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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Sigmund Freud. Historisch-kritische
                    Gesamtausgabe</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Ein Werkstattbericht</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Sophie</forename>
                        <surname>Liepold</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                    <email>sophie.liepold@univie.ac.at</email>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-03-01</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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            </langUsage>
            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Sigmund Freud</term>
                    <term xml:lang="">Kommentierte Werkausgabe</term>
                    <term xml:lang="de">Digitale Edition</term>
                </keywords>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Beitrag stellt das Unternehmen der historisch-kritischen Gesamtausgabe des
                    Werks Sigmund Freuds vor. Mit dem Gesamtvorhaben soll erstmals eine
                    vollständige, primär digitale Edition der Schriften Freuds vorgelegt werden.
                    Ziel des Projektes ist die Entwicklung, Implementierung und exemplarische
                    editorische Umsetzung des spezifischen Editions-Instrumentariums der Digital
                    Humanities, das den TEI-Standards folgt. Es werden Werke aus den Zeiträumen
                    1900–1905 und 1920–1925 kritisch ediert und digital zugänglich gemacht, ein
                    Gesamtregister erstellt sowie die edierten Texte für eine Printversion
                    vorbereitet. Angestrebt wird eine synoptische Darstellung der Ergebnisse, die es
                    ermöglicht, das Faksimile, die diplomatische Umschrift, die TEI-Codierung und
                    eine Lesefassung samt textkritischem Apparat des jeweiligen Werkes flexibel
                    nebeneinander zu stellen.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The contribution introduces the undertaking of a historical-critical complete
                    edition of Sigmund Freud’s oeuvre, which aims to provide a complete, primarily
                    digital edition of Freud’s writings for the first time. Its goal is the
                    development, implementation and exemplary editorial delivery of the specific
                    edition tools of digital humanities following TEI standards. Works from the
                    periods 1900–1905 and 1920–1925 will be edited critically and made available in
                    digital format, a complete index will be created, and edited texts will be
                    prepared for a print edition. The goal is a synoptical presentation of results
                    which allows for a flexible side-by-side view of facsimile, diplomatic
                    transcription, TEI coding and a reader’s version including a text critical
                    apparatus for each work.</p>
            </div>
        </front>

        <body>
            <div xml:id="wdr03_03-01_01">
                <head>1.</head>
                <p>Das FWF-Projekt <hi rend="italic">Sigmund Freud. Historisch-kritische
                        Gesamtausgabe, Teil 1</hi> (2020–2022) wird als Kooperation der Wiener
                    Psychoanalytischen Akademie mit dem Institut für Germanistik an der Universität
                    Wien und dem Austrian Center für Digital Humanities der Österreichischen
                    Akademie der Wissenschaften durchgeführt. Es ist Teil eines größeren Vorhabens,
                    an dem seit 2012 gearbeitet und das von der Wiener Psychoanalytischen
                    Vereinigung und Wiener Psychoanalytischen Akademie getragen wird und mit der
                    International Psychoanalytic University Berlin sowie dem Sigmund Freud Museum
                    Wien kooperiert.<note xml:id="endnote_01">Die Leitung des FWF-Projekts hat
                        Michael Rohrwasser inne (Institut für Germanistik an der Universität Wien),
                        das Gesamtvorhaben leitet Christine Diercks (Wiener Psychoanalytische
                        Akademie / Wiener Psychoanalytische Vereinigung), das Editionsteam besteht
                        aus Christian Huber (seit 2020), Kira Kaufmann (seit 2022) und Sophie
                        Liepold (2020-2021) (Institut für Germanistik an der Universität Wien). Das
                        Team der Digital Humanities setzt sich aus Peter Andorfer und Daniel
                        Schopper (beratend) zusammen (beide Austrian Center for Digital Humanities,
                        Österreichische Akademie der Wissenschaften) und die Webseite betreut Julian
                        Roedelius.</note></p>
                <p>Mit dem Gesamtvorhaben soll erstmals eine vollständige, primär digitale Edition
                    der Schriften Sigmund Freuds vorgelegt werden, die auch sein Frühwerk, das
                    Briefœuvre und die erhaltenen Handschriften aus dem Nachlass miteinschließt und
                    den Kriterien einer historisch-kritischen Edition entspricht. Die Schriften
                    werden in <hi rend="italic">Werk</hi> und <hi rend="italic">Briefœuvre</hi>
                    unterteilt; aufgehoben wird die Trennung in <hi rend="italic"
                        >voranalytische</hi> und <hi rend="italic">psychoanalytische</hi> Schriften.
                    Die neue Erschließung und Bearbeitung der Werke Freuds hat als ein Ergebnis auch
                    ein neu systematisiertes Werk- und Briefverzeichnis hervorgebracht, das
                    zunehmend Vollständigkeit erreicht und durch eine zugehörige Bibliografie
                    begleitet wird (<ref type="bibl" target="#Diercks2021">vgl. Diercks/Blatow
                        2021</ref>). In der Konzeption des Verzeichnisses wird auf das Jahr der
                    Erstveröffentlichung oder das Datum der Niederschrift fokussiert. Auch jene
                    Texte, die nicht von Freud selbst publiziert wurden, erhalten nach diesem
                    editorischen Schema den Status von Werken und werden mit dem Jahr ihrer
                    Aufzeichnung eingeordnet. Die Führung des Werk- und Briefœuvres erfolgt
                    getrennt. Die Bibliografie stützt sich wesentlich auf die von Inge Meyer-Palmedo
                    und Gerhard Fichtner erstellte <title>Freud-Bibliographie mit
                        Werkkonkordanz</title> (<ref type="bibl" target="#Meyer-Palmedo1999">vgl.
