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                <title type="main" xml:lang="de">W/M wie Weidmann</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Colettes Reportagen zum Spiegelbild der
                    Monstrosität</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Maddalena </forename>
                        <surname>Casarini</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Maddalena Casarini hat in Italien, in der Türkei und in Berlin
                        studiert. Von 2020 bis 2024 war sie Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg
                        „Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen“ der Humboldt-Universität
                        zu Berlin, wo sie mit einer komparatistischen Arbeit zu den
                        Gerichtsreportagen von Gabriele Tergit, Else Feldmann und Colette
                        promovierte. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Wechselbeziehungen
                        zwischen Journalismus, Recht und Literatur. Derzeit ist sie
                        wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der
                        Humboldt-Universität.</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-02-08</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                    <term xml:lang="de">Sidonie-Gabrielle Colette</term>
                    <term xml:lang="de">Eugen Weidmann</term>
                    <term xml:lang="de">Gerichtsreportagen</term>
                    <term xml:lang="de">Serienmörder</term>
                    <term xml:lang="de">literarischer Journalismus</term>
                </keywords>
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                    <term xml:lang="en">Eugen Weidmann</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>1937 wurde der mutmaßliche Serienmörder Eugen Weidmann in der Nähe von Paris
                    verhaftet. Dass ein junger, gutaussehender Mann sich wegen nichtiger Geldmotive
                    grausamer Taten schuldig machen konnte, empfand die Öffentlichkeit als
                    beunruhigend. Schnell bezeichnete ihn die Presse als ‚monstre‘. Als der
                    Weidmann-Prozess im Frühjahr 1939 begann, waren die berühmtesten
                    Gerichtsreporter der Zeit anwesend, darunter die Reporterin Sidonie-Gabrielle
                    Colette (1873–1954), deren Reportagen im <title>Paris-Soir</title> dieser
                    Beitrag in den Blick nimmt. Der Beitrag untersucht die rhetorischen Strategien
                    ihre poetische Sprache im Wettbewerb mit jener der Sensationspresse einerseits
                    und der Bildberichterstattung andererseits. Es wird gezeigt, dass sich Colette
                    der Sprache und der Semantik der Sensationspresse bediente, um eine Verschiebung
                    der Perspektive zu bewirken und dadurch am Rechtsgefühl ihrer Leserschaft zu
                    arbeiten.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In 1937, the suspected serial killer Eugen Weidmann was arrested near Paris. The
                    public found it disturbing that a young, handsome man could be guilty of such
                    horrific offenses for petty financial motives. The press labeled him a
                    ‘monstre.’ When the Weidmann trial began in the spring of 1939, the most famous
                    court reporters of the time were present, including Sidonie-Gabrielle Colette
                    (1873-1954). This article examines Colette's court reports in
                        <title>Paris-Soir</title>. Exploring the rhetorical strategies that enabled
                    her poetic language to gain a unique perspective in competition with that of the
                    sensationalist press on the one hand and photo reporting on the other, the
                    article highlights how Colette exploited the language and semantics of the
                    sensationalist press to bring about a shift in perspective and to influence her
                    readers’ sense of justice.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_02-08_01">
                <head>1. Ein schönes Gesicht in der Zeitung</head>
                <p>Die Magnesiumblitze der Fotografen erhellten den Gerichtsaal von Versailles, als
                    im März 1939 der Sensationsprozess gegen den deutschen Serienmörder Eugen
                    Weidmann und seine drei Komplizen begann. Doch war die französische
                    Öffentlichkeit mit dem Gesicht des Hauptangeklagten schon längst vertraut. Die
                    ersten Fotografien Weidmanns wurden bei seiner Festnahme im Dezember 1937 in der
                    Presse veröffentlicht. In den Bildern trug der Verhaftete einen Verband um das
                    Gesicht (Abb. 1) – eine Spur des heftigen Hammerschlags, den ihm ein Polizist
                    auf den Kopf verpasst hatte (vgl. <ref type="bibl" target="#Petit1937"
                        xml:id="ref_Petit1937-3">Petit 1937: 3</ref>). Die Faszination, die diese
                    Fotografien auf die Öffentlichkeit ausübten, sollte ein anderer Häftling, Jean
