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                <title type="main" xml:lang="de">Schweigen spricht</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zur Erzählstimme in Hans Leberts <hi rend="italic"
                        >Die Wolfshaut</hi></title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Julian</forename>
                        <surname>Schmidt</surname>
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                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                </author>
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                        <forename>Ulrike</forename>
                        <surname>Steurer</surname>
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                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
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                        <forename>Clemens</forename>
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                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
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                        <forename>Denise</forename>
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                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
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                        <forename>Johanna</forename>
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                    <affiliation>Universität Wien</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-03-04-02</idno>
                <idno type="URL"/>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">3</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Hans Lebert</term>
                    <term xml:lang="de">Die Wolfshaut</term>
                    <term xml:lang="de">Nachkriegsliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Erzählinstanz</term>
                    <term xml:lang="de">Unzuverlässiger Erzähler</term>
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                    <term xml:lang="de">Selbstreferentialität</term>
                    <term xml:lang="de">Selbstreflexivität</term>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Hans Leberts 1960 erschienener Roman <hi rend="italic">Die Wolfshaut</hi> zählt
                    mit seiner Thematisierung der nationalsozialistischen Verbrechen (und ihres
                    Verschweigens) zu den zentralen Werken der österreichischen Nachkriegsliteratur.
                    Der Beitrag nähert sich der narrativen Instanz im Roman aus fünf Perspektiven.
                    Erstens werden die Strategien analysiert, mit deren Hilfe der Erzähler sein
                    Wissen über die Ereignisse in der Diegese generiert, sowie selbstreferentielle
                    und selbstreflexive Elemente fokussiert, die seinen auktorialen Gestus
                    relativieren. Zweitens gerät der narratoriale Zugriff auf die Natur des fiktiven
                    Handlungsortes in den Blick, die über weite Strecken eine zentrale Trägerin der
                    Handlung ist. Drittens wird die Zeitstruktur des Romans diskutiert, in der sich
                    eine berichtartige Linearität und eine mythische Zirkularität überlagern.
                    Viertens wird das vom Erzähler beschworene Kollektiv der Dorfgemeinschaft nach
                    Strategien kollektiven Erinnerns und Verdrängens befragt, ehe fünftens gezeigt
                    wird, wie das Kollektiv zu einem <q rend="single-qm">Volkskörper</q>
                    verschmilzt, der sich nach und nach auflöst.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Hans Lebert’s novel <hi rend="italic">Die Wolfshaut</hi>, published in 1960, with
                    its focus on National Socialist crimes (and the silence kept about them) is one
                    of the key works of Austrian postwar literature. The contribution approaches the
                    narrative voice in the novel from five perspectives. First to be analysed are
                    the strategies the narrator uses to generate his knowledge about the events in
                    the diegesis, as well as self-referential and self-reflexive elements that
                    qualify his auctorial demeanor. Second, narratorial access to the nature of the
                    fictitious setting is considered, which over long passages is the key support of
                    the storyline. Third, the temporal structure of the novel is discussed in which
                    a report-like linearity and a mythical circularity overlap. Fourth, the
                    collective of the village community invoked by the narrator is investigated for
                    strategies of collective remembrance and repression, before finally showing how
                    the collective blends into a <q rend="single-qm">Volkskörper</q>, a national
                    body, that slowly disintegrates. </p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr03_04-02_01">

                <p>Sie schillert <quote source="#ref_Lebert1991-594a">rätselhaft[]</quote>, <quote
                        source="#ref_Lebert1991-594">[eint] Licht und Dunkel, alle Gegensätze […]
                        und [läßt] alle Möglichkeiten offen[]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-594a" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        594</ref>). Die Rede ist von der Wolfshaut, genauer von dem <q
                        rend="double-qm">Hundefell</q>
                    <note xml:id="endnote_01"><p> So der Titel eines von Elfriede Jelinek anlässlich
                            der Neuauflage der <title>Wolfshaut </title>1991 verfassten Artikels
                                (<ref type="bibl" target="#Jelinek1997">vgl. Jelinek
                            1997</ref>).</p></note> , das der <q rend="double-qm">Matrose</q> Johann
                    Unfreund am Ende von Leberts 1960 erschienenem Roman im Garten des Jägers
                    Habergeier vorfindet und das zentrale Motive des Textes noch einmal in finaler
                    Verdichtung vorführt. Die Rede könnte allerdings auch von der Erzählinstanz
                    sein: Uneinholbar zwischen Ich und Wir changierend, dringt sie in die Psyche der
                    Figuren vor, entschlüsselt, ordnet, verknüpft die verborgenen Motive ihrer
                    Handlungen, setzt in der düsteren Wirrnis der Diegese Akzente und erteilt das
                    Wort. Man könnte daher durchaus annehmen, dass es sich hier um einen auktorialen
                    Erzähler bzw. eine Erzählung mit Nullfokalisierung handle – scheint die
                    narrative Instanz doch nicht selten über einen Grad an Wissen besonders über die
                    Psyche der Figuren zu verfügen, der bisweilen über das hinausgeht, was diese
                    über sich selbst zu wissen meinen.<note xml:id="endnote_02"><p> Etwa wenn der
                            Erzähler in Bezug auf Maletta darüber reflektiert, dass <quote
                                source="#ref_Lebert1991-412a">[f]ast jeder – und vorzugsweise der
                                Intelligente – […] im Kopfe irgendeine Schraube locker [hat]</quote>
                            und <quote source="#ref_Lebert1991-412a">seine Klugheit […] sich bei
                                einer gewissen Konstellation in die unwahrscheinlichste Idiotie zu
                                verwandeln vermag</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-412a"
                                type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991: 412</ref>). Dies werde
                            vom Betroffenen, im Gegensatz zur narrativen Instanz, allerdings <quote
                                source="#ref_Lebert1991-412b">nicht [be]merkt</quote> (<ref
                                xml:id="ref_Lebert1991-412b" type="bibl" target="#Lebert1991"
                                >ebd.</ref>). </p></note> Dass die Dinge jedoch komplizierter
                    liegen, zeigt bereits ein Blick in das erste Kapitel des Romans. Schon dem
                    ersten Satz des zwischen berichtartiger Exaktheit und lyrischer
                    Überstrukturiertheit oszillierenden Textes ist ein Moment der Unsicherheit und
                    des Zweifels eingeschrieben: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-7a">Die rätselhaften Ereignisse, die uns
                        vergangenen Winter beunruhigt haben, begannen, wenn wir es näher betrachten,
                        nicht, wie man allgemein annimmt, am neunten, sondern aller
                        Wahrscheinlichkeit nach schon am achten November, und zwar mit jenem
                        sonderbaren Geräusch, das der Matrose gehört zu haben behauptet. (<ref
                            xml:id="ref_Lebert1991-7a" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                            7</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der hypotaktischen Struktur des zitierten Satzes, der die Informationsvergabe
                    immer wieder durch Einschübe unterbricht bzw. relativiert – und damit die
                    spezifische Dialektik von kriminalliterarischem Handlungsfortschritt und
                    selbstreflexiver Statik, die den gesamten Text auszeichnet, in nuce vorführt –,
                    entsprechen auf der semantischen Ebene Adjektive und Phrasen wie <q
                        rend="double-qm">rätselhaft</q>, <q rend="double-qm">aller
                        Wahrscheinlichkeit nach</q>, <q rend="double-qm">sonderbar</q> sowie <q
                        rend="double-qm">gehört zu haben behauptet</q>. Sie verweisen auf ein
                    Defizit an Wissen auch vonseiten der narrativen Instanz, das den Erzählvorgang
                    allererst in Gang setzt und in dessen Verlauf ausgeglichen werden soll – mit
                    teils fraglichem Erfolg. Bereits aus dieser Perspektive erscheint die Annahme
                    einer Nullfokalisierung zutiefst problematisch. </p>
                <p>Der vorliegende Beitrag nähert sich der intrikaten Gestaltung der narrativen
                    Instanz von Leberts Roman aus fünf Perspektiven. Zunächst wird nach den
                    Strategien gefragt, mit deren Hilfe der Erzähler sein Wissen über die Ereignisse
                    generiert, die sich im, auch von ihm selbst bewohnten, Dorf Schweigen während 99
                    Tagen erzählter Zeit zutragen. Gezeigt werden soll, dass es sich bei der
                    narrativen Instanz der <title>Wolfshaut </title>– trotz ihres auktorialen Gestus
                    – um einen zumindest stellenweise unzuverlässigen Erzähler handelt. In einem
                    weiteren Schritt werden selbstreferentielle bzw. selbstreflexive Elemente des
                    Textes analysiert, die den auktorialen Gestus der Erzählinstanz ebenfalls
                    relativieren. Gegenstand des zweiten Abschnitts ist die narratoriale Darstellung
                    der Natur des Handlungsraums, die als zentrale Trägerin der Handlung ausgemacht
                    werden kann: Indem Naturphänomene zu Indices bzw. Symbolen der begangenen
                    Verbrechen werden, unterläuft die Natur den Versuch der Dorfbewohner:innen, den
                    Mord an sechs Zwangsarbeitern zu vertuschen, und trägt zu dessen Aufklärung bei.
                    Der dritte Abschnitt ist mit der Zeitstruktur des Textes befasst, in der eine
                    lineare Zeitkonzeption von einer zirkulären überlagert wird, die den Text
                    anschlussfähig für Konzepte aus dem Bereich des Mythos macht. Der vierte Teil
                    des Beitrags nähert sich der im <q rend="double-qm">Wir</q> des Erzählers
                    beschworenen Dorfgemeinschaft unter Bezugnahme auf den historischen Kontext der
                    Nachkriegszeit und fragt nach Strategien kollektiven Erinnerns und Verdrängens.
                    Im fünften und letzten Abschnitt gerät schließlich der Umstand in den Blick,
                    dass das Kollektiv der Dorfgemeinschaft nicht nur sprachlich, sondern auch
                    physisch verschmilzt: zu einem <q rend="single-qm">Volkskörper</q>, der sich
                    nach und nach auflöst.</p>
                <p>Eine stilistische Homogenisierung aller fünf Abschnitte wurde nur bedingt
                    angestrebt; der jeweils spezifische Zugriff auf die Erzählstimme von Leberts
                    Roman artikuliert sich so – dem Thema der Ausgabe gemäß – auch in der jeweils
                    spezifischen Stimme der Verfasserin bzw. des Verfassers. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_02">
                <head>I. Unzuverlässiges Erzählen und Metaisierung</head>
                <p>
                    <hi rend="italic">Strategien narratorialer Wissensgenerierung </hi>
                </p>
                <p>Der Verdacht, dass es sich bei der Erzählinstanz der <title>Wolfshaut</title>
                    keineswegs um eine auktoriale handelt, erhärtet sich, wenn man die Strategien
                    fokussiert, die diese anwendet, um ihr Wissen über die geschilderten Ereignisse
                    zu generieren. Anzumerken ist hier zunächst ihr homodiegetischer Status: Die
                    namenlose narrative Instanz ist selbst eine Bewohnerin der erzählten Welt, was
                    sich schon am bereits genannten Changieren der Narration zwischen erster Person
                    Singular und Plural ablesen lässt. Darüber hinaus ergibt sich dieser Status aus
                    Passagen, in denen sie ihre physische Anwesenheit explizit macht. Zu nennen ist
                    hier etwa eine Szene aus dem achten Kapitel des Romans, in der die Erzählinstanz
                    zudem als männlich ausgewiesen wird, wenn sie das Postenkommando der Schweigener
                    Polizei als Teil einer Gruppe verlässt, die ausschließlich aus Männern besteht:
                        <quote source="#ref_Lebert1991-349">Leise murmelnd strömten wir hinaus.
