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                <title type="main" xml:lang="de">Nilpferde und Nazis</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Der Comicstrip <hi rend="italic">Herr Seicherl und
                        sein Hund</hi></title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Johanna</forename>
                        <surname>Lenhart</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Masaryk University, Department of German, Scandinavian and
                        Netherland Studies</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-02-05</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Tobias Seicherl</term>
                    <term xml:lang="de">Das Kleine Blatt</term>
                    <term xml:lang="de">Comic</term>
                    <term xml:lang="de">Pulp</term>
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                    <term xml:lang="en">Tobias Seicherl</term>
                    <term xml:lang="en">Das Kleine Blatt</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Am Beispiel von Tobias Seicherl, dem populären Protagonisten eines
                    politisch-satirischen Comicstrips in der Wiener Pulp-Zeitung <title>Das Kleine
                        Blatt</title>, zeigt Johanna Lenhart in ihrem Beitrag die Einflüsse
                    politischer Entwicklungen auf die populären Kleinformate auf. So entwickelt
                        sich <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> von einem – wenn auch
                    eindeutig einer politischen Richtung zuordenbaren – kritischen Comic zu einem
                    medialen Mitläufer. Aber nicht nur die politischen, sondern auch weitere
                    zeitgenössische Diskurse etwa rund um die Automobilisierung und internationale
                    Touristik finden sich im Comic direkt gespiegelt.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Using the example of Tobias Seicherl, the popular protagonist of a political
                    satire comic strip in the Viennese pulp paper <title>Das Kleine Blatt,</title>
                    Johanna Lenhart’s contribution shows the influence of political developments on
                    the simpler forms. Thus, <title>Herr Seicherl and His Dog</title> moves from a
                    critical – albeit clearly attributable to a political orientation – comic to a
                    mainstream medium. But not only the political, also other contemporary
                    discourses are directly reflected in the comic – such as those concerning
                    automobilisation or international tourism.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr04_02-05_01">
                <p>
                    <quote source="#ref_KB-19301009">I bin Patriot, wer links steht is mei
                        Feind!</quote> (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19301009">KB,
                        4. Jg., Nr. 279, 9. Oktober 1930, S. 6</ref>), lässt Seicherl, der
                    Protagonist des Comicstrips <title>Herr Seicherl und sein Hund</title>,
                    programmatisch verlauten. Gezeichnet von Ladislaus Kmoch (1897–1971, später als
                    Ludwig Kmoch tätig) erscheint der <term>Daily Strip</term> von 1930 bis 1940 in
                    der sozialdemokratischen Tageszeitung <title>Das Kleine Blatt</title> und
                    spiegelt sowohl die turbulenten politischen Entwicklungen der 1930er-Jahre als
                    auch zeitgenössische Diskurse, die sich auf die durch die Industrialisierung
                    rasant verändernden sozialen Umstände beziehen.</p>
                <p>In der fünften Folge mit dem Titel ‚Seicherls Feind steht links‘ wird zum einen
                    die (tages-)politische Ausrichtung von <title>Herr Seicherl und sein
                        Hund</title>, zum anderen die politische Unbedarftheit des Titelhelden
                    offensichtlich: Seicherl ist kein informierter Besucher von politischen
                    Veranstaltungen, sondern ein leicht beeinflussbarer Mitläufer. Das Fazit des
                    Redners im ersten Panel – „Links steht unser aller Feind!!!“ (ebd.) – nimmt
                    Seicherl sogleich wörtlich und versteht es als Handlungsaufforderung. Anstatt
                    jedoch gegen politisch ‚linke‘ Einstellungen vorzugehen, geht Seicherl auf einen
                    räumlich von links kommenden Passanten los und macht sich so natürlich über die
                    ‚rechten‘ Agitatoren lustig.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_01">
                    <graphic width="375px" height="106px" url="media/wdr04_02-05_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherls Feind steht links.‘, Das Kleine Blatt, 4. Jg.,
                        Nr. 279, 9. Oktober 1930, S. 6.</head>
                </figure>

                <p>Dieser falsche Kurzschluss von linker politischer Orientierung mit einer räumlich
                    von links kommenden Person ist typisch für die Erzählweise des Strips und
                    funktioniert, weil der Protagonist in den unpolitischen Episoden entsprechend
                    narrativ und bildlich eingeordnet wird. In den vier vorhergehenden Folgen wird
                    Seicherl als Trinker, Tollpatsch, Pechvogel und Einfaltspinsel dargestellt, dem
                    das Leben – obwohl nicht unverschuldet – übel mitspielt. Immer wieder wird auch
                    die ‚Dummheit‘ Seicherls dar- und ausgestellt, meist mit unangenehmen Folgen für
                    den Protagonisten: In Slapstick-Manier wird Seicherl ständig aus
                    unterschiedlichen Lokalen und Institutionen hinausgeschmissen, von Zügen und
                    Autos überfahren oder von aufgebrachten Mitbürger:innen verprügelt.</p>
                <p>Mit dieser fünften Folge, ‚Seicherls Feind steht links.‘, wird nun auch die
                    politische Orientierung des Comicstrips offensichtlich: Die stehende Figur
                    Tobias Seicherl, dessen Name aus dem Wiener Dialekt einen Schwächling, einen
                    opportunistischen Feigling ohne Rückgrat suggeriert (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Havas2010">Havas/Sackmann 2010: 51</ref>), sympathisiert mit den
                    ‚Rechten‘, was in den 1930-Jahren zunächst vor allem die zunehmend militante
                    Heimwehr, die sogenannten <quote source="#ref_KB-19311212"
                        >Hahnenschweifler[]</quote> (<ref type="bibl" target="#KB"
                        xml:id="ref_KB-19311212">KB, 5. Jg., Nr. 342, 12. Dezember 1931, S.
                    13</ref>), und die Nationalsozialisten, die <quote source="#ref_KB-19320424"
                        >Hakinger[]</quote> (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19320424"
                        >KB, 6. Jg., Nr. 114, 24. April 1932, S. 25</ref>), einschloss. Dieses
                    Engagement geht allerdings selten gut aus und Seicherl (und mit ihm die
                    ‚Hahnenschweifler‘ und ‚Hakinger‘) landet in der – metaphorischen und wörtlichen
                    – Gosse. Der Strip erzählt und kommentiert so durch seine grundlegend politische
                    Konzeption ab 1930 die politischen Entwicklungen von Austrofaschismus bis zum
                    ‚Anschluss‘ Österreichs an NS-Deutschland über die Figur Seicherl: Dieser stürzt
                    sich etwa begeistert in den Wahlkampf für Bundespräsident Wilhelm Miklas oder
                    freundet sich mit dem CS-Vorsitzenden Carl Vaugoin an, lässt sich sowohl von der
                    Heimwehr als auch von den Nationalsozialisten leicht vereinnahmen: Seit Oktober
                    1930 Mitglied der Heimwehr, wird Seicherl im April 1932 dann sogar kurz zum
                    Kommunisten und gleich darauf zum ‚Hakenkreuzler‘. <quote
                        source="#ref_KB-19320408">Die g’falln ma besser, weils‘ a Uniform
                        hab’n</quote> (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19320408">KB, 6.
