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                <title type="main" xml:lang="de">Mörderisch illiterat</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Kriminalität und Analphabetismus</title>
                <author>
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                        <forename>Konstanze</forename>
                        <surname>Fliedl</surname>
                    </name>
                    <affiliation>2007-2020 Professorin für Neuere deutsche Literatur an der
                        Universität Wien, 2018-2023 Leiterin der Abteilung ACE (Austrian Corpora and
                        Editions) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-02-03</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                    <term xml:lang="de">Analphabetismus</term>
                    <term xml:lang="de">Ruth Rendell</term>
                    <term xml:lang="de">Empathiefähigkeit</term>
                    <term xml:lang="de">Literaturdidaktik</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Illiteracy</term>
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                    <term xml:lang="en">Ability to empathize</term>
                    <term xml:lang="en">Didactics of literature</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Literatur und Illettrismus verhalten sich naturgemäß antagonistisch. Diesen
                    Gegensatz extrem zugespitzt hat die britische Autorin Ruth Rendell (1930¬–2015),
                    die in ihrem Roman „Judgement in Stone“ (1977) eine Analphabetin zur Mörderin
                    einer ganzen – exemplarisch bildungsbürgerlichen – Familie macht. Die nicht
                    unproblematische Suggestion, erst das Lesen mache human, unterstützt der Text
                    durch zahlreiche Zitate aus dem englischen Literaturkanon, meist von Shakespeare
                    und Dickens: Intertextualität wird hier zum performativen Ausweis der
                    Zugehörigkeit zu einer zivilisierten und empathischen Lese-Gemeinschaft. Der
                    Zusammenhang von Analphabetismus und Kriminalität beruht aber nicht auf
                    Kausalität, sondern besteht in einer Korrelation, in der Armut und Deklassierung
                    Schlüsselfaktoren sind.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Literature and illiteracy seem to be natural enemies. An extreme position in this
                    antagonism took British author Ruth Rendell (1930–2015), who in her novel
                    “Judgement in Stone” (1977) lets an illiterate women kill a – specifically
                    educated – family, hereby suggesting that only reading makes a human being. This
                    problematic concept is supported by many quotations from the English literary
                    canon, mainly from Shakespeare and Dickens. The function of intertextuality
                    becomes therefore the performative confirmation of civilization and empathy. But
                    there is no causal relationship between illiteracy and delinquency, but a
                    correlation in which poverty and social declassification are key factors.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_02-03_01">
                <p>Zu Beginn der 1970er Jahre stieg in Großbritannien die Aufmerksamkeit für ein
                    Phänomen, das zwar schon lange zuvor existiert hatte, von der Öffentlichkeit
                    aber nicht wahrgenommen worden war: für den ‚sekundären‘ oder ‚funktionalen‘
                        Analphabetismus.<note xml:id="endnote_01"><p>Unter ‚sekundärem‘
                            Analphabetismus versteht man das Phänomen, dass auch
                            Schulabsolvent*innen nicht schreiben und lesen können; ‚funktionaler‘
                            Analphabetismus meint den Umstand, dass zwar einzelne Buchstaben
                            entziffert und eine Unterschrift geleistet, aber der Sinn von (längeren)
                            Texten nicht erkannt werden kann. – Zum Folgenden vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Clare2007" xml:id="ref_Clare2007">Clare 2007:
                                1010–1049</ref>.</p></note> Dass man in Entwicklungsländern nicht
                    lesen und schreiben lernen konnte, weil einfach die Schulen fehlten, war
                    allbekannt; diesen ‚primären‘ Analphabetismus glaubte ein Land hinter sich
                    gelassen zu haben, in dem seit hundert Jahren, seit dem Educational Act von
                    1870, eine allgemeine Schulpflicht existierte. Dass Erwachsene, die das
                    britische Schulsystem durchlaufen hatten, trotzdem nur über eine Lesefähigkeit
                    verfügten, die unter der eines neunjährigen Schulkinds lag, schockierte eine
                    Gesellschaft, die sich in besonderem Maß als zivilisiert empfand. Schon seit
                    1945 lagen Schätzungen vor, welche die Dunkelziffer der sekundären Analphabeten
                    im Vereinigten Königreich bei 15–20% ansetzten. Immerhin hatten verschiedene
                    lokale Vereine seit langem ehrenamtliche Helfer und Helferinnen aufgeboten, um
                    mit Betroffenen das Lesen zu üben. Dennoch löste erst eine Studie über die
                    immens geringe Beteiligung an diesen Programmen eine kollektive Kampagne
                    aus.</p>
                <p> 1975 setzte das britische Erziehungsministerium also eine finanziell gut
                    ausgestattete Agentur ein, die ALRA (Adult Literacy Resource Agency), die mit
                    kommunalen Erziehungsbehörden und Freiwilligenorganisationen das Problem in den
                    nächsten drei Jahren in den Griff bekommen sollte. Unterstützt wurde das
                    Unternehmen durch eine Programminitiative der BBC, sowohl im Rundfunk als auch
                    im Fernsehen; nach zwei Jahren hatte sich die Anzahl der erwachsenen Leseschüler
                    und -schülerinnen tatsächlich von 5000 auf 65.000 erhöht. In diesem Jahr 1977
                    erschien ein Roman, der das Problem auf besonders dramatische Weise
                    präsentierte. Es handelte sich um einen Krimi der damals bereits prominenten
                    Ruth Rendell (1930–2015), von deren ‚Inspector Wexford‘-Serie immerhin schon
                    neun Bände publiziert waren. Die später mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete
                    und 1997 geadelte Autorin pflegte sich immer wieder und sehr engagiert mit
                    gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. <title>A Judgement in
                        Stone</title> (dt. <title>Urteil in Stein</title>)<note xml:id="endnote_02"
                                ><p><ref type="bibl" target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994"
                                >Ruth Rendell: A Judgement in Stone [1977]. London: Arrow Books
                                1994</ref>; <ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                                xml:id="ref_Rendell2000">Ruth Rendell: Urteil in Stein. Roman
                                [übers. v. Edith Walter]. München 2000 (= Goldmann-Tb 44770)</ref>.
