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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Der Alltag des Tötens</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Der Tutsizid in Ruanda als „landwirtschaftlicher
                    Genozid“ im Spiegel von Jean Hatzfelds Täter-Interviews</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Anne D.</forename>
                        <surname>Peiter</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Anne D. Peiter, Germanistikdozentin an der Université de La Réunion
                        (Frankreich, Indischer Ozean)</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-02-07</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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            <textClass>
                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Genozid</term>
                    <term xml:lang="de">Ruanda</term>
                    <term xml:lang="de">Jean Hatzfeld</term>
                    <term xml:lang="de">Interview</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Genocide</term>
                    <term xml:lang="en">Rwanda</term>
                    <term xml:lang="en">Jean Hatzfeld</term>
                    <term xml:lang="en">Interview</term>
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                    <name>Kira Kaufmann</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Ausgehend von der Interviewsammlung, die der französische Journalist Jean
                    Hatzfeld im Gefängnis von Rilima mit verurteilten Tätern des Genozids an den
                    Tutsi Ruandas erstellt hat, beschäftigt sich der Artikel mit den Kontinuitäten,
                    die zwischen den landwirtschaftlichen Tätigkeiten und dem Töten hergestellt
                    wurden. Dem Werkzeuggebrauch wird dabei ebenso große Bedeutung beigemessen wie
                    den kollektiven Prozessen der Vergemeinschaftung, die nicht zuletzt auf die
                    Plünderung des Besitzes der Opfer sowie eine Befreiung von materiellen Sorgen
                    zielten.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>Based on the collection of interviews conducted by the French journalist Jean
                    Hatzfeld in Rilima prison with convicted perpetrators of the genocide against
                    the Tutsi of Rwanda, this article examines the continuities established between
                    agricultural activities and the killings. Significant importance is attached to
                    the use of tools as well as to the collective processes of communalization,
                    which were aimed not least at the looting of the victims' possessions and the
                    alleviation of material concerns.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_02-07_01">
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-80"><lg>
                            <l>
                                <hi rend="italic">On avait plus peur de la colère des</hi>
                            </l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">autorités que du sang qu’on faisait couler.</hi>
                                <note xml:id="endnote_01"><p><quote source="#ref_Hatzfeld2003-80"
                                            >Wir hatten größere Angst vor dem Zorn der Autoritäten
                                            als vor dem Blut, das wir fließen ließen.</quote>
                                        (Pancrace Hakizamungili in <ref type="bibl"
                                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-80"
                                            >Hatzfeld 2003: 80</ref>, [Übersetzung
                                    A.P.]).</p></note>
                            </l>
                        </lg>(Pancrace Hakizamungili in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                            xml:id="ref_Hatzfeld2003-80">Hatzfeld 2003: 80</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Ausgehend von der Interview-Sammlung <title>Une saison de machettes</title>
                    (‚Eine Jahreszeit der Macheten‘) des französischen Journalisten und Enkel von
                    Shoah-Überlebenden Jean Hatzfeld möchte ich den ‚criminal minds‘ einer
                    Tätergruppe nachforschen, die nach dem Abschuss des Flugzeugs des ruandischen
                    Präsidenten, d.h. ab dem 6. April 1994, aktiv am Genozid gegen die Tutsi Ruandas
                    beteiligt waren und danach zum Teil lange Gefängnisstrafen zu verbüßen hatten
                    bzw. gar zum Tode verurteilt wurden. Die Interviews sind historisch von großer
                    Bedeutung, da Hatzfeld sehr früh Richtung Ruanda aufbrach. Er gehörte zu den
                    ersten Europäern, die sich mit der Katastrophe, die innerhalb von nur drei
                    Monaten mehr als einer Million Menschen das Leben gekostet hatte,
                    beschäftigten.</p>
                <p>Hatzfeld stellt in der genannten wie auch in anderen Publikationen die
                    Kontinuitätslinien heraus, die sich zwischen der bis dahin üblichen Feldarbeit
                    und ihren Werkzeugen auf der einen und der genozidalen Tötungspraxis auf der
                    anderen Seite ergaben. Es wird ein Genozid postuliert, der zumindest zum Teil
                    als <quote source="#ref_Hatzfeld2003-79">agrarischer Genozid</quote><note
                        xml:id="endnote_02"><p>Hatzfeld (<ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                                xml:id="ref_Hatzfeld2003-79">2003: 79</ref>) spricht vom <quote
                                source="#ref_Hatzfeld2003-79">génocide agricole</quote>.</p></note>
                        (<ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-79"
                        >Hatzfeld 2003: 79</ref>) beschrieben werden könne. Es steht nicht in Frage,
                    dass durch die Präsidenten-Garde, Polizei, Gendarmen und nicht zuletzt die Miliz
                    der <term>Interahamwe</term> auch mit Granaten, Schusswaffen und anderem
                    schweren Gerät getötet wurde. Diesen ‚Aktionen‘ fiel in kürzesten Zeiträumen
                    eine große Zahl von Menschen zum Opfer. Doch es ist zugleich zu beobachten, dass
                    die von Hatzfeld Interviewten Wert auf die Feststellung legten, sie seien ihren
                    einstigen ‚Arbeitsrhythmen‘ gefolgt und hätten, als sie Mensch töteten, die
                    gleiche Leichtigkeit im Umgang mit ihren Werkzeugen erfahren wie früher bei
                    ihrer Rodungs- und Feldarbeit. Aus den Interviews spricht eine Art von
                    autotelischer Redundanz,<note xml:id="endnote_03"><p>Dazu Näheres in <ref
                                type="bibl" target="#Peiter2023b" xml:id="ref_Peiter2023b">Peiter
                                2023b</ref>. </p></note> die auf das Argument hinausläuft, die
                    Amputationen, die vor allen Dingen mit Hilfe von Macheten erfolgten (und
                    übrigens sowohl die Rinder der Tutsi als auch ihre Besitzer betrafen),<note
                        xml:id="endnote_04"><p>Vgl. Peiter [in Vorbereitung]: Gewalt an Tieren.
                            Gewalt an Menschen. Überlegungen zur Genozid-Prävention am Beispiel der
                            Tier-Mensch-Beziehungen im Tutsizid in Ruanda. Der Artikel erscheint
                            2025 in einem Band über „Tiere als kulturelles Erbe“.</p></note>) seien
                    eine ‚Selbstverständlichkeit‘ gewesen, weil man auf diese Weise immer schon
                    Bananenhaine beschnitten oder andere Feldarbeiten ausgeführt habe.</p>
                <p>Dass sich die Massaker vielfach in Räumen abspielten, die den Täter:innen von
                    ihrem Alltag her vertraut waren, erklärt ebenfalls, warum sie von ihren
                    Plünderungen erzählen, als habe es sich um normale ‚Ernten‘ gehandelt. Genutzt
                    wurden dabei identitäre Abgrenzungsmechanismen, die die späteren Opfer
                    dehumanisieren und sie zu ‚Kakerlaken‘ oder ‚Schlangen‘ machen sollten. Der
                    Einsatz der Macheten kann auch auf dieses instrumentelle Dispositiv des Staates
                    zurückgeführt werden. Er gehörte zu den Strategien der Ideologen des
                    ‚Hutu-Power‘, die Zivilbevölkerung auf systematische Weise in den Genozid zu
                    involvieren, um auf diese Weise die ‚criminal minds‘ zu einer allgemeinen, die
                    gesamte Gesellschaft umfassenden Haltung zu machen. Es ist kein Zufall, dass
                    schon im Vorfeld des Genozids Macheten in großen Mengen aus China importiert
                    wurden. Diese waren vergleichsweise billig, konnten also an einen weiten
                    ‚Empfängerkreis‘ verteilt werden.</p>
                <p>In meinem Beitrag möchte ich nun versuchen, diese ‚Veralltäglichung‘ bzw.
                    ‚Verselbstverständlichung‘ (vgl. <ref type="bibl" target="#Peiter2007a"
                        xml:id="ref_Peiter2007a">Peiter 2007a</ref>) einer Gewalt zu beschreiben,
                    die durch die lange koloniale Vorgeschichte vorgeprägt war, 1994 aber zu einem
                    paroxystischen Höhepunkt fand. Es soll bedacht werden, wie Gewöhnungsprozesse,
                    die in den Dörfern schon während der großen Krisen und Pogrome der Jahre 1959
                    (der so genannten ‚sozialen‘ oder ‚Hutu-Revolution‘), 1962, 1973 und nicht
                    zuletzt der Jahre seit Kriegsbeginn (1990-1994) eingesetzt hatten, fortwirkten.
                    Anhand von autobiographischem Material einzelner Täter soll systematisierend
                    beschrieben werden, mit welchen Worten die Mörder auf ihr bäuerliches Leben,
                    seine Kontinuitäten und seine Genozid-bedingten Brüche blickten.<note
                        xml:id="endnote_05"><p>Hatzfeld war zwar anfänglich kein Ruanda-Experte.
                            Doch da er stets von Neuem nach Ruanda zurückkehrte, um in der immer
                            gleichen Ortschaft die immer gleichen Menschen zu treffen, gewann er ein
                            Verständnis für Zusammenhänge, das in mindestens einer Hinsicht als
                            vorbildlich gelten darf: Er exotisierte die Katastrophe, die sich in
                            Ruanda abgespielt hatte, nicht, sondern war bestrebt, einen Austausch zu
                            stiften zu dem, was in Europa über die Shoah ins allgemeine Bewusstsein
                            gedrungen war.</p></note> In den mikroökonomischen Strukturen der
                    ruandischen Gesellschaft war es üblich, dass sich auch auch Beamt:innen,
                    Polizisten oder Lehrer:innen der Landwirtschaft als Nebenaktivität widmeten. Bei
                    Hatzfeld wird denn auch in der Tat ein breites soziales Spektrum aufgefächert.