                        Meyer-Palmedo/Fichtner 1999</ref>), welche von Albrecht Hirschmüller 2014
                    überarbeitet und ergänzt wurde. Zusätzlich bilden die von Christfried Tögel
                    erstellten Werksignaturen der <title>Sigmund Freud Gesamtausgabe</title> (SFG)
                    eine Referenz dar (<ref type="bibl" target="#Tögel2015">vgl. Tögel
                        2015–2021</ref>). Diese drei Signatursysteme werden über eine Konkordanz ins
                    Verhältnis gesetzt. Die Grundlage der Edition
                    bildet die digitale Datenbank der freud-edition.net, in der die Faksimiles aller
                    für die historisch-kritische Erschließung erforderlichen Manifestationen eines
                    Werks eingespeist und in einem ersten Schritt diplomatisch transkribiert werden.
                    Daraus ergibt sich gleichzeitig eine digitale Faksimile-Edition, die sich im
                    Wesentlichen einer seit 2015 bestehenden Kooperation mit der Psychoanalytischen
                    Universität Berlin durch deren Bereitstellung ihrer <title>Collection Of The
                        International Psychoanalytic University Berlin</title> (<ref type="bibl"
                        target="#COIPUB2009">vgl. COTIPUB 2009</ref>) dankt.<note
                        xml:id="endnote_02">Das von Lilli Gast initiierte Projekt wird vom
                        Antiquariat Zerfaß in Berlin unterstützt und von Arkadi Blatow
                        (International Psychoanalytic University Berlin) durch Recherchen und
                        Digitalisierungen realisiert.</note></p>
                <p>Ziel des FWF-Projektes ist die Entwicklung, Implementierung und exemplarische
                    editorische Umsetzung des spezifischen Editions-Instrumentariums der Digital
                    Humanities, das den TEI-Standards folgt. Für das Projekt werden Werke aus den
                    Zeiträumen 1900–1905 und 1920–1925 kritisch ediert und digital zugänglich
                    gemacht, ein Gesamtregister erstellt sowie die edierten Texte für eine
                    Printversion vorbereitet. Angestrebt wird eine synoptische Darstellung der
                    Ergebnisse, die es ermöglicht, das Faksimile, die diplomatische Umschrift, die
                    TEI-Codierung und eine Lesefassung samt textkritischem Apparat des jeweiligen
                    Werkes flexibel nebeneinander zu stellen. Zunächst werden die Texte mit
                    verschiedenen Textauszeichnungen (Überschriften, Fußnoten, Markierungen wie
                    Sperrungen u.ä.) belegt, um sie für die automatisierte Variantenerstellung
                    mithilfe von TEI vorzubereiten. Die handschriftlichen Textzeugen werden
                    transkribiert und ebenfalls ausgezeichnet, um in den Variantenvergleich
                    mitaufgenommen zu werden. Parallel zum Vergleich aller Manifestationen eines
                    Werks folgt die inhaltliche Erschließung sowie der Aufbau von Registern.
                    Mögliche Kategorien sind dabei neben dem Begriffs-, Orts- und Personenregister
                    auch Fallgeschichten, Träume, Witze, Zitate sowie Institutionen/Körperschaften.
                    Die inhaltliche Auszeichnung und Kommentierung wird sich einerseits auf Register
                    und andererseits auf Stellenkommentare stützen; diese entstehen durch freie
                    Kommentierung und werden durch halbautomatische und interne Querverweise, die
                    auf das Gesamtkorpus verweisen, ergänzt.</p>
                <p>Bei einem Werk, das von Freud autorisiert veröffentlicht wurde, finden alle
                    Textvarianten von der Erstveröffentlichung bis zur Ausgabe letzter Hand und –
                    soweit überliefert – Entwurf, Reinschrift und Druckfahnen in der Edition
                    Aufnahme. Sie sind als Befund der Überlieferungsträger mit Metadaten versehen,
                    die Informationen über Herkunft und Beschaffenheit der Textgrundlage liefern.
                    Die handschriftlichen Textzeugen stellen gleichzeitig Stufen in der Textgenese
                    dar (<ref type="bibl" target="#Grubrich-Simitis1993">vgl. Grubrich-Simits 1993:
                        115</ref>). Erhaltene Manuskripte in Form von Entwürfen der im
                    FWF-Projektzeitraum zu edierenden Monografien finden sich zu <title>Jenseits des
                        Lustprinzips</title> (1920), <title>Eine Teufelsneurose im siebzehnten
                        Jahrhundert</title> (1923), <title>Das Ich und das Es</title> (1923) sowie
                    Notizen der zentralen Ideen zu <title>Der Witz und seine Beziehung zum
                        Unbewussten</title> (1905) und Vorbereitungsnotizen zur<title>
                        Teufelsneurose</title>. Durch den Vergleich der mannigfachen Auflagen und
                    der darin teilweise massiv vorgenommenen Änderungen kann auch die Textgenese
                    nach dem Erstdruck bis zur Ausgabe letzter Hand und damit weitere Stadien der
                    Textgenese nachgezeichnet und kommentiert werden.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_03-01_02">
                <head>2. </head>
                <p>Jahrelang hat Freud seine Manuskripte nach der Drucklegung weggeworfen; so sind
                    etwa die handschriftlichen Entwürfe der <title>Traumdeutung</title> oder jene
                    der <title>Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie</title> verlorengegangen. Erst ab
                    1913/14, als sich Sammler für seine Handschriften zu interessieren begannen und
                    er sich deren Wert auf dem Autographenmarkt bewusst wurde begann er, diese nach
                    der Satzlegung zurückzufordern und aufzubewahren (<ref type="bibl"
                        target="#Grubrich-Simitis1993">vgl. Grubrich-Simitis 1993: 119–120</ref>).
