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                <title type="main" xml:lang="de">Editorial</title>
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                    <name>
                        <forename>Kira</forename>
                        <surname>Kaufmann</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Roland</forename>
                        <surname>Innerhofer</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universität Wien, Institut für Germanistik</affiliation>
                </author>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Christian</forename>
                        <surname>Zolles</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Universtität Konstanz, Zentrum für Kulturwissenschaftliche
                        Forschung</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-01-01</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                    <term xml:lang="de">Kriminalliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Kriminologie</term>
                    <term xml:lang="de">Indizienparadigma</term>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Crime literature</term>
                    <term xml:lang="en">Criminology</term>
                    <term xml:lang="en">Evidential paradigm</term>
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                    <name>Laura Tezarek</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Die fünfte Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title> führt in den Bereich
                    der <term>Criminal Minds</term>. Woher stammen die ‚kriminellen Energien‘ und
                    welche Formen können sie annehmen? Wie stehen sie im Verhältnis zu unserem
                    Wissen, Gesetz und (Widerstands-)Recht? Wie werden diese jeweils erzählt? Diesen
                    und weiteren Fragen widmen sich neun Schwerpunktbeiträge und weitere zusätzliche
                    Miniaturen unter ‚glokalen‘ Gesichtspunkten.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The fifth issue of <title>Wiener Digitale Revue</title> delves into the realm of
                        <term>Criminal Minds</term>. Where do ‘criminal energies’ originate, and
                    what forms can they take? How do they relate to our knowledge, law, and
                    (resistance) rights? How are these stories told? These and other questions are
                    explored in nine main contributions, along with additional miniatures, all
                    examined from ‘glocal’ perspectives.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_01-01_01">
                <p>Die vorliegende fünfte Ausgabe der <title>Wiener Digitalen Revue</title>, die
                    mittels einer zweijährigen wissenschaftlichen Zeitschriftenförderung des
                    österreichischen Wissenschaftsfonds FWF eine Fortführung finden kann, widmet
                    sich dem Thema der <term>Criminal Minds</term>. Sie gibt einen aktuellen
                    Überblick und tiefere Einblicke in die literatur- und geisteswissenschaftliche
                    Auseinandersetzung mit kriminellen Handlungs- und Darstellungsformen. Die
                    Blickwinkel sind vielfältig und reichen von ästhetischen Untersuchungen über
                    epistemologische und psychiatriehistorische Ansätze bis hin zu Beiträgen, die
                    die generelle soziopolitische Dimension von Verbrechen und Gesetzesbruch
                    beleuchten. Dies geschieht unter ‚glokalen‘ Gesichtspunkten, schließlich stechen
                    in diesem Bereich, ob er nun hauptsächlich faktual oder fiktional beleuchtet
                    wird, die häufig überbetonten nationalen oder regionalen Merkmale ins Auge, die
                    etwa zu spezifischen Charakterzeichnungen, Mythen um spektakuläre Clues oder
                    literarischen Subgenres (z. B. ‚Schweden-‘‚ ‚Cosy-‘ oder ‚Wiener Krimi‘) geführt
                    haben. Es bieten sich somit gerade bei diesem Thema, bei dem man es mit
                    scheinbar eindeutigen und generalisierbaren Affekthandlungen und Intentionen,
                    Verfahren und Diskursen der Wahrheitsfindung zu tun hat, detaillierte
                    Untersuchungen sowie eine vergleichende Auseinandersetzung mit den