                    Dies zeigt, dass der Begriff des ‚Bäuerlichen‘ bzw. ‚Agrarischen‘ im Folgenden
                    sehr weit gefasst verstanden werden muss.</p>
                <p>Offensichtlich ist, dass die Aussicht, zu plündern und an die Stelle der
                    Feldarbeit die Bereicherung an dem mobilen und vor allen Dingen immobilen Besitz
                    der Tutsi – der Besitz von Ackerland spielte hier eine entscheidende Rolle<note
                        xml:id="endnote_06"><p>Dieser Umstand wird schon – doch unter Verwendung
                            einer unverkennbar kolonialideologischen Rhetorik – schon in dem Band
                            von <ref type="bibl" target="#Werle_Weichert1987"
                                xml:id="ref_Werle_Weichert1987">Werle/Weichert (1987)</ref>
                            betont.</p></note> – zu setzen, als ein Motiv fungierte, das die
                    Beteiligung an den Massakern in ökonomischer Hinsicht attraktiv machte. Darüber
                    hinaus konnten jedoch Arbeitszeiten und Werkzeuggebrauch fortgesetzt werden, wie
                    sie schon in der Zeit vor dem Genozid praktiziert wurden. Eine Mischung aus
                    Unalltäglichem und Gewohntem, Festtäglichem und Normalität zeigte sich auch in
                    den Feiern, die des Abends in vielen Dörfern nach getaner ‚Arbeit‘ (so der
                    verbreitete Euphemismus fürs Töten) die Bewohner:innen zusammenführten. Waren
                    Musikkassetten und Batterien für die Rekorder erbeutet worden, gab es auch eine
                    musikalische Untermalung – von großen Gelagen und Besäufnissen einmal ganz zu
                        schweigen.<note xml:id="endnote_07"><p>Zum Einsatz von Musik vgl. <ref
                                type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-107"
                                >Hatzfeld 2003: 107</ref>.</p></note></p>
                <p>Indem ich den Zeugnissen in einer Art Mikrostudie, die ich methodisch als
                    ‚Lektüre der Unverhältnismäßigkeit‘ (vgl. <ref type="bibl" target="#Peiter2019"
                        xml:id="ref_Peiter2019">Peiter 2019</ref>) bzw. ‚Radikalisierung von
                    Genauigkeit‘ bezeichne, auf den Grund zu gehen versuche, soll zugleich
                    herausgearbeitet werden, dass die ideologische Vorbereitung des Genozids, wie
                    sie mit Hilfe der so genannten ‚hamitischen Theorien‘<note xml:id="endnote_08"
                            ><p>Sehr kenntnis- und materialreich, da mehrere Jahrhunderte
                            durchquerend: <ref type="bibl" target="#Rohrbacher2002"
                                xml:id="ref_Rohrbacher2002">Rohrbacher (2002)</ref>.</p></note>
                    schon Jahrzehnte zuvor durch die deutsche und belgische Kolonialisierung des
                    Landes erfolgt war, nur in einer deutsch-ruandischen Verflechtungsgeschichte
                    begriffen werden kann.<note xml:id="endnote_09"><p>In diesem Kontext
                            unverzichtbar: <ref type="bibl" target="#Chretien_Kabanda2016"
                                xml:id="ref_Chretien_Kabanda2016">Chrétien/Kabanda
                        2016</ref>.</p></note> Dass sich die Gewalt oft gegen die Statur der Tutsi –
                    ihre vermeintlich ‚rassisch‘ erklärbare Größe und ihre sich in dieser Größe sich
                    aussprechende ‚Arroganz‘ – richtete, kann nur vor dem Hintergrund eines
                    Klassifizierungs- und Ordnungswahns verstanden werden, der im Kolonialismus
                    schrittweise zur künstlichen ‚Ethnifizierung‘ der ruandischen Gesellschaft
                    geführ hatte.</p>
                <p>Der Einfluss des Kolonialismus bestand jedoch nicht allein in der
                    Ethnizifizierung. Vielmehr trat eine politische Manipulation der so
                    konstruierten Gruppen hinzu. Nicht zuletzt die belgische Kolonialpolitik hatte
                    zu einer Frontstellung zwischen gegnerischen Gruppen geführt. Die Tutsi, denen
                    bis 1959 alle sozialen Privilegien zuerkannt worden waren, wurden entmachtet, so
                    dass sich die Hutu, also die ehemaligen Benachteiligten, in einem plötzlichen
                    Wechsel in der dominanten Position befanden. Die koloniale
                    Divide-et-impera-Strategie legte den Grundstein für die tödlichen Rivalitäten
                    der nachkolonialen Zeit. Diese geben wiederum den Hintergrund für die
                    politischen Verfolgung der sogennanten „Tutsi“ ab.</p>
                <p>Zum Abschluss wird der Frage nachzugehen sein, inwieweit Hatzfelds Buch zwischen
                    historiographischem Dokument und Literatur changiert. Da die Interviews nicht in
                    voller Länge abgedruckt sind, sondern thematisch geordnet in kleinen
                    Bruchstücken einem kunstvollen Prinzip der Montage folgen, zeichnet sich die
                    These ab, hier würden die ‚criminal minds‘ nicht mehr allein den jeweiligen
                    Individuen zugeordnet. Vielmehr entsteht zusätzlich so etwas wie eine
                        ‚Kollektivbiographie‘.<note xml:id="endnote_10"><p>Zum theoretischen
                            Hintergrund für diesen Begriff vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Peiter_x_a" xml:id="ref_Peiter_x_a">Peiter [in Vorbereitung
                                a]</ref>: „Etc. etc. etc.“ Zum Zwischenspiel von „großer“ Geschichte
                            und „kleiner“ Lebensgeschichte bei Johann Peter Hebel und Annie
                            Ernaux.</p></note> Durch sie tritt dann auch die Gemeinsamkeit des
                    kriminellen Tuns, die Interaktion der Täter:innen, der allen gemeinsame Habitus
                    sowie schließlich ihre historisch bedingte Erwartung hervor, zu einer Bestrafung
                    könne es unmöglich kommen. Pate stand der Gedanke, es seien diejenigen, die in
                    den Jahrzehnten zuvor Massaker begangen hatten, noch nie zur Verantwortung
                    gezogen worden. Die Straflosigkeit, die die jahrzehntelange Geschichte der
                    Gewalteskalation geprägt hatte, verstärkte die Normalisierung des Tötens. Doch
                    selbstverständlich erklärt diese nicht allein, dass es 1994 zu einem Genozid
                    kam. Es mussten viele weitere Faktoren hinzutreten. Zu ihnen gehörte die
                    Initiative des Staates, der die Verbrechen nicht nur guthieß, sondern auch den
                    organisatorischen Rahmen abgab. Außerdem verschärfte sich die Machtkonkurrenz im
                    Kontext des Bürgerkriegs. Dies nutzten wiederum die extremistischen Hutu-Gruppen
                    als ‚Argument‘, um die Vernichtung der Tutsi und andersdenkender Hutu zu
                    ‚legitimieren‘.</p>
                <p>Wie das oben erwähnte ‚Unverhältnismäßige‘ mit dem Interesse für die
                    ‚kollektiv-biographischen‘ Zeugnisse in Verbindung treten kann, wird in den
                    folgenden Analysen ausgeleuchtet. Hier sei vorab nur angemerkt, dass im
                    juristischen Bereich stets eine Kritik impliziert ist, wenn man sagt, das Urteil
                    eines:r Richter:in sei ‚unverhältnismäßig‘. Die Bestrafung muss,
                    rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechend, in einem ausgewogenen Verhältnis zu
                    der Tat stehen, die es zu beurteilen gilt. Wenn nun aber gerade das
                    Unverhältnismäßige zur Maßgabe einer philologischen Annäherung an Texte erhoben
                    wird, dann soll damit gezeigt werden, dass es, ähnlich wie in der Shoah, um
                    einen ‚Zivilisationsbruch‘ geht (vgl. <ref type="bibl" target="#Diner1988"
                        xml:id="ref_Diner1988">Diner 1988</ref>), der die Frage nach dem ‚Maßhalten‘
                    des Lesens radikal in Frage stellt. </p>
                <p>Die Lektüre auf kleine und kleinste Details zu konzentrieren und denselben eine
                    gleichsam ‚übermäßige‘ Bedeutung beizumessen, ist die Reaktion auf die schiere
                    Unfasslichkeit der Verbrechen, die im Tutsizid begangen wurden. Indem ich nicht
                    nur genau hinschaue, sondern in immer neuen Kreisen die immer selben Aussagen in
                    Augenschein zu nehmen versuche, soll eine Radikalisierung des bekannten ‚close
                    readings‘ hin zu einem ‚closest reading‘ bewerkstelligt werden. </p>
                <p>Auf diese Weise werde es möglich, so die These, die Gemeinsamkeiten zu fassen,
                    die zwischen den von Hatzfeld interviewten Tätern<note xml:id="endnote_11"
                            ><p>Was die Frage nach dem Geschlecht der Täter anbelangt, so ist
                            anzumerken, dass Frauen vor 1994 sehr viel seltener in Erscheinung
                            traten als später. 1994 kam es zu einer grundlegenden Veränderung. Es
                            ist demnach wichtig, immer von Täter:innen zu sprechen. Hatzfeld hat
                            jedoch im Gefängnis von Rilima ausschließlich Männer interviewt. Immer
                            wenn von seinem Buch die Rede ist, muss man darum auf Täter - im
                            männlichen Sinne verstanden - verweisen.</p></note> kriminelle Bande
                    noch über den Moment hinaus entstehen ließen, in dem sie ihre Nachbar:innen
                    getötet hatten. Im Zentrum stehen also Einzelaussagen, und diese Einzelaussagen
                    sollen durch genaue Blicke auf Worte und Wendungen in ihrer Unabhängigkeit
                    wahrgenommen werden. In einem zweiten Schritt ist es jedoch unabdingbar, dann
                    auch die erwähnten ‚kollektivbiographischen‘ Züge zu beschreiben.</p>
                <p>Hier lehne ich mich methodisch an das wachsende Interesse der Forschung an den so
                    genannten ‚Autosoziobiographien‘ an (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Lammers_Twellmann2021" xml:id="ref_Lammers_Twellmann2021"
                        >Lammers/Twellmann 2021</ref>), die wesentlich von Pierre Bourdieu
                    beeinflusst wurden.<note xml:id="endnote_12"><p>In literaturgeschichtlicher
                            Hinsicht hält Bourdieu schon für das 19. Jahrhundert fest: <quote
                                source="#ref_Bourdieu1996-398">L’évolution du champ de production
                                culturelle vers une plus grande autonomie s’accompagne [...] d’un
                                mouvement vers une plus grande <emph>réflexivité</emph>, qui conduit
                                chacun des ‘genres’ à une sorte de retournement critique sur soi,
                                sur son propre principe, ses propres présupposés: et il est de plus
                                en plus fréquent que l’œuvre d’art, <emph>vanitas</emph> qui se
                                dénonce comme telle, inclue une sorte de dérision
                                d’elle-même</quote> (<ref type="bibl" target="#Bourdieu1996"
                                xml:id="ref_Bourdieu1996-398">Bourdieu 1996: 398</ref>). („Die
                            Entwicklung des Felds der kulturellen Produktion hin zu einer größeren
                            Autonomie wird [...] begleitet durch eine Bewegung hin zu größerer
                                <emph>Reflexivität</emph>, die jedes ‘Genre’ zu einer Art kritischen
                            Wendung hin zu sich selbst, zu seinen eigenen Prinzipien, zu seinen
                            eigenen Voraussetzungen führt: Es wird immer häufiger, dass das
                            Kunstwerk, <emph>vanitas</emph>, das sich selbst als solche anprangert,
                            eine Art von Lächerlichmachung seiner selbst enthält.“ [Übersetzung
                            A.P.])</p></note> Das, was zum Beispiel die Literaturnobelpreisträgerin
                    Annie Ernaux anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte versucht hat, schreibend
                    umzusetzen, darf als paradigmatisch für diese distanzierte Sicht auf das eigene
                    Ich gelten. In ‚Autosoziobiographien‘ geht es nicht nur um die Entwicklung
                    des:der Einzelnen, sondern auch und mehr noch um den sozio-ökonomischen und
                    gesellschaftlichen Bedingungsrahmen, in den sich diese:r Einzelne von Geburt an
                    gestellt sieht. Die literarische Arbeit gilt Mechanismen der sozialen
                    Reproduktion ebenso wie der unbewussten Übernahme eines Habitus, der nur
                    scheinbar auf individuellen Entscheidungen beruht, in Wirklichkeit aber die
                    Wirkungsmacht von sozialen Codes und Erwartungen beweist, die dem:der Einzelnen
                    in gewisser Weise seine:ihre Einzigartigkeit nehmen.</p>
                <p>Für meinen Kontext ist dieser kulturgeschichtliche und soziologische Zugriff
                    insofern wichtig, als ja das Einzelverbrechen in Genoziden nicht primär im
                    Vordergrund stehen kann. Die Frage, die vorrangig Aufklärung verdient, gilt dem
                    Problem, wie <emph>Kollektive</emph> zu riesigen Mordapparaten werden können,
                    wie Täter:innen sich in ihrem Tun gegenseitig stützen und bestärken – und nicht
                    so sehr, ob der:die Einzelne sozusagen ‚unabhängig‘ von dieser Normalisierung
                    von Massengewalt, quasi ‚an und für sich‘, ‚aus eigenem Antrieb‘, kriminelle
                    Energien aufwies. </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Coudray2019">Dans une démarche à la fois structuraliste et
                        constructiviste, Pierre Bourdieu appréhende les comportements humains comme
                        la conséquence d’une structure intériorisée qui se traduit par une action
                        non réfléchie des participants mais qui conforte, inconsciemment, les
                        positions de chacun dans l’espace social. (<ref type="bibl"
                            target="#Coudray2019" xml:id="ref_Coudray2019">Coudray
                        2019</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Coudray2019">Pierre Bourdieu sieht, indem er auf
                        strukturalistische und konstruktivistische Weise vorgeht, die menschlichen
                        Verhaltensweisen als Folge einer interiorisierten Struktur, die in einer
                        unreflektierten Handlung der Teilnehmenden zum Ausdruck komme und zugleich
                        unbewusst die Positionen eines jeden im sozialen Raum verstärke.
                        [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Besonders an Hatzfelds Täter-Buch ist vor dem Hintergrund dieser methodischen
                    Überlegungen, dass er die Aussagen nicht als fortlaufenden Text präsentiert,
                    sondern sie thematisch großen Blöcken – zum Beispiel dem ‚ersten Mal‘, d.h. dem
                    ersten Mord – zuordnet. Gerade dadurch, dass die Stimmen verschiedener Täter
                    unmittelbar aufeinander folgen, wird es aber möglich, Vergleiche zwischen ihnen
                    zu ziehen und sie über die Grenzen des Individuellen hinweg als Bestandteil
                    eines größeren Ganzen zu sehen. Das Literarische an dieser Montage besteht
                    darin, dass Hatzfeld kondensierend wirkt, nur das aufnimmt, was ihm für eine
                    bestimmte Frage einschlägig zu sein scheint. Das heißt: Es erfolgt im Sinne
                    Bourdieus eine Einladung an die Leserschaft, den Einzelnen stets als Mitglied
                    einer Gruppe zu sehen, die gemeinsam die Verbrechen beging.</p>
                <p>Am Ende meiner Ausführungen steht dann aber die Frage, inwieweit sich der Begriff
                    des ‚criminal minds‘ aufrechterhalten lässt. Treten wir hier nicht in
                    Größenordnungen ein, die mit einem gleichsam ‚normalen‘ Verbrecherbegriff gar
                    nicht mehr zu fassen sind?</p>
                <p>Eine letzte, dieses Mal terminologische Bemerkung soll diese Einleitung
                    abschließen. Es ist soeben vom ‚Tutsizid‘ die Rede gewesen. Dieser Neologismus,
                    der, ausgehend vom Wort ‚Genozid‘ gebildet wird, kann zu Missverständnissen
                    führen. Es könnte der Eindruck entstehen, dass ausschließlich die Tutsi zu
                    Opfern des genozidalen Apparates geworden sind. Das ist nicht korrekt. Wie
                    erwähnt, sind auch politische Oppositionelle aus den Reihen der Hutu sowie
                    allgemein Menschen, die sich dem Genozid in den Weg stellten, in die Tötungen
                    einbezogen worden. Die Zahl der ermordeten Hutu wird auf 200.000 geschätzt. In
                    dieser Hinsicht erscheint also der Begriff des ‚Tutsizids‘ als zu eng. Auf der
                    anderen Seite ist jedoch so häufig und stets irreführend vom ‚ruandischen
                    Genozid‘ die Rede gewesen, dass auf ein anderes Problem aufmerksam gemacht
                    werden muss: Die These vom ‚doppelten Genozid‘, die dem Negationismus weit über
                    Ruanda hinaus Nahrung gibt, behauptet einen ‚Gleichstand‘ der Gewalt, macht also
                    aus den Tutsi die eigentlichen Täter sowie Verursacher des Genozids. Vom
                    ‚Tutsizid‘ zu sprechen, hat den Vorteil, in diesem Punkte Klarheit zu schaffen.