                        Draußen standen schon sämtliche Weiber und kreischten</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-349" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                    349</ref>). </p>
                <p>Nimmt man nun die genannten Strategien der Wissensgenerierung in den Blick, so
                    lassen sich drei Kategorien von Kenntnissen über Ereignisse in der Diegese
                    unterscheiden: <hi rend="italic">Erstens</hi> solche, die der Erzähler durch
                    eigene physische Anwesenheit erlangt. Zu dieser Kategorie zählt – neben der
                    gerade genannten – beispielsweise eine Szene, in der Herr Suppan, der Vermieter
                    des Fotografen Maletta, dessen vom Sturz in die Jauche verunreinigte Kleidung
                    verbrennt. Unter den von Rauch und Flammen herbeigelockten Schaulustigen
                    befindet sich auch die Erzählinstanz, die die allgemeine Enttäuschung über die
                    Banalität des Geschehens schildert: <quote source="#ref_Lebert1991-449">als wir
                        gleich darauf erkannten, was es war ([…] weder eine Feuersbrunst noch
                        irgendein anderes nennenswertes Ereignis), hoben wir […] selbst wie eine
                        Feuersbrunst zu wüten an.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-449"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 449</ref>) Erzähltes dieser Kategorie
                    wird durch die unmittelbare Zeugenschaft der narrativen Instanz verbürgt und
                    besitzt daher den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit. </p>
                <p>Von nur bedingter Glaubwürdigkeit sind dagegen Berichte von Ereignissen, von
                    denen der Erzähler Kenntnis lediglich durch die Beobachtungen Dritter hat – die
                        <hi rend="italic">zweite</hi> Kategorie narratorialen Wissens, die sich in
                    der <title>Wolfshaut</title> unterscheiden lässt. Ihr lassen sich zunächst
                    Schilderungen zuordnen, die von anderen Figuren im dramatischen Modus der
                    zitierten Figurenrede vorgebracht werden. Der extradiegetisch-homodiegetische
                    Erzähler delegiert die Narration in diesen Sequenzen an
                    intradiegetisch-homodiegetische Erzählinstanzen. Dass diese intradiegetischen
                    Erzähler teilweise unzuverlässig sind, zeigt sich bereits im ersten Kapitel. Die
                    narrative Instanz schaltet eine kurze Passage in ihren Bericht ein, in der der
                    Dorffrisör mit dem sprechenden Namen Ferdinand Zitter den Besuch des in der
                    darauffolgenden Nacht tot aufgefundenen Hans Höller in seinem Salon
                    rekonstruiert. Zitter erkennt an Höller die sicheren Zeichen des Todes: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-11">Sein Gesicht war wie abgestorben, fühlte sich
                        kalt und teigig an – wie das Gesicht einer Leiche.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-11" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 11</ref>)
                    Dass die Erzählung des Frisörs mit Vorbehalt zu lesen ist, zeigt sich, wenn er
                    kurz darauf angibt, das Gefühl gehabt zu haben, außer Höller, der Frisörgehilfin
                    und ihm selbst <quote source="#ref_Lebert1991-12">befände sich […] noch ein
                        Vierter im Laden, ein Unsichtbarer, der auf Hans Höller zeigte.</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-12" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        12</ref>) Im zweiten Kapitel erfährt man über Zitter zudem, dass er <quote
                        source="#ref_Lebert1991-58a">seit Jahren den Weltuntergang
                        [verkündet]</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-58a" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 58</ref>), seine Kundschaft mit <quote
                        source="#ref_Lebert1991-58b">der <q rend="single-qm">Geheimen Offenbarung
                            Johannis</q> [erschreckt]</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-58b"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>) und sogar <quote
                        source="#ref_Lebert1991-58c">schon […] die <q rend="single-qm"
                            >Apokalyptischen Reiter</q> erblickt</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-58c" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>)
                    haben will. Für einen zuverlässigen Berichterstatter nicht eben günstige
                    Voraussetzungen. <note xml:id="endnote_03"><p> Ähnliches gilt für einen
                            Holzknecht, der ein Stammtischgespräch im zweiten Kapitel mitanhört,
                            während er <quote source="#ref_Lebert1991-50a">sukzessiv zwei Liter Most
                                konsumierte</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-50a" type="bibl"
                                target="#Lebert1991">Ebd.: 50</ref>). Als Zeuge disqualifiziert ihn
                            das für den Erzähler indes nicht: Der Alkoholkonsum habe ihm <quote
                                source="#ref_Lebert1991-50b">anscheinend jene erstaunliche Klarheit
                                verlieh[en], deren man sich in Räuschen bisweilen erfreut</quote>
                                (<ref xml:id="ref_Lebert1991-50b" type="bibl" target="#Lebert1991"
                                >ebd.</ref>)</p></note> Wenig plausibel scheinen die Angaben des
                    Frisörs auch dann, wenn man bedenkt, dass die Erzählinstanz Höller in seiner
                    augenscheinlichen Gesundheit beim Eintreffen im Salon mit seinem Motorrad
                    vergleicht: <quote source="#ref_Lebert1991-10">Auch er sah wie frisch lackiert
                        aus, auch an ihm schien alles fabrikneu zu blitzen, und als er sich voller
                        Behagen hinlümmelte […] (ich meine, wenn man ihn so sah), ahnte man auch in
                        ihm einen starken Motor, das heißt, man war überzeugt, sein Herz sei
                        gesund.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-10" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 10</ref>) Man hat es hier mit widersprüchlichen
                        <hi rend="italic">mimetischen Sätzen </hi>– Aussagen über die konkrete
                    Beschaffenheit der erzählten Welt (<ref type="bibl" target="#Martínez2016">vgl.
                        Martínez/Scheffel 2016: 105</ref>) – zu tun, die auf unterschiedlichen
                    diegetischen Ebenen vorgebracht werden. Während die
                    extradiegetisch-homodiegetische Erzählinstanz die Gesundheit Höllers behauptet,
                    legt der intradiegetisch-homodiegetische Erzähler Zitter dessen Bestimmtheit zum
                    Tod nahe. Auf Basis von Martínezʼ/Scheffels (<ref type="bibl"
                        target="#Martínez2016">2016: 107</ref>) Ausführungen zum unzuverlässigen
                    Erzählen lassen sich die Aussagen Zitters als <hi rend="italic">mimetisch
                        teilweise unzuverlässige</hi> Äußerungen lesen, die durch die Aussagen eines
                    logisch privilegierten extradiegetischen Erzählers korrigiert werden. </p>
                <p>Komplizierter liegen die Dinge dagegen bei Passagen, in denen ebenfalls andere
                    Figuren als Zeug:innen aufgerufen werden, das betreffende Geschehen aber von der
                    extradiegetischen narrativen Instanz erzählt wird. In diesen Fällen liegt ein
                    narrativer Modus vor: Die Ereignisse sind, durch die Erzählung der Berichte
                    Dritter, doppelt vermittelt. Dass der Erzähler diese Berichte teilweise
                    modifiziert, macht er deutlich, wenn er beispielsweise angibt, der Lehrer habe
                    von Malettas Aufenthalt im Gasthof <quote source="#ref_Lebert1991-17">Zur
                        Traube</quote> am achten November <quote source="#ref_Lebert1991-17">einen
                        genauen Bericht geliefert, den wir, um der Wahrscheinlichkeit näherzukommen,
                        allerdings ein wenig ändern mußten.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-17"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991: 17</ref>) Das Eingeständnis,
                    dass der Bericht des Lehrers verändert wurde, zeigt eine tendenzielle
                    Unzuverlässigkeit an, die für die Narration in der <title>Wolfshaut
                    </title>konstitutiv ist: Wenn die narrative Instanz vorgibt, zur Modifikation
                    dessen genötigt zu sein, was andere Figuren berichten, so kann dies einerseits
                    bedeuten, dass deren Schilderungen nicht gänzlich plausibel sind, wie es bei
                    Zitter durchaus der Fall ist. Im Gegensatz zum Frisör ist die Glaubwürdigkeit
                    des Lehrers allerdings nicht durch eine gnostische Weltsicht eingeschränkt, die
                    ihn als zuverlässigen Berichterstatter tendenziell disqualifizieren würde. Es
                    kann folglich mit gleichem Recht nach dem nicht näher bestimmten Kriterium der
                    Wahrscheinlichkeit gefragt werden, das der Erzähler seiner Argumentation in
                    dieser Sequenz zugrunde legt. Dies umso mehr, als sein homodiegetischer Status
                    als Figur unter Figuren die logische Privilegiertheit auch seiner mimetischen
                    Sätze gegenüber denen anderer Figuren bis zu einem gewissen Grad limitiert (<ref
                        type="bibl" target="#Martínez2016">vgl. Martínez/Scheffel 2016: 107</ref>).
                    Besonders dann, wenn diese dem Geschehen im Gegensatz zu ihm beigewohnt haben.
                    Dass er häufig genauso wenig weiß wie die anderen Figuren, also keineswegs den
                    Überblick eines auktorialen Erzählers besitzt, zeigt sich etwa, wenn er der
                    Passage um die Ermordung des geflohenen Häftlings vorausschicken muss: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-355">Was dann geschehen ist, das wissen wir alle.
                        Das heißt: wir wissen es nicht ganz genau. Man hat nachher viel davon
                        gesprochen und es immer wieder anders dargestellt.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-355" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        355</ref>)</p>
                <p>Noch deutlicher lässt sich die Limitation des Erzählers an der <hi rend="italic"
                        >dritten</hi> Kategorie der Strategien narratorialer Wissensgenerierung
                    demonstrieren: der spekulativen Extrapolation mehr oder weniger gesicherten
                    Wissens. Dieses Phänomen kann erneut an Maletta veranschaulicht werden. Nach
                    seinem Besuch in der <q rend="double-qm">Traube</q>, wo er ein Gespräch mit dem
                    Lehrer führt, und einer Auseinandersetzung mit der Wirtstocher Herta Binder in
                    der zum Gasthof gehörenden Fleischbank kommt es zu einem Zusammenstoß mit dem
                    Viehhändler Ukrutnik. Was danach geschieht, ist – wie der Erzähler deutlich
                    macht – lediglich Spekulation<note xml:id="endnote_04"><p rend="footnote text">
                            Die narratoriale Tendenz zur Spekulation tritt gegen Ende des Romans
                            noch einmal deutlich zutage, wenn es darum geht, einen Traum Malettas zu
                            rekonstruieren, und der Erzähler sich und sein Publikum auffordert:
                                <quote source="#ref_Lebert1991-578">Stellen wir Spekulationen an!
                                Denken wir nach, was er geträumt haben könnte. Folgen wir ihm durch
                                das undurchsichtige Dunkel, welches über seinem Ende liegt.</quote>
                                (<ref xml:id="ref_Lebert1991-578" type="bibl" target="#Lebert1991"
                                >ebd.: 578</ref>)</p></note>: <quote source="#ref_Lebert1991-25a"
                        >Dies wären die Abenteuer Malettas an diesem Samstag, deren Zeugen wir
                        gewesen sind. Für das, was ich nun berichte, gibt es zwar keinen Zeugen,
                        allein die Wahrscheinlichkeitsrechnung (und nicht zuletzt mein
                        Im-dunkeln-Tappen) veranlaßt mich, anzunehmen, daß es geschehen ist.</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-25a" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        25</ref>) Erneut werden die Rezipient:innen auf den Begriff der
                    Wahrscheinlichkeit verwiesen, der noch zu diskutieren sein wird. Mit einiger
                    Plausibilität kann der Erzähler im Folgenden noch behaupten, dass Maletta <quote
                        source="#ref_Lebert1991-25b">in Richtung Kahldorf [ging]</quote>, weil er
                        <quote source="#ref_Lebert1991-25b">[d]as […] immer [machte]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-25b" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>).
                    Diese Gewohnheit selbst kann er sich jedoch nicht erklären: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-25c">Weshalb? Ich weiß es nicht</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-25c" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>),
                    lautet sein diesbezüglicher Kommentar. Zuverlässig scheint auch noch die
                    Information, dass der Fotograf <quote source="#ref_Lebert1991-25d">meistens
                        nicht bis in die Ortschaft [gemeint ist das Schweigen benachbarte Kahldorf;
                        Anm. d. Verf.] [ging], sondern […] auf halbem Weg [um]kehrte, dort, wo die
                        Straße, nachdem sie ein schmales Stück Wald durchquert hat, anhebt, sich in
                        das Tal hinunterzuschlängeln.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-25d"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>) Das vonseiten des Erzählers
                    aufgerufene Bild der Schlange fungiert als Marker der symbolisch-mythischen
                    Dimension des Romans, die in den Vordergrund tritt, wenn Maletta zur Ziegelei
                    gelangt, in der die als <q rend="double-qm">Ortswacht</q> bezeichnete
                    paramilitärische Organisation während des Krieges sechs Zwangsarbeiter
                    erschossen hat. Die Erzählinstanz vermutet, dass der Fotograf an diesem Tag
                    lediglich bis zum <quote source="#ref_Lebert1991-26a">sogenannte[n] <q
                            rend="single-qm">fahle[n] Streifen</q></quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-26a" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 26</ref>)
                    gelangte, der nahe der Ziegelei die Straße kreuzt: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-26b">Ich bin nun überzeugt, daß es Maletta damals
                        auf diesem Streifen gepackt hat, und damit wird die Geschichte auf einmal
                        todernst.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-26b" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.</ref>) Wie der Erzähler hier deutlich macht, lässt
                    sich das im Folgenden erzählte Geschehen um Maletta auf eine Setzung
                    zurückführen: Er ist schlicht <q rend="double-qm">überzeugt</q>, dass sich das
                    Geschilderte auf diese Weise zugetragen haben muss. Noch deutlicher wird die
                    Unzuverlässigkeit der homodiegetischen narrativen Instanz, wenn sie im Weiteren
                    auf die Gedanken des Fotografen zugreift: Als er im Brunnen vor dem Haus des
                    Matrosen, der sogenannten Töpferhütte, einen Gehängten zu erkennen glaubt, habe
                    er</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-28a">plötzlich […] das Gefühl, in ein Kreuz
                        verwandelt zu sein, in ein Kreuz aus tausend Fäden, die leise vibrierten und
                        sich unsichtbar spannten von Schweigen zur Bahnstation Kahldorf, vom
                        Schweigen des Waldes zum Schweigen der Einschichthöfe und von der
                        Töpferhütte zur Ziegelei. Er selber aber war der Mittelpunkt, der Punkt, wo
                        sich all diese Fäden kreuzten, wo sie leise erbebend einander berührten und
                        ein Geräusch in ihm erzeugten, ähnlich dem rasselnden Flügelschlag einer
                        Libelle. (<ref xml:id="ref_Lebert1991-28a" type="bibl" target="#Lebert1991"
                            >ebd.: 28</ref>) </quote>
                </cit>

                <p>An dieser Stelle ist auch die Narration des extradiegetischen Erzählers als
                    mimetisch unzuverlässig einzustufen: Sein homodiegetischer Status erlaubt es ihm
                    per definitionem nicht, Bewusstseinsinhalte anderer Figuren zu schildern, die
                    wie er selbst die erzählte Welt bewohnen. Bedenkt man zudem, dass die Wiedergabe
                    psychischer Inhalte in der dritten Person ein zentrales textinternes
                    Fiktionalitätssignal ist (<ref type="bibl" target="#Hamburger1968">vgl.
                        Hamburger 1968: 72–74</ref>; <ref type="bibl" target="#Martínez2016">vgl.
