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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de"><q rend="double-qm">Ganz Wien ist so herrlich hin,
                        hin, hin</q></title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zu Falcos Anfängen im Geist der späten 1970er
                    Jahre</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Peter</forename>
                        <surname>Ernst</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-02-01</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Falco</term>
                    <term xml:lang="de">Drahdiwaberl</term>
                    <term xml:lang="de">Popkultur</term>
                    <term xml:lang="de">Kunstfigur</term>
                    <term xml:lang="de">Schule für Dichtung</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Falco</term>
                    <term xml:lang="en">Drahdiwaberl</term>
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                    <term xml:lang="en">alter ego</term>
                    <term xml:lang="en">Vienna Poetry School</term>
                </keywords>
            </textClass>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Peter Ernst eröffnet den Schwerpunkt zum Thema ‚Wiener Pulp‘ mit einem Abstecken
                    der Ausgangsbedingungen für die internationale Karriere von Johann Hölzel. Wie
                    viel hat er Einflüssen der Zeit und der Musikszene in Wien zu verdanken, was
                    stammt genuin von ihm? Hatte er Vorbilder und, wenn ja, welche Einflüsse hatten
                    sie auf ihn? Was lässt sich dazu aus seinem Frühwerk ableiten? Es wird also auf
                    die Suche nach der Frage gegangen, wieviel Geist der späten 1970er Jahre in der
                    Kunstfigur ‚Falco‘ steckt.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Peter Ernst opens the focus on ‘Viennese Pulp’ by tracing the background of
                    Johann Hölzel’s international career. How much does he owe to the influences of
                    his time and of the Viennese music scene, what is genuinely his own? Did he have
                    models, and if so, what was their influence on him? What can we deduce from his
                    early work? The question discussed here is how much of the spirit of the late
                    1970s is in the persona ‘Falco’.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr04_02-01_01">
                <cit>
                    <quote source="#ref_Wilfried1984-x"><lg>
                            <l>Mein Haustier ist ein Falke,</l>
                            <l>der hölzelt so vor sich hin.</l>
                            <l>Er hört auf den Namen Hansi,</l>
                            <l>heiße Luft ist sein Lebenssinn.</l>
                        </lg>
                        <ref type="bibl" target="#Wilfried1984" xml:id="ref_Wilfried1984-x">Wilfried
                            1984</ref></quote>
                </cit>
                <p>Johann Hölzel alias Falco nimmt unter den zeitgenössischen österreichischen
                    Musikern der Populärsparte bekanntlich eine singuläre Stellung ein. Sein Werk
                    lässt sicht nicht so recht im Fach ‚Austropop‘ unterbringen, noch weniger als
                    ‚Schlager‘ bezeichnen. Im Grunde schuf er etwas Neues, das man vielleicht die
                    österreichische Variante der ‚Neuen Deutschen Welle‘ mit deutlichen Einflüssen
                    aus der Rap- und Hip-Hop-Szene nennen könnte. Tatsächlich steht diese
                    Musikrichtung am Beginn einer Entwicklung, aus der schließlich die Kunstfigur
                    Falco geboren wurde. Falco ist keine Person, sondern eine Kunstfigur. Diese oft
                    geäußerte Interpretation (so u.a. <ref type="bibl" target="#Mazierska2014"
                        >Mazierska 2014: 25</ref>; <ref type="bibl" target="#Hoppe2016">Hoppe 2016:
                        87</ref>; <ref type="bibl" target="#Bork2020">Bork 2020: 7</ref>) setzt
                    voraus, dass ‚Falco‘ mehr oder minder bewusst geschaffen wurde. Wie viel hat er
                    dem 'Zeitgeist' und der Musikszene in Wien zu verdanken, was stammt genuin von
                    ihm? Hatte er Vorbilder und, wenn ja, welche Einflüsse nahmen sie auf ihn? Was
                    lässt sich dazu aus seinem Frühwerk ableiten?</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_02">
                <head>1. „Ich mach bubu, was machst du?“ − die Neue Deutsche Welle und der deutschsprachige Rap</head>
                <p>Die ‚Explosion‘ der britischen Punkmusik mit Bands wie The Sex Pistols, The Clash
                    und Siouxsie Sioux (und auf amerikanischer Seite Velvet Underground, The
                    Stooges, The New York Dolls u.a.m.) in den späten 1970er Jahren fand auch
                    Nachfolger in der Bundesrepublik Deutschland. Durch die unterschiedlichen
                    kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erhielt sie jedoch ein
                    entscheidend anderes Gesicht. <ref type="bibl" target="#Hornberger2014"
                        >Hornberger (2014: 85)</ref> spricht von <term>Transfer</term> statt von
                        <term>Import</term>. Die ‚wahre‘ Punkphase mit ihrer Rebellion gegen
                    Autoritäten und die Mittel- und Oberschicht hielt nämlich nur kurze Zeit an;
                    Zentrum dieser Bewegung war das Künstlerlokal Ratinger Hof in Düsseldorf. Stark
                    verbunden mit der Kunstszene entstand hier eine linke Untergrundkultur, die sich
                    mitten im deutschen ‚Wirtschaftswunder‘ gegen die faschistischen ‚Altlasten‘ der
                    deutschen Gesellschaft und andere Auswüchse richtete. Schockelemente wie das
                    Verbrennen der Nationalflagge konnten nicht dieselben Bürgerschrecken verbreiten
                    wie in Großbritannien. Umstritten ist das Verhältnis von ‚Punk‘ zu ‚New Wave‘;
                    manchmal werden sie gleichgesetzt, öfter meint ‚Neue Welle‘ aber etwas
                    Umfassenderes, eine neue Art Musik eben, die über das rein Revolutionäre
                    hinausgeht, etwa bei den Formationen The Talking Heads, The Cars u.a. ‚New
                    Wave‘, zu deutsch ‚Neue Welle‘, erfuhr in Deutschland die Ausprägung als ‚Neue
                    Deutsche Welle‘ (NDW), wobei mitgemeint war, dass sie auf Deutsch sangen.