                    1994 hat es einen Genozid radikaler Hutu gegen die Tutsi gegeben. Es hat keinen
                    Genozid der Tutsi Ruandas an den Hutu gegeben. Man möge also diesen Begriff in
                    allen folgenden Analysen in diesem Lichte betrachten.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_02">
                <head>1. Das Töten als Arbeit</head>
                <p>Ich möchte mich nun den oft schier unaushaltbaren Aussagen nähern, die Jean
                    Hatzfeld im Gefängnis von Rilima zusammengetragen hat. Der Genozid des Jahres
                    1994 war das Ergebnis einer langen Vorgeschichte, die seit der so genannten
                    ‚sozialen‘ oder ‚Hutu-Revolution‘ des Jahres 1959 (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Prunier1995" xml:id="ref_Prunier1995">Prunier 1995</ref>) von immer
                    wiederkehrenden Pogromen, Vergewaltigungen, Vertreibungen und Plünderungen
                    begleitet wurde. Manche Hutu – offenbar meist Männer – hatten sich schon lange
                    vor 1994 mit dem Töten vertraut gemacht oder waren gar eingerückt in die Reihen
                    der ‚Profis‘, nämlich der Miliz, die sich ‚Interahamwe‘ nannte. Einer von ihnen
                    – ein gewisser Elie – berichtet rückblickend, d.h. nach seiner Verurteilung:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-65">Une année était calme, une année était
                        chaude. Et ça recommençait, deux saisons calmes, une saison chaude. Ça
                        dépendait des attaques des <term>inkotanyi</term>, mais ça pouvait bien
                        dépendre aussi de nous. Ordinairement on respectait des listes de priorités:
                        les possédants de parcelles intenses et les enseignants étaient inscrits en
                        haut ... Par après, on pouvait tuer çà et là des petits comités de Tutsi
                        selon comme [sic !] la situation se présentait. Une année par exemple, on a
                        poussé vivants des centaines de Tutsi dans la mare de l’Urwabaynanga; une
                        autre année, on a lancé des expéditions sanglantes dans des salles de
                        classe. On pouvait bien laisser quelques morts sur le bord de la route sans
                        raison valable, sauf de bien montrer ces cadavres en même temps que nos
                        arrière-pensées. L’année 1992 a été très brûlante à cause des périls
                        pressants des <term>inkotanyi</term>. (Elie Mizinge in <ref type="bibl"
                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-65">Hatzfeld 2003:
                            65</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-65">Ein Jahr war ruhig, ein anderes Jahr war
                        heiß. Und dann fing das wieder an, zwei Jahreszeiten Ruhe, eine Jahreszeit
                        heiß. Das hing von den Angriffen der <term>Inkotanyi</term> ab, doch es
                        konnte auch von uns selbst abhängen. Normalerweise respektierten wir die
                        Prioritätenliste: Die Besitzer von ergiebigen Feldern und die Lehrer standen
                        ganz oben ... Später konnten wir kleine Einheiten von Tutsi töten, wie
                        sich’s durch die Situation gerade ergab. In einem Jahr haben wir zum
                        Beispiel Hunderte von Tutsi in die Sümpfe von Urwabaynanga getrieben; in
                        einem anderen Jahr haben wir blutige Expeditionen hinein in die
                        Klassenzimmer der Schulen getragen. Wir konnten gut einige Tote am Rand der
                        Straße liegen lassen, und zwar ganz ohne guten Grund, einfach, um diese
                        Leichen und zugleich unsere Hintergedanken vorzuzeigen. Das Jahr 1992 war
                        wegen der drohenden Gefahren durch die <term>Inkotanyi</term> sehr hitzig.
                        [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Insgesamt galt, dass es zu einer schrittweisen Enthumanisierung kam. Sie wurde
                    durch mehrere Faktoren angetrieben: die diskriminatorische (und schließlich
                    mörderische) Praxis in Schulen und Universitäten spielte eine Rolle; die
                    Verbreitung von entsprechenden Radio-Sendungen kam hinzu.<note
                        xml:id="endnote_13"><p>Vgl. <ref type="bibl" target="#Gourevitch2002"
                                xml:id="ref_Gourevitch2002">Gourevitch 2002</ref>. – Auch Lukas
                            Bärfuss thematisiert in seinem Roman (<ref type="bibl"
                                target="#Baerfuss2008" xml:id="ref_Baerfuss2008"><title>Hundert
                                    Tage</title>, 2008</ref>) über den Genozid das Problem einer
                            ‚Entwicklungshilfe‘, die die Gefahren des Radios nicht kommen
                        sah.</p></note> Die öffentliche Demonstration von Willkür bei Verhaftungen
                    und Tötungen<note xml:id="endnote_14"><p>Vgl. als ein Beispiel unter vielen
                            anderen <ref type="bibl" target="#SauvainDugerdil2021"
                                xml:id="ref_SauvainDugerdil2021">Sauvain-Dugerdil
                        (2021)</ref>.</p></note> sowie die von staatlichen Autoritäten erstellten
                    Namenslisten vermittelten den Täter:innen des eigentlichen, ‚großen‘ Genozids
                    ein Gefühl der Sicherheit. Die verschwörungsmythischen Erzählungen, die
                    besagten, die Tutsi seien sämtlich mit der Exilarmee der FPR – den ‚Inkotanyi‘,
                    d.h. den ‚Unbesiegbaren‘ – verbündet,<note xml:id="endnote_15"><p>Dazu Genaueres
                            in <ref type="bibl" target="#Peiter_x_d" xml:id="ref_Peiter_x_d">Peiter
                                [in Vorbereitung d]</ref>: Verschwörungsmythen, ethnische
                            Ursprungslegenden und der Tutsizid. Überlegungen zur deutschen
                            Kolonialliteratur und ihren Konsequenzen für die Geschichte Ruandas.
                        </p></note> trugen ein Übriges dazu bei, die allgemeine Angst der Hutu in
                    Tötungsenergie umzumünzen. Solche Ängste waren ein probates Instrumentarium der
                    politischen Manipulation. Zu Tage trat eine Logik, die auf der Überzeugung
                    beruhte, die Tutsi planten Massaker, denen die Hutu als anvisiertes ‚Opfer‘ mit
                    großer Schnelligkeit zuvorkommen müssten – sozusagen als ‚präventive Maßnahme‘,
                    d.h. als Ergebnis von Reaktionen und nicht etwa als Ergebnis eigener
                    Aktionen.</p>
                <p>Die These der heute in Frankreich lebenden Romanautorin Scholastique Mukasonga,
                    die als Opfer der inländischen Deportationen früherer Jahrzehnte und schließlich
                    als Überlebende des Tutsizids von ihrer Kindheit und Jugend erzählt,<note
                        xml:id="endnote_16"><p>Die folgenden Bücher sind in diesem Kontext
                            lesenswert: <ref type="bibl" target="#Mukasonga2008"
                                xml:id="ref_Mukasonga2008">Mukasonga 2008</ref>; <ref type="bibl"
                                target="#Mukasonga2010" xml:id="ref_Mukasongs2010">Mukasonga
                                2010</ref>;<ref type="bibl" target="#Mukasonga2006"
                                xml:id="ref_Mukasonga2006"> Mukasonga 2006</ref>.</p></note> kann
                    hier herangezogen werden: Mukasonga ist der Überzeugung, eigentlich habe der
                    Tutsizid schon 1959 begonnen – aber eben schleichend, mit Momenten des
                    Anschwellens und wieder Abflauens, rückblickend aber erkennbar als ein
                    kontinuierlicher Prozess, der bis 1994 nie wieder zum Stillstand gekommen
                        sei.<note xml:id="endnote_17"><p>Vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Mukasonga2006" xml:id="ref_Mukasonga2006-14">Mukasonga
                                2006: 14</ref>. Es heißt dort: <quote source="#ref_Mukasonga2006-14"
                                >Les premiers pogromes contre les Tutsi éclatèrent à la Toussaint
                                1959. L’engranage du génocide s’était mis en marche. Il ne
                                s’arrêterait plus. Jusqu’à la solution finale, il ne s’arrêterait
                                plus.</quote> („Die ersten Pogrome gegen die Tutsi brachen zu
                            Allerheiligen 1959 aus. Der Mechanismus des Genozids hatte sich in Gang
                            gesetzt. Er würde nicht mehr aufhören. Bis zur Endlösung würde er nicht
                            mehr aufhören.“ [Übersetzung A.P.])</p></note></p>
                <p>Auch die oben zitierte Aussage von Elie weist in diese Richtung. Er nimmt die
                    Vorgeschichte des Tutsizids als eine zyklische wahr. „Heiße“ und „nicht so
                    heiße“ Jahre werden unterschieden. Es wird so getan, als handle es sich um die
                    Übertragung meteorologischer Phänomene, die für die Arbeit der Bauern und ihre
                    Ernteergebnisse entscheidend waren, auf die gemeinsam unternommenen
                    Mordaktionen. Diese Selbstdarstellung betont implizit, man habe sozusagen gar
                    nichts ‚Besonderes‘ getan. Indem die ‚Bäuerlichkeit‘ und ‚primitiven‘
                    Ausstattung eines Apparates hervorgehoben werden, der sich sozusagen ‚im
                    Einklang mit der Natur‘ befunden habe, wird die sorgfältige Organisation
                    verschwiegen, die dem Genozid voranging: Die Schaffung der Miliz der
                    <term>Interahamwe</term>, der Aufkauf und die Austeilung von Stich-Waffen,
                    die Erstellung von Namenslisten, die Nutzung des Hate-Radios zur ideologischen
                    ‚Einstimmung‘ bleiben gänzlich unerwähnt.</p>
                <p>Jean Hatzfeld hat dann mit Hilfe eines Übersetzers den Kontakt zu weiteren
                    Männern gesucht – nämlich zu Freunden von Elie, die sich sämtlich in Nyamata an
                    Tötungen beteiligt hatten. Es ging dem Journalisten darum, die spezifischen
                    Interaktionen in einer bäuerlichen Region zu verstehen. In dieser hatte die
                        <term>Interahamwe</term>, ganz so wie in vielen anderen Gegenden, als
                    Initialzündung und ‚Lehrmeister‘ gewirkt. Zugleich war aber in dieser Gegend
                    schnell auch eine gewisse ‚Autonomie‘ der bäuerlichen Tötungseinheiten zu
                    beobachten gewesen.</p>
                <p>Mein eigenes Vorhaben besteht darin, die Täter in ihren Aussagen als Individuen
                    ernst zu nehmen, d.h. von einer gewissen Bandbreite von Mordmotiven und
                    Selbst-Wahrnehmungen auszugehen, ohne dabei jedoch den Aspekt des Austauschs und
                    Interagierens zwischen den verschiedenen Männern, hin zu so etwas wie einem
                    gemeinsamen ‚Habitus‘, aus dem Blick zu verlieren.</p>
                <p>Eine erste Beobachtung, die, ähnlich wie bei Elie, auf eine gewisse
                    Gleichartigkeit zwischen vor-genozidalem Alltag und Genozid hinweist, betrifft
                    die Selbstbeschreibung derer, die nicht etwa als Lehrer, Militärs oder
                    Geschäftsleute tätig gewesen waren, sondern wie die große Mehrheit als Bauern
                    ihren Acker zu bestellen pflegten. Hatzfeld zeigt, dass es zum Teil schwierig
                    für sie war, sich über makropolitische Zusammenhänge zu informieren.
                    Andererseits gab es Anführer, die räumlich mobil waren und Informationen aus
                    anderen Landesteilen verbreiteten. Es ist Alphonse, ein weiterer Hutu, der
                    betont:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-16">On ne changeait pas nos habitudes de lever
                        de cultivateurs, sauf pour l’heure, qui pouvait être plus tôt ou plus tard
                        selon les péripéties de la veille. (Alphonse Hittyaremye in <ref type="bibl"
                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-16">Hatzfeld 2003:
                            16</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-16">Wir änderten unsere Gewohnheiten als Bauern
                        nicht, nur bezüglich der Uhrzeit, die je nach den Ereignissen des Vortags
                        mal früher, mal später liegen konnte. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Der euphemistische Ausdruck, dessen man sich in Ruanda schon seit Jahrzehnten zu
                    bedienen pflegte, wenn es darum ging, zu töten, ist bereits in dieser Aussage
                    impliziert: Es ging, so Alphonse, ums ‚Arbeiten‘ (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Mujawayo_Belhaddad2011" xml:id="ref_Mujawayo_Belhaddad2011"
                        >Mujawayo/Belhaddad 2011</ref>) und ‚An-die-Arbeit-Gehen‘, und dies geschah
                    unter Berücksichtigung einer gewissen Regelmäßigkeit, ohne die es zu keinen
                    ‚Arbeitsergebnissen‘ hätte kommen können. Darauf antwortet wie ein Echo
                    Elie:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-19">On devait faire vite, on n'avait pas droit
                        aux congés, surtout pas les dimanches, on devait terminer. On avait supprimé
                        toutes les cérémonies. On était tous embauchés à égalité pour un seul
                        boulot, abattre tous les cancrelats. Les intimidateurs ne nous proposaient
                        qu'un objectif et qu'une manière de l'atteindre. [...] Je ne sais pas
                        comment c'était organisé dans les autres régions, chez nous c'était
                        élémentaire. (Elie Mizinge in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                            xml:id="ref_Hatzfeld2003-19">Hatzfeld 2003: 19</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-19">Wir mussten uns beeilen, wir hatten kein
                        Anrecht auf Ferien, vor allen Dingen sonntags nicht, wir mussten’s zuende
                        führen. Wir hatten alle Zeremonien unterdrückt. Wir waren alle gleichermaßen
                        für einen einzigen Job eingestellt, den nämlich, alle Käfer auszulöschen.