                    Genet, am Anfang seines Romans <title>Notre-Dame-des-Fleurs</title> (1943)
                    beschreiben:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Genet1994-7">Weidmann, den Kopf in schmale, weiße Bänder
                        gehüllt, als Nonne und als verletzter, zwischen Roggenähren gestürzter
                        Flieger, erschien Euch in einer Fünf-Uhr-Ausgabe [...]. Sein schönes, von
                        Maschinen vervielfältigtes Gesicht ging über Paris und Frankreich nieder,
                        gelangte bis in den hintersten Winkel vergessener Dörfer, in Schlösser und
                        Hütten, und offenbarte den bekümmerten Bürgern, daß es bezaubernde Mörder
                        gibt, die ihren Alltag streifen, hinterhältig aufgezogen für ihren Schlaf,
                        den sie, unter Benutzung einer Dienstbotentreppe — sie ist im Einverständnis
                        mit ihnen und knarrt nicht — durchqueren. Unter seinem Bild glänzten wie
                        Morgenröte seine Verbrechen: Mord Nummer 1, Mord Nummer 2, Mord Nummer 3, —
                        bis zu sechs verkündeten sie seinen geheimen Ruhm und bereiteten sie seinen
                        künftigen Ruhm vor. (<ref type="bibl" target="#Genet1994"
                            xml:id="ref_Genet1994-7">Genet 1994 [1943]: 7. Übers. Gerhard
                        Hock</ref>)</quote>
                </cit>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_01">
                    <graphic width="200px" height="202px" url="media/wdr05_02-08_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">Fotografie des festgenommenen Verdächtigen Weidmann. Unter
                        dem Bild wird noch sein Deckname angegeben: Siegfried Sauerbry. Quelle: Le
                        Journal 9.12.1937, S. 1. Abrufbar unter <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7634309p"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7634309p</ref>, Zugriff am
                        9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF.</head>
                </figure>

                <p>Als Genet diese Zeilen schrieb, war er dem Publikum noch unbekannt. Aber auch
                    berühmte Persönlichkeiten der Zeit interessierten sich für den vermeintlichen
                    Serienmörder, unter anderen die Autorin und Journalistin Sidonie-Gabrielle
                    Colette (1873–1954). Colette verfolgte nicht nur die Verhaftung Weidmanns,
                    sondern schrieb über den Prozess gegen ihn eine Serie von Reportagen – genauer
                    genommen: von <term>impressions d’audience</term> – in der Zeitung
                        <title>Paris-Soir</title>. Nach einer historischen Kontextualisierung der
                    massenmedialen Konstruktion des ‚Monsters‘ Weidmann nimmt der vorliegende
                    Beitrag diese Reportagenserie in den Blick. Denn Colettes literarischer – oder
                    auch: poetischer – Journalismus zielte nicht bloß darauf ab, die Neugierde der
                    Leserschaft zu befriedigen, sondern nutzte einige Freiräume der massenmedialen
                    Kommunikation, um eine neue Perspektive auf den Angeklagten zu eröffnen und
                    zudem am Rechtsgefühl der Leserschaft zu arbeiten.</p>

            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-02_02">
                <head>2. Weidmanns Karriere in der Medienhölle</head>
                <p>Als die französischen Zeitungen damit begannen, sich für ihn zu interessieren,
                    hatte Eugen Weidmann bereits den Lebenslauf eines <quote
                        source="#ref_Foucault1994-454">gefährlichen Individuums</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Foucault1994" xml:id="ref_Foucault1994-454">Foucault
                        1994 [1978]: 454</ref>). Er wurde 1908 in Frankfurt am Main geboren und in
                    sehr jungen Jahren mit Einrichtungen des Strafvollzugs vertraut gemacht, denn
                    seine Eltern steckten ihn nach einigen Diebstählen in eine Besserungsanstalt
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#London1939a" xml:id="ref_London1939a-3">London
                        1939a: 3</ref>).<note xml:id="endnote_01"><p>Als Quellen der folgenden
                            biographischen Informationen dienen die zitierte Reportage von Géo
                            London sowie auch weitere Zeitungsberichte aus <title>Le Journal</title>
                            und <title>Paris-Soir</title>, die über die Weidmann-Affäre im Dezember
                            1937 und im März 1939 berichteten.</p></note> Von diesem Zeitpunkt an
                    war sein Leben geprägt von wechselnden Inhaftierungen und Gesetzeswidrigkeiten,
                    vor allem von Diebstählen und Einbrüchen. 1924 reiste Weidmann nach Kanada, doch
                    auch dort wurde er wegen Diebstahls verhaftet und ausgewiesen. Nach einer
                    erneuten Verurteilung in Frankfurt verbrachte er fünf Jahre und acht Monate in
                    der Strafanstalt von Preungesheim, wo er als Gefängnisbibliothekar tätig war.