                        Martínez/Scheffel 2016: 19</ref>), so lässt sich Folgendes daraus ableiten:
                    Indem der Erzähler seine diesbezüglichen narrativen Kompetenzen überschreitet,
                    fiktionalisiert er die <title>Wolfshaut </title>nicht nur in ihrem Status als
                        <quote source="#ref_Martínez2016-20"><hi rend="italic"
                            >real-inauthentische</hi>[]</quote> Äußerung (<ref
                        xml:id="ref_Martínez2016-20" type="bibl" target="#Martínez2016">ebd.:
                        20</ref>) des realen Autors Hans Lebert. Zum fiktionalen Text wird sie an
                    derartigen Stellen auch hinsichtlich ihres Status als <quote
                        source="#ref_Martínez2016-20a"><hi rend="italic"
                            >imaginär-authentische[]</hi></quote> (<ref
                        xml:id="ref_Martínez2016-20a" type="bibl" target="#Martínez2016">ebd.</ref>)
                    Rede des namenlosen homodiegetischen Erzählers. Auf das Changieren zwischen
                    Faktualität und Fiktionalität auf der Ebene der <quote
                        source="#ref_Martínez2016-20b">fiktive[n] Kommunikationssituation</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Martínez2016-20b" type="bibl" target="#Martínez2016"
                        >ebd.</ref>) zwischen Erzählinstanz und Publikum verweist diese selbst,
                    indem sie ihre Äußerungen sowohl <quote source="#ref_Lebert1991-214"
                        >Bericht</quote> (bspw. <ref xml:id="ref_Lebert1991-214" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">Lebert 1991: 214</ref>) als auch <quote
                        source="#ref_Lebert1991-562">Geschichte</quote> (bspw. <ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-562" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                    562</ref>) nennt. Die beschriebene Fiktionalisierung wird also zugleich
                    metafiktional reflektiert. </p>
                <p>Auf Basis dieser Beobachtung lässt sich der von der Erzählinstanz mehrfach
                    genannte Begriff der Wahrscheinlichkeit deuten. In ihm überlagern sich zwei
                    zentrale Tendenzen der <title>Wolfshaut</title>: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-7b">Wahrscheinlichkeit</quote> verweist in diesem
                    Zusammenhang zunächst auf die Bemühung des Erzählers um eine möglichst exakte
                    Rekonstruktion der <quote source="#ref_Lebert1991-7b">rätselhaften
                        Ereignisse</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-7b" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 7</ref>), die sich in Schweigen von Samstag, dem
                    achten November 1952, <quote source="#ref_Lebert1991-7c">etwa […] drei Uhr
                        morgens</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-7c" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.</ref>), bis <quote source="#ref_Lebert1991-594b"
                        >Samstag, de[n] 14. Februar [1953], sieben Uhr fünfzehn</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-594b" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        594</ref>), zugetragen haben. Auf Basis der vorangegangenen Überlegungen zur
                    punktuellen Fiktionalisierung des Textes auch in seinem Status als
                    imaginär-authentische Äußerung eines fiktiven Erzählers lässt sich der Begriff
                    der Wahrscheinlichkeit darüber hinaus poetologisch lesen: Als Leitbegriff der
                    Reflexion literarischer Wirklichkeitsreferenz, der er schon bei Aristoteles ist. </p>
                <p>
                    <hi rend="italic">Selbstreferentialität und Metaisierung</hi>
                </p>
                <p>Die Reflexion über den fiktionalen Status der <title>Wolfshaut</title> auf beiden
                    Ebenen der fiktionalen Kommunikationssituation (<ref type="bibl"
                        target="#Martínez2016">vgl. Martínez/Scheffel 2016: 19–20</ref>) kann mit
                    Wolf (<ref xml:id="ref_Wolf2007-43a" type="bibl" target="#Wolf2007">2007:
                        43</ref>) als <quote source="#ref_Wolf2007-43a"><hi rend="italic">fictum-
                            oder referenzbezogenen Metareferenz</hi></quote> beschrieben werden.
                    Diese Ausprägung der Metaisierung<note xml:id="endnote_05"><p> Nach Wolf (<ref
                                xml:id="ref_Wolf2007-31" type="bibl" target="#Wolf2007">2007:
                                31</ref>) <quote source="#ref_Wolf2007-31">[bedeutet] <q
                                    rend="single-qm">Metaisierung</q> […] im Kontext der Literatur
                                und anderer Medien das Einziehen einer Metaebene in ein Werk, eine
                                Gattung oder ein Medium, von der aus metareferentiell auf Elemente
                                oder Aspekte eben dieses Werkes, dieser Gattung oder dieses Mediums
                                als solches rekurriert wird.</quote></p></note> liegt dann vor, wenn
                    ein fiktionales Werk über die Beschaffenheit des eigenen Wirklichkeitsbezugs
                    reflektiert (<ref type="bibl" target="#Wolf2007">vgl. ebd.: 35</ref>). Davon
                    abzugrenzen ist eine Form der Selbst- bzw. Metareflexivität, die Wolf als <quote
                        source="#ref_Wolf2007-43b"><hi rend="italic">fictio- bzw. medienbezogene
                            Metareferenz</hi></quote> (<ref xml:id="ref_Wolf2007-43b" type="bibl"
                        target="#Wolf2007">ebd.: 43</ref>) bezeichnet und die die Reflexion eines
                    Werkes über die eigene Artifizialität betrifft (<ref type="bibl"
                        target="#Wolf2007">vgl. ebd.: 35</ref>). Auch diese Spielart findet sich in
                    der <title>Wolfshaut</title>. </p>
                <p>Um die Arten, in denen Leberts Roman auf sich selbst Bezug nimmt bzw. über den
                    eigenen Status als fiktionaler bzw. literarischer Text reflektiert, adäquat zu
                    erfassen, ist es zuvor allerdings nötig, eine noch elementarere Unterscheidung
                    einzuführen: die zwischen Selbst<hi rend="italic">referentialität</hi> und
                        Selbst<hi rend="italic">reflexivität</hi>. Selbstreferentialität liegt im
                    Medium der Literatur dann vor, wenn die Bezugnahme eines Textes auf sich selbst
                        <quote source="#ref_Wolf2007-33a">über ein <q rend="single-qm"
                            >Ausstellen</q> des Mediums oder eine höchst allgemeine Klassifikation
                        desselben […] als <q rend="single-qm">Literatur</q> oder <q rend="single-qm"
                            >poetischer Text</q> nicht hinausgeh[t].</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wolf2007-33a" type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.: 33</ref>).
                    Dies geschieht häufig durch das <quote source="#ref_Wolf2007-33b">Verfahren des
                            <hi rend="italic">foregrounding</hi>, also eines
                        Auf-sich-selbst-Verweisens durch Deviation</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wolf2007-33b" type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.</ref>) etwa
                    von standardsprachlichen Mustern, das den Fokus auf die formale Gestaltung des
                    betreffenden Textes richtet. Im Gegensatz dazu ist Selbstreflexivität <quote
                        source="#ref_Wolf2007-33c">semantischer Natur</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wolf2007-33c" type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.</ref>): Es
                    werden – explizit oder implizit – Aussagen über die Beschaffenheit des
                    jeweiligen Werkes und/oder Mediums getroffen. Kann dem betreffenden Text über
                    einzelne Elemente hinaus ein allgemeines <quote source="#ref_Wolf2007-38"
                        >Bewusstsein von der Natur des Aussageobjektes nicht als natürlich
                        gegebenes, sondern als (Teil) eines semiotischen Systems</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Wolf2007-38" type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.: 38</ref>)
                    zugeschrieben werden, <note xml:id="endnote_06"><p> Wie durch die folgende
                            Analyse deutlich wird, ist dies bei der <title>Wolfshaut</title> der
                            Fall. Die Begriffe Selbstreflexivität und Metareferentialität sowie die
                            von diesen abgeleiteten Adjektive können im Rahmen der vorliegenden
                            Überlegungen daher synonym verwendet werden. </p></note> so liegt eine
                    spezifische Form der Selbstreflexivität vor: die <hi rend="italic"
                        >Metareferentialität</hi>. Nicht selten treten selbstreferentielle und
                    selbstreflexive Elemente allerdings gemeinsam auf: Anders als im Falle der
                    expliziten, können bei der <quote source="#ref_Wolf2007-42a"><hi rend="italic"
                            >implizite[n] Metareferenz</hi></quote> (<ref xml:id="ref_Wolf2007-42a"
                        type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.: 42</ref>) keine <quote
                        source="#ref_Wolf2007-42b">semantisch metareferentielle[n] Lexeme</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Wolf2007-42b" type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.</ref>)
                    angeführt werden. Um die jeweilige Passage dennoch als metareferentiell
                    erkennbar zu machen, braucht es eine <quote source="#ref_Wolf2007-42c">stützende
                        Metaisierungsmarkierung</quote> (<ref xml:id="ref_Wolf2007-42c" type="bibl"
                        target="#Wolf2007">ebd.</ref>), die beispielsweise <quote
                        source="#ref_Wolf2007-42d">durch verschiedene Verfahren des <hi
                            rend="italic">foregrounding</hi></quote> (<ref xml:id="ref_Wolf2007-42d"
                        type="bibl" target="#Wolf2007">ebd.</ref>) und damit wiederum durch
                    Strategien der Selbstreferentialität erfolgen kann. </p>
                <p>Eine solche Verknüpfung von Selbstreferentialität und Selbstreflexivität lässt
                    sich auch in der <title>Wolfshaut</title> beobachten. Die Erzählsprache des
                    Textes ist von auffälligen phonetischen und prosodischen Wiederholungsstrukturen
                    und damit von <hi rend="italic">foregroundig</hi> im beschriebenen Sinn geprägt
                    – ein Umstand, auf den Lebert selbst hinweist, wenn er in einem Interview davon
                    spricht, dass <quote source="#ref_Egyptien2019-135">[man] meine Romane, so lang
                        sie sind, […] in Verszeilen niederschreiben [könnte]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Egyptien2019-135" type="bibl" target="#Egyptien2019">zit. n.
                        Egyptien 2019: 135</ref>). Besonders Klangfiguren wie Anapher, Alliteration
                    und Assonanz sind es, denen man eine geradezu textkonstitutive Bedeutung
                    zusprechen kann. Über weite Strecken ist eine Dominanz der von Jakobson (<ref
                        type="bibl" target="#Jakobson2016">2016: 94</ref>) beschriebenen <hi
                        rend="italic">poetischen Sprachfunktion</hi> auszumachen, die das Syntagma
                    des Textes nach dem paradigmatischen Prinzip der Äquivalenz organisiert. Da
                    dieses Prinzip stellenweise sämtliche Ebenen der Textstruktur organisiert – also
                    neben der phonetischen und prosodischen auch die semantisch-motivische Ebene –,
                    kann die <title>Wolfshaut</title> ferner als <hi rend="italic"
                        >überstrukturierter Text</hi> im Sinne Links (<ref xml:id="ref_Link1981-207"
                        type="bibl" target="#Link1981">1981: 202</ref>) bezeichnet werden. Mit Link
                        (<ref type="bibl" target="#Link1981">1981: 207</ref>) ist zudem davon
                    auszugehen, dass einer <quote source="#ref_Link1981-207">Semantisierung der
                        lautlichen Ebene</quote>, wie sie in der <title>Wolfshaut</title> durch die
                    angeführten phonetischen Wiederholungsstrukturen vorgenommen wird, tendenziell
                    eine <quote source="#ref_Link1981-207">De-semantisierung der Ebene der
                        denotierten Bedeutung</quote> korreliert.</p>
                <p>In exemplarischer Verdichtung kommt das auf Wiederholung basierende
                    Gestaltungsprinzip der <title>Wolfshaut </title>im zehnten Kapitel zur
                    Anwendung, wenn sich der <q rend="double-qm">Matrose</q> Johann Unfreund in die
                    Totenkammer begibt, wo sich der Leichnam des entflohenen Häftlings befindet, der
                    – nachdem Unfreund ihn bei sich versteckt gehalten hat – vom ehemaligen
                    Ortswachtmitglied Vinzenz Rotschädel erschossen wurde. <quote
                        source="#ref_Lebert1991-424a"><q rend="single-qm">Also hast du diese Welt
                            verlassen!</q></quote>, lässt die Erzählinstanz Unfreund den Toten in
                    Gedanken adressieren: <quote source="#ref_Lebert1991-424a">Und die Welt ist leer
                        wie eine alte Kiste. Und ein Sturmwind hat sich erhoben und bläßt in die
                        Welt</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-424a" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">Lebert 1991: 424</ref>). Gerade bei diesen Worten </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-424b">[prallte] ein Windstoß, schwarz unter dem
                        silbernen Eisgang des Himmels, schwarz von Nässe, schwarz von durchweichter
                        Erde und triefenden Wäldern, schwarz von den regenschwangeren Weiten des
                        Meeres, trauergeschwärzt von Meeren schwankender Wipfel, […] gegen die Mauer
                        der Kirche, sprang an ihr hoch, sprang hoch an dem Turm, der massiv in den
                        Eisgang gerammt war, sprang hoch an der Schrägung des Daches bis an den
                        First und überschlug sich dort mit dem Aufschrei: Requiem!! (<ref
                            xml:id="ref_Lebert1991-424b" type="bibl" target="#Lebert1991"
                        >ebd.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die erwähnten Wiederholungstrukturen sind evident: Auffällig ist zunächst das
                    anaphorisch verwendete <q rend="double-qm">schwarz</q>, das in der Formulierung
                        <q rend="double-qm">trauergeschwärzt</q> variiert wird und eine dezidiert
                    symbolische Dimension erhält. Überformt wird diese Anapher von der Repetition
                    der Silbe <hi rend="italic">schwa</hi>, durch die auch die Signifikanten der <q
                        rend="double-qm">regen<hi rend="italic">schwa</hi>ngeren Weiten des
                        Meeres</q> sowie der <q rend="double-qm"><hi rend="italic">schwa</hi>nkenden
                        Wipfel</q> von der ubiquitären Schwärze affiziert werden, die die Passage
                    auf der semantischen Ebene bestimmt. In der variierenden Flexion des Substantivs
                        <hi rend="italic">Meer</hi>, das in Genitiv Singular und Dativ Plural
                    auftritt, wird die geschilderte Bewegung der Bäume im Wind ebenfalls am
                    verwendeten Sprachmaterial nachvollzogen. Nach der erneut anaphorischen
                    Verwendung von <q rend="double-qm">sprang hoch</q> endet die Sequenz mit einem
                        <q rend="double-qm">Aufschrei</q> des personifizierten Windes, der
                    einerseits die Redegattung benennt, derer sich der Matrose im Weiteren bedient,
                    andererseits – als Schrei selbst dissonant – auf ihre Klangqualität verweist.