                        Die Einschüchterer boten uns nur ein einziges Ziel und eine einzige Art an,
                        dieses zu erreichen. [...] Ich weiß nicht, wie das in anderen Gegenden
                        organisiert war, bei uns wars ganz einfach. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Elie Mizinge bestätigt, was auch schon sein Mit-Häftling zu Protokoll gegeben
                    hatte: Der Genozid kam einem kollektiven Engagement gleich, das von
                    organisatorischen ‚Notwendigkeiten‘ bestimmt gewesen sei. Erneut wird die
                    ‚Einfachheit‘ des kollektiven Tuns hervorgehoben. ‚Gearbeitet‘ wurde, um eine
                    lange zuvor begonnene ‚Insektenvernichtung‘ zum Abschluss zu bringen; gearbeitet
                    wurde in der Erwartung, dass sich niemand von diesem ‚Gemeinschaftswerk‘
                    ausschließen würde. Wie lange und wie regelmäßig an jedem Tag zu ‚arbeiten‘ war,
                    hing nicht mehr vom Belieben des Einzelnen und seinem bisherigen Verhältnis zur
                    Arbeit ab. Vielmehr war es das Telos derselben, das die jeweiligen Regeln
                    vorgab.</p>
                <p>Der Verzicht auf Ruhezeiten, der sich in Elie Mizinges Erinnerung an den Genozid
                    besonders eingeschrieben hat, schien der Zustimmung bezüglich des angestrebten
                    Ziels entsprungen zu sein.<note xml:id="endnote_18"><p>Die Unablässigkeit der
                            Arbeit kann außerdem auf den Druck zurückgeführt werden, den die
                            ruandischen Militärs und die Hutu-Miliz auf die Zivilbevölkerung zwecks
                            Vernichtung der Tutsi ausübten. Die Intentionalität der Vernichtung
                            erklärt also nicht allein den Verzicht auf Ruhezeiten.</p></note> Wenn
                    die Tutsi einer ‚Endlösung‘ zugeführt und aus Ruanda ein ‚tutsifreies‘ Land
                    gemacht werden sollte, war es ‚evident‘, dass auf die Sonntagsruhe verzichtet
                    werden musste. In dem Moment, in dem beschlossen worden war, dass die Arbeit
                    nicht nur ‚Stückwerk‘ bleiben, sondern dass sie auf Totalität ausgerichtet war,
                    musste gleichsam auch die Arbeitsbereitschaft eine totale werden.<note
                        xml:id="endnote_19"><p>Hier spielten zugleich auch der Bürgerkrieg und die
                            Abschreckungsstrategie der Behörden eine Rolle: Es war diesen gelungen,
                            die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ein eventueller Sieg der
                            ‚Rebellen‘ eine Vernichtung der Hutu-Gruppe oder zumindest ihre
                            Unterwerfung herbeiführen würde.</p></note></p>
                <p>Wichtig an dieser Auffassung vom Töten war, dass mit seinem Beginn schon sein
                    Ende vorweggenommen war.<note xml:id="endnote_20"><p>Vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Peiter_x_e" xml:id="ref_Peiter_x_e">Peiter [in Vorbereitung
                                e</ref>]: „Wir standen vor vollendeten Tatsachen, die wir vollenden
                            mussten, wenn ich mal so sagen darf.“ Vom Verschwinden des
                            argumentativen Austauschs während der Shoah und des Tutsizids in
                            Ruanda.</p></note> Der Genozid dachte sich von der Antizipation dessen
                    her, was erreicht werden wollte. Eile schien geboten, weil dies jetzt nicht nur
                    schlicht eine ‚heiße‘ oder ‚hitzige Jahreszeit‘ wie in der Vergangenheit war,
                    sondern die entscheidende, ‚letzte‘ überhaupt: Dieses Mal sollten die Tutsi
                    wirklich ‚bis zum Letzten‘ vernichtet werden.<note xml:id="endnote_21"><p>Dieser
                            Gedanke erscheint auch im Titel der folgenden Autobiographie eines
                            Überlebenden, <ref type="bibl" target="#Habonimana2019"
                                xml:id="ref_Habonomana2019">Charles Habonimana: <title>Moi, le
                                    dernier Tutsi</title> (2019)</ref>.</p></note></p>
                <p>In einem ersten Schritt ist also festzuhalten, dass auf Seiten mancher Mörder die
                    gleichsam ‚uneigennützige‘ Bereitschaft existierte, den Vernichtungsapparat als
                    Mittel zur Erreichung eines ‚höheren Zwecks‘ zu betrachten, welcher es
                    rechtfertige, die Normalität und Regelmäßigkeit eines bäuerlichen
                    Arbeitsrhythmus um etwas ‚Extra-Ordinäres‘, ‚Außergewöhnliches‘ zu erweitern:
                    nämlich um die Sonntagsarbeit.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_03">
                <head>2. Entheiligungsprozesse</head>
                <p>Dass diese Entscheidung nicht zuletzt mit den Orten zusammehing, an denen im
                    ganzen Land besonders viel und schnell getötet wurde, geht aus dem obigen
                    Zeugnis nur indirekt hervor. Zu erinnern ist an die Tatsache, dass die
                    christliche Missionierung, die in der Kolonialzeit erst durch deutsche, dann
                    belgische sowie französische Geistliche betrieben wurde, in Ruanda im
                    Endergebnis besonders ‚erfolgreich‘ gewesen war. Der Christianisierungsgrad
                    Ruandas war der höchste von ganz Afrika, so dass kirchliche Autoritäten aufgrund
                    der zentralen Bedeutung, die sie dann auch im Schul- und Bildungssektor
                    spielten, eine gesellschaftlich wie politisch anerkannte Instanz darstellten.
                    Die große Wertschätzung der beiden christlichen Konfessionen hatte sich in der
                    Geschichte der Massaker seit 1959 folglich auch darin bemerkbar gemacht, dass
                    das Innere von Kirchengebäuden als Zufluchtsstätten für verfolgte Tutsi
                    respektiert wurde. Getötet wurde überall, doch die Kirchen mit ihren Altären
                    galten bis 1994 weitgehend als sakrosankt.</p>
                <p>Im Genozid sollte sich aber auch dies mit schlagartiger Plötzlichkeit ändern. Da
                    die Kirchen der Tutsi zum Teil aus eigener Entscheidung, zum Teil auf Befehl der
                    Autoritäten aufgesucht wurden, um Schutz zu finden, entstanden Orte, in denen
                    sich große Massen von Menschen konzentrierten. Das Vertrauen auf die Heiligkeit
                    der Kirchen erwies sich aber plötzlich als organisatorischer Vorteil für die
                    Mörder: Es konnte jetzt mit Granaten und Feuer getötet werden (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#HRW1995" xml:id="ref_HRW1995">Human Rights Watch
                        1995</ref>), und wenn die Schusswaffen fehlten, bestand die
                    ‚Arbeitserleichterung‘ in jedem Fall darin, dass die Menschen, die sich in den
                    Kirchen zusammengedrängt sahen, den Macheten ihrer Nachbar:innen nicht mehr
                    entkommen konnten.<note xml:id="endnote_22"><p>Gestorben wurde darüber hinaus an
                            Hunger und Durst, weil die Kirchen in der Regel nichts hatten, was die
                            Versorgung der Menschen hätte sicherstellen können. Dazu Genaueres in:
                                <ref type="bibl" target="#Peiter_x_b" xml:id="ref_Peiter_x_b">Peiter
                                [in Vorbereitung b]</ref>: „Hunger und Durst im ‚Genozid der Nähe‘.
                            Zu Zeugnissen überlebender Tutsi“.</p></note> Alle Institutionen und
                    Apparate, die zur ‚Verwestlichung‘ der ruandischen Gesellschaft beigetragen
                    hatten, sind demnach für das genozidale Projekt missbraucht worden. Neben
                    Kirchen fungierten auch Schulen oder der Rundfunk als Instrumente, die im Dienst
                    des Genozids standen. Das Konzept des „landwirtschaftlichen Genozids“ muss also
                    dialektisch verwendet werden. Es kann keineswegs darum gehen, die Massaker
                        <emph>nur</emph> als Ergebnis eines bäuerlichen Lebens darzustellen. Für die
                    Selbstdarstellung und die perversen ‚Entschuldungs‘-Versuche der Täter war
                    jedoch dieser Interpretationsstrang sehr wichtig.</p>
                <p>Dass der oben Befragte wie nebenher auf die Fortsetzung der ‚Arbeit‘ an Sonntagen
                    hinweist, ist also nicht allein als Zeichen für die Totalität des ‚Engagements‘
                    zu werten, das die Männer beweisen wollten, sondern muss auch als Abwehr des
                    Zweifels bezüglich der Frage gelten, wie sich der eigene Glaube mit dem
                    ‚Tötungshandwerk‘ vereinbaren lasse. Sonntags zum Töten auszuziehen, hieß
                    gleichsam, eine ‚Pause‘ bezüglich des Christseins einzulegen. Gottesdienste
                    konnten nicht länger gefeiert werden, weil die Kirchen voller Leichen lagen. Es
                    war also, so impliziert Elie Mizinge, völlig logisch, dass das bäuerliche
                    ‚know-how‘ ohne sonntägliche Unterbrechung weiterbetrieben werden musste.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_04">
                <head>3. Die Selbsttätigkeit der Werkzeuge</head>
                <p>Das ‚know how‘ ist aber auch darum als besonders wichtiges Element zu betrachten,
                    weil man sich nur so dem internen Funktionieren der genozidalen Akteure nähern
                    kann. Zu diesem Thema haben sich im Gespräch mit Jean Hatzfeld gleich mehrere
                    Täter geäußert. Erneut geht Elie Mizinge seinen ‚Kollegen‘ voran, indem er
                    beschreibt, welches Verhältnis in bäuerlichen Familien zur Machete bestand.</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-41">Le gourdin c’est plus cassant, mais la
                        machette est plus naturelle. Le Rwandais est familiarisé avec la machette
                        depuis l’enfance. Attraper une machette à la main, c’est ce qu’on fait
                        chaque matin. On coupe les sorghos, on taille les bananeries, on défriche
                        les lianes, on tue les poulets. Mêmes les femmes et les petites filles
                        empruntent la machette pour de menues corvées, comme casser le bois de
                        cuisson. C’est le même geste pour différentes utilités qui ne nous
                        désoriente jamais. Le fer, quand tu t’en sers pour couper la branche,
                        l’animal ou l’homme, il ne dit pas un mot. (Elie Mizinge in <ref type="bibl"
                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-41">Hatzfeld 2003:
                            41</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-41">Der Knüppel zerschlägt stärker, doch die
                        Machete ist natürlicher. Der Ruander ist von Kindheit an mit der Machete
                        vertraut. Eine Machete in die Hand zu nehmen, ist das, was man jeden Morgen
                        tut. Man schneidet die Sorghopflanzen, man schneidet den Bananenhain, man
                        rodet die Lianen, man tötet die Hühner. Sogar die Frauen und kleinen Mädchen
                        leihen sich für kleinere Aufgaben die Machete aus, beispielsweise um Holz
                        zum Kochen zu spalten. Es handelt sich um die gleiche Geste mit
                        verschiedenem Nutzen, und wir fühlen uns bei ihr niemals unsicher. Das
                        Eisen, wenn Du Dich seiner bedienst, um einen Ast, ein Tier oder einen
                        Menschen zu schneiden, sagt kein Wort. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Diese Aussage ist, so schwer auch die Gleichsetzung von Ast, Tier und Mensch als
                    Objekt des Zerhackens zu ertragen ist, von paradigmatischer Bedeutung.