                            Das Buch wurde zweimal verfilmt: 1986 als <title>The Housekeeper</title>
                            (R: Ousama Rawi, D: Rita Tushingham) und 1995 als <title>La
                                Cérémonie</title> (R: Claude Chabrol, D: Sandrine
                        Bonnaire).</p></note> war nun geeignet, den sekundären Analphabetismus als
                    besonders bedrohliches Phänomen sichtbar zu machen. Denn in diesem Buch führt
                    der Mangel an Lesefähigkeit zu drastisch-blutigen Folgen: Die Analphabetin
                    Eunice Parchman, so erfährt man gleich auf der ersten Seite, wird deswegen eine
                    ganze Familie ausrotten.</p>
                <p> Die Tat am Ende ist also keine Überraschung mehr. Erzählt wird hier nicht eine
                    Detektivgeschichte, die zur Aufklärung eines Mordes und zur Feststellung der
                    Täteridentität führt, sondern eine Verbrechensgeschichte, welche die Entwicklung
                    des Täters – hier: der Täterin – bis zum kapitalen Delikt hin plausibel machen
                    soll. In der Tradition dieser Gattung im deutschsprachigen Raum – angefangen bei
                    Friedrich Schillers <title>Der Verbrecher aus verlorener Ehre</title>
                    (1786/1792) – machte sich dabei immer wieder die Tendenz geltend, durch
                    psychologische Plausibilisierung Verständnis für das betreffende Individuum zu
                    erzielen und dadurch, zumindest indirekt, einer Humanisierung des Strafrechts
                    zuzuarbeiten. Von dieser Absicht findet sich bei Rendell allerdings keine Spur.
                    Erklärt wird immerhin der Umstand, warum Eunice nicht lesen kann: Als Kind wird
                    sie bei den beginnenden Bombenangriffen auf London (also 1940) aufs Land und
                    dort in die Schule geschickt, von ihren kleinbürgerlichen, aber keineswegs
                    illiteraten Eltern nach kurzer Zeit jedoch wieder zurückgeholt, woraufhin ihre
                    Schulbesuche nun überhaupt immer sporadischer und ergebnisloser ausfallen. Mit
                    vierzehn Jahren beendet sie ihre Ausbildung, ohne schreiben und lesen zu können.
                    Diese Schwäche ist ein familiäres Tabu; darüber hinaus hat sie sehr elaborierte
                    Techniken entwickelt, um ihren Defekt geheimzuhalten. Dazu gehört, dass sie sich
                    fast vollkommen isoliert, um der Gefahr zu entgehen, im sozialen Kontakt könne
                    ihre Besonderheit auffallen. Für die Entwicklung ihrer kriminellen Energie gibt
                    es im Roman hingegen keine explizite Ätiologie; sie wird ersetzt durch eine
                    suggestive Verknüpfung mit der Leseunfähigkeit: Offenbar deswegen, weil sie
                    keine geistigen Interessen hat, ist sie eine besessene Materialistin. Da sie
                    nicht liest, beobachtet sie umso genauer, und so kommt es, dass sie Nachbarinnen
                    und Nachbarn bei verschiedenen Verfehlungen – etwa Ehebruch oder Betrug –
                    ertappt und erpresst. Ihr erstes Kapitalverbrechen wird allerdings durch das
                    sozialwissenschaftlich sogenannte Überlastungsmodell motiviert: Als ihre Mutter
                    an multipler Sklerose erkrankt, betreut Eunice sie, zwanzig Jahre lang, bis zu
                    deren Tod. Dann allerdings will ihr asthmatischer, aber sonst sehr vitaler Vater
                    die Invalidenrolle übernehmen und sich von ihr pflegen und versorgen lassen. Als
                    er von ihr verlangt, sie möge nun auch ihn im Rollstuhl ausfahren, erstickt sie
                    ihn mit einem Kissen, eine Tat, die nie aufgedeckt wird, weil der herbeigerufene
                    Arzt ohne weiteres eine natürliche Todesursache annimmt. Nun ist Eunice,
                    47jährig, auf sich selbst angewiesen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.</p>
                <p>Da sie im Verkehr mit Behörden völlig überfordert wäre, bewirbt sie sich,
                    assistiert von einem ihrer Erpressungsopfer, um eine Stelle als Haushälterin bei
                    der Familie Coverdale. Die Coverdales sind typische Vertreter der upper middle
                    class und bewohnen ein Herrenhaus in der Grafschaft Suffolk. Die Familie
                    verkörpert das Konzept der ‚literacy‘ in besonderer Weise. ‚Literacy‘ meint
                    nicht nur die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, sondern, nach einer
                    Definition der UNESCO, <quote source="#ref_UNESCO2018-2">a continuum of learning
                        in enabling individuals to achieve their goals, to develop their knowledge
                        and potential, and to participate fully in their community and wider
                        society</quote> (<ref type="bibl" target="#UNESCO2018"
                        xml:id="ref_UNESCO2018-2">UNESCO Defining Literacy 2018: 2</ref>), also im
                    weiteren Sinn Bildung überhaupt. In diesem Sinn sind die Coverdales veritable
                    Bildungsbürger: Vater George, ein Fabriksbesitzer, hat Philosophie studiert,
                    seine (zweite) Frau Jacqueline ist Absolventin der Royal Academy of Music und
                    begeistert sich für Mozart-Opern, Georges Tochter Melinda studiert gerade
                    Englisch an der University of Norfolk, und Jacquelines Sohn aus erster Ehe, der
                    siebzehnjährige Giles, ist überhaupt ein exzentrisches Wunderkind und
                    beschäftigt sich mit Latein, Griechisch und Sanskrit, mit indischer Philosophie
                    und katholischer Religion. An der Wand seines Zimmers hängt regelmäßig ein
                    „Quote of the Month“ („Zitat des Monats“); dabei wird ein Spektrum durchlaufen
                    von einem frivolen Text des englischen Barockdichters Samuel Butler bis hin zum
                    frommen Todesspruch des 1461 verstorbenen französischen Königs Karls VII. Von
                    Giles selbst stammt die ebenfalls an die Wand gepinnte Devise <quote
                        source="#ref_Rendell1994-80"><hi rend="italic">Some say life is the thing,
                            but I prefer reading</hi></quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-80">Rendell [1977]: 80</ref>;
                        <quote source="#ref_Rendell2000-104">Es gibt Menschen, die sagen, das Leben
                        sei das Wahre, aber ich lese lieber</quote> [<ref type="bibl"
                        target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-104">Rendell 2000:
                    104</ref>]), in Anbetracht seines blutigen Endes ein Beispiel für Rendells
                    gelegentlich überaus sinistren Humor. Obwohl die Coverdales von der
                    Erzählinstanz gelegentlich auch ironisch behandelt und ihre Mittelstandswerte
                    satirisch überzeichnet werden, sind sie die Sympathieträger des Buches. Wie
                    selbstverständlich definieren sie sich, immer und überall, als Träger der
                    Schriftkultur. Damit ist Eunice, und nicht nur in der Bibliothek, ständig von
                    dem umgeben, was sie nicht nur nicht kennt, sondern – und dies führt zur
                    intrikaten Botschaft des Romans – auch hasst: von Buchstaben.</p>
                <p>Denn die Schilderung von Eunices dreivierteljähriger Anwesenheit im Haushalt der
                    Coverdales transportiert nun auch eine dramatische Umdeutung ihres Illettrismus.