                    Während frühere Formationen künstlerisch internationale Maßstäbe setzte wie
                    Kraftwerk (ebenfalls in Düsseldorf ansässig), die 1997 von der New York Times
                    als <quote source="#ref_Strauss1997-x">Beatles der elektronischen
                        Tanzmusik</quote> (<ref type="bibl" xml:id="ref_Strauss1997-x"
                        target="#Strauss1997">Strauss 1997</ref>) bezeichnet wurden, traten Bands
                    wie Fehlfarben, Extrabreit oder Ideal mit anspruchsvollen literarischen
                    Songtexten hervor. Einigen Interpreten gelangen phänomenale Erfolge im
                    englischsprachigen Raum wie Nena, Peter Schilling und eben Falco (detailliert
                    zur Geschichte der NDW vgl. <ref type="bibl" target="#Hornberger2011">Hornberger
                        2011</ref>).</p>
                <p>War der Punk in Deutschland daher schon von Anfang an anders gelagert, kam hier
                    noch die sehr frühe Ausbeutung und Korrumpierung durch die etablierte
                    Schallplattenindustrie hinzu, die die Revoluzzerpose (von Bands wie
                    Mittagspause, Abwärts, The Wirtschaftswunder) sehr bald in absatzstarken
                    Mainstream verwandelte (vgl. <ref type="bibl" target="#Hornberger2014"
                        >Hornberger 2014: 89</ref>; <ref type="bibl" target="#Schuette2017">Schütte
                        2017: 17</ref>). Mit Trio, Geier Sturzflug, Deutsch-österreichische
                    Freundschaft (DÖF) und Minisex kam noch ein Schuss Dada hinzu, der ja gerade im
                    deutschsprachigen Raum seinen Ursprung hatte. Bands der NDW fielen nun vielmehr
                    durch ihre betonte Unterkühltheit und die oft kinderreimenden Texte: <quote
                        source="#ref_korrekturen2022-x">Bubu machen</quote> steht babysprachlich für
                        <quote source="#ref_korrekturen2022">schlafen, dösen, einnicken</quote>
                        (<ref type="bibl" xml:id="ref_korrekturen2022-x" target="#korrekturen2022"
                        >korrekturen.de 2022</ref>) im Song ‚<ref
                        target="https://www.youtube.com/watch?v=28PBfJn5xeg">Turaluralu – ich mach
                        BuBu was machst du?</ref>‘ von Trio (1983a). Reste dieser beiden
                    Texteigenschaften sind in Falcos Frühwerk reichlich zu finden.</p>
                <p>Trio: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=oSqdiyg4iAU">Herz ist
                            Trumpf</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Trio1983b">
                        <lg>
                            <l>Dann rufst du an</l>
                            <l>Und ich fange an zu träumen</l>
                            <l>Sowas darf man nicht versäumen</l>
                            <l>Herz ist Trumpf</l>
                            <l>Dann rufst du an</l>
                            <l>Und ich fange an zu schweben</l>
                            <l>Ist das schön das zu erleben</l>
                            <l>Herz ist Trumpf</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Trio1983b" xml:id="ref_Trio1983b">Trio
                                1983b</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=cVikZ8Oe_XA">Rock Me
                            Amadeus</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-59">
                        <lg>
                            <l>Er war ein Punker und er lebte in der großen Stadt</l>
                            <l>Es war in Wien, war Vienna, wo er alles tat</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-59">Falco
                                2009: 59</ref>)</p></quote>
                </cit>


                <p>Die Textzeilen <quote source="#ref_Trio1983b">Und ich fange an zu träumen / Sowas
                        darf man nicht versäumen</quote>, <quote source="#ref_Trio1983b">Und ich
                        fange an zu schweben / ist das schön das zu erleben</quote> ähneln in ihrem
                    Bedürfnis, ohne allzu viel Aufwand einen Vers mit Reim zu finden, frappant
                    Falcos <quote source="ref_Falco2009-59">wo er alles tat</quote>. Weitere
                    Merkmale der NDW sind simple Harmonien, eingängige Melodien sowie eine
                    reduzierte Bandbesetzung; all das kann auch in Falcos Frühwerk ausgemacht
                    werden.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_03">
                <head>2. „Stefan Weber heißt das Schwein“ − Wien am Ende der 1970er Jahre</head>
                <p>Um die Ausgangssituation Johann Hölzels zu verstehen, muss man sich der
                    allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Situation in Wien in den 1970er
                    Jahren bewusst werden. Der damals kursierende Witz „Ab 20:00 sind in Wien nur
                    mehr die Briefkästen geöffnet“ darf und muss durchaus wörtlich genommen werden.
                    Wien war noch immer eine graue Stadt, die durch die Lage am Eisernen Vorhang
                    zudem von Bevölkerungsschwund getroffen war. Ein ‚Nachtleben‘ gab es nicht,
                    außer vielleicht im zwielichtigen Bereich. Es war noch immer die Wirkung der
                    ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus von 1966 bis 1970 zu spüren, auch und
                    besonders im kulturellen Bereich:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Gisch1991-1"><p>1966 begann die ÖVP Alleinregierung, die bis
                            1970 andauerte. Die Ziele dieser konservativen Kulturpolitik waren klar
                            definiert:</p>
                        <p>- Schutz der religiösen, sittlichen, geistigen und sachlichen Kulturwerte
                            des Volkes gegen Zerstörung von außen.</p>
                        <p>- Sicherung des Freiheitsraum der kulturell tätigen Menschen im Inland
                            und Mitwirkung bei Maßnahmen der Sicherung auf überstaatlicher
                            Ebene.</p>
                        <p>- Förderung des Kulturschaffens durch Bereitstellung der nötigen
                            materiellen Mittel und durch Unterstützung der kulturell Tätigen
                            (Errichtung verschiedener Stätten der Bildung, Forschung und Kunst wie
                            Sport).</p>
                        <p>- Werbung und Sorge für die ständige Ausweitung der höheren Bildung des
                            Volkes. (<ref type="bibl" target="#Gisch1991" xml:id="ref_Gisch1991-1"
                                >Gisch 1991: 1</ref>)</p>
                    </quote>
                </cit>
                <p>Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit waren deutlich zu spüren; so warb die ÖVP
                    im Wahlkampf 1966 für Klaus als „echten Österreicher“ und diffamierte damit den
                    Juden Bruno Kreisky, der als SPÖ-Vorsitzender antrat. Frauen durften ohne die
                    schriftliche Genehmigung ihrer Ehemänner nicht arbeiten und kein Bankkonto
                    besitzen (dies wurde erst 1975 ermöglicht!). Als Österreich-Spezifikum nahm in
                    diesem Zusammenhang auch die Katholische Kirche als eine alles Neue verhindernde
                    Kraft eine besondere Rolle ein (vgl. <ref type="bibl" target="#Gisch1991">ebd.:
                        2</ref>).</p>
                <p>Die 1970er Jahre waren dann, besonders in ihrer zweiten Hälfte, gekennzeichnet
                    durch politische und gesellschaftliche Aufbrüche. Möglich gemacht wurde dies
                    durch die Kanzlerschaft Bruno Kreiskys, zunächst als Minderheitenregierung, dann
                    mit absoluter Mehrheit in drei Amtsperioden von 1971 bis (durch vorgezogene
                    Wahlen) 1983: Einerseits wurde der Wohlfahrtsstaat stark ausgebaut, es erfolgte
                    eine kulturelle und gesellschaftliche Öffnung des Landes und Österreich nahm
                    eine wichtige Rolle in der internationalen Politik ein. Mit seinem Programm nahm
                    Kreisky der 68er Bewegung gleichsam den Wind aus den Segeln: <quote
                        source="#ref_Dobersberger2017-40">Die Reformära der 70er Jahre unter
                        Bundeskanzler Kreisky war bestimmt durch die von den Studierenden 1968
                        geforderten Veränderungen in der Friedenspolitik, im Hochschul- und
                        Bildungssektor sowie durch Themen der Frauenemanzipation, Abrüstung und
                        Demokratisierung</quote> (<ref type="bibl" target="#Dobersberger2017"
                        xml:id="ref_Dobersberger2017-40">Dobersberger 2017: 40</ref>).</p>
                <p>In dieser zwiespältigen Situation zwischen rechtskonservativer
                    Rückwärtsgewandtheit und linkssozialem Aufbruch entstand eine Untergrundkultur,
                    die durch die neuen Freiheiten eine Art von Gesellschaftskritik entwickelte, die