                    Augenscheinlich wird, dass Elie Mizinge der Überzeugung ist, etwas, was man zu
                    tun verstehe, entwickele eine Art von Eigendynamik. Weil der Umgang mit der
                    Machete, so die Behauptung, schon in der Kindheit erlernt werde, werde die
                    Frage, was dann jeweils unter das Werkzeug gerät, völlig nebensächlich. Egal, ob
                    es sich beim Roden um einen Ast, beim Schlachten um den Kopf eines Huhns oder im
                    Genozid um die Extremitäten der Nachbar:innen handelt, die dem rassistischen
                    Setting nach (vgl. <ref type="bibl" target="#Chretien1999"
                        xml:id="ref_Chretien1999">Chrétien 1999</ref>) als ‚zu groß‘, ‚zu hoch
                    aufragend‘, ‚zu überlegen‘, d.h. als ‚zu Zerhackendes‘ galten – zugeschlagen
                    wurde unter Hinweis auf das Argument, man folge der immer gleichen, schon
                    existierenden ‚Kennerschaft‘.</p>
                <p>Dass das Ziel dann nicht allein darin bestand, die vermeintlichen ‚Feinde‘ vom
                    Leben zum Tod zu befördern, sondern vielmehr auch darin, ihnen, wo möglich, ein
                    langes, qualvolles, sich über Minuten, Stunden, ja Tage hinziehendes Sterben
                    zuzufügen, wird von Elie Mizinge nicht eigens erwähnt. Das hat damit zu tun,
                    dass sich dies seinem Interesse für die ‚Kontinuitäten‘ zwischen dem ‚Zuvor‘ und
                    dem Genozid entzieht. Tatsache ist jedoch, dass die Berufung auf die
                    Vertrautheit des Werkzeugs jedes Bewusstsein für das, was mit diesem geschieht,
                    auslöscht.</p>
                <p>Es entsteht der Eindruck, dass Elie Mizinge die Handhabung der Machete gar nicht
                    mehr als etwas empfand, was eine Hand voraussetzte, die sie führte. Vielmehr
                    ergibt sich aus seiner Darstellung eine Umkehrung von Ursache und Folge. Elies
                    Mizinge Text liest sich so, als habe der Besitzer des Werkzeugs dasselbe nicht
                    aus dem Grund verwendet, weil er, der Mensch, <emph>entschieden</emph> hatte, es
                    zu verwenden. Vielmehr zeichnet sich das Argument ab, das Werkzeug sei, weil
                    seine Verwendung so leicht war, ‚selbsttätig‘ geworden, d.h. habe umgekehrt
                    seinen Inhaber dazu ‚veranlasst‘, der Bewegung zu folgen, die es (nämlich das
                    Werkzeug) vollführen ‚musste‘.<note xml:id="endnote_23"><p>Dies hat dann auch
                            Einfluss auf das fehlende Schuldbewusstsein der Täter. Vgl. <ref
                                type="bibl" target="#Peiter_x_c" xml:id="ref_Peiter_x_c">Peiter [in
                                Vorbereitung c]</ref>: „Tausche abgebüßte Haft gegen komplette
                            Entschuldung“. Zur Wahrnehmung von Gefängnis in Interviews von Mördern
                            des Tutsizids in Ruanda am Beispiel von Jean Hatzfelds ‚Une saison de
                            machettes‘“.</p></note></p>
                <p>Nicht Elie Mizinge also verwendete seine Machete, sondern seine Machete
                    verwendete ihn, und zwar mitsamt seiner gewohnheitsmäßigen Geschicklichkeit im
                    Zuschlagen. Nicht eine menschengemachte Absicht führte zum Töten, sondern eine
                    werkzeuginterne Selbstläufigkeit. Man könnte es variierend auch so formulieren:
                    Nicht die Absicht, zu töten, führte dazu, dass man die Machete in die Hand nahm,
                    sondern dass man die Machete immer schon in der Hand <emph>gehabt habe</emph>,
                    führte eine Situation herbei, in der man mit Hilfe des Werkzeugs dann auch
                    einmal vertraute Menschen töten konnte (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Peiter2024" xml:id="ref_Peiter2024">Peiter 2024</ref>).</p>
                <p>Eine Beiläufigkeit entstand, die der Beiläufigkeit des Rodens oder
                    Hühnerschlachtens entsprach. Zur Wirkung kam es, weil das Werkzeug die Ursache
                    in sich aufgesaugt hatte, und dass der Mensch sich daher nicht länger als
                    Ursache für die Massaker sehen musste, erleichterte wiederum die Interpretation,
                    nichts wirklich Außergewöhnliches sei im Frühjahr und Sommer 1994 geschehen.</p>
                <p>Der Gedanke von Hannah Arendt, Werkzeuge hätten als Mittel die Fähigkeit, sich
                    gegenüber der Ursache absolut zu setzen, bleibt hier eine Einsicht von
                    bestürzender Allgemeingültigkeit: <quote source="#ref_Arendt2000-8">[D]er Zweck,
                        der die Mittel bestimmt, die zu seiner Erreichung notwendig sind, wird von
                        den Mitteln überwältigt.</quote> (<ref type="bibl" target="#Arendt2000"
                        xml:id="ref_Arendt2000-8">Arendt 2000: 8</ref>) Offenbar ist es so, dass die
                    Fähigkeit, etwas machen zu <emph>können</emph>, sich in die Unterwerfung des
                        Machen-<emph>Müssens</emph> wandeln kann, so dass das Ungeheuerlichste
                    einfach nur darum geschieht, weil es geschehen <emph>kann</emph>. Dass es aber
                    geschehen <emph>gemacht</emph> worden ist (aktiv also), tritt aus dem
                    Bewusstsein heraus. Ein ‚Es‘ agiert: Das ‚Es‘ eines Werkzeugs, das mitten in die
                    totale Unalltäglichkeit von Dörfern, die plötzlich mit Leichen übersät sind, die
                    Selbstversicherung stellt, man habe, als man einst im Alltag die Machete den
                    Frauen und kleinen Mädchen lieh, auch nichts anderes getan. Die politischen und
                    ideologischen Dispositive der genozidalen Regierung verstärkten diese
                    Tendenz.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_05">
                <head>4. Erzieherische Fragen</head>
                <p>Der Bezug auf die Familienmitglieder, von denen, kultur- und altersbedingt,
                    angenommen werden durfte, dass sie keine Werkzeug-Nutzer:innen sein würden, muss
                    in diesem Zusammenhang ernst genommen werden. Es ist durchaus kein Zufall, dass
                    die Relativierung des eigenen Tuns und der eigenen Verantwortung nicht nur durch
                    die Hervorhebung der Vertrautheit im Umgang mit Werkzeugen betrieben wird,
                    sondern auch durch den Hinweis auf weibliche Kinder. Natürlich geht es Elie
                    Mizinge bei der Erwähnung des Holzhackens in erster Linie um eine Beschreibung
                    des bäuerlichen Alltags. Doch in dem Moment, in dem das Holzhacken, mit dem die
                    Jüngsten beauftragt werden, in Parallele gesetzt wird zum Zerhacken von
                    Menschen, das mit demselben Werkzeug erfolgte, deutet sich, ähnlich wie mit
                    Blick auf das durchbrochene Tabu des Tötens in Kirchen, eine weitere Zäsur an. </p>
                <p>Die Beteiligung von Kindern am Genozid gehört zu den Themen, von denen die
                    eigentlichen Mörder gar nicht, die Frauen wiederum nur verhohlen, wie hinter
                    vorgehaltener Hand, zu berichten wagten. Clémentine Murebwayre, eine Hutu und
                    zugleich Frau eines Tutsi (vgl. <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                        xml:id="ref_Hatzfeld2003-35">Hatzfeld 2003: 35</ref>), gehörte zu den
                    wenigen, die mit einer gewissen Exaktheit von einem ‚Lernen‘ berichteten, das
                    nicht nur vom Hacken des Brennholzes durch Kinder zum Mord durch Erwachsene
                    führte, sondern umgekehrt auch von den Morden der Erwachsene hin zu ‚Lektionen‘,
                    die dann auch den Kindern das Morden ermöglichen sollten.</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-44-45">J’ai vu des papas qui enseignaient à
                        leurs garçons comment couper. Ils leur faisaient imiter les gestes de
                        machette. Ils montraient leur savoir-faire sur des personnes mortes, ou sur
                        des personnes vivantes qu’ils avaient capturées dans la journée. Le plus
                        souvent les garçons s’essayaient sur des enfants, rapport à leurs tailles
                        correspondantes. Mais le grand nombre ne voulait pas mêler directement les
                        enfants à ces saletés de sang, sauf à regarder, bien sûr. (Clémentine
                        Murebwayre in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                            xml:id="ref_Hatzfeld2003-44-45">Hatzfeld 2003: 44f.</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-44-45">Ich habe Papas gesehen, die ihren Jungen
                        beibrachten, wie man schneide. Sie ließen sie die Gesten mit der Machete
                        nachmachen. Sie zeigten ihr know-how an toten Personen oder an lebendigen
                        Personen, die sich an diesem Tag gefangen hatten. Meistens versuchten sich
                        die Jungen wegen ihrer entsprechenden Körpergröße an anderen Kindern. Doch
                        die meisten wollten die Kinder nicht in diesen Schmutz des Blutes
                        hineinziehen, abgesehen vom Zusehen natürlich. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Dass die genozidale Dynamik nicht nur vom einstigen Alltag der Erwachsenen hin
                    zur Veralltäglichung des Tötens führte, sondern auch die Kinder in die
                    Behauptung einbezog, eigentlich müssten doch auch sie verstehen können, was sie
                    im Alltag (d.h. im Umgang mit der Machete) längst verstanden hätten, ist an
                    Furchtbarkeit und Grausamkeit schwerlich zu überbieten. Väter, die Bauern sind,
                    wünschen, dass ihre Söhne Bauern werden. Väter, die die Machete zu handhaben
                    verstehen, wünschen, dass auch ihre Söhne dies verstehen, und zwar unabhängig
                    vom je verfolgten Zweck und ‚Nutzen‘. Männliche Kinder wachsen in den
                    elterlichen Beruf hinein, und wenn dieser Beruf dann plötzlich der Berufs des
                    Mordens ist, folgt der Unterricht dem Prinzip, dass die zu ‚Objekten‘
                    degradierten Opfer der Größe der Lernenden anzupassen sei. So wie kleine Mädchen
                    nicht gleich einen ganzen Baum fällen, sondern mit den Holzscheiten für die
                    Küche beginnen, so beginnen dann auch die kleinen Jungen nicht mit dem Töten von
                    erwachsenen Tutsi, sondern mit deren Kindern.</p>
                <p>Clémentine erwähnt, dass hier für viele Hutu-Familien eine ungeschriebene Grenze
                    erreicht worden sei, d.h. dass die ‚Veralltäglichung‘ des Mordens sich nicht in
                    allen Familien auf die männlichen Kinder ausgedehnt habe. Zugleich unterliegt
                    aber auch diese Frau, obwohl in Ansätzen ‚erziehungs‘- und ‚genozid-kritisch‘
                    argumentierend, der Normalisierungslogik, von der alles Bäuerliche und
                    Berufliche erfasst wird. Die Zeugin benutzt nämlich das Wort ‚natürlich‘, um
                    klarzustellen, dass das Zuschauen von Seiten der Kinder eine gängige Praxis
                    dargestellt habe.</p>
                <p>Dieses Wort kann nun in zweierlei Hinsicht benutzt werden. Eine erste
                    Interpretation besagt, Clémentine verwende es nicht in apologetischer Hinsicht,
                    sondern pragmatisch-realistisch. Das soll heißen, dass sie schlicht beschreibt,
                    wie es ablief. Da es sich beim Tutsizid um einen ‚Genozid der Nähe‘ handelte,
                    bei dem in der Regel im allerkleinsten Umkreis des eigenen Dorfes und dessen
                    Feldern und Wäldern getötet wurde, konnte es gar nicht anders sein: Kinder
                    wurden, egal ob gewollt oder nicht gewollt, notwendigerweise zu Zeugen dessen,
                    was geschah (vgl. <ref type="bibl" target="#Dumas2014b" xml:id="ref_Dumas2014b"
                        >Dumas 2014b</ref>; <ref type="bibl" target="#Dumas2000"
                        xml:id="ref_Dumas2000">2000</ref>).</p>
                <p>Die zweite Interpretation ist pessimistischer. Vielleicht ist der Zusatz,
                    ‚natürlich‘ sei es zur Augenzeugenschaft der Jüngsten gekommen, als graduelle
                    Abschwächung von dem gemeint, was Clémentine augenscheinlich nicht mittragen
                    mochte: Dass Kinder zusahen, mochte in der ‚Ordnung der Dinge‘ liegen; dass sie
                    selbst tötend in Erscheinung traten, war für sie hingegen ‚nicht in Ordnung‘. </p>
                <p>Dass auch die ‚bloß‘ zusehende Teilhabe am Genozid schon zu dem hinleitete, was
                    Elie Mizinge zuvor über Rodungs- und Schlachtungsarbeiten ausgeführt hatte,
                    stand nicht in Frage: ‚Natürlich‘ war ein Lernen, das auf Nachahmung beruhte, in
                    einem ersten Schritt zunächst einmal ein Lernen des ‚Dabeiseins‘ und Zusehens.