                    Das Verhältnis zu seinen Papieren und seine Aufbewahrungspraxis beschreibt er in
                    einem Brief an Max Eitingon vom 13. November 1934: <quote
                        source="#ref_Schröter2004-885">Ich teile den quasi-fetischistischen Respekt
                        vor Manuskripten nicht, bin unachtsam mit ihnen und bewahre sie nur auf,
                        weil man mich mit der Möglichkeit unterhalten hat, sie könnten einmal
                        Taschengeld für meine Enkel einbringen.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Schröter2004-885" type="bibl" target="#Schröter2004"
                        >Schröter 2004: 885</ref>) Aufgehoben hat Freud dennoch
                    nicht alles; mehrmals in seinem Leben sortierte er seine handschriftlichen
                    Unterlagen – erstmals 1885, zuletzt vor seiner Emigration 1938 – und zerstörte
                    einen Großteil davon (<ref type="bibl" target="#Grubrich-Simitis1993">vgl.
                        Grubrich-Simitis 1993: 117</ref>). Dies deutet auf das <q rend="single-qm"
                        >Nachlassbewusstsein</q> Freuds hin, das sich vor allem durch die Steuerung
                    und Auswahl der zukünftigen Hinterlassenschaft in Form seines publizierten
                    Werkes ausdrückt. Somit lenkt Freud nicht nur die Erscheinungsform der zu
                    Lebzeiten publizierten Werke, sondern auch sein postumes Autorbild, das vor
                    allem durch seine Werkausgaben und nicht durch die Überlieferung von
                    handschriftlichen Textzeugen und unfertigen Entwürfen geprägt sein soll. Freuds
                    Aufmerksamkeit liegt seit Beginn seiner (psychoanalytischen) Karriere auf der
                    Veröffentlichungspolitik: Nach dem Erscheinen seiner Bücher <title>Studien über
                        Hysterie</title> (1895), <title>Die Traumdeutung</title> (1900), <title>Drei
                        Abhandlungen zur Sexualtheorie</title> (1905) bei Deuticke gründete er,
                    unter Mitwirkung verschiedener Kollegen, psychoanalytische Zeitschriften wie
                    etwa das ab 1911 erscheinende <title>Zentralblatt für Psychoanalyse</title>.
                    Diese sollten zur Institutionalisierung der Psychoanalyse und deren
                    Unabhängigkeit beitragen und wurden mehrmals zum Medium Freud’scher
                    Erstveröffentlichungen. 1918 schließlich wurde der <hi rend="italic"
                        >Internationale Psychoanalytische Verlag</hi> gegründet, der für die
                    psychoanalytische Bewegung unabdingbar wurde: <quote
                        source="#ref_Brabant2005-278">ohne Verlag wären wir ohnmächtig</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Brabant2005-278" type="bibl" target="#Brabant2005">Brabant 2005: 278</ref>) heißt es in einem späteren Brief Freuds aus
                    dem Jahr 1932 an Sándor Ferenczi. Die <title>Sammlung kleiner Schriften zur
                        Neurosenlehre</title>, die zwischen 1906 und 1922 erschien, wurde von Freud
                    selbst arrangiert und begleitet – sie kann als erste Werkausgabe bezeichnet
                    werden und zeigt, wie Freuds Verlags- und Veröffentlichungspolitik zur
                    regelrechten Editionspolitik wird. „Die Aufsatzsammlungen, mit anderen Worten,
                    markieren den Anfang der von Freud betriebenen Bildung eines Kanons seiner
                    Arbeiten.“, unterstreicht Michael Schröter (2015: 552) die Bedeutung jener
                    ersten umfänglichen Ausgabe. Die <title>Gesammelten Schriften</title> (GS), die
                    im Wesentlichen von Otto Rank, Anna Freud und A. J. Storfer herausgegeben wurden
                    und zwischen 1924 und 1934 erschienen, bilden den Höhepunkt dieser
                    Kanonisierungsbestrebungen (vgl. Schröter ebd.). Bei der Konzeption der GS
                    wirkte Freud selbst mit; seine Vorgabe, die sogenannten ‚voranalytischen
                    Schriften‘ auszusparen, zeigt sich in den darauffolgenden Werkausgaben und
                    verdeutlicht, wie bedacht Freud auf die öffentliche Wahrnehmung seiner Werke
                    war. Schließlich blieben auch die <title>Gesammelten Werke</title> bei dieser Vorgabe
                    Freuds, obwohl die Herausgeber vorerst anderes im Sinn hatten (<ref type="bibl"
                        target="#Grubrich-Simitis1993">vgl. Grubrich-Simitis 1989: 797</ref>). Die
                    Bedeutung der Publikationspolitik für Freud als Autor zeigt sich nicht zuletzt
                    an einer sechsseitigen handgeschriebenen <title>Chronologie</title>, in der
                    Freud mittels der Rubriken ‚Arbeiten‘, ‚Auflagen‘ und ‚Übersetzungen‘ die
                    Veröffentlichungen seiner Werke verzeichnet. Diese „Autobibliografie“ (<ref
                        type="bibl" target="#Grubrich-Simitis1993">Grubrich-Simitis: 32</ref>)
                    beginnt mit dem Nachruf auf Jean-Martin Charcot aus dem Jahr 1893 und spart
                    damit nicht nur sein Frühwerk aus, sondern markiert auch den Beginn seiner
                    Karriere. Der letzte Werkeintrag lautet „(Moses)“ und ist mit 1935 datiert (<ref
                        type="bibl" target="#Freud1935">vgl. Freud ca. 1935</ref>) – obschon seine
                    letzte Schrift <title>Der Mann Moses und die monotheistische Religion</title>
                    erst im Jahr 1939 erscheinen wird. Freuds Mitwirken bei den Gesamtausgaben,
                    seine Rolle als Verleger und Editor sowie die Chronologie seiner Schriften
                    zeigen einen Autor, der die Erscheinungsform, Veröffentlichung und Verbreitung
                    seiner Werke stets im Blick hat, diese steuert, dokumentiert und dabei auch
                    zukünftiges Interesse an seinen Schriften in Form von Werkausgaben und seinen
                    Manuskripten in Form seines Nachlasses antizipiert. An dieser Stelle wird Freuds
                    ‚Nachlassbewusstsein‘ besonders deutlich, das direkt mit der
                    Veröffentlichungspraxis seiner Schriften verknüpft ist, denn:
                    „Nachlassbewusstsein ist Editionspolitik“ (<ref type="bibl"
                        target="#Nutt-Kofoth2017">Nutt-Kofoth 2017: 92</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_03-01_03">
                <head>3.</head>
                <p>Im Jahr 1951 gründeten eine Gruppe New Yorker Psychoanalytiker, darunter K. R.
