <quote source="#ref_Bachtin1984-10">To affirm
                        someone else’s <q rend="single-qm">I</q> not as an object but as another
                        subject</quote> (<ref xml:id="ref_Bachtin1984-10" type="bibl"
                        target="#Bachtin1984">Bachtin 1984: 10</ref>). Somit lenkt Bachtin die
                    Aufmerksamkeit auf die Reinszenierungsprozesse einer akustischen Vielfältigkeit,
                    welche die Realität in die Literatur überträgt. Dient die Polyphonie bei
                    Dostojewski nach Bachtin dazu, den verschiedenen Manifestationen des menschliche
                    Bewusstseins Würde zu verleihen, so nutzt sie Röggla hingegen als Werkzeug der
                    Kritik an der Realität selbst. </p>
                <p>Um das Verhältnis zwischen Realismus und Polyphonie in Rögglas Werk zu
                    präzisieren, ist ein Blick auf die <q rend="single-qm">Ethnopoesie</q> Hubert
                    Fichtes unumgänglich, die Rögglas Beschäftigung mit dem Dialogischen maßgeblich
                    beeinflusst hat.</p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Strukturen hören und wiederholen: Hubert Fichte</hi>
                </p>
                <p>Nach dem Motto <quote source="#ref_Wischenbart1981-69">ich nehme eine Realität
                        nach dem anderen Weg</quote> (<ref xml:id="ref_Wischenbart1981-69"
                        type="bibl" target="#Wischenbart1981">Wischenbart 1981: 69</ref>) hat Hubert
                    Fichte eine intermediale ethnopoetische <hi rend="italic">Recherche
                    </hi>durchgeführt. Seine Dokumentarpraxis erzeugt einen schriftlichen <quote
                        source="#ref_Wangenheim1981-29">Wörterteppich</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wangenheim1981-29" type="bibl" target="#Wangenheim1981">von
                        Wangenheim 1981: 29</ref>), der immer latent auf das Hier und Jetzt des
                    Dialogs verweist: <quote source="#ref_Krauthausen2014-186">Die Schriftform wird
                        also durch etwas gestört, das der mündlichen Gesprächssituation entstammt,
                        aber nicht mehr bzw. nicht direkt zur Darstellung kommt</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Krauthausen2014-186" type="bibl" target="#Krauthausen2014"
                        >Krauthausen 2014: 186</ref>). Die offensichtliche Simulation einer
                    möglichen Gegenwart entsteht aus dem Prozess der Typisierung fremder Stimmen,
                    denn dieser <quote source="#ref_Trzaskalik2006-95">entindividualisiert ihn [den
                        anderen]; er schneidet in dessen Worten herum und klebt sie auf; schließlich
                        maskiert er sie</quote> (<ref xml:id="ref_Trzaskalik2006-95" type="bibl"
                        target="#Trzaskalik2006">Trzaskalik 2006:95</ref>). Dadurch hebt Fichte die
                    individuelle Lebenserfahrung auf eine kollektive Ebene und ermöglicht poetische
                    Relektüren seiner Interviews, die als alternative Versionen der Wirklichkeit
                    dienen. Das dokumentarische Material bzw. das Gehörte dient als
                    Erkenntnismaterial, anhand dessen die <quote source="#ref_Kammer2020-22"
                        >Wirklichkeit der Sprache</quote>“ dargelegt werden kann:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kammer2020-22">Schon 1967 stellt Fichte fest, dass das
                        eigentlich Literarische weder das zeitlos Wahre noch ein kalkulierbares
                        Wahrscheinliches sei, sondern explizit „das Unberechenbare“. Fichtes
                        literarisches Interesse gilt damit einem Wirklichen, das den
                        rational-kausalen und rational-formalen Darstellungen (in Wissenschaften und
                        Philosophie) entgehen muss. Um die von ihm angezielte Darstellungskompetenz
                        zu erreichen, beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Sprache und
                        Wirklichkeit, und dabei insbesondere: mit der Wirklichkeit der Sprache.
                            (<ref xml:id="ref_Kammer2020-22" type="bibl" target="#Kammer2020"
                            >Kammer/Krauthausen 2020: 22</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Kathrin Röggla bestätigt den Einfluss von Fichtes Forschungsmethodik in mehreren
                    Essays (<ref type="bibl" target="#Röggla2006">vgl. u.a. Röggla 2006:
                    101f</ref>.; <ref type="bibl" target="#Röggla2014">Röggla 2014: 27f.</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#Röggla2019">Marx/Schöll 2019: 25f.</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#Kammer2020">Kammer/Krauthausen 2020: 232f.</ref>).
