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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de"><hi rend="italic">Morbus</hi>: Sagenhaftes und
                    Magisches im Wien der 1980er Jahre</title>
                <author>
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                        <forename>Heidemarie</forename>
                        <surname>Lenz</surname>
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                </author>
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            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-04-05</idno>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
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                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Morbus</term>
                    <term xml:lang="de">Pulp</term>
                    <term xml:lang="de">Groschenromane</term>
                    <term xml:lang="de">Romanheftreihen</term>
                    <term xml:lang="de">Trivialliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Wiener Untergrund</term>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Morbus</term>
                    <term xml:lang="en">pulp</term>
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                    <term xml:lang="en">pulp novel series</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der Beitrag von Heidemarie Lenz versteht sich als eine Vorstellung der ersten
                    vier von Charlie Blood (Werner Skibar) und Zoë Angel (Waltraud Lengyel)
                    geschriebenen <title>Morbus</title>-Pulp-Bände (2012ff.). Es werden die Inhalte,
                    einige der Figuren sowie die Geheimorganisation BASILISK erläutert und dabei die
                    Intertextualität betreffend mehrere Wiener Sagen aufgezeigt sowie der häufig
                    ironische Einsatz von Magie beleuchtet.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Heidemarie Lenz’s contribution aims to introduce the first four of the
                        <title>Morbus</title> (2012 ff.) pulp volumes written by Charlie Blood
                    (Werner Skibar) and Zoë Angel (Waltraud Lengyel). It outlines their contents,
                    some of the characters, and the secret organization BASILISK, demonstrating
                    intertextualities with several Viennese legends as well as illustrating how the
                    use of magic is often laden with irony.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr04_04-05_01">
                <head>Einleitung</head>
                <p>Die von Werner Skibar in Heft- bzw. Taschenbuchform herausgegebene,<note
                        xml:id="endnote_01"><p>Der Herausgeber ging einen Weg mit vielen Stationen
                            von der Edition preQuel über Evolver Books bis zum Eigenverlag und
                            myMorawa (vgl. <ref type="bibl" target="#Skibar2018">Skibar 2018</ref>).
                            Bei der hier verwendeten Ausgabe handelt es sich nicht um die erste von
                            2012, sondern um jene von 2018.</p></note> von ihm selbst als Charly
                    Blood hauptsächlich in Zusammenarbeit verfasste <title>Morbus</title>-Reihe in
                    der Tradition der klassischen Pulps beinhaltet Geschichten um ein phantastisches
                    Wien der 1980er Jahre, in welchem die Geheimorganisation BASILISK die Menschen
                    vor finsteren Wesen schützt. Die meisten Texte der <title>Morbus</title>-Reihe
                    enthalten viel Wiener Lokalkolorit und haben eine starke historische
                    Bezogenheit. Dieser Beitrag versteht sich als eine Vorstellung der ersten vier
                    von Charlie Blood und Zoë Angel (Waltraud Lengyel) geschriebenen
                        <title>Morbus</title>-Bände. Es werden die Inhalte, einige der Figuren sowie
                    die Organisation BASILISK erläutert und dabei die Intertextualität betreffend
                    mehrere Wiener Sagen aufgezeigt sowie der häufig ironische Einsatz von Magie
                    beleuchtet.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-05_02">
                <head>BASILISK </head>
                <p>In den 1980er Jahren ist die österreichische Hauptstadt voll von Paranormalen.
                    Der Schmelztiegel Wien hat auch Wesen aus anderen Dimensionen in sich
                    aufgesogen; zahlreiche Magier, lebende Skelette, Geister und diverse
                    Sagengestalten bevölkern die Stadt; dämonische Wesenheiten, Besucher aus anderen
                    Dimensionen und Welten brechen immer wieder in den Wiener Alltag ein. Wie viele
                    Autorinnen und Autoren von Groschenheften schöpfen Angel/Blood aus den
                    unterschiedlichen Subgenres der Phantastik, hauptsächlich der Urban, Low bzw.