                    Ungebildet wirkte Weidmann übrigens nicht: Er sprach gut Englisch und drückte
                    sich in einem fast akzentfreien Französisch auf elegante Weise aus. Im
                    Preungesheim freundete er sich mit politischen Häftlingen an, die ihm nach
                    seiner Entlassung dabei halfen, illegal nach Frankreich einzureisen. Weidmann
                    lernte in Paris seine künftigen Komplizen kennen: Roger Million, Jean Blanc und
                    Colette Tricot. Mit ihrer Hilfe mietete er die Villa <term>La Voulzie</term> in
                    Celle-Saint-Cloud an, im Arrondissement von Versailles, angeblich mit dem Ziel,
                    sich dem Handel von Schönheitsprodukten zu widmen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Francois1939" xml:id="ref_Francois1939-4">François 1939: 4</ref>).
                    Doch begann er, durch Zeitungsinserate Opfer anzulocken und zu entführen, um sie
                    auszurauben und schließlich zu ermorden. Der Fall, der das größte Aufsehen
                    erregte, war der Mord an der jungen amerikanischen Tänzerin Jean de Koven, die
                    zu Besuch bei ihrer Tante in Paris war. Weidmann hatte das Vertrauen der jungen
                    Frau gewonnen, sie zu sich gebracht und dann erwürgt, bloß um in den Besitz
                    ihrer Geldbörse zu gelangen. Dass er diesen und andere vier Morde bereits bei
                    der ersten polizeilichen Vernehmung gestand, brachte ihm in der französischen
                    Presse schnell den Ruf eines <quote source="#ref_oV1937a-1">monstre</quote> ein
                        (<ref type="bibl" target="#oV1937a" xml:id="ref_oV1937a-1">o.V. 1937a:
                        1</ref>).</p>
                <p>Drei Faktoren mögen dazu beigetragen haben, dass die Weidmann-Affäre und der
                    daraus resultierende Prozess die Öffentlichkeit stark beschäftigten. Der erste
                    Aspekt war die aufsehenerregende Anzahl und die Grausamkeit der Morde in
                    Verbindung mit der Nichtigkeit der Motive (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Robin1937" xml:id="ref_Robin1937-1">Robin 1937: 1</ref>). Dieser
                    unerklärliche Kontrast führte dazu, dass Weidmann von der Presse in eine
                    bestimmte Kategorie eingeordnet wurde, in jene des <quote
                        source="#ref_Foucault1999-75">Sittlichkeitsmonsters</quote> (<quote
                        source="#ref_Foucault1999-75">monstre moral</quote>) (<ref type="bibl"
                        target="#Foucault1999" xml:id="ref_Foucault1999-75">Foucault 1999:
                    75</ref>), die bereits seit dem Ende des 19. Jahrhundert (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Foucault1999" xml:id="ref_Foucault1999-75">ebd.</ref>) einen
                    prominenten Platz in der psychiatrischen und massenmedialen Darstellung des
                    Kriminellen eingenommen hatte. Der <term>monstre moral</term> galt laut Michel
                    Foucault als <quote source="#ref_Foucault1999-52">Verständlichkeitsprinzip aller
                        Formen der Abnormität</quote> (<quote source="#ref_Foucault1999-52">principe
                        d’intelligibilité de toutes les formes [...] de l’anomalie</quote>) (<ref
                        type="bibl" target="#Foucault1999" xml:id="ref_Foucault1999-52">ebd.:
                        52</ref>). Subsumiert unter die Kategorie des nicht Kategorisierbaren, des
                    Über- und zugleich Untermenschen, wiesen vermeintliche Sittlichkeitsmonster
                    bestimmte Familienähnlichkeiten auf. So wurde der Fall Weidmann von Anfang an
                    mit jenem des Serienmörders Henri-Désiré Landru, des sogenannten
                        <term>Barbe-Bleu</term> von Gambas, in Verbindung gebracht (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#oV1937a" xml:id="ref_oV1937a-1">o.V. 1937a: 1</ref>).