                    Darüber hinaus widmet sie Fichte speziell ein Aufsatz, der den sinnbildlichen
                    Titel <quote source="#ref_Röggla2001-a">der akustische fichte</quote> trägt
                        (<ref xml:id="ref_Röggla2001-a" type="bibl" target="#Röggla2001">Röggla
                        2001</ref>). Dort spricht die Autorin dezidiert von ihrem eigenen Handeln
                    mit Fichtes Werk und schenkt vor allem seinen Features besondere Aufmerksamkeit,
                    in denen das Spiel zwischen Authentizität und künstlerischer Fiktion in der
                    Akustik ihren Höhepunkt erreicht:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla2001-b">denn schließlich ist ein feature ja mehr als
                        ein text, zumindest was anderes, da geht es doch um akustik, also auch um
                        unterschiedliche sounds, d.h. geräusche, klänge, töne, alle art von stimmen,
                        interferenzen, überlagerungen, technische filter. ein feature, das ist doch
                        eine collage, das sind abgemischte o-töne, jedenfalls eine barocke akustik
                        und nicht nur eine barocke musikeinspielung und genauso hört sich das
                        feature dann an, wie „buchstaben auf’m papier“ erstaunlich, wenn man an all
                        die o-töne denkt, die sich in seinen texten wiederfinden, die ganze
                        mündlichkeit darin, und zudem wie er über audiovisuelle medien schreibt,
                        über filmschnitt, takes und stroboskop-effekte, dem verhältnis von
                        medientechniken und geschichte, auch die eigene medialität in seinen texten
                        reflektiert, aber in seiner radioarbeit das dann nicht umsetzt. (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2001-b" type="bibl" target="#Röggla2001">ebd.:
                            o.S.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Das Genre des Features verlässt die Grenzen konventionell konzipierter Texte dank
                    der Möglichkeit, mit der Reproduktion der akustischen Umwelt auf die
                    Vielschichtigkeit der Wirklichkeit zugreifen zu können. Darin liegt die
                    inspirierende Kraft von Fichtes Schreiben für Röggla: Durch sein mediales Spiel
                    schafft er eine intermediale Prosa, in der fremde Stimmen auch in der <quote
                        source="#ref_Höppner2017-330a">vermeintliche[n] Unentschlossenheit des
                        Textes</quote> (<ref xml:id="ref_Höppner2017-330a" type="bibl"
                        target="#Höppner2017">Höppner/Balint u. a. 2017: 330</ref>) ihren
                    authentischen <hi rend="italic">Sound</hi> erhalten und damit die Grenzen der
                    Individualität sprengen. In postfaktischen Zeiten hat eine solche ästhetische <q
                        rend="single-qm">Authentizitätsproduktion</q> einen politischen Wert an
                    sich, weil diese Sprachsimulationen der Wirklichkeit realisiert, die neben den
                    von dominanten politischen Kräften verpackten Realitätsversionen parallel
                    laufen. In Rögglas Worten heißt ein solches Prinzip des realistischen
                    Schreibens: <quote source="#ref_Höppner2017-330b">schnittstellen zwischen
                        mündlichkeit und schriftlichkeit auszuloten auf dem feld der
                        literatur</quote> (<ref xml:id="ref_Höppner2017-330b" type="bibl"
                        target="#Höppner2017">ebd.</ref>).</p>
                <p>Durch die Fichte'sche ethnopoetische Feldforschung werden diese akustischen
                    Schnittstellen gesammelt, um dann in der Welt des Fiktiven <hi rend="italic"
                        >hässlich</hi>, das meint subversiv zu agieren. Diese Schnittstellen, diese
                    Fragmente des Gesagten können als Hörreste bezeichnet werden. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-08_03">
                <head>2. Der literarische Text als akustische Textur von <q rend="single-qm"
                        >Resten</q></head>
                <p>Der Hörrest ist eine Denkfigur, die Kathrin Röggla in den metadiskursiven
                    Sequenzen ihres Romans <title>Abrauschen</title> (1997) formalisiert hat. Obwohl
                    er als poetisches Bild entsteht, erweist sich dieser Begriff als wertvoll für
                    die Röggla-Forschung, insofern er nicht nur eine weitere Durchdringung ihrer
                    ästhetischen Umdeutungsoperationen von Wirklichkeit ermöglicht, sondern auch
                    sich mit ihm auch das Verhältnis von Rögglas Werk zu Sigmund Freud erhellen
                    lässt. In der Röggla-Forschung wurde im Gegensatz zur Fichte-Rezeption der
                    Hörrest-Begriff und seine Freud’sche Genealogie bislang kaum vertieft. </p>
                <p>Der Hörrest-Begriff ist vor allem im Frühwerk Rögglas präsent. Es ist die
                    Ich-Erzählerin im Roman <title>Abrauschen</title>, die erstmals von <q
                        rend="double-qm">Hörresten</q> spricht. Untersuchen Rögglas Prosawerke meist
                    die symbolischen Kontexte des sogenannten <quote source="#ref_Pontzen2019-154"
                        >spätkapitalistiche[n] Psycho-Szenario[s]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Pontzen2019-154" type="bibl" target="#Pontzen2019">Pontzen 2019:
                        154</ref>), wird hingegen <title>Abrauschen</title> pointiert auf einer
                    metadiskursiven Ebene aufgebaut. Die hohe Relevanz der Akustik zeigt sich
                    bereits in der Romandramaturgie. Der Roman beginnt mit dem Umzug der
                    Protagonistin von Berlin nach Salzburg, in das Haus ihres verstorbenen Vaters,
                    infolge eines Hörtraumas:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-8-13">aber angefangen hat es ja eigentlich damit,
                        daß mir der walkman flöten ging, das war vor einer woche, das er, kaum sah
                        ich einmal hin, auch schon weggeklaut war, und ich plötzlich haut an haut
                        mit der welt alles mitanhören mußte, auf einmal der kontakt. […] ich mußte
                        raus aus dieser stadt, soviel war sicher! […] in diesen tagen ist ja jedes
                        untier vorstellbar geworden, das plötzlich in die stadt einbricht und
                        dasteht hundert meter hoch, die leute heben kurz an ihren köpfen, atmen an