                    unterschiedlichen Ausgestaltungen und Traditionen von Verbrechen besonders an. </p>
                <p>Dieser Umstand lässt sich auch aus den verwendeten Begrifflichkeiten ableiten:
                    ‚Kriminelle Energie‘ (<term>criminal</term>) steht im Schlagwort dem
                    ‚Bewusstsein‘ (<term>minds</term>) für Formen und Praktiken der Sprechakte und
                    Genres gegenüber, in welchen die gegenwärtigen (devianten oder illegalen)
                    Tatsachen verhandelt werden. ‚Criminal Minds‘ umfasst damit die Performanz der
                    Rechtsprechung (Recht und Unrecht vs. Gerechtigkeit) und des Sozialverhaltens
                    (Abnormalität vs. Normalität), die Herausbildung von Täter-Opfer-Verhältnissen
                    und die Verlagerung von Verbrechen und Tatorten (etwa bei Cyberkriminalität)
                    genauso wie das ‚Profiling‘, die Zusammenführung eines Gesamtbildes – etwa einer
                    Persönlichkeit – durch erhobene Daten. Tatrekonstruktion und Tätersuche basieren
                    also auf der Analyse und der zweckbezogenen Auswertung von Daten, wodurch nicht
                    zuletzt zentrale Fragen der Philologie wie der Digital Humanities, Praktiken der
                    Modellierung, Visualisierung und Interpretation, aufgerufen sind. Zusätzlich
                    kann die ‚kriminelle Energie‘ im Widerstand gegen Reglementierung und
                    Überwachung angesprochen werden, wodurch auch die Vereinbarkeit neuer Medien und
                    Technologien mit demokratischen Grundwerten in einer offenen Gesellschaft zur
                    Disposition steht. In welchen (virtuellen) Formen tritt uns das ‚Kriminelle‘
                    also entgegen?</p>
                <p>Wie könnte man sich der Beantwortung dieser Frage – noch dazu im Rahmen des
                    vorliegenden Mediums – besser annähern, als indem man der psychoanalytischen
                    Spur folgt: So bildet der Beitrag von <hi rend="bold">Max Roehl</hi> zu
                        <title>Crime Fiction &amp; Psychoanalysis</title> den Startpunkt für den
                        <title>Schwerpunkt</title>. In historischer Sicht weist er auf die Bezüge
                    der jungen Psychoanalyse zur Kriminologie hin und zeichnet die Bedeutung der
                    aufgeklärten Kriminalgeschichte für die Entstehung der Seelenkunde im späten 18.
                    Jahrhundert nach. Konzise wird aufgezeigt, dass sich literarische Detektion und
                    Psychoanalyse in der Deutung vorgefundener Spuren und der kritischen Prüfung der
                    Oberfläche begegnen. Ihre Parallele besteht darin, anhand von Spuren eine
                    Geschichte zu (re-)konstruieren: den verschwiegenen Tathergang oder die
                    verdrängte Erfahrung. Die Erzählung selbst wird zum wichtigsten Teil der Lösung
                    des Kriminalfalls sowie der psychoanalytischen ‚talking cure‘.</p>
                <p>Der anschließende Beitrag von <hi rend="bold">Lydia Rammerstorfer</hi>,
                        <title>Sympathy for the devil? Zur aufklärerischen Funktion des Bösen in
                        Friedrich Schillers Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“
                        (1792)</title>, zeigt auf, dass die Frage nach der menschlichen Faszination
                    für das Böse und ihrer (anthropologischen) Funktion nicht nur ein Anliegen der
                    (Kriminal-)Psychologie, sondern auch seit jeher Gegenstand philosophischer
                    Reflexionen war. Am bekannten Beispiel der Erzählung <title>Der Verbrecher aus
                        verlorener Ehre</title>, eines historischen ‚Marksteins‘ der deutschen
                    Kriminalliteratur, wird Friedrich Schillers Bemühen erläutert, den Leser·innen
                    wie schon den Theatergänger·innen die Wichtigkeit zu vermitteln, sich mit den
                    tieferen Ursachen von Verbrechen auseinanderzusetzen und damit selbst
                    kriminalätiologisch tätig zu werden. Das Böse könne nur überwunden werden, wenn
                    man es ausgehend von den Anlagen der ‚tierischen Natur‘ im Menschen begreife,