                        Jg., Nr. 98, 8.&#160;April&#160;1932, S. 13</ref>), begründet er seine wenig
                    ideologisch inspirierte Entscheidung.</p>
                <p>Während die politische Karikatur in den 1930er-Jahren blühte, war die politische
                    Ausrichtung von Comicstrips in Europa zu dieser Zeit selten. Ab Mitte des 19.
                    Jahrhunderts hatte die politische Orientierung von europäischen Comicstrips
                    zusehends abgenommen (vgl. <ref type="bibl" target="#Kunzle1990">Kunzle 1990:
                        7</ref>). Eine Ausnahme stellten hier allerdings Strips aus der
                    Habsburger-Monarchie dar, wie der Comichistoriker David Kunzle in seiner
                    umfassenden Untersuchung zum frühen europäischen Comic feststellt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kunzle1990-334">The Austrian strips of this period are
                        predominantly political, and persistently so, as nowhere else in Europe. The
                        installation of a “bourgeois ministry” in 1868, the ascendancy of liberals,
                        and the new, if limited, parliamentary representation and power served to
                        mitigate press censorship, thus permitting a level of critical freedom in
                        domestic and foreign affairs that was perhaps greater than anywhere in
                        Europe outside Britain. (<ref type="bibl" target="#Kunzle1990"
                            xml:id="ref_Kunzle1990-334">Kunzle 1990: 334</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Diese Verbreitung des politischen Strips nimmt jedoch gegen Ende der 1880er-Jahre
                    auch in Österreich-Ungarn unter dem Einfluss französischer Produktionen und
                    deren Hang zu Erotika wieder ab. Der Strip an und für sich blieb in der
                    Monarchie allerdings populär, etwa jene des Tschechischen Zeichners Karl Klič,
                    der seine Zeichnungen in Zeitschriften wie <title>Kikeriki</title>,
                        <title>Floh</title>, <title>Die Bombe</title> oder <title>Wiener
                        Caricaturen</title> veröffentlichte (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kunzle1990">Kunzle 1990: 334f.</ref>). Dass Kmoch 1930 wieder einen
                    politischen Comicstrip konzipierte, schloss also zum einen an die Tradition des
                    politischen Comicstrips an, war aber zum anderen zu diesem Zeitpunkt schon nicht
                    mehr üblich. Verbunden mit der erwachsenen Zielgruppe und der ambitionierten
                    grafischer Gestaltung – Sprechblasen, ‚Peng-Wörter‘, Bilder in den Sprechblasen,
                    Bewegungslinien (vgl. <ref type="bibl" target="#Havas2010">Havas/Sackmann 2010:
                        50</ref>) – lag <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> ein innovatives
                    Konzept zugrunde, dem durchschlagender Erfolg beschert war (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Denscher1983">Denscher 1983: 12f.</ref>).</p>
                <p>Allerdings scheint sich der Strip weniger an europäischen Comicstrips zu
                    orientieren als an amerikanischen Produktionen. Während in (West-)Europa
                    Comicstrips meist eher in den Kinderbeilagen von Tageszeitungen erschienen und
                    pädagogisch hehre Ziele verfolgten (vgl. <ref type="bibl" target="#Knigge2009"
                        >Knigge 2009: 24</ref>), waren die amerikanischen <term>Funnies</term> oft
                    subversiver angelegt. Diese seriell in (Tages-)Zeitungen erscheinenden
                    Comicstrips feierten in den US-amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften ab
                    Ende des 19. Jahrhunderts große Erfolge, da sie dem Alltag der Leser:innen
                    satirisch Ausdruck verliehen. Eines der bekanntesten frühen Beispiele für diese
                    Form war der US-amerikanische Strip <title>The Yellow Kid</title> (1895–1898)
                    von Richard F. Outcault. In den Geschichten über einen New Yorker Hinterhof und
                    seine ärmlichen Bewohner entsteht hier ein <quote
                        source="#ref_Platthaus2016-183">soziales Panoptikum</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Platthaus2016" xml:id="ref_Platthaus2016-183">Platthaus
                        2016: 183</ref>), in dem unterschiedlichste Nationen, Sprachen und Ideen
                    satirisch aufeinandertreffen. Bei Outcault wie auch in anderen US-amerikanischen
                    Frühformen des Comicstrips ist so durchaus auch eine gesellschaftskritische,
                    politisch-subversive Haltung auszumachen, die sich mit ihrer Ausrichtung auf
                    erwachsene Leser:innen und den moralisch oft nicht eindeutig integren
                    Protagonist:innen häufig gegen Autoritäten und bürgerliche Moralvorstellungen
                    richtet (vgl. <ref type="bibl" target="#Knigge2009">Knigge
                    2009:&#160;24</ref>).</p>
                <p>Interessant ist die politische Ausrichtung von <title>Herr Seicherl und sein
                        Hund</title> auch vor dem Hintergrund des Publikationsmediums: Der
                    Comicstrip erschien in <title>Das Kleine Blatt</title>, einer einflussreichen
                    sozialdemokratischen Boulevard-Zeitung (gegründet 1927), die – so zitiert
                    Bernhard Denscher den Gründer und Chefredakteur Julius Braunthal – <quote
                        source="#ref_Denscher1983-9">die Phantasie der Massen fesselt […] und in der
                        einfachen Sprache des Volkes zum Volk spricht</quote> (Braunthal zit. n.