                    Eissler, Heinz Hartmann und Ernst Kris, die Sigmund Freud Archives (SFA), um Briefe
                    und Schriften Freuds in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg zu sammeln und
                    aufzubewahren. Noch im selben Jahr schlossen die SFA, die kein
                    institutionalisiertes Archiv darstellten, eine Vereinbarung mit der Library of
                    Congress in Washington, D.C. Erste Schenkungen erreichten das Archiv 1952 (<ref
                        type="bibl" target="#Collection_Sigmund_Freud_Papers">vgl. Library of
                        Congress</ref>). Die überwiegende Mehrheit des handschriftlichen Werks und
                    der Briefe wird daher in Washington verwahrt. Eine Vielzahl der Beschränkungen
                    der Archivmaterialien fiel im Jahr 2000 – dies bildet eine der wichtigsten
                    Voraussetzungen für die historisch-kritische Ausgabe. Weitere Dokumente aus dem
                    Nachlass Sigmund Freuds finden sich im Archiv des Londoner Freud Museums, dem
                    Archiv des Sigmund Freud Museums Wien sowie anderen öffentlichen Archiven und
                    Privatsammlungen. Im Rahmen der FE wird laufend nach bislang unentdeckten
                    Textzeugen gesucht, um eine möglichst vollständige Bibliografie zu erstellen und
                    diese in die Kollationierung, den textkritischen Apparat und die inhaltliche
                    Kommentierung einschließen zu können. </p>
                <p>Der durch die Nachlassmaterialien teilweise rekonstruierbare Schreibprozess
                    Freuds zeichnet sich in verschiedenen handschriftlich fixierten Textstufen ab:
                    Notizen, Entwürfe und Reinschriften (<ref type="bibl"
                        target="#Grubrich-Simitis1993">vgl. Grubrich-Simits 1993: 115</ref>). Doch
                    auch nach der Drucklegung arbeitete Freud häufig an seinen Texten weiter. So
                    schreibt er in der zweiten Auflage der <title>Traumdeutung</title>: <quote
                        source="#ref_Freud2010-23">Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und
                        Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für
                        fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
                        fortschreitenden Einsichten abzuändern.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Freud2010-23" type="bibl" target="#Freud2010">Freud 2010:
                        23</ref>) Ähnliche nachträgliche Bearbeitungen seiner Schriften finden sich
                    etwa bei der Studie <title>Zur Psychopathologie des Alltagslebens</title>
                    (1904); viermal in seinem Leben überarbeitet er die <title>Drei Abhandlungen zur
                        Sexualtheorie</title> (1905), bei welchen es durch die nachträglichen
                    Anreicherungen in den verschiedenen Auflagen maßgebliche inhaltliche Verschiebungen zu
                    verzeichnen sind (<ref type="bibl" target="#vanHaute2015">vgl. van
                        Haute/Westerink 2015</ref>). Eine weitere Besonderheit stellen die in
                    Einzelaufsätzen erschienenen Texte dar, etwa <title>Totem und Tabu</title>
                    (1913) oder <hi rend="italic">Mann Moses und die monotheistische Religion</hi>
                    (1939). Seine serielle Arbeitsweise betont Freud in einem Brief vom 14. 8. 1925
                    an Sándor Ferenczi, in dem er den Schreibprozess von <title>Hemmung, Symptom und
                        Angst</title> (1926) charakterisiert: <quote source="#ref_Brabant2005-49"
                        >Genese: nach Art eines Zeitungsromans, wobei der Autor sich selbst von
                        jeder Fortsetzung überraschen lässt</quote>, schreibt er am 14. 8. 1925 an
                    Sándor Ferenczi (<ref xml:id="ref_Brabant2005-49" type="bibl"
                        target="#Brabant2005">Brabant 2005: 49</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_03-01_04">
                <head>4.</head>
                <p>Am Beispiel der <title>Traumdeutung</title> (1900) lassen sich viele
                    Besonderheiten und Details der Arbeitsweise Freuds und folglich auch der
                    historisch-kritischen Bearbeitung seiner Texte zeigen. Da Freud sein
                    handschriftliches Manuskript zur Traumdeutung, wie er in einem Brief vom 12.