                        und schon wieder ist etwas zur gewohnheit geworden. warum nicht einfach eine
                        plastikplane über das ganze werfen, sich dann umdrehen und weggehen: ja,
                        warum nicht wirklich abhauen? (<ref xml:id="ref_Röggla1997-8-13" type="bibl"
                            target="#Röggla1997">Röggla 1997: 8–13</ref>). </quote>
                </cit>
                <p>Der Walkman-Diebstahl hat symbolischen Wert, da die daraus resultierende
                    plötzliche Stille die Lebensfiktion der Ich-Erzählerin entlarvt. Er lässt sie
                    unerwartet in Kontakt mit der Wirklichkeit Berlins an der Schwelle zur
                    Globalisierung treten. Diese neue Wirklichkeit zeigt ihre neoliberale Fratze
                    etwa in massiver Bautätigkeit oder in der Durchsetzung einer Mentalität, die
                    sich auf raschen Identitätskonsum ausrichtet<note xml:id="endnote_01">Es muss kurz
                        erwähnt werden, dass die Themen der Gentrifizierung und des
                        Identitätskonsums im Zentrum des Prosawerks <title>Irres Wetter</title>
                        (2000) stehen, wo ein expliziter Bezug auf Freud zu finden ist: <quote
                            source="#ref_Röggla2000-194">stellt euch vor, von einem tag auf den
                            anderen kein deutsch mehr zu können, nur noch broken english! – wieso
                            broken english? wir verstehen noch immer nicht, nur er zündet sich
                            schließlich eine zigarette an und erinnert sich an freud</quote> (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2000-194" type="bibl" target="#Röggla2000">Röggla
                            2000: 194</ref>; <ref type="bibl" target="#Coppola2021b">vgl. dazu
                            Coppola 2021b</ref>). Ein weiterer Verweis auf Freud findet man in der
                        2016 erschienenen Erzählsammlung <title>Nachtsendung. Unheimliche
                            Geschichten</title>, die sich, dem Unheimlichen widmet.</note> Der
                    Kontakt mit der <quote source="#ref_Meyer2006-161">urbane[n] Kakophonie</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Meyer2006-161" type="bibl" target="#Meyer2006">Meyer 2006:
                        161</ref>) der Stadt lässt die Protagonistin nach Salzburg fliehen, wo sie
                    mit ihren Erinnerungen konfrontiert wird. Diese tauchen nicht chronologisch auf,
                    verschmelzen mit der Gegenwart und rauschen dann, dem Titel folgend, ab. Das
                    Hinter-sich-Lassen der Gegenwart Berlins verweist auf die Entfremdung des
                    zeitgenössischen Subjektes, ein zentrales Thema in Rögglas Werk. Die Entfremdung
                    wird in Distanz zum eigenen Leben dargestellt, in einer Distanz, die in engem
                    Zusammenhang mit dem Entstehungsprozess von Träumen steht. Die Figuren Rögglas
                    entwickeln eine <q rend="double-qm">Fiktion des Überlebens</q>, die sich in der
                    Nähe der Neurose bewegt. Aus diesem Grund benötigt die Ich-Erzählerin in
                        <title>Abrauschen</title> eine Zeit außerhalb der Zeit – eine Zeit, in der
                    Traumata verarbeitet werden können, um sich mit der Gegenwart zu versöhnen.
                    Insofern nimmt die Stadt Salzburg die Gestalt eines metaphysischen
                    Gedächtnisortes an, in dem alternative Lebensmöglichkeiten probiert werden
                    könnten. </p>
                <p><hi rend="italic">Die Spur Freuds in <title>Abrauschen</title>: vom <q
                            rend="double-qm">Tagesrest</q> zum <q rend="double-qm"
                    >Hörrest</q></hi></p>
                <p>Die <q rend="double-qm">Salzburg-Passagen</q> des Romans sind nach dem Motto <q
                        rend="double-qm">was wäre, wenn</q> aufgebaut: Figuren aus der Vergangenheit
                    kehren als Gespenster zurück, so als ob die Protagonistin nie nach Berlin
                    umgezogen wäre und ihr Leben in der ruhigen Stadt verbracht hätte. Eine solche
                        <q rend="double-qm">gespenstische</q> Figur ist etwa <q rend="double-qm"
                        >jo</q>, der im Verlauf des Salzburg-Aufenthaltes ein Gefährte der
                    Ich-Erzählerin wird, wobei sich sein Wesen <q rend="single-qm">vergegenwärtigter
                        Reminiszenz</q> erst am Ende des Romans offenbart:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-108">keine spur mehr von jo, sicher, die uhr
                        tickt, aber keine spur mehr von jo, sicher, der kleine liest, aber jo ist
                        weg. <list>
                            <item>- wo ist jo?</item>
                            <item>- der hat gepackt und ist gegangen. […] wir haben kaum noch
                                miteinander gesprochen in letzter zeit. ist er also zurückgekehrt in
                                sein elternhaus. manchmal sehe ich ihn jetzt noch bei der
                                teppichstange stehen, oder er sitzt wieder auf seinem mountainbike,
                                […] er ist jetzt wieder 16. (<ref xml:id="ref_Röggla1997-108"
                                    type="bibl" target="#Röggla1997">Röggla 1997:108</ref>)</item>
                        </list>
                    </quote>
                </cit>

                <p>Diese Kulisse lässt bereits die ersten Freud’schen Echos anklingen. Die
                    Ich-Erzählerin schwankt zwischen den Polen Berlin und Salzburg, daran
                    ortspezifische Fiktionen gebunden, die durch die zuvor genannten
                    Sprachsimulationen Wirklichkeit ersetzen. In seiner <title>Traumdeutung</title>
                    (1900) beschreibt Freund den Traum als <quote source="#ref_Freud1982-36">von der
                        wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen, ein in
                        sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben
                        getrennt durch eine unübersteigliche Kluft</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Freud1982-36" type="bibl" target="#Freud1982">Freud 1982:
                        36</ref>). Es handelt sich um eine <quote source="#ref_Freud1982-86">Form
                        des Denkens</quote> (<ref xml:id="ref_Freud1982-86" type="bibl"
                        target="#Freud1982">ebd.: 86</ref>), die Erfahrungen aus der Realität
                    verarbeitet, um die verdrängten Wunscherfüllungen des Träumenden darzustellen.