                        <ref type="bibl" target="#Denscher1983" xml:id="ref_Denscher1983-9">Denscher
                        1983: 9</ref>). Sie wurde als Kontrapunkt zur theorielastigen
                    Parteiagitation gegründet und richtete sich dementsprechend mit klar
                    sozialdemokratisch orientierten, aber zugänglichen Inhalten wie <title>Herr
                        Seicherl und sein Hund</title> an das ‚einfache‘ Volk, was sich als äußerst
                    erfolgreiche Strategie erwies (vgl. <ref type="bibl" target="#Potyka1989">Potyka
                        1989: 20f.</ref>). Dass das <title>Kleine Blatt</title> auf Comics setzte –
                    gemeinsam mit <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> wurden auch die (auf
                    Kinder ausgerichteten) Serien <title>Klipp und Klapp</title> (Willy Spira) sowie
                        <title>Bobby Bär</title> (Franz Plachy) gestartet – ist nicht überraschend,
                    denn gerade Arbeiter:innenzeitungen stellten beliebte Medien für Comicstrips
                    dar, wie Kunzle anmerkt: <quote source="#ref_Kunzle1990-7">A rule confirms the
                        lower-class orientation of the comic strip: the more serious, the more
                        political, the more sophisticated the magazine, the less likely it was to
                        carry comic strips.</quote> (<ref type="bibl" target="#Kunzle1990"
                        xml:id="ref_Kunzle1990-7">Kunzle 1990: 7</ref>) Die Geschichten über den
                    ‚rechten‘ Seicherl fügen sich so nahtlos in die Blattlinie, denn Anhänger wie
                    Seicherl diskreditieren natürlich die Sache, für die sie sich einsetzen. Seine
                    Unterstützung kann sich <quote source="#ref_Denscher1983-50">sei‘ ärgster Feind
                        net wünsch’n</quote> (‚Seicherls Erlebnisse im Wahlkampf‘, 9. Oktober 1931,
                    zit. n. <ref type="bibl" target="#Denscher1983" xml:id="ref_Denscher1983-50"
                        >Denscher 1983: 50</ref>), wie sein Hund Struppi, der als vernunftbegabtes
                    Korrektiv und Identifikationsfigur für die sozialdemokratischen Leser:innen
                    fungiert, eine von Seicherls Aktionen kommentiert.</p>
                <p>Soweit die Ausrichtung am Ausgangspunkt von <title>Herr Seicherl und sein
                        Hund</title> 1930, die sich im Laufe des Jahrzehnts mehrmals wenden sollte,
                    denn die politischen Entwicklungen machen auch vor dem <title>Kleinen
                        Blatt</title> nicht Halt. Obwohl der Strip sowohl die ‚Umgestaltung‘ der
                    Redaktion nach der Machtübernahme durch Engelbert Dollfuß und der damit
                    einhergehenden Einführung der Vorzensur ab 24. März 1933 als auch die Übernahme
                    der Publikation 1938 durch das NS-Regime wohl aufgrund seiner Popularität
                    vordergründig unbeschadet übersteht, verändert er sich in seiner Ausrichtung
                    markant: Ab 1934 fehlen die tagespolitischen Anspielungen beinahe ganz. Im Juli
                    1935 begeben sich Seicherl und Struppi auf eine Weltreise und ziehen sich so
                    vorerst aus der Tagespolitik zurück. Erst nach dem ‚Anschluss‘ 1938 bezieht der
                    Strip wieder Position – allerdings eine entgegengesetzte. Eine Entwicklung, die
                    hier anhand von zwei Beispielen kurz nachvollzogen werden soll.</p>
                <p>Im März 1933, kurz nach der sogenannten ‚Selbstausschaltung‘ des österreichischen
                    Parlaments und dem Beginn des Austrofaschismus unter Engelbert Dollfuß, ändert
                    sich die Situation der sozialdemokratischen Presse in Bezug auf Pressefreiheit
                    radikal. Unter anderem wurde die Vorzensur eingeführt und Kolportageverbote
                    erlassen bzw. zumindest angedroht, was auch zu einer Änderung der
                    Berichterstattung im <title>Kleinen Blatt</title> führte, wie die Zeitung einige
                    Monate später anlässlich der Verlautbarung einer neuen Notverordnung für das
                    Pressewesen selbst bemerkt: <quote source="#ref_KB-19330611">Unsere Leser werden
                        verstehen, in welche Bedrängnis wir gekommen sind. Sie werden begreifen, daß
                        man nun eine Zeitung <hi rend="italic">anders</hi> schreiben muß als
                        bisher.</quote> (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19330611">KB,
                        7. Jg., Nr. 158, 11. Juni 1933, S. 5</ref>; Hervorhebung im Original)</p>
                <p>Diese Veränderung der Publikationsbedingungen kommentiert Kmoch in der Folge
                    ‚Seicherl wagt nicht zu husten.‘ (<ref type="crossref"
                        target="#wdr04_02-05_Abb_02">Abb. 2</ref>) verdeckt: Seicherl muss husten,
                    kann das aber nicht in der Öffentlichkeit tun: <quote
                        source="#wdr04_02-05_Abb_02">Die Zeiten sind nicht danach</quote>, wie
                    Struppi kommentiert, sondern er verschwindet dafür in den Keller. Husten als
                    Chiffre für ‚sich kritisch äußern‘ ist nur im Keller, wo man nicht gehört wird,
                    möglich, weil man sonst mit Repressionen zu rechnen hat. Kmoch reagiert hier zum
                    einen auf die eingeschränkte Pressefreiheit, zum anderen kommentiert er aber
                    auch das Verhalten der Sozialdemokratie, die sich angesichts der Ausschaltung
                    des Parlaments überraschend passiv verhielt (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Denscher1983">Denscher 1983: 93</ref>) und eben nicht hustet. Kmoch
                    erzeugt mit dieser Folge ein Paradox: Politische Meinungsäußerung ist, so die
                    Aussage der Folge, nur noch im Geheimen möglich und gleichzeitig tut Kmoch es
                    doch in aller Öffentlichkeit.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_02">
                    <graphic width="375px" height="130px" url="media/wdr04_02-05_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherl wagt es nicht zu husten.‘, Das Kleine Blatt, 7.
                        Jg., Nr. 82, 23. März 1933, S. 13.</head>
                </figure>

                <p>Der Februaraufstand 1934 und das darauffolgende Verbot der Sozialdemokratie tat
                    schließlich sein Übriges und machte auch vor dem <title>Kleinen Blatt</title>
                    und Seicherl nicht halt. Nach der Verhaftung des Chefredakteurs und der
                    Umbesetzung der Redaktion im Sinne des Dollfuß-Regimes erschien ab Ende Februar
                    1934 die Zeitung nach zweiwöchiger Pause erneut. (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Potyka1989">Potyka 1989: 29</ref>). Am 28. Februar erscheint am
                    Titelblatt eine Zeichnung mit dem Comic-Personal des <title>Kleinen
                        Blatts</title>, unter anderem auch mit Seicherl und Struppi, unterschrieben
                    mit: <quote source="#ref_KB-19340228">Wir alle sind schon wieder da</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19340228">KB, 8. Jg., Nr. 42,
                        28. Februar 1934, S. 1</ref>). Auf Seite&#160;2 wird die neue Ausrichtung
                    des <title>Kleinen Blatts</title> und der Versuch der <quote
                        source="#ref_Potyka1989-29">von der Regierung beabsichtigten
                        ‚Normalisierung‘ und […] ‚Versöhnung mit der Arbeiterschaft‘</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Potyka1989" xml:id="ref_Potyka1989-29">Potyka 1989:
                        29</ref>) deutlich:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_KB-19340228">Das Kleine Blatt erscheint wieder. Man hat der
                        Arbeiterschaft ihren alten Freund zurückgegeben und damit einen sichtbaren
                        Beweis der wiederholt geäußerten Absicht gegeben, die Wunden so rasch als
                        möglich zu heilen und über die vergangenen Tage des Unglücks den Schleier
                        der Versöhnung zu breiten. (<ref type="bibl" target="#KB">KB, 8. Jg., Nr.
                            42, 28. Februar 1934, S. 2</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die <quote source="#ref_KB-19340228">Neugestaltung des staatlichen Lebens</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#KB">ebd.</ref>), wie es weiter heißt, hat auch
                    auf Seicherl und Struppi Einfluss: Kmoch enthält sich von nun an politischer
                    Kommentare. Seicherl verliebt sich, wird zum Schriftführer beim Sparverein,
                    befindet sich im <quote source="#ref_KB-19340320">Erfinderwahn</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19340320">KB, 8. Jg., Nr. 62, 20.