                    Es geht nicht mehr um ein bedauerliches Erziehungsmanko eines vernachlässigten
                    Kriegskindes, sondern um eine Form der Barbarei, die die Grundlagen der
                    Zivilisation bedroht. An einer Stelle heißt es: <quote
                        source="#ref_Rendell1994-7">She had the awful practical sanity of the
                        atavistic ape disguised as twentieth-century woman</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-7">Rendell [1977]: 7</ref>;
                        <quote source="#ref_Rendell2000-7">Sie besaß die schreckliche praktische
                        Vernunft eines atavistischen Affen, der in die Gestalt einer Frau aus dem
                        zwanzigsten Jahrhundert geschlüpft war</quote> [<ref target="#Rendell2000"
                        >Rendell 2000: 7</ref>]). Der Mangel an Schrift und Büchern zieht aus der
                    Sicht der Erzählinstanz das Fehlen aller sozialen Fähigkeiten, einen
                    fundamentalen Mangel an Empathie und Altruismus nach sich:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rendell1994-48">The printed word was horrible to her, a
                        personal threat to her. Keep away from it, avoid ist, and from all those who
                        will show it to her. The habit of shunning was ingrained in her; it was no
                        longer conscious. All the springs of warmth and outgoing affection and human
                        enthusiasm had been dried up long ago by it. Isolating herself was natural
                        now, and she was not aware that it had begun by isolating herself from print
                        and books and handwriting. Illiteracy had dried up her sympathy and
                        atrophied her imagination. That, along with what psychologists call
                            <emph>affect</emph>, the ability to care about feelings for others, had
                        no place in her make-up. (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                            xml:id="ref_Rendell1994-48">Rendell [1977]: 48</ref>; Hervorhebung i.
                        O.) </quote>
                    <quote source="#ref_Rendell2000-62f.">Das gedruckte Wort war etwas Entsetzliches
                        für sie, eine persönliche Bedrohung. Sie mußte sich von ihm fernhalten, es
                        meiden, allen ausweichen, die sie damit in Verbindung bringen wollten.
                        Dieses Ausweichen war tief in ihr verwurzelt, geschah nicht mehr bewußt.
                        Alle Quellen der Wärme, die Fähigkeit, Zuneigung zu empfinden, waren dadurch
                        längst vertrocknet. Sich zu isolieren war für sie jetzt etwas ganz
                        Natürliches, und ihr war nicht klar, daß es damit begonnen hatte, daß sie
                        sich vom gedruckten Wort, von Büchern und Handschriften isoliert hatte. Das
                        Analphabetentum hatte ihr Mitgefühl vertrocknen lassen und ihre Phantasie
                        ausgehungert. Diese beiden und das, was die Psychologen Affekt nennen, die
                        Fähigkeit, sich auf die Gefühle anderen einzustimmen, hatten keinen Platz in
                        ihrem geistig-seelischen Habitus. (<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                            xml:id="ref_Rendell2000-62f.">Rendell 2000: 62f.</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>Umgekehrt deutet der Roman Literarizität nicht nur als die zentrale kulturelle
                    Kompetenz, sondern geradezu als Voraussetzung von Gefühlsbindungen; er koppelt
                    Emotion an den buchstäblichen beziehungsweise buchstäblich literarischen
                    Ausdruck, und das sehr raffiniert. Man könnte geradezu sagen, dass der Begriff
                    ‚Intertextualität‘ hier eine neue Bedeutung bekommt: Im literarischen Zitat, das
                    der Text vorführt, stellt er zugleich die Zugehörigkeit zu einer ‚literaten‘,
                    also humanen und empathiefähigen Gemeinschaft her. Demgemäß ist er selbst
                    durchsetzt von zahlreichen Anspielungen auf den klassischen englischen Kanon.
