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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Intertextualität als narratologisch-subversive
                    Praxis: Nicolas Mahlers Comic <hi rend="italic">Alice in Sussex</hi>
                    (2013)</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Nathalie</forename>
                        <surname>Bachrach</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Chiara</forename>
                        <surname>Scherner</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2022</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-04-04-06</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">4</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
                <language ident="de"/>
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            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Nicolas Mahler</term>
                    <term xml:lang="de">Alice in Sussex</term>
                    <term xml:lang="de">Comic</term>
                    <term xml:lang="de">Intertextualität</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Nicolas Mahler</term>
                    <term xml:lang="en">Alice in Sussex</term>
                    <term xml:lang="en">comics</term>
                    <term xml:lang="en">intertextuality</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Nathalie Bachrach und Chiara Scherner zeigen in einem weiteren studentischen
                    Beitrag anhand von Nicolas Mahlers Comic <title>Alice in Sussex</title> die
                    Bedeutung von Intertextualität gerade in populärkulturellen Werken auf. Die
                    Kette nicht versiegender Referenzen weist dabei der Interpretation einer
                    narratologisch-subversiven Praxis den Weg.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p><title>Intertextuality as Narratological-Subversive Practice: Nicolas Mahlers
                        Comic ‘Alice in Sussex’</title>: Nathalie Bachrach and Chiara Scherner
                    demonstrate the importance of intertextuality for popular literature using the
                    example of Nicolas Mahler’s comic <title>Alice in Sussex</title> in another
                    student contribution. The string of never-ending references outlines a path for
                    the interpretation of a narratological-subversive practice.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr04_04-06_01">
                <head>1. Begriffliche Erläuterungen und gewähltes Beispiel</head>
                <div xml:id="wdr04_04-06_01-01">
                    <head>1.1. Begriffliche Erläuterungen</head>
                    <p>In der vorliegenden Untersuchung wollen wir folgenden Fragen nachgehen:
                        Inwiefern ist der Comic des österreichischen Künstlers Nicolas Mahler
                            <title>Alice in Sussex</title> (2013) ein Beispiel für Intertextualität,
                        Gesellschaftskritik und Subversion? In welcher Verbindung stehen diese drei
                        Konzepte? Wie sind diese Konzepte narratologisch realisiert?</p>
                    <p>Die Frage nach der Wechselwirkung der Intertextualität und der
                        Gesellschaftskritik sowie die Frage nach dem Zusammenhang von
                        narratologischer Gestaltung und subversiver Praxis bedingen eine
                        begriffliche Erklärung der zugrunde liegenden Termini. Der
                        Intertextualitäts-Begriff beschreibt dabei eine Betrachtungsweise und
                        Verbindung innerhalb der Literatur. Dabei stellt Julia Kristeva fest: <quote
                            source="#ref_Kristeva1972-347">jeder Text baut sich als ein Mosaik von
                            Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen
                            Textes.</quote> (<ref type="bibl" target="#Kristeva1972"
                            xml:id="ref_Kristeva1972-347">Kristeva 1972: 347</ref>) Hierbei wird
                        deutlich, dass sich mindestens zwei Texte begegnen, demnach also eine
                        Verbindung auf fiktiver Ebene stattfindet (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Ternes2016">Ternès 2016: 10</ref>). Anabel Ternès erläutert
                        weiter:</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Ternes2016-11">Das Buch im Buch erhöht die Komplexität
                            der fiktiven Welt, der Held als Leser dient der Lenkung des realen
                            Lesers durch den Autor. Die Motivforschung konstatiert zwar ansatzweise
                            eine Brüchigkeit der dichterischen Integrität. Doch diese demonstriert
                            dem Leser lediglich, wie die Welt des Autors und damit auch seine eigene
                            Lebenswelt von Texten determiniert ist: „Es lässt sich nicht leugnen,
                            dass dem literarischen Zitat, als Bezugnahme und Anspielung von Buch auf
                            Buch, von Literatur auf Literatur, etwas Mittelbares und Abgeleitetes
                            anhaftet, das sich mit irgendeiner idealen Vorstellung von
                            schöpferischer Spontaneität und dichterischer Ursprünglichkeit nur
                            schwer in Einklang bringen lässt.“ [Zit. Herman Meyer] (<ref type="bibl"
                                target="#Ternes2016" xml:id="ref_Ternes2016-11">Ebd.:
                            11f.</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>In Hinblick auf Mahlers Werk stellt die Intertextualität einen äußerst
                        relevanten Aspekt dar, da hierbei einerseits auf die fiktive Welt
                        bestehender literarischer Werke zurückgegriffen wird, andererseits auch die
                        Bedeutung von Intertextualität für die qualitative Wertung von Erzählung an
                        sich maßgeblich wird. Die Relevanz dieser intertextuellen Bezüge gilt es im
                        Zusammenhang mit Narratologie zu erschließen.</p>
                    <p>Die narratologische Situation eines Comics wird durch das geschriebene Wort
                        sowie durch das Bild bestimmt (vgl. allgmein zum Verhältnis Comic und
                        Literatur <ref type="bibl" target="#SchmitzEmans2012">Schmitz-Emans
                            2012</ref>; <ref type="bibl" target="#Blank2014">Blank 2014</ref>; <ref
                            type="bibl" target="#Trabert2015">Trabert et al. 2015</ref>). Das
                        geschriebene Wort ist hierbei eine Referenz zu Sprechblasen und mögliche
                        beschreibende Elemente, welche ein Mittel sind, um eine Szene in den Kontext
                        einzubetten. Diese schriftlichen Elemente liegen auf einem Bild, welches in
                        einer Sequenz zu anderen zu betrachten ist. Dieses Bild oder diese Bilder
                        werden als ‚Panels‘ bezeichnet (vgl. <ref type="bibl" target="#Dittmar2011"
                            >Dittmar 2011: 123–125</ref>). Das Panel gibt die kontextuelle Grundlage
                        für die verschriftlichten Äußerungen der Charaktere. Ein Bild kann
                        allerdings genauso ohne eigene erzählerische Funktion nur das von
                        Charakteren erzählte unterstützen beziehungsweise bestärken (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Dittmar2011">ebd.: 42</ref>). Wort und Bild können
                        sich in der Prominenz der Erzählung abwechseln und gegenseitig ergänzen.