                    Juli 1936 an Abraham Schwadron schreibt, <quote source="#ref_Gay1989-688">dem
                        Papierkorb überantwortete</quote> (<ref xml:id="ref_Gay1989-688" type="bibl"
                        target="#Gay1989">zit. nach Gay 1989: 688</ref>), steht bei der
                    historisch-kritischen Erschließung der Vergleich aller publizierten Auflagen im
                    Mittelpunkt. Von Auflage zu Auflage hat Freud die <title>Traumdeutung</title>
                    überarbeitet, ergänzt, revidiert und damit wesentliche Veränderungen
                    vorgenommen. Während die zwischen 1900 und 1915 erschienenen fünf Auflagen stark
                    voneinander abweichen, werden die sechste (1921) und siebte (1922) Auflage
                    schließlich unverändert abgedruckt. Als die <title>Traumdeutung</title> 1925 in die <title>Gesammelten
                    Schriften</title> aufgenommen wurde, griffen die Herausgeber dabei auf die Version der
                    Erstausgabe zurück und versammelten in einem zweiten Band die Zusätze der
                    darauffolgenden Auflagen, jedoch nicht systematisch und ohne Datierung. Die
                    achte Auflage 1930 – die letzte Ausgabe zu Freuds Lebzeiten – wurde wiederum von
                    Freud überarbeitet und 1942 als Reproduktion in einem Doppelband in die
                        <title>Gesammelten Werke</title> aufgenommen. Der englischen <title>Standard
                        Edition</title>, besorgt von James Strachey, dient als Textgrundlage der
                    Doppelband 2/3 der <title>Gesammelten Werke</title>. Strachey wies die Zusätze
                    samt Jahreszahl aus; jedoch konzentrierten sich die Herausgeber hauptsächlich
                    auf Ergänzungen, die in der jahrzehntelangen Überarbeitung der
                        <title>Traumdeutung</title> zweifellos den Großteil der Textveränderungen
                    darstellen. Auch die Dokumentation von Streichungen sind für eine
                    historisch-kritische Ausgabe unerlässlich – diese Lücke will die
                    historisch-kritische Gesamtausgabe füllen. </p>
                <p>Wie Ilse Grubrich-Simitis in ihrer Studie <title>Zurück zu Freuds Texten</title>
                        (<ref type="bibl" target="#Grubrich-Simitis1993">1993</ref>) jedoch deutlich
                    macht, findet sich über das Druckwerk hinausgehendes Material, um den
                    Schreibprozess zumindest in kleinen Teilen nachvollziehen und einen
                    historisch-kritischen Vergleich anstellen zu können. Ein Beispiel dafür bildet
                    ein handschriftliches Notizkonvolut, betitelt mit <title>Drei Sammelbögen</title>, das
                    verschiedene Eintragungen zur Traumsymbolik, darunter Ideenskizzen,
                    Traumprotokolle und kurze Traumanalysen umfasst. Entstanden sind diese Notate
                    (soweit vermerkt) zwischen 1909 und 1910. Die überlieferten Notizen finden
                    teilweise Eingang in verschiedene Auflagen der <title>Traumdeutung</title> oder andere diesem
                    Themenkomplex zuzuordnenden Publikationen. Die Traumprotokolle etwa werden dabei
                    zur Quelle für spätere Traumanalysen. Der erste Eintrag aus den <title>Drei Sammelbögen</title>
                    vom 20. 4. 1909 mit der Überschrift „Traumsymbolik“ beginnt mit dem Satz: <quote
                        source="#ref_Freud1909">Sie geht viel weiter als ich geglaubt</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Freud1909" type="bibl" target="#Freud1909">Freud 1909</ref>) und
                    wendet damit den Blick auf jenen Gegenstand, der in der ersten Auflage der
                    <title>Traumdeutung</title> nur wenige Seiten im VI. Kapitel einnimmt. Im Laufe der Jahre
                    ergänzt Freud Überlegungen zur Traumsymbolik stetig, bis es in der vierten
                    Auflage von 1914 schließlich die Kapitel umstrukturiert wurden und der neue
                    Abschnitt E im VI. Kapitel entsteht, der das bereits vorhandene Material zur
                    Traumsymbolik zusammenführt und um neues Material erweitert wird. Dieser
                    Grundaufbau wird schließlich in allen folgenden Auflagen der Traumdeutung
                        beibehalten.<note xml:id="endnote_03">Vgl. dazu ausführlicher die
                        editorische Einleitung der Studienausgabe (<ref type="bibl"
                            target="#Freud2010">Freud 2010</ref>).</note></p>
                <p>In einer Notiz der <title>Drei Sammelbögen</title> notiert Freud den Traum eines
                    Patienten und verfasst dazu eine erste, kurze Analyse zur darin vorkommenden
                    Traumsymbolik. Diese trägt die Überschrift <hi rend="italic">Traumsymbole:
                        Gebäude Stiege, Schacht</hi><note xml:id="endnote_04"> Im Original mit nur
                        einem Beistrich <ref type="bibl" target="#Freud1910">(vgl. Freud
                        1910</ref>).</note> und ist mit dem 17. 4. 1910 datiert (Abb. 1, 2). Die
                    Erstveröffentlichung des Traumes erfolgt bereits ein Jahr später in den
                    <title>Nachträgen zur Traumdeutung</title> (Abb. 5, 6). Denselben Traum übernimmt Freud in der
                    ebenfalls im Jahr 1911 erschienenen dritten Auflage der
                        <title>Traumdeutung</title>; außerdem findet er sich in den
                        <title>Vorlesungen zur Psychoanalyse</title> aus dem Jahr 1916/17. Den
                    besagten Traum beschreibt Freud in der Notiz folgend (<ref
                        xml:id="ref_Freud1910a" type="bibl" target="#Freud1910">Freud
                        1910</ref>)<note xml:id="endnote_05">Die Wiedergabe der Notiz <hi
                            rend="italic">Traumsymbole: Gebäude Stiege, Schacht</hi> erfolgt als
                        diplomatische Umschrift.</note>:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1910a">
                        <lg>
                            <l>[1]</l>
                            <l>Traumsymbole: Gebäude, Stiege, Schacht.</l>
                            <l>Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der</l>
                            <l>gewiß der Prater ist, denn man sieht die Rotunde</l>
                            <l>vor dieser einen kleineren Vorbau, an dem ein</l>
                            <l> Fesselballon angebracht ist, der aber ziemlich schlaff</l>
                            <l>scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles</l>