                        März 1934, S. 13.</ref>) und begibt sich auf eine Weltreise. Kmoch baut so
                    nach den Februarkämpfen die unpolitische Linie seiner Seicherl-Comics aus und
                    garantiert sich dadurch auch in der veränderten Blattlinie einen Platz.</p>
                <p>Mit Übernahme des NS-Regimes 1938 ändert sich die politische Stoßrichtung von
                        <title>Das Kleine Blatt</title> und <title>Herr Seicherl und sein
                        Hund</title> schließlich noch radikaler. Unter der neuen
                    nationalsozialistischen Führung sind ab dem 13. März 1938 propagandistische
                    Beiträge, um die Arbeiter:innenschaft in das Deutsche Reich ‚heimzuholen‘,
                    zahlreich und wenig subtil: <title>Das Kleine Blatt</title> geht nahtlos in ein
                    nationalsozialistisches Propagandamedium über. Genauso ergeht es Seicherl und
                    Struppi: Ohne viel Federlesens legen sie ihre unpolitische Haltung aus den
                    Jahren des Austrofaschismus ab und werden zu Sprachrohren
                    nationalsozialistischer Gesinnung. Hatte sich Kmoch bis 1934 in der Gestalt
                    Seicherls über die ‚Hakinger‘ lustig gemacht, agiert die Figur nun in deren
                    Sinne und bedient sich dabei antisemitischer und rassialisierender Stereotype,
                    beispielsweise in der Folge ‚Seicherl und Schwasser haben Dienst im
                    Journalistenzimmer‘: Im März 1938 befinden sich Seicherl, Schwasser (ein
                    zeitweiliger Begleiter Seicherls) und Struppi gerade auf Weltreise, nach dem
                    ‚Anschluss‘ treten sie aber bald die Heimreise an (die Folge vom 18. März –
                    sechs Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich – trägt den
                    vielsagenden Titel ‚Seicherl und Schwasser haben Heimweh‘). Auf ihrer Rückreise
                    geraten sie durch einen Unfall nach Genf, wo sie eine Anstellung beim Völkerbund
                    ergattern. Am 28. April 1938 treten Seicherl, Schwasser und Struppi ihren Dienst
                    im Journalistenzimmer des Völkerbunds in Genf an, um <quote
                        source="#ref_KB-19380428">durt die arische Rasse –&#160;quasi&#160;– [zu]
                        repräsentier’n!</quote> (<ref type="bibl" target="#KB"
                        xml:id="ref_KB-19380428">KB, 12. Jg., Nr. 116, 28. April 1938, S.
                    10</ref>).</p>
                <p>Zurückgreifend auf die antisemitische Zuschreibung der habgierigen ‚jüdischen
                    Lügenpresse‘, bedient sich die Darstellung der anwesenden Journalisten visueller
                    antisemitischer Stereotypen (z. B. Hakennase, krauses Haar, ‚Hässlichkeit‘) und
                    markiert die versammelte Presse auch sprachlich als jüdisch. Denn während sonst
                    alle Figuren, von Seicherl über Angehörige diverse Nationalitäten bis hin zu den
                    auf den Weltreisen häufig auftauchenden sprechenden Tieren, eine an den
                    Wienerischen Dialekt angelehnte Sprache verwenden, werden jüdische Figuren unter
                    anderem über ihre divergente Sprache als nicht zugehörig gekennzeichnet: <quote
                        source="#wdr04_02-05_Abb_03">Verzeih’n Se, Herr Kollege, können Se mer
                        überloss’n ä poor gute Greulnachricht’n über Osterreich? Jach brauch se [zu]
                        liefern an à amerikanische Korrespondenz!</quote> (<ref type="crossref"
                        target="#wdr04_02-05_Abb_03">Abb.&#160;3</ref>) Diese Mischung aus
                    fehlerhafter Sprache und verzerrtem Jiddisch grenzt die jüdischen Journalisten
                    in Genf vom ‚astreinen‘ Wienerisch von Seicherl, Schwasser und Struppi ab.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_03">
                    <graphic width="375px" height="137px" url="media/wdr04_02-05_Abb_03.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherl und Schwasser haben Dienst im Journalistenzimmer‘,
                        Das Kleine Blatt, 12. Jg., Nr. 116, 28. April 1938, S. 10.</head>
                </figure>

                <p>Ein sehr ähnliches Verfahren der antisemitischen Verwendung von Sprache stellt
                    Kees Ribbens im niederländischen Comicstrip <title>Rare, maar ware
                        commentaren</title> (dt. <title>Seltsame, aber wahre Kommentare</title>)
                    fest, der ebenfalls tagespolitisch, allerdings aus einer dezidiert
                    nationalsozialistischen Perspektive kommentiert. Im Comicstrip des Zeichners
                    Peter Beekman, der 1942 in der Wochenzeitung <title>Volk en Vaderland</title>
                    der niederländischen Nationalsozialisten erschien, lassen sich so gut wie alle
                    antisemitischen Verfahren und Anspielungen, die auch bei Kmoch auftauchen
                    (visuelle Stereotypen, Anspielungen auf die ‚jüdische Weltverschwörung‘, der
                    ‚gierige Jude‘, Juden als schlechte Soldaten etc.; vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Ribbens2018">Ribbens 2018: 9–21</ref>), wiederfinden. Gerade auch
                    über die Sprache werden Juden und Jüdinnen in <title>Rare, maar ware
                        commentaren</title> als das grundsätzlich ‚Andere‘ (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Ribbens2018">ebd.: 12</ref>) markiert:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Ribbens2018-15">Unlike most of the other protagonists in the
                        comic, Jews make their statements in words that are incomplete or
                        incorrectly spelled, regardless of their social background. […] The
                        characters’ command of the language is poor and is presented as an
                        idiosyncratic concoction of slang and Yiddish. (<ref type="bibl"
                            target="#Ribbens2018" xml:id="ref_Ribbens2018-15">Ebd.:
                        15</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Ähnlich wie Beekman schreibt Kmoch dabei diese Markierung von Juden (es treten
                    keine Jüdinnen auf) als ‚das Andere‘ den jüdischen Figuren selbst zu: Dadurch
                    dass Schwasser sich selbst (und andere) nichtjüdische Menschen mit dem
                    hebräischen Begriff ‚Gojim‘ bezeichnet, spielt er auf die in antisemitischen
                    Argumentationen oft aufgerufene vorgebliche Absicht von Juden und Jüdinnen an,
                    sich als ‚etwas Besseres‘ von der nichtjüdischen Bevölkerung abgrenzen zu
                    wollen, an (vgl. <ref type="bibl" target="#Ribbens2018">Ribbens 2018: 15</ref>).
                    Nicht die Juden und Jüdinnen sind also die Ausgegrenzten, sondern sie sind die
                    Ausgrenzer, wird über die Sprache signalisiert. Auch in späteren Folgen, die
                    nicht mehr (tages-)politisch orientiert sind, markiert Kmoch Juden über die
                    Sprache. Kurz vor dem Überfall auf Polen am 28. August 1939 – die antipolnische
                    Propaganda im <title>Kleinen Blatt</title> ist an ihrem Höhepunkt – stellt
                    Seicherl auf einer seiner Reisen etwa einen Dieb, einen <quote
                        source="#ref_KB-19390828">polnisch’n Amerikaner</quote>, worauf sich der
                    Gestellte sprachlich als Jude (und somit als doppelter, wenn nicht dreifachen
                    Feind) zu erkennen gibt: <quote source="#ref_KB-19390828">Gott der Gerechte ma
                        will mer zerstampf’n!! Gnade, jach bezohl alles!</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#KB" xml:id="ref_KB-19390828">KB, 13. Jg., Nr. 236, 28. August 1939,
                        S. 9</ref>)</p>
                <p>Nach ihrem Abstecher beim Völkerbund kehren Seicherl, Schwasser und Struppi nach
                    Wien zurück und widmen sich nicht mehr der Politik: Seicherl und Schwasser
                    kaufen einen Gemischtwarenhandel und erleben damit diverse Abenteuer. Kaum ein
                    halbes Jahr zurück in Wien zieht es Seicherl, Schwasser und Struppi allerdings
                    wieder in die Welt hinaus. Während in Österreich <quote
                        source="#ref_KB-19381113">Fünf Regierungsverordnungen gegen das
                        Judentum</quote> (<ref type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19381113">KB,
                        12. Jg., Nr. 313, 13. November 1938, S. 1</ref>) erlassen werden, so die
                    Schlagzeile auf dem Titelblatt des <title>Kleinen Blatts</title> am 13. November
                    1938, bringt Seicherl gerade sein erstes Abenteuer in Australien hinter sich.