                        Somit ist es unabdingbar, beide Instanzen, die einen Comic ausmachen,
                        innerhalb einer narratologischen Analyse zu betrachten.</p>
                    <p>Wenn im Folgenden von narratologischer Subversion die Rede sein wird,
                        beziehen wir uns in der Begriffsverwendung nicht zuletzt auf die politische
                        Konnotation, die man auch bei Elisabeth Ehrenberger bestätigt findet. Sie
                        beschreibt dabei allerdings nicht nur die politische und auch militärische
                        Konnotation des Subversionsbegriffes, sondern verweist auf den Aspekt der
                        Indirektheit, welcher dem innewohnt: <quote source="#ref_Ehrenberger1998-11"
                            >Als subversiv wird ein Vorgehen bezeichnet, das seine wahren Ziele
                            verschleiert, um sie leichter zu erreichen.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Ehrenberger1998" xml:id="ref_Ehrenberger1998-11">Ehrenberger
                            1998: 11</ref>) Uwe Wirth perspektiviert den Subversionsbegriff im
                        Hinblick auf die Literatur weiter: <quote source="#ref_Wirth2020-30">Die
                            Subversion zielt auf Unsichtbar-Machen, sie ist eine Under-Cover-Taktik,
                            die sich maskiert, genauer gesagt, die sich ins Gewand des Gegners
                            hüllt, um unerkannt zu bleiben.</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Wirth2020" xml:id="ref_Wirth2020-30">Wirth 2020: 30</ref>) Die
                        Frage richtet sich demnach auf die Sichtbarmachung dieser Wirkungsweise,
                        wobei sich auch, gerade im Bezug zu Mahlers Arbeit, eine Verbindung zur
                        Komik aufdecken lässt. Die Komik erscheint dabei jedoch nicht nur als
                        Technik der Sichtbarmachung der subversiven Absicht, sondern auch als
                        Verdeutlichung dieser: <quote source="#ref_Wirth2020-30">Die Komik zielt
                            dagegen auf das Sichtbar-Machen, auf das Entlarven: sie ist eine
                            dekuvrierende Taktik des Erkennens. Der komische Vergleich macht die
                            Differenz zwischen mir und dem anderen explizit.</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Wirth2020">Ebd.</ref>) Diese primäre
                        Differenzenzierung in der Vorgangsweise von Subversion und Komik ergibt
                        jedoch im Zusammenspiel das Resultat einer <quote source="#ref_Wirth2020-32"
                            >Maskierung, die [...] die wahren Absichten zunächst im Dunkeln lässt;
                            eine Maskierung aber auch, die darauf berechnet, als Maskierung erkannt
                            zu werden.</quote> (<ref type="bibl" target="#Wirth2020"
                            xml:id="ref_Wirth2020-32">Ebd.: 32</ref>)</p>
                    <p>Auf Basis dieser begrifflichen Verortung stellt sich nun die Frage nach dem
                        Bezug zum untersuchten Comic Mahlers. Betrachtet man den Aspekt der
                        Gesellschaftskritik genauer, so ergibt sich, so unsere These, die Verbindung
                        zu dem Terminus des Subversiven innerhalb des untersuchten Werks, welcher
                        durch die Intertextualität verschleiert wird und eine Aufdeckung erfordert.