                            <l>ist; er wundert sich darüber, erklärt es ihm</l>
                            <l>aber. Dann kom̄en sie in einen Hof, in dem</l>
                            <l>eine große Platte von Blech ausgebreitet liegt.</l>
                            <l>Sein Vater will sich ein Stück davon abreißen,</l>
                            <l>sieht sich aber vorher um, ob es nicht jemand</l>
                            <l>bemerken könnte. Er sagt ihm, er braucht es</l>
                            <l>doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann</l>
                            <l>er sich ohne Weiteres davon nehmen. Aus</l>
                            <l>diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht</l>
                            <l>herunter, dessen Wände weich ausgepolstert</l>
                            <l>sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am</l>
                            <l>Ende dieses Schachtes ist eine längere Plattform</l>
                            <l>u dann beginnt ein neuer Schacht. . . . . . .</l>
                        </lg>
                    </quote>
                </cit>
                <p>Daran schließt direkt eine erste Analyse des Traums an:<note xml:id="endnote_06"
                        >Eckige Klammern in Zeile 4 im Original.</note></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1910a">
                        <lg>
                            <l>Zur Analyse. Rotunde usw, sagt er sofort, sind</l>
                            <l>seine Genitalien, der Fesselballon ist der</l>
                            <l>Penis, über dessen Schlaffheit er zu klagen hat.</l>
                            <l>[Rotunde also = Hinterer, Vorbau = Hodensack]</l>
                            <l>Der Vorgang in diesem Stück des Tr.[aums] ist umzu-</l>
                            <l>kehren. Er fragt den Vater nach der Funktion der</l>
                            <l>Genitalien. Da dieß nie wirklich geschehen</l>
                            <l>ist, hat man die Tr[aum]gedanken konditionell</l>
                            <l>zu nehmen: "Wenn ich den Vater um sexuelle</l>
                        </lg>
                        <lg><l>[2]</l>
                            <l>Aufklärung gebeten hätte". . . (Fortsetz[un]g wahr-</l>
                            <l>scheinlich: hätte er mir doch nicht die Wahrheit gesagt.)</l>
                            <l>Die zweite Szene hat zum Mittelpunkt das Abreißen,</l>
                            <l>das widerum, wie aus dem Zusam̄enhang her-</l>
                            <l>vorgeht, Onaniren bedeutet. Die Onanie ist auf</l>
                            <l>den Vater geschoben, und dazu Vorwürfe ver-</l>
                            <l> wendet, die er dem Vater wegen Inkorrekt-</l>
                            <l>heiten im Geschäft zu machen gewohnt ist. Das</l>
                            <l>„Blech“ ist eine Anspielung auf die Waare</l>
                            <l>im Geschäft des Vaters. Das Geheimniß der</l>
                            <l>Onanie ist sehr keck durch das Gegenteil aus-</l>
                            <l>gedrückt. (Man darf es ja offen thun). Die Un-</l>
                            <l>redlichkeit des Vaters als Kaufmann ist gewiß</l>
                            <l>auch zur Deutung: hätte er mich betrogen[,]</l>
                            <l>wie er seine Kunden betrügt, zu verwenden.</l>
                            <l>Den Schacht deutet er sofort als Vagina. Er hat</l>
                            <l>eine Weile koitiert, dann den Geschlechts-</l>
                            <l>verkehr aufgegeben und hofft ihn jetzt</l>
                            <l>mit Hilfe der Kur wider aufzunehmen.</l>
                            <l>Dieß nach seinem eigenen Einfall der Sinn</l>
                            <l>der Plattform zwischen beiden Schachten.</l></lg>
                        <lg>
                            <l>Es ist bemerkenswert, daß das Herabsteigen</l>
                            <l>hier zum Symbol des Coitus wird wie sonst</l>
                            <l>das eine Treppe Heraufsteigen.</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>Der Traum entspricht einem häufigen Typus,</l>
                            <l>in dem der Träumer sein Sexualleben</l>
                            <l>übersieht, dem biographischen Traum.</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>17.4.10. Freud</l>
                        </lg>
                    </quote>
                </cit>
                <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_01">
                    <graphic url="wdr03_03-01_Abb_01.jpg" width="340px" height="390px"/>
                    <head type="legend">Sigmund Freud: Traumsymbole, 17. 4. 1910, Seite
                        1 (<ref type="bibl" target="#Freud1910">vgl. Freud 1910</ref>). ©
                        Library of Congress</head>
                </figure>
                <p>In den <title>Nachträgen zur Traumdeutung</title>, die 1911 im
                        <title>Zentralblatt für Psychoanalyse</title> erschienen, lässt sich die
                    Weiterbearbeitung des Traummaterials und die Weiterentwicklung der Deutung
                    seiner Symbolik beobachten: Der Titel des Traums lautet dort nämlich
                    „Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, Schachte“, und gibt mit dem
                    Untertitel bereits die Richtung der Analyse vor: <q rend="double-qm">Traum eines
                        durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes</q> und fügt bereits hier
                    erklärende Ergänzungen hinzu. Die Notiz baut Freud in den <hi rend="italic"
                        >Nachträgen</hi> aus, kommentiert die Selbstanalyse des Patienten und wird
                    auch in Bezug auf die Traumsymbolik ausführlicher. Den Traum selbst übernimmt
                    Freud beinahe identisch aus der Notiz. Werden Notiz und <hi rend="italic"
                        >Nachträge</hi> nebeneinandergestellt, zeigen sich die Veränderungen
                    deutlich. So heißt es im zweiten Absatz der Notiz (<ref xml:id="ref_Freud1910b"
                        type="bibl" target="#Freud1910">Freud 1910</ref>):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1910b">
                        <hi rend="underlineded">Zur Analyse</hi>. Rotunde usw, sagt er sofort, sind
                        <lb/>seine Genitalien, der Fesselballon ist der <lb/>Penis, über dessen
                        Schlaffheit er zu klagen hat. <lb/> [Rotunde also = Hinterer, Vorbau =
                        Hodensack] <note xml:id="endnote_07"> Eckige Klammern im Original. </note> .