                    Humoristischen Fantasy, Sword and Sorcery sowie dem Horror. Läuft
                        <title>Morbus</title> 1 (2012) noch wenig spezifisch unter ‚phantastischer
                    Roman‘, so wird für die zweite Doppelausgabe von <title>Morbus</title> (2014)
                    bereits eine fokussiertere zweifache Genrezuweisung als ‚Grusel-Krimi‘
                    vorgenommen. Die klischeehaften Themen, Motive und Figuren in diesen Geschichten
                    führen die Leserschaft in eine vielschichtige Welt.</p>
                <p>Diese Welt eröffnet sich im ersten <title>Morbus</title>-Band, <title>Blutschwur
                        der Donauleichen</title> (<ref type="bibl" target="#Angel2018a"
                    >2018a</ref>), als ein Wiener Fremdenführer auf Geheiß des Donaufürsten von den
                    in seinem Strom Ertrunkenen in Stücke gebissen wird. Der Privatdetektiv Bernd
                    Waidmann trifft im Zuge dieses Geschehens auf das visionsbegabte Grufti-Mädchen
                    Petra Jesselmaier sowie Mitglieder der Geheimorganisation BASILISK, welche Wien
                    vor negativen übersinnlichen Einwirkungen schützt. Im zweiten Band, <title>Im
                        Prater tanzt der Sensenmann</title> (<ref type="bibl" target="#Angel2018b"
                        >2018b</ref>), vernichtet BASILISK einen mörderischen Clown, während in Band
                    3, <title>Bei Vollmond bist du tot</title> (<ref type="bibl"
                        target="#Angel2014a">2014a</ref>), ein im Tiergarten Schönbrunn lebender
                    Werjaguar befriedet werden muss. Band 4, <title>Im Bann der Mörderpuppe</title>
                        (<ref type="bibl" target="#Angel2014b">2014b</ref>), spielt wieder im
                    Prater, wo die dämonische Bauchrednerpuppe Amanda und ein Golem ihr blutiges
                    Unwesen treiben.</p>
                <p>Angesichts dieser vielen paranormalen bzw. dämonischen Umtriebe besitzt die
                    Geheimorganisation BASILISK eine wichtige Schutzfunktion. Ihr Hauptquartier
                    liegt unter dem Wiener Stephansdom, in einer anderen Dimension der
                    Virgilkapelle. Den Namen haben ihre Gründer dem gefährlichen Untier in einer
                    bekannten Wiener Sage entlehnt, laut welcher dieses in einem Brunnen entdeckt
                    wird und erst unter Einsatz eines Spiegels vernichtet wird (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Recheis1970">Recheis 1970: 17–20</ref>). Dass sich eine
                    dem Wohl der Wienerinnen und Wiener dienende Organisation nach einem
                    todbringenden Sagentier bezeichnet, welches bereits in der Bibel als Symbol für
                    das Böse genannt wird (vgl. <ref type="bibl" target="#Reichl2021"
                        >Reichl-Neuwirth 2021: 58</ref>), zeigt eine zentrale Ambivalenz in
                        <title>Morbus</title> auf. Ebenso wie das Wesen aus der Sage befindet sich
                    BASILISK unter der Erde, allerdings nicht in einem Brunnenschacht, sondern unter
                    dem wichtigsten katholischen Kirchengebäude der Stadt. Auch der Dom selbst kann
                    mit dem Basilisken in Verbindung gebracht werden, schrieb doch das
                    Basilisken-Gesetz im Jahr 1577 die Schließung von protestantische Lektüre