                    Landru, der im Jahr 1922 hingerichtet wurde, hatte zahlreiche Frauen durch
                    Heiratsinserate kennengelernt und mindestens zehn von ihnen umgebracht. Die
                    Anlockung der Opfer durch Zeitungsanzeigen, die Villa außerhalb der Stadt, die
                    Ungerührtheit im Prozess: All diese Elemente spielten auch in der
                    Weidmann-Affäre eine Rolle. Weidmann wurde sogar in dieselbe Zelle wie Landru
                    eingesperrt, nämlich die Zelle 3 des Gefängnisses von Versailles (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#oV1937b" xml:id="ref_oV1937-3">o.V. 1937b: 3</ref>); er
                    wurde von derselben <term>cour d’assises</term> verurteilt und – genauso wie
                    Landru – vom berühmten Rechtsanwalt Moro-Giaffieri verteidigt. Die Bezeichnungen
                        <term>monstre</term> oder <term>tueur</term> wurden von der Presse
                    antonomastisch oder als Epitheta (vgl. <ref type="bibl" target="#Bianchi2018"
                        xml:id="ref_Bianchi2018-13">Bianchi 2018: 13</ref>) verwendet, manchmal mit,
                    manchmal ohne Anführungszeichen. Dabei kann nicht übersehen werden, dass
                    derartige ‚Monster‘ von Zeitungen und Zeitschriften gut verwertbar waren.
                    Nicolas Bianchi hat gezeigt, wie sich die Wochenzeitschrift
                        <title>Détective</title> durch die intensive Beschäftigung mit dem Fall
                    Weidmann im Feld der Kriminalpresse profilieren konnte (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bianchi2018" xml:id="ref_Bianchi2018-8">ebd.: 8</ref>).</p>
                <p>Ein zweiter Grund für das starke öffentliche Interesse am Fall Weidmann könnte
                    seine deutsche Herkunft gewesen sein (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bianchi2018" xml:id="ref_Bianchi2018-14">ebd.: 14–17</ref>). Der
                    Psychiater Gilbert Robin stufte Weidmann nicht nur als <quote
                        source="#ref_Robin1937-1">geborenen Verbrecher</quote> (<quote
                        source="#ref_Robin1937-1">criminel-né</quote>) im Sinne Lombrosos ein,
                    sondern bemerkte in demselben Artikel aus <title>Le Journal</title>: <quote
                        source="#ref_Robin1937-1">Wir sind froh, dass Weidmann kein Franzose ist.
                        Aber wir hätten es besser gefunden, wenn er nicht über unsere Grenzen
                        gekommen wäre und keine französischen Opfer gefordert hätte. [...] Alle
                        Grenzen müssen bewacht werden. Jene des menschlichen Individuums sowie jene
                        unseres Landes</quote> (<ref type="bibl" target="#Robin1937"
                        xml:id="ref_Robin1937-1">Robin 1937: 1</ref>).<note xml:id="endnote_02"
                            ><p>Sofern nicht anders angegeben, sind alle Übersetzungen von der
                            Verfasserin.</p></note> Der Fall Weidmann rief nicht nur den Fall Landru
                    in Erinnerung, sondern auch jene von Fritz Haarmann in Hannover und von Peter
                    Kürten in Düsseldorf (vgl. <ref type="bibl" target="#Bianchi2018"
                        xml:id="ref_Bianchi2018-16">Bianchi 2018: 16</ref>). Nun mahnten die
                    Zeitungen, bei Weidmann handle es sich um einen weiteren Fall eines ‚perversen‘
                    Deutschen, wobei nahegelegt wurde, der deutsche Mörder stehe synekdochisch für
                    das deutsche Volk, das durch die Machtübernahme Hitlers zu einem unheimlichen
                    Nachbar geworden war (vgl. <ref type="bibl" target="#Serstevens1939"
                        xml:id="ref_Serstevens1939-3">t’Serstevens 1939: 3</ref>). International
                    bekannt war auch Fritz Langs Erfolgsfilm <title>M</title> (<ref type="bibl"
                        target="#Lang1931" xml:id="ref_Lang1931-x">1931</ref>), dem die Geschichten
                    der Serienmörder Haarmann und Kürten als Inspirationsquelle gedient hatten. In
                    Langs Film ist der Buchstabe ‚M‘ das Kennzeichen für den ,Mörder‘: Das ‚M‘ wird
                    von einem aufmerksamen Bettler auf den Mantel Hans Beckerts (Peter Lorre) mit
                    Kreide gezeichnet, um den sonst unauffälligen Bürger als den gesuchