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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Vom Buchstaben zum Klangerlebnis: Werner
                    Kofler</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Anke</forename>
                        <surname>Bosse</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Klagenfurt</affiliation>
                    <email>anke.bosse@aau.at</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-6760-451X</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-02-09</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Polyphonie</term>
                    <term xml:lang="">Stimme</term>
                    <term xml:lang="de">Werner Kofler</term>
                    <term xml:lang="de">Hörspiele</term>
                </keywords>
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        </profileDesc>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Werner Kofler simuliert über die Vielstimmigkeit in/mit seinen Texten jene
                    akustische Körperlichkeit und unmittelbare Präsenz, die in der Schriftlichkeit
                    von Texten (eigentlich) verloren geht. Den <q rend="single-qm">toten</q>
                    Buchstaben der Schrift holt er in die Performativität des Sprechens zurück
                    ("Mimikry des Oralen"). Der Beitrag untersucht die medialen und technischen
                    Konversionen, die von Koflers Hörspieltyposkript über die Hörspielinszenierung
                    bis zu deren Aufnahme durch das Publikum gehen und nimmt dabei zwei Hörspiele
                    genauer in den Blick: <title>Oliver</title> und die Gemeinschaftsproduktion (mit
                    Antonio Fian) <title>Blöde Kaffern, dunkler Erdteil</title>. </p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In / with his texts, Werner Kofler uses multiple voices to simulate the acoustic
                    corporeality and immediate presence that (actually) is lost in written text. The
                    ‘dead’ letter of writing is returned to the performativity of speaking (“mimicry
                    of the oral”). The contribution examines the medial and technical conversions
                    from Kofler’s audio drama script to staging the audio drama and to its reception
                    by the audience, focusing on two audio dramas in more detail:
                        <title>Oliver</title> and the collaboration (with Antonio Fian) <title>Blöde
                        Kaffern, dunkler Erdteil</title>.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div>
                <head>1. Stimme(n)</head>
                <p>Wenn wir Sprache als <quote source="#ref_Jäger2011-19-22">anthropologische[s]
                        Archimedium</quote> auffassen, das als <quote source="#ref_Jäger2011-19-22"
                        >präliterales</quote> Sprechen auftritt (<ref xml:id="ref_Jäger2011-19-22"
                        type="bibl" target="#Jäger2011">Jäger 2011: 19–22</ref>), so kommt der
                    menschlichen Stimme eine immense Bedeutung zu. Wir müssten sie unser
                    Archi-Archi-Medium nennen – eine Benennung, die mit der Stimme auch unseren
                    Körper beträfe. Erst waren Körper und Stimme, dann – gesprochene – Sprache. </p>
                <p>Stimme und gesprochene Sprache sind jedoch nicht nur Audio-Phänomene, sondern
                    immer eng mit visuellen körperlichen Ausdrucksformen verbunden, mit Mimik und
                    Gestik (<ref type="bibl" target="#Jäger2011">vgl. ebd.: 22</ref>). Ein breites
                    Spektrum an Signalen und Zeichen geht von Mimik und Gestik aus. All dies setzt
                    die zeitliche und räumliche Ko-Präsenz von Sprechendem und Hörendem voraus –
                    Merkmal der <quote source="#ref_Ong1987-18a">primären Oralität</quote> gemäß
                    Walter Ong (<ref xml:id="ref_Ong1987-18a" type="bibl" target="#Ong1987">Ong
                        1987: 18</ref>; <ref type="bibl" target="#Ong2016">Ong 2016: 10</ref>).</p>
                <p>Schriftlichkeit hebt, wie wir wissen, diese Situation auf: <hi rend="italic">Vom
                        Klangerlebnis zum Buchstaben</hi>. Werner Koflers große Kunst besteht darin,
                    dies wieder umzudrehen, ohne den Raum der Schrift zu verlassen. Über die
                    Vielstimmigkeit in und mit seinen Texten simuliert er die akustische
                    Körperlichkeit und unmittelbare Ko-Präsenz, die in der Schriftlichkeit von
                    Texten eigentlich verloren gehen. Den starren Buchstaben der Schrift holt er in