                    Nimmt man darüber hinaus den zuvor zitierten Hinweis Leberts ernst, demzufolge
                    sich die Erzählsprache seiner Romane der Struktur von Versen nähere, so lässt
                    sich beobachten, dass die Verteilung der Wortakzente (unterstrichen) in dieser
                    Sequenz tatsächlich eine gewisse Regelmäßigkeit aufweist: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-424c">Ein W<hi rend="underlined">i</hi>ndstoß,
                            schw<hi rend="underlined">a</hi>rz unter dem s<hi rend="underlined"
                            >i</hi>lbernen E<hi rend="underlined">i</hi>sgang des H<hi
                            rend="underlined">i</hi>mmels, schw<hi rend="underlined">a</hi>rz von
                            N<hi rend="underlined">ä</hi>sse, schw<hi rend="underlined">a</hi>rz von
                            durchw<hi rend="underlined">ei</hi>chter <hi rend="underlined">E</hi>rde
                        und tr<hi rend="underlined">ie</hi>fenden W<hi rend="underlined"
                        >ä</hi>ldern, schw<hi rend="underlined">a</hi>rz von den r<hi
                            rend="underlined">e</hi>genschw<hi rend="underlined">a</hi>ngeren W<hi
                            rend="underlined">ei</hi>ten des M<hi rend="underlined">ee</hi>res,
                            tr<hi rend="underlined">au</hi>ergeschw<hi rend="underlined">ä</hi>rzt
                        von M<hi rend="underlined">ee</hi>ren schw<hi rend="underlined"
                        >a</hi>nkender W<hi rend="underlined">i</hi>pfel, pr<hi rend="underlined"
                            >a</hi>llte g<hi rend="underlined">e</hi>gen die M<hi rend="underlined"
                            >au</hi>er der K<hi rend="underlined">i</hi>rche, spr<hi
                            rend="underlined">a</hi>ng an ihr h<hi rend="underlined">o</hi>ch,
                        sprang h<hi rend="underlined">o</hi>ch an dem T<hi rend="underlined"
                        >u</hi>rm, der mass<hi rend="underlined">i</hi>v in den <hi
                            rend="underlined">E</hi>isgang ger<hi rend="underlined">a</hi>mmt war,
                        sprang h<hi rend="underlined">o</hi>ch an der Schr<hi rend="underlined"
                            >ä</hi>gung des D<hi rend="underlined">a</hi>ches b<hi rend="underlined"
                            >i</hi>s an den F<hi rend="underlined">i</hi>rst und überschl<hi
                            rend="underlined">u</hi>g sich d<hi rend="underlined">o</hi>rt mit dem
                            <hi rend="underlined">Au</hi>fschrei: R<hi rend="underlined"
                        >e</hi>quiem!! (<ref xml:id="ref_Lebert1991-424c" type="bibl"
                            target="#Lebert1991">ebd.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Zwischen zwei betonten Silben liegt mindestens eine, liegen – außer bei den
                    Verbindungen <q rend="double-qm">unter dem</q> sowie <q rend="double-qm">und
                        überschlug sich</q> – höchstens zwei unbetonte. Die Akzentverteilung ergibt
                    also wahlweise Daktylen oder Trochäen und erinnert damit an die Metrik des
                    Hexameters im Deutschen. Eine der beiden Abweichungen in der Akzentverteilung
                    lässt sich zudem schlüssig mit der semantischen Ebene der Sequenz verknüpfen:
                    Gebrochen wird das Muster gerade dann, wenn sich der Wind, von dem hier die Rede
                    ist, <q rend="double-qm">überschlug</q>. Die Devianz von der quasimetrischen
                    Gestaltung genau an dieser Stelle löst formal ein, was inhaltlich ausgesagt
                    wird. </p>
                <p>Im Requiem, das die Erzählinstanz dem Matrosen zuschreibt, wird mittels der
                    auffälligen Gestaltung des Sprachmaterials die Literarizität des Romans
                    ausgestellt – es liegt folglich Selbstreferentialität vor. Die Grenze zur
                    Selbstreflexivität wird spätestens dann überschritten, wenn Unfreund wenige
                    Zeilen später in Gedanken ausruft: <quote source="#ref_Lebert1991-424d">Oh,
                        Freiheit!! Wort!! Zerkaut und ausgelaugt! Jeder Duckmäuser dreht es im Munde
                        und spuckt es um sich! Es rinnt uns allen schleimig über die Gesichter! Aber
                        die Freiheit selber?! Wo ist sie geblieben?! Ich schmecke sie nicht in dem
                        Speichel, der mir ins Maul fließt.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-424d" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>)
                    Indem die Fokussierung sprachlicher Materialität und die damit verbundene
                    De-semantisierung der denotativen Ebene in Unfreunds Apostrophe der Freiheit
                    ihrerseits thematisiert werden, wird ein Reflexionsprozess über ebenjene
                    Gestaltungselemente in Gang gesetzt, die zuvor lediglich Teil
                    selbstreferentiellen <hi rend="italic">foregroundings</hi> waren. Dieser
                    Reflexionsprozess wird wiederum von selbstreferentiellen Elementen begleitet:
                    u.a. von der Alternation betonter (unterstrichen) und unbetonter Silben zu
                    Beginn der Sequenz (<q rend="double-qm">Oh, Fr<hi rend="underlined"
                        >ei</hi>heit!! W<hi rend="underlined">o</hi>rt!! Zerk<hi rend="underlined"
                            >au</hi>t und <hi rend="underlined">au</hi>sgel<hi rend="underlined"
                            >au</hi>gt!</q>) sowie der Verwendung der Assonanz <q rend="double-qm"
                        >zerkaut und ausgelaugt</q>, in der sich der genannte semantische Verweis
                    auf das Phänomen der De-semantisierung und ihr formaler Vollzug überlagern. </p>
                <p>Dass in der <title>Wolfshaut</title> allerdings nicht nur lautliche und
                    prosodische Wiederholungstrukturen, sondern auch Verfahren uneigentlichen
                    Sprechens thematisiert und reflektiert werden, zeigt sich in der bereits
                    diskutierten Sequenz um Malettas Weg aus dem Dorf. In dieser wird deutlich, dass
                    der <q rend="double-qm">fahle Streifen</q> als Grenze zu einem in der erzählten
                    Welt symbolisch abgeschlossenen Raum fungiert. Einem Raum, in dessen
                    Beschreibung für die <title>Wolfshaut</title> konstitutive Tropen verdichtet zur
                    Anwendung kommen. Dazu gehört die Personifikation der natürlichen und
                    kulturellen Dingwelt, wie sie in der Beschreibung des Geländes auftritt, auf dem
                    die Ziegelei liegt: <quote source="#ref_Lebert1991-26d">Betrachten wir den Ort
                        in aller Ruhe</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-26d" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 26</ref>), leitet der Erzähler diese Beschreibung
                    ein und verweist damit zugleich explizit auf die vorübergehende Suspension des
                    Handlungsfortschritts – auf das, was man in narratologischer Terminologie als
                        <hi rend="italic">Pause</hi> bezeichnet. Er fährt fort: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-26e">die Straße […] windet sich hier um das
                        Ebergebirge herum […]. Rechts an dem lehmigen Absturz […] hockt […] das Haus
                        des Matrosen und lauert mit winzigen Fenster-Augen herab. Ihm gegenüber, auf
                        einem unbebauten Stück Land (wo niemals etwas recht gedeihen wollte) ragen
                        die halbzerstürzten Mauern der Ziegelei, ein rohes, rotes Schandmal inmitten
                        der Landschaft. Dahinter gähnt, als ob sie die Maulsperre hätte, die
                        Tongrube, welche man langsam mit Mist zuschüttet, ein Maul mit einem blonden
                        Bart von Binsen […]. An dem zugewachsenen Fahrweg, der […] durch Unkraut und
                        gelbliches Steppengras zur Ziegelei hinüberführt, steht eine alte, total
                        verkrüppelte Eiche. Die hat vor Jahrzehnten der Blitz gespalten […]. (<ref
                            xml:id="ref_Lebert1991-26e" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>)
                    </quote>
                </cit>
                <p>Die genannten Personifikationen – das am Abhang hockende und von dort
                    hinunterblickende Haus des Matrosen sowie die gähnende bärtige Tongrube mit
                    ihrer Maulsperre – werden mit Klangfiguren verbunden: Anführen lassen sich die
                    Assonanz <q rend="double-qm">rohes, rotes</q>, die Alliterationen <q
                        rend="double-qm">Mauern</q> und <q rend="double-qm">Maulsperre</q> und <q
                        rend="double-qm">blonde[r] Bart von Binsen</q> sowie die Repetition des
                    Anlauts <hi rend="italic">M</hi>, der im vierten Satz <q rend="double-qm"
                        >Mauern</q>, <q rend="double-qm">Mist</q> und <q rend="double-qm"
                        >Maulsperre</q> alliterierend verbindet. Der Diphthong <hi rend="italic">au
                    </hi>wird in der zitierten Passage mehrmals wiederholt und spiegelt ihre
                    metaphorische Dichte auf lautlicher Ebene. Metaphorisch bzw. symbolisch
                    aufgeladen wird die Sequenz durch die Formulierung <q rend="double-qm">die
                        Straße […] windet sich</q>, die erneut das bereits erwähnte Bild der
                    Schlange aufruft. Metaphorisch gelesen werden kann auch der Hinweis, dass dort,
                    wo sich die Ziegelei als Ort der Verbrechen befindet, <q rend="double-qm">nie
                        etwas recht gedeihen wollte</q>. Symbolcharakter hat ferner die vom Blitz
                    gespaltene Eiche, deren Signifikanten bereits mittels Reim auf die der Leichen
                    referieren, die auf dem Gelände verscharrt sind und deren Verborgenheit durch
                    die Abwesenheit des Anlauts <hi rend="italic">L</hi> im Namen des Baums
                    gespiegelt wird. Schon bei Plinius dem Älteren ist die Eiche <quote
                        source="#ref_Lach2021-128">mit dem Volk der Deutschen verknüpft</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lach2021-128" type="bibl" target="#Lach2021">Lach 2021:
                        128</ref>), sodass im Nationalsozialismus <quote source="#ref_Lach2021-129"
                        >eine ungebrochene Kontinuität der E[ichen]symbolik in der d[eutschen]
                        Mythologie und Volkskunst von den Germanen bis in die eigene Gegenwart
                        [behauptet]</quote> wird (<ref xml:id="ref_Lach2021-129" type="bibl"
                        target="#Lach2021">ebd.: 129</ref>). Der Blitz, auf den die Eiche
                    metonymisch verweist, hat in seiner symbolischen Lesart zunächst eine religiöse
                    Dimension, steht allgemein für die Präsenz Gottes oder ist – wie in Ijob 20,25 –
                    Medium göttlichen Zorns (<ref type="bibl" target="#Hoffmann2021">vgl. Hoffmann
                        2021: 222 f.</ref>) und konnotiert damit die von der Dorfgemeinschaft
                    Schweigens getragenen Kollektivschuld. Darüber hinaus verweist er wie die Eiche
                    auf den Nationalsozialismus, wo der Blitz <quote source="#ref_Hoffmann2021-224a"
                        >ein verbreitetes Symbol für die faschist[ische] <q rend="single-qm"
                            >Revolution</q> und Gewaltherrschaft</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Hoffmann2021-224a" type="bibl" target="#Hoffmann2021">ebd.:
                        224</ref>) ist. Auch <quote source="#ref_Hoffmann2021-224b">[kann] die
                        SS-Rune […] als stilisierter B[litz] gedeutet werden</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Hoffmann2021-224b" type="bibl" target="#Hoffmann2021"
                    >ebd.</ref>). Fasst man das auch an dieser Stelle durch die hohe Dichte an
                    Klangfiguren und Tropen erzeugte <hi rend="italic">foregrounding</hi> als
                    Metaisierungsmarkierung auf, so kann das Bild des Blitzes drittens als implizite
                    Metareferenz verstanden werden: Bereits in der <quote
                        source="#ref_Hoffmann2021-223">Antike fungiert der B[litz] […] als Symbol
                        der von Gott ausgehenden, später säkular umgedeuteten (künstler[ischen])
                        Inspiration</quote> (<ref xml:id="ref_Hoffmann2021-223" type="bibl"
                        target="#Hoffmann2021">ebd.: 223</ref>). Auch die Tatsache, dass die Eiche
                    durch den Blitz <q rend="double-qm">gespalten</q> ist, kann vor diesem
                    Hintergrund als ein implizit metareferentielles Element aufgefasst werden: als
                    Hinweis einerseits auf das skizzierte Oszillieren der Erzählerrede zwischen
                    Fiktionalität und Faktualität, zwischen Geschichte und Bericht. Andererseits auf
                    den gattungspoetisch zwiespältigen Status nicht nur der zitierten Passagen, in
                    der die Beschreibung des <q rend="single-qm">Tatorts</q> durch die angeführten
                    Tropen bzw. Klangfiguren überlagert bzw. unterlaufen wird, sondern des gesamten
                    Textes, dessen Gattungszugehörigkeit durchaus zur Disposition steht. Dies wird
                    deutlich, wenn man berücksichtigt, dass Lebert die <title>Wolfshaut </title>in
                    einem Brief an seinen Lektor <quote source="#ref_Egyptien2019-144">ein als Roman
                        getarntes Epos</quote> (<ref xml:id="ref_Egyptien2019-144" type="bibl"
                        target="#Egyptien2019">zit. n. Egyptien 2019: 144</ref>) nennt. Die
                    Selbstreflexivität der zitierten Sequenz kulminiert schließlich in der
                    Beschreibung des <quote source="#ref_Lebert1991-26f">zugewachsenen Fahrweg[s],
                        der […] durch Unkraut und gelbliches Steppengras zur Ziegelei <hi
                            rend="italic">hinüberführt</hi></quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-26f" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        26</ref>; Herv. d. Verf.). Das Verb <hi rend="italic">hinüberführen
                    </hi>verweist in diesem Zusammenhang explizit auf den metaphorischen
                    Übertragungsprozess, der für die analysierte Passage – und für die
                        <title>Wolfshaut </title>im Allgemeinen – zentral ist. Dass der Text zu
                    einer solchen Deutung regelrecht herausfordert, zeigt sich, wenn die Ziegelei
                    dem Matrosen im zweiten Kapitel als <quote source="#ref_Lebert1991-72">eine
                        Botschaft, die darauf wartet, gelesen zu werden</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-72" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 72</ref>),
                    erscheint. </p>
                <p>Darüber hinaus reflektieren die <quote source="#ref_Lebert1991-26g"