                    Der zweite Schritt, nämlich das ‚Mitmachen‘ als ‚Nachmachen‘, war aber in diesem
                    ersten schon enthalten. Insofern kann mit Blick auf das Konzept des
                    ‚landwirtschaftlichen Genozids‘ von einer regelrechten, informellen
                    ‚Landwirtschaftsschule‘ gesprochen werden, als deren Lehrmeister die Erwachsenen
                    und als deren Schülerschaft die Kinder auftraten. Hinzu kam die ‚normale‘
                    Schule. Die Kinder sollten in der Gegenwart und mit Blick auf die Zukunft
                    lernen, die Tutsi zu hassen und schließlich zu töten. Symptomatisch für dieses
                    Vorhaben ist die Einbeziehung von Schulinstitutionen in den Völkermord, und zwar
                    durch die einschlägige Propaganda sowie die jahrzehntelange Marginalisierung der
                    Opfer.</p>
                <p>Da während des Genozids die Schulpflicht kurzerhand für inkompatibel mit den
                    neuen (und zugleich alten) ‚Berufen‘ der Eltern erklärt wurde, ist zugleich die
                    Ablösung der einen, nämlich ‚normalen‘ Schule durch eine neue, andere,
                    nicht-normale zu konstatieren. In gewißer Weise entsprach die Tatsache, dass die
                    Hutu-Kinder seit dem April 1994 nicht mehr zur Schule gingen (und die
                    Tutsi-Kinder ‚natürlich‘ sowieso nicht), aber auch einer bestimmten Wirkung der
                    Politik. Diese hatte bewirkt, dass Tutsi-Kinder in der Schule durch die
                    herrschenden Quoten-Regelungen jahrzehntelang systematisch diskriminiert worden
                    waren (vgl. <ref type="bibl" target="#Mugesera2014" xml:id="ref_Mugesera2014"
                        >Mugesera 2014</ref>). Dass ein Tutsi-Kind eine weiterführende Schule
                    besuchen konnte, war eine seltene Ausnahme, die denn auch von Verwandten, ja dem
                    gesamten Dorf in großen, kollektiven Festen als das ganz und gar Unerwartbare
                    gefeiert zu werden pflegte.<note xml:id="endnote_24"><p>Scholastique Mukasonga
                            beschreibt eine solche Feier, die ihrem eigenen schulischen Erfolg
                            gegolten habe (vgl. <ref type="bibl" target="#Mukasonga2006"
                                xml:id="ref_Mukasonga2006-75">Mukasonga 2006:
                    75</ref>).</p></note></p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_06">
                <head>5. Die Angst der Ziegen</head>
                <p>Dass neben den Hühnern als Tierwelt der kleinen, von Familien betriebenen
                    Bauernhöfe von den Tätern auch Ziegen erwähnt wurden, um Hatzfeld, dem
                    Franzosen, der zuhört, klar zu machen, was in den ‚hundert Tagen der Machete‘
                    genau geschah, führt uns jetzt schrittweise zu ganz anderen Festen, die dieses
                    Mal auf Seiten der Hutu-Familien gefeiert wurden. Pio Muturingehe, ein weiterer,
                    zu Gefängnishaft verurteilter Täter, erzählt, warum das Töten so einfach gewesen
                    sei. Es seien, so sein Urteil, die Tutsi selbst gewesen, die bewirkt hätten,
                    dass die Mörder das Morden gar nicht als solches wahrgenommen hätten.</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-42">On tuait comme on savait, comme on le
                        ressentait, chacun prenait sa vitesse. Il n’y avait pas de consignes
                        sérieuses pour le savoir-faire, sauf celle de continuer. Et puis, il faut
                        préciser un fait remarquable qui nous a encouragés. Beaucoup de Tutsi ont
                        montré une terrible peur d’être tués, avant même qu’on commence à les
                        frapper. Ils cessaient leur agitation dérangeante. Ils se plantaient
                        immobiles ou se blottissaient. Alors, cette attitude craintive nous a aidés
                        à les frapper. C’est plus tentant de tuer une chèvre bêlante et tremblante
                        qu’une chèvre fougueuse et sauteuse, si je puis dire. (Pio Muturingehe in
                            <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-42"
                            >Hatzfeld 2003: 42</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-42">Wir töteten, so gut wir’s verstanden, wie
                        wir’s empfanden, jeder folgte seinem Tempo. Es gab keine ernsthaften
                        Vorgaben für das know-how, bis auf die Vorgabe, weiterzumachen. Und dann gab
                        es eine bemerkenswerte Tatsache, die uns ermutigt hat. Viele Tutsi haben,
                        noch bevor wir überhaupt anfingen, sie zu schlagen, eine furchtbare Angst
                        gezeigt, getötet zu werden. Sie stellten ihre störende Aufgeregtheit ein.
                        Sie blieben bewegungslos an einer Stelle stehen oder scharten sich zusammen.
                        Diese ängstliche Haltung hat uns dann sehr geholfen, sie zu schlagen. Es ist
                        einladender, eine meckernde und zitternde Ziege zu töten, wenn ich mal so
                        sagen darf, als eine Ziege, die flieht und herumspringt. [Übersetzung
                        A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Eine regelrechte Tierschlachtung wird hier als Folie benutzt, um die Erinnerungen
                    an den Tod von Nachbarsfamilien erzählbar zu machen. Während Elie Mizinge noch
                    argumentiert hatte, die tödliche Verwendung der Machete gegen Menschen sei
                    einfach gewesen, weil man mit der Verwendung der Machete zwecks Schlachtung von
                    Hühnern vertraut gewesen sei, tritt hier zu der gleichsam ‚technischen‘ Frage
                    eine psychologische hinzu. Am Beispiel einer Ziege wird deutlich gemacht, dass
                    es aus Sicht des Schlächters unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beim Töten
                    gab.</p>
                <p>Das Entsetzliche des Vergleichs zwischen Mensch und Ziege besteht darin, dass
                    implizit behauptet wird, das Töten sei nicht nur mehr oder weniger behindert
                    worden, sondern mehr noch: der fehlende Widerstand der Tutsi habe das Töten
                    geradezu <emph>hervorgerufen</emph>. Pio Muturingehes Darstellung ist
                    gekennzeichnet durch eine Umkehr der Rollen von Tätern und Opfern in dem Sinne,
                    dass alles, was die Opfer taten (oder eben auch nicht taten), mit Blick auf das
                    eigene Tun und Töten ausgelegt wird. Ein Opfer, das sich nicht wehrte, hatte
                    gleichsam den Täter dazu ‚eingeladen‘, die ausbleibende Gegenwehr als
                    ‚natürliche‘ Wehrlosigkeit zu deuten, und die ‚Natürlichkeit‘ der Wehrlosigkeit
                    wurde dann ihrerseits mit der vom Opfer ausgehenden Aufforderung gleichgesetzt,
                    dann auch wirklich zuzuschlagen.</p>
                <p>Pio Muturingehes perverse Konzentration auf die Wirkung, die die Angst seiner
                    Opfer auf ihn ausgeübt hatte, geht so weit, dass die These aufgestellt werden
                    kann, eigentlich liege die Schuld am Getötet-worden-Sein bei den Getöteten und
                    nicht etwa bei den Tötenden. Als ‚Grund‘ nennt der Täter die Tatsache, dass die
                    Tutsi schon Zeichen von Angst zeigten, als er noch gar nicht zugeschlagen habe.
                    Die totale Unfähigkeit, sich wenigstens rückblickend in die Situation der Opfer
                    zu versetzen, tritt auf grauenvolle Weise zu Tage.</p>
                <p>Pio Muturingehes Zeugnis zeigt, dass er keinen Begriff davon hat, wie das
                    Schicksal von bereits Getöteten die Angst verstärkte, die die noch
                    ‚Verschonten‘, ‚Übriggebliebenen‘ empfanden. Dass Tutsi, sofern sie Geld
                    besaßen, immer wieder versucht haben, sich einen ‚schnellen‘, ‚gnädigen‘ Tod zu
                        erkaufen<note xml:id="endnote_25"><p>Vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Prudhomme2019" xml:id="ref_Prudhomme2019">Prudhomme
                                2019</ref>, darin besonders: Béata Mazizane: Le chagrin n’est pas un
                            pleur incessant, S. 51-72.</p></note>, gehört zur bereits erwähnten
                    Geschichte der ausgesuchten Grausamkeit, bei der Amputationen als Mittel langer
                    Agonien benutzt zu werden pflegten.</p>
                <p>Das, was Hannah Arendt beim Blick auf Adolf Eichmanns Jerusalemer Glaskäfig als
                    die ‚Phantasielosigkeit‘ der ‚Schreibtischtäter‘ konstatiert hat (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Arendt2001" xml:id="ref_Arendt2001">Arendt 2001</ref>),
                    lässt sich offenbar auch anwenden auf diejenigen, die nicht auf bürokratische
                    Weise am ruandischen Vernichtungsapparat beteiligt waren, sondern konkret als
                    Tötende. Menschen umgebracht zu haben und Zeuge ihrer Angst geworden zu sein,
                    hieß keineswegs, Angst nachempfinden zu können. Pio Muturingehe ist ein Beispiel
                    für eine Fühllosigkeit, die wirklich Ziegen und Menschen als identisch wahrnahm.
                    Symptomatisch ist hier die rhetorische Dimension des Vergleiches: Die Opfer
                    gelten nicht länger als ‚Kakerlaken‘, sondern werden nur noch als Haustiere wie
                    ‚Hühner‘ und ‚Ziegen‘ klassifiziert. Die Thesen des Täters weisen eine stark
                    retrospektive Dimension auf. Temporalitäten spielen in der Konstruktion des
                    Feindbildes ohnehin eine große Rolle – und das gilt auch für die postgenozidale
                    Gesellschaft Ruandas (vgl. <ref type="bibl" target="#Peiter2023a"
                        xml:id="ref_Peiter2023a">Peiter 2023</ref>).</p>
                <p>Ein Handeln, das nur und ausschließlich von dem ausgeht, was das Werkzeug könne,
                    wird demnach begleitet von einer psychologischen Haltung, die unfähig ist, die
                    Funktionsweise von Angstgefühlen nachzuvollziehen. Léopord Twagirayezu, ein
                    weiterer Mörder, legt, vor Hatzfelds Mikrophon sitzend, dieselbe
                    Schlussfolgerung nahe. Auch er argumentiert vom Werkzeug her, auch er findet,
                    dass das Töten ganz einfach gewesen sei:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-43">Moi, je n’ai pris que la machette.
                        Premièrement parce que j’en possédais une à la maison, deuxièmement parce
                        que je savais l’utiliser. Pour celui qui est habile au maniement d’un outil,
                        c’est facile de l’utiliser pour toutes les activités; tailler les
                        plantations ou tuer dans les marais. (Léopord Twagirayezu in <ref
                            type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-43">Hatzfeld
                            2003: 43</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-43">Ich selbst habe nur die Machete genommen.
                        Erstens, weil ich eine Zuhause besaß, zweitens, weil ich mit ihr umzugehen
                        verstand. Für denjenigen, der im Umgang mit einem Werkzeug geschickt ist,
                        ist es einfach, es für alle Aktivitäten zu benutzen; Anpflanzungen zu
                        beschneiden oder in den Sümpfen zu töten. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Es ist nicht völlig auszuschließen, dass Léopord wirklich eine Machete besaß.
                    Entscheidend ist jedoch all das, was verschwiegen wird: Der staatlich gesteuerte
                    Import dieser Waffen sollte aus ihrer Verfügbarkeit ein flächendeckendes
                    Phänomen machen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_07">
                <head>6. Potlatschartige Feste</head>
                <p>Und dann ist es wiederum Pio Muturingehe, der noch einmal diese vom Beschweigen
                    grundierte Auffassung Léopords bestätigt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-71">La culture, c’est plus simple parce que
                        c’est notre métier de toujours. Les chasses étaient plus imprévues. C’était
                        même plus fatigant les jours de grandes opérations, à patrouiller autant de
                        kilomètres derrière les <term>interahamwe</term>, à travers les papyrus et
                        les moustiques. Mais on ne peut pas dire qu’on regrettait les champs. On
                        était plus à l’aise dans ce travail de chasse, puisqu’il n’y avait qu’à se
                        baisser pour récolter la nourriture, les tôles et le butin. La tuerie,
                        c’était une activité plus brusquante mais plus valorisante. La preuve,
                        personne n’a jamais demandé la permission d’aller débrousailler sa parcelle,
                        même une demi-journée. (Pio Muturingehe in <ref type="bibl"
                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-71">Hatzfeld 2003:
                            71</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-71">Ackerbau ist einfacher, weil dies von jeher
                        unser Beruf ist. Die Jagden waren unvorhergesehener. Das war an den Tagen
                        der großen Operationen, an denen wir hinter den <term>Interahamwe</term>
                        kilometerweit durch den Papyrus und die Mücken hindurch patrouillieren
                        mussten, sogar ermüdender. Doch man kann nicht sagen, dass wir die Felder
                        vermissten. Wir fühlten uns bei dieser Arbeit des Jagens wohler, weil wir
                        uns nur zu bücken brauchten, um die Nahrung, die Wellblechdächer und die
                        Beute zu ernten. Das Töten, das war eine heftigere, aber dem Ansehen stärker
                        förderliche Tätigkeit. Der Beweis: Niemand hat je um die Genehmigung
                        gebeten, sein Feld vom Gestrüpp zu befreien, noch nicht mal für einen halben
                        Tag. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Wie sehr auch hier in Kontinuitäten von Berufskategorien gedacht wird, ist mit
                    Händen zu greifen. Pio Muturingehe beschreibt sich selbst als einen Mann, der
                    sich vom Bauern in einen ‚Jäger‘ verwandelt habe und habe verwandeln
                        <emph>müssen</emph> – eben weil die Opfer versuchten, den Massakern zu
                    entkommen. In der Nähe des Ortes Nyamata, in dem Pio Muturingehe Zuhause war,
                    gab es Sümpfe, und diese dienten denjenigen, die den ersten Tagen lebend
                    entkommen waren, als Versteck. </p>
                <p>Aus Pio Muturingehes Zeugnis spricht außerdem etwas gänzlich Neues, das in
                    dialektischen Gegensatz zur bisherigen Kontinuitätsthese tritt. Bisher war die
                    Selbstwahrnehmung der Täter, ihre Selbstinterpretation, ihr Blick auf das
                    vergangene Tun vor allen Dingen unter dem Gesichtspunkt der Bruchlosigkeit
                    untersucht worden. Jetzt tritt jedoch hervor, dass mit dem Übergang zum Beruf
                    des ‚Jägers‘, der traditionell stets der ‚dritten‘ und zugleich kleinsten
                    ‚Ethnie‘, nämlich den in den Wäldern lebenden ‚Twa‘ zugewiesen worden war, eine
                    tiefgreifende Zäsur im Alltag zu greifen begann. Diese hatte mit den
                    Bereicherungsmöglichkeiten zu tun, die parallel zu den Tötungen verliefen und
                    bei abendlichen Zusammenkünften der Tötungseinheiten und Nachbar:innen in einer
                    mehr oder wenigen konfliktreichen Verteilung der Beute mündeten. Einer der
                    Inhaftierten berichtet: <quote source="#ref_Hatzfeld2003-97-98">On commençait la
                        journée par tuer, on terminait la journée par piller. C’était la règle de
                        tuer à l’aller, et de piller au retour</quote> (Léopord Twagirayezu in <ref
                        type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-97-98">Hatzfeld
                        2009: 97-98</ref>). (<quote source="#ref_Hatzfeld2003-97-98">Wir begannen
                        den Tag mit Töten, wir beendeten den Tag mit Plündern. Es war die Regel, auf
                        dem Hinweg zu töten und auf dem Rückweg zu plündern.</quote> [Übersetzung
                    A.P.]) Hier tritt die materielle Dimension des Tötens zu Tage. Plötzlich
                    erübrigten sich Sorgen um die Weiterführung der normalen bäuerlichen
                    Aktivitäten.</p>
                <p>Pio Muturingehe stellt die Plünderungen in der Tat mit Begriffen dar, die
                    semantisch zum Bereich der ‚Ernte‘ gehören. Egal, ob man das Gemüse von den
                    Feldern stahl oder sich widerrechtlich die Wellblechdächer von den Häusern der
                    Getöteten zueigen machte – immer war es, als ‚brauchte man sich nur zu bücken‘.