                    Zwar werden auf der Weltreise immer wieder rassialisierende Stereotype bedient,
                    offen (tages-)politisch – wie etwa gegenüber dem Völkerbund – werden die Strips
                    aber nicht mehr. Diese erneute Weltreise von Seicherl ist auch der Anfang seines
                    langsamen Endes. Nach einer Unterbrechung im August 1939, Kmoch wird zum
                    Kriegsdienst einberufen, wird die Serie im Mai 1940 schließlich sang- und
                    klanglos eingestellt. In den zehn Jahren seines Erscheinens entwickelt sich
                        <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> so von einem – wenn auch
                    eindeutig einer politischen Richtung zuordenbaren – kritisch kommentierenden
                    Comicstrip zu einem medialen Mitläufer. Denn wenn Kmoch 1933 auf die veränderten
                    Publikationsbedingungen wenigstens noch verschlüsselt kritisch reagiert, müssen
                    die antisemitischen Ausfälle 1938 mindestens als Appeasement an das neue Regime
                    gewertet werden.</p>
            </div>

            <div xml:id="wdr04_02-05_02">
                <head>Reisen &amp; Autos: Diskurse der Zeit</head>
                <p>Auch wenn <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> über lange Strecken recht
                    genau dem tagespolitischen Geschehen folgt und es kommentiert, sind auch
                    unpolitische Alltagsgeschichten von Anfang an immer wieder zu finden. Seicherl
                    ist nicht nur der politische Gegner der Sozialdemokratie, sondern auch ein
                    Pechvogel, mit dem die Welt nicht zimperlich umspringt. Der Comicstrip als Teil
                    eines <quote source="#ref_Stein2016-12">Bilder- und Geschichtenarchivs</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Stein2016" xml:id="ref_Stein2016-12">Stein 2016:
                        12</ref>) spiegelt so auch verschiedene in den 1930er-Jahren aktuelle
                    Diskurse wider, von denen hier das Reisen und das Auto exemplarisch
                    nachvollzogen werden sollen.</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_04">
                    <graphic width="200px" height="264px" url="media/wdr04_02-05_Abb_04.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Es gibt keine Entfernungen mehr.‘, Das Kleine Blatt, 5.
                        Jg., 28. Februar 1931, Nr. 59, S. 1.</head>
                </figure>

                <p>Gerade vom Reisen und den Möglichkeiten, die die Entwicklung neuer
                    Transportmittel bieten, ging Anfang des Jahrhunderts eine große Faszination aus.
                    Nicht zuletzt zeugen auch die häufigen Berichte im <title>Kleinen Blatt</title>
                    vom allgemeinen Interesse für Flugzeuge, Luftschiffe und Ähnliches. Berichtet
                    wird etwa vom Film zu Richard Evelyn Byrds Flug zum Südpol 1929 (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#KB">KB, 4. Jg., Nr. 321, 22. November 1930, S. 1</ref>)
                    oder dem verunglückten Luftschiff R101 (vgl. <ref type="bibl" target="#KB">KB,
                        4. Jg., Nr. 276, 6. Oktober 1930, S. 1</ref>). Besonders vielsagend ist auch
                    eine Illustration auf der Titelseite des <title>Kleinen Blatts</title>
                    anlässlich der Einrichtung eines Postflugzeugdienstes Berlin–Schanghai (vgl.
                        <ref type="crossref" target="#wdr04_02-05_Abb_04">Abb. 4</ref>) am 28.
                    Februar 1931: ‚Es gibt keine Entfernungen mehr.‘ – die Welt scheint
                    zusammengerückt zu sein, jede Destination ist (theoretisch) greifbar.</p>
                <p>Die (spärliche) Forschung zu <title>Herr Seicherl und sein Hund</title>
                    interpretiert die Weltreisen aufgrund der zeitlichen Koinzidenzen mit
                    politischen und publizistischen Veränderungen meist als Versuch Kmochs, sich
                    durch unpolitische Folgen aus der Affäre zu ziehen (vgl. z. B. <ref type="bibl"
                        target="#Havas2010">Havas/Sackmann 2010: 56</ref>). Davon abgesehen waren
                    Reisen aber auch allgemein ein beliebtes Motiv im frühen Comicstrip. Besonders
                    nach dem <quote source="#ref_Kunzle1990-225">post-1848 tourist boom</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Kunzle1990" xml:id="ref_Kunzle1990-225">Kunzle
                        1990: 225</ref>) waren Comicheld:innen auf Reisen europaweit anzutreffen,
                    beispielsweise in <title>Schneider Lapp und sein Lehrjunge Pips</title> (Carl
                    Reinhardt, ab 1848) oder <title>Zig et Puce</title> (1925–1954), über den dünnen
                    Zig und den dicken Puce des französischen Zeichners Alain Saint-Ogan, die in
                    allerlei slapstickartige Abenteuer verwickelt, mal in Afrika, mal am Nordpol zu
                    finden sind (vgl. <ref type="bibl" target="#Knigge2004">Knigge 2004: 173</ref>).
                    Und auch der Comicstrip <title>Klipp und Klapp</title>, der zeitgleich mit
                        <title>Herr Seicherl</title> im <title>Kleinen Blatt</title> ins Leben
                    gerufen wird, schickt seine Protagonisten bald auf Reisen.</p>
                <p>Auch Seicherl und Struppi begeben sich bald unter die Reisenden: Bereits im April
                    1934 fahren Seicherl und Struppi für einige Folgen nach Abessinien (heute
                    Äthiopien), um eine Erbschaft anzutreten, und ab Juli 1935 machen sich Seicherl
                    und Struppi mit der gelegentlichen Begleitung ihres landstreicherischen Freundes
                    Schwasser endgültig auf in die weite Welt. Mit gelegentlichen Zwischenstopps in
                    Wien geraten sie von einer Schwierigkeit in die andere, reisen durch Indien,
                    China, an den Nordpol, quer durch die arabischen Staaten, die USA usw.