                    Gleich eingangs heißt es über das verlassene Herrenhaus der Coverdales:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rendell1994-9">It has become a bleak house, fit nesting
                        place for the birds that Dickens named Hope, Joy, Youth, Peace, Rest, Life,
                        Dust, Ashes, Waste, Want, Ruin, Despair, Madness, Death, Cunning, Folly,
                        Words, Wigs, Rags, Sheepskin, Plunder, Precedent, Jargon, Gammon and
                        Spinach. (<ref type="bibl" target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-9"
                            >Rendell [1977]: 9</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Rendell2000-9">Es ist ein düsteres Haus geworden, ein
                        geeigneter Nistplatz für die Vögel, die Dickens Hoffnung, Freude, Jugend,
                        Frieden, Ruhe, Leben, Staub, Asche, Wüste, Begierde, Verfall, Verzweiflung,
                        Wahnsinn, Tod, Arglist, Torheit, Worte, Streit, Lumpen, Schaffell,
                        Plünderung, Vorrang, Kauderwelsch, Schinken und Spinat nannte. (<ref
                            type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-9">Rendell
                            2000: 9</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die vieldiskutierten allegorischen Namen der Vögel in Charles Dickens’
                        <title>Bleak House</title> (1852/53) – ein Roman über einen fatalen,
                    endlosen Erbschaftsstreit – bezeichnen nach J. Hillis Miller die Opfer, die
                    Wirkungen und schließlich die Instrumente des verhängnisvollen Kanzleigerichts
                        (<ref type="bibl" target="#Miller1985" xml:id="ref_Miller1985-11-34"> Miller
                        1985: 11–34, S. 23; das Zitat S. 253</ref>). In Rendells Roman wird die
                    Liste nach dem Mord bis zum Schlüsselwort „Death“ wiederholt (<ref type="bibl"
                        target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-166">Rendell [1977]:
                    166</ref>; <ref type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-220"
                        >Rendell 2000: 220</ref>); da nach dem Tod der Coverdales ebenfalls ein
                    Rechtsstreit über das Erbe ausbricht, endet das Buch wiederum mit diesem Zitat,
                    jetzt allerdings gekürzt um die ersten, positiven Begriffe (<ref type="bibl"
                        target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-191">Rendell [1977]:
                    191</ref>; <ref type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-254"
                        >Rendell 2000: 254</ref>).</p>
                <p> Eben so wenig fehlen Shakespeare-Referenzen. Bei der Beschreibung des
                    einbrechenden Winters etwa – der Schilderung der Jahreszeiten wird im Roman viel
                    Aufmerksamkeit geschenkt – heißt es unvermittelt: <quote
                        source="#ref_Rendell1994-99">Blood is nipped and ways be foul and nightly
                        sings the staring owl</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                        xml:id="ref_Rendell1994-99">Rendell [1977]: 99</ref>). Die Zeilen aus dem
                    Winter-Sonett in <title>Love’s Labour’s Lost</title> (1598; V,2) sind in der
                    deutschen Übersetzung offenbar nicht erkannt, jedenfalls nicht als Verse
                    wiedergegeben worden: <quote source="#ref_Rendell2000-131">Das Blut erstarrte,
                        die Wege verwandelten sich in Moraste, und nachts schrie der großäugige
                        Kauz</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                        xml:id="ref_Rendell2000-131">Rendell 2000: 131</ref>). <note
                        xml:id="endnote_03"><p>Allerdings gäbe auch die klassische deutsche
                            Übertragung von Wolf Graf Baudissin wenigstens einen Aspekt nicht
                            wieder, nämlich das – vorausdeutende – „erstarrte Blut“: <quote
                                source="#ref_Shakespeare1987-532">Die Spur verweht, der Weg
                                verschneit, / Denn nächtlich friert der Kauz und schreit</quote>
                                (<ref type="bibl" target="#Shakespeare1987"
                                xml:id="ref_Shakespeare1987-532">Shakespeare 1987:
                        532</ref>).</p></note> Für Shakespeare-Kenner birgt die Anspielung jedoch
                    eine weitere Pointe, da die – im Roman nicht mehr zitierte – Fortsetzung lautet:
                    „Tu-whit; / Tu-who, a merry note, / While greasy Joan doth keel the pot“ – was
                    sich mit Eunices Mittäterin, der schlampigen und unsauberen Dorfkrämerin Joan
                    Smith, in Verbindung bringen lässt. Literarizität, verstanden als Partizipation
                    am klassischen englischen Kanon, ist das, was der Roman voraussetzt und
                    zelebriert.</p>
                <p>An den jugendlichen Familienmitgliedern, die ja die Initiation in die Kommunität
                    der Belesenen gerade vollziehen, wird der Erwerb dieser Fähigkeit besonders
                    eingehend demonstriert. Da ist einmal Melinda, von der zunächst berichtet wird,
                    dass sie ihr Englischstudium ohne viel Ehrgeiz betreibt und vor allem mit
                    Linguistik und Mediävistik ihre Schwierigkeiten hat. Zum Geburtstag ihres Vaters
                    – am nächsten Tag wird die Familie ausgelöscht werden – kommt sie eigens aus
                    ihrem College angereist. Der gerührte Vater reagiert mit der Bemerkung, in
                    Anbetracht seines Alters solle man um seinen Geburtstag doch kein so großes
                    Aufheben machen, worauf Melinda zu seiner Beglückung entgegnet: <quote
                        source="#ref_Rendell1994-143">[W]ho’s born the day that I forget to send to
                        Antony shall die a beggar</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                        xml:id="ref_Rendell1994-143">Rendell [1977]: 143</ref>). Melinda bedient
                    sich da des Shakespeare-Zitatenschatzes und bezieht sich auf das Liebeswort der
                    Kleopatra (I,5); in der Übersetzung von Wolf Graf Baudissin heißt die Stelle:
                        <quote source="#ref_Shakespeare1988-914">Wer an dem Tag geboren, / Wo ich
                        vergaß an Mark Anton zu schreiben, / Der sterb als Bettler</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Shakespeare1988" xml:id="ref_Shakespeare1988-914"
                        >Shakepeare 1988: 914</ref>). Die deutsche Ausgabe von Rendells Roman gibt
                    das nicht wieder und ersetzt die Stelle durch: <quote
                        source="#ref_Rendell2000-190">Melinda [...] brachte ein passendes
                        klassisches Zitat an</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                        xml:id="ref_Rendell2000-190">Rendell 2000: 190</ref>). Ganz passt es ja
                    nicht, aber es bestätigt den Umstand, dass Melinda nun doch mit ihrem
                    Lektürepensum angefangen hat und belegt damit ihren Eintritt in den Kreis der
                    Gebildeten, die über und mit einem Literatur-Kanon kommunizieren. Darüber hinaus
                    ist es eben auch eine Liebeserklärung, eine Deklaration der innigen
                    Verbundenheit mit dem Vater; vollzogen wird gleichsam eine intertextuelle
                    Synthese von Literatur und Liebe. Dass <title>Antony and Cleopatra</title>
                    (1606/1607) tragödiengemäß in der Katastrophe endet, erweist das Zitat zudem als
                    eine zukunftsgewisse Vorausdeutung.</p>
                <p> Auch der versponnene Wunderknabe Giles liefert ein solches Schlüsselwort. An ihm
                    hat der Roman zuvor einen scheinbaren Gegenbeweis gegen die These von der
                    sozialisierenden Wirkung der Literatur geführt: Seine durch die Pubertät
                    verstärkte Isolation wird vielfach hervorgehoben. Der Hochbegabte hat keine
                    Freunde, distanziert sich vom dörflichen Leben, äußert sich in Einwortsätzen und
                    schirmt sich durch seine Lektüre selbst bei den Mahlzeiten von der Familie ab.