                    Ein potlatschartiger Überfluss wurde erfahren, der, bedingt durch die große
                    Armut der meisten Bauernfamilien, die Form einer einzigen, extatischen, den
                    Alltag transzendierenden Feier annahm. Des Sonntags musste zwar gearbeitet
                    werden, so als wäre dieser Tag ein ‚Werktag‘ wie jeder andere auch – doch
                    zugleich spricht aus Hatzfelds Interviewsammlung die berauschende Erinnerung an
                    Feste, die nach getaner ‚Arbeit‘ Abend für Abend organisiert wurden.</p>
                <p>Ein Gefangener namens Adalbert gab gegenüber Hatzfeld zu Protokoll: <quote
                        source="#ref_Hatzfeld2003-68">On ne parlait plus de cultures entre nous. Les
                        soucis nous avaient délaissés</quote> (Adalbert Muzingura in <ref
                        type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-68">Hatzfeld
                        2003: 68</ref>). (<quote source="#ref_Hatzfeld2003-68">Unter uns
                        unterhielten wir uns nicht mehr über den Ackerbau. Die Sorgen hatten uns
                        verlassen.</quote> [Übersetzung A.P.]) Jean-Baptiste fügte hinzu: <quote
                        source="#ref_Hatzfeld2003-16">On dormait confortablement, grâce à la bonne
                        alimentation et la fatigue de la journée.</quote> (Jean-Baptiste Murgangira
                    in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-16">Hatzfeld
                        2003: 67</ref>) („Wir schliefen auf komfortable Weise, dank der guten
                    Nahrung und der Anstrengung des Tages.“ [Übersetzung A.P.]) Jean-Baptiste
                    Murgangira, der als Beamter sozial aus der Gruppe hervorstach, hob außerdem
                    hervor, dass auch das Trinken eine wichtige Ingredienz für den Zusammenhalt
                    gewesen sei. Der Rausch gehörte zu den Mitteln, die die Mordbereitschaft
                    verstärken sollten:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-67">Personne ne descendait plus à la parcelle.
                        A quoi bon bêcher, alors qu’on récoltait sans plus travailler, qu’on se
                        rassasiait sans rien élever? La seule besogne était d’enterrer des bananes
                        dans les fosses, au milieu de n’importe quelles bananeraies abandonnées,
                        pour laisser fermenter l’urwagwa des prochaines soirées. On devenait très
                        fainéants. On n’enterrait pas les cadavres, c’était peine gâchée. Sauf bien
                        sûr, si par malchance un Tutsi était tué sur ta parcelle, à cause de la
                        mauvaise odeur, des chiens et des animaux voraces. (Jean-Baptiste Murgangira
                        in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-67"
                            >Hatzfeld 2003: 67</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-67">Niemand ging mehr zu seinen Feldern runter.
                        Warum sollten wir auch umgraben, wenn wir ernten konnten, ohne zu arbeiten,
                        wenn wir uns sättigen konnten, ohne etwas aufzuziehen? Die einzige Pflicht
                        bestand darin, inmitten irgendeines verlassenen Bananenhains in den Gräben
                        die Bananen einzugraben, um das Urwagwa-Bier für die nächsten Abende gären
                        zu lassen. Wir wurden äußerst faul. Wir vergruben die Leichen nicht mehr,
                        das war vergebliche Mühe. Nur dann stellte sich die Situation natürlich
                        anders dar, wenn unglücklicherweise ein Tutsi auf Deiner Parzelle getötet
                        worden war, und zwar wegen des schlechten Geruchs, der Hunde und der
                        gefräßigen Tiere. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Es zeigt sich, dass die Faulheit als die genossene Ausnahme sowie die Missachtung
                    und Gleichgültigkeit, die sich gegen die Körper der Opfer richteten,
                    zusammengehörten. Disziplin und Regellosigkeit, ‚Fleiß‘ beim Töten und
                    ‚Entspannung‘ beim Feiern, ‚Pflichtgefühl‘ zugunsten der ‚Endlösung‘ und
                    ‚Pflichtgefühl‘ bei der Vorbereitung des Bananenbiers hatten Anteil an ein- und
                    demselben Streben nach Gemeinsamkeit (vgl. <ref type="bibl" target="#Dumas2014a"
                        xml:id="ref_Dumas2014a">Dumas 2014a</ref>).</p>
                <p>Ein letzter Zeuge namens Fulgence erzählt, dass dann auch die Rinder der Tutsi in
                    den Besitz der Hutu gelangt seien. Dies ist insofern eine besonders wichtige
                    Information, weil genau entlang der Schnittstelle zwischen den ‚Besitzern von
                    Herden‘ und ‚Besitzern von Feldern‘ bzw. ‚Hirten‘ und ‚Bauern‘ die ethnischen
                    Zuordnungen der einstigen Kolonialmächte verlaufen waren. Übersehen worden war
                    von den Deutschen wie von den Belgiern, dass die Begriffe ‚Hutu‘ und ‚Tutsi‘ in
                    vorkolonialer Zeit trotz aller divergierenden Rechte und Privilegien von
                    fließenden Grenzen geprägt und vor allen Dingen berufsständisch und nicht etwa
                    rassisch gemeint gewesen waren. Die ‚Rassifizierung‘ bzw. ‚Ethnifizierung‘ der
                    ruandischen Gesellschaft machten jedoch aus den Rindern ein Synonym für die zum
                    Teil völlig imaginäre, zum Teil nur ‚tangenzial‘ mit den Realitäten in
                    Verbindungen stehende, d.h. also zumindest ansatzweise ‚reale‘, soziale
                    ‚Überlegenheit‘ der Tutsi.</p>
                <p>Als 1994 neben den Besitzer:innen der Tiere auch die Tiere selbst qualvoll zu
                    Tode gefoltert wurden, ging es darum, in diesen Letzteren auch diejenigen zu
                    treffen, die durchaus nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus kulturellen
                    Gründen die Herden als das Zentrum ihres Lebens betrachtet hatten. Das, was
                    Fulgence im Kontakt mit Hatzfeld zu Protokoll gegeben hat, muss also vor dem
                    Hintergrund dieser kolonial-, kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen
                    Zusammenhänge gesehen werden:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-70">Pendant les tueries, les avoisinants de
                        passage te déposaient plus que tu ne pouvais mettre dans ta marmite, ça
                        débordait sans rien te compter. La viande devenait aussi négligeable que le
                        manioc. Les Hutus s’étaient toujours sentis frustrés de vaches parce qu’ils
                        ne savaient pas les élever. Ils les disaient pas goûteuses, mais c’était par
                        disette. Raison pour laquelle, pendant les massacres, ils en mangeaient le
                        matin et le soir à cœur joie. (Fulgence Bunani in <ref type="bibl"
                            target="#Hatzfeld2003" xml:id="ref_Hatzfeld2003-70">Hatzfeld 2003:
                            70</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-70">Während der Massaker brachten Dir die
                        Nachbarn mehr vorbei als Du in Deinen Topf tun konntest, das lief über, ohne
                        Dich etwas zu kosten. Das Fleisch wurde genauso bedeutungslos wie der
                        Maniok. Die Hutu waren wegen der Rinder stets frustriert gewesen, weil sie
                        diese nicht aufzuziehen verstanden. Sie sagten von ihnen, sie schmeckten
                        nicht, doch das war wegen der Hungersnot. Während der Massaker aßen sies
                        denn auch des Morgens wie des Abends mit freudigem Herzen. [Übersetzung
                        A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Die Hutu erhielten also Zugriff auf die vermeintlichen ‚Privilegien‘ der Tutsi,
                    und dies äußerte sich auch körperlich, nämlich in einem Akt der Einverleibung,
                    durch die das Verbrechen dem Genuss, der Mord der Belohnung und die Vernichtung
                    der Aufwertung des Selbstwertgefühls dienten. Das Zeugnis, das Clémentine als
                    eine der wenigen weiblichen Stimmen in Hatzfelds Buch hinterlassen hat, fasst
                    den Eindruck, den die Männer bei ihrer Heimkehr des Abends machten,
                    zusammen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-72">Les hommes partaient sans savoir ce que
                        serait leur fatigue de journée. Toutefois ils savaient ce qu’ils allaient
                        ramasser en chemin. Ils revenaient avec des visages fatigués mais riants,
                        ils s’envoyaient des rigolades comme dans les saisons de pleines récoltes.
                        Il se voyait à leurs airs qu’ils menaient une existence enthousiasmante.
                        Pour les femmes, l’existence était surtout reposante. Elles avaient
                        abandonné les champs et les marchés. Il n’y avait plus à planter, à manier
                        la batte sur les haricots et à marcher à distance jusqu’au marché. Il
                        suffisait de fouiller pour ramasser. Quand nos défilés de fuyards hutus ont
                        quitté vers le Congo, ils ont laissé derrière eux des parcelles négligées,
                        où la brousse avait déjà mangé plusieurs saisons de labeur du cultivateur.
                        (Clémentine Murebwayre in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                            xml:id="ref_Hatzfeld2003-72">Hatzfeld 2003: 72</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-72">Die Männer brachen auf, ohne zu wissen,
                        worin die Mühe des Tages bestehen würde. Doch sie wussten, was sie auf dem
                        Weg einsammeln würden. Sie kehrten mit müden, doch lachenden Gesichtern
                        zurück, sie warfen sich Scherzworte zu, ganz wie in der Jahreszeit, in der
                        die Ernten voll im Gange waren. Man konnte ihnen ansehen, dass sie ein
                        begeisterndes Leben führten. Für die Frauen war das Leben vor allen Dingen
                        erholsam. Sie hatten die Felder und die Märkte verlassen. Es gab nichts mehr
                        zu pflanzen, die Bohnen mussten nicht mehr gehackt und die Entfernung bis
                        zum Markt nicht mehr zurückgelegt werden. Es reichte aus, Durchsuchungen
                        durchzuführen, um sich Dinge zu holen. Als die fliehenden Hutus in Richtung
                        Kongo aufgebrochen sind, haben sie vernachlässigte Felder hinter sich
                        gelassen, auf denen der Busch mehrere Arbeitsphasen des Bauern zerstört
                        hatte. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Hier kommt zum Vorschein, dass die Kontinuitätsthese, die weiter oben vertreten
                    worden war, durchaus dialektisch betrachtet werden muss. All dem, was gegenüber
                    ‚früher‘ ‚gleich‘ geblieben sei, stand die Erfahrung von ‚Erholung‘, ‚Überfluss‘
                    und kollektiver Feierlust gegenüber.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-07_08">
                <head>7. Kompositorisches und ein Ausblick</head>
                <p>Zum Abschluss möchte ich an einigen wenigen Beispielen noch den Prozess der
                    Gewöhnung nachzeichnen, der bis hin zur Langeweile beim Töten führen konnte. Es
                    ist dies der Punkt, an dem dann auch aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
                    noch einmal die Frage nach der Komposition von Hatzfelds Buch Kontur gewinnt.