                        <lb/>Der Vorgang in diesem Stück des Tr. ist umzu- <lb/>kehren. Er fragt den
                        Vater nach der Funktion der <lb/>Genitalien. Da dieß nie wirklich geschehen
                        <lb/>ist, hat man die Trgedanken konditionell <lb/>zu nehmen: <q
                            rend="double-qm">Wenn ich den Vater um sexuelle <lb/>Aufklärung gebeten
                            hätte</q>. . . (Fortsetz[un]g wahr- <lb/> scheinlich: hätte er mir doch
                        nicht die Wahrheit gesagt.)<note xml:id="endnote_08"> Die Transkription der Notiz folgt hier und im Folgenden
                            <ref type="bibl" target="#Grubrich-Simitis1993">Grubrich-Simitis 1993, S.
                                141–142</ref>. Dank an Wilhelm Hemecker für Hinweise und Korrekturvorschläge
                            zu jener diplomatischen Umschrift.</note></quote>
                </cit>

                <p>
                    <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_02">
                        <graphic url="wdr03_03-01_Abb_02.jpg" width="340px" height="390px"/>
                        <head type="legend">Sigmund Freud: Traumsymbole, Seite 2 (<ref
                                type="bibl" target="#Freud1910">vgl. Freud 1910</ref>), 17. 4. 1910.
                            © Library of Congress</head>
                    </figure>
                </p>


                <p>In den <title>Nachträgen</title> finden sich die Grundbausteine der bereits in
                    der Notiz angelegten Analyse, diesmal aber präzisiert und mit weitreichenden
                    Ergänzungen versehen (<ref xml:id="ref_Freud1911a-190" type="bibl"
                        target="#Freud1911a">Freud 1911: 190</ref>):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1911a-190">Analyse: Dieser Träumer gehörte einem
                        therapeutisch nicht günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem
                        gewissen Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von
                        da an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbständig.
                        Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon davor mein Penis,
                        über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man darf also eingehender
                        übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind regelmässig zum Genitale
                        gerechnete — Gesäss, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn
                        der Vater, was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der
                        Genitalien. Es liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so dass er der
                        fragende Teil wird. Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie
                        stattgefunden hat, muss man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn
                        etwa konditionell nehmen: <q rend="double-qm">Wenn ich den Vater um sexuelle
                            Aufklärung gebeten hätte</q>. Die Fortsetzung dieses Gedankens werden
                        wir bald an anderer Stelle finden. </quote>
                </cit>

                <p>Das handschriftliche Manuskript der <title>Nachträge zur Traumdeutung</title> ist
                    ebenfalls erhalten (Abb. 3, 4). In der 3. Auflage der
                        <title>Traumdeutung</title> übernimmt Freud den Traum fast deckungsgleich
                    aus den <title>Nachträgen</title>, jedoch mit einer erheblichen Kürzung. Die
                    Charakterisierung als „biographischer Traum“ erfolgt in der Notiz mit nur einem
                    Satz (<ref xml:id="ref_Freud1010c" type="bibl" target="#Freud1910">Freud
                        1910</ref>): <quote source="#ref_Freud1910c">Der Traum entspricht einem
                        häufigen Typus, in dem der Träumer sein Sexualleben übersieht, dem
                        biographischen Traum.</quote> In den publizierten <title>Nachträgen</title>
                    (Abb. 5, 6) baut Freud den Absatz wie folgt aus und markiert sowohl den
                    biographischen Traum als auch die darin vorkommenden Symbole – Gebäude, Stiege,
                    Schacht – als vielfach symbolisch für den Körper und dabei oftmals für die
                    Genitalien einstehende Darstellungen (<ref xml:id="ref_Freud1911b-191"
                        type="bibl" target="#Freud1911b">Freud 1911b: 191</ref>): </p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1911b-191">Im ganzen gehört dieser Traum zu der nicht
                        seltenen Gruppe <q rend="double-qm">biographischer</q> Träume, in denen der
                        Träumer in Form einer fortlaufenden Erzählung eine Übersicht über sein
                        Sexualleben gibt. (Vgl. das Beispiel p. 249 der „Traumdeutung“ 2. Aufl.) Wie
                        häufig Gebäude, Örtlichkeiten, Landschaften zur symbolischen Darstellung des
                        Körpers und vor allem immer wieder der Genitalien verwendet werden, wäre
                        wirklich einer zusammenfassenden, durch zahlreiche Beispiele erläuterten
                        Abhandlung wert. </quote>
                </cit>

                <p>Diesen Absatz streicht Freud jedoch in der <title>Traumdeutung</title> restlos.