                        >Fenster-Augen</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-26g" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 26</ref>) von Unfreunds Haus die Bildlichkeit der
                    eben zitierten Passage: Selbst Teil eines Tropus, machen die Augen zugleich auf
                    die Metaphorizität der Sequenz aufmerksam, indem sie metonymisch auf deren
                    Bildlichkeit verweisen. In metonymischer Relation zu der mit dem Schauplatz des
                    Verbrechens verknüpften Bildlichkeit stehen auch die Augen Hans Höllers: Als der
                    Matrose den Toten bei der Ziegelei findet, steht dieser <quote
                        source="#ref_Lebert1991-46a">reglos an einem der Fenster […] und schien
                        gespannt, ja fasziniert in die tintige Finsternis zu starren, von der das
                        Gebäude erfüllt war.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-46a" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 46</ref>) Höllers Augen sind es ebenfalls, die
                    den Matrosen als <quote source="#ref_Lebert1991-46b">chiffrierte
                        Nachricht</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-46b" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.</ref>) scheinbar über <quote
                        source="#ref_Lebert1991-66">Unnennbare[s]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-66" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 66</ref>)
                    in Kenntnis setzen wollen. Der Erzählinstanz zufolge könnte zudem das <quote
                        source="#ref_Lebert1991-122">wüste[] Etwas, schwärzer als die Nacht</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-122" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        122</ref>), das in Maletta <quote source="#ref_Lebert1991-121a">[an]schwoll
                        […] wie ein ungeheures Gewächs</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-121a"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 121</ref>), <quote
                        source="#ref_Lebert1991-121b">aus Hans Höllers Augen ausgebrochen</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-121b" type="bibl" target="#Lebert1991"
                        >ebd.</ref>) sein. Die Augen des jüngsten Ortswachtmitglieds führen so die
                    metaphorische Kodierung der von der Dorfgemeinschaft verschwiegenen Verbrechen
                    vor. </p>
                <p>Maletta, dessen Profession als Fotograf ebenso auf die Bildlichkeit des Textes
                    verweist, versucht im zweiten Kapitel entsprechend verzweifelt, die Augen
                    Höllers zu schließen (<ref type="bibl" target="#Lebert1991">vgl. ebd.:
                    50</ref>). Wenn ihm das nicht gelingt und er sie stattdessen mit einer Zeitung
                    bedeckt, weil sie ihn <quote source="#ref_Lebert1991-50">an den bohrenden
                        Fotografierblick seiner Porträts</quote> erinnern (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-50" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>),
                    wird zugleich auf die Thematisierung von Fotografie im Medium der Schrift
                    verwiesen, die für einige Szenen um Maletta zentral ist. So etwa, wenn er in
                    Betrachtung eines Portraits des Jägers Habergeier <quote
                        source="#ref_Lebert1991-140a">auf einmal […] zu seinem Erstaunen [bemerkte],
                        daß nicht der Mann und auch nicht dessen Bart, sondern der Wald dieses Bild
                        so bedeutungsvoll machte: der Hintergrund war eigentlich das Bild</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-140a" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        140</ref>). Die Deutung, dass der Wald das eigentlich Zentrale an der
                    Fotografie sei, verweist auf die Schlüsselfunktion der Natur, durch die die
                    Rezipient:innen der <title>Wolfshaut </title>(im Sinne des real-inauthentischen
                    Kommunikats Hans Leberts) – wie in Abschnitt II gezeigt wird – zentrale Hinweise
                    auf das Kriegsverbrechen erhalten, ehe der Erzähler dieses explizit
                    thematisiert. In ihrer Gesamtheit reflektieren die transmedialen Verweise auf
                    Fotografie zudem die bereits skizzierte Tendenz des Romans, den Handlungsverlauf
                    durch die Fokussierung paradigmatischer Äquivalenz punktuell stillzustellen,
                        <quote source="#ref_Klugsberger1997-84">in der unablässigen Bildung von
                        Syntagmen aus diversen paradigmatischen Strukturen die Vorherrschaft des
                        Synchronen über das Diachronen, des Nebeneinander über die Abfolge, zu
                        betonen.</quote> (<ref xml:id="ref_Klugsberger1997-84" type="bibl"
                        target="#Klugsberger1997">Klugsberger 1997: 84</ref>) Ein ähnlicher Verweis
                    auf ein anderes Medium als Literatur bzw. Schrift, durch den der Text seine
                    eigene Struktur reflektiert, findet sich in einem Abschnitt im vierten Kapitel,
                    in dem der Matrose sich an einen Museumsbesuch erinnert. Bei diesem gelangt er
                    in <quote source="#ref_Lebert1991-134">mit finsterem Marmor verkleidet[e]
                        [Säle]</quote>, an deren Wänden </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-134">lauter Gefäße [standen]: Töpfe, Krüge,
                        Schalen und dergleichen, manche bemalt mit einfachen Mustern oder Figuren,
                        andere schmucklos im Braun jener Erde, aus der sie bestanden – und alle so
                        sicher, so selbstverständlich geformt, als wären sie gar nicht gemacht,
                        sondern gewachsen. (<ref xml:id="ref_Lebert1991-134" type="bibl"
                            target="#Lebert1991">Lebert 1991: 134</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>An dieser Stelle gerät die Selbstbezüglichkeit künstlerischer Artefakte selbst in
                    den Blick. Einige der vom Matrosen betrachteten Gefäße zeichnen sich insofern
                    durch Selbstreferentialität aus, als ihre Farbe auf das Material verweist, aus
                    dem sie gefertigt sind, damit auf ihren Herstellungsprozess und folglich auf
                    ihren Status als künstlerisches Artefakt. Eine besonders auffällige Gestaltung
                    im Sinne des oben beschriebenen <hi rend="italic">foregrounding</hi> kann
                    indessen nicht ausgemacht werden. Im Gegenteil: Die Gefäße sind, wenn überhaupt,
                    nur <q rend="double-qm">mit einfachen Mustern oder Figuren [bemalt]</q> und
                    wirken geradezu natürlich <q rend="double-qm">gewachsen</q>. Sie stehen der
                    auffälligen formalen Gestaltung des Textes, in dem sie beschrieben werden, damit
                    diametral gegenüber und reflektieren seine Struktur ex negativo. </p>
                <p>Selbstreflexive Elemente werden auf der Figurenebene also besonders dem zentralen
                    – und im Übrigen auch phonetisch angenäherten – Doppelgängerpaar Matrose/Maletta
                    zugeordnet. Dass Unfreund und der Fotograf Medien der Selbstreflexion sind,
                    zeigt sich schon in der bereits zitierten Szene, in der sich Maletta nach
                    Angaben der narrativen Instanz wie ein <quote source="#ref_Lebert1991-28b">Kreuz
                        aus tausend Fäden</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-28b" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 28</ref>) fühlt. Diese Passage ist – wie alle
                    anderen, die Textilmotive aufweisen – insofern metareferentiell, als mit den
                    Fäden ein kanonisiertes Symbol für Textstrukturen aufgerufen wird (<ref
                        type="bibl" target="#Greber2021">vgl. Greber 2021: 222</ref>). Als
                    metareferentieller Verweis auf die Medialität des Romans lässt sich auch das
                    metaphorisch verwendete Adjektiv <quote source="#ref_Lebert1991-46"
                        >tintig[]</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-46" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">Lebert 1991: 46</ref>) verstehen, das sich in der
                    zitierten Sequenz um das Auffinden Hans Höllers auf die Finsternis im Inneren
                    der Ziegelei bezieht, jedoch zugleich metonymisch auf den medialen Status der
                        <title>Wolfshaut</title> als schriftlich fixierter Text referiert. In der
                    Metapher <quote source="#ref_Lebert1991-309a">schwarze Runenschrift der
                        Zweige</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-309a" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 309</ref>) wird ferner die schriftliche
                    Darstellung von Natur reflektiert. Verhandelt wird die Medialität von Leberts
                    Roman zudem, wenn sich Maletta vom Lehrer ein Buch leiht, dessen <quote
                        source="#ref_Lebert1991-95">Einband […] so schwarz war wie draußen die
                        Nacht</quote> und <quote source="#ref_Lebert1991-95">einen ebenso finsteren
                        Inhalt [versprach].</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-95" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 95</ref>) Dass dieser Hinweis auch auf die
                        <title>Wolfshaut </title>bezogen werden kann, zeigt der von Lebert gegenüber
                    seiner Verlegerin Hilde Claassen geäußerte Wunsch, die typographische Gestaltung
                    der Erstausgabe solle <quote source="#ref_Egyptien2019-148">dem Inhalt
                        entsprechend <q rend="single-qm">dunkler, gröber und <hi rend="italic"
                                >unfreundlicher</hi> sein</q> […] als bei anderen Büchern</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Egyptien2019-148" type="bibl" target="#Egyptien2019"
                        >Egyptien 2019: 148</ref>). Entsprochen wurde diesem Wunsch allerdings erst
                    bei der Neuauflage der <title>Wolfshaut</title>, die 1991 im Europa Verlag
                    erfolgte (<ref type="bibl" target="#Egyptien2019">vgl. ebd.</ref>). </p>
                <p>Schließlich ist nicht nur die Medialität der <title>Wolfshaut</title>, sondern
                    auch ihr Gattungszugehörigkeit Gegenstand der Selbstreflexion. Ihre Dimension
                    als Kriminal- bzw. Detektivroman, als Versuch der Erzählinstanz wie auch des
                    Matrosen, das Syntagma der eingangs beschworenen <quote
                        source="#ref_Lebert1991-7">rätselhaften Ereignisse (<ref
                            xml:id="ref_Lebert1991-7" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                            7</ref>)</quote> zu rekonstruieren, wird beim Verhör des Matrosen im
                    zweiten Kapitel reflektiert: Auf die Frage des Wachtmeisters Habicht nach der
                    genauen Haltung des toten Hans Höller erwidert der Matrose, dass diese <quote
                        source="#ref_Lebert1991-62">ganz natürlich ausgesehen [habe]</quote>, fügt
                    aber hinzu, dass <quote source="#ref_Lebert1991-62">[er] von solchen Dingen […]
                        nichts [verstehe]; […] Kriminalromane lese er keine.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-62" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 62</ref>)
                    Auch das Genre des Detektivromans wird thematisiert, wenn Unfreund auf dem
                    Gelände der Ziegelei <quote source="#ref_Lebert1991-74">Detektiv […]
                        spiel[t]</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-74" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 74</ref>). </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_03">
                <head>II. Natur und Naturalisierung</head>
                <p>Der Naturraum Schweigens gleicht selten einer pittoresken Landschaft, nach dem
                    Motto: <quote source="#ref_Lebert1991-326">die Berge grüßten, und die Sonne
                        lachte</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-326" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 326</ref>), sondern wird abwechselnd als
                    regnerische, triste, windige, nebelige und verschneite Gegend dargestellt, die
                    von mörderischen Geschehnissen heimgesucht wird. Schweigen ist von Tod, Fäulnis
                    und Jauche durchzogen, der Wald riecht nach verfaultem Laub und die Eiche, in
                    deren Nähe zwei Mitglieder der ehemaligen <q rend="double-qm">Ortswacht</q> tot
                    aufgefunden werden, ähnelt einer <quote source="#ref_Lebert1991-46c">schwarze[n]
                        Kralle, zum Himmel gereckt, ein[em] schwarze[n] Gerippe, schwankend im
                        Mond</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-46c" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 46</ref>).</p>
                <p>Die nähere Betrachtung des Verhältnisses der Erzählinstanz zum dargestellten
                    Naturraum führt rasch zu der Erkenntnis, dass es sich hierbei weniger um einen
                    linearen Zusammenhang, als um ein Netz mit unzähligen Schnittstellen handelt.
                    Besonders auffällig ist in diesem Kontext die Konstitution binärer Oppositionen:
                    Gegenübergestellt werden Mitglieder und Außenstehende einer tendenziell
                    geschlossenen Gesellschaft, biologische Faktoren und hegemoniale Ansichten sowie
                    eine schweigende Dorfgemeinschaft und eine Natur, die – <quote
                        source="#ref_Doderer1996-180">aasig evaporier[end]</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Doderer1996-180" type="bibl" target="#Doderer1996">Doderer 1996:
                        180</ref>) – dieses Schweigen in ihrer Indexfunktion auch olfaktorisch
                    bricht. </p>
                <p>Die Bewohner:innen Schweigens sind als in sich geschlossene Gesellschaft zu
                    denken, deren Mitglieder durch das Verschweigen der von der <q rend="double-qm"
                        >Ortswacht</q> begangenen Morde zu Mittäter:innen werden: Auch das Schweigen
                    stellt, gewissermaßen als negativer Sprechakt, eine bewusst gesetzte Handlung
                    dar, für die es Verantwortung zu übernehmen gälte. Dies kann als eine mögliche
                    Erklärung für den beharrlichen Versuch des Erzählers herangezogen werden, sich
                    von den Bewohner:innen des Dorfes und dadurch von dem verübten Verbrechen
                    abzugrenzen. Ein Akt, der in einer direkten Konfrontation der Schuldigen durch
                    den Matrosen seinen – mehr oder minder zum Scheitern verurteilten – Vollzug
                    findet:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-549f">Er wandte sich sogleich dem Stammtisch zu.