                    führenden Buchläden in seinem Umkreis vor (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Reichl2021">ebd.: 61</ref>), und Martin Luther bezeichnete die
                    katholische Kirche wiederholt mit dem Namen dieses Untiers (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Reichl2021">ebd.: 58</ref>). Luther bezog sich damit
                    zwar auf die Kirche als Institution, aber das Gebäude kann insofern mit dem
                    Basilisken verknüpft werden, als dieser auch den Teufel symbolisiert (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Pohanka2013">Pohanka 2013: 136</ref>), der sich schon
                    in den Bau des Gotteshauses eingemischt hat (vgl. die Sage um Hans Puchsbaum bei
                        <ref type="bibl" target="#Poettinger1962">Pöttinger 1962: 27–30</ref>).</p>
                <p>In <title>Morbus</title> gibt es ebenfalls einen Teufel – Harry Teufel, der nun
                    von unterhalb des Kirchengebäudes die Organisation BASILISK leitet. Die
                    Mitglieder derselben, zu denen auch ein wehrhafter Bibliothekar und der weiße
                    Magier Thomas Steinbecker gehören, bezeichnen die Räumlichkeiten unter Sankt
                    Stephan als Ketzer-Dom, was sich darauf bezieht, dass dieser Ort
                    jahrhundertelang für satanische Riten verwendet worden sei, bis 1712 die
                    Pummerin installiert wurde und BASILISK <quote source="#ref_Angel2018b-105"
                        >diese Festung einnehmen [konnte]</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Angel2018b" xml:id="ref_Angel2018b-105">Angel/Blood 2018b:
                        105</ref>). In diesem Sinne kann festgestellt werden, dass sich die
                    Organisation an den Platz der bösen Mächte gesetzt hat, um sie zu bekämpfen;
                    dies kann wiederum analog dazu gesehen werden, dass der Basilisk in einigen
                    Schriften als Synonym für den Stein der Weisen verwendet wird, der ewiges Leben
                    verschafft und alle Krankheiten heilt (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Pohanka2013">Pohanka 2013: 137</ref>) bzw. in <title>Morbus</title>
                    dämonische Mächte besiegt.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-05_03">
                <head>Weitere Wiener Sagengestalten</head>
                <p>Mit dem negativsten aller Wesen und mehreren weiteren Sagen – insbesondere jener
                    vom <title>Stock im Eisen</title> (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Poettinger1962">Pöttinger 1962: 21–26</ref>) – ist der Leiter von
                    BASILISK verbunden, der zunächst lediglich Bernd Waidmanns Informant zu sein
                    scheint. In der Sage geht es um einen Schlosserlehrling, der sich abends zu spät
                    am Stadttor einfindet und ausruft, dass er sich sogar dem Teufel verschreiben
                    würde, um nach Wien hineinzukommen. Plötzlich spricht ihn ein Männchen mit
                    Hahnenfedern auf dem Hut an und verschafft ihm Zugang zur Stadt, um ihn jedoch
                    einige Jahre später zu holen, weil er die Heilige Messe versäumt. Konträr dazu
                    geht das Aufeinandertreffen von Petra und Herrn Teufel vor sich. Es ist nicht
                    Petra, die den Teufel ruft, sondern Harry selbst hat mittels einer schriftlichen
                    Nachricht ein Treffen mit ihr und Bernd Waidmann am Stock im Eisen vereinbart.