                    Schließlich übernimmt Freud den Traum samt Symbolik auch in seine
                        <title>Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse</title> (1916-1917),
                    12. Vorlesung, Nr. 7.</p>

                <p>
                    <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_03">
                        <graphic url="wdr03_03-01_Abb_03.jpg" width="4000px" height="490px"/>
                        <head type="legend">Sigmund Freud: Nachträge zur Traumdeutung (Seite
                            4) (<ref type="bibl" target="#Freud1911a">vgl. Freud 1911a</ref>). ©
                            Library of Congress</head>
                    </figure>
                </p>

                <p>
                    <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_04">
                        <graphic url="wdr03_03-01_Abb_04.jpg" width="420px" height="380px"/>
                        <head type="legend">Sigmund Freud: Nachträge zur Traumdeutung (Seite
                            5 und 6) (<ref type="bibl" target="#Freud1911a">vgl. Freud 1911a</ref>).
                            © Library of Congress</head>
                    </figure>
                </p>

                <p>
                    <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_05">
                        <graphic url="wdr03_03-01_Abb_05.jpg" width="320px" height="475px"/>
                        <head type="legend">Sigmund Freud: Nachträge zur Traumdeutung, in:
                            Zentralblatt für Psychoanalyse I (<ref type="bibl" target="#Freud1911b"
                                >vgl. Freud 1911b</ref>)</head>
                    </figure></p>

                <p>
                    <figure xml:id="wdr03_03-01_Abb_06">
                        <graphic url="wdr03_03-01_Abb_06.jpg" width="320px" height="475px"/>
                        <head type="legend">Sigmund Freud: Nachträge zur Traumdeutung, in:
                            Zentralblatt für Psychoanalyse I (<ref type="bibl" target="#Freud1911b"
                                >vgl. Freud 1911b</ref>)</head>
                    </figure>
                </p>

                <p>Am Beispiel der beschriebenen Notiz aus den <title>Drei Sammelbögen</title> lässt
                    sich die Arbeitsweise Freuds anhand der verschiedenen Textträger fragmentarisch
                    nachzeichnen. Die Notiz veranschaulicht, wie Freud den Traum eines Patienten –
                    vermutlich während einer seiner Therapiesitzungen – protokolliert und mit
                    Ansätzen zur Traumanalyse samt Symbolik versieht. Diese Notiz bildet
                    anschließend die Grundlage für ein markantes Beispiel des „biographischen
                    Traums“, der in etlichen Publikationen angeführt wird. Die anfänglichen
                    Analysestränge der Notiz stellen auch in den <title>Nachträgen zur
                        Traumdeutung</title>, der <title>Traumdeutung</title> selbst und den
                        <title>Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse</title> das Fundament
                    dar, das ausformuliert und ergänzt wird. Der jahrzehntelange Revisionsprozess
                    Freuds der <title>Traumdeutung</title> zeigt die Genese und Veränderung,
                    Aktualisierung und Neuordnung einer Idee, die in unterschiedlichen
                    Publikationsformaten und Konstellationen Gestalt annimmt. Freuds Zugang zu
                    seinem Werk, seine Aktualitätsbestrebungen und Änderungsmaßnahmen dokumentiert
                    er in den Vorworten der jeweiligen Auflage. Daran zeigt sich auch sein eigenes,
                    sich veränderndes Verhältnis zu seinem Buch. In der zweiten Auflage versucht
                    Freud, die <title>Traumdeutung</title> auf den neuesten Stand der Forschung zu
                    bringen, in der fünften Auflage von 1918 ist er der Auffassung, das Buch habe
                        <quote source="#ref_Freud2010-26">in nahezu 20jähriger Existenz seine
                        Aufgabe erledigt</quote>
                    <ref xml:id="ref_Freud2010-26" type="bibl" target="#Freud2010">(Freud 2010:
                        26</ref>), in der sechsten Auflage stellt er erstaunt fest, dass diese
                    Annahme nicht bestätigt wurde; im Vorwort der achten Auflage, datiert mit dem
                    Jahr 1929, betrachtet er die <title>Traumdeutung</title> schließlich als <quote
                        source="#ref_Freud2010-27">historisches Dokument</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Freud2010-27" type="bibl" target="#Freud2010">Freud 2010:
                        27</ref>), und verändert sie nur noch geringfügig. Die vollständige
                    historisch-kritische Edition mit der Erschließung und dem Vergleich aller
                    handschriftlichen und gedruckten Varianten der <title>Traumdeutung</title>
                    stellt einen Schwerpunkt, aber auch die größte Herausforderung des FWF-Projekts
                    dar.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>

                    <bibl xml:id="Brabant2005">Brabant, Eva/Falzeder, Ernst/Giampieri-Deutsch,
                        Patrizia (Hg.) (2005): Sigmund Freud – Sándor Ferenczi. Briefwechsel. Bd.
                        III/2. Wien/Köln/Weimar: Böhlau.</bibl>
                    <bibl xml:id="COIPUB2009">COTIPUB (2009): The Collection Of The International
                        Psychoanalytic University Berlin. <ref
                            target="https://archive.org/details/CollectionOfTheInternationalPsychoanalyticUniversityBerlin"
                            >https://archive.org/details/CollectionOfTheInternationalPsychoanalyticUniversityBerlin</ref>
                        (Zugriff am 31.7.2021).</bibl>
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                    <bibl xml:id="Schröter2015">Schröter, Michael (2015): Über Vergangenheit,
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            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