                    deren Fehlleitung abhängig vom Lebensumstand zu betrachten sei und immer die
                    Option auf andere Handlungsweisen in sich trage.</p>
                <p>Vor dem Hintergrund dieser ersten in die epistemologischen Aspekte des Themas
                    einführenden Beiträge folgen konzise ästhetische Betrachtungen
                    kriminalliterarischer Fallbeispiele. Die bei Schiller zentral verhandelten
                    gesellschaftspolitischen Aspekte vertiefend, setzt sich <hi rend="bold"
                        >Konstanze Fliedl</hi> in <title>Mörderisch illiterat. Kriminalität und
                        Analphabetismus</title> mit dem bedeutenden und in der
                    literaturwissenschaftlichen Kriminalitätsforschung (mit Ausnahme des ‚Falles
                    Moosbrugger‘ bei Robert Musil) bislang weitgehend übergangenen Verhältnis von
                    Literatur und Analphabetismus auseinander. Diesen Gegensatz extrem zugespitzt
                    hat die britische Autorin Ruth Rendell, die in ihrem Roman <title>A Judgement in
                        Stone</title> (1977) eine Analphabetin zur Mörderin einer ganzen –
                    exemplarisch bildungsbürgerlichen – Familie macht. Die nicht unproblematische
                    Suggestion, erst das Lesen mache human, unterstützt der Text durch zahlreiche
                    Zitate aus dem englischen Literaturkanon, meist von Shakespeare und Dickens:
                    Intertextualität wird hier zum performativen Ausweis der Zugehörigkeit zu einer
                    zivilisierten und empathischen Lese-Gemeinschaft. Der Zusammenhang von
                    Analphabetismus und Kriminalität beruht aber nicht auf Kausalität, sondern
                    besteht in einer Korrelation, in der Armut und Deklassierung Schlüsselfaktoren
                    sind.</p>
                <p>In <title>Eine Faszinationsgeschichte mörderischer Männlichkeit. Brigitte
                        Schwaiger auf den Spuren von Helmut Frodl und Gabor Pesti</title> berührt
                        <hi rend="bold">Stefan Maurer</hi> im Anschluss einen weiteren bereits bei
                    Schiller angelegten Umstand, nämlich jenen der Theatralität der Justiz. Die
                    Faszination, die sich aus der Teilhabe der – in diesem Fall bewusst im
                    weiblichen Genus angeführten – Beobachterinnen an öffentlichen Beweis- und
                    Urteilsverfahren und insbesondere über die Identifikation mit den Tätern
                    einstellen konnte, manifestiert sich eindrücklich am Beispiel der
                    österreichischen Autorin Brigitte Schwaiger. In ihrer intensiven Beschäftigung
                    mit prominenten Prozessen der 1990er Jahre in Wien zeigen sich die Extreme, die
                    zwischen investigativem Anspruch, dem poetologischen Festhalten an der
                    Darstellung von ‚magischen‘ Erfahrungsräumen und nicht zuletzt biografischen
                    Erlebnissen auftreten mussten. Dieser Umstand macht Schwaigers öffentliche
                    Interventionen etwa in Form von ‚Verteidigungs-Reimen‘ für einen bekannten
                    Häftling zu besonderen, teils beklemmenden Zeugnissen der persönlichen
                    Auseinandersetzung mit Gerichtsverfahren.</p>
                <p>Schwaigers Anteilnahme und Appellation an ein außergerichtlich anzusiedelndes
                    Rechtsbewusstsein ist kein Novum. So stellt <hi rend="bold">Maddalena
                        Casarini</hi> in <title>W/M wie Weidmann. Colettes Reportagen zum
                        Spiegelbild der Monstrosität</title> einen früheren eindrücklichen Fall
                    einer öffentlichkeitswirksamen justizkritischen Prozessbegleitung vor. 1937
                    wurde der mutmaßliche Serienmörder Eugen Weidmann in der Nähe von Paris
                    verhaftet. Schnell bezeichnete ihn die Presse als ‚monstre‘. Als der
                    Weidmann-Prozess im Frühjahr 1939 begann, waren die berühmtesten
                    Gerichtsreporter·innen der Zeit anwesend, darunter die Reporterin
                    Sidonie-Gabrielle Colette, deren Reportagen im <title>Paris-Soir</title>