                    Der kryptische Zusatz zu dieser Nachricht lautet: <quote
                        source="#ref_Angel2014a-91">Jede Stadt braucht ihren Teufel!</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Angel2014a" xml:id="ref_Angel2014a-91">Angel/Blood
                        2014a: 91</ref>), bei dessen Lektüre dem sagenkundigen Bernd etwas mulmig
                    wird. An späterer Stelle relativiert Harry diese Aussage allerdings als ‚Schmäh‘
                    und bringt sich damit um seinen Nimbus von mystischer Zugehörigkeit.</p>
                <p>Im zweiten <title>Morbus</title>-Roman, <title>Im Prater tanzt der
                        Sensenmann</title>, wartet nun das Grufti-Mädchen Petra bei Regenwetter –
                    wohl eine Anspielung auf die Sage <title>Des Teufels Bundesgenossen</title>,
                    gemäß welcher der Höllenfürst daran scheitert, den Stephansdom mit Wind und
                    Regen zu zerstören und diese beiden am Stephansplatz vergisst, wo sie sich bis
                    heute aufhalten (vgl. <ref type="bibl" target="#Poettinger1962">Pöttinger 1962:
                        31–33</ref>) – am vereinbarten Treffpunkt auf den Privatdetektiv und
                    betrachtet am Hauseingang das bronzene Teufelsrelief. Sie kommentiert den
                    enttäuschten Gesichtsausdruck der Figur damit, dass man den Teufel wohl
                    hineingelegt habe, und wird in diesem Augenblick von dessen menschlichem
                    Namensvetter angesprochen (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2018b"
                        >Blood/Angel 2018b: 99</ref>) – ein Einstand, der auf Harrys Tätigkeit, den
                    phantastischen Höllengestalten erfolgreich ihre Opfer zu entreißen,
                    hinweist.</p>
                <p>Der etwa fünfunddreißigjährige sympathische Mann hat keine wippende Hahnenfeder
                    am Hut, sondern einen dunkelbraunen Pferdeschwanz frisiert. Einen Pferdefuß kann
                    er nicht vorweisen, wie von Petra forsch verlangt. Die Sechzehnjährige
                    assoziiert hier offenbar lediglich Harrys Haartracht mit dem Tierhuf, doch der
                    Teufel wird tatsächlich in manchen Sagen als schwarzes Pferd dargestellt (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Pohanka2013">Pohanka 2013: 228</ref>). Weil Harry
                    Petra schalkhaft zuzwinkert, beurteilt sie ihn sofort als alten Lustmolch, dem
                    sie unter anderen Voraussetzungen einen gezielten Tritt verpassen würde (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Angel2018b">Angel/Blood 2018b: 99–101</ref>) –
                    eine ironische Brechung der Darstellung des Teufels als großer Frauenverführer
                    in manchen Sagen (vgl. <ref type="bibl" target="#Pohanka2013">Pohanka 2013:
                        229</ref>). Petras flapsige Art dem BASILISK-Chef gegenüber deutet die
                    Respektlosigkeit bereits an, welche in den <title>Morbus</title>-Bänden den
                    Elementar- und Sagengestalten gegenüber seitens der Menschen an den Tag gelegt
                    wird.</p>
                <p>Die zur Zerstörungswut gesteigerte menschliche Despektierlichkeit erweckt den
                    Verdruss des mächtigsten Elementar- bzw. Sagenwesens in Wien, des
                        <title>Donaufürsten</title>, wie in dessen Darstellung als Formwandler
                    erkennbar ist: Nachdem der Fürst vor den Augen des BASILISK-Teams effektvoll mit
                    seinem Dreizack aus den Fluten gestiegen ist, steht er plötzlich als Dr. Paul
                    Piscis, ein bekannter Anwalt, am Ufer. Dieser sitzt im Komitee zur
                    Hochwasserregulierung der Donau und arbeitet eng mit der Magistratsabteilung
                    45/Wasserbau zusammen (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2018a">Angel/Blood
                        2018a: 81–84</ref>). Es ist also in <title>Morbus</title> nicht länger der
                    Mensch, der versucht, sich die Elementarwesen gewogen zu halten (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Pohanka2013">Pohanka 2013: 9</ref>), sondern der Herr
                    der Donau ist gezwungen, sich zähneknirschend auf die Ebene der Menschen zu
                    begeben, um nach menschlichen Gesetzen die Rechte der Mystischen einzufordern –
                    eine Anspielung auf Projekte wie den geplanten Kraftwerksbau in Hainburg,
                    welcher 1984 in Österreich die Gemüter erhitzte (<ref type="bibl"
                        target="#ParlamentOJ">vgl. Parlament o.J.</ref>).</p>