                    sich aus verschiedenen Strömungen speiste, der Punkmusik, dem politischen
                    Kabarett (etwa von Lukas Resetarits und den Schmetterlingen) und dem
                    musikalischen Aktionismus eines Frank Zappa u.a. Ein besonderes Ereignis stellt
                    die so genannte Arenabesetzung dar. Ab 1970 stellt die Stadt Wien mit der
                    Festwochen-Arena der jungen und alternativen Szene, der auch damals oder später
                    renommierte Literaten wie H. C. Artmann, Wolfgang Bauer, Gerhard Rühm und
                    Andreas Okopenko angehörten, verschiedene Spielstätten zur Verfügung, ab 1975
                    den Auslandsschlachthof St. Marx in Wien-Erdberg. Dieser sollte Ende 1976
                    abgerissen werden. Im Juni desselben Jahres entstand ein organisierter Protest
                    gegen diese Pläne; auch, weil in Wien die Spielorte für jene Art der Kultur eng
                    begrenzt war. Nach dreimonatigen Verhandlungen hielt die Stadt Wien zwar an
                    ihren Plänen fest, öffnete aber den Inlandsschlachthof (die heutige Arena, die
                    noch immer bespielt wird). Ein Teil der Demonstranten war mit dieser Lösung
                    einverstanden und wurde von den anderen in Folge als ‚Verräter‘ angesehen (zur
                    Arena-Besetzung vgl. <ref type="bibl" target="#Dobersberger2017">Dobersberger
                        2017</ref>).</p>
                <p>Vor allem die Band Drahdiwaberl gerierte sich im Urteil der bürgerlichen
                    Gesellschaft mit Obszönitäten, Geschmacklosigkeiten, Blasphemie, politischen
                    Angriffen, Punkmusik und Fäkalsprache als ‚Bürgerschreck‘. Bei einem Auftritt in
                    der Universität etwa hatten sie auf der Bühne ein Schwein tranchiert und so
                    einen Eklat mit Auftrittsverbot provoziert (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bork2020">Bork 2020: 19</ref>). Die Formation war vom
                    AHS-Musiklehrer Stefan Weber bereits 1969 gegründet, aber von ihm radikal
                    neupositioniert worden, nachdem er einen Auftritt der ähnlich gelagerten, aber
                    gemäßigteren Hallucination Company von Ludwig ‚Wickerl‘ Adam (1977 gegründet)
                    miterlebte hatte (zu HC und Drahdiwaberl vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Weiss1995">Weiss 1995: 55−58</ref>, detailliert <ref type="bibl"
                        target="#Schmid2010">Schmid 2010</ref>). <term>Drahdiwaberl</term>
                    bezeichnet im Wiener Dialekt einen <quote source="#ref_Hornung2002-252"
                        >Drehkreisel mit acht Seiten, von denen eine eine weibl. Gestalt (Venus oder
                        Wawerl) zeigt, die anderen 1–7 Punkte zur selben Verw[endung] wie ein
                        Würfel</quote> (<ref type="bibl" target="#Hornung2002"
                        xml:id="ref_Hornung2002-252">Hornung/Grüner 2002: 252</ref>). ‚Wawerl‘ ist
                    dabei die Koseform des Namens Barbara und hat nichts mit ‚Weib‘ zu tun, mit dem
                    es oft (fälschlicherweise) erklärt wird; so auch im Film <title>Falco – Verdammt
                        wir leben noch</title> (2007) von ‚Falco‘ bzw. seinem Darsteller Manuel
                    Rubey selbst. Weniger bekannt aber dürfte sein, dass als weitere Bedeutung von
                        <term>Drahdiwaberl</term> bei <ref type="bibl" target="#Hornung2002"
                        >Hornung/Grüner (2002: 252)</ref> auch ‚Umsturz, Umschwung, Revolution‘
                    angegeben wird; es ist wohl anzunehmen, dass Drahdiwaberl-Gründer Stefan Weber
                    dieser Benennungsgrund vorschwebte und nicht ein (Kinder-)Spielzeug,
                    insbesondere, da er seine Pläne kurz und knapp so umriss: <quote
                        source="#ref_ORF2018-x">Es war schon immer mein Ziel, Drahdiwaberl zur
                        extremsten und obszönsten Band zu machen – und ich glaube, das haben wir
                        geschafft!</quote> (<ref type="bibl" target="#ORF2018"
                        xml:id="ref_ORF2018-x">ORF 2018</ref>)</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_01">
                    <graphic width="300px" height="300px" url="media/wdr04_02-01_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">Albumcover von Drahdiwaberls <title>Jeannys Rache</title>
                        (1986).</head>
                </figure>


                <p>Wäre Drahdiwaberl ein Druckwerk, könnte man es im buchstäbliche Sinn als
                        <term>Pulp</term> bezeichnen (das zeigt sich auch schon an seinen
                    Plattencovern wie in <ref type="crossref" target="#wdr04_02-01_Abb_01"
                        >Abb.&#160;1</ref>).</p>


                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_02">
                    <graphic width="200px" height="202px" url="media/wdr04_02-01_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">Falco (3) mit Stefan Weber (2) auf der Cover-Rückseite von
                        Drahdiwaberls <title>Psychoterror</title> (Langspielplatte. Wien: GIG
                        Records 1981).</head>
                </figure>

                <p>Eine eigene Erwähnung verdient die Erste Allgemeine Verunsicherung, an deren
                    Karriere die geschilderte Entwicklung gerade in Österreich anschaulich
                    nachverfolgt werden kann. 1977 wurde sie von Erik Breit, Nino Holm, Thomas
                    Spitzer und Andreas Stenmo als Rockkabarettgruppe gegründet und wandte sich
                    zunächst gesellschaftskritischen Themen zu, verstärkt durch den mit Thomas
                    Spitzer befreundeten Sänger Wilfried (Scheutz) (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#EAV2022">Erste Allgemeine Verunsicherung 2022</ref>). Einen der
                    frühen Auftritte konnte der Verfasser 1978 noch selbst miterleben. Schon damals
                    waren theater- und kabarettähnliche Bühnenelemente, etwa Masken, fantasievolle
                    Ausstattung und dramaturgische Beleuchtungseffekte, charakteristische Elemente
                    der Show. Diese wurden in späteren Jahren massiv ausgebaut, als sich die Band in
                    geänderten Formationen mehr in Richtung einer ‚Spaß-Combo‘ entwickelte. Die
                    gesellschaftliche und politische Komponente blieb aber stets erhalten.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_03">
                    <graphic width="225px" height="199px" url="media/wdr04_02-01_Abb_03.jpg"/>
                    <head type="legend">Die erste Aufnahme der ursprünglichen Ersten Allgemeinen
                        Verunsicherung, erschienen als LP 1978 (nachproduziert als CD 2015. Wien:
                        EMI Columbia Austria. Booklet S. 3).</head>
                </figure>

                <p>Die Antwort des reaktionären Teils der Bevölkerung karikierte Stefan Weber (auch
                    in selbstironischer Brechung) wiederholt: Während des Songs ‚Sprayback‘
                    unterhalten sich zwei ältere Damen über die dargebotene Show:</p>
                <p>Drahdiwaberl: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=8ZMI2jTzMHE"
                            >Sprayback</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Drahdiwaberl1986-x">
                        <lg>
                            <l>Stefan Weber heißt das Schwein</l>
                            <l>[…]</l>
                            <l>Wie ist das möglich, dass das erlaubt ist</l>
                            <l>Sicher ist das erlaubt</l>
                            <l>Gott, sind die primitiv,</l>
                            <l>diese Kerln da</l>
                            <l>Genau – wenn’s wenigstens gscheite Kritik wäre,</l>
                            <l>ich sag, eine fundierte</l>
                            <l>ja, da sag ich nichts</l>
                            <l>bitte, man muss tolerant sein,</l>
                            <l>aber das ist wirklich nur mehr zum Kotzen</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Drahdiwaberl1986"
                                xml:id="ref_Drahdiwaberl1986-x">Drahdiwaberl 1986</ref>)</p></quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_04">
                <head>3. „überhaupt in der ballsaison“ − Ganz Wien</head>
                <p>Nach allgemeinem Urteil fügte sich Falco als Bassist nie recht in den rauen
                    Habitus dieser Formation und ging in seiner mit Plastiküberzügen geschützten
                    Designerkleidung von Anfang an seinen eigenen Weg. Über die Reihenfolge der
                    Bandzugehörigkeit und damit des Aufstiegs von Johann Hölzel kursieren
                    verschiedene Meinung und Angaben (vgl. z.B. <ref type="bibl" target="#Lanz2013"
                        >Lanz 2013</ref> und <ref type="bibl" target="#Bork2020">Bork 2020</ref>).