                    </p>
                </div>
                <div xml:id="wdr04_04-06_01-02">
                    <head>1.2. Alice in Sussex</head>
                    <p>Am 11. März 2013 veröffentlichte Nicolas Mahler den Comic <title>Alice in
                            Sussex</title> als Buchausgabe (vgl. bereits <ref type="bibl"
                            target="#Reichmann2015">Reichmann 2015</ref>; <ref type="bibl"
                            target="#SchmitzEmans2015">Schmitz-Emans 2015</ref>). Zuvor erschienen
                        einige Panels bereits als ‚Alice als tägliche Serie‘<note
                            xml:id="endnote_01"><p>Siehe <ref
                                    target="https://www.mahlermuseum.com/titel/alice-in-sussex/"
                                    >www.mahlermuseum.com/titel/alice-in-sussex/</ref>, Zugriff am
                                13. März 2022.</p></note> im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen
                            Zeitung.<note xml:id="endnote_02"><p>Siehe <ref
                                    target="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/nicolas-mahler-alice-in-sussex-11950186.html"
                                    >www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/nicolas-mahler-alice-in-sussex-11950186.html</ref>,
                                Zugriff am 13. März 2022.</p></note> Obwohl diese Einzelpanels
                        bereits einige Einblicke in den Comic offenbaren, fallen einige Unterschiede
                        zwischen diesen zwei Veröffentlichung auf. Als auffälligste Differenz wäre
                        hierbei die Verwendung der Farbe Blau in der Buchausgabe zu nennen. Die
                        folgenden Ausschnitte zeigen diese sowie die leicht veränderte und, in
                        diesem Fall, verkürzte Handlung des Comics im Vergleich zu der der
                        Veröffentlichung im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen.<note
                            xml:id="endnote_03"><p>Die Autorinnen danken dem Suhrkamp-Verlag für die
                                Zurverfügungstellung und Reproduktionserlaubnis der Panels aus
                                Nicolas Mahlers <title>Alice in Sussex</title> (<ref type="bibl"
                                    target="#Mahler2013">Mahler 2013</ref>).</p></note></p>

                    <figure xml:id="wdr04_04-06_Abb_01">
                        <graphic width="400px" height="375px" url="media/wdr04_04-06_Abb_01.jpg"/>
                        <head type="legend">Oben: Nicolas Mahler: <title>Alice in Sussex</title>
                            2/65, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: <ref
                                target="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/nicolas-mahler-alice-in-sussex-11950186/comic-nicolas-mahler-alice-11948805.html"
                                >www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/nicolas-mahler-alice-in-sussex-11950186/comic-nicolas-mahler-alice-11948805.html</ref>,
                            Zugriff am 13. März 2022. Unten: <ref target="#Mahler2013">Mahler 2013:
                                16</ref>.</head>
                    </figure>

                    <p>Neben dem Titel, dem Autor und dem Verlag findet sich auf dem Umschlag des
                        Buches auch der Hinweis auf die Referenzwerke des Comics <quote
                            source="#ref_Mahler2013-x">frei nach Lewis Carroll und H.C.
                            Artmann</quote> (<ref type="bibl" target="#Mahler2013"
                            xml:id="ref_Mahler2013-x">Mahler 2013</ref>). Der Verweis auf die
                        Autoren kündigt neben dem Titel bereits an, dass es hierbei zu einem
                        Aufeinandertreffen unterschiedlicher Handlungen kommen wird. So lässt sich
                        vom ersten Betrachten des Umschlages erraten, dass sich die Figur Alice aus
                        Lewis Carrolls Romanen <title>Alice im Wunderland</title> (<ref type="bibl"
                            target="#Carroll2020a">Carroll 2020a</ref>) und <title>Alice hinter den
                            Spiegeln</title> (<ref type="bibl" target="#Carroll2020b">Carroll
                            2020b</ref>) in der fiktiven Welt H. C. Artmanns wiederfinden würde,
                        basierend auf <title>Frankenstein in Sussex</title> (<ref type="bibl"
                            target="#Artmann1969">Artmann 1969</ref>). Es ist hierbei jedoch wichtig
                        anzumerken, dass Alice und Sussex nicht die einzigen intertextuellen Aspekte
                        sind, die aus den beiden Kernwerken in Mahlers Comic in Erscheinung treten.
                        Interessant ist hierbei, dass es sich bei der Erzählung <title>Frankenstein
                            in Sussex</title> ebenfalls um eine literarische Adaption aus Carrolls
                        Werken und Mary Shelleys <title>Frankenstein</title> handelt. Mahlers
                            <title>Alice in Sussex</title> eignet sich daher hervorragend für die
                        Untersuchung von Intertextualität, gleichzeitig aber auch für die
                        Thematisierung des subversiven Potenzials literarischer Comics als
                        Randerscheinung des herkömmlichen literarischen Diskurses.</p>
                </div>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-06_02">
                <head>2. Intertextualität und Gesellschaftskritik als narratologisch-subversive Praxis</head>
                <div xml:id="wdr04_04-06_02-01">
                    <head>2.1 Zum erweiterten Verständnis von Paratext</head>
                    <p>Zunächst erfolgt eine genauere Hinführung zu dem erweiterten Begriff des
                        ‚Paratextes‘, wie ihn Christian Huck in Erweiterung von Gérard Genette
                        verwendet (vgl. <ref type="bibl" target="#Huck2011">Huck 2011: 47</ref>).