                <p>Die Fürstentochter <term>Loreley</term> – ein Donauweibchen wie in der
                    gleichnamigen Sage – hat die menschliche Brutalität am eigenen Leib zu spüren
                    bekommen. Ganz in der schon von Franz Grillparzer oder Ludwig Tieck
                    mitgetragenen literarischen Tradition ist es auch ihr daran gelegen, Kontakt mit
                    den Menschen zu suchen (vgl. <ref type="bibl" target="#Schmitz2013"
                        >Schmitz-Emans 2013: 360</ref>). Allerdings geht es der Nixe dabei weniger
                    um Liebesbeziehungen (vgl. <ref type="bibl" target="#Schmitz2013">ebd.:
                        358</ref>), sondern um harmlose Vergnügungen wie Kino, Kaffee und Tanz (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Angel2018a">Angel/Blood 2018a: 83</ref>). Ähnlich
                    wie bei Hans Christian Andersen wird sie im Rahmen von <title>Morbus</title>
                    jugendlich und manchmal durchaus liebenswürdig gezeichnet. Gleichzeitig
                    repräsentiert sie auch die verlockende und fatale Wasserfrau (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Schmitz2013">Schmitz-Emans 2013: 360</ref>), Letzteres
                    allerdings nicht ohne triftigen Grund: Denn im Jahr 1984 ist es kein Fischer mit
                    Netz oder Angel, der von einer Nixe in sein Verderben geführt wird, sondern der
                    Fremdenführer und Frauenheld namens Christian Fischer, welcher Loreley betrunken
                    macht, bevor er sie gemeinsam mit seinem Freund Schwoberl, der auch ihr
                    magisches Amulett an sich nimmt, missbraucht. Der Zorn des Donaufürsten darüber
                    ist so groß, dass er den im Blauen Strom Ertrunkenen befiehlt, Rache zu üben,
                    woraufhin sich diese in einer für viele Pulps nicht unüblichen Zombie-Manier aus
                    den Fluten erheben und den alkoholbenebelten Christian Fischer zerfleischen.</p>
                <p>Zu Loreleys Ärgernis stirbt der Fremdenführer einen schnellen Tod. Sie fordert
                    Foltermaßnahmen für den Amulett-Dieb, weshalb sich für diesen die Ereignisse –
                    ganz in der literarischen Tradition, nach der Wasserwesen oft Unheil ankündigen
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Schmitz2013">Schmitz-Emans 2013: 358</ref>) – zu
                    blankem Horror steigern. Zuerst wird an einer Wand in seiner Wohnung eine mit
                    Blut geschriebene Drohung hinterlassen. Dann wird eine Garnitur der Linie U4 mit
                    Schwoberl an Bord zum Stehen und der Mann mittels grausiger Illusionen zum
                    Angstschlottern gebracht. Die Anschauung von Maden in Mundwinkeln oder leeren
                    Augenhöhlen in verwesenden Gestalten (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2018a"
                        >Angel/Blood 2018a: 64f.</ref>) lässt den panischen Schwoberl Donauwasser
                    und Fische erbrechen. Am Gipfelpunkt der Folter soll er von den Donauleichen
                    zerrissen werden; er kann jedoch Loreleys Vergebung erheischen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-05_04">
                <head>Ironie und Magie</head>
                <p>Die dem Horrorgenre entlehnten Motive werden an vielen Stellen durch Ironie
                    gebrochen. Dies geschieht etwa, als ein Fremdenführer dem Privatdetektiv
                    Waidmann erzählt, wie die U4 zum Halten gekommen ist, und sich echauffiert, die
                    U-Bahn müsse wegen der Elektrizität oder dem Magnetfeld gesundheitsgefährdend
                    sein, wenn ein Selbstmörder wie eine Wasserleiche aussieht (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Angel2018a">Angel/Blood 2018a: 68</ref>). Auch
                    anderweitig fehlt es trotz aller Düsternis nicht an Humor, beispielsweise als
                    Loreley auf der Suche nach ihrem Amulett in der Per-Albin-Hansson-Siedlung von
                    Christian Fischers Frau für eine drogensüchtige Einbrecherin gehalten und mit
                    einem Konsalik-Roman bedroht wird (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2018a"
                        >ebd.: 26–28</ref>).</p>
                <p>Es gibt auch umgekehrte, nicht minder skurrile Brechungen. Die Leserschaft
                    schmunzelt vielleicht, weil das Zimmer der Donaufürstentochter im Palast mit
                    Postern von Nena und Culture Club geschmückt ist und die Nixe
                        <title>Bravo</title>-Hefte liest wie viele Teenager in den 1980er Jahren.