                    erschienen. Der Beitrag untersucht die rhetorischen Strategien von Colettes
                    poetischer Sprache im Wettbewerb mit jener der Sensationspresse einerseits und
                    der Bildberichterstattung andererseits. Es wird gezeigt, dass sie sich der
                    Sprache und der Semantik der Sensationspresse bediente, um eine Verschiebung der
                    Perspektive hervorzurufen und dadurch auf das Rechtsgefühl ihrer Leserschaft
                    einzuwirken.</p>
                <p>Der Frage nach der Möglichkeit, ein über die Verhandlungen vor Gericht
                    hinausgehendes authentisches Bild vom Tathergang, Täter oder gar von dessen
                    Unschuld zu zeichnen, geht auch <hi rend="bold">Julia Lückl</hi> in
                        <title>True-Crime, das ‚authentische Verbrechen‘ und seine (kommerzielle)
                        Inszenierung. Zu Ferdinand von Schirachs Erzählband „Verbrechen“ (2009) und
                        seinen US-amerikanischen Vorbildern</title> nach. Darin wird allerdings
                    nicht der Versuch seitens von Autor·innen beleuchtet, den Verfahren der
                    gerichtlichen Instanzen und der Distanzierung poetisch- oder
                    rhetorisch-suggestiv entgegenzuwirken; stattdessen werden
                    Inszenierungsstrategien von populärkulturellen True-Crime-Erzählungen und deren
                    Rezeption in den Fokus gerückt. So wird ausgehend von den, genau vor hundert
                    Jahren erfolgten, Anfängen des True-Crime-Genres in der US-amerikanischen
                    Zeitschrift <title>True Detective</title> untersucht, wie Ferdinand von Schirach
                    einschlägige Erzählstrategien und Genrecharakteristika in seinem populären
                    Erzählband <title>Verbrechen</title> aufgreift und weiterführt. Zentral ist
                    dabei die Frage, wie Schirach Authentizitäts-Effekte erzählerisch hervorbringt
                    und welche Rolle dies für die Vermarktung seiner Texte spielt.</p>
                <p>Richten diese Beiträge ihr Augenmerk auf narratologische Aspekte der Darstellung
                    und Verhandlung von Verbrechen anhand von Fallbeispielen, so verschieben die
                    Beiträge von Christian Zolles, Anne Peiter und François Thirion den Blickpunkt
                    ihrer Analyse auf soziopolitische und mediengeschichtliche Dimensionen. <hi
                        rend="bold">Christian Zolles</hi> beleuchtet in <title>True Detectives:
                        Mediological Reflections on Public Evidence of the Jihadist-Motivated Terror
                        Attack of November 2, 2020 in Vienna, via Edgar Allan Poe, Matthew
                        Buckingham, and Xaver Bayer; with an Amendment on Lament (Response to
                        October 7)</title> die medialen Dispositive, die im Zusammenhang mit
                    Terrorereignissen öffentliche Evidenz erzeugen. Dabei werden zunächst über
                        <term>investigative visual arts</term> die generellen Voraussetzungen für
                    den detektivischen und fotografischen Blick reflektiert, wie er sich aus den
                    frühen Großstadterfahrungen heraus entwickelt hat. Im Anschluss daran wird der
                    Anschlag vom 2. November 2020 in Wien als mediales Ereignis vorgestellt, indem
                    detailliert auf die journalistische Berichterstattung und Interaktion in den
                    sozialen Medien sowie auf die Gerichtsverfahren eingegangen wird, die zwei Jahre
                    später über sechs Mitverdächtige geführt wurden. Im abschließenden Teil wird
                    gezeigt, inwiefern eine medienkritische philologische Untersuchung den
                    öffentlichen Aufarbeitungs- und Aushandlungsprozessen eine bedeutende ergänzende
                    Perspektive hinzufügen kann. Sie kann es schaffen, Räume des Schweigens zu
                    adressieren, welche Opfern terroristischer Gewalt abseits eines kollektiven
                    Horizonts der Zeugenschaft und Meinungsbildung uneingeschränkt vorbehalten
                    bleiben müssen – an sich ein <term>common sense</term>, der am und nach dem 7.
