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                <title type="main" xml:lang="de">Auf Wechseltakt im Watschentango</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Clemens</forename>
                        <surname>Marschall</surname>
                    </name>
                    <affiliation><hi rend="bold">Zum Autor:</hi> geb. 1985 in Ried im Innkreis,
                        Doktorat der Musikwissenschaft, Initiator des (Fernseh-)Magazins <hi
                            rend="italic">Rokko’s Adventures</hi>, lange Mitglied der
                        Literaturgruppe Wortwerft, lebt und arbeitet als freier Journalist (Die
                        Zeit, Wiener Zeitung, Radio Ö1) und Autor (u.a. <hi rend="italic">Golden
                            Days Before They End</hi>, <hi rend="italic">Avant-Garde from
                        Below</hi>) zwischen London und Wien. Im Herbst 2022 erscheinen im Verlag
                        Text/Rahmen sein Foto-Textband <hi rend="italic">Edition Privat: Claudias
                            und Rudis Wien intim</hi> sowie im Brandstätter Verlag <hi rend="italic"
                            >Meine Reise zum Regenbogen: Die Autobiografie des Roncalli-Gründers
                            Bernhard Paul</hi>, die in Zusammenarbeit mit Clemens Marschall
                        entstanden ist.</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-04-02</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                    <term xml:lang="de">Wiener Beisl</term>
                    <term xml:lang="de">Rokko's Adventures</term>
                    <term xml:lang="de">Pulp</term>
                </keywords>
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                    <term xml:lang="en">Viennese Beisl</term>
                    <term xml:lang="en">Rokko's Adventures</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>In seinem Auszug aus dem Manuskript des bislang unvollendeten Montageromans „Zum
                    Watschentango“ nimmt uns Clemens Marschall mit ins Wiener Beisl. Es scheint
                    nicht der Tag von Kola-Karli zu sein.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In his excerpt from the manuscript “Zum Watschentango”, Clemens Marschall takes
                    us to a Viennese Beisl, a small pub. It doesn't seem to be a good day for Kola
                    Karli.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr04_04-02_01">
                <p><space unit="lines" quantity="1"/>– [kch-kchhhhh] na, nix, i rauch kane substanzn
                    ... nahhh, de schon! na ziag an, des is ned so wüd, a bissl gesprächiger wirst
                    hoid ... [kch-kchhhhh-kchhhhh]</p>
                <p>– des san ma owa kane kindadrogen, geh weg mit deim gift. klesch ma si liawa an
                    in de pataron mitm spiritus.</p>
                <p>Nach zwei Tagen und Nächten ohne Schlaf brennen Kola-Karlis Nasenkolben durch bis
                    hinauf zum Scheitel, sein kratzendes Husten kommt von ganz weit hinten und seine
                    Stimme klingt, als würde sie durch einen zerschossenen Bahnhofslautsprecher
                    Notfallbefehle austeilen.</p>
                <p>– [kch-kchhhhh] scheiß am harold robbins, muass kana damit wos anfangen, mit dem
                    voigummi! i hob fia an gschriebn a dissertation über literaturwissenschaft, wäu
                    des interessiert mi afoch. kafka, die verwandlung is jo urgeil, oida! [kch]
                    heast, oida hot der gsogt ... i zeichn eam des scho auf ... de oaweit von mir
                    woar guad, owa du host jo a mündliche prüfung a, sog i des muasst lerna, lern
                    die zwaradreißg sätz auswendig, du idiot! der hot voi de nerven weggagschmissn.