                        „Na, ihr Lumpen!“, sagte er. „Da sitzt ihr ja alle!“ […] „Bleibt sitzen ich
                        setzʼ mich zu euch. Einmal im Leben mach ich euch die Ehre und setzʼ mich zu
                        euch! Und der Binder bringt mir einen großen Slibowitz! Denn wir wollen auf
                        das Seelenheil der Toten trinken.“ (<ref xml:id="ref_Lebert1991-549f"
                            type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991: 549f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der Matrose kann das Schweigen lediglich punktuell durchbrechen; er scheitert
                    letztlich am Kollektiv. Der narrativen Instanz gelingt es hingegen, diese
                    Ansätze eines Geständnisses durch den Akt des Erzählens über das Dorfkollektiv
                    hinaus an die Leser:innenschaft zu tragen. </p>
                <p>In den Schuldzuweisungen des Matrosen wird zwischen der von den Mitgliedern der
                        <q rend="double-qm">Ortswacht</q> getragenen Schuld und der Verantwortung
                    der schweigenden Mitwisser kaum differenziert. Gerade dieser Umstand lenkt den
                    Fokus auf einen fundamentalen Aspekt des Romans, welcher in der Reflexion
                    sozialer Machtstrukturen und der hegemonialen Konzepte besteht, die diese
                    Strukturen fundieren. Mit dem Anerkennen der Mitschuld eines schweigenden
                    Kollektivs fokussiert Lebert nicht die individuelle Dimension von Verantwortung,
                    sondern nimmt die gesellschaftliche Ebene und damit verbundene Machtstrukturen
                    in den Blick, was in weiterer Folge auf das Anerkennen hegemonialer Anschauungen
                    hinweist, wie sie bereits Gramsci beschrieb (<ref type="bibl"
                        target="#Santucci2010">vgl. Santucci et al. 2010: 166–168</ref>). Im Roman
                    fungieren die Mitglieder der <q rend="double-qm">Ortswacht</q> als dominante
                    Gruppe, welche das Schweigen als nicht zu hinterfragendes <q rend="single-qm"
                        >natürliches</q> Gesetz installiert. </p>
                <p>Die Strategie der Naturalisierung bildet eine Scharnierstelle zu einer weiteren
                    zentralen Funktion der Natur, die darin besteht, bei der Aufdeckung des
                    Verbrechens mitzuwirken. Sie verteidigt dabei jedoch gewissermaßen ihre eigene
                    Position, welche durchaus als Antithese zu den Menschen zu lesen ist, deren
                    Lebensraum sie darstellt (<ref type="bibl" target="#Schmidt-Dengler2010">vgl.
                        Schmidt-Dengler 2010: 112</ref>). Die Natur umfasst im Roman multiple
                    Funktionen: So ist sie nicht nur Schauplatz zentraler Handlungssequenzen und
                    avanciert mitunter zum Stimulus ana- und proleptischer Passagen. Indem sie als
                    Metapher innerpsychischer Zustände fungiert, stößt sie darüber hinaus eine
                    Diffusion der Grenze zwischen der Innen- und Außenwelt einzelner Figuren an. Wie
                    Graml (<ref type="bibl" target="#Graml2011">2011: 174</ref>) ausführt, kann ihr
                    zudem insofern eine Rachefunktion zugeschrieben werden, als die Morde an den
                    Mitgliedern der <q rend="double-qm">Ortswacht</q> jeweils von signifikanten
                    Naturphänomenen begleitet werden. </p>
                <p>Dementsprechend produziert die Natur in der <title>Wolfshaut </title>fortwährend
                    indexikalische und symbolische Zeichen, deren Botschaften es zu dekodieren gilt,
                    um den Verbrechenshergang aufzudecken. Einerseits fungiert die zeichenhafte
                    Dimension der Natur als Quelle von Hinweisen für den Matrosen, welcher als
                    Außenstehender der Dorfgemeinschaft versucht, dem Rätsel auf die Spur zu kommen.
                    Andererseits dient sie als Anhaltspunkt für die Leser:innenschaft, welcher durch
                    die Beschreibung von Naturphänomenen Hinweise auf das Verbrechen zuteilwerden.
                    Wie es für das Phänomen des unzuverlässigen Erzählens typisch ist (<ref
                        type="bibl" target="#Martínez2016">vgl. Martínez/Scheffel 2016: 106</ref>),
                    geschieht das in diesen Fällen auf der real-inauthentischen Ebene der
                    fiktionalen Kommunikationssituation zwischen realem Autor und Publikum und damit
                        <quote source="#ref_Martínez2016-106">sozusagen an dem Erzähler
                        vorbei</quote> (<ref xml:id="ref_Martínez2016-106" type="bibl"
                        target="#Martínez2016">ebd.</ref>). Dadurch wird angedeutet, dass dieser
                    Informationen unterschlägt, über die er zum Zeitpunkt der Narration bereits
                    verfügt. Die symbolisch aufgeladenen Beschreibungen von Naturphänomenen lassen
                    aufmerksame Leser:innen auf die Vorgänge im Inneren der Figuren schließen, geben
                    zum Teil aber auch proleptisch Hinweise auf die Lösung des Rätsels, welches
                    Schweigen umhüllt. So stellt die Beschreibung <quote
                        source="#ref_Lebert1991-433">der Wind […] roch nach nassem Fell</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-433" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert
                        1991: 433</ref>) insofern ein Beispiel für eine Prolepse dar, als sie auf
                    ein zentrales Motiv verweist, das sich bis zum Ende des Romans hindurchzieht:
                    den Wolf.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_04">
                <head>III. Zeitlichkeit</head>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Heger1971-233">[...] ich habe es [das Böse] eben gesucht, wo
                        ich es am ehesten zu finden hoffte, nämlich in unserer Gegenwart [...] Dass
                        es [<hi rend="italic">Die Wolfshaut</hi>] dann ein zeitkritischer Roman
                        geworden ist, ist eigentlich weniger meine Schuld als die Schuld der Zeit.
                        <lb/>Hans Lebert (<ref xml:id="ref_Heger1971-233" type="bibl"
                            target="#Heger1971">zit. n. Heger 1971: 233</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Auf den ersten Blick mag es den Anschein erwecken, die <title>Wolfshaut</title>
                    unterliege einem klassisch linearen Zeitverständnis: Die Erzählung lässt sich in
                    einem fast überexakten Zeitfenster verorten, welches sich vom 8. November 1952,
                    drei Uhr morgens, bis zum 14. Februar 1953, sieben Uhr fünfzehn, erstreckt (<ref
                        type="bibl" target="#Schmidt-Dengler2010">vgl. Schmidt-Dengler 2010:
                        112</ref>). Gerade lineare Zeitlichkeit, Uhr-, Tag- oder auch Jahreszeiten,
                    spielen im Text eine wiederkehrende, eminent wichtige Rolle. Zugleich verläuft
                    die Erzählung jedoch keineswegs streng chronologisch, ist von Visionen und
                    Rückblenden durchsetzt und gewinnt so abwechselnd proleptische und analeptische
                    Züge, was dem Text selbst eine eigentümliche Beweglichkeit verleiht. Leberts
                    Raum- und Zeitkonzeptionen machen sich im Roman so eine gewisse Durchlässigkeit
                    zu eigen, werden mitunter in den Bereich des Metaphysischen und Irrealen
                    entrückt: Die bedeutungsschwere Namenssymbolik des Textes nimmt prophetische
                    Züge an, Raben und schwarze Katzen treten als Vorboten nahenden Unheils in
                    Erscheinung und auch Naturphänomene wie Mondfinsternis und Blutregen treten
                    keinesfalls zufällig auf, sind als Symptome begangener Untaten zu verstehen und
                    lassen schicksalhaft anmutende Sequenzen entstehen. Es zeigt sich, dass die
                    Ebene der Zeitlichkeit in der <title>Wolfshaut</title> stark symbolisch
                    aufgeladen ist und eine gewisse Doppelbödigkeit aufweist, welche die formale
                    Textebene zu transzendieren vermag. Deutlich wird dies etwa im Rahmen einer von
                    Lebert beschriebenen Gasthausszene, die der Autor den Leser:innen aus dem von
                    dichtem Rotweindunst eingetrübten Blickwinkel Malettas schildert: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-197">Maletta schloss die Augen, denn so war es
                        besser. Eine purpurne Nacht, eine purpurne Woge, durchflutete ihn. Sie
                        verbreitete sich im Geäst seiner Adern, sie krallte ihr purpurnes Wurzelwerk
                        in die abgestorbenen Tiefen des Leibes – des Leibes, der Maletta hieß. Der
                        war eine schwere, leblose Masse geworden, der saß wie etwas Totes auf der
                        Bank. Sein Atem strömte automatisch ein und aus, derweil ihm die purpurne
                        Flut bis unter die Haut stieg. Dann machte er die Augen wieder auf, und da
                        sah er die Uhr, die über dem Stammtisch angebracht ist. Sie zeigte zwei
                        Minuten vor halb sechs; die beiden Zeiger deckten sich gerade, die beiden
                        Zeiger hatten sich vereinigt, und beide zeigten mit ihren sich deckenden
                        Spitzen, so, als wollten sie dort eine Stelle bezeichnen, direkt auf Johann
                        Schreckenschlagers Kopf. (<ref xml:id="ref_Lebert1991-197" type="bibl"
                            target="#Lebert1991">Lebert 1991: 197</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Wenig später ist der Mann mit dem bezeichnenden Namen Schreckenschlager tot. Er
                    wird Opfer eines Gewaltverbrechens: erschlagen – ausgerechnet von einem seiner
                    altvertrauten Stammtischgenossen. Der Name Schreckenschlager ist jedoch nicht
                    nur in Bezug auf die Todesursache des pensionierten Sägewerkmeisters von
                    Interesse, welche sich motivisch auf einer Linie mit dem Tod Hans Höllers durch
                        <quote source="#ref_Lebert1991-48">Herzschlag</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-48" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 48</ref>)
                    befindet. Auch im Hinblick auf die Kategorie der Zeit kommt der Figur
                    Schreckenschlager eine zentrale Bedeutung zu: Ist er es doch, dessen Aufgabe es
                    als Sägewerkmeister war, das Grauen des Waldes zu bannen, der nicht nur für
                    Maletta ein <quote source="#ref_Lebert1991-141">großes Entsetzen</quote> birgt
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-141" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        141</ref>): <quote source="#ref_Lebert1991-105a">Zwischen den leuchtenden
                        Stämmen</quote> des Waldes, der an Schweigen grenzt, lauert <quote
                        source="#ref_Lebert1991-105a">die Vergangenheit</quote> darauf, die
                    Dorfbewohner:innen – <quote source="#ref_Lebert1991-105a">plötzlich in Zukunft
                        verwandelt</quote> – anzufallen (<ref xml:id="ref_Lebert1991-105a"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 105</ref>); zwischen den Stämmen tut
                    sich ein Raum auf, in dem sich – wie der Erzähler Habergeier auf dessen
                    Hochstand reflektieren lässt – <quote source="#ref_Lebert1991-105b">offenbar
                        alles verkehrt ab[spielte]</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-105b"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.</ref>). </p>
                <p>So ist es auch die Zeit, der Lebert in seinem Roman eine eigene Stimme schenkt,
                    die bedeutungsgenerierende Wirkung entfaltet und es den Dingen überhaupt erst
                    erlaubt, wesentliche, sinnhafte Bezüge unter einander auszubilden. Gerade unter
                    dem Blickpunkt des Verzichts auf eine Aneinanderreihung loser Zufälligkeiten,
                    ist es ein zyklisches Zeitverständnis, welches in Leberts Roman zunehmend in den
                    Vordergrund tritt und die Integrität einer streng linearen Zeitkonzeption
                    konterkariert. Leberts Text ist durchsetzt von rhythmisch wiederkehrenden
                    Ereignissen und Motiven, traditionellen christlichen Feiertagen, tickenden
                    Uhren, Schleifen und Schlingen, einem Kreislauf der Schuld, des Verbrechens und
                    Todes, der weder Anfang noch Ende zu kennen scheint. Wie Klugsberger (<ref
                        type="bibl" target="#Lebert1991">2000: 78</ref>) anmerkt, ist es gerade
                    diese Tendenz zur Wiederholung von Motiven, die den Text für ein zirkuläres
                    Zeitverständnis aus dem Bereich der germanischen Mythologie anschlussfähig
                    macht, welches der linearen Rekonstruktion des Verbrechenshergangs zuwiderläuft.
                    Tod, Gewalt und nicht zuletzt das für Lebert so zentrale Böse selbst echoen quer
                    durch Raum und Zeit, bemächtigen sich der Natur, die als Symbol der
                    Kollektivschuld eines ganzen Dorfes fungiert und so überzeitliche Bedeutung
                    gewinnt. Das Böse verortet Lebert im Vertrauten, dem Heimeligen und Gewohnten
                    oder dem Verdrängten. Was er abbildet, ist nichts Geringeres als die Banalität
                    des alltäglichen, des ritualisierten, internalisierten Bösen, allgegenwärtig und
                    sukzessive anschwellend wie das Schweigen, die Schuld, die an einer ganzen
                    Generation hängt und sich dennoch weder ganz fassen noch begreifen lässt. Es ist
                    schließlich die Stille, die in der <title>Wolfshaut</title> zu sprechen anhebt.