                    Hier ist also doch ein Hinweis auf den ja durchaus bei Lesenden vorhandenen
                    Solipsismus zu finden: Lesen ist in der Regel ein einsames Geschäft, und bei
                    Giles nimmt es geradezu autistische Züge an. Demgemäß hat er seine Zuneigung zum
                    großzügigen und liebebereiten Stiefvater nie zum Ausdruck gebracht – bis zum
                    letzten Augenblick. Der plot hat sich inzwischen zugespitzt: Eunice hat
                    versucht, Melinda zu erpressen und ist deswegen entlassen worden; George steht
                    vor der peinlichen Aufgabe, sie am nächsten Morgen noch zum Bahnhof bringen zu
                    müssen. Giles, den George immer im Auto zur Schule fährt, wird aber dabei sein,
                    er sichert dem Stiefvater moralische Unterstützung zu und findet dafür jetzt
                    einmal die perfekte Formel (<quote source="#ref_Rendell1994-145">he was inspired
                        for once to say the perfect thing</quote>): <quote
                        source="#ref_Rendell1994-145">I will never desert Mr. Micawber</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-145">Rendell
                        [1977]: 145</ref>).<note xml:id="endnote_04"><p>Dieses Zitat wird in der
                            deutschen Übersetzung wiedergegeben: <quote
                                source="#ref_Rendell2000-192">Ich werde Mr. Micawber nie im Stich
                                lassen</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                                xml:id="ref_Rendell2000-192">Rendell 2000: 192</ref>); ohne Kontext
                            und Erklärung hat es auf das deutschsprachige Lesepublikum aber gewiss
                            nicht dieselbe Wirkung wie das Original auf ein britisches, bei dem
                            sogar Adjektivbildungen wie „micawberish“ und „micawberesque“ in
                            Gebrauch sind.</p></note> Das sprichwörtliche Zitat stammt aus Charles
                    Dickens’ <title>David Copperfield</title> (1850): Wilkins Micawber, ein ständig
                    verschuldeter Rechtsanwalt, wird aber als unverwüstlich optimistischer Charakter
                    dargestellt (und ist zudem Dickens’ eigenem Vater nachempfunden). Der Satz ist
                    die Devise seiner vielgeprüften, aber unerschütterlich loyalen Ehefrau Emma<note
                        xml:id="endnote_05"><p><quote source="#ref_Dickens1983-227f.">I never will
                                desert Mr. Micawber</quote> (<ref type="bibl" target="#Dickens1983"
                                xml:id="ref_Dickens1983-227f.">Dickens 1983 [1850]: 227f.,
                                passim</ref>).</p></note> und wurde in der Rezeption zum
                    literarischen Signal unbedingten Zusammenhaltens. Dass Giles dieses Zitat
                    anbringt, macht aus ihm nicht nur den Lesenden und Gelehrten – das war er schon
                    zuvor –, sondern auch jemanden, der Solidarität und Freundschaft ausdrücken
                    kann. Die Familienbindung der Coverdales erscheint also am stärksten in Zitaten,
                    die den englischen Literaturkanon aufrufen. An dieser Literarizität partizipiert
                    der Roman zugleich selbst und nimmt damit den postulierten Standard humanitärer
                    und zivilisatorischer Werte für sich in Anspruch. Proklamiert wird das Vertrauen
                    in die humanitäre Wirkung von Literatur, die als Schule der Empfindungsfähigkeit
                    erscheint.</p>
                <p>Demgegenüber muss Eunice nun als Monster auftreten. Die Eskalation der Handlung
                    verdankt sich dem Umstand, dass Melinda deren immer dissimulierten
                    Analphabetismus erkennt. Die Camouflage der Leseschwäche wird im Roman in großer
                    Übereinstimmung mit der empirischen Beobachtung des Verhaltens von Betroffenen
                    beschrieben: Die am häufigsten gebrauchte Ausflucht ist die Behauptung,
                    kurzsichtig zu sein. Eunice – die über eine ausgezeichnete Sehfähigkeit verfügt
                    – hat das so lange vorgebracht, bis ihr die besorgten Coverdales einen Termin
                    beim Optiker vermitteln. Zwar nimmt sie den nicht wahr, ist aber gezwungen, sich
                    eine Brille aus Fensterglas zu besorgen, was Melinda eines Tages entdeckt.
                    Eunice reagiert mit versuchter Erpressung, was zu ihrer Entlassung führt. Ihr
                    tiefes Ressentiment gegen die Familie verstärkt sich zu mörderischem Hass.</p>
                <p>Getriggert wird das blutige Finale aber von einer Nebenfigur, der sektiererischen
                    Dorfkrämerin Joan, die in eine religiöse Psychose verfällt und Gericht über die
                    gottlosen Coverdales halten zu müssen glaubt; gemeinsam mit Eunice erschießt sie
                    in einer Art Delirium George und Jacqueline, Melinda und Giles. Ihre Funktion
                    besteht aber genau im Kontrast zu Eunice. Joan fällt ausdrücklich unter die
                    M’Naghten Rules: <quote source="#ref_Rendell1994">If the M’Naghten Rules had
                        been applied to her she would have passed the test, for though she had known
                        what she was doing she did not know it was wrong</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-161">Rendell [1977]:
                        161</ref>).<note xml:id="endnote_06"><p>Die Übersetzung gibt das nicht nur
                            wieder (<quote source="#ref_Rendell2000">Hätte man die M’Naghten Rules
                                auf sie angewandt, hätte sie den Test bestanden, denn obwohl ihr
                                klar gewesen war, was sie tat, hatte sie nicht gewußt, daß sie
                                Unrecht tat</quote> [<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                                xml:id="ref_Rendell2000-212">Rendell 2000: 212</ref>]), sondern
                            ergänzt es durch eine Fußnote zu den zentralen Inhalten des betreffenden
                            Rechtsgrundsatzes.</p></note> Unter den M’Naghten Rules versteht man
                    Regulationen im Fall eines unzurechnungsfähigen Verbrechers (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#M_Naghten_Rules2020" xml:id="ref_M_Naghten_Rules2020"
                        >Cornell Law School 2020</ref>). Sie sind benannt nach Daniel M’Naghten, der
                    1843 einen Anschlag auf den britischen Premierminister Peel ausführen wollte,
                    aber irrtümlich dessen Sekretär erschoss, und gelten im Commonwealth und in den
                    meisten Staaten der USA. Sie besagen, dass sich die Verteidigung eines Täters
                    nur dann auf Unzurechnungsfähigkeit berufen kann, wenn der Betreffende zum
                    Zeitpunkt der Tat aufgrund einer Geisteskrankheit keine Einsicht in den
                    Charakter oder die Unrechtmäßigkeit seines Tuns hatte. Für die psychisch tief
                    gestörte Joan bedeutet Unzurechnungsfähigkeit also auch Schuldunfähigkeit. Nicht
                    so für Eunice, von der betont wird, dass sie jederzeit bei klarem Verstand ist
                    und war. Dennoch setzt die Schilderung des Mordmoments Eunices Verantwortung
                    einerseits herab. Denn metonymisch erscheinen ihr die Coverdales als die Bücher,
                    die sie gelesen haben, sie werden eins mit ihnen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rendell1994-159">[B]y some strange metamorphosis, produced
                        in Eunice’s brain, they ceased to be people and became the printed word.