                    [kch-kchhhhh]</p>
                <p>– wonn host du zeit fürra dissertation zum schreibn?</p>
                <p>– na im häfn! howi gschriebn am pentium zwah woar des, ungefähr wiara roischuah
                    ohne radln. i hob ma zwa gigabyte eineghaut und a russisches windows sparta
                    drauf, des geht wie de feierwehr. mei hawerer, der is dreimoi antreten zur
                    mündlichen, donn hodas gschofft. [kch-kchhhhh] wiari entlassen worden bin, samma
                    ins puff, howi eam ane in de goschn ghaut, weil er so beinand woar. de leid san
                    ned dankbar. brauch i a ned. owa i inszenier gern wos. damma ois legalisieren,
                    dann gibts ka kriminalität a nimma.</p>
                <p>– jo jo, jeda schware giftler is a ganz a vifer.</p>
                <p>Manche richten sich in diesen durchgehenden Rauschsequenzen selbst schaurige
                    Grüße aus, aber diesmal hat sich Kola-Karli auf Wundrada eingeschossen, der –
                    mittlerweile im fortgeschrittenen Alter illegalen Rauschgiften und anderen
                    Brimborien, die mit Gefängnisstrafen in Verbindung stehen, abgeschworen – als
                    weiser Mann in seinem Stammlokal, dem Watschentango, herhalten muss.</p>
                <p>– na, wundrada, grod is es schlimm bei mir ... i steh zwischn zwa weiba,
                    [kch-kchhhhh] mei freindin hod unbegrenzte mengen kokain, des waaß i, und bei
                    dera neichn, scheints, wearn de ketaminhügerln imma greßa stott kleana.</p>
                <p>– au, stereo, stereowatschn, des is a situation!</p>
                <p>– jo waaßt eh wie des is, mi zreissts grod, wirklich, [kchhhhh] ständig hin und
                    her.</p>
                <p>– na, sowas kann an scho mitnehma, owa jo, i bin jo a ganzes trum öda wia du, und
                    des glaubt ma kaum, do hots mi später im lebn a no aufzaht, ois erwachsener
                    mann, des kann höllisch werdn, wannst immer moi so, moi so, im wechseltakt
                    ...</p>
                <p>– jo, und dann denkst da is leiwand, und hinterher kriagst wieder a watschn.
                    [kch-kchhhhh]</p>
                <p>– na, muasst aufpassn, dass di ned aufprackt. fühlt si natürlich zerst leiwand
                    an, insgeheim waaßt owa eh, dass des nix is. muasst bedenken, dass des in
                    wirklichkeit ned olles so dulli is. zerst siagst nur auf kurz, geht si owa ned
                    aus auf lang.</p>
                <p>– jetz is es eh scho fost zspät bei mir, wonn ma uns ehrlich san. [kch] weil
                    wonns leicht geht a nu ...</p>
                <p>– jo, donn greift ma zua. und wonns nix kost vor ollem. san jo beides kane hurna,
                    ned?</p>
                <p>– wos fia hurna? heast oida, i hob kan liebeskummer! i red von de substanzen, de
                    mochn ma kummer und sorgn. [kch-kchhhhh] des mit de weiba is ma wurscht, de pock
                    i beide ah. [kch] owa permanent auf keta und kola, des setzt ma zua!</p>
                <p>In ihren Phasen, in denen sie dem Alkohol in Kombination mit anderen Substanzen
                    manisch huldigen, werden die Patienten im ausgiebig konträren Wechseltakt
                    unmenschlich stark und unheimlich schwach. Vernichtung als Form der
                    Verwandlung.</p>
                <p>– die verwandlung is jo urgeil, oida, owa i muass zum bankomat, bissl an
                    schmattes hoin, [kch-kchhhhh] sunst konn i ned zoin.</p>
                <p>– owa geh ma jo ned valorn, do is jetz einiges offen, ma liawa.</p>
                <p>– na, ehrensache. ahjo, und, chefin, wonn ma scho reden auf freundschaftlicher
                    basis: i hob in drei dog geburtsdog, normalerweis feier i mi ned söwa, owa des
                    is a runder, der ned näher definiert werden muass. kann i a boa spezis
                    vorbeibringen? olle seriös, san profimusiker und autohändler dabei,
                    bankangestellte, a kiwara, owa auf unsara seitn, is a guade mischung.</p>
                <p>– moch ma scho, owa zerst schaust ma amoi richtung bankomatowitsch.</p>
                <p>Sagt die Wirtin, während Kola-Karli den Watschentango schon im Stechschritt
                    verlassen hat. Wetten werden abgeschlossen, ob er noch heute wiederkehrt oder im
                    Wahn die Stadt heimsucht, aber während die Einsätze noch nicht einmal fixiert
                    sind, steht er tatsächlich schon wieder im Kabäuschen und murrt:</p>
                <p>– geh scheißdreck, stöh ma nu an großn whiskey auf de koidn stana her, während i
                    gschwind aufs klo geh. [kch-kchhhhh] i woar scho beim göhdautomatn, gib ein de
                    ersten drei nummern, de sitzn, owa de vierte is ma entfoin.</p>
                <p>– bestie intelligenz!</p>
                <p>– zwa foische kombis howi scho eintippt, beim drittn moi sperrns ma de
                    beidlkoartn. und de gheat jo ned mir. [kchhhhh] mit a bissl ham ham fürs hirn
                    dawisch i beim nächsten moi de richtige zusatzzahl, des waaß i, oiso...</p>
                <p>Die Wirtin – was hat sie zu verlieren? – lässt sich auf das Experiment ein.