                    Die Dramaturgie von <title>Abrauschen</title> entspricht zunächst einer solchen
                    Begriffsbestimmung, denn in der Dissoziation der Ich-Erzählerin überschneiden
                    sich die harte Wirklichkeit einer globalisierten Gegenwart und der Wunsch nach
                    einer anderen Realität – beide <q rend="single-qm">Wirklichkeiten</q> trennt
                    zugleich eine Kluft, die nur durch Erzählen überbrückt werden kann.</p>
                <p>Laut Freud bilden innere und äußere Reize die Quellen der Traumwelt. Unter den
                    inneren Traumreizen spielt das Infantile eine zentrale Rolle, als unendliches
                    Repertoire vergessener oder verdrängter Erfahrungen (<ref type="bibl"
                        target="#Freud1982">vgl. ebd.: 201f.</ref>). In Rögglas Roman taucht eine
                    groteske Figur auf, die <q rend="double-qm">der kleine</q> heißt und eine dem
                    Freud’schen Infantilen vergleichbare Funktion erfüllt. Die Figur hat keine
                    festen Umrisse: Man weiß nie, wie alt er ist oder wieso er mit der Protagonistin
                    lebt. Das verleiht dieser Figur hohen symbolischen Wert. Die symbolische Kraft
                    des <q rend="double-qm">kleinen</q> wechselt wie die imaginierten
                    Lebensfiktionen der Ich-Erzählerin je nach Situation: Einmal versinnbildlicht er
                    als <quote source="#ref_Röggla1997-28">gegenwartsidiot</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Röggla1997-28" type="bibl" target="#Röggla1997">Röggla 1997:
                        28</ref>) den Prozess des Spracherwerbs, ein anderes Mal zwingt er der
                    Protagonistin Erinnerungsmomente auf (<ref type="bibl" target="#Röggla1997">vgl.
                        ebd.: 19f.</ref>), so als ob die Ich-Erzählerin durch seine Präsenz ihre
                    Vergangenheit in einer erzählerisch vermittelten psychoanalytischen Sitzung
                    durchginge. </p>
                <p>Neben diesen Berührungspunkten zwischen Freuds Traumdeutung und Rögglas Roman
                    steht die Bearbeitung der Vorstellung des <q rend="single-qm">Tagesrests</q>.
                    Unter Tagesrest versteht Freud <quote source="#ref_Freud1982-532">Gedanken
                        befriedigender Natur […], die aber unerlaubte Befriedigungen
                        ausdrücken</quote> (<ref xml:id="ref_Freud1982-532" type="bibl"
                        target="#Freud1982">Freud 1982: 532</ref>). Solche Gedanken nehmen Gestalt
                    von akustischen und bildlichen Tagesfragmenten an, die im Traum zum Sprungbrett
                    für die Enthüllung des Verdrängten dienen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1982-534">Es ist sehr wohl möglich, daß ein
                        Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; aber der
                        Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den Drang, sie in Tat
                        umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er braucht einen
                        Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den
                        psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich,
                        was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbewußten.
                            (<ref xml:id="ref_Freud1982-534" type="bibl" target="#Freud1982">ebd.:
                            534</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Als <q rend="double-qm">Unternehmer</q> des Traums konstituiert der Tagesrest den
                    Ausganspunkt der Bearbeitung und der Umformung des Realen. Dementsprechend ist
                    der Tagesrest als Rohstoff zu begreifen, der eine alternative bzw. ästhetisierte
                    Darstellung der Wirklichkeit anbietet. Daher kann der Tagesrest als Vorbild des
                    Röggla’schen <q rend="single-qm">Hörrests</q> interpretiert werden, vor allem
                    wegen der gleichen Stellung, die beide im Prozess der Reinszenierung von
                    Lebenserfahrung übernehmen. Mit anderen Worten: Die Bruchstücke von erlebten
                    Dialogen im Rögglas Werk fungieren als Spuren der Wirklichkeit, die, Fichtes
                    Ethnographie folgend, die Aufhebung des Individuellen im Kollektiven
                    ermöglichen. Von diesem Prozess ist in <title>Abrauschen</title> die Rede, wenn
                    explizit von <q rend="double-qm">hörresten</q> gesprochen wird: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-95">man schaltet sich hier eine harmlose
                        zigarettenstille ein, und schon ist im flur zu hören, wie handgefertigte
                        stories hin- und hernumeriert werden im lachen. sind sie also doch
                        zurückgekommen? was haben sie da wieder mitgebracht? oder sind es etwa nur
                        hörreste, die ich da aufschnappe? ja hörreste und sehreste, würde auch jo
                        jetzt sagen, um keine antwort verlegen, aber was liegt dazwischen, meine
                        liebe, ich meine, was steckt dahinter? (<ref xml:id="ref_Röggla1997-95"
                            type="bibl" target="#Röggla1997">Röggla 1997: 95</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Fragen <q rend="double-qm">was liegt dazwischen</q>, <q rend="double-qm">was
                        steckt dahinter</q> legen semantisch die akustische Treibkraft der fremden
                    Stimmen dar. Die Aufmerksamkeit der Protagonistin richtet sich nicht auf den
                    Grund des Lachens im Flur, sondern auf die Ausdrucksweisen dieser <hi
                        rend="italic">stories</hi>, die nachweisen, welches <q rend="single-qm"
                            >fressende Drehbuch</q> agiert wird. Dieselben Fragen kehren im Zusammenhang mit <q
                        rend="double-qm">hörresten</q> am Ende des Romans zurück:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-117">hörreste, sehreste, erinnere ich mich, würde
                        jo jetzt sagen: ja, aber was steckt dahinter? würde er sagen, aber jetzt ist
                        er nicht mehr da. niemand ist da. und so wird es eben schwierig: die
                        wahrnehmung verläuft ja immer über andere menschen, die sie filtern, ohne
                        menschen, die sie filtern, ist man schon ausgeschmissen, denn kaum ist man
                        alleine, stürzen dinge schön auf einen ein – nicht zu sagen, zum wievielten
                        mal ich mir die ohren auseinandertreibe, damit sie nicht zusammenfallen auf
                        einen fleck, die augen wachsen ja immer nach, aber die ohren gehen verloren
                        – oder ist es doch die eigene wahrnehmung, durch deren raster man
                        durchknallt? – nein aus dieser frage führt kein weg heraus, nur der
                        herzboiler: (<ref xml:id="ref_Röggla1997-117" type="bibl"
                            target="#Röggla1997">ebd.: 117</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Dieses Zitat betont die Wichtigkeit der Akustik für den Prozess des
                    Welterkenntnis. Im Kontext von ansteigendem Weißen Rauschen bleibt das Hören
                    wach. Darauf aufbauend gelingt der Versuch, die flüchtige
                    Gegenwart zu begreifen: indem man über das Visuelle hinausgeht, um zuzuhören,
                    d.h. indem man Schnittstelle des Lebens sammelt, um sie neu bzw. anders zu
                    kombinieren. Insofern stellt der Hörrest die kleinste Einheit unserer
                    zeitgenössischen Klanglandschaft dar.</p>
                <p>Ausgehend von der Affinität mit Freuds psychoanalytischem Ansatz könnte man
                    Rögglas Schreiben in Anlehnung an Friedrich Kittlers Medientheorie als ein <hi
                        rend="italic">phonographisches</hi> definieren. In seinem <title>Grammophon
                        Film Typewriter </title>(1986) fasst Kittler eine Mediengeschichte zusammen,
                    welche die Veränderung der Valenz von Ton-, Schrift- und Bildwahrnehmung unter
                    die Lupe nimmt. Bei der Analyse der Entstehung der Psychoanalyse stellt Kittler
                    fest, dass der Kern dieser Praxis in der durch mediale Dispositive geförderte
                    Transkription und Re-Signifizierung des Sprechens liegt: <quote
                        source="#ref_Kittler1986-139">Damit weist sie Freuds Methode, mündliche
                        Redeflüsse auf unbewußte Signifikanten hin abzuhören und diese Signifikanten
                        sodann als Buchstaben eines großen Rebus oder Silbenrätsels zu deuten, als
                        den letzten Versuch aus, noch unter Medienbedingungen eine Schrift zu
                        statuieren.</quote> (<ref xml:id="ref_Kittler1986-139" type="bibl"
                        target="#Kittler1986">Kittler 1986: 139</ref>)</p>
                <p>Die daraus resultierenden Texte sind dann reinszenierte Beweise bzw.
                    Geräuschpartituren, in denen der Klang der menschlichen Stimme verschriftet
                    wird. Somit wird das Reale vom Therapeuten in einer Weise <hi rend="italic"
                        >phonographiert</hi>, die an das Fichte’sche Motto <q rend="double-qm"
                        >Schichten statt Geschichten</q> erinnert: <quote
                        source="#ref_Kittler1986-129">Nicht Gedichte, sondern Indizien speichert der
                        Phonograf</quote>
                    <ref xml:id="ref_Kittler1986-129" type="bibl" target="#Kittler1986">(ebd.:
                        129</ref>). In einer solchen Konjunktur sind Rögglas Hörreste als akustische
                    Indizien zu betrachten, die aus der Realität entnommen werden und durch die
                    phonographische Arbeit des Umschreibens zu den Schichten werden, die ihre Prosa
                    konstituieren.</p>
                <p>Reductio ad unum<hi rend="italic">: die Stimmen von Herrn Grunwald</hi></p>
                <p>Ein entsprechendes Beispiel für das Hörrest-Dispositiv in <title>Abrauschen
                    </title>findet sich in der Figur des Herrn Grunwald, einem Immobilienmakler, der
                    an der Wohnung der Protagonistin interessiert ist:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-98-99">– nicht fisch, nicht fleisch, diese hände:
                        grüß sie – jochen grunwald, immobilienmakler! sagt er und grinst. […] it’s
                        none of your business stapelt auch schon ein habachtvogel hoch, kommt aus
                        der klimaanlage, der kerl, bin ich mir sicher, so wie der gestrickt ist,
                        habe ich bald die wohnungstür im auge, und schon steht wieder einer da, so
                        ein hochgemixter powerranger, marke <q rend="double-qm">jochen grunwald,
                            immobilienmakler, grüße sie!</q> – nicht fisch, nicht fleisch, diese
                        geradeaushände – <q rend="double-qm">doch haben sie ihr paradebeispiel an
                            mensch bei der hand?</q> erinnere ich mich. na, also, da ist ja schon
                        eines. <q rend="double-qm">sie wollen diese wohnung verkaufen?</q> […] <q
                            rend="double-qm">sie wollen diese wohnung verkaufen?</q> fragt er ein
                        zweites mal, <q rend="double-qm">bin ich hier richtig?</q> – <q
                            rend="double-qm">aber hallo, sie sind richtig, immer nur
                            hereinspaziert!</q> mein gott, die wohnung hatte ich ja schon ganz
                        vergessen – (<ref xml:id="ref_Röggla1997-98-99" type="bibl"
                            target="#Röggla1997">Röggla 1997: 98–99</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Figur Grunwalds erscheint in einer verwirrenden Atmosphäre, in der sich die
                    lärmenden Marktumfragen widerspiegeln. Als <q rend="double-qm">powerrangers</q>
                    des Immobilienmarkts steht er mit seiner redundanten Sprache für den Typus des
                    penetrant die Tür einrennenden Maklers. Dieser Subsumptionseffekt wird vor allem
                    durch die Wiederholungen der Hörreste in der direkten Rede erzeugt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla1997-92-102">da gibt der grunwald nicht nach mit
                        seiner eigenregie: <q rend="double-qm">im moment haben wir dieses projekt in
                            itzling, bürogebäude, das müssen sie sich unbedingt ansehen. überzeugen
                            sie sich, wie da sofort ein straßenleben anfängt, wählen wir es an […]
                            die stadt aus der geraden locken, kein leichtes spiel, jaja.</q> und
                        pfeift. […] <q rend="double-qm">aber</q>, und jetzt mach er eine kurze
                        pause, <q rend="double-qm">ich gebe ihnen einen gutgemeinten rat: bringen
                            sie sie erstmal auf vordermann, alles raushauen, ausmalen, den balkon
                            machen, so camouflage, zum besseren verkauf, dann können wir
                            weitersehen, bei so kleinen objekten entscheidet oftmals der optische
                            eindruck. rufen sie mich also an, wenn sie soweit sind, hier ist mein
                            kärtchen!</q>
                        <p>und raus ist er. jetzt ist es wieder still. alle sind weg. aber das heißt
                            ja heute nicht mehr. (<ref xml:id="ref_Röggla1997-92-102" type="bibl"
                                target="#Röggla1997">ebd., 99–102</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Vergleichbar mit der Modellierung der Traumsymbolik durch das Unbewusste, wie sie
                    Freud gesehen hat, arbeitet Röggla hier mit <q rend="single-qm">realem</q>
                    akustischen Material. Anstatt einen verdrängten Wunsch auszudrücken, enthüllen
                    jedoch die reinszenierten Hörreste die Gebote der neoliberalen Macht: <q
                        rend="double-qm">wie da sofort ein straßenleben anfängt, wählen wir es
                        an</q>, oder <q rend="double-qm">die stadt aus der geraden locken</q>. Somit
                    schafft die Autorin eine groteske Sprechinstanz, welche die
                    Globalisierungsprozesse, die auch in Salzburger wirksam werden, sprachlich
                    verkörpert.</p>
                <p>Der Stadtteil Itzling, wo die Agentur, für die Grunwald arbeitet, ein <q
                        rend="double-qm">projekt</q> hat, war eigentlich ein Randgebiet der Stadt,
                    wo 1988 das Techno-Z, das Informatikzentrum der Universität Salzburg, errichtet
                    wurde. Zahlreiche Unternehmen folgten dieser Initiative in den nächsten zwanzig
                    Jahren und verwandelten einen peripherischen Stadtteil in eine <hi rend="italic"
                        >science-city</hi> (<ref type="bibl" target="#Mayr2006">vgl. Mayr
                    2006</ref>). Die unaufhaltsame Ausweitung dieser Dynamik auf die ganze Stadt
                    spiegelt sich nicht nur in den Aussagen Grundwalds, sondern auch in der
                    assonanten Infinitivreihe <q rend="double-qm">raushauen, ausmalen, den balkon
                        machen</q>, welche die Aggressivität dieses Zwangssanierungsprozesses
                    darstellt.</p>
                <p>In diesen Hörresten erklingt die Stimme der Gentrifizierung, welche die Stadt
                    Berlin bereits erfasst und die Flucht der Ich-Erzählerin verursacht hat. Die
                    sprachliche Performanz Grunwalds kulminiert dann in dem Spruch <q
                        rend="double-qm">so camouflage, zum besseren verkauf</q>, der als
                    zusammenfassender Slogan für alle Gentrifizierungsprozesse gilt. Der Begriff
                    Camouflage verrät die Fiktivität des laufenden Prozesses, der nicht als
                    Verbesserung, sondern als Verschleierung der bestehenden Mängel zu verstehen
                    ist. Offensichtlich ist das Bedrohliche dieser Worte unbewusst ausgesprochen, da
                    Grunwald selbst nur ein kleiner Rest vor dem Horizont der Globalisierung ist.
                    Daraus kann man folgern, dass die der Wirklichkeit abgelauschten Hörreste sich
                    durch Rögglas Reinszenierung von diskursiven Kontrollmitteln in ästhetische
                    Werkzeuge der Gesellschaftskritik verwandeln.</p>
                <p>Die Grunwald-Episode versöhnt die Ich-Erzählerin mit der Gegenwart, weil ihr hier
                    klar wird, dass die traumatisierende Kraft der Globalisierung überall im Gang
                    ist. Demnächst wird sie sich dafür entscheiden, nach Berlin zurückzukehren.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_02-08_04">
                <head>3. Vom Rest zur Totalität: Rögglas Gestaltung der Polyphonie</head>
                <p>Der dokumentarische Ursprung der Hörreste ist dank der Verwendung der direkten
                    Rede im Frühwerk Rögglas besonders deutlich. Im Lauf ihrer künstlerischen
                    Entwicklung wird jedoch die indirekte Rede der kennzeichnende Stilmittel Rögglas
                    bzw. die experimentelle Verwendung des Konjunktivs I (<ref type="bibl"
                        target="#Röggla2016">vgl. Röggla 2016</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Krauthausen2006">Krauthausen 2006</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Krauthausen2019">Krauthausen 2019</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Coppola2021a">Coppola 2021a</ref>). Die konjunktivische Rede
                    verstärkt die Kritik der Schriftstellerin und schenkt gerade durch ihren
                    Distanzierungseffekt der Rolle der Stimme größere Aufmerksamkeit. Beispielhaft
                    dafür ist <title>wir schlafen nicht</title> (2004), ein <hi rend="italic"
                        >Theaterroman</hi> über die Sprachwelt von <hi rend="italic">new
                        economy</hi>. Hier gibt es kaum <q rend="single-qm">Hörreste</q> wörtlich zu
                    lesen, aber sie bilden die Textur der konjunktivischen Rede:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla2004-107-108"><hi rend="italic">der partner</hi>: ja,
                        er habe seine stimme verloren, also komplett verloren. <q rend="double-qm"
                            >da gings nicht mehr</q> und in seinem job müsse man eben eine stimme
                        haben, ohne stimme laufe da gar nichts. ihm scheine so im nachhinein, daß
                        die stimme mitunter sein wichtiges werkzeug sei, das sei ja etwas
                        fürchterlich interaktives, so seine arbeitssituation. andauernd
                        kommunizieren, meetings abhalten und nochmals kommunizieren. […] seine frau
                        habe dann gesagt, es sei erschöpfung, ja, sie habe sogar von einem burnout
                        gesprochen. aber er finde nicht, daß man immer gleich von einem burnout
                        sprechen müsse. […] er habe zunächst mit stimmtraining begonnen, danach habe
                        er kurse in sprachtechnik besucht, er habe es sogar mit
                        entspannungstechniken versucht – einzig hypnose habe letztendlich bei ihm
                        etwas geholfen, ja, <q rend="double-qm">lachen sie nicht!</q> (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2004-107-108" type="bibl" target="#Röggla2004">Röggla
                            2004: 107–108</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der Konjunktiv beraubt die Figur des <q rend="double-qm">partners</q> ihrer
                    Stimme, da er permanent auf Distanz geht. Gegenstand des großen Bedauerns des <q
                        rend="double-qm">partners</q> ist der Verlust eines wichtigen Werkzeugs für
                    die Machtsausübung in einer Welt der bloßen Kommunikation, wo der Ausdruck
                    seiner Subjektivität deplatziert wäre. In diesem Sinne ist die Fähigkeit, sich
                    stimmlich auszudrücken, nicht mehr mit der Identität eines autonomen Subjekts
                    verbunden, sondern mit der Aktivität des Kaufens und Verkaufens, da in diesem
                    Geschäftssystem die Identität nicht mehr in der körperlichen, sondern in der
                    kommerziellen Dimension konstituiert wird: <quote source="#ref_Schininà2019-231"
                        >If you do not communicate you do not exist, and communicating means
                        selling, and also selling oneself</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Schininà2019-231" type="bibl" target="#Schininà2019"
                        >Schininà/Batsad et al. 2019: 231</ref>). Ausgehend von Sybille Krämers
                    Definition der Stimme als <quote source="#ref_Krämer2002">Spur des Körpers in
                        der Sprache</quote> (<ref xml:id="ref_Krämer2002" type="bibl"
                        target="#Krämer2002">Krämer/Wirth 2002: 340</ref>) kann man daraus
                    schließen, dass der Partner keine körperliche und daher keine menschliche
                    Eigenheit besitzt. Diese Figur ist nicht als indoktrinierter Mensch dargestellt,
                    sondern eher als <quote source="#ref_Kormann2006-234">Sprechmaschine</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Kormann2006-234" type="bibl" target="#Kormann2006"
                        >Kormann/Nagelschmidt et al. 2006: 234</ref>). Diese Verwandlung liegt an
                    ihrer vollständigen Verkörperung des neoliberalen Diktats, was sich aus dem
                    Redefluss ergibt, der paradoxerweise jedes körperliche Attribut auslöscht und
                    der Stimme den Status eines Arbeitsapparats verleiht. </p>