                    Aber ähnlich wie in der Sage, wo im kristallenen Palast auf den Tischen
                    umgestürzte gläserne Töpfe stehen, in denen die Seelen der Ertrunkenen gefangen
                    gehalten werden (vgl. <ref type="bibl" target="#Recheis1970">Recheis 1970:
                        9f.</ref>), bekommt Loreley in <title>Morbus</title> 1 zur Befriedigung
                    ihrer Rache vom Vater eine Kugel mit Christian Fischers Seele als Geschenk (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Angel2018a">Angel/Blood 2018a: 88</ref>).
                    Besonders in Band 1 der <title>Morbus</title>-Reihe wird gezeigt, wie die Macht
                    und Kontrolle der zu Sagengestalten degradierten Elementarwesen (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Pohanka2013">Pohanka 2013: 10</ref>) über ihre
                    jeweiligen Elemente zusehends vom Menschen übernommen werden. Wo dies mit
                    technischen Mitteln wie der Flussregulierung nicht möglich ist, werden die
                    menschlichen Kontrollbedürfnisse manchmal durch magische Handlungen befriedigt
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Frenschkowski2013">Frenschkowski 2013:
                    410</ref>), wie in den Bänden 2 bis 4 zur Anschauung gebracht wird. Der Terminus
                    ‚Magie‘ wird hier als ‚geheime Kunst‘ definiert, <quote
                        source="#ref_Duden2022-x">die sich übersinnliche Kräfte dienstbar zu machen
                        sucht</quote> (<ref type="bibl" target="#Duden2022" xml:id="ref_Duden2022-x"
                        >Duden 2022</ref>).</p>
                <p>Magie wird in <title>Morbus</title> oft und gern eingesetzt, wobei Art und Zweck
                    variieren. Das BASILISK-Team tut dies beispielsweise in Form von technischen
                    Mitteln, wenn die Mitglieder einander über magische Notizbücher kontaktieren,
                    welche Nachrichten im Stile von SMS übertragen können (z.B. <ref type="bibl"
                        target="#Angel2014a">Angel/Blood 2014a: 51</ref>). Dieses Motiv spricht
                    humorvoll an, dass Dinge, die vom Menschen nicht wissenschaftlich erklärt werden
                    können, oft mit Zauberei in Verbindung gebracht werden (1984 gab es noch keine
                    SMS). Häufiger jedoch wird in <title>Morbus</title> die Praktik aufwändiger
                    Ritualmagie dargestellt. Diese kann beispielsweise über das Sprechen geheimer
                    Worte ausgeübt werden, so in <title>Bei Vollmond bist du tot</title>, als
                    BASILISK durch Chanten die Kristallenergie im Tiergarten Schönbrunn und damit
                    die Kräfte der dort lebenden Werwesen bricht (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Angel2014a">ebd.: 99f.</ref>). Auch zum Ausschalten von
                    Alarmanlagen bedarf es eines schweißtreibenden Rituals (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Angel2014b">Angel/Blood 2014b: 175</ref>). Manchmal braucht es
                    ersatzweise profane Objekte: Gegen den Golem etwa wagt sich das BASILISK-Team
                    nur mit Säbel, Degen und Panzerfaust (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2014b"
                        >ebd.: 183</ref>).</p>
                <p>Erschaffen wurde dieser Golem von dem rigoros negativ gezeichneten Schwarzmagier
                    Heinrich Lehmann, der seinen Vornamen mit Faust und auch Himmler teilt, welchen
                    der Zauberer im Zweiten Weltkrieg beraten hat. In den 1950er Jahren misslang es
                    ihm, ein <quote source="#ref_Angel2014b-158">uraltes dämonisches Wesen aus dem
                        Raum zwischen den Sternen [zu] beschwören</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Angel2014b" xml:id="ref_Angel2014b-158">ebd.: 158</ref>).