                        They were those things in the bookcases, those patchy black blocks on white
                        paper, eternally her enemies, hated and desired. (<ref type="bibl"
                            target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-159">Rendell [1977]:
                            159</ref>)</quote>
                    <quote source="#Rendell2000-211">Durch eine merkwürdige Metamorphose, die sich
                        in Eunices Gehirn vollzog, hörten sie auf, Menschen zu sein und wurden zum
                        gedruckten Wort. Sie waren diese Dinger in den Bücherschränken, diese
                        schwarzen Zeichen auf weißem Papier, in alle Ewigkeit ihre Feinde, verhaßt
                        und ersehnt. (<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                            xml:id="ref_Rendell2000-211">Rendell 2000: 211</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Indem sich für Eunice Menschen in Schriftzeichen verwandeln, verwandelt
                    andererseits auch sie sich, als Schriftlose, in eine mordende Bestie; als
                    Nicht-Alphabetisierte erscheint sie unmenschlich, ein Gegenbild der Inhumanität
                    zu ihren zivilisierten Opfern. Nach den Morden wird sie metaphorisch selbst zur
                    unbelebten Natur:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rendell1994-159f."><lg>
                            <l>A silence [...] filled the drawing room like a thick tangible balm.
                                It held Eunice suspended. It petrified this stone-age woman into
                                stone. [...]</l>
                            <l>A stone that breathed was Eunice, as she had always been. (<ref
                                    type="bibl" target="#Rendell1994" xml:id="ref_Rendell1994-159f."
                                    >Rendell [1977]: 159f.</ref>)</l>
                        </lg></quote>
                    <quote source="#ref_Rendell2000-211f."><lg>
                            <l>Eine Stille [...] erfüllte fast greifbar den Raum. Eunice schien wie
                                erstarrt in dieser Stille, die diese Frau aus der Steinzeit in Stein
                                verwandelt hatte. [...]</l>
                            <l>Ein Stein, der atmete, das war Eunice – war es immer gewesen. (<ref
                                    type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-211f."
                                    >Rendell 2000: 211f.</ref>)</l>
                        </lg></quote>
                </cit>
                <p>Die metonymische Verwandlung der Opfer in das, was sie gelesen haben, steht
                    komplementär zur metaphorischen Verwandlung der Täterin in den seelen- und
                    leblosen Stein. Erscheint die erste ‚Metamorphose‘ aber als Produkt der
                    Figurenpsyche, so wird die zweite durch die Erzählinstanz legitimiert. Damit ist
                    die Problematik des Buches evident: Der Dehumanisierung der Erschossenen aus der
                    Sicht der Figur entspricht die Tendenz, die Mörderin ebenfalls als subhuman zu
                    klassifizieren – und zwar deswegen, weil sie nicht lesen kann. Ganz konsequent
                    besteht Eunices wahre Bestrafung nicht im Urteil und in der Haft, sondern in dem
                    Umstand, dass der Prozess ihren immer verborgenen Defekt für die ganze
                    Öffentlichkeit sichtbar macht.</p>
                <p> Eine Alternative zur Literarizität ist aus dieser Perspektive nur als Abweg ins
                    Kriminelle vorzustellen.<note xml:id="endnote_07"><p>Eine Untersuchung zu
                            Rendells späterer politischer Einstellung wäre durchaus lohnend.
                                <title>The Blood Doctor</title> beispielsweise, veröffentlicht 2002
                            unter dem Pseudonym Barbara Vine, unter dem ihre ‚psychologisierenden‘
                            Romane erschienen, ist aus der Perspektive eines (durchaus
                            sympathischen) adeligen Herrenhausmitglieds erzählt; <title>The Birthday
                                Present</title> (2008), ebenfalls von ‚Barbara Vine‘, übt hingegen
                            gehörige Kritik an der Selbstherrlichkeit politisch privilegierter
                            Konservativer. – 1997 geadelt, hat Ruth Rendell selbst einen Sitz im
                            House of Lords eingenommen – allerdings auf Seiten der Labour
                        Party.</p></note> Vom tief konservativen Humanitätsbegriff des Romans aus
                    lässt sich Menschlichkeit ohne Schriftkenntnis und literarische Bildung gar
                    nicht denken. Soziale oder empathische Fähigkeiten fehlen aber in schriftlosen –
                    vorhistorischen oder indigenen – Kulturen keineswegs; man mag Rendell daher auch
                    eine quasi-koloniale Einstellung vorwerfen. Im Kontext der
                    Alphabetisierungskampagne, in dem das Buch erschien, ist zu hoffen, dass die
                    damals angesprochenen Illiteraten <title>Judgement in Stone</title> (noch) nicht
                    lesen konnten und sich die Lesepatinnen nicht von der Unterstellung abschrecken
                    ließen, ihre Schutzbefohlenen tendierten aufgrund ihrer Leseschwäche prinzipiell
                    zur Kriminalität. Tatsächlich hatte die Autorin bei Erscheinen des Buches bei
                    allem Lob<note xml:id="endnote_08"><p>In den USA etwa hob man vor allem das
                            ‚understatement‘ des Textes hervor und urteilte, das Buch sei <quote
                                source="#ref_Callendar1978">one of Ruth Rendell’s best</quote> (<ref
                                type="bibl" target="#Callendar1978" xml:id="ref_Callendar1978"
                                >Callendar 1978</ref>).</p></note> deswegen auch Kritik erfahren; man
                    hatte ihr vorgeworfen, ihre Darstellung des Analphabetismus sei ungerecht und
                        grausam.<note xml:id="endnote_09"><p>Vgl. auch zum Folgenden Rendells
                            Angaben in: <ref type="bibl" target="#BBC2003" xml:id="ref_BBC2003"><ref
                                    target="https://www.bbc.co.uk/programmes/p02r7g6s">BBC World
                                    Book Club</ref>, 28.08.2003</ref>.</p></note> Noch ein
                    Vierteljahrhundert später konterte Rendell mit dem Argument, sie habe nur für
                    ihre Figur, nicht für alle Betroffenen, den Zusammenhang zwischen ‚illiteracy‘