                    Tagespolitische Anspielungen fehlen in diesen Reise-Episoden mit wenigen
                    Ausnahmen (z. B. wird in der Folge vom 1. Dezember 1935 in Kolombo der
                    Völkerbund diskutiert, am 13. März 1938 wird auf die verschobene Abstimmung zu
                    Österreichs Souveränität angespielt). Anlass für die Reisen ist dabei nicht die
                    Faszination für das Fremde oder eine Form der Abenteuer- oder Entdeckungslust,
                    wie sie etwa in zeitgenössischen Safari-Filmen, z. B. über ‚Afrika‘, als <quote
                        source="#ref_Staples2006-392">experience of exploration and
                        discovery</quote> (<ref type="bibl" target="#Staples2006"
                        xml:id="ref_Staples2006-392">Staples 2006: 392</ref>) zur Schau gestellt
                    werden. Ganz im Gegenteil sucht Seicherl (und später Schwasser) sein Glück in
                    der Ferne zum einen aufgrund einer eher unbestimmten Frustration mit der
                    Situation in Österreich – die erste Weltreise tritt Seicherl und Struppi etwa
                    mit dem Ausruf <quote source="#ref_KB-19350720">An’s tröst mi: Des war mei
                        letzter Unfall in den schäbig’n Europa!</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#KB" xml:id="ref_KB-19350720">KB, 9. Jg., Nr. 198, 20. Juli 1935,
                        S.13.</ref>) an –, zum anderen, weil sie auf der Flucht vor dem Gesetz sind.
                    Meist treiben weder Fernweh noch Reisefieber Seicherl und Struppi aus Wien
                    hinaus, sondern schiere Notwendigkeit. Ihre Reiseroute wird dann auch weniger
                    von Entdeckergeist bestimmt als von Unfällen, Zufällen und Missgeschicken.</p>
                <p>Entsprechend dieser Positionierung personifiziert Seicherl auf seinen Reisen auch
                    nicht, wie man im zeitlichen Kontext vielleicht erwarten könnte, den überlegenen
                    Kolonialherren, sondern eher den Fremden, dessen Anwesenheit von den Ansässigen
                    durchaus kritisch registriert wird. Auch wenn die Angehörigen der entsprechenden
                    Nationalitäten und Ethnien – für die 1930er-Jahre wenig verwunderlich – sehr
                    stereotyp dargestellt werden, werden Seicherl, Struppi und Schwasser als ‚die
                    Weißen‘ immer wieder (vor dem kolonialen Hintergrund durchaus treffend) als
                    nicht zugehörige Eindringlinge markiert. Im April 1937 etwa, Seicherl und
                    Schwasser sind inzwischen Mitglieder der Fremdenlegion, kommen sie im Iran an,
                    was einen der schaulustigen Umstehenden zur – aus der historischen Distanz
                    beinahe unheimlichen – Äußerung: <quote source="#ref_KB-19370425">Die Weiß’n
                        wer’n net weniger! A Wölltkriag wär scho wöder amol guat!</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19370425">KB, 11. Jg., Nr. 114,
                        25.&#160;April&#160;1937, S. 18</ref>) veranlasst. Ähnlich kommentieren zwei
                    Monate später Nilpferde, denen Seicherl und seine Gefährten – inzwischen im
                    ostafrikanischen Timbuktu (Mali) angekommen – begegnen: <quote
                        source="#ref_KB-19370604">Die Zeit’n wer’n immer schlechter! Vurig’s Jahr
                        war’n die Heuschreck’n so stark und heuer san wieder so viel Weiße!</quote>
                    Ein zweites Nilpferd erwidert: <quote source="#ref_KB-19370604">Do war’n ma die
                        Heuschreck’n no liaber.</quote> (<ref type="bibl" target="#KB"
                        xml:id="ref_KB-19370604">KB 11. Jg., Nr. 152, 4. Juni 1937, S. 10</ref>)</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_05">
                    <graphic width="375px" height="131px" url="media/wdr04_02-05_Abb_05.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Von Nilpferden belagert.‘, Das Kleine Blatt, 11. Jg., Nr.
                        152, 4. Juni 1937, S. 10.</head>
                </figure>

                <p>Die Anwesenheit der ‚Weißen‘ wird alles andere als wohlwollend aufgenommen,
                    sondern mit Naturkatastrophen bzw. den zehn biblischen Plagen assoziiert. Das
                    rekurriert zum einen auf diverse europäische Kolonialmächte, die in Afrika ihr
                    Unwesen treiben, zum anderen wecken die einfallenden Heuschrecken auch
                    Assoziationen mit den europäischen Reisenden und Abenteurer:innen, die den
                    Kontinent Afrika immer mehr für sich entdecken. Die zunehmende Verbreitung des
                    Autos ermöglichte es diesen Reisenden, Afrika als ‚unbekannten Ort‘ einfacher zu
                    erforschen und sorgte gleichzeitig für die erste Ausbildung von touristischen
                    Routen (vgl. <ref type="bibl" target="#Staples2006">Staples 2006: 395</ref>).
                    Gleichzeitig entstanden so durch die Möglichkeiten der sich rasant
                    weiterentwickelten Filmtechnik Aufnahmen, die <quote
                        source="#ref_Staples2006-395">exploration narratives from the nineteenth
                        century […] recycled through new forms of mobility and visuality</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Staples2006" xml:id="ref_Staples2006-395">ebd.:
                        395</ref>) wiederaufnahmen und gleichzeitig auch dem interessierten
                    Kinopublikum zugänglich machten.</p>
                <p>1935/36 begaben sich etwa der österreichische Filmemacher Josef Böhmer und seine
                    Frau Hilde auf so eine Unternehmung: Zusammen mit einer sechsköpfigen
                    österreichischen Crew fuhren sie auf Motorrädern mit Beiwagen von Kapstadt nach
                    Kairo und dokumentierten diese Reise im Film <title>Austrian Motorcycle
                        Expedition through Africa – Capetown to Cairo, 1935–36</title>. Die
                    Aufnahmen von dieser Expedition wurden auch öffentlich gezeigt, etwa in der
                    Wiener Urania, aber auch im Rest Österreichs, in der Schweiz, Deutschland und
                    den USA (vgl. <ref type="bibl" target="#oA1998">o.A. 1998: 71</ref>). Zusätzlich
                    wurde ein Reisebericht in Buchform von Hilde Böhmer veröffentlicht, wo Josef
                    Böhmer im Vorwort neben exotistischen Vorstellungen von ‚Afrika‘
                    bezeichnenderweise einmal mehr den Topos vom Zusammenwachsen der Welt und den
                    neuen Möglichkeiten des Reisens aufruft:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Boehmer1936-7">Afrika! – Welche verschiedenartigen
                        Vorstellungen verbinden sich mit diesem Erdteil. Wie romantisch, wie fremd
                        und fern erscheint den meisten Menschen dieser Kontinent; und doch ist er
                        leichter erreichbar als viele wissen. Der Fortschritt der Technik hilft
                        Entfernungen leicht zu überwinden. (<ref type="bibl" target="#Boehmer1936"
                            xml:id="ref_Boehmer1936-7">Böhmer 1936: 7</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Idee, dass ‚Weiße‘ nicht nur als Vertreter:innen von Kolonialmächten, sondern
                    auch als Reisende und Tourist:innen wie Heuschrecken beispielsweise in Afrika