                    die fluide Performativität des Sprechens zurück. Ich habe dies Werner Koflers
                        <quote source="#ref_Bosse2017-125">Mimikry des Oralen</quote> genannt (<ref
                        xml:id="ref_Bosse2017-125" type="bibl" target="#Bosse2017">Bosse 2017:
                        125</ref>). Dass die packende Illusion einer unmittelbaren Ko-Präsenz
                    entsteht, liegt wesentlich an den Leserinnen und Lesern. Sie sind es, die im Akt
                    des – nur nach außen stummen&#160;– Lesens die Text-Stimmen verlebendigen: <hi
                        rend="italic">Vom Buchstaben zum Klangerlebnis</hi>. Deshalb wurden Koflers
                    Texten <quote source="#ref_Corrêa2004">Polyphonie</quote> und eine <quote
                        source="#ref_Fetz1996">Omnipräsenz des Akustischen</quote> attestiert (<ref
                        xml:id="ref_Corrêa2004" type="bibl" target="#Corrêa2004">vgl. u.a. Corrêa
                        2004</ref>, <ref xml:id="ref_Fetz1996" type="bibl" target="#Fetz1996">Fetz
                        1996</ref>). Und so ist es wenig verwunderlich, dass neben Prosatexten ein
                    Großteil seines Werks aus Hörspielen besteht.<note xml:id="endnote_01"> Werner
                        Kofler: Kommentierte Werkausgabe (WKKW). 3 Bde. Hg. v. Claudia Dürr/Johann
                        Sonnleitner/Wolfgang Straub. Wien 2018 (vgl. das dazugehörige Webportal <ref
                            target="http://www.wernerkofler.at">www.wernerkofler.at</ref>). Die
                        Prosatexte in diesen ersten drei Bänden sollen um die Hörspiele, Filmskripte
                        und Theaterstücke erweitert werden; dazu läuft bis Juli 2022 am
                        Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv das
                        Forschungsprojekt <hi rend="italic">Kofler intermedial</hi> des
                        österreichischen Fonds für Wissenschaft und Forschung (FWF) mit Wolfgang
                        Straub und Claudia Dürr (<ref
                            target="https://www.aau.at/musil/literaturforschung/kofler/"
                            >www.aau.at/musil/literaturforschung/kofler/</ref>).</note></p>
            </div>
            <div>
                <head>2. Hörspiel</head>
                <p>Hörspiele sprechen nur den auditiven Kanal an. Gestik, Mimik und die Ko-Präsenz
                    von Sprecher*innen und Hörer*innen im selben Raum zur selben Zeit fallen weg.
                    Hörspiele sind auf technische Vermittlung angewiesen – im Radio oder, heute, im
                    Internet – und daher ein schlagendes Beispiel für die <quote
                        source="#ref_Ong1987-18b">sekundäre Oralität</quote> nach Ong (<ref
                        xml:id="ref_Ong1987-18b" type="bibl" target="#Ong1987">Ong 1987: 18</ref>;
                        <ref type="bibl" target="#Ong2016">Ong 2016: 10</ref>). Hörspiele bilden
                    einen <quote source="#ref_Kanzog2002">Raum der Nurhörbarkeit</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Kanzog2002" type="bibl" target="#Kanzog2002">Kanzog 2002</ref>).
                    Daher muss um die Stimme herum mit ausschließlich akustischen Mitteln ein neuer
                    Raum kreiert werden, der Soundscape.<note xml:id="endnote_02"> Den Begriff
                        entwickelte R. Murray Schafer (<ref type="bibl" target="#Schafer2010"
                            >Schafer 2010 [1994]</ref>). Im Radiojargon werden Soundscapes <q
                            rend="single-qm">Atmo</q> genannt, eine Abkürzung für <q
                            rend="single-qm">Atmosphäre</q> (Basiswissen Radio).</note> Die
                    Gestaltung solcher Soundscapes ist eine grundsätzliche Voraussetzung für jede
                        Hörspielproduktion.<note xml:id="endnote_03"> Nur so kann zwischen dem
                        auditiven Handlungsraum des Hörspiels und dem Raum des Hörers und der
                        Hörerin die <quote source="#ref_Pinto2012-15">Sonosphäre</quote> als
                        verbindender Zwischenraum entstehen (<ref xml:id="ref_Pinto2012-15"
                            type="bibl" target="#Pinto2012">Pinto 2012: 15, 190</ref>).</note> Das
                    ist nur radiophon zu inszenieren und zu hören, nicht zu lesen.</p>
                <p>Dennoch werden Hörspiele nach schriftlichen, zu lesenden Vorlagen akustisch
                    umgesetzt und ähneln hierin Partituren in der Musik. Auch Werner Kofler hat
                    keine Hörspiele, sondern <hi rend="italic">Hörspielvorlagen</hi> geschrieben.
                    Diese gehen – genrespezifisch – über eine <q rend="single-qm">Mimikry des
                        Oralen</q> hinaus. Denn eine Hörspielvorlage simuliert Oralität nicht nur in
                    Schrift, sondern <hi rend="italic">antizipiert</hi> – wie die Musikpartitur –
                    immer schon die akustische Umsetzung. Diese findet statt im Aufnahmestudio der
                    Rundfunkanstalt, wird im Radio gesendet (oder ist heute z.T. abrufbar im
                    Internet). Erst dadurch entsteht und existiert das <q rend="single-qm"
                        >Hörspiel</q>: <hi rend="italic">Vom Buchstaben zum Klangerlebnis</hi>.
                    Diese Umsetzung ist ein kollektives Werk, an dem sowohl der/die Autor*in der
                    Hörspielvorlage wie die professionellen Umsetzer*innen im Rundfunk (Produktion,
                    Regie, Sprecher*innen, Soundkünstler*innen, Toningenieur*innen …) beteiligt
                    sind.</p>
                <p>Aufgrund ihrer genrespezifischen Audio-Fokussierung werden Hörspielvorlagen eher
                    selten gedruckt. Dies gilt auch für die meisten Hörspielvorlagen Werner Koflers.
                    Aber sie sind in seinem Nachlass erhalten, der im Robert-Musil-Institut für
                    Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv der Universität Klagenfurt liegt.
                    Ich fokussiere hier auf zwei Hörspielvorlagen: <title>Oliver</title> von 1979/80
                        (<ref type="bibl" target="#Bosse2021">vgl. Bosse 2021</ref>) und
                        <title>Blöde Kaffern, dunkler Erdteil</title> von 1986, letztere gemeinsam
                    mit Antonio Fian verfasst.<note xml:id="endnote_04"> Letztere wurde gut ein
                        Jahrzehnt später ausnahmsweise publiziert (<ref type="bibl"
                            target="#Kofler1999">Kofler/Fian 1999</ref>).</note></p>
            </div>
            <div>
                <head>3. Hörspiel <hi rend="italic">Oliver</hi> (Kofler)</head>
                <p>Auf die Idee, die Zurichtung des Kindes Oliver zum Schlagerstar darzustellen, kam
                    Kofler durch die Reportage über einen <quote source="#ref_Kofler2020-220a"
                        >kleinen Christian, <q rend="single-qm">Österreichs jüngsten
                        Sänger</q></quote>, in der Tageszeitung <title>Kurier</title> (<ref
                        xml:id="ref_Kofler2020-220a" type="bibl" target="#Kofler2020">Kofler 2000:
                        220</ref>).
                    <figure xml:id="wdr03_02-09_Abb_01">
                        <graphic url="wdr03_02-09_Abb_01.jpg" width="348px" height="348px"/>
                        <head type="legend">Inspirationsquelle für Kofler: Single mit den beiden
                            Liedern "Ein Künstler ist mein Opapa" und "Ich hab eine Eisenbahn" vom "jüngsten Sänger
                            Österreichs": "Der kleine Christian". Foto: Archiv Straub</head>
                    </figure></p>
                <p>Kofler strebte einen realitätsentlarvenden Dokumentarismus an, wie der Untertitel
                    zu <title>Oliver</title> signalisiert: <title>Real-Fiction-Hörspiel</title>. Die
                        <hi rend="italic">Mimikry des Oralen</hi> soll hier zur <hi rend="italic"
                        >Mimikry an Realität</hi> werden, aber zwischen Realität und Fiktion
                    oszillieren. Dementsprechend heißt es in Koflers einleitenden Inszenierungs-<q
                        rend="double-qm">Hinweisen</q>:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_KoflerVII-125a">Manche Szenen – der kleine Oliver in großen
                        Auditorien – sollen offenlassen, ob es sich um Realität oder um
                        Wunschvorstellungen handelt. […] Die Geschichte (Mutter-Sohn-Showbranche)
                        hat viele authentische Vorlagen. […] Die FIGUR Oliver ist das fiktive Mittel
                        zwischen lächerlichem, groteskem (andererseits: genauso berechtigtem)
                        Anspruch und dem Millionengeschäft (Heintje); […] <lb/> Die Unterhaltungen
                        der Manager sollen so sein, daß sie zwar manchmal absurd, aber nie als
                        Satire oder gar Kabarett erscheinen. (<ref xml:id="ref_KoflerVII-125a"
                            type="bibl" target="#KoflerVII">Bestand Werner Kofler VII, 125. W19:
                            4</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Indem er <q rend="double-qm">Satire</q> und <q rend="double-qm">Kabarett</q>
                    herausnimmt, dimmt ausgerechnet der große Übertreibungskünstler Kofler die
                    entlarvende Übertreibung. Er rechnete damit, dass schon durch bloße Mimikry der
                        <quote source="#ref_KoflerVII-125b">Schwachsinn des
                        Schlagergeschäfts</quote>, das <quote source="#ref_KoflerVII-125b"
                        >Parasitäre des Caritativen</quote> und die <quote
                        source="#ref_KoflerVII-125b">Kommerzialisierung aller Lebensbereiche</quote>
                        (<ref xml:id="ref_KoflerVII-125b" type="bibl" target="#KoflerVII"
                    >ebd.</ref>) offensichtlich werden. Reicht das? Ich komme darauf zurück.</p>
                <p>Für <title>Oliver</title> stellt Kofler zwei Stimmen-Kategorien auf: <quote
                        source="#ref_KoflerVII-2-3">Stimmen</quote> und <quote
                        source="#ref_KoflerVII-2-3">Stimmen der anrufenden Hörer</quote> (<ref
                        xml:id="ref_KoflerVII-2-3" type="bibl" target="#KoflerVII">ebd.: 2–3</ref>).
                    Die die Haupthandlung tragenden <q rend="double-qm">Stimmen</q> werden mit
                    Nummern aufgelistet, so dass die nachfolgenden Sprecherangaben auf die jeweilige
                    Nummer reduziert sind – für uns beim Lesen wenig hilfreich, aber sehr effizient
                    für die radiophone Inszenierung. Die Charakterisierung der Stimmen bleibt vage:
                    In der Kategorie <q rend="double-qm">weiblich</q> werden nur Nr. 2 und Nr. 4 mit
                    dem Namen und dem Timbre einer mittelalten Stimme individualisiert: <q
                        rend="double-qm">Frau Kramm, Mutter von Oliver, ca. 35–40</q> und <q
                        rend="double-qm">Frau Rosen, Reporterin, etwa 35</q>. Besonders unpräzise
                    sind die <q rend="double-qm">Mehrzweckstimmen</q>, wenn auch Indikatoren für
                    offene Polyphonie. In der Kategorie <q rend="double-qm">männlich</q> hat nur der
                        <q rend="double-qm">Moderator Sagmeister</q> einen sprechenden, leicht
                    ironisierten Namen. Die präzisesten Angaben gibt Kofler zur männlichen Stimme 1,
                    deren Timbre an realer Fernsehwerbung orientiert ist: <q rend="double-qm">tief
                        und freundlich, wie der Herr, der im FS [Fernsehen] nach Spielfilmen auf
                        Persil aufmerksam macht (<q rend="single-qm">Guten Abend</q>)</q>. Am
                    auffälligsten ist, dass ausgerechnet die Titelfigur Oliver hier keinen Namen
                    und, wie im weiteren Verlauf deutlich wird, <hi rend="italic">keine</hi> Stimme
                    hat. Oliver ist durchgehend auf das Singen seiner Lieder reduziert, ansonsten
                    aber stimmlos. Dieses Setting bringt seine Fremdbestimmtheit, seinen Status als
                    Objekt und seine Zurichtung zum singenden Kinderstar auf den Punkt.</p>
                <p>Obwohl sie nur kurz zum Sprechen kommen, werden die <q rend="double-qm">Stimmen
                        der anrufenden Hörer</q> im Rahmen eines Oliver-Wunschkonzerts
                    individualisiert durch Namen und Timbre. Zum Gesamtsetting aller Stimmen lässt
                    sich festhalten, dass sich schon hier eine typisch Kofler’sche Stimmenvielfalt
                    mit Unsicherheitszonen einerseits und Interpretationsfreiräumen für die
                    radiophone Inszenierung andererseits entfaltet. </p>
                <p>Die dann folgenden <quote source="#ref_KoflerVII-4a">Hinweise</quote> Koflers
                    zeigen (<ref xml:id="ref_KoflerVII-4a" type="bibl" target="#KoflerVII">ebd.:
                        4</ref>), warum Götz Fritsch ihn zu Recht als <quote
                        source="#ref_Fritsch2000-209a">Hörspiel-Profi</quote> bezeichnete (<ref
                        xml:id="ref_Fritsch2000-209a" type="bibl" target="#Fritsch2000">Fritsch
                        2000: 209</ref>). Sehr genau widmet sich Kofler dem medialen Wechsel seiner
                    Hörspielvorlage in den radiophonen Raum. Mit dem <q rend="double-qm"
                        >Schrägstrich</q> definiert er <q rend="double-qm">Schnitte</q> bei
                    Szenenwechseln, die eine Montagestruktur ergeben. Die Stimme 6, die einen <quote
                        source="#ref_KoflerVII-4b">Zeitungsbericht</quote> vorliest, bekommt mit dem
                        <q rend="double-qm">Rotationsgeräusch</q> des Zeitungsdrucks ein
                    spezifisches Intro (<ref xml:id="ref_KoflerVII-4b" type="bibl"
                        target="#KoflerVII">Bestand Kofler VII: 4</ref>). Just seit
                        <title>Oliver</title> spielt in Koflers Hörspielvorlagen Musik eine tragende
                    Rolle. Für <title>Oliver</title> hat er selbst fünf kitschige Lieder getextet.
                    Sie sind dem Haupttext vorangestellt (<ref type="bibl" target="#KoflerVII">ebd.:
                        5–8</ref>), werden im montageartigen Haupttext nur anzitiert – ähnlich kurz
                    wie die eingeblendeten Werbespots. Für die radiophone Inszenierung hat der
                    bekannte Komponist Peer Raben die <title>Oliver</title>-Lieder nach dem realen
                    Vorbild der Heintje-Schnulzen vertont. Kofler ist offensichtlich darauf aus, <hi
                        rend="italic">mit</hi> den Stimmen, <hi rend="italic">hinter</hi> ihnen und
                        <hi rend="italic">um sie herum</hi> Soundscapes zu kreieren mit orts-
                    und/oder figurentypischen Geräuschen und Musik. So entsteht eine komplexe
                    Montage, die beim bloßen Lesen der Hörspielvorlage mühsam zu rekonstruieren ist.
                    Beim Hören hingegen ist sie gut nachvollziehbar<note xml:id="endnote_05"> In
                        einem reinen Audiomedium erweisen sie sich sogar als
                        aufmerksamkeitssteigernd. Es wird also Zeit, dem für Nicht-Radioprofis
                        durchaus verwirrenden Typoskript, einem visuellen Medium, seine radiophone
                        Inszenierung als reines Audio-Medium gegenüberzustellen.</note> – <hi
                        rend="italic">Vom Buchstaben zum Klangerlebnis</hi>:</p>

                <p>
                    <ref target="https://phaidra.univie.ac.at/o:1433128">Ausschnitt aus Werner
                        Koflers Hörspiel <hi rend="italic">Oliver</hi>, ORF-Burgenland 1980
                        (0:35–4:42)</ref></p>
                <p><ref target="https://phaidra.univie.ac.at/o:1433134">Ausschnitt aus Werner
                        Koflers Hörspiel <hi rend="italic">Oliver</hi>, Hessischer Rundfunk 1982
                        (0:00–4:08)</ref></p>


                <p>Es wird deutlich: Die Wechsel und Gegenschnitte tragen wesentlich zur
                    gesellschafts- und medienkritischen Wirkung bei. Doch am Ende folgt eine
                    längere, ununterbrochene Szene, die <q rend="double-qm"><hi rend="italic"
                            >fiktive</hi> Live-Wunschsendung im Radio</q>. Ihr Titel <title>Licht
                        ins Dunkel</title> ist identisch mit einer <hi rend="italic">realen</hi>
                    Fernsehsendung, die es bis heute gibt. <note xml:id="endnote_06">
                        <title>Licht ins Dunkel</title> ist die größte humanitäre Hilfskampagne in
                        Österreich sowie ein Verein mit Sitz in Wien. Die erste Kampagne wurde 1973
                        vom damaligen <ref target="https://de.wikipedia.org/wiki/ORF"
                        >ORF</ref>-Landesintendanten von Niederösterreich, Kurt Bergmann, initiiert.
                        Die erste Sendung wurde im Radio gesendet. Seit 1978 findet die Kampagne im
                        Fernsehen statt. Jeweils am Heiligen Abend präsentiert der ORF eine
                        14-stündige Fernsehsendung, in der um Spenden für Sozialhilfe- und
                        Behindertenprojekte in <ref
                            target="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreich">Österreich</ref>
                        gebeten wird. Im Jahr 2021 erreichte das Spendenvolumen laut ORF 13,5
                        Mill.</note> Kofler kommentierte dies später so: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kofler2020-220b">Der kleine Oliver tritt auf, singt <hi
                            rend="italic">Licht ins Dunkel</hi> für die Behinderten, und Behinderte
                        dürfen sich dann Titel vom Oliver wünschen. Das wurde von Elmar Gunsch als
                        Elmar Gunsch […] moderiert, und versuchsweise wurden die realen
                        Kundendienstnummern des Hessischen Rundfunks bekannt gegeben: Wer anrufen
                        will, kann das unter dieser Nummer und so. Es waren also sechs oder sieben
                        Leitungen fortwährend blockiert, weil die Leute angerufen haben und [die
                        erfundene Oliver-LP] bestellen wollten. (<ref xml:id="ref_Kofler2020-220b"
                            type="bibl" target="#Kofler2020">Kofler 2000: 220</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Kofler freute der fulminante Erfolg. Doch indem die radiophone Inszenierung sein
                    Prinzip immer perfekterer Mimikry an die Realität auf die Spitze trieb – <q
                        rend="double-qm">Elmar Gunsch als Elmar Gunsch</q>, <q rend="double-qm"
                        >reale Kundendienstnummern</q> – haben viele Hörer*innen die <quote
                        source="#ref_Fritsch2000-208-209">beißende Satire über ein Heintje-artiges
                        Sängerwunderkind</quote> und seinen <quote source="#ref_Fritsch2000-208-209"
                        >höhnischen Spott über das Werden und Gemachtwerden eines
                        Kitsch-Wunderkindes</quote> eben <hi rend="italic">nicht</hi> durchschaut
                        (<ref xml:id="ref_Fritsch2000-208-209" type="bibl" target="#Fritsch2000"
                        >Fritsch 2000: 208–209</ref>). <note xml:id="endnote_07"> Kofler hat sich
                        allzu sehr darauf verlassen, dass <quote source="#ref_Fritsch2000-209b"
                            >selbst gekonnteste, geschliffenste Bösartigkeit in der Kunst der
                            Verderbtheit des realen Lebens kaum das Wasser reichen kann</quote>
                            (<ref xml:id="ref_Fritsch2000-209b" type="bibl" target="#Fritsch2000"
                            >Fritsch 2000: 209</ref>).</note> Das wirft Fragen auf: Bewirkte der
                    Medienwechsel von der rein textlichen Hörspielvorlage zur radiophonen
                    Performance, <hi rend="italic">vom Buchstaben zum Klangerlebnis</hi>, dass sich im Ohr der
                    Zuhörer*innen das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität allzu sehr Richtung
                    Realität verschob? Hat Kofler sein Wirkungsziel – Aufklärung, Entlarvung,
                    Erkenntnis – nur bei einer Minderheit erreicht? Hat er, statt die
                    Unterhaltungsindustrie zu entlarven, dieser womöglich zugespielt? Hängt dieses
                    Problem mit dem radiophonen Hörspiel zusammen, zu dem sich Hörer*innen jederzeit
                    zuschalten können, so dass ihnen gegebenenfalls die satirische Rahmung
                    fehlt?</p>
                <p>Ähnliche Fragen stellen sich beim zweiten Hörspiel.</p>
            </div>
            <div>
                <head>4. Hörspiel Blöde Kaffern, dunkler Erdteil (Kofler/Fian)</head>
                <p>Schon der Titel setzt eine mehrfache Provokation, die die
                    eurozentristisch-kolonialistische Perspektive satirisch freilegt. Die
                    herabsetzende Bezeichnung <q rend="double-qm">Kaffern</q> für Afrikaner
                    schwarzer Hautfarbe – hier noch getoppt durch <q rend="double-qm">blöd</q> (<hi
                        rend="italic">dumm</hi>) – entstammt einem herrenmenschlichen Rassismus.
                        <note xml:id="endnote_08">
                        <q rend="single-qm">Kaffer</q> stammt von arabisch <q rend="single-qm"
                            >kafir</q> = <q rend="single-qm">Ungläubiger</q> und wurde von den
                        niederländischen Kolonialisten Südafrikas ins Afrikaans als <q
                            rend="single-qm">Kaffer</q> übertragen. <ref type="bibl"
                            target="#Brockhaus1838">Vgl. Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon
                            1838, 526–>527</ref>. </note>
                    <q rend="double-qm">Dunkler Erdteil</q> für <q rend="single-qm">Afrika</q> nimmt
                    die dunkle Hautfarbe wieder auf, lädt dies nun aber abwertend metaphorisch mit
                        <q rend="single-qm">rätselhaft</q>, <q rend="single-qm"
                    >undurchdringlich</q>, <q rend="single-qm">gefährlich</q> auf. <note
                        xml:id="endnote_09"> Die Dokumente im Bestand Werner Kofler 11 lassen
                        vermuten, dass der Titel auf ein Brainstorming Werner Koflers zurückgeht,
                        mit bewusstem Bezug auf <q rend="double-qm">schwarz</q> und <q
                            rend="double-qm">Rassismus</q> (<ref type="bibl" target="#Kofler11"
                            >W33_Kof 11</ref>).</note> Das Hörspiel explizit <q rend="double-qm"
                        >rassistisch</q> zu nennen, ist eine antizipative Selbstentlarvung, die
                    zusammen mit den Textsignalen des Titels bei den Rezipient*innen die
                    Erwartungshaltung <q rend="single-qm">Parodie</q> auslöst. Zugleich entlarvt <q
                        rend="double-qm">rassistisch</q> auch den intertextuellen Prätext. Denn
                        <title>Rolf Torring’s Abenteuer</title> war eine rassistisch-kitschige
                    Romanheft-Serie, die zwischen 1930 und 1939 in 445 Folgen erschien und die nach
                    dem Zweiten Weltkrieg bestürzend erfolgreich wieder neu aufgelegt wurde. Mit <q
                        rend="double-qm">Rolf Torring junior</q> und der Figur <q rend="double-qm"
                        >Pongo II</q>, Söhne der Protagonisten in den Romanheften, suggerieren
                    Kofler und Fian, die Serie fortzusetzen, zu aktualisieren und medial neu zu
                    formatieren. Beim zweiten Untertitel <hi rend="italic">Aus dem Fremden
                        übertragen</hi> stellt sich die Frage: Wohin übertragen? Doch nicht nur aus
                    dem kolonialisierten Afrika nach Europa, sondern auch aus der Zeit der
                    Heftchenromane in die Gegenwart. Tatsächlich fokussieren Kofler und Fian auf den
                    seit den 1980er Jahren weltweit lukrativen Handel mit Fremdenlegionären, zu
                    denen sich Torring junior und Pongo II ausbilden lassen. Vorlage war einmal mehr
                    ein Zeitungsbericht, <note xml:id="endnote_10"> In Koflers Nachlass liegt –
                        typisch für ihn – der Spiegel-Artikel <title>Söldner. Killen lernen</title>
                        über die Ausbildung ehemaliger Bundwehrsoldaten und <q rend="double-qm"
                            >arbeitsloser Abenteurer</q> zu Fremdenlegionären und ihre – lukrative –
                            <q rend="single-qm">Vermittlung</q> in die sog. <q rend="single-qm"
                            >Dritte Welt</q>, wo sie dann z.B. die <q rend="double-qm">militärische
                            Säuberung</q> eines <q rend="double-qm">Gebiets</q> übernehmen (<ref
                            type="bibl" target="#Kofler11">ebd. W33/S1</ref>). <ref type="bibl"
                            target="#Spiegel1985">Vgl. online Der Spiegel (1985</ref>). Kofler und
                        Fian haben aus diesem Artikel wörtliche Zitate und den <q rend="single-qm"
                            >Vermittler</q> Graf Adelmann von Adelmannsfelden in ihre