                        Dies ermöglicht nicht nur eine umfassendere Analyse der Intertextualität
                        innerhalb Nicolas Mahlers Werke, sondern auch die damit einhergehende
                        Komplexität dieser Werke zu verdeutlichen. Genette bezeichnet Paratext
                        als</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Huck2011-47">jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch
                            wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die
                            Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke
                            oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle, [die] jedem die
                            Möglichkeit zum Eintreten oder Umkehren bietet. (Genette zit. n. <ref
                                type="bibl" target="#Huck2011" xml:id="ref_Huck2011-47"
                            >ebd.</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Huck fasst diesen Begriff in seiner Bestimmung der Populärliteratur jedoch
                        weiter, so soll dazu</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Huck2011-47">all das zählen, was nicht zum Eigentlichen
                            des Textes zählt – also neben dem Beiwerk auch das, was über das Werk
                            hinausweist: Verwandtschaften zu anderen Werken und Welten. Man wird
                            sehen, dass es sich bei diesen Paratexten, zumindest im Bereich der
                            Populärliteratur, keineswegs um (akzidentelles) Beiwerk handelt, sondern
                            um eine unabdingbare Qualität des Textes. (<ref type="bibl"
                                target="#Huck2011">Ebd.</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Dieser erweiterte Begriff des Paratextes wird auch in diesem Beitrag
                        verwendet, um die <quote source="#ref_Huck2011-47">unabdingbare Qualität des
                            [Para-]Textes</quote> (<ref type="bibl" target="#Huck2011">ebd.</ref>)
                        für die Werke Mahlers zu erarbeiten und die wichtige Rolle der
                        Intertextualität innerhalb dieser zu untersuchen. Betrachtet man hierbei die
                        von Mahler gelisteten Einzelnachweise zu <title>Alice in Sussex</title>, so
                        wird die Notwendigkeit dieser Begriffserweiterung ersichtlich. Dabei wird
                        der Fokus nicht nur auf der Intertextualität und Referenzialität innerhalb
                        der Literatur liegen, sondern auch auf der Bedeutung von Intertextualität im
                        popkulturellen Kontext.</p>
                </div>

                <div xml:id="wdr04_04-06_02-02">
                    <head>2.2. Zur narratologischen Situation in <hi rend="italic bold">Alice in Sussex</hi></head>
                    <p>Mahler führt den Leserinnen und Lesern zu Beginn des Comics <title>Alice in
                            Sussex</title> (2013) unter Einbezug der zitierten Originalerzählung
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#Carroll2020a">Carroll 2020a: 11</ref>) seine
                        illustrierte Version der Carrollschen Alice vor (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Mahler2013">Mahler 2013: 9–13</ref>). Das Erscheinen der Figur
                        des Kaninchens erzeugt jedoch einen Bruch zum Originaltext, Mahler fällt
                        Carroll paraverbal ins Wort und beendet dessen Satz durch seine eigene
                        Illustration (vgl. <ref type="bibl" target="#Mahler2013">ebd.: 14</ref>).
                        Mahler zeigt damit zwar, dass <quote source="#ref_Mahler2013-139">die
                            Charaktere (und Teile der Texte und Dialoge) in diesem Buch</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Mahler2013" xml:id="ref_Mahler2013-139">ebd.
                            139</ref>) zwar den Paratexten entnommen wurden, aber diese sich in der
                        fiktiven Welt seines Comics befinden und agieren. Die weiteren Panels rücken
                        bereits eines der Hauptthemen des Comics in den Vordergrund: den Diskurs um
                        Literatur. Das Kaninchen reagiert auf die Buchwahl Alices’, welche
                            <title>Frankenstein in Sussex</title> liest, mit den Worten Carrolls
                            <quote source="#ref_Carroll2020a-12">Jemine! Jemine!</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Carroll2020a" xml:id="ref_Carroll2020a-12">Carroll
                            2020a: 12</ref>), was anhand der veränderten Interpunktion eine eher
                        negative Konnotation erzeugt <quote source="#ref_Mahler2013-14">Ojemine,
                            ojemine.</quote> (<ref type="bibl" target="#Mahler2013"
                            xml:id="ref_Mahler2013-14">Mahler 2013: 14</ref>). Auf die von Alice
                        geäußerte Kritik am Buch, dass es keine Abbildungen enthalte, nimmt das
                        Kaninchen sie mit in seinen Kaninchenbau um ihr dort die <quote
                            source="#ref_Mahler2013-15">aufwendig illustrierte Erstausgabe</quote>
                            (<ref type="bibl" target="#Mahler2013" xml:id="ref_Mahler2013-15">ebd.:
                            15</ref>) des Buches zu zeigen.</p>
                    <p>Während Alice den Schacht zum Kaninchenbau herunterfällt, verschmelzen die
                        Paratexte erneut: Zu Beginn spricht Alice (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Mahler2013">ebd.: 22f.</ref>) der Carroll’schen Handlung nach