                    einfallen, bezieht sich also ganz unmittelbar auf zeitgenössische Reise- und
                    Darstellungspraxen.</p>
                <p>Damit soll natürlich keinesfalls gesagt werden, dass <title>Herr Seicherl und
                        sein Hund</title> ein antikolonialistisches Ziel gehabt hätte oder dass sich
                    Kmoch keiner rassialisierenden Darstellungskonventionen bedient. Vielmehr soll
                    auf die Ambivalenz, die den Reisen Seicherls zugrunde liegt, hingewiesen werden
                    – eine Ambivalenz, die in der Darstellung ‚der Weißen‘ in kolonialistisch
                    besetzten Ländern in Comicstrips keine Seltenheit darstellt. Gerade die oben
                    erwähnte Ausrichtung von vielen Comicstrips auf Arbeiter:innen bzw. ‚lower
                    middle classes‘ erwies sich laut Kunzle als prädestiniert für ambivalente
                    Haltungen zum Kolonialismus und Imperialismus:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kunzle1990-298">Very few strips follow the straight
                        patriotic line of the political cartoons; to judge by the comic strips, the
                        political philosophy of the lower middle classes was far from one of
                        uniformly simpleminded jingoism, as has been supposed. Morally and
                        politically, the strips offer a very mixed, often skeptical view of
                        imperialism, which corresponds to the broad spectrum and confusion of
                        opinion among the lower classes generally. As many strips condemn as condone
                        the process. (<ref type="bibl" target="#Kunzle1990"
                            xml:id="ref_Kunzle1990-298">Kunzle 1990: 298f.</ref>)</quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_02-05_03">
                <head>Autos und andere Wahnvorstellungen</head>
                <p>Ein weiteres Thema, dem sich <title>Herr Seicherl und sein Hund</title>
                    konsequent widmet, ist die Konfrontation des Protagonisten mit technologischen
                    Neuerungen und Entwicklungen. Immer wieder erfindet Seicherl verschiedenste
                    Maschinen, von einer Kleiderklopfmaschine bis zu einem dampfbetriebenen
                    Rasierapparat: <quote source="#ref_KB19340320">Struppi, i mach a Erfindung nach
                        der ander’n. Jetzt hab i a Rasiermaschin mit Dampfantrieb baut. Des is a
                        technisches Wunder!</quote> (<ref type="bibl" target="#KB"
                        xml:id="ref_KB19340320">KB, 8. Jg., Nr. 62, 20. März 1934, S. 13</ref>) Ein
                    technisches Wunder, das aber, und das haben die Erfindungen Seicherls gemeinsam,
                    sich verselbstständigt und sich gegen seinen Urheber wendet: Sowohl
                    Rasierapparat als auch die Kleiderklopfmaschine sowie zahlreiche andere
                    Maschinen lassen Seicherl meist lädiert zurück. Keine der Erfindungen und
                    Neuerungen führen zu einer Verbesserung von Seicherls Leben: Sie sind so
                    faszinierend wie gefährlich. Dabei geht der Körper Seicherls nach jeder fatalen
                    Begegnung mit einer seiner Erfindungen oder anderen Unfällen früher oder später
                    auf seinen Ausgangspunkt zurück. Kunzle hat für die Zeichnungen von Wilhelm
                    Busch und Rodolphe Töpffer festgestellt, dass der Körper im Comicstrip sowohl
                    auf externe (wie Maschinen) als auch interne Einflüsse (Gefühle wie Angst,
                    Schock etc.) nicht als anatomischer, sondern als <quote
                        source="#ref_Kunzle1990-356">graphic organism</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kunzle1990" xml:id="ref_Kunzle1990-356">Kunzle 1990: 356</ref>)
                    reagiert: <quote source="#ref_Kunzle1990-357">The body is experienced as
                        machinoid or a machinable substance, and both fear and fascination reside in
                        the artist’s rendering of the body as machined almost beyond
                        recognition.</quote> (<ref type="bibl" target="#Kunzle1990"
                        xml:id="ref_Kunzle1990-357">Ebd.: 357</ref>)</p>
                <p>Auch in <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> ist der Körper der Figuren
                    beliebig veränderbar. Gerade wenn es um die Technik- und Autobegeisterung
                    Seicherls geht, wird deren ambivalente Rolle immer wieder durch eine grafische
                    Bearbeitung des Körpers Ausdruck verliehen. Zu Beginn des Erzählbogens, der sich
                    von der Folge ‚Seicherl wird Kleinautobesitzer‘ (6. Juni 1935) bis zu ‚Seicherl
                    wird geheilt entlassen‘ (18. Juli 1935) erstreckt, kauft Seicherl sich ein Auto,
                    macht Ausflüge und gerät mit ihm in allerlei Unfälle. Seicherls Auto ist ein
                    Auto ohne Verdeck, was in den 1930er-Jahren schon ein veraltetes Design war,
                    vollzog sich nach dem Ersten Weltkrieg doch ein Wechsel vom offenen zum
                    geschlossenen Auto (vgl. <ref type="bibl" target="#Mom2011">Mom 2011: 296</ref>)
                    – und so wird Seicherls Autoliebhaberei auch dargestellt: als etwas von gestern.
                    Schnellere (geschlossene) Modelle ziehen an ihm vorbei (9. Juni 1935), das Auto
                    verliert Reifen und erweist sich generell als zu klein, leistungsarm und
                    unpraktisch und gibt so seinen Besitzer der Lächerlichkeit preis. In Seicherls
                    ‚Autowahn‘ wird aber auch die zunehmende Verbreitung des Autos sowie der Wechsel
                    in der sozialen Rolle, die das Auto spielt, gespiegelt: War es vor dem Ersten
                    Weltkrieg ein Gefährt für reiche Abenteurer:innen, ein Sportgerät und eine
                        <quote source="#ref_Krebs2011-65">adventure machine</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Krebs2011" xml:id="ref_Krebs2011-65">Krebs 2011:
                        65</ref>), entwickelte es sich in der Zwischenkriegszeit zu einem Nutzgerät
                    für die ganze Familie, für Ausfahrten und Ausflüge (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Krebs2011">ebd.</ref>).</p>
                <p>Auch wenn das Auto immer weiter entwickelt wurde und für die neuen Fahrer:innen
                    leichter zu handhaben war, war es keineswegs ungefährlich. Der Autounfall war
                    stets eine Möglichkeit: <quote source="#ref_Mom2011-298">Now that taking part in
                        traffic increasingly meant getting involved in a potential accident, the
                        danger of automobility had to be reassessed, by every novice car
                        owner.</quote> (<ref type="bibl" target="#Mom2011" xml:id="ref_Mom2011-298"
                        >Mom 2011: 298</ref>) Und wenn der neue Autobesitzer (ein) Seicherl ist,
                    natürlich umso mehr: Kmoch zeichnet kleinere und größere Autounfälle, bis
                    Seicherl auf einer Fahrt mit seinem Auto von einer Lokomotive – im wahrsten
                    Sinne des Wortes – <quote source="#wdr04_02-05_Abb_06">zerrissen</quote> (vgl.