                    Am zuverlässigsten erscheint in dieser Hinsicht die Website der
                    Falco-Privatstiftung, die von Falcos Mutter Maria Hölzel und seinem ‚Intimus‘
                    Ronald Seunig gegründet wurde (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#FalcePrivatstiftung">Falco Privatstiftung o.J.</ref>): Mit 17 stieg
                    Johann Hölzel in seine erste Band, Umspannwerk, ein. Dem leuchtenden Vorbild
                    David Bowie folgend, ließ er sich einige Zeit in Westberlin nieder, ohne dort
                    Fuß fassen zu können. Ein Reflex dieser Zeit findet sich im Song ‚Auf der
                    Flucht‘ (auf <title>Einzelhaft</title> 1982):</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=heJ_SIND-cQ">Auf der
                            Flucht</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-28">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>west berlin</l>
                            <l>neunzehnhundertsechzig sieben</l>
                            <l>erster eindruck: grüne minna</l>
                            <l>straßensperre gegen spinner</l>
                            <l>habt ihr bock auf ne tracht prügel</l>
                            <l>wir bedienen euch nicht übel, aha</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>ecke joachimstaler kuhdamm</l>
                            <l>ein exzess</l>
                            <l>wer das gas als letzter riecht</l>
                            <l>hat als erster den prozeß</l>
                            <l>ganz berlin ist eine wolke</l>
                            <l>und man sieht sich wieder mal</l>
                            <l>auf der flucht</l>
                            <l>aus aus aus ausbruch auf der flucht</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-28">Falco
                                2009: 28f.</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Ende der 70er Jahre wurde Ludwig Adam auf den jungen Musiker aufmerksam, als sich
                    Hölzel in der Mödlinger Innenstadt als Straßenmusiker betätigte, und nahm ihn in
                    sein Erstes Wiener Musiktheater auf, aus dem später die Hallucination Company
                    hervorging. 1978 ging die HC erstmals auf Tour und konnte vor allem in
                    Deutschland (insbes. München) große Erfolge feiern. Eines Tages ließ sich Hölzel
                    von Adam nicht mehr mit seinem bürgerlichen Namen, sondern als ‚Falco Gottehrer‘
                    ankündigen; den ersten Namen hatte er sich vom damals berühmten ostdeutschen
                    Skispringer Falko Weißpflog ‚entlehnt‘; ein paar Tage später blieb es endgültig
                    nur bei ‚Falco‘, mit ‚c‘ schon damals wegen der besseren internationalen
                    Verständigung. Damals änderte er auch seine Erscheinung, kämmte sich die
                    pomierten Haare nach hinten, trug auf der Bühne Designerkleidung und hob sich
                    damit von den langhaarigen Mitmusikern ‚in Fetzen‘ deutlich ab. Durch die großen
                    Erfolge von HC organisierte Stefan Weber seine Wabb’s Crew in Drahdiwaberl um
                    und engagierte u.a. auch Falco, der einige Zeit in beiden Bands spielte.</p>
                <p><quote source="#ref_FalcoPrivatstiftung-x">Drahdiwaberl war eine Mischung aus
                        Chaos, Rock und Politkabarett. Die Musik war zwar geprobt, der Ablauf der
                        Show aber spontan. Der Gruppe ging es vielmehr um Chaos, Happening, Ulk und
                        Klamauk. Die Drahdiwaberl-Konzerte liefen derart exzessiv ab, daß Falco sich
                        gezwungen sah, seine Designer-Kleidung bei Auftritten mit einem
                        durchsichtigen Plastikmantel zu schützen.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#FalcoPrivatstiftung" xml:id="ref_FalcoPrivatstiftung-x">Falco
                        Privatstiftung o.J.</ref>) 1979 verließ Falco HC und spielte für seinen
                    Lebensunterhalt einige Zeit bei der Kommerzband Spinning Wheel mit, die u.a.
                    Bee-Gees- und Rod-Stewart-Songs coverte und bei der Falco erstmals sang. Dort
                    wirkten auch spätere Weggefährten wie die Rabitsch-Brüder mit, die dann auch bei
                    Drahdiwaberl einstiegen.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_04">
                    <graphic width="175px" height="178px" url="media/wdr04_02-01_Abb_04.jpg"/>
                    <head type="legend">Falco (links unten) in <ref
                            target="www.youbtube.com/watch?v=Bj7Zh3FPJU&amp;ab_channel=AustroPopArchivesVeinna"
                            >Spinning Wheel</ref>, Zugriff am 30.11.2021.</head>
                </figure>

                <p>1980 stellte Falco Weber bei einer Probe seinen selbstkomponierten und
                    -getexteten Song ‚Ganz Wien‘ vor, der ins Live-Programm aufgenommen wurde, aber
                    nicht, weil er so gut ins Programm passte − das Gegenteil war eher der Fall −,
                    sondern weil ihn Stefan Weber als Pausenfüller zum Kostümwechsel brauchte (so
                    sein Weggefährte Peter Vieweger in <ref type="bibl"
                        target="#WienerZeitgeist2018">Wiener Zeitgeist 2018</ref>). ‚Ganz Wien‘
                    sprach unverhohlen die Rauschsuchtszene in Wien an und wurde deshalb von den
                    Sendeanstalten auf den Index gesetzt. Bei Liveauftritten erntete er aber
                    ungeheuren Erfolg. So sah und hörte ihn 1981 der junge Produzent Markus Spiegel
                    und nahm den Solisten und die Band sofort unter Vertrag: „Als ich Falco bei
                    einem Drahdiwaberl-Konzert in den Wiener Sophiensälen erstmals mit seiner Nummer
                    ,Ganz Wien‘ sah, war mir klar, daß ich ihn als Solokünstler unter Vertrag nehmen
                    wollte. Falco hat auf mich einen ungeheuer charismatischen Eindruck
                    hinterlassen.“ (<ref type="bibl" target="#FalcoPrivatstiftung">Falco
                        Privatstiftung o.J.</ref>; vgl. auch <ref type="bibl"
                        target="#Miessgang2008">Mießgang 2008</ref>) Zugleich produzierte er mit
                    Drahdiwaberl deren erste Schallplatte <title>Psychoterror</title>, auf der auch
                    Falco mitwirkte. Im Sommer erschien ‚Ganz Wien‘ auf Platte, im Herbst desselben
                    Jahres dann ‚Der Kommissar‘, für den Falco einen Text auf die Musik von Robert
                    Ponger geschrieben hatte. Auf der Rückseite befand sich ‚Helden von heute‘. ‚Der
                    Kommissar‘ schlug international ein und erreichte in seiner Urfassung mehrere
                    Hitparaden, die englische Version landete auf Platz 3 der USA-Billboards. 1982
                    produzierte Ponger Falcos erste Platte, <title>Einzelhaft</title>, auf der seine
                    beiden Erstlinge sowie weiter Songs, die offenbar genau den Zeitgeist trafen,
                    gesammelt waren. Der Star Falco war geboren.</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=GSMci_9oTR4">Ganz
                            Wien</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-30"><lg>
                            <l>er geht auf der stroßn</l>
                            <l>sogt net wohin</l>
                            <l>des hirn voi heavy metal</l>
                            <l>und seine leber ist hin</l>
                            <l>seine venen san offn</l>
                            <l>und es riacht nach formalin</l>
                            <l>des olles mocht eam kan kummer</l>
                            <l>weu er is in wien</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>ganz wien is heit auf heroin</l>
                            <l>ganz wien träumt mit mozambin</l>
                            <l>ganz wien wien wien</l>
                            <l>greift auch zu kokain</l>
                            <l>überhaupt in der ballsaison</l>
                            <l>man sieht ganz wien wien</l>
                            <l>wien ist so herrlich hin hin hin</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>kokain und codein</l>
                            <l>heroin und mozambin</l>
                            <l>mochn uns hin hin hin</l>
                            <l>hin hin, ans zwaa drei</l>
                            <l>hin, eins, zwei, drei</l>
                            <l>kokain und codein</l>
                            <l>heroin und mozambin</l>
                            <l>mochn uns hin hin hin hin hin</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>three, four</l>
                            <l>three, four</l>
                            <l>amoi wird der tog kumma</l>
                            <l>die donau außer rand und band</l>
                            <l>im u4 geign die goidfisch</l>
                            <l>der bruno längst am sichern land</l>
                            <l>der hannes aa</l>
                            <l>donn lerna ma schwimma</l>
                            <l>treibm tamma eh</l>
                            <l>uh, alle teiferl weißes gwandl</l>
                            <l>und weiß wie schnee</l>
                            <l>wien</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>kokain und codein</l>
                            <l>heroin und mozambin</l>
                            <l>machen uns hin hin hin</l>
                            <l>hin hin, don’t you know</l>
                            <l>kokain und codein</l>
                            <l>heroin und mozambin</l>
                            <l>machen uns hin hin hin hin hin</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>ganz wien, ganz wien</l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">fade out</hi>
                            </l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-30">Falco
                                2009: 30f.</ref>)</p></quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_05">
                <head>4. „jetzt das kinderlied“ − Der Kommissar</head>
                <p>In der sehr erfolgreichen satirischen Fernsehserie ‚Kottan ermittelt‘, die der
                    Österreichische Rundfunk von 1967 bis 1983 produzierte und ausstrahlte, hatte