                    Oktober 2023 in vielen Bereichen fatalerweise aussetzte.</p>
                <p>Der darauffolgende Beitrag von <hi rend="bold">Anne D. Peiter</hi> beschäftigt
                    sich mit einem der schlimmsten Massaker der jüngeren Geschichte, mit dem
                        <title>Alltag des Tötens. Der Tutsizid in Ruanda als „landwirtschaftlicher
                        Genozid“ im Spiegel von Jean Hatzfelds Täter-Interviews</title>. Ausgehend
                    von dieser Interview-Sammlung wird einer Tätergruppe nachgeforscht, die nach dem
                    Abschuss des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten, ab dem 6. April 1994, aktiv
                    am Genozid gegen die Tutsi Ruandas beteiligt war, bei dem innerhalb weniger
                    Monate wohl fast eine Million Menschen ums Leben kamen. Aus den beklemmenden
                    Ausführungen der Interviewten geht vor allem die landwirtschaftliche
                    Motivationsstruktur des ‚Tutsizids‘, der damit einhergehende Werkzeuggebrauch
                    und die Rhetorik einer Selbstbeschreibung hervor, die den Versuch, das eigene
                    Tun zu ‚legitimieren‘, in die Sprache der Feldarbeit integrierte. Über diese
                    Mikrostudie lässt sich aber nicht nur der staatlich angeleitete Genozid auf
                    agrarischer Ebene erschließen, sondern auch seine ideologische Vorbereitung, die
                    nur in einer kolonialen deutsch-ruandischen Verflechtungsgeschichte begriffen
                    werden kann. Sowohl eine bereits Jahrzehnte zuvor erfolgte rassistische
                    ‚Ethnifizierung‘ als auch eine Divide-et-impera-Strategie sollten den Grundstein
                    für die tödlichen Rivalitäten der nachkolonialen Zeit legen.</p>
                <p>Den Abschluss des <title>Schwerpunkts</title> bildet der Beitrag <title>Vom
                        systematischen Legitimierungsdiskurs der Gewalt im Spannungsfeld von
                        Klassenkampf und sozialer Ordnung</title> von <hi rend="bold">François
                        Thirion</hi>. Darin wird die Frage nach Kriminalität in Hinblick auf die
                    Souveränität von Staatsgewalt beleuchtet: Wie viel physische Gewalt kann im
                    Namen des Staates in einem demokratischen Staat ausgeübt werden, bevor sie
                    aufhört, legitim zu sein? Ab welchem Zeitpunkt erscheint Widerstand rechtmäßig?
                    Diese Fragen stellen sich im Besonderen in Frankreich, das in den letzten Jahren
                    immer wieder mit massiven Streik- und Demonstrationsbewegungen konfrontiert war,
                    sodass sich hier eine zunehmende Ausweitung der gewaltsamen, auf Waffen
                    gestützten Eingriffsmöglichkeit der französischen Exekutive zeigt. Der Beitrag
                    parallelisiert diese Entwicklungen mit der beschleunigten sozialen Deregulierung
                    in den letzten zwei Jahrzehnten und zeigt auf, inwieweit der Neoliberalismus als
                    ein antidemokratisches Projekt die Reichweite der Volkssouveränität systematisch
                    eingeschränkt und den Staat ausgehöhlt hat, um weiterhin von seiner
                    vermeintlichen Legitimität zu profitieren. Letztlich sei auch der Erfolg von
                    Schriftsteller·innen wie Michel Houellebecq als ein Symptom dieser Regression zu
                    betrachten, dessen Dekadenzromane jenen Grundtenor abbilden würden, den auch die
                    Neuen Rechten immerzu instrumentalisieren.</p>
                <p>Das Panorama der <title>Criminal Minds</title> findet schließlich auch im ersten
                    Beitrag aus dem Ressort <title>Aus der digitalen Praxis</title> seine
                    Fortführung. <hi rend="bold">Sophie Schuhmacher</hi> beschäftigt sich in
                        <title>Playing Gender? Gender Construction through Children’s Crime Fiction
                        Games</title> mit den beiden Kinderkrimiserien <title>Die drei
                        Fragezeichen</title> und <title>Die drei Ausrufezeichen</title> als
                    Medienverbund: bestehend aus mehr als 330 Büchern und 305 Hörspielen (exkl.
                    Sonderfolgen), vier Spielfilmen, zehn Smartphone-Spielen sowie weiteren Buch-
                    und Non-Book-Formaten wie Spielen, Detektiv-Gadgets oder Experimentierkästen.