                    und ‚crime‘ hergestellt; zudem gehe es auch darum, dass es für sekundäre
                    Analphabeten ja ausreichende Möglichkeiten gebe, sich Schreib- und
                    Lesefähigkeiten anzueignen.</p>
                <p>Rendells Verteidigung ist nicht ganz triftig, da die Aussagen des Buches einen
                    hohen Grad der Verallgemeinerung erlauben:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rendell1994-7">Literacy is one of the cornerstones of
                        civilization. To be illiterate is to be derformed. And the derision that was
                        one directed at the physical freak may, perhaps more justly, descend upon
                        the illiterate. (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                            xml:id="ref_Rendell1994-7">Rendell [1977]: 7</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Rendell2000-7">Bildung ist einer der Grundsteine unserer
                        Zivilisation. Weder lesen noch schreiben zu können kommt einer Mißbildung
                        gleich. Und der Spott, der sich früher gegen den körperlich Mißgestalteten
                        richtete, gilt heute – vielleicht berechtigter – dem Analphabeten. (<ref
                            type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-7">Rendell
                            2000: 7</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Und schon im allerersten Satz wird eine Kausalitätsbeziehung zwischen
                    „Mißbildung“ und Mord hergestellt: <quote source="#ref_Rendell1994-7">Eunice
                        Parchman killed the Coverdale family <emph>because</emph> she could not read
                        or write</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                        xml:id="ref_Rendell1994-7">Rendell [1977]: 7</ref>; <quote
                        source="#ref_Rendell2000-7">Eunice Parchman tötete die Familie Coverdale,
                            <emph>weil</emph> sie nicht lesen und schreiben konnte</quote> [<ref
                        type="bibl" target="#Rendell2000" xml:id="ref_Rendell2000-7">Rendell 2000:
                        7</ref>]; Hervorhebung v. K. F.). Eine Ursächlichkeit besteht in der
                    Realität zweifellos nicht; hingegen gibt es freilich eine Korrelation von
                    Analphabetismus und Armut sowie Kriminalität. In Großbritannien ist dieser
                    Umstand offenbar nicht ausreichend erforscht, man beruft sich dort auf
                    amerikanische Studien (die, strenggenommen, auch nicht das Verhältnis von
                    Verbrechen und Leseschwäche, sondern die Relation von Haftstrafen und mangelnder
                    Lese- und Schreibkompetenz untersuchen): In den USA sind 60% der
                    Gefängnisinsassen und 85% der jugendlichen Straftäter funktionale Analphabeten.
                    Interessanterweise liegt die Rückfallquote bei Tätern, die im Gefängnis lesen
                    und schreiben gelernt haben, bei 16% gegenüber einem allgemeinen Rezidivismus
                    von 70% (vgl. <ref type="bibl" target="#Shinabarger2017"
                        xml:id="ref_Shinabarger2017">Shinabarger 2017</ref>). Dieses beeindruckende
                    Ergebnis besagt aber wohl trotzdem nicht, dass kriminelle Energien durch Lese-
                    und Schreibkompetenzen abgebaut werden, sondern lediglich, dass die Betreffenden
                    durch die erworbenen Fähigkeiten ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, auf
                    ausreichende Entlohnung und auf generell bessere Lebensumstände erhöht haben.
                    Denn selbstverständlich ist auch die Korrelation mit dem sozialen Status von
                    eminenter Bedeutung. Obwohl Rendells Roman mehrfach sarkastisch auf das
                    Klassenbewusstsein und den sozialen Dünkel des Ehepaars Coverdale eingeht –
                        <quote source="#ref_Rendell1994-125">‚And she’s dropped that sir and madam.
                        Not that I care about that, I’m not a snob‘, said George, who did and
                        was</quote> (<ref type="bibl" target="#Rendell1994"
                        xml:id="ref_Rendell1994-125">Rendell [1977]: 125</ref>; <quote
                        source="#ref_Rendell2000">‚Und das „gnädige Frau“ und „Sir“ hat sie auch
                        fallengelassen. Nicht daß mir daran etwas läge, ich bin kein Snob‘, setzte
                        George hinzu, dem sehr wohl etwas daran lag und der durchaus ein Snob
                        war</quote> [<ref type="bibl" target="#Rendell2000"
                        xml:id="ref_Rendell2000-165">Rendell 2000: 165</ref>]) –, wirkt dieser Spott
                    liebevoll und gewissermaßen augenzwinkernd; Eunice hingegen hat einen soliden
                    lower middle class background, als solle gerade vermieden werden, sowohl ihren
                    Analphabetismus als auch ihre kriminellen Neigungen auf Armut oder Verwahrlosung
                    zurückzuführen. Dass ‚literacy‘ im Sinn nicht nur von Lese- und
                    Schreibfertigkeiten, sondern eben als Teilnahme an kulturellen beziehungsweise
                    literarischen Traditionen <emph>auch</emph> ein soziales Privileg ist, stellt
                    der Roman zwar dar, aber niemals in Frage.</p>
                <p>Eine weitere Suggestion des Buches, nämlich: dass das Lesen (von Literatur)
                    soziale Kompetenzen, Einfühlungsgabe und Empathie schule, ist der
                    Literaturdidaktik gewiss eine sehr willkommene Botschaft. Tatsächlich haben sich
                    Sozialpsychologen und Kognitionswissenschaftler bemüht, im Experiment die
                    positiven Auswirkungen von Lektüre auf das Vorstellungsvermögen und folglich auf
                    die Bereitschaft zum Mitgefühl nachzuweisen (vgl. z. B. <ref type="bibl"
                        target="#Kidd_Castano2013" xml:id="ref_Kidd_Castano2013">Kidd/Castano
                        2013</ref>; <ref type="bibl" target="#Oatley2016" xml:id="ref_Oatley2016"
                        >Oatley 2016</ref>). Zweifellos befördert das Lesen literarischer Texte die
                    Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen; ob das auch bedeutet, dass Lesen
                    gegen Kriminalität immun macht oder etwa gar als Sühne oder Wiedergutmachung
                    vergangener Verbrechen verstanden werden kann, muss dahingestellt bleiben. Daher