                    Falco als Musiker einen Kurzauftritt. Nach eigener Aussage kam ihm dabei die
                    Idee, dem von Lukas Resetarits gespielten Kommissar einen Song zu widmen:</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_05">
                    <graphic width="275px" height="209px" url="media/wdr04_02-01_Abb_05.jpg"/>
                    <head type="legend">Herbert Kraus: Seit „Kottan“ geht Falcos Kommissar um (<ref
                            type="bibl" target="#Kraus1982">Kraus 1982</ref>).</head>
                </figure>

                <p>Allerdings sind die genauen Umstände falsch geschildert. Falco spielte nicht in
                    der filminternen Spaßband Kottan’s Kapelle Klavier, sondern stand wie stets am
                    Bass, als Kottan einem Auftritt von Drahdiwaberl mit ihrem Song ‚Ausgeflippter
                    Lodenfreak‘ beiwohnte.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_06">
                    <graphic width="215px" height="147px" url="media/wdr04_02-01_Abb_06.jpg"/>
                    <head type="legend">Falcos Kottan-Auftritt, Film-Still aus: <ref
                            target="www.youtube.com/watch?v=1x1w6aVMzXg&amp;ab_channel=ThomasUnger"
                            >Kottan ermittelt: Die Entführung, 1982</ref>, Zugriff am
                        14.3.2022.</head>
                </figure>

                <p>Der Song ist in mehrfacher Weise für Falcos Arbeitsweise charakteristisch. Zum
                    einen scheut er sich nicht vor reinem Geblödel, wie sich auch die Fernsehserie
                    gegen ihr Ende hin immer mehr von der Satire weg und zum reinen Nonsens
                    entwickelte. Die kindlichen Verse sind schon in Kapitel 1 angesprochen worden;
                    nicht ohne Hintergedanken heißt es bei Falco <quote source="#ref_Falco2009-24"
                        >jetzt das kinderlied</quote> (<ref type="bibl" target="#Falco2009"
                        xml:id="ref_Falco2009-24">Falco 2009: 24</ref>) vor dem Refrain. Zum anderen
                    ist sein Dialekt − und nebenbei gesagt auch die englischen Passagen, wie
                    besonders in ‚<ref target="https://www.youtube.com/watch?v=9Gw1j8Tla8I"
                        >America</ref>‘ von 1985 gesehen werden kann − nicht authentisch, sondern
                    eine Art Kunstsprache, die zwar nach Wienerisch klingt, es de facto aber nicht
                    ist. So wird in Wien <quote source="ref_Ernst2010-126">schwimmen</quote> nicht
                    als <quote source="ref_Ernst2010-126">schwimma</quote> artikuliert, sondern als
                        <quote source="ref_Ernst2010-126">schwimman</quote>, <quote
                        source="ref_Ernst2010-126">kommen</quote> nicht als <quote
                        source="ref_Ernst2010-126">kumma</quote>, sondern als <quote
                        source="ref_Ernst2010-126">kumman</quote> usw. (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Ernst2010" xml:id="ref_Ernst2010-126">Ernst 2010: 126</ref>).
                    Weitere Beispiele können aber auch auf anderen sprachlichen Ebenen gefunden
                    werden, so entspricht die Phrase <quote source="ref_Falco2009-61">oiso die
                        gschicht is a jene</quote> ‚also, die Geschichte geht so‘ (in ‚America‘,
                        <ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-61">Falco 2009:
                        61</ref>) keineswegs dialektaler Ausdrucksweise; <q rend="double-qm"
                        >jener/jene</q> würde niemand im Dialekt äußern.</p>
                <p>Zusätzlich erfolgt hier politische und Gesellschaftskritik, wie sie in anderen
                    Songs kaum zu finden ist. Vielleicht ist dies dem satirischen Gehalt von
                    ‚Kottan‘ zu verdanken, der sich auch über Österreich im Allgemeinen, die Wiener
                    im Speziellen und ganz besonders über die Polizei lustig machte. Die Implikatur,
                    auf dem Wiener Opernball werde in besonderen Ausmaß Kokain oder andere Drogen
                    konsumiert, muss nicht unbedingt nur einen Seitenhieb auf die Oberschicht
                    darstellen, sie kann auch auf die seit 1968 immer wieder durchgeführten, zum
                    Teil gewalttätigen Demonstration vor dem Opernhaus anspielen. Mit <q
                        rend="double-qm">Bruno</q> ist natürlich Bruno Kreisky gemeint, dem Falco
                    hier eine gewisse Schlitzohrigkeit und Lebenstüchtigkeit zuspricht; das gilt
                    auch für <q rend="double-qm">Hannes</q>, seinen Finanzminister Hannes Androsch.
                    Das U4 ist die damals maßgebende Diskothek, in der auch Falco regelmäßig
                    verkehrte; der Inbegriff des damaligen ‚Zeitgeists‘.</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=8-bgiiTxhzM">Der
                            Kommissar</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-23"><lg>
                            <l>check it out, joe, ha</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>two, three, four</l>
                            <l>eins, zwei, drei</l>
                            <l>na, es is nix dabei</l>
                            <l>na, wenn i eich erzähl die gschicht</l>
                            <l>nichtsdestotrotz</l>
                            <l>ich bin das schon gewohnt</l>
                            <l>im tv-funk da läuft es nicht</l>
                            <l>cha, sie war jung</l>
                            <l>das herz so rein und weiß</l>
                            <l>und jede nacht hat ihren preis</l>
                            <l>sie sagt: »sugar sweet,</l>
                            <l>you got rappin’ to the heat«</l>
                            <l>ich verstehe, sie ist heiß</l>
                            <l>sie sagt: »babe, you know</l>
                            <l>i miss my funky friends«</l>
                            <l>sie meint jack und joe und jill</l>
                            <l>mein funk-verständnis</l>
                            <l>ja, das reicht zur not</l>
                            <l>ich überreiß, was sie jetzt will</l>
                            <l>ich überleg bei mir</l>
                            <l>ihr nosn spricht dafür</l>
                            <l>währenddessen ich noch rauch</l>
                            <l>die special places sind ihr wohlbekannt</l>
                            <l>ich mein, sie fährt ja u-bahn auch</l>
                            <l>dort singens:</l>
                            <l>drah di net um, oh oh oh, schau, schau</l>
                            <l>der kommissar geht um, oh oh oh</l>
                            <l>er wird di anschaun und du waaßt warum</l>
                            <l>die lebenslust bringt di um</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>alles klar, herr kommissar?</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>hey, wanna buy some stuff, man, ha?</l>
                            <l>did you ever rap that thing, jack</l>
                            <l>so rap it to the beat</l>
                            <l>wir treffen jill und joe und dessen bruder hip</l>
                            <l>und auch den rest der coolen gang</l>
                            <l>sie rappen hin, sie rappen her</l>
                            <l>dazwischen kratzens ab die wänd</l>
                            <l>dieser fall ist klar</l>
                            <l>lieber herr kommissar</l>
                            <l>auch wenn sie andrer meinung sind</l>
                            <l>den schnee auf dem wir alle</l>
                            <l>talwärts fahrn</l>
                            <l>kennt heute jedes kind</l>
                            <l>jetzt das kinderlied:</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>drah di net um, oh oh oh, schau, schau</l>
                            <l>der kommissar geht um, oh oh oh</l>
                            <l>er hot die kroft und wir san klan und dumm</l>
                            <l>und dieser frust mocht uns stumm</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>drah di net um, oh oh oh, schau, schau</l>
                            <l>der kommissar geht um, oh oh oh</l>
                            <l>wenn er di onspricht und du waaßt warum</l>
                            <l>sog eam dein lebm bringt di um</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>alles klar, herr kommissar?</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>drah di net um, oh oh oh, schau, schau</l>
                            <l>der kommissar geht um, oh oh oh</l>
                            <l>er hot die kroft und wir san klan und dumm</l>
                            <l>und dieser frust macht uns stumm</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>drah di net um, oh oh oh, schau, schau</l>
                            <l>der kommissar geht um, oh oh oh</l>
                            <l>wenn er di onspricht und du waaßt warum</l>
                            <l>sog eam dein lebm bringt di um […]</l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">fade out</hi>
                            </l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-23">Falco
                                2009: 23−25</ref>)</p></quote>
                </cit>


                <p>Der Song beförderte Falcos Karriere in besonderer Weise, etwa, indem ihm der Ruhm
                    des ersten deutschen Rappers zugesprochen wurde (vgl. etwa <ref type="bibl"
                        target="#Wikipedia2022">Wikipedia 2022</ref>). Er führte damit auch das
                    bereits in den Anfängen der NDW grundgelegten Prinzip weiter, Deutsch und
                    Englisch zu mischen (<ref type="bibl" target="#Jaeger2017">Jäger 2017:
                        134f.</ref> spricht dies bereits den Vorläufern der NDW zu, etwa Kiev Stingl
                    mit seinen beiden ersten Alben <title>Teuflisch</title> 1975 und <title>Hart wie
                        Mozart</title> 1979.)</p>
                <p>Welche Einflüsse hatte nun Falcos Frühzeit bei HC und Drahidwaberl auf seine
                    ersten Erfolge ‚Ganz Wien‘ und ‚Der Kommissar‘? Die Antwort ist einfach: keine.