                    Dabei ist einerseits interessant, wie sich eine stark schematisierte
                    Kinderkrimireihe zu einem intergenerationellen populärkulturellen Phänomen
                    entwickeln konnte, andererseits weisen kritische Stimmen seit längerem auf
                    problematische Darstellungen verschiedener Identitätskategorien in Serien wie
                    diesen hin. Besonders plakativ lässt sich das anhand der appbasierten Spiele
                    zeigen, bei denen die Rezipient·innen spielerisch in Kontakt mit den Figuren
                    kommen und dabei der Geschlechterbezug klar sichtbar wird. Es stellt sich in der
                    Nutzung aber nicht nur die Frage nach stereotypen Darstellungen der Figuren,
                    sondern vielmehr auch nach einer geschlechterbezogen ungleichen Förderung
                    kognitiver Kompetenzen.</p>
                <p>Schließlich werden auch in dieser Ausgabe Werkstattberichte aus aktuellen
                    Forschungsprojekten präsentiert. <hi rend="bold">Lukas Kosch</hi> und <hi
                        rend="bold">Annika Ahrens-Schwabe</hi> erläutern in <title>Digital
                        Audiobooks: Studying the Effects of the Auditory Reception of Literature – A
                        Project Report</title> aus dem Bereich der Lese- und Rezeptionsforschung den
                    Umstand, dass die Digitalisierung von Hörbüchern zu einem erheblichen Anstieg
                    des Hörens von Literatur geführt hat. Trotz ihrer Beliebtheit wird Hörbüchern
                    oft zugeschrieben, dass sie nur eine oberflächliche und weniger anspruchsvolle
                    Alternative zum Lesen gedruckter Bücher darstellen. Jedoch liegen sehr wenige
                    empirische Studien zum Hören von Literatur vor und es scheint unerlässlich, die
                    spezifischen Praktiken und Erfahrungen beim Hören von Hörbüchern systematisch
                    und empirisch zu untersuchen sowie mit dem Lesen von Büchern in Beziehung zu
                    setzen.</p>
                <p><hi rend="bold">Andreas Basch</hi>, <hi rend="bold">Konstanze Fliedl</hi>, <hi
                        rend="bold">Barbara Tumfart</hi> und <hi rend="bold">Silvia Waltl</hi> geben
                    uns Einblicke in die <title>Genese eines Skandals</title>: Anlässlich der
                    Veröffentlichung der historisch-kritischen digitalen Edition von Thomas
                    Bernhards Drama <title>Heldenplatz</title> am ACHD-CH beleuchtet der Beitrag die
                    wichtigsten Features der Edition in Bezug auf die Entstehungs- und
                    Rezeptionsgeschichte von Bernhards ebenso berühmtem wie umstrittenem Werk.</p>
                <p>Anlässlich des 150. Geburtstages von Karl Kraus gibt <hi rend="bold">Bernhard
                        Oberreither</hi> einen Zwischenbericht zu <title>A Digital Commentary to
                        Karl Kraus’s “Dritte Walpurgisnacht” (1933)</title>. Nach dem Projektbericht
                    in der vergangenen Ausgabe findet sich so der Fortschritt zur digitalen Ausgabe
                    der <title>Dritten Walpurgisnacht</title> dokumentiert, die um einen
                    ausführlichen Kommentar erweitert wurde und den Text nun zu den historischen
                    Kontexten in Beziehung setzt. Geschildert werden der Umfang und die
                    Funktionsweise des Kommentars und gleichzeitig die Faktoren, die hinter seiner
                    Entstehung stehen – die Diskussionen um den Kommentar im Bereich der
                    wissenschaftlichen Edition, die veränderten Umstände im digitalen Paradigma, die
                    Herausforderungen (und in gewisser Weise auch Einwände) der Kommentierung eines
                    Werkes von Karl Kraus – und wie im Kommentar zur <title>Dritten
                        Walpurgisnacht</title> selbst darauf Bezug genommen wird.</p>
                <p>Auch diesmal finden sich auf dem <title>Schwarzen Brett</title> kürzere und
                    längere Beiträge, die die Themen des <title>Schwerpunkts</title> ergänzen und