                    Inwieweit geht die Montage, die der Autor im Kontakt zu seinem
                    Interview-Material vornimmt, über die bloße Widergabe hinaus? Kann die Kürzung
                    und die damit einhergehende Verdichtung, die Hatzfelds Arbeit an den Aussagen
                    der Täter kennzeichnen, als Ergänzung zu der tendenziell chronologischen Anlage
                    des Buches gelten? Und wie wirkt dies nun wieder ein auf das, was wir in Ruanda
                    unter ‚criminal minds‘ zu verstehen haben?</p>
                <p>Es muss daran erinnert werden, dass Hatzfeld dem ‚ersten Mal‘, d.h. der Erfahrung
                    des ersten Mordes, ein eigenes Kapitel widmet, um gegen Ende des Buches
                    schließlich die Frage nach dem ‚Pardon‘, d.h. dem Verzeihen, zu stellen und zu
                    prüfen, wie die Täter im Gefängnis ihre Zukunft sehen. Es gehen jedoch
                    Stellungnahmen voraus, die der Feldarbeit gewidmet sind. In einem dieser
                    Interviews heißt es:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-67">Au début, c’était une activité moins
                        répétitive que les semailles; elle nous égayait, si je puis dire. Par après,
                        elle était devenue tous les jours pareille. Plus que tout, ça nous manquait
                        de rentrer manger à midi. A midi, on se trouvait souvent très éloignés dans
                        les marais; raison pour laquelle, le déjeuner et le repos qui le suivait
                        ordinairement nous étaient interdits par les autorités. (Alphonse
                        Hittyaremye in <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2003"
                            xml:id="ref_Hatzfeld2003-67">Hatzfeld 2003: 67</ref>)</quote>
                    <quote source="#ref_Hatzfeld2003-67">Zu Anfang war die Aktivität weniger
                        repetitiv als das Aussäen; sie heiterte uns auf, wenn ich mal so sagen darf.
                        Später ist sie jeden Tag gleich geworden. Mehr als alles andere fehlte es
                        uns, zu Mittag nach Hause zurückzukehren, um dort zu essen. Mittags befanden
                        wir uns oft weit draußen in den Sümpfen; das war der Grund, warum uns von
                        den Autoritäten das Mittagessen und die Pause, die diesem normalerweise
                        folgte, verboten wurden. [Übersetzung A.P.]</quote>
                </cit>
                <p>Das Verdienst von Hatzfelds Buch besteht darin, durch geduldiges Zuhören und die
                    Vertreibung der Langeweile, die wiederum gegen Ende der 1990er Jahre in den
                    Gefängnissen herrschte, in denen die Massenmörder inhaftiert waren, ein Material
                    zusammengetragen zu haben, das die Aussagen der Überlebenden ergänzt. Das Buch
                        <title>Dans le nu de la vie</title> (wörtlich: ‚In der Nacktheit des
                    Lebens‘, vgl. <ref type="bibl" target="#Hatzfeld2000" xml:id="ref_Hatzfeld2000"
                        >Hatzfeld 2000</ref>) enthält die unterschiedlichsten Versuche der
                    Letztgenannten, das schier Unbegreifliche der Gewalt des Jahres 1994 wenigstens
                    in Ansätzen erklärbar zu machen. Umgekehrt kommt dem Buch <title>Une saison des
                        machettes</title> die Funktion des Komplementären zu, weil es darauf zählt,
                    dass die Täter aus dem schlichten Bedürfnis heraus, ihrem Gefängnisalltag etwas
                    Neues abzugewinnen, von sich selbst und ihrem Leben erzählen werden.</p>
                <p>Die inhaltliche Zusammenstellung und Montage, die Hatzfeld vorgenommen hat,
                    erlaubt es, individual- wie massenpsychologischer Prozesse nachzuvollziehen. Die
                    Frage nach der Möglichkeit, pünktlich sein Mittagessen einnehmen zu dürfen,
                    entschied mit über den Grad der Motivation beim Töten. Hatzfelds Material ist
                    also, obwohl alle Aussagen im höchsten Maße ‚roh‘ sind, von seiner Komposition
                    her durchaus nicht roh. Die Position, die der Journalist gegenüber den Aussagen
                    bezieht, mit denen er sich im Gefängnis von Rilima konfrontiert sah, drückt sich
                    nicht allein in den kommentierenden Kapiteln aus, die zwischen die
                    Interviewblöcke geschaltet sind. Vielmehr äußert sich Hatzfelds Bedürfnis, eine
                    Art Kontrolle über das Unerträgliche der Selbstzufriedenheit und Rachelüste zu
                    gewinnen, die fast alle Täter kennzeichnen, in dem gestaltenden Zugriff auf
                    dieses Material. Was die Männer gesagt haben, bleibt unangetastet. Doch in
                    welcher Reihenfolge sie es sagen und im Rahmen welches thematischen Blockes, das
                    unterliegt der Entscheidung Hatzfelds. Dadurch werden natürlich erste
                    Interpretationsansätze nahegelegt. Die Montage ist Teil der Aussage.</p>
                <p>Abschließend stellt sich die Frage nach dem Kollektivbiographischen und der
                    Einbettung der hier vorgeschlagenen Analysen in die Genozid-Forschung allgemein.
                    Wie auch mit Blick auf die Shoah muss hervorgehoben werden, dass
                    Beschleunigungs- und Radikalisierungsprozesse, hin zum Genozid, ohne die
                    Katalysatorwirkung des Krieges schwerlich gedacht werden konnten. Der Sprung der
                    Gewalt in eine neue, zerstörerische Dimension kam durch die kriegsbedingte
                    Unterscheidung der Gruppe des ‚Wir‘ und der Gruppe des ‚Ihr‘, von denen nur eine
                    einzige leben könne, zustande.</p>
                <p>Hinzu kam der Kontext eines autoritär-diktatorischen Regimes, das mit Hilfe einer
                    Politik des Terrors und der Ausgrenzung eine allmähliche Enthumanisierung und
                    Animalisierung der designierten Opfer vorantrieb.</p>
                <p>Es gibt noch ein weiteres Element, das davor warnt, den Tutsizid gleichsam ‚als
                    das ganz Fremde‘ aus der Geschichte der ‚westlichen Welt‘ oder gar der
                    menschlichen Gemeinschaft schlechthin auszuklammern. Gemeint ist die
                    rassistische Absonderung der Tutsi. Diese ist in einer europäisch-ruandischen
                    (vor allen Dingen germano-franko-belgischen) Verflechtungsgeschichte entstanden,
                    ohne die die ‚hamitischen Theorien‘ niemals zur ideologischen Grundlage von
                    derart eskalierenden Konflikten hätten werden können.</p>
                <p>Dass in Ruanda das Radio bei der Indoktrinierung der Gesellschaft im
                    rassistischen Sinne eine kaum zu überschätzende Rolle gespielt hat, ist ein
                    Faktum, das davor warnen sollte, den Tutsizid als gleichsam
                    ‚archaisch-atavistische‘ Gewalt zu beschreiben. Von ihren Organisations- und
                    Koordinationsformen war der Genozid an den Tutsi eine durchweg ‚moderne‘
                    Erscheinung, so wie auch die begleitenden Identifikations- und
                    Konzentrationsprozesse als Elemente betrachtet werden müssen, die von der
                    europäischen Geschichte der Judenvernichtung her durchaus als vertraut
                    erscheinen.</p>
                <p>Zwar kam es in Ruanda nicht zu der ‚Industrialisierung‘ des Tötens wie unter der
                    SS. Doch dass die Eintragungen zur jeweiligen ‚ethnischen Zugehörigkeit‘, wie
                    sie in den Pässen vermerkt war, für die administrative Unterscheidung von
                    ‚Tutsi‘ und ‚Hutu‘ eine außerordentlich große ‚Hilfe‘ darstellten, ist
                    eindeutig. Dies lässt erkennen, dass die einzelnen Täter Teil eines Apparates
                    waren, der lange vor Beginn der Tötungen die organisatorischen Voraussetzungen
                    für den mörderischen Apparat geschaffen hatte. Mit ‚Konzentration‘ ist darüber
                    hinaus die ‚Technik‘ gemeint, mit der die Opfer an bestimmte Orte gezwungen
                    wurden – ein Schritt, der den Mördern ihr ‚Tötungshandwerk‘ erheblich
                    erleichterte und in vielem an die nationalsozialistische Praxis erinnert, ihrer
                    Opfer auf bequeme Weise habhaft zu werden, indem man sie in ‚Judenhäusern‘,
                    Ghettos und schließlich Lagern zusammenpferchte.</p>
                <p>Auch in Bezug auf die Aufarbeitungsschwierigkeiten, die auf die Befreiung der
                    Überlebenden folgten, ließe sich bezüglich bestehender Parallelen viel sagen.
                    Betont werden kann hier allein, dass die ruandische Gesellschaft
                    zusammengebrochen wäre, wenn wirklich sämtliche Täter:innen, die sich des
                    Massenmords schuldig gemacht hätten, zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt
                    worden wären. Eine gewisse ‚realpolitische‘ ‚Pragmatik‘ überwog. Sie war
                    begleitet von Verdrängungs- und Beschweigungsprozessen, die auch durch die
                    Schaffung der so genannten ‚gaçaça‘-Gerichte nicht wirklich ausgehebelt werden
                    konnten.</p>
                <p>Blickt man von diesen Verbindungen, die sich zwischen Tutsizid und Shoah ergeben,
                    auf die Aussagen zurück, die in diesem Beitrag im Zentrum standen, so ergeben
                    sich wichtige Einsichten. Es scheint, dass der Blick auf die individual- und
                    gruppenpsychologischen Dynamiken nur vor dem Hintergrund einer sich über lange
                    Zeiträume hinziehenden Vorgeschichte verstanden werden kann. Die ‚criminal
                    minds‘ entstanden nicht als ‚krankhafte Aberration‘ von ‚gestörten Einzelnen‘.
                    Vielmehr waren sie die logische Folge der Amok laufenden Segmente einer
                    Gesellschaft, die sich außerstande sahen, die einmal in Gang gesetzten
                    Beschleunigungsprozesse, die Gewöhnung an Gewalt und die verschwörungsmythische
                    Überzeugung, eigentlich sei man selbst – also der Tötende – das Opfer von
                    äußeren Bedrohungen, zu stoppen.</p>
                <p>Als ein Bestandteil des Tutsizids dürfen jedoch die landwirtschaftliche
                    Motivationsstruktur, der damit einhergehende Werkzeuggebrauch und die Rhetorik
                    einer Selbstbeschreibung gelten, die den Versuch, das eigene Tun zu
                    ‚legitimieren‘, in die Sprache der Feldarbeit integrierte. Nicht alle Täter
                    folgten diesen Motiven. Doch für bestimmte Segmente der Mordgemeinschaften war
                    dies der Orientierungsrahmen. Hier ist dann in der Tat ein wesentlicher
                    Unterschied zur Shoah zu verzeichnen. Der Genozid an den Tutsi gewann seine
                    Effizienz dadurch, dass sich Täter und Opfer in den meisten Fällen persönlich
                    kannten. Die Anonymisierung, die in der Shoah der Mehrheitsgesellschaft das
                    Wegsehen erleichtert hat, konnte in Ruanda nicht greifen. Hier waren
                    buchstäblich alle in die Zuschauerrolle geladen.</p>
            </div>
        </body>
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                    <bibl xml:id="Peiter2023b">Peiter, Anne D. (2023b): Genozide und die Frage nach
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                        und des Tutsizids, in: dive-in, 3 (1).</bibl>
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                    <bibl xml:id="Peiter_x_a">Peiter, Anne D. [in Vorbereitung a]: „Etc. etc. etc.“
                        Zum Zwischenspiel von „großer“ Geschichte und „kleiner“ Lebensgeschichte bei
                        Johann Peter Hebel und Annie Ernaux. [Der Artikel erscheint voraussichtlich
                        2025 in einem Sammelband zur Soziobiographie und Bourdieu].</bibl>
                    <bibl xml:id="Peiter_x_b">Peiter, Anne D. [in Vorbereitung b]: Hunger und Durst
                        im ‚Genozid der Nähe‘. Zu Zeugnissen überlebender Tutsi. [Der Artikel wird
                        2024 in einem Sammelband über Hungerpolitiken erscheinen, hg. von Olga
                        Sturkin et al.].</bibl>
                    <bibl xml:id="Peiter_x_c">Peiter, Anne D. [in Vorbereitung c]: „Tausche
                        abgebüsste Haft gegen komplette Entschuldung“. Zur Wahrnehmung von Gefängnis
                        in Interviews von Mördern des Tutsizids in Ruanda am Beispiel von Jean
                        Hatzfelds „Une saison de machettes“. [Der Artikel erscheint 2024 in einem
                        Sammelband über ‚Gesellschaft und Gefängnis‘].</bibl>
                    <bibl xml:id="Peiter_x_d">Peiter, Anne D. [in Vorbereitung d]:
                        Verschwörungsmythen, ethnische Ursprungslegenden und der Tutsizid.
                        Überlegungen zur deutschen Kolonialliteratur und ihren Konsequenzen für die
                        Geschichte Ruandas. [Der Aufsatz erscheint 2024 in einem Band der
                        Zeitschrift Limbus über Verschwörungsmythen, hg. von Andreas Dorrer].</bibl>
                    <bibl xml:id="Peiter_x_e">Peiter, Anne D. [in Vorbereitung e]: „Wir standen vor
                        vollendeten Tatsachen, die wir vollenden mussten, wenn ich mal so sagen
                        darf.“ Vom Verschwinden des argumentativen Austauschs während der Shoah und
                        des Tutsizids in Ruanda. [Der Aufsatz erscheint 2024 in einem Sammelband
                        über Argumentationsstrategie: „Klären und Streiten“].</bibl>
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