                        Hörspielvorlage übernommen.</note> so dass wir erneut eine intertextuelle
                    Verkreuzung von Realität und Fiktion haben.</p>
                <p>In der Hörspielinszenierung von 1987 werden die Untertitel gesprochen <note
                        xml:id="endnote_11"> Werner Kofler/Antonio Fian: Blöde Kaffern, dunkler
                        Erdteil (<ref target="https://oe1.orf.at/hoerspiel/suche/11433"
                            >oe1.orf.at/hoerspiel/suche/11433</ref>).</note> – und damit dringlich
                    die Stimmen und deren Mimikry gerahmt. Ihr sprachlicher Duktus stammt nämlich
                    les- und hörbar aus den 1930er bis 1950er Jahren, verstärkt durch die umgebenden
                    Soundscapes mit zeitgenössischer Musik. Vor allem die Stimme von Pongo II, sein
                    klischeehaftes Ausländer-Sprech bedarf der Rahmung mit dem selbstironischen
                    Hinweis <q rend="double-qm">rassistisch</q>. Gegenüber dem Pongo der
                    Heftchenromane nehmen die <q rend="single-qm">Sprachfehler</q> bei Pongo II
                    deutlich ab, und er ist fähig, selbstermächtigend <q rend="double-qm">ich</q> zu
                    sagen. Vor allem dominieren zu Beginn des Hörspiels die Stimme und die
                    Perspektive von Pongo II. Dennoch lässt sein tiefes Timbre in der radiophonen
                    Inszenierung bei mir Zweifel am Mimikry-Konzept aufkommen, zu sehr nähert es
                    sich zusammen mit dem Ausländer-Sprech und dem Trommeln auf die eigene Brust dem
                    Klischee:</p>

                <p><ref target="https://phaidra.univie.ac.at/o:1433135">Ausschnitt aus Werner
                        Koflers/Antonio Fians Hörspiel <hi rend="italic">Blöde Kaffern, dunkler
                            Erdteil</hi>, ORF/Radio Bremen 1987 (0:00–3:45)</ref></p>

            </div>
            <div>
                <head>5. Abschluss</head>
                <p>Bei beiden Hörspielvorlagen und ihren radiophonen Umsetzungen sehe ich weiterhin
                    ein Risiko: Je perfekter die Imitation/Mimikry, desto geringer ihr
                    erkenntniskritischer Effekt.<note xml:id="endnote_12"> Kofler selbst wurde als
                            <quote source="#ref_Dürr2009-129">Stimmenimitator</quote> bezeichnet
                            (<ref xml:id="ref_Dürr2009-129" type="bibl" target="#Dürr2009">Dürr
                            2009: 129</ref>).</note> Wird die Mimikry an realen Kitsch und reale
                    Klischees erkennbar genug übertrieben? Reicht die Rahmung mit Parodiesignalen?
                    Kommt die Kapitalismus-, Massenmedien-, Kolonialismus- und Rassismuskritik bei
                    den Rezipient*innen an? Was liegt in der Verantwortung der Autoren Kofler und
                    Fian, was in der der radiophonen Inszenator*innen und Performer*innen? Deutlich
                    geworden ist jedenfalls, dass der Medienwechsel vom Text zur radiophonen
                    Performance, <hi rend="italic">vom Buchstaben zum Klangerlebnis</hi> eine enorme
                    Konversionskraft entwickelt und dass diese Fragen nur beantwortet werden können,
                    wenn uns beides zur Verfügung steht: die Hörspielvorlagen und ihre radiophonen
                    Inszenierungen. Dies ist eines der Ziele beim Ausbau des Webportals <ref
                        target="http://www.wernerkofler.at">www.wernerkofler.at</ref> im Rahmen der
                    Kofler-Hybridausgabe von Wolfgang Straub und Claudia Dürr.</p>


            </div>
        </body>
        <back>
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                            rend="color(202122)">Robert-Musil-Institut für
                            Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv. Universität
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</TEI>