                    lohnt sich zuletzt noch ein kurzer Blick auf einen deutschsprachigen Roman, der
                    ebenfalls in eine akute Debatte zum Analphabetismus (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Doebert2011" xml:id="ref_Doebert2011">Döbert 2011</ref>)
                    hineingeschrieben worden ist: Bernhard Schlinks <title>Der Vorleser</title>
                    (1995) erschien im selben Jahr, in dem in Deutschland ein bundesweiter
                    Beratungsdienst für Erwachsene mit Lese- und Schreibproblemen eingerichtet
                    wurde. Ich-Erzähler ist Michael Berg, der, fünfzehnjährig, im Jahr 1958 eine –
                    dann abrupt abgebrochene – Liebesbeziehung mit der über zwei Jahrzehnte älteren
                    Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz unterhalten hat; dabei hat er ihr, auf
                    ihren Wunsch, immer wieder weltliterarische Texte – etwa Tolstois <title>Krieg
                        und Frieden</title> – vorgelesen. 1966, inzwischen Jurastudent, verfolgt
                    Michael einen Prozess gegen ehemalige KZ-Wärterinnen und erkennt in einer der
                    Angeklagten die ehemalige Geliebte; wie er jetzt begreift, ist Hanna
                    Analphabetin. Nach ihrer Verurteilung spricht er verschiedene literarische Werke
                    auf Band und schickt ihr die Kassetten ins Gefängnis. Hanna lernt während ihrer
                    Haft Lesen und Schreiben; am Tag vor ihrer Entlassung bringt sie sich um.</p>
                <p>Das Buch<note xml:id="endnote_11"><p>Bernhard Schlink: Der Vorleser. Roman
                            [1995]. Zürich 1997 (= Diogenes-Tb 22953). Verfilmt wurde der Roman 2008
                                (<title>The Reader</title>; R: Stephen Daldry, D: Kate
                        Winslet).</p></note> wurde zum Welterfolg, zunächst von der Kritik
                    enthusiastisch begrüßt; erst langsam mehrten sich die Stimmen, die an der
                    Junktimierung von Täterschaft und Analphabetismus etwas auszusetzen hatten.
                    Besonders heftig reagierte der britische Autor und Literaturwissenschaftler
                    Jeremy Adler; er bezeichnete den Text als „Kulturpornographie“ und warf ihm
                    Halbwahrheiten und Verdrehungen vor.<note xml:id="endnote_12"><p>Vgl. <ref
                                type="bibl" target="#Adler2002" xml:id="ref_Adler2002">Adler
                                2002</ref>. Zit. nach <ref type="bibl" target="#Heigenmoser2005"
                                xml:id="ref_Heigenmoser2005-124-131">Heigenmoser 2005</ref>:
                            [124]–131; dort findet sich auch viel weiteres Material zur
                            journalistischen und literaturwissenschaftlichen, deutschen und
                            internationalen Rezeption.</p></note> Der zentrale Vorwurf lautete, er
                    verwische die Grenzen zwischen Tätern und Opfern. Denn anders als, oder
                    vielmehr: im Gegensatz zu Rendells Roman dient hier die Leseschwäche
                    beziehungsweise deren panische Dissimulation der Entlastung der Figur; mit dem
                    Erwerb der Lese- und Schreibkompetenz schließlich wird Hanna nicht nur
                    ‚humanisiert‘, sondern indirekt auch exkulpiert. Der Kanon der für sie
                    ausgewählten Werke ist eminent bildungsbürgerlich, nur: es bleibt beim name
                    dropping – für das 20. Jahrhundert stehen <quote source="#ref_Schlink1997-176"
                        >Kafka, Frisch, Johnson, Bachmann und Lenz</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schlink1997" xml:id="ref_Schlink1997-176">Schlink 1997: 176</ref>)
                    –, es fällt kein einziges Zitat, das Risiko des intertextuellen ‚Dialogisierens‘
                    wird nicht eingegangen. Sind bei Rendell Shakespeare und Dickens noch Garanten
                    dessen, dass die Humanität einer Gesellschaft auch an ihrem kulturellen Erbe
                    gemessen werden kann, laboriert Schlinks Roman an dem Umstand, dass der
                    deutschsprachige Kanon erstens nie diese Selbstverständlichkeit erreicht hat und
                    dass er zweitens gerade den Rückfall in die Barbarei, der Thema des Buches ist,
                    nicht hat verhindern können; dass die Literatur der Aufklärung und Klassik nicht
                    gegen die NS-Bestialität immunisiert hat.</p>
                <p>Das Thema beider Romane hat aber in der Gegenwart nichts an Aktualität verloren.
                    Um mit Österreich zu schließen: Hier erscheint die Situation etwas
                    undurchsichtig, was einerseits daran liegt, dass die letzte OECD-Erhebung vor
                    langer Zeit, nämlich in den Jahren 2011–2012 stattfand. Andererseits wird in der
                    politischen Debatte immer wieder versucht, Analphabetismus lediglich als
                    Migrations- und Flüchtlingsphänomen darzustellen. Ein Resultat jedenfalls ist
                    unbestritten: Rund 17% der 16- bis 65-Jährigen in Österreich, das ist etwa eine
                    Million Menschen – überwiegend mit österreichischer Staatsbürgerschaft –,
                    verfügen über nur geringe Lesekompetenz, will heißen: können Texte nicht
                    sinnerfassend lesen.<note xml:id="endnote_13"><p><ref type="bibl"
                                target="#Boenisch_Reif2014" xml:id="ref_Boenisch_Reif2014"
                                >Bönisch/Reif 2014</ref>. Die Begriffe ‚sekundärer‘ bzw.
                            ‚funktionaler‘ Analphabetismus sind hier vermieden, wohl, weil sie auf
                            eine Gemengelage von Ursachen hindeuten, die statistisch nicht erfassbar
                            sind; als Fakten geprüft wurden lediglich die betreffenden Fähigkeiten
                            der Probanden.</p></note> Zwar ist nicht zu befürchten, dass diese
                    Million kriminell besonders auffallend würde, noch auch, dass es ihr an sozialen
                    Fähigkeiten wie Empathie und Rücksicht mangle; zu wünschen wäre allerdings, dass
                    ihr tägliches Leben leichter würde, könnte sie lesen (und schreiben). Dass sie
                    dann vielleicht auch an den literarischen Ressourcen partizipieren würde, die
                    den kulturellen Reichtum der lese- und schreibgeübten Bildungsschicht ausmachen,
                    bleibt eine – literaturdidaktische – Utopie.</p>
            </div>
        </body>
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