                        <ref type="crossref" target="#wdr04_02-05_Abb_06">Abb. 6</ref>) wird. Eine
                    Szene, die stark an einen kurzen Film des Regisseurs Cecil Hepworth erinnert,
                    der in <title>Explosion of a motor car</title> (1900) zeigt, wie ein Auto
                    explodiert und ein Polizist anschließend Körperteile von Unfallopfern zu einem
                    Haufen zusammenträgt (vgl. <ref type="bibl" target="#Mueller2004">Müller 2004:
                        225</ref>).</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_06">
                    <graphic width="375px" height="131px" url="media/wdr04_02-05_Abb_06.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherl wird von einer Lokomotive zerrissen.‘, Das Kleine
                        Blatt, 9. Jg., Nr. 161, 12. Juni 1935, S. 13.</head>
                </figure>

                <p>Diese Schock-Ästhetik in der Darstellung von Autounfällen, sei es fiktional wie
                    bei Hepworth oder journalistisch etwa in Tageszeitungen, war Anfang des 20.
                    Jahrhunderts sehr verbreitet und stieß durchaus auf kritische Reaktionen.
                    Gleichzeitig hat sich in der Darstellung des Autounfalls <quote
                        source="#ref_Bickenbach2014-24">eine ästhetische Strategie etabliert, die
                        den Unfall zwar abbildet, ihn jedoch zu Scherz und freilich
                        kritischer Satire formiert.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Bickenbach2014" xml:id="ref_Bickenbach2014-24">Bickenbach/Stolzke
                        2014: 24</ref>) Gerade in Karikaturen oder dem Comicstrip waren Autounfälle
                    und die (unkontrolliert) rasenden Fahrer:innen ein häufiges Thema und werden als
                    Bild für den (politischen oder individuellen) Mangel an
                    Verantwortungsbewusstsein verwendet (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bickenbach2014">ebd.: 24f.</ref>).</p>
                <p>In ‚Seicherl wird von einer Lokomotive zerrissen.‘ muss Struppi nun die einzelnen
                    Gliedmaßen Seicherls auf der Straße zusammensuchen und transportiert den
                    sprechenden Haufen aus Seicherl-Teilen zu einem Arzt, der ihn allerdings <quote
                        source="#wdr04_02-05_Abb_07">falsch zusammen[]stellt</quote> (<ref
                        type="crossref" target="#wdr04_02-05_Abb_07">Abb. 7</ref>). Der Arzt geht
                    dabei vor wie ein dilettantischer (Auto-)Mechaniker, der aufs Geratewohl den
                    Körper wieder zusammensetzt (und dabei das Hirn nicht finden kann).</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_07">
                    <graphic width="175px" height="205px" url="media/wdr04_02-05_Abb_07.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherl wird nach seinem Unfall falsch zusammengestellt.‘,
                        Das Kleine Blatt, 9. Jg., Nr. 162, 13. Juni 1935, S. 13, Panel 4.</head>
                </figure>

                <p>Während hier der organische Körper zu einem maschinellen wird, der beliebig
                    zusammengeschraubt werden kann (auch wenn die Funktionalität dadurch mitunter
                    eingeschränkt wird), geht Kmoch einige Folgen später, am 15. Juli 1935, den
                    umgekehrten Weg: Seicherl, der daran scheitert, sein Auto endgültig loszuwerden,
                    entwickelt eine Art Verfolgungswahn. Hybride Auto-Tier/Fabel-Wesen jagen ihn und
                    lassen nicht von ihm ab (<ref type="crossref" target="#wdr04_02-05_Abb_08">Abb.
                        8</ref>) – ein Szenario, das möglicherweise auch vom Anfang des 20.
                    Jahrhunderts beliebten <term>Chase Film</term> inspiriert wurde und das Auto als
                    Vehikel der Gefahr einordnet (vgl. <ref type="bibl" target="#Wagenknecht2011"
                        >Wagenknecht 2011: 117</ref>).</p>

                <figure xml:id="wdr04_02-05_Abb_08">
                    <graphic width="375px" height="122px" url="media/wdr04_02-05_Abb_08.jpg"/>
                    <head type="legend">‚Seicherl hat Verfolgungswahn.‘, Das Kleine Blatt, 9. Jg.,
                        Nr. 185, 7. Juli 1935, S. 19.</head>
                </figure>

                <p>Keineswegs eine neue Assoziation – im Gegenteil ist die Darstellung von Autos als
                    monströs, teuflisch, dämonisch schon in Texten um 1900 zu finden. Das lärmende
                    und stinkende Gefährt wurde auf Straßen, die bis dahin Fußgänger:innen, Tieren
                    und Fuhrwerken vorbehalten gewesen waren, als störend und gefährlich
                    wahrgenommen. Mit diesem Gefühl der Bedrohung geht aber auch eine starke –
                    zweischneidige – Faszination für das Auto (und andere technologischen
                    Neuerungen) einher. Ein <quote source="#ref_KB-19350719">Wahn</quote>, wie
                    Struppi kommentiert, als Seicherl schließlich vom Auto zum Luftschiff übergeht:
                        <quote source="#ref_KB-19350719">Erscht hat er an‘ Autowahn g’habt, jetzt
                        kriagt er den Luftschiff-Wahn!</quote> (<ref type="bibl" target="#KB"
                        xml:id="ref_KB-19350719">KB, 19. Juli 1935, Nr. 197, 9. Jg. , S. 13</ref>)
                    Um die Wahnvorstellungen wieder loszuwerden, wird Seicherl am 15. Juli 1935
                    schließlich <quote source="#ref_KB-19350715">der Kopf gereinigt</quote>: <quote
                        source="#ref_KB-19350715">Unglaublich, Glasscherb’n und rostige Schraub’n
                        hat er aa im Kopf.</quote> Woraus Struppi gleich den Schluss zieht: <quote
                        source="#ref_KB-19350715">Des is no vom Auto-Unfall!</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#KB" xml:id="ref_KB-19350715">KB 9. Jg., Nr. 193, 15.
                        Juli 1935, S. 4.</ref>) Der ‚Autowahn‘ hat sich im Körper Seicherls
                    festgesetzt und muss operativ entfernt werden.</p>
                <p>In der Erzählung von Seicherl und seinem Auto wird so zum einen die als
                    unvorsichtig und gefährlich inszenierte Technikbegeisterung in den menschlichen
                    Körper hinein gezeichnet, zum anderen wird die Ambivalenz der Diskussionen um
                    den mechanischen Körper des Autos durch die Verbindung mit visuellen Monstern
                    sichtbar. Kmoch setzt hier ganz im Sinne von Kunzles ‚grafischem Organismus‘
                    innere Vorgänge und Momente der gesellschaftlichen Diskussion in visuellen
                    Körpern um. <title>Herr Seicherl und sein Hund</title> spiegelt so die
                    Veränderung der gesellschaftlichen Rolle von Technik satirisch und zeigt, wie
                    der Comicstrip nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche
                    Veränderungen kommentiert.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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                            target="https://www.closure.uni-kiel.de/closure3/stein"
                            >www.closure.uni-kiel.de/closure3/stein</ref>, Zugriff am
                        25.1.2021.</bibl>
                    <bibl xml:id="Wagenknecht2011">Wagenknecht, Andreas (2011): Das Automobil als
                        konstruktive Metapher. Eine Diskursanalyse zur Rolle des Autos in der
                        Filmtheorie. Mannheim: VS Verlag für Sozialwissenschaften.</bibl>
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