                        (vgl. <ref type="bibl" target="#Carroll2020a">Carroll 2020a: 13</ref>),
                        verdreht daraufhin jedoch den Originaltext vom <quote
                            source="#ref_Carroll2020a-13">Erdmittelpunkt</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Carroll2020a" xml:id="ref_Carroll2020a-13">ebd.: 13</ref>) zum
                            <quote source="#ref_Artmann1969-14">Mittelpunkt der Erde</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Artmann1969" xml:id="ref_Artmann1969-14">Artmann
                            1969: 14</ref>) und fällt damit metaphorisch immer tiefer auch in die
                        Handlung von <title>Frankenstein in Sussex</title>. Diese literarische
                        Vermischung zeigt sich auf dem folgend angeführten Ausschnitt der
                        Panels.</p>

                    <figure xml:id="wdr04_04-06_Abb_02">
                        <graphic width="200px" height="290px" url="media/wdr04_04-06_Abb_02.jpg"/>
                        <head type="legend"><ref target="#Mahler2013">Mahler 2013: 24</ref>.</head>
                    </figure>

                    <p>Auf den Roman <title>Die Reise zum Mittelpunkt der Erde</title> von Jules
                        Verne wird dabei nicht nur wörtlich referiert, sondern auch graphisch durch
                        das wiederkehrende Motiv verschiedener Gewässer, die, wie in der Erzählung
                        nach Verne, einen Wegweiser zum Ziel darstellen.</p>
                    <p>Diese Darstellung der intertextuellen Bezüge innerhalb weniger Panels zeigt
                        bereits die Komplexität des Comics auf. Diese narratologischen Grundsäulen
                        des Comics werden jedoch auch ergänzt durch die wiederholte Nennung von
                        etlichen anderen berühmten Werken (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Mahler2013">Mahler 2013: 52</ref>). Diese werden Alice vom
                        Kaninchen als bessere Lektürevorschläge genannt, gleichzeitig wird das
                        Verständnis dieser Werke <quote source="#ref_Mahler2013-51">für
                            ‚Erstleser‘</quote> (<ref type="bibl" target="#Mahler2013"
                            xml:id="ref_Mahler2013-51">ebd.: 51</ref>) abgesprochen. So referiert
                        die darauffolgende Unterhaltung zwischen Alice und dem Kaninchen auf die
                        Novelle <title>Candide oder der Optimismus</title> von Voltaire. Es ist
                        jedoch ersichtlich, dass es sich innerhalb dieser Debatte nicht um den
                        weltlichen und göttlichen Optimismus handelt, sondern um die Frage nach
                        Veränderung von traditionellen Haltungen, gleichsam der innerhalb des
                        literaturwissenschaftlichen Fachdiskurses, um die Frage der Eingrenzung des
                        Literaturbegriffs. Ironisch ist dabei auch das Resultat der Debatte, indem
                        das Kaninchen sich der Debatte entzieht und auf das Werk <title>Unfug des
                            Lebens und des Sterbens</title> von Mulford Prentice verweist und damit
                        Alice animiert, den Weg hinunter, zur Illustration des <title>Frankenstein
                            in Sussex</title>, wieder aufzunehmen (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Mahler2013">ebd.: 53</ref>).</p>
                    <p>Abseits der Verwobenheit der Texte aus der Originalerzählungen treffen aber
                        auch die Figuren Carrolls und Artmanns direkt aufeinander. Hierzu
                        verdeutlichen die angeführten Auszüge der Panels die folgende Analyse.</p>

                    <figure xml:id="wdr04_04-06_Abb_03">
                        <graphic width="430px" height="290px" url="media/wdr04_04-06_Abb_03.jpg"/>
                        <head type="legend"><ref target="#Mahler2013">Mahler 2013: 94</ref> (links)
                            u. <ref target="#Mahler2013">96</ref> (rechts).</head>
                    </figure>

                    <p>Der Originaltext aus <title>Frankenstein in Sussex</title> (<quote
                            source="#ref_Artmann1969-10">Ein gutaussehender gentleman in jägerrock
                            und kniehosen</quote>, <ref type="bibl" target="#Artmann1969"
                            xml:id="ref_Artmann1969-10">Artmann 1969: 10</ref>; <quote
                            source="#ref_Artmann1969-12">Kurz darauf fand der junge gentleman das
                            schornsteinloch und warf einige steine hinein</quote>, <ref type="bibl"
                            target="#Artmann1969" xml:id="ref_Artmann1969-12">ebd.: 12</ref>) wird
                        in Mahlers Comic durch die Illustration der Figur des Gentlemans verdichtet
                        und durch die reduzierte Anzahl der geworfenen Steine, von <quote
                            source="#ref_Artmann1969-12">einige</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Artmann1969">ebd.</ref>) zu <quote source="#ref_Mahler2013-94"
                            >eine[m]</quote> (<ref type="bibl" target="#Mahler2013"
                            xml:id="ref_Mahler2013-94">Mahler 2013: 94</ref>), entsprechend der
                        Illustration, verändert. Der Stein, welcher von Artmanns Figur durch den
                        Schornstein geworfen wird, fällt hier symbolisch in das Wunderland Carrolls
                        hinein und erstellt ein Bindeglied zwischen den beiden Erzählhandlungen.