                    auflockern. Den Anfang macht ein Essay von <hi rend="bold">Karl Flender</hi> zu
                        <title>From Crime Scene Investigation to Pattern Recognition</title>. Er
                    beschäftigt sich mit den erzählerischen Implikationen für den Detektivroman im
                    Digitalen Zeitalter, wenn sich die Polizeiarbeit von Carlo Ginzburgs
                    ‚Spurenparadigma‘ ablöst und sich der Mustererkennung in Big Data
                        (<term>predictive policing</term>) verschreibt. Das führt zur
                    Schlussfolgerung, dass sich die Kriminalliteratur im digitalen Zeitalter wohl
                    neu erfinden wird müssen. War das bisherige Modell der Kriminalliteratur die
                    Beweiskette, so ist das neue Modell die Datenbank, in der Datenpunkte durch
                    algorithmische Korrelation synchron zu Mustern verbunden werden – und die damit
                    nicht ohne weiteres auf die klassische, diachron-lineare Darstellungsweise von
                    Literatur übertragbar ist.</p>
                <p>Der Frage nach den aktuellen virtuellen Investigationsformen gehen auch <hi
                        rend="bold">Joachim Harst</hi> und <hi rend="bold">Nursan Celik</hi> in
                        <title>Virtual Investigations: Revising the Evidential Paradigm in Law,
                        Literature and the Arts</title> nach. Als Ginzburg die These formulierte,
                    dass die Geisteswissenschaften wie die Kriminalliteratur im sogenannten
                        <term>Indizienparadigma</term> gründeten, hatte er mit Sherlock Holmes einen
                    Detektiv vor Augen, der persönlich den Tatort besichtigte. Vor dem Hintergrund
                    aktueller Entwicklungen in Forschung und Fahndung muss dieses materiell und
                    empirisch grundierte <term>Indizienparadigma</term> jedoch einer Revision
                    unterzogen werden. Denn seit der Privatdetektiv von ‚Kommissar Computer‘
                    Konkurrenz bekommen hat, haben sich die Investigationspraktiken grundlegend
                    gewandelt: So können computergestützte Fahndungs- und Aufklärungsmethoden eine
                    Besichtigung des Tatorts ersetzen, während algorithmische
                    Wahrscheinlichkeitsrechnung vergangene wie zukünftige Fälle erhellt. Diesem
                    Thema widmete sich eine Tagung am Sonderforschungsbereich 1385 Recht und
                    Literatur (Münster), deren Programm und anschließende Publikation in dem Beitrag
                    umrissen wird.</p>
                <p>In <title>Kriminelle Energie im Deutschunterricht. Drei Thesen zum Wert von
                        Spannungsliteratur</title> zeigt <hi rend="bold">Eva Hammer-Bernhard</hi>
                    die Eigenheiten auf, die Kriminalliteratur als Auswahl für die Schullektüre
                    besonders wünschenswert erscheinen lassen: Literarische Spannung erhöht die
                    Bindung der Leser·innen an den Text und führt zu einer Involviertheit, die
                    ‚detektorisches Lesen‘ fördern kann. Zudem kann der Drang nach Auflösung auf der
                    Textebene gerade in der Pubertät erleichternd wirken und bestimmte
                    Entwicklungsaufgaben dieser Zeitspanne begleiten. Neben der literarischen kann
                    aber auch eine ethische Spannung hinführen zur Auflösung moralischer
                    Dilemmasituationen. So gesehen sind die in der Fiktion agierenden <term>Criminal
                        Minds</term> keine Gefahr für junge Leser·innen, sondern eine Chance,
                    ethische Positionierungen auszuloten und einen eigenen Standpunkt zu
                    entwickeln.</p>
                <p>Zum Abschluss bekommen die Beiträge wieder mehr Lokalkolorit. In
                        <title>(Nach-)Krieg und (Un-)Frieden. Zu Fritz Kortners Volksstück
                        „Donauwellen“</title> widmet sich <hi rend="bold">Daniel Milkovits</hi>
                    Fritz Kortners Volksstück <title>Donauwellen</title> (1949), einem