                    Blood/Angel machen in diesem Zusammenhang eine explizite Referenz zum Autor
                    phantastischer Horrorliteratur H. P. Lovecraft. In den 1980er Jahren verdingt
                    sich der abgehalfterte Heinrich nun als magischer Gelegenheitsarbeiter.
                    Zahlreiche stereotype Motive rund um die schwarze Auftragsmagie wie Haare und
                    Blut für Liebeszauber (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2014b">ebd.:
                        171</ref>) oder die Anwendung von Friedhofserde (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Angel2014b">ebd.: 157</ref>; vgl. auch <ref type="bibl"
                        target="#Frenschkowski2013">Frenschkowski 2013: 413</ref>) tauchen in diesem
                    Zusammenhang auf. Seit einiger Zeit steht Heinrich in den Diensten der von einem
                    Dämon kontrollierten Bauchrednerpuppe Amanda und hat in ihrem Auftrag durch
                    magische Beschwörungen den Golem erschaffen, ein krudes und tödliches Mittel, um
                    die Unterweltbosse der Wiener Rotlichtszene unter Kontrolle zu halten.
                    Angel/Blood halten sich hier an den älteren Teil des Legendenkreises um die
                    Schöpfung aus Lehm, ohne Bezug auf neuere Mythen der phantastischen Literatur zu
                    nehmen, wonach seit den 1970er Jahren künstliche Menschen bevorzugt von
                    besessenen Wissenschaftlern und Ingenieuren entwickelt werden (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Drux2013">Drux 2013: 392</ref>). Sehr wohl gilt
                    allerdings, wie meist in der Phantastik, dass <quote source="#ref_Drux2013-398"
                        >die menschlichen Menschenbildner für ihre Vermessenheit […]
                        bezahlen</quote> (<ref type="bibl" target="#Drux2013"
                        xml:id="ref_Drux2013-398">ebd.: 398</ref>) müssen: Dem pädophilen Heinrich,
                    der Magie ausschließlich für seinen persönlichen Gewinn praktiziert, wird von
                    der zehnjährigen Bettina mit dem Skalpell die Halsschlagader aufgeschlitzt (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Angel2014b">Angel/Blood 2014b: 182</ref>).</p>
                <p>Im Sinne des innerhalb der <title>Morbus</title>-Reihe bestimmenden Sujets ‚Gut
                    gegen Böse‘ kommt es in Band 4 zwar nicht zu einem Entscheidungskampf zwischen
                    dem schwarzen und dem weißen Magier, dafür jedoch zu einer viel härteren
                    Konfrontation des Letzteren mit einem Dämon. Thomas Steinbecker von BASILISK ist
                    ebenso wie die Figur des Heinrich in Übereinstimmung mit gängigen
                    Klischeevorstellungen gezeichnet. Der Jüngling mit dem sanften Gemüt kann
                    kirchliche Exorzismus-Texte auf Lateinisch zitieren, versteht die Führung eines
                    Stockdegens und bringt mit seinen blonden Haaren und dem Engelsgesicht die
                    Herzen der Damenwelt zum Schmelzen. Hier spielt asketische Magie eine Rolle,
                    insofern als Thomas ganz in der Tradition der englischsprachig-viktorianischen
                    Literatur ein zölibatäres Leben führt, um Magie wirken zu können (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Frenschkowski2013">Frenschkowski 2013: 411</ref>). Er
                    wird sogar zum Engel stilisiert, als beim Exorzieren des Dämons in der Puppe ein
                        <quote source="#ref_Angel2014b-187">zarter Schein</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Angel2014b" xml:id="ref_Angel2014b-187">Angel/Blood 2014b:
                        187</ref>) um ihn sichtbar wird. Wohl haben der lateinische Text und der