                        Obwohl ersichtlich wird, dass durch das Auftreffen des Steins auf der Figur
                        des <quote source="#ref_Carroll2020b-82">Goggelmoggel</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Carroll2020b" xml:id="ref_Carroll2020b-82">Carroll
                            2020b: 82</ref>) klar auf einen Teil des Gedichts aus <title>Alice
                            hinter den Spiegeln</title>
                        <quote source="#ref_Carroll2020b-82">Goggelmoggel saß auf der Wand,
                            Goggelmoggel fiel in den Sand</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Carroll2020b">ebd.</ref>) angespielt wird. Hierbei verändert
                        Mahler jedoch auch illustratorisch den Aufprall auf einem Boden, anstatt wie
                        bei Carroll auf dem Sand (vgl. <ref type="bibl" target="#Carroll2020b">ebd.:
                            81</ref>). Die interpretatorische Erkenntnis, welche sich daraus ergibt,
                        ist dass der Aufgriff der Handlung <title>Alice hinter den Spiegeln</title>
                        innerhalb dieses Comics nur durch den Einbezug des Gentlemans möglich wird,
                        diese Synthese der Handlungen jedoch nach wie vor auf dem Boden der
                        Comicwelt von Nicolas Mahler stattfindet.</p>
                </div>
                <div xml:id="wdr04_04-06_02-03">
                    <head>2.3. Narratologische Darstellung von Gesellschaftskritik</head>

                    <p>Ein weiterer interessanter Moment der Intertextualität tritt im nächsten
                        Ausschnitt des Comics auf (vgl. <ref type="bibl" target="#Mahler2013">Mahler
                            2013: 83</ref>). Zuvor kommt es zu einem kurzen Dialog zwischen Alice
                        und Mahlers Illustration der falschen Suppenschildkröte (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Carroll2020a">Carroll 2020a: 92</ref>), wobei
                        dieser mit der folgenden Aussage der Suppenschildkröte eingeleitet wird:
                            <quote source="#ref_Mahler2013-80">Einst … war ich echt. Und dann kam
                            ich in die Schule.</quote> (<ref type="bibl" target="#Mahler2013"
                            xml:id="ref_Mahler2013-80">Mahler 2013: 80</ref>) Die Schildkröte
                        beschreibt an den Dialog anknüpfend die eigene Sicht einer <quote
                            source="#ref_Mahler2013-82">erstklassigen Schule</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Mahler2013" xml:id="ref_Mahler2013-82">ebd.:
                            82</ref>) anhand der in den angeführten Panels aufgezählten
                        ‚Schulfächern‘. Bei diesen ‚Schulfächern‘ handelt es sich jedoch nicht wie
                        bei Carroll um frei erfundene Schulfächer, wie <quote
                            source="#ref_Carroll2020a-99">das Große und das Kleine Nabelweh, [...]
                            aber dann auch Deutsch und alle Unterarten – Schönschweifen,
                            Rechtspeibung, Sprachelbeere und Hausversatz</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Carroll2020a" xml:id="ref_Carroll2020a-99">Carroll 2020a:
                            99</ref>), sondern um vergangene Lehrveranstaltungen verschiedener
                        Studienrichtungen an der Universität Wien. Die bereits bei Carroll
                        enthaltene Kritik am Bildungsbereich wird durch Mahler hier vor allem auf
                        den tertiären Bildungsbereich fokussiert. Die Suppenschildkröte verkörpert
                        dabei die <quote source="#ref_Bachmann2019-13">Stellvertreterin der
                            ‚Hochkultur‘</quote> (<ref type="bibl" target="#Bachmann2019"
                            xml:id="ref_Bachmann2019-13">Bachmann 2019: 13</ref>) und einige Panels
                        später die damit oft einhergehende Verurteilung der Populärmedien und derer
                        Rezipienten (vgl. <ref type="bibl" target="#Mahler2013">Mahler 2013:
                            85</ref>).</p>

                    <figure xml:id="wdr04_04-06_Abb_04">
                        <graphic width="200px" height="289px" url="media/wdr04_04-06_Abb_04.jpg"/>
                        <head type="legend"><ref target="#Mahler2013">Mahler 2013: 83</ref>.</head>
                    </figure>

                    <p>Das Ende des Comics zeigt erneut die Verwobenheit der Handlung, da der
                        Textauszug aus Carrolls <title>Alice im Wunderland</title> mit den
                        Illustrationen der einzelnen Figuren beider Autoren von Mahler ergänzt wird.
                        Wie in der Erzählung Carrolls endet <title>Alice in Sussex </title>zwar mit
                        einem kurzen Rückblick auf die Geschehnisse der Handlung (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Carroll2020a">Carroll 2020a: 126–128</ref>),
                        unterstreicht aber die zugrundeliegende, <quote source="#ref_Mahler2013-134"
                            >langweilig[e] und wirklich[e]</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Mahler2013" xml:id="ref_Mahler2013-134">Mahler 2013: 134</ref>)
                        Realität, in der der Diskurs über Populärliteratur immer noch als Gegensatz
                        zu klassischer Literatur als ‚Hochkultur‘ steht.</p>
                    <p>Vor allem das letzte Panel zeigt, dass der Weg hin zu einer Annäherung beider
                        ‚Gegenpositionen‘, hier durch den illustratorischen Rückgriff auf das
                        Bachufer vom Beginn des Buchs (und damit auch wieder die Verwendung des
                        Wassermotivs mit Referenz zu Jules Vernes Roman <title>Die Reise zum
                            Mittelpunkt der Erde</title>), eigentlich direkt vor unseren Füßen
                        liegt. Die von Nicolas Mahler kreierte Welt, in der sich Populärliteratur
                        und ‚Hochkultur‘ ergänzen können, scheint demnach nur in der Welt der