                    vergleichsweise wenig bekanntem Beispiel der Gattung, dessen Hauptfigur, der
                    Friseur Alois Duffeck, die Kontinuitäten vom Zweiten Weltkrieg zur
                    Nachkriegszeit eindrucksvoll widerspiegelt. An diesem Text und seinen Kontexten
                    wird gezeigt, wie sich im österreichischen Volksstück nach 1945 Krieg und
                    Nachkrieg, politischer Frieden und gekitteter sozialer Unfrieden zueinander
                    verhalten.</p>
                <p>In <title>Freud im Fernsehen. Psychoanalyse und Detektivarbeit in den Krimiserien
                        „Vienna Blood“ und „Freud“</title> skizziert <hi rend="bold">Nicole
                        Kiefer</hi> die Geschichte des Topos vom Psychoanalytiker als Detektiv und
                    stellt dessen literarisch-filmische Verarbeitung anhand ausgewählter Beispiele
                    des zeitgenössischen historischen Wien-Krimis dar. Viele Werke der Populärkultur
                    von Arthur Koestlers <title>Wie ein Mangobaumwunder</title> (1932) über
                    Hitchcocks <title>Spellbound</title> (1945) bis hin zu Nicholas Meyers
                    Bestseller <title>The Seven-Per-Cent Solution</title> (1974) haben die Nähe
                    zwischen psychoanalytischem und detektivischem Verfahren in den Blick genommen;
                    spätestens seit der auf Frank Tallis’ Detektivroman-Reihe basierenden ORF
                    Koproduktion <title>Vienna Blood</title> (seit 2019, bisher 3 Staffeln) und der
                    österreichisch-deutsch-tschechischen Netflix-Serie <title>Freud</title> (2020)
                    ist die Faszination für die Psychoanalyse auch im zeitgenössischen historischen
                    Wien-Krimi breitenwirksam angekommen. Der Rückgriff auf Freud scheint
                    naheliegend, denn schon der Vater der Psychoanalyse selbst verwies in seinem
                    Werk auf die epistemologische Verwandtschaft zwischen psychoanalytischer und
                    detektivischer Methodik und inszenierte sich – selbst begeisterter Leser Arthur
                    Conan Doyles – als Detektiv.</p>
                <p>Somit schließt sich der Kreis der Schwerpunktausgabe zu Criminal Minds und kann
                    auf die anfänglichen Ausführungen zu <title>Crime Fiction &amp;
                        Psychoanalysis</title> zurückverwiesen werden. Ein abschließender
                    Textbeitrag von <hi rend="bold">Clemens Marschall</hi> führt aber noch einmal in
                    die Untiefen Österreichs. <title>„Da Dostal is’ unterwegs!“ Ernst Dostal hält
                        ein Land in Atem</title> stellt einen Auszug aus dem kürzlich im
                    Brandstätter Verlag erschienenen Buch <title>Tatort Wien: Verbrechen, Mord und
                        Totschlag. Wahre Kriminalfälle</title> dar. Der ‚Mörder mit dem
                    Maurerfäustl‘, der ‚Hackenattentäter‘, die ‚Mörderin mit dem Fleischwolf‘,
                    Serienmörder wie der ‚Gasmann‘, Einbrecher- und Ausbrecherkönige, die
                    ‚Leuchtgasmörderin‘, dramatische Verfolgungsjagden oder eine verzwickte
                    Mordermittlung, die den Beginn der Forensik einläutete: Eine Fülle an
                    schockierenden und aufsehenerregenden Kriminalfällen, Mord und Totschlag hielt
                    Wien in den Nachkriegsjahrzehnten in Atem hielten. Unter anderem eben auch Ernst
                    Dostal, dessen Fall hier geschildert wird.</p>
                <p>Auch diese Ausgabe schließt mit einer Video-Rubrik, und zwar mit einem Interview
                    von Kira Kaufmann mit <hi rend="bold">Stefan Sonntagbauer</hi> aka <hi
                        rend="bold">Dr. Horror</hi>.</p>
                <p>Viel Vergnügen beim online Blättern oder Betrachten der Beiträge wünschen die
                    Herausgeberin und die Herausgeber <space unit="lines" quantity="1"/><l>Kira
                        Kaufmann, Roland Innerhofer und Christian Zolles</l></p>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