                    Bei ‚Ganz Wien‘ existieren keine Textunterschiede zwischen
                        <title>Psychoterror</title> von 1982 und <title>Einzelhaft</title> 1982,
                    nicht die kleinsten. Falco scheint sich nicht aus etwas heraus zu entwickeln; er
                    ist von Anfang der erratische Block, als der er von Zeitgenossen stets
                    beschrieben wird, er tritt als fertige Kunstfigur in die Öffentlichkeit. Es sind
                    auch keine Vorbilder auszumachen, denn er wird von KünstlerkollegInnen immer als
                    etwas ‚Anderes‘, als Außenstehender gesehen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_06">
                <head>5. „spielen gibt’s zu spielen viele“ − Falco und die literarische Avantgarde</head>
                <p>Christian Ide Hintze, Gründer und Leiter der Schule für Dichtung in Wien,
                    berichtet (in <ref type="bibl" target="#Hintze2010">Hintze 2010</ref>), dass
                    sich der bekannte Germanist Wendelin Schmidt-Dengler (1942−2008) im Sommer 2007
                    an ihn gewandt hatte mit dem Vorschlag, Falco „zum Gegenstand poetologischer
                    Untersuchungen“ zu machen. Neben anderem wurde ein Video von einer Lesung Falcos
                    zutage gefördert, in dem dieser literarische Texte u.a. von Franz Werfel,
                    William S. Bourroghs, H. C. Artmann, Gerhard Rühm, Jack Kerouac, Walter Serner
                    und sich selbst vortrug. Auf Initiative von Schmidt-Dengler wurde 2007 das erste
                    wissenschaftliche Symposion ‚Falco’s many languages‘ in der Schule für Dichtung
                    abgehalten, dessen Ergebnisse in <ref type="bibl" target="#Hintze2010">Hintze
                        2010</ref> publiziert wurden.</p>
                <p>Falco hatte dort bereits im April 1995 ein Werkstattgespräch mit dem Titel
                    ‚schreibt falco texte? wenn ja − wie?‘ abgehalten, für das er zwei Vorlesungen
                    vorbreitet hatte, die er allerdings <quote source="#ref_Hintze2022-66">aus
                        angst, vor den augen der von ihm verehrten dichter nicht zu bestehen</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Hintze2002" xml:id="ref_Hintze2022-66">Hintze
                        2002: 66</ref>), kurzfristig absagte. Im Mai 1995 gab er als
                    Benefizveranstaltung für die Schule für Dichtung, die in finanzielle
                    Schwierigkeiten geraten war, eben jene „musikalisch-literarische performance“,
                    die Schmidt-Dengler als Videomitschnitt gefunden hatte (Auszüge daraus sind auf
                    der DVD ‚Falco Symphonics‘ enthalten).</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_07">
                    <graphic width="260px" height="267px" url="media/wdr04_02-01_Abb_07.jpg"/>
                    <head type="legend">Falcos musikalisch-literarische Performance, in: <ref
                            type="bibl" target="#Hintze2002">Hintze 2002: 80f.</ref></head>
                </figure>

                <p>Auch ohne diese Hintergrundinformationen wäre Falcos Kenntnis der und
                    Begeisterung über die literarische Avantgarde seiner Zeit überdeutlich. Sie
                    äußern sich in einem spielerischen, kritischen provozierenden und − besonders
                    für die Wiener Gruppe, der auch Ernst Jandl (1925−2000) nahestand − humorvollen
                    Umgang mit den Möglichkeiten der sprachlichen Mittel.</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=wOPpw4w2Sjc">Helden
                            von heute</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-38">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>wir erfinden immer neue spiele</l>
                            <l>spiele gibts zu spielen viele</l>
                            <l>brot und spiele san gefragt</l>
                            <l>no future extrem angesagt</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-38">Falco
                                2009: 38</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Solche <quote source="#ref_Ernst1994-x">Lautwiederholungen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Ernst1994" xml:id="ref_Ernst1994-x">Ernst 1994</ref>)
                    wie in <quote>spiele – spielen – viele</quote> erinnern natürlich an Gedichte
                    wie Ernst Jandls ‚ottos mops‘ von 1970, aber auch an die ‚Wiener Gruppe‘:</p>
                <p>Konrad Bayer: <title>Franz War</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bayer1996-80">
                        <lg>
                            <l>franz war.</l>
                            <l>war franz?</l>
                            <l>franz.</l>
                            <l>war.</l>
                            <l>wahr.</l>
                            <l>war wahr.</l>
                            <l>wirr.</l>
                            <l>wir.</l>
                            <l>franz wir!</l>
                            <l>wir franz.</l>
                            <l>ihr.</l>
                            <l>franz war wirr.</l>
                            <l>war franz irr?</l>
                            <l>wirr warr.</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Bayer1996" xml:id="ref_Bayer1996-80">Bayer
                                1996: 80</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <figure xml:id="wdr04_02-01_Abb_08">
                    <graphic width="200px" height="264px" url="media/wdr04_02-01_Abb_08.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Franz War‘ von Konrad Bayer (1932−1964) als <ref
                            target="www.wikiwand.com/de/Konrad_Bayer">Wandpoesie in Leiden,
                            Holland</ref>, Zugriff am 26.3.2022.</head>
                </figure>

                <p>Die Selbstverweise auf kindliche Strukturen im ‚Kommissar‘ wurden schon erwähnt.
                    In dieselbe Kerbe schlägt der Vergleich von Straßenschlachten und Unterdrückung
                    mit der ‚Märchenwelt‘ in ‚Helden von heute‘:</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=wOPpw4w2Sjc">Helden
                            von heute</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-28f">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>ah, was die ordnung anbelangt</l>
                            <l>hat sich alles gott sei dank</l>
                            <l>fast wie ganz von selbst ergeben</l>
                            <l>denn die starke hand siegt eben</l>
                            <l>hält die märchenwelt beisammen</l>
                            <l>und die räuber sind gefangen, aha</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-28f">Falco
                                2009: 28f.</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Darin mischt sich auch gesellschaftliche Kritik, wie wir sie schon in ‚Ganz Wien‘
                    kennengelernt haben.</p>
                <p>Sprachspielerische Elemente, die mit Reimen, Versmaßen, Wortbildungen u. dgl.