                    Kola-Karli geht nach hinten aufs Klo und greift in seine rechte Hosentasche,
                    mimt den Brieferlöffner und schaufelt sich eine dicke Spur zusammen, die mit
                    einem kräftigen Schwung die Nase hochgezogen wird.</p>
                <p>– fuck.</p>
                <p>Sagt Kola-Karli gleich darauf zu sich selbst. Jetzt tastet er seine linke
                    Hosentasche ab und merkt, dass dort sein Briefchen Kokain steckt und er gerade
                    aus Versehen eine Portion Ketamin mehrerer Pferdestärken gezogen hat. Die
                    Wandfliesen bewegen sich auf ihn zu wie langsam schmelzender Emmentaler,
                    verwandeln sich zu M. C. Escher-Täuschungen mit schwarzen Löchern, die Klotür
                    verbiegt sich, Kola-Karli versucht vorsichtig, gerade und mit Stil durch den
                    Rahmen zu gelangen, aber es sind Rahmen, die sich ändern, er muss sich mit
                    beiden Händen daran halten wie bei Windstärke 10. Im Prater-Kabinett gelandet,
                    tapst er durch ein blinkend-rotierendes Riesenrohr, während die Bodenfliesen wie
                    lose Hängebrückenbretter herumschaukeln und ihn noch weiter in seinen eigenen
                    Irrgarten jagen. Windstärke 11. Jetzt glaubt auch er nicht mehr an den Jackpot
                    mit der vierten Zahl, aber das kann er so nicht auf sich sitzen lassen.</p>
                <p>Kola-Karli torkelt zurück in den Gastraum, dessen Insassen ihn grinsend
                    durchblicken und längst wissen, dass er gerade mit der Geisterbahn fährt. Sein
                    Schiff schaukelt im Steilhang, er hält sich auf den Beinen wie ein Halbstarker
                    im Tagada, versucht noch, Contenance zu wahren, und greift nach seinem Whiskey.
                    Geschafft!, aber am Weg zum Mund verschüttet er die Hälfte am Boden. Die andere
                    Hälfte landet im Gesicht. Kch-kchhhhh. Dann dreht es ihn in einer
                    Rückwärtspirouette zusammen und er landet Arsch voran auf der Sitzbank neben
                    Wundrada, der gerade noch zur Seite rutscht.</p>
                <p>– no, schneesturm auf scheißhaus?</p>
                <p>– na ... i hob des puiva fia de oaschlochpferdln dawischt.</p>
                <p>– ui, na do wirst guad schlofn. kumm her, beine hoch, leg di nieda.</p>
                <p>Sagt Wundrada und sortiert den Pferdeflüsterer in Seitenlage. Wundradas
                    Oberschenkel dienen ihm als Kopfpolster, Kola-Karli lässt seinen rechten Arm
                    nach hinten über seinen Kopf baumeln und erzählt von Harold Robbins und seiner
                    Verwandlung. Wundrada nimmt sein Händchen und streichelt es liebevoll:</p>
                <p>– wird scho wieda, fury, jetzt tuast brav rasti rasti und von hübsche stuten
                    träumen. wennst aufwachst kannst a wieder bis viere zöhn. und i hob da nu gsogt,
                    dua des mit de frauen aussortiern, der rest erledigt si dann von söbst. dann
                    hättest kane schwierigkeitn, de richtigen substanzn zum dawischn, und du wüst jo
                    da kola-karli bleibn, ned da keta-karli werdn, howi recht?</p>
                <p>Diese Worte nimmt Kola-Karli nur noch aus einem malmenden Orbit wahr, er befindet
                    sich in einem wohlig-intensiven Nahtoderlebnis. Wundrada zeigt sich geduldig und
                    ordert mit einem schwungvollen Fingerzeig ein neues Getränk. Die Wirtin schreit
                    feierlich:</p>
                <p>– die nächste runde ist österreichs industrie gewidmet!</p>
                <p>Kola-Karli macht keinen Mucks.</p>
                <space unit="lines" quantity="10"/>
            </div>
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