                    Einsatz von Weihwasser Wirkung auf den Dämon; es ist jedoch die aus Thomas
                    emanierende reine Liebe, die dem Dämon unerträgliche Schmerzen zufügt und ihn
                    panisch flüchten lässt.</p>
                <p>Thomas und Heinrich führen ihre Rituale durch, um im Außen eine Veränderung zu
                    erzwingen. Im Gegensatz dazu gibt es eine Figur, die dies als Ausdruck einer
                    Kommunikation mit der Seele tut, wie es in der realen westlichen Welt speziell
                    seit den 1970er Jahren praktiziert wird (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Frenschkowski2013">Frenschkowski 2013: 411</ref>): den
                    Würstelverkäufer und Zuhältersohn Sebastian. Der Achtzehnjährige, über seine
                    verschollene Mutter ein Urenkel des in den 1920er und 1930er Jahren bekannten
                    Magiers Erik Jan Hanussen, hat ohne die Anleitung eines Lehrmeisters seine Gabe
                    der Telekinese geschult, welche ihn in <title>Im Bann der Mörderpuppe</title>
                    zum Lebensretter werden lässt, als er eine für den Unterweltboss Morak bestimmte
                    Pistolenkugel im Flug aufhält. Als er seine Angebetete mit seinem besten Freund
                    in flagranti erwischt, ohne zu wissen, dass dieser sich eines von Heinrichs
                    Liebeszaubern bedient hat, erlebt Sebastian, der in <title>Morbus</title> 2
                    mithilfe seiner telekinetischen Kräfte nur knapp aus der Gefangenschaft bei
                    einem mörderischen Clown entfliehen konnte, nun erneut einen Kontrollverlust. Um
                    nicht länger an seinem Liebeskummer zu leiden, führt er unter Verwendung eines
                    seit der Antike bestehenden Magieinventars wie Kerzen, Kristallen und Zeichen,
                    um einen magischen Kreis zu formen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Frenschkowski2013">Frenschkowski 2013: 408</ref>), ein
                    tiefgreifendes Ritual durch, aus welchem er kälter und selbstbewusster
                    hervorgeht (vgl. <ref type="bibl" target="#Angel2014b">Angel/Blood 2014b:
                        126</ref>). Er ist der Einzige der drei <title>Morbus</title>-Magier, dessen
                    zukünftiger Werdegang aufgrund des Gegensatzes zwischen seiner Gutherzigkeit und
                    der magisch übergeworfenen Reife und Gefühlskälte noch interessant zu werden
                    verspricht.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-05_05">
                <head>Conclusio</head>
                <p>Die vielbändige <title>Morbus</title>-Reihe mit ihren verflochtenen
                    Handlungssträngen und immer wiederkehrenden handelnden Personen ist geprägt von
                    sagenhaften und der Magie zugeschriebenen Motiven, Themen und Figuren.
                    Angel/Blood rekurrieren in den ersten vier Bänden stark auf das engmaschige
                    Sagen- und Legendennetz vom Teufel rund um den Stephansdom, aber auch auf andere
                    Sagen. Während den Elementarwesen und dem Teufel mit seinen Dämonen von
                    vornherein Magie innewohnt, welche aber gegen den Menschen vielfach nicht
                    ausreicht, ist wiederum der Mensch in den <title>Morbus</title>-Romanen dazu
                    gezwungen, sich materieller Mittel oder Ritualmagie zu bedienen, um das Wirken
                    der paranormalen Wesen einzuschränken und die Welt nach seinen Wünschen zu
                    formen. Dies geschieht häufig ironisiert, in der Tradition der Pulps unter
                    Verwendung eines stereotypen Motivinventars und findet sich meist im Zuge
                    heftiger Kämpfe mitten in Wien umgesetzt.</p>
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