                    spielen (vgl. dazu <ref type="bibl" target="#Ernst1994">Ernst 1994</ref>),
                    finden sich auch bei Falco. ‚Panama‘ etwa wird in ‚Hinter uns die Sintflut‘ auf
                    der Zweitsilbe betont (‚Panáma‘ statt ‚Pánama‘), damit offenbar ein Konnex mit
                    dem vorangehen ‚pyjama‘ hergestellt wird.</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=X2q8sjC76C0">Hinter
                            uns die Sintflut</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-34">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>die sonne scheint mir auf den bauch, das soll sie auch, ich seh darin
                                kein drama</l>
                            <l>die neue heimat rief nach mir, ich flog ohne pyjama nach panama</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-34">Falco
                                2009: 34</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Solche Effekte sind in literarischen Texten der 1960er und 1970er zuhauf zu
                    finden, nicht nur bei Ernst Jandl, sondern auch z.B. bei Konrad Bayer (‚dahlien‘
                    – ‚bezahlien‘) und bei Wolfgang Bauer (‚Messerl‘ – ‚besserl‘):</p>
                <p>Konrad Bayer: <title>Morität vom tätowierten Mädchen</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bayer1996-89">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>rosen, rosen, rosen blühn auf deinem neuen kleid.</l>
                            <l>rosen, rosen, rosen ätze ich in manchen leib,</l>
                            <l>aber dahlien, du süsse,</l>
                            <l>duften sanft, wie engelsfüsse.</l>
                            <l>also bleibe bei den dahlien,</l>
                            <l>sonst musst rosen du bezahlien.</l>
                            <l>aber rosen kosten blut,</l>
                            <l>enden früh das junge leben.</l>
                            <l>siehe solches scheint nicht gut,</l>
                            <l>drum will dahlien ich dir geben.</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Bayer1996" xml:id="ref_Bayer1996-89">Bayer
                                1996: 89</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Wolfgang Bauer: <title>Magic Afternoon</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bauer2014-x">
                        <lg>
                            <l>Birgit (entdeckt auf einem schmutzigen Teller ein Küchenmesser, nimmt
                                es in die Hand)</l>
                            <l>Joe: Mit dem Messerl gehts besserl!</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Bauer2014" xml:id="ref_Bauer2014-x">Bauer
                                2014</ref>: Schlussszene)</p></quote>
                </cit>

                <p>Direkte Referenz erweist Falco seinem Vorbild Ernst Jandl, indem er dessen ‚von
                    zeiten‘ in einer Hommage als ‚Ein Tag‘ auf <title>viva la poesia</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Hintze2002">Hintze 2002</ref>) veröffentlicht, obwohl
                    es schon 1989 entstanden war.</p>
                <p>Ernst Jandl: <title>von zeiten</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Jandl1981-126">
                        <lg>
                            <l>sein das heuten tag sein es ein scheißen tag</l>
                            <l>sein das gestern tag sein es gewesen ein scheißen tag ebenfalz</l>
                            <l>kommen das morgen tag sein es werden ein scheißentag ebenfalz</l>
                            <l>und so es sein aufbauen sich der scheißen woch</l>
                            <l>und aus dem scheißen woch und dem scheißen woch</l>
                            <l>so es sein aufbauen sich der scheißen april</l>
                            <l>und es sein anhängen sich der scheißen mai</l>
                            <l>und es sein anhängen sich der scheißen juni scheißen</l>
                            <l>juli august etten zetteren</l>
                            <l>so es sein aufbauen sich der scheißen jahr</l>
                            <l>und auf allen vieren der scheißen schalten jahr</l>
                            <l>und haben jeden der scheißen jahr darauf einen nummeron</l>
                            <l>neunzehnscheißhundertsiebenundsiebzigscheiß</l>
                            <l>scheißneunzehnhundertscheißachtundscheißsiebzigscheiß</l>
                            <l>so es sein aufbauen sich der scheißen leben</l>
                            <l>schrittenweizen hären von den den geburten</l>
                            <l>und sein es doch wahrlich zum tot-scheißen</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Jandl1981" xml:id="ref_Jandl1981-126">Jandl
                                1981: 126</ref>)</p></quote>
                </cit>
                <p>Falco: <title>Ein Tag</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-218">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>using samples from poems which falco left on ide’s telephone
                                answering machine, and poems which ide left on falco’s. paraphrase
                                to ernst jandl’s poem „von zeiten“ (from: ernst jandl: die
                                bearbeitung der mütze, darmstadt und neuwied 1981. jandl’s original
                                lines, to which the refrain is related are: »sein das heuten tag /
                                sein es ein scheissen tag«) textmontage, sampling: christian ide
                                hintze</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>that’s, ah, gonna be a very correct, ah</l>
                            <l>answering system, and this is hans hölzel</l>
                            <l>and this is gonna be a, ein heutetag, and this is gonna be a, ein
                                scheißetag</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>sei das ein heutetag, sei das ein scheißetag</l>
                            <l>sei das ein heutetag, sei das ein tag</l>
                            <l>sei das ein heutetag, sei das ein scheißetag</l>
                            <l>sei das ein heutetag, sei das ein scheiß</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-218">Falco
                                2009: 218</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Falco erweist sich damit als profunder Kenner der literarischen Avantgarde und
                    weiß sein Wissen auch in anspruchsvollen Texten bereits in seinem Erstling
                        <title>Einzelhaft</title> einzusetzen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-01_07">
                <head>6. „wenn ich heute noch am leben wär, ich könnt bezeugen, wie es wirklich war“ − Epilog</head>
                <p>Wie schon erwähnt, bestanden zwischen einzelnen Gruppen und Personen der
                    damaligen Wiener Kulturszene zahlreiche Verflechtungen, die nicht nur zu
                    gegenseitigen musikalischen Einflüssen und Hochleistungen, sondern auch zu
                    ‚Frotzeleien‘ und zu scherzhaftem Austausch führten. Wenn man die
                    kabarettistischen und satirischen Einflüsse bedenkt, wird es auch verständlich,
                    dass die kollegiale Parodie und die Selbstparodie stets gegenwärtig waren. Bei
                    Falco äußert sich dies einerseits in einer selbstironischen, über den Dingen
                    stehenden Attitude, andererseits zu einer Haltung, die von jenen, die das
                    Künstliche an der Kunstfigur Falco nicht mitbekamen, als Arroganz ausgelegt
                    wurde.</p>
                <p>Falco: <title><ref target="https://www.youtube.com/watch?v=6RhQKkIAR64">Maschine
                            brennt</ref></title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-32">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>wenn ich heute noch am leben wär</l>
                            <l>ich könnt bezeugen, wie es wirklich war</l>
                            <l>[…]</l>
                            <l>ich hätte andre pläne wohl gefaßt</l>
                            <l>oder auch nicht</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-32">Falco
                                2009: 32</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Ein Meisterstück ironische Selbstreflexion liegt in Georg Danzers ‚Doppelgänger‘
                    von 1986 vor, in dem das lyrische Ich, das eindeutig mit Danzer selbst
                    identifiziert wird, von einem Sänger berichtet, der sich als Danzer ausgibt und
                    vom Publikum auch als dieser akzeptiert wird, <quote>wo i überhaupt ka
                        Ähnlichkeit erkennen kann</quote>:</p>
                <p>Georg Danzer: <title>Doppelgänger</title></p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Danzer1986-x">
                        <lg>
                            <l>[…]</l>
                            <l>und auf des hinauf bin i emigriert</l>
                            <l>weu mir diese stadt ganz afoch zu gefährlich wird</l>
                            <l>und wann mich wer sicht, sei er sich gewiss</l>
                            <l>dass des nua mei doppelgänger is</l>
                            <l>[…]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Danzer1986" xml:id="ref_Danzer1986-x">Danzer
                                1986</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Liebevoll gemeinte bis kritische Seitenhiebe finden sich in den Produktionen
                    zuhauf (man vgl. z.B. <ref type="crossref" target="#wdr04_02-01_Abb_01">Abb.