                        populären Literatur friedlich bestehen zu können.</p>

                    <figure xml:id="wdr04_04-06_Abb_05">
                        <graphic width="368px" height="250px" url="media/wdr04_04-06_Abb_05.jpg"/>
                        <head type="legend"><ref target="#Mahler2013">Mahler 2013: 133</ref> (links)
                            u. <ref target="#Mahler2013">134</ref> (rechts).</head>
                    </figure>

                </div>
                <div xml:id="wdr04_04-06_02-04">
                    <head>2.4. Intertextualität als narratologisch-subversive Praxis im Comic</head>
                    <p>In Anbetracht der Analyse der gewählten Passagen aus <title>Alice in
                            Sussex</title> (2013) wird deutlich, welche Relevanz die
                        Intertextualität innerhalb des Comics von Nicolas Mahler einnimmt. Die
                        Analyse zeigt aber auch wie die Intertextualität die <quote
                            source="#ref_Ehrenberger1998-11">wahren Ziele verschleiert</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Ehrenberger1998">Ehrenberger 1998: 11</ref>) und
                        wie diese durch die enthaltene Komik aber auch entlarvt werden. Das Spiel
                        zwischen Maskierung als literarische Adaption zweier Basisparatexte und der
                        Demaskierung als Kritik am gesellschaftlichen Diskurs zum Literaturbegriff
                        ermöglicht es nicht nur, die Differenzen aufzuzeigen, sondern auch innerhalb
                        eines Werkes den Gegenbeweis für ebendiese zu erbringen (vgl. <ref
                            type="bibl" target="#Wirth2020">Wirth 2020: 32</ref>). Bernhard Greiner
                        verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen Komik und Subversion durch die
                        Erarbeitung der <quote source="#ref_Greiner2020-91">Bedeutung des
                            Witzes</quote>, der</p>
                    <cit>
                        <quote source="#ref_Greiner2020-91">im Wissen [besteht], dass man soziale
                            und symbolische Grenzlinien aufweichen und die soziale Ordnung,
                            zumindest zeitweise, suspendieren kann. Dem Witz wohnt zwar nicht per se
                            ein rebellisches Potential inne; wohl aber eröffnet er eine Perspektive,
                            die sich von der Fraglosigkeit der Erfahrung im Alltag grundlegend
                            unterscheidet. Es ist zugleich ein Blickwinkel, der das Brüchige,
                            Instabile und Konstruierte der sozialen Ordnung zu Tage befördert. (<ref
                                type="bibl" target="#Greiner2020" xml:id="ref_Greiner2020-91"
                                >Greiner 2020: 91f.</ref>)</quote>
                    </cit>
                    <p>Nicolas Mahler beweist ganz generell mit seinen Werken, dass Populärliteratur
                        eben nicht <quote source="#ref_Huck2011-44">ein Verfallsprodukt der wahren,
                            dem Populären entgegenstehenden Literatur</quote> (<ref type="bibl"
                            target="#Huck2011" xml:id="ref_Huck2011-44">Huck 2011: 44</ref>) ist,
                        sondern ebenso komplex und bedeutsam ist wie ‚hochkulturelle‘ Werke.
                        Dietrich Grünewald weist auf ein Kernproblem dieser traditionellen
                        Betrachtungsweise von Populärliteratur hin, nämlich, dass das Rezipieren von
                        Bildern sich stark von der Rezeption von Texten unterscheidet und damit auch
                        andere Analysestrategien erfordert (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Gruenewald2014">Grünewald 2014: 42</ref>). Literarische Comics
                        wie <title>Alice in Sussex</title> bilden schließlich aufgrund ihrer
                        verwobenen Intertextualität zwischen Schrift und Bild eine Kunstgattung,
                        welche es schwer macht, eindeutige Grenzen für den Literaturbegriff zu
                        treffen. Diese Überlegung korrespondiert mit der Überzeugung, dass das
                        Medium Comic von Natur aus intermedial ist (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Isekenmeier2013">Isekenmeier 2013</ref>; <ref type="bibl"
                            target="#Isekenmeier2021">Iskenmeier et al. 2021</ref>). Dies ist
                        gegeben durch die Kombination von zwei inhärent unterschiedlichen Medien:
                        das geschriebene Wort und das Bild (vgl. <ref type="bibl"
                            target="#Rippl2015">Rippl/Etter 2015: 191</ref>). Diese Tatsache kann
                        auch das Fundament einer narratologischen Analyse der Darstellung von
                        Intertextualitäten bilden. Dementsprechend gibt es nach Jan-Noel Thon bei
                        Comics eine eigene, nicht aus der klassischen literaturwissenschaftlichen
                        Forschung abzuleitende, narratologische Situation, die er als <quote
                            source="#ref_Thon2015-85">verbal-pictorial-</quote> oder <quote
                            source="#ref_Thon2015-85">purely pictorial representation</quote> (<ref
                            type="bibl" target="#Thon2015" xml:id="ref_Thon2015-85">Thon 2015:
                            85f.</ref>) bezeichnet. In einem Comic mit einem
                            <term>verbal-pictorial</term> Erzähler ist das primäre Medium des
                        Erzählers das Bild, welches manchmal mit beschreibenden Elementen kombiniert
                        wird.</p>
                </div>
            </div>
            <div xml:id="wdr04_04-06_03">
                <head>3. Gesellschaftskritik als narratologisch-subversive Praxis</head>
                <p>Modernes politisches Schreiben ist laut Thomas Ernst primär durch die Praxis der
                    Subversion realisiert (vgl. <ref type="bibl" target="#Ernst2013">Ernst 2013:
                        11–13</ref>). Dies lässt sich auf literarische Bewegungen des 20.