                    Zu flüstern beginnt durch <quote source="#ref_Lebert1991-130">Risse im
                        Vorhang</quote> des Regens (<ref xml:id="ref_Lebert1991-130" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">vgl. Lebert 1991: 130</ref>), Risse im Gefüge der Zeit,
                    stetig lauter und beharrlicher, bis sie sich nicht mehr überhören lässt und auch
                    der Gegenwart ihre Prägung aufdrückt.</p>
                <p>Das Böse bahnt sich in der <title>Wolfshaut </title>in einem frenetischen Fluss
                    aus Stimmen, Klängen und Bewegungen verbissen seinen Weg ins Gegenwärtige und
                    entfaltet so eine überzeitliche Wirkkraft. Dasselbe gilt für den Schmerz, die
                    Toten und ihren Hunger, der sie aus dem Grab hinaus in die Welt der Lebenden
                    treibt. Aber eben auch für eine überirdische Instanz, die nach Gerechtigkeit
                    verlangt und sich bisweilen der Figur des Matrosen als Sprachrohr bemächtigt.
                    Auch ein Abglanz des Göttlichen glimmt demnach durch die Risse im Vorhang,
                    spiegelt sich an der Innenseite der Wolfshaut, die <quote
                        source="#ref_Lebert1991-594">alle Gegensätze eint und alle Möglichkeiten
                        offenläßt.</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-594" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 594</ref>) Fasst man die Auflösung binärer
                    Oppositionen als konstitutives Element mythischen Denkens, wie etwa Lévi-Strauss
                        (<ref xml:id="ref_Lévi-Strauss1967-247" type="bibl"
                        target="#Lévi-Strauss1967">1967: 247</ref>), der veranschlagt, <quote
                        source="#ref_Lévi-Strauss1967-247">daß das mythische Denken ausgeht von der
                        Bewußtmachung bestimmter Gegensätze und hinführt zu ihrer allmählichen
                        Ausgleichung</quote>, sodass als Basisoperation mythischen Weltbezugs die
                        <quote source="#ref_Schulz2007-424">Entdifferenzierung</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Schulz2007-424" type="bibl" target="#Schulz2007">Schulz 2014:
                        424</ref>) binärer Oppositionen ausgemacht werden kann, so kann die
                    Wolfshaut (resp. das Hundefell) selbst als Sinnbild dieser Operation gedeutet
                    werden. Die Wolfshaut tritt als Abglanz des Ewigen, des Göttlichen auf,
                    gezeichnet vom beständigen Wechselspiel zwischen Gut und Böse, Tod und Leben,
                    geeint in einem zyklischen Kreislauf, in dem sich auch Ungleiches und
                    Spannungsbehaftetes unendlich oft wiederholen, sich kreuzen und vermengen – die
                    Wolfshaut als Index der Unterminierung bestehender Dichotomien. Überzeitlichkeit
                    schenkt der Autor somit nicht nur dem Bösen, auch dem Göttlichen, der Hoffnung,
                    dem <quote source="#ref_Lebert1991-596">blauen Lied</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-596" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        596</ref>), das am Ende des Romans für den Matrosen neu erklingt
                    (ausgerechnet an einem Valentinstag). </p>
                <p>Leberts Roman verwehrt sich womöglich gerade deshalb einer eindeutigen
                    Kategorisierung, lässt sich nicht klar verorten, um als mahnende Instanz einer
                    Gefahr zu dienen, die eine beständige, überzeitliche Bedrohung für Freiheit und
                    Frieden in der Welt darstellt. Weder Gegenwart noch Zukunft erweisen sich als
                    vor dem von Lebert beschworenen Bösen gefeit, denn <quote
                        source="#ref_Lebert1991-550">alles fußt auf der Vergangenheit, und die gibt
                        nach</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-550" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 550</ref>). </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_05">
                <head>IV. Erzählen und kollektives Gedächtnis</head>
                <p>Die (Re-)Konstitution einer spezifisch <q rend="single-qm">österreichischen</q>
                    Identität war in den Jahren nach 1945 eine der Bedingungen für die Legitimation
                    einer zweiten unabhängigen demokratischen Republik. Bilder eines friedvollen und
                    zugleich toleranten Landes steckten in den Köpfen der Menschen, die sich als
                    Opfer des Naziregimes betrachteten. Das Bedürfnis nach Verdrängung und
                    Vergessen, nach Amnesie und Amnestie sorgte für ein allgemeines Schweigen über
                    die begangenen Verbrechen. Autor:innen wie Lebert, die das Problem einer
                    ausbleibenden Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit sahen, bezogen dieses
                    in ihre Werke ein und sorgten für eine kritische Reflexion. </p>
                <p>Der Autor verweist durch eine narrative Instanz, die sich zu Beginn des Romans
                    als auktorialer Erzähler inszeniert, deren homodiegetischer Status im Laufe der
                    Geschichte jedoch immer deutlicher wird, auf die Problematik der
                    Geschichtsverdrängung, die sich an dem fiktiven österreichischen Dorf Schweigen
                    exemplarisch abzeichnet. Die Dorfbewohner:innen sind nichts weniger als
                    unschuldig, sondern – zumindest in den Augen des marginalisierten Maletta –
                        <quote source="#ref_Lebert1991-138b">[l]auter Verbrecher! – Diebe, Mörder,
                        als harmloses Almvieh getarnt!</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-138b"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 138</ref>). Denn die Verantwortung
                    für die Verbrechen, die in Schweigen zutage treten, tragen nicht nur die
                    Mitglieder der <q rend="double-qm">Ortswacht</q>, die während des Krieges sechs
                    Zwangsarbeitern erschossen haben, sondern auch die übrigen Dorfbewohner:innen
                    durch ihre Mitwissenschaft. </p>
                <p>Diese kollektive Schuld und das Wissen um die Morde verstecken die
                    Dorfbewohner:innen hinter ihren <quote source="#ref_Lebert1991-36">Masken, durch
                        deren Augenschlitze etwas anderes hervorsah, etwas, das gar nichts zu tun
                        hatte mit dem Staatsbürgerblick jener Leute</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-36" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 36</ref>).
                    Eine Szene, die sich während einer <quote source="#ref_Lebert1991-9"
                        >Tanzunterhaltung</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-9" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 9</ref>) in der <q rend="double-qm">Traube</q>
                    zuträgt, zeigt, wie die Verbrechen zur Zeit des Krieges als kollektive
                    Erinnerung – vor allem in den Köpfen der Männer – fortbestehen: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lebert1991-37">Die Burschen stimmten derweil ein
                        Soldatenlied an […]. Sie alle taten so, als ob sie die besten Freunde wären
                        und sich nichts Schöneres vorstellen könnten als dies brüderliche
                        Beisammensein. Nichtsdestoweniger lauerte etwas in ihnen. Unter dem dick
                        aufgetragenen Frohsinn, unter dem Lachen, das ihre Gesichter verzerrte,
                        schwelgte etwas wie ein unterirdisches Feuer, etwas, das jeden Augenblick
                        aufbrechen konnte. Besonders die Älteren […], die den Krieg noch mitgemacht
                        und Menschen getötet (oder gequält) hatten, schauten auf einmal wie unter
                        Stahlhelmen, zeigten gespannte, verkrampfte Gesichter, als kauerten sie noch
                        immer im Graben, bereit, einen Angriff abzuwehren oder selbst anzugreifen
                            (<ref xml:id="ref_Lebert1991-37" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                            37</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Hinter lachenden und betrunkenen Visagen verstecken sich Menschen, die im Krieg
                    getötet haben und dies weiterhin tun. Die Verstrickung einzelner Dorfbewohner in
                    das Kriegsverbrechen führt zur Ermordung Schreckenschlagers und zur
                    Schuldzuweisung des Matrosen, der als Detektiv wider Willen versucht, das
                    Verbrechen aufzuklären, das seinen Vater in den Selbstmord getrieben hat. </p>
                <p>Durch die prozesshafte Aufdeckung des Kriegsverbrechens und der Morde an den
                    Mitgliedern der <q rend="double-qm">Ortswacht</q> schwingt die Erzählweise in
                    eine multiperspektivische Narration um, die sich hauptsächlich an den Personen
                    rund um die im Krieg begangene Tat abzeichnet. Figuren, die die kollektive
                    Schuld und die Erinnerung als Geheimnis in sich tragen und solche, die das
                    Mysterium lüften wollen, wie etwa der Matrose oder Maletta, werden von der
                    Erzählinstanz eingehend beleuchtet. Die Erzählinstanz versucht dadurch das
                    Wissen rund um die kollektive Erinnerung an den Matrosen zu binden, mit der
                    Absicht, dass er diese im Laufe der Handlung entlarven wird. Vor den Augen von
                    Maletta und dem Matrosen zeichnet sich ein Schauplatz voller Lügen, Vertuschung,
                    Verschwiegenheit und Verschwörung ab – man lebt, wie der Matrose es nennt,
                        <quote source="#ref_Lebert1991-515">im Lande der Anstreichermeister</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-515" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        515</ref>). </p>
                <p>Um die Morde an den Zwangsarbeitern sowie die Tötung Schreckenschlagers zu
                    vertuschen und damit die kollektive Schuld zu verbergen, weisen die
                    Bewohner:innen Schweigens sogar dem Matrosen die Schuld an Schreckenschlagers
                    Tod zu – mit dem Argument, dass er <quote source="#ref_Lebert1991-257">ja
                        eigentlich gar nicht daher gehört und auch gar nicht zu uns paßt</quote>
                        (<ref xml:id="ref_Lebert1991-257" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                        257</ref>). Unverkennbar ist die Persistenz nationalsozialistischer
                    Ideologeme in der Dorfgemeinschaft und ihren Institutionen – auf dem
                    Postenkommando der Polizei, in der Schule sowie im Gemeinderat: So kann die
                    Lehrerin Jakobi, die <quote source="#ref_Lebert1991-275">Lieder von Edelweiß,
                        Heidenrosen und anderen Blüten</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-275"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 275</ref>) singt, nach wie vor als
                    Nationalsozialistin ausgemacht werden. Darüber hinaus findet sich mit dem Jäger
                    Habergeier ein Beispiel für die <quote source="#ref_Schmidt-Dengler2010-113"
                        >österreichische Praxis der Übernahme Belasteter in die politische
                        Verantwortung</quote> (<ref xml:id="ref_Schmidt-Dengler2010-113" type="bibl"
                        target="#Schmidt-Dengler2010">Schmidt-Dengler 2010: 113</ref>): Als Leiter
                    der <q rend="double-qm">Ortswacht</q> federführend am zentralen Verbrechen
                    beteiligt, spricht er als neu gewählter Landtagsabgeordneter von Demokratie und
                    Freiheit und genießt sogar politische Immunität. Wenn er gleichzeitig jedoch
                    seine Stammtischkameraden töten lässt, zeigt sich, dass er nach wie vor einem
                    Motto folgt, das er bereits im ersten Kapitel des Romans formuliert: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-31a">Wir bleiben wir! […] Wir bleiben die alten!
                        Aber […] man muß den Anschluß finden, man muß mit der Zeit gehen. […] Die
                        Zeit geht weiter! Man muß vergessen können.</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-31a" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        31</ref>) Er unterläuft damit die Absicht des Matrosen wie auch des
                    Erzählers, das Schweigen zu brechen. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_06">
                <head>V. Die Dorfgemeinschaft als <q rend="single-qm">Volkskörper</q></head>
                <p>Nicht nur in Bezug auf die Dialektik von Erinnerung und Verdrängung eröffnet die
                    Erzählinstanz eine kollektive Deutungsebene. Die Stimme der Erzählung lenkt den
                    Blick darüber hinaus auf die Struktur der Gemeinschaft und auf ihre Entstehung.
                    Dabei handelt der Text vordergründig von den Ereignissen des Winters 1952/53,
                    die gesamte Erzählung spielt vor dem Hintergrund des Krieges, wobei die Handlung
                    der erzählten Zeit, genauer die Morde nur die letzte Windung einer Gewaltspirale
                    darstellen, die im Krieg beginnt. Somit bietet sich die Bezugnahme auf eine
                    Metapher aus einer Rede Thomas Manns an, die dieser im Juli 1942, adressiert an
                    die <hi rend="italic">deutschen Hörer</hi>, hielt und bei der es sich um eine
                    Analyse und umfassende Kritik des totalitären Gesellschaftsumbaus der
                    NS-Diktatur handelt: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Mann1986-75a">Ein Volkskörper, der in das Eisen des Terrors
                        geschirrt und geschient ist wie der euere, bricht nicht zusammen, sondern
                        steht schwerlich aufrecht, auch wenn unterm Eisen schon alles verfault ist.