                        1</ref>). Auf <title>Austropop in Tot-Weiß-Tot (2000 Jahre sind
                        genug)</title> der EAV (2000) werden u.a. Udo Jürgens, Georg Danzer, André
                    Heller, STS, Wilfried und Wolfgang Ambros ‚verarbeitet‘ – und das trotz oder
                    vielleicht gerade wegen der freundschaftlichen Verhältnisse zu vielen. Auf die
                    ‚Kurzcharakteristik‘ Falcos durch Wilfried wurde eingangs schon hingewiesen,
                    wobei bedacht werden muss, dass ‚hölzeln‘ in Wien eine besondere Form eines
                    Sprachfehlers bedeutet. Falco − stets sensibel, wenn es um Kritik an seiner
                    Person ging − reagierte auch höchst beleidigt und nachtragend darauf: Er
                    verweigerte etwa den gemeinsamen Auftritt mit Wilfried bei dem von Rudi Dolezal
                    initiierten Benefizkonzert ‚Austria for Africa‘, was ihm später den Vorwurf
                    einbrachte, seine Animositäten auf Kosten der Hungernden auszutragen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Lanz2013">Lanz 2013: 43−46</ref>). Falco wurde
                    seinerseits parodiert, etwa von Frank Zander mit ‚Jeannie (die reine Wahrheit)‘
                    1986, in seinem Werk finden sich aber keinerlei Angriffe, auch keine
                    scherzhaften, auf MusikerkollegInnen. Vielleicht verlangte er einfach nur den
                    „Respekt unter KollegInnen“.</p>
                <p>Ein besonderer Fall trat 1986 ein, als die EAV in der so genannten
                    Waldheim-Affäre das Spottlied ‚Wann man géh’n muss, wann man géh’n muss‘ (auf
                    die Melodie von ‚Amadéus, Amadeús‘) über die Musik von ‚Rock Me Amadeus‘ legte.
                    Falco und sein Management mussten damit wohl einverstanden gewesen sein, sonst
                    hätte es rechtliche Konsequenzen gegeben. Von Waldheim selbst kamen jedenfalls
                    Klagsdrohungen gegen die EAV (die dann aber nicht weiterverfolgt wurden).</p>

                <p>Falco: <title>Rock Me Amadeus</title> [EAV: <title>Wann man geh’n
                    muss</title>]</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Falco2009-59-60"><lg>
                            <l>rock me, rock me, rock me, rock me, [Hallo Freunde! Alles
                                Leinwand?]</l>
                            <l>amadeus do it, do it, do it, do it [Na wann net, dann net!]</l>
                            <l>ey ey</l>
                            <l>rock it up, up to the top [Rock me!]</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>er war ein punker</l>
                            <l>und er lebte in der großen stadt</l>
                            <l>es war in wien, war vienna</l>
                            <l>wo er alles tat</l>
                            <l>er hatte schulden, denn er trank</l>
                            <l>doch ihn liebten alle frauen</l>
                            <l>und jede rief:</l>
                            <l>»well, come and rock me, amadeus«</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>er war superstar</l>
                            <l>er war populär</l>
                            <l>er war so exaltiert</l>
                            <l>because er hatte flair</l>
                            <l>er war ein virtuose</l>
                            <l>war ein rockidol</l>
                            <l>und alles rief:</l>
                            <l>»well, come and rock me, amadeus«</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>amadeus, amadeus (…)</l>
                            <l>come and rock me, amadeus (…)</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>es war um siebzehnhundertachtzig [Es war 1985]</l>
                            <l>und es war in wien [und es war in Wien,]</l>
                            <l>no plastic money anymore [Ein großer Teil der Österreicher wählte
                                ihn.]</l>
                            <l>die banken gegen ihn [Er war ein Virtuose, war ein Diplomat.]</l>
                            <l>woher die schulden kamen [Und seitdem er Präsident ist,]</l>
                            <l>war wohl jedermann bekannt [Kennt ein jeder unser’n Staat.]</l>
                            <l>er war ein mann der frauen</l>
                            <l>frauen liebten seinen punk</l>
                            <l>[Rock me Kurti!]</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>er war superstar</l>
                            <l>er war so populär [Jedoch im Ausland ist der Kurti nicht sehr
                                populär,]</l>
                            <l>er war zu exaltiert [Because er kann si net erinnern,]</l>
                            <l>genau das war sein flair [Ja, das ist sein Flair.]</l>
                            <l>er war ein virtuose [Unser Land ist unten durch,]</l>
                            <l>war ein rockidol [Unser Image ist beschissen,]</l>
                            <l>und alles ruft noch heute: [Und schon heute rufen viele,]</l>
                            <l>»come and rock me, amadeus« [Man muss wissen, man muss wissen:]</l>
                        </lg>
                        <lg>
                            <l>amadeus, amadeus [Wann ma gehn muss, wann ma geh’n muss...]</l>
                            <l>come and rock me, amadeus [Man muß wissen, wann ma geh’n muß!]</l>
                        </lg>
                        <p>(<ref type="bibl" target="#Falco2009" xml:id="ref_Falco2009-59-60">Falco
                                2009: 59−60</ref>) (<ref type="bibl" target="#EAV1988">Erste
                                Allgemeine Verunsicherung 1988</ref>)</p></quote>
                </cit>

                <p>Die Jahre 1978 (dem musikalischen Einstieg Johann Hölzels) bis 1982 (dem
                    Erscheinen von Falcos erster LP <title>Einzelhaft</title> ) sind gekennzeichnet
                    von einer politischen Öffnung sowie dem Entstehen einer alternativen
                    Kulturszene. Musikalisch von Punk, New Wave, Hip-Hop-Elementen, die in der Neuen
                    Deutschen Welle ihre Umformung erhielten, politischem Kabarett, Rocktheater in
                    der Art Frank Zappas sowie einer Bürgerschreck-Attitude gezeichnet, entstand
                    eine Aufbruchsstimmung, die den ‚Höhenflug des Falken‘ erst ermöglichte. Falco
                    nutzte die Karrieremöglichkeiten, passte sich jedoch musikalisch-künstlerisch
                    nicht an und ging mit ‚Ganz Wien‘ von Anfang an seinen eigenen Weg, der ihn auch
                    stets als Außenseiter dastehen ließ. Wenn sich Falco weiterentwickelte, dann
                    nicht an Einflüssen von außen, sondern in seinen eigenen Grenzen und mit seinen
                    eigenen Möglichkeiten. Das Alter Ego Falco enthielt aber so viele Eigenheiten
                    seines Schöpfers Johann Hölzel, dass er Maßstäbe setzte, statt ihnen zu
                    folgen.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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                        war − sein Manager erzählt. Berlin: Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf.</bibl>
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                            <emph>revisited</emph>. Die Besetzung des Auslandsschlachthofs St. Marx
                        1976 als Erinnerungsort einer ‚verspäteten‘ 68er-Bewegung. Diplomarbeit
                        Universität Wien.</bibl>
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                            <ref
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                            >kontrast.at/drahdiwaberl-gesammelte-texte-als-memorial/#sprayback</ref>,
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                            >www.falco.at/?option=com_content&amp;view=article&amp;id=46&amp;Itemid=55</ref>,
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                    <bibl xml:id="Gisch1991">Gisch, Susanna (1991): Der Auslandsschlachthof St. Marx
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                    <bibl xml:id="Hintze2002">Hintze, Christian Ide (Hg.) (2002): viva la poesia.
                        Schule für Dichtung − Nick Cave, Falco und Allen Ginsberg. Songs, Bilder und
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                    <bibl xml:id="Hintze2010">Hintze, Christian Ide (2010): Vorwort, in: Christian
                        Ide Hintze (Hg.): falco’s many languages. St. Pölten/Salzburg: Residenz, S.
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                    <bibl xml:id="Hoppe2016">Hoppe, Michael (2016): Falco − eine Verklärung. Falco,
                        Held der Achtziger Jahre. Mit ihm ging auch das Jahrzehnt zu Ende, in:
                        Martin W. Drexler/Markus Eiblmayr/Franziska Maderthaner (Hg.): Idealzone
                        Wien. Die schnellen Jahre (1978–1985). Wien: Falter, S. 87–91.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hornberger2011">Hornberger, Barbara (2011): Geschichte wird
                        gemacht. Die Neue Deutsche Welle. Eine Epoche deutscher Popmusik. Würzburg:
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                        gemacht. Eine kulturpolitische Untersuchung von ‚Ein Jahr (Es geht voran)‘,
                        in: Dietrich Helms/Thomas Phleps (Hg.): Geschichte wird gemacht. Zur
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                        Rippe. Falco verkörperte das Prinzip der Künstlichkeit. Vor zehn Jahren ist
                        er gestorben. Über den Menschen hinter der kühlen Maske spricht sein
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                    <bibl xml:id="Trio1983a">Trio (1983a): Turaluraluralu − Ich mach bubu, was
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                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