                    Jahrhunderts zurückführen, bei denen der damalig vor allem militärisch und
                    umstürzlerisch gebrauchte Begriff auf Kunst angewandt, umgemünzt und mit
                    anti-kapitalistischen sowie anti-hegemonialen Neigungen versehen wurde (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Ernst2013">ebd. 89</ref>). Dies war vor allem
                    innerhalb der Avantgardebewegungen der Fall, in denen man dem traditionellen
                    Literaturverständnis entsagen wollte (vgl. <ref type="bibl" target="#Ernst2013"
                        >ebd. 97</ref>). Die Umsetzung hiervon geschah einerseits durch
                    Repolitisierung der Inhalte von Literatur: Literatur durfte und sollte nicht
                    mehr getrennt vom realen Leben sein und sollte mithilfe dieser Annäherung eine
                    kritisierende Funktion erlangen (vgl. <ref type="bibl" target="#Ernst2013">ebd.
                        109</ref>).</p>
                <p>Die subversive Neufindung des Litertaturbegriffs und die damit einhergehende
                    Grenzüberschreitung des traditionellen Literaturbegriffs lässt sich dabei nicht
                    nur an den Inhalten, sondern vor allem an alternativen Mediengebräuchen
                    festmachen, die wiederum auf die Inhalte rückwirkten. Hieraus lässt sich
                    schließen, dass auch dem Comic als ein der herkömmlichen schriftlichen
                    Vermittlungsform entgegenstehendes Medium die literarische Grenzüberschreitung
                    immer schon eingeschrieben ist. In der einander ergänzenden Kombination von Wort
                    und Bild durchbricht der Comic die Disziplinen und bringt populärkulturelle
                    Charakteristiken in die Hochliteratur ein, was als eines der Hauptfundamente für
                    Subversion angesehen werden kann (vgl. <ref type="bibl" target="#Ernst2013"
                        >ebd.: 140</ref>). Gerade in der ständigen Referenz auf literarische
                    Vorgänger markieren Nicolas Mahlers Comics diese Schwelle und tragen die
                    Grenzüberschreitung, inklusive der Provokation der herkömmlichen
                    Forschungsdisziplinen (vgl. <ref type="bibl" target="#Klingenboeck2019"
                        >Klingenböck 2019</ref>), gewissermaßen in sich.</p>
                <space unit="lines" quantity="4"/>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="Artmann1969">Artmann, H. C. (1969): Frankenstein in Sussex.
                        Frankfurt a.M.: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Bachmann2019">Bachmann, Christian A. (2019): „Irgendwann ist mir
                        das halt selber aufgefallen, dass es verdichtet ist, was ich mach.“ Nicolas
                        Mahler zur Einführung, in: Closure. Kieler e-Journal für Comicforschung 5,
                        S. 3–21.</bibl>
                    <bibl xml:id="Blank2014">Blank, Juliane (2014): Literaturadaptionen im Comic.
                        Ein modulares Analysemodell. Berlin: Bachmann Verlag (Bildnarrative. Studien
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                    <bibl xml:id="Carroll2020a">Carroll, Lewis (2020a): Alice im Wunderland.
                        Frankfurt a.M.: Insel Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Carroll2020b">Carroll, Lewis (2020b): Alice hinter den Spiegeln.
                        Frankfurt a.M.: Insel Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Dittmar2011">Dittmar, Jakob F. (2011): Comic-Analyse. 2. Auflage.
                        Konstanz: UVK.</bibl>
                    <bibl xml:id="Ehrenberger1998">Ehrenberger, Elisabeth (1998): Einige Bemerkungen
                        zur Herkunft und zur Verwendung des Wortes ‚subversiv‘ in verschiedenen
                        europäischen Sprachen, in: Karol Sauerland (Hg.): Das Subversive in der
                        Literatur, die Literatur als das Subversive. Toruń: Wydawnictwo Uniwersytetu
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                    <bibl xml:id="Ernst2013">Ernst, Thomas (2013): Literatur und Subversion.
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                    <bibl xml:id="Greiner2020">Greiner, Bernhard (2020): Komik, das Komische /
                        Subversivität des Komischen, in: Pia Janke/Christian Schenkermayr (Hg.):
                        Komik und Subversion. Ideologiekritische Strategien. Wien: Praesens Verlag
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                    <bibl xml:id="Gruenewald2014">Grünewald, Dietrich (2014): Die Kraft der
                        narrativen Bilder, in: Susanne Hochreiter/Ursula Klingenböck (Hg.): Bild ist
                        Text ist Bild. Narration und Ästhetik in der Graphic Novel. Bielefeld:
                        transcript Verlag, S. 17–52.</bibl>
                    <bibl xml:id="Huck2011">Huck, Christian (2011): Was ist Populärliteratur. Oder
                        eher, wann ist Populärliteratur, in: Roger Lüdeke (Hg.): Kommunikation im
                        Populären. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein ganzheitliches Phänomen.
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                    <bibl xml:id="Isekenmeier2013">Isekenmeier, Guido (Hg.) (2013):
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                    <bibl xml:id="Isekenmeier2021">Isekenmeier, Guido/Böhn, Andrea/Schrey, Dominik
                        (Hg.) (2021): Intertextualität und Intermedialität. Theoretische Grundlagen
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                    <bibl xml:id="Klingenboeck2019">Klingenböck, Ursula (2019): „Besonders an der
                        Verknappung und Entschlackung stossen sich die Germanisten“. Nicolas Mahlers
                        Kunstbetriebs-Comics als kleine Form inter- und transmedialen Erzählens, in:
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