                        Muß ich euch sagen, wie faul es schon aussieht bei euch unter dem Panzer,
                        der euch auf den Beinen hält? Ihr wißt es besser als wir, und ich glaube
                        niemandem kann so vor euch geraten, wie es nachgerade euch graut vor euch
                        selbst. Aber das geschiente Gespenst, das ihr bald sein werdet, muß doch
                        einmal stürzen, und das wird der Augenblick eurer Wiedergeburt als
                        Menschenvolk sein. (<ref xml:id="ref_Mann1986-75a" type="bibl"
                            target="#Mann1986">Mann 1986: 75</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Es liegen mehrere Parallelen vor. Zunächst findet sich auch in der
                        <title>Wolfshaut</title> ein Kollektiv, welches durch das totalitäre
                    nationalsozialistische Regime verändert, wenn nicht gar geschaffen wurde: in
                    Form der Dorfgemeinschaft und in Form der Erzählinstanz. Des Weiteren zeigt
                    sowohl der <q rend="double-qm">Volkskörper</q> bei Thomas Mann als auch die
                    Dorfgemeinschaft in der <title>Wolfshaut</title> Symptome der Auflösung: Diese
                    sind jedoch nicht sofort sichtbar, sondern zeigen sich erst nach und nach – etwa
                    indem einzelne Mittäter ihr Schweigen brechen. In beiden Fällen ist das
                    Kollektiv durch Terror geschaffen, wobei es sich in der <title>Wolfshaut</title>
                    um den Terror vor der Entdeckung der eigenen Taten handelt. Das Grauen vor sich
                    selbst erreicht in Leberts Roman seine ultimative Steigerung, wenn die Gewalt,
                    unter welcher das Kollektiv geformt wurde, sich gegen einzelne seiner Mitglieder
                    richtet.</p>
                <p>Der zweite Teil der Metapher eröffnet eine weitere Interpretationslinie des
                    Romans. Das <quote source="#ref_Mann1986-75b">geschiente Gespenst</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Mann1986-75b" type="bibl" target="#Mann1986">ebd.</ref>) Manns
                    findet sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen in der
                        <title>Wolfshaut</title> wieder. Auch bei Lebert hat die Vergangenheit etwas
                    Gespenstisches, Bedrohliches für das Dorf, erscheint dem Matrosen gar wie eine
                        <quote source="#ref_Lebert1991-367a">Lawine, die schon seit Jahren über dem
                        Dorf hängt</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-367a" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.: 367</ref>) und den Gendarmen Habicht, der <quote
                        source="#ref_Lebert1991-367b">die wirklichen Täter gedeckt ha[t]</quote>,
                        <quote source="#ref_Lebert1991-367b">[w]enn [sie] einmal niedergeht, […]
                        erledigt</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-367b" type="bibl"
                        target="#Lebert1991">ebd.</ref>). Das Dorf wird aus zwei Richtungen bedroht:
                    Zum einen durch die (metaphorische) Lawine, die sich als Gefahr von oben auf die
                    von Lebert selbst beschriebene Bedrohung der Dorfgemeinschaft <quote
                        source="#ref_Dobrick1997-23">aus der Transzendenz her</quote>
                    <ref xml:id="ref_Dobrick1997-23" type="bibl" target="#Dobrick1997">(Dobrick
                        1997: 23</ref>) beziehen lässt. Zum andern wird die soziopolitische Ordnung
                    Schweigens durch die verscharrten Leichen der Zwangsarbeiter von unten
                    destabilisiert. Aber auch den Figuren haftet der gespenstische Hauch der
                    Vergangenheit an. So ist der Gendarm zwar ein Organ der Zweiten Republik, deren
                    Uniform er auch trägt, allerdings sind die Methoden, welche von den <quote
                        source="#ref_Lebert1991-351">Funktonären und Gendarmen</quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-351" type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.:
                    351</ref>) – etwa bei der Herbeiführung eines Geständnisses durch Folter (<ref
                        type="bibl" target="#Lebert1991">vgl. ebd.: 351</ref>) – eingesetzt werden,
                    nicht mit einem Rechtsstaat in Einklang zu bringen. Noch stärker spricht dafür
                    die Beschreibung des Polizisten als <quote source="#ref_Lebert1991-309b"
                        >fünfzigjähriger Gendarm, der zweimal seine Uniform gewechselt und stets den
                        Mantel nach dem Wind gedreht hat</quote> (<ref xml:id="ref_Lebert1991-309b"
                        type="bibl" target="#Lebert1991">ebd.: 309</ref>). Es geht also noch immer
                    das Gespenst des NS-Regimes im Verhalten und auch in den Ansichten der
                    Dorfbewohner:innen um. Dies zeigt sich bereits im ersten Kapitel des Romans bei
                    einem Gespräch zwischen Habergeier, Rotschädel und Franz Binder, wobei die
                    persönliche Verantwortung für die Taten mit einer in ihrer Struktur geradezu
                    klassisch anmutenden Argumentation abgestritten wird: <quote
                        source="#ref_Lebert1991-31b"><q rend="single-qm">Ich sag mir halt immer:
                            Befehl ist Befehl! Und wenn er ergeht, dann ...</q></quote> (<ref
                        xml:id="ref_Lebert1991-31b" type="bibl" target="#Lebert1991">Lebert 1991:
                        31</ref>). Immer wieder bestimmt das Gespenst des Verbrechens die Handlung,
                    wobei die Morde unter den ehemaligen Mitgliedern der <q rend="double-qm"
                        >Ortswacht</q> wie die späte Rache aus dem Grab erscheinen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr03_04-02_07">
                <head>VI. Fazit</head>
                <p>In der <title>Wolfshaut</title> lassen sich drei Kategorien narratorialen Wissens
                    unterscheiden: Der namenlose homodiegetische Erzähler trifft erstens Aussagen
                    über Ereignisse, denen er als Beobachter selbst beigewohnt hat. In diesen Fällen
                    liegen keine Indikatoren vor, die es nahelegen würden, die Zuverlässigkeit
                    seiner Schilderungen zu bezweifeln. Der zweite Typ narratorialen Wissens
                    betrifft Ereignisse, die der narrativen Instanz durch Berichte anderer Figuren
                    bekannt werden. Hier lässt sich eine Binnendifferenzierung je nach Mittelbarkeit
                    der betreffenden Schilderungen vornehmen: Zum einen werden – im dramatischen
                    Modus der zitierten Figurenrede – Berichte intradiegetischer Erzähler in den
                    Text eingeschaltet. Wie anhand der Erzählung des Dorffrisörs Ferdinand Zitter
                    deutlich wurde, sind manche dieser intradiegetischen Schilderungen als mimetisch
                    teilweise unzuverlässig einzustufen. Zum anderen werden die Berichte Dritter von
                    der Erzählinstanz in narrativem Modus präsentiert und mitunter modifiziert. Da
                    die Gründe für diese Eingriffe nicht näher erläutert werden und die logische
                    Privilegiertheit des Erzählers gegenüber den übrigen Figuren wegen seines
                    homodiegetischen Status eingeschränkt ist, ist auch in diesen Fällen von einem
                    gewissen Grad an Unzuverlässigkeit auszugehen. Die dritte Kategorie
                    narratorialen Wissens ist zugleich die prekärste: Ihr lassen sich Schilderungen
                    der narrativen Instanz zuordnen, in denen diese auf Basis mehr oder weniger
                    gesicherten Wissens der zweiten Kategorie auf Ereignisse schließt, die sich
                    möglicherweise zugetragen haben könnten. Wenn hier zudem auf Gedanken anderer
                    Figuren zugegriffen wird, so erfüllen die Schilderungen des Erzählers ein
                    wesentliches Fiktionalitätskriterium: die Wiedergabe von Bewusstseinsinhalten in
                    der dritten Person. Fiktional ist die <title>Wolfshaut</title> an solchen
                    Stellen folglich nicht nur hinsichtlich ihres Status als real-inauthentisches
                    Kommunikat Hans Leberts. Fiktionalisiert wird sie in diesen Fällen auch in ihrer
                    Dimension als imaginär-authentische Äußerung eines fiktiven homodiegetischen
                    Erzählers. </p>
                <p>Die (doppelte) Fiktionalität sowie die Literarizität der <title>Wolfshaut</title>
                    wird zudem reflektiert bzw. ausgestellt, wodurch der auktoriale Gestus des
                    Erzählers ebenfalls relativiert und seine Unzuverlässigkeit unterstrichen wird.
                    Die Erzählsprache ist durch auffällige phonetische, prosodische und semantische
                    Wiederholungsstrukturen sowie durch eine hohe Dichte an Tropen geprägt. Leberts
                    Roman weist damit Verfahren des <hi rend="italic">foregrounding</hi> auf
                    mehreren Ebenen der Textstruktur auf und kann folglich als selbstreferentiell
                    bezeichnet werden. Darüber hinaus ist er im umfassenden Sinne selbstreflexiv:
                    Wiederholt thematisiert und problematisiert die <title>Wolfshaut</title> im
                    Erzählverlauf ihre eigene Klangqualität, ihre Metaphorizität, ihre Medialität
                    als schriftlich fixierter Text und Buch, ihre Gattungszugehörigkeit sowie das
                    beschriebene Changieren zwischen Faktualität und Fiktionalität in ihrer
                    Dimension als imaginär-authentische Erzählerrede. </p>
                <p>Eingeschränkt wird der auktoriale Gestus der narrativen Instanz ferner durch die
                    Darstellung des Naturraums, der das Dorf Schweigen umgibt. In ihrer Index- bzw.
                    Symbolfunktion trägt die Natur wesentlich zur Aufklärung des von den Mitgliedern
                    der <q rend="double-qm">Ortswacht</q> begangenen Verbrechens bei und
                    unterminiert damit den Zusammenhalt des im Schweigen verschworenen Kollektivs
                    der Dorfgemeinschaft, dem auch der Erzähler angehört. Als Quelle indexikalischer
                    und symbolischer Zeichen besitzt sie zudem eine rezeptionsästhetische Funktion:
                    Wenn den Leser:innen der <title>Wolfshaut</title> in den symbolisch aufgeladenen
                    Naturbeschreibungen Hinweise auf zentrale Sachverhalte gegeben werden, die über
                    das vonseiten des Erzählers explizit Gesagte hinausgehen, so wird auch damit auf
                    seine tendenzielle Unzuverlässigkeit verwiesen. Auf den Umstand, dass auch er
                    als Mitglied der Dorfgemeinschaft manche ihrer Taten vorerst verschweigt.</p>
                <p>Dieser Zwiespalt zwischen Aufschub und Aufklärung bildet sich auch in der
                    Zeitstruktur des Romans ab. Die Chronologie der Ereignisse wird nicht nur von
                    häufigen Anachronien auf der <hi rend="italic">discours</hi>-Ebene
                    konterkariert. Der Text verhandelt auf der Ebene der <hi rend="italic"
                        >histoire</hi> darüber hinaus ein dieser Chronologie gegenläufiges,
                    zirkuläres Zeitkonzept, indem er die Variation äquivalenter Situationen und
                    Konstellationen betreibt. Die Ubiquität von Äquivalenzphänomenen bleibt also
                    nicht auf die oben beschriebene phonetische, prosodische und motivische
                    Dimension der <title>Wolfshaut</title> beschränkt. Sie erweist sich auch als
                    zentral für ihre Handlungsstruktur. </p>
                <p>Schließlich lassen sich die Beobachtungen zu Metaisierungsphänomenen in der
                        <title>Wolfshaut</title> mit der in den Abschnitten IV und V vorgenommenen
                    Analyse der Dorfgemeinschaft verknüpfen, als deren Stimme sich der Erzähler
                    durch seine Narration in der ersten Person Plural über weite Strecken des Romans
                    inszeniert. Wie deutlich wurde, organisiert das paradigmatische Prinzip der
                    Äquivalenz stellenweise sämtliche Ebenen der Textstruktur, bedingt dadurch eine
                    besonders starke Verklammerung derselben und sichert so die formale Kohäsion des
                    Romanganzen. Gleichzeitig bedingt diese Überstrukturiertheit allerdings <hi
                        rend="italic">foregrounding</hi> – der Text verweist durch seine Devianz von
                    alltagssprachlichen Mustern auf die eigene sprachliche Gestaltung und stellt
                    damit seine Künstlichkeit zur Schau. Dadurch gerät zugleich seine Kontingenz in
                    den Blick: der Umstand, dass er keinesfalls notwendig so ist, wie er ist. Mit
                    anderen Worten: Durch seine Selbstreferentialität und die oben diskutierten
                    selbstreflexiven Elemente setzt der Text einen Reflexionsprozess darüber in
                    Gang, dass Gestaltungsalternativen denkbar sind, die in seinem
                    Entstehungsprozess gleichwertige Selektionsmöglichkeiten dargestellt hätten.
                    Insofern die <title>Wolfshaut</title> implizit auf ihre eigene Kontingenz
                    reflektiert und ihr konkretes Sosein damit zugleich nach seiner Legitimität
                    befragt, ist ihr eine selbstdekonstruktive Tendenz eingeschrieben – ganz im
                    Sinne von de Mans (<ref xml:id="ref_DeMan1988-48" type="bibl"
                        target="#DeMan1988">1988: 48</ref>) Diktum, dass <quote
                        source="#ref_DeMan1988-48">Dekonstruktion […] nichts [ist], was wir dem Text
                        hinzugefügt hätten, sondern sie […] es [ist], die den Text allererst
                        konstituiert hat.</quote> Diese Tendenz vollzieht ein zentrales Motiv der
                        <title>Wolfshaut</title> auf formaler Ebene nach: Die Destruktion des
                    Dorfkollektivs durch dieses selbst; die Ermordung seiner Mitglieder durch seine
                        Mitglieder.<note xml:id="endnote_07"><p rend="footnote text"> Einleitung,
                            Fazit und Kapitel I wurden von Julian Schmidt verfasst, die übrigen
                            Kapitel haben folgende Autor:innenschaft: II: Denise Schiffler; III:
                            Ulrike Steurer; IV: Johanna Schiretz; V: Clemens Rom.</p></note></p>
            </div>
        </body>
        <back>
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                    <bibl xml:id="Lach2021">Lach, Roland (2021): Eiche, in: Günther Butzer/Joachim
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                    <bibl xml:id="Lebert1991">Lebert, Hans (1991): Die Wolfshaut. Roman [1960]. Mit
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                    <bibl xml:id="Schulz2007">Schulz, Armin (2007): Der neue Held und die toten
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                        Formen und Begriffe in Literatur und anderen Medien, in: Janine
                        Hauthal/Julijana Nadj/Ansgar Nünning/Henning Peters (Hg.): Metaisierung in
                        Literatur und anderen Medien. Theoretische Grundlagen – Historische
                        Perspektiven. Metagattungen – Funktionen. Berlin/New York: de Gruyter (=
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