                <p>Die steigende Präsenz des Konjunktivs lässt sich einerseits als Merkmal der
                    stilistischen Entwicklung Rögglas darlegen, andererseits markiert die Autorin
                    damit auch die Macht des Neoliberalismus in jedem Aspekt des Alltags. Dieses
                    Verfahren lässt aber die Hörreste nicht beiseite. Sind diese im Frühwerk Rögglas
                    mittels der direkten Rede noch deutlich sichtbar, so werden sie durch die
                    konjunktivische Distanz allmählich verdeckt und künstlicher gemacht. Diese
                    Maskierung des Gesagten bekräftigt die Röggla’sche Idee eines <q
                        rend="double-qm">hässlichen Gesprächs</q>, weil sie die Distanz des
                    Individuums zu seiner Stimme – und folglich zu seinem Leben – synthetisch
                    hervorhebt. Darauf abzielend erweist sich die systematische Verwendung des
                    Konjunktivs als das effektivste Werkzeug für die Darstellung eines <hi
                        rend="italic">gesprochenen </hi>Subjektes. </p>
                <p>Darüber hinaus zeichnet sich Rögglas <q rend="single-qm">Relektüre</q> der
                    realistischen Verfahren – eine zentrale Darstellungsfrage der hypermedialen
                    Gegenwart – vor allem in der Herstellung einer <hi rend="italic"
                        >Konstellation</hi> zwischen der individuellen Erfahrung und dem kollektiven
                    Diskurs aus. Entsteht die Grunwalds Figur aus Subsumptionsprozessen einer
                    akustischen Mehrheit, so wird in <title>wir schlafen nicht </title>die
                    einheitliche Denkweise des neoliberalen Produktionssystems durch die dialogische
                    Erzählstruktur auf verschiedene Sprechinstanzen bzw. auf eine Totalität –
                    Sprechinstanzen, die trotz ihrer Vielfalt eine einheitliche Meinung zum Ausdruck
                    bringen – verteilt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Röggla2004-177"><hi rend="italic">die key-account
                            managerin</hi>: <q rend="double-qm">also ich empfind’s nicht als
                            belastend.</q>
                        <lb/><hi rend="italic">der senior-associate</hi>: trotzdem würde er sagen:
                        ein adrenalinjunkie sei er nicht – <lb/><hi rend="italic">die key-account
                            managerin</hi>: <q rend="double-qm">also ich komme damit klar</q>. (<ref
                            xml:id="ref_Röggla2004-177" type="bibl" target="#Röggla2004">Röggla
                            2004: 177</ref>)</quote>
                </cit>

                <p>In diesem kurzen Auszug verdeutlicht der Wechsel zwischen direkter und indirekter
                    Rede die Kontaktunfähigkeit der Figuren sowie Rögglas Arbeit an der Polyphonie.
                    Die Key-Account-Managerin und der Senior-Associate leugnen gleichzeitig – jedoch
                    auf zwei verschiedene Arten – die verheerenden Auswirkungen auf ihre Körper und
                    ihr Leben in einem alles durchdringenden Arbeitssystem. Der Eindruck
                    kommunikativer Unerreichbarkeit verdichtet sich im Laufe des Dialogs. Die
                    Grunwald-Episode bringt dagegen eine doppelte Leere zum Ausdruck: Einerseits
                    zeugen die einzelnen Aussagen der Protagonist*innen von ihrer Dissoziation,
                    andererseits führt Rögglas Montage von Hörresten zum Hinterfragen neoliberaler
                    Praktiken. </p>
                <p>Rögglas ästhetische Entwicklung führt über das Hörrest-Prinzip zur Polyphonie
                    bzw. zum Dialogischen. Im Anschluss an aktuelle Polyphonie-Ansätze, laut denen
                        <quote source="#ref_Moosmüller2020-15">der Polyphonie das Dialogische,
                        Interaktive, ja das Interdependente eingeschrieben [ist]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Moosmüller2020-15" type="bibl" target="#Moosmüller2020"
                        >Moosmüller/Previšić 2020: 15</ref>), ist festzustellen, dass bei Röggla das
                    Polyphonische als phonografisches Verfahren zu gelten hat, das nach der
                    Subversion diskursiver Strukturen strebt. Es handelt sich dabei um einen <q
                        rend="double-qm">verdrehten</q> Bezug zur Mündlichkeit, indem die Aufdeckung
                    der Denk- und Sprechstrukturen durch ihr Gegenteil herbeigeführt wird, nämlich
                    durch ein Vorgehen, das die reale Erfahrung verdeckt und künstlich macht. Das
                    stimmliche Material behält also seine zentrale Rolle in Rögglas Schreiben,
                    insbesondere durch die konjunktivische Umdeutung der Wirklichkeit, denn diese
                    Methode bildet das Fundament des Dialogs, welcher, so Röggla, das Gegenteil
                    eines Spektakels ist (<ref type="bibl" target="#Röggla2013">vgl. Röggla 2013:
                        232</ref>).</p>
            </div>
        </body>
        <back>
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                    <bibl xml:id="Wangenheim1981">Wangenheim, Wolfgang (1981): Zum Stil Hubert
                        Fichtes, in: text + kritik 72, S. 23–29. </bibl>
                    <bibl xml:id="Wischenbart1981">Wischenbart, Rüdiger (1981): „Ich schreibe, was
                        mir die Wahrheit zu sein scheint.“ Ein Gespräch mit Hubert Fichte, in: text
                        + kritik 72, S. 67–85. </bibl>
                </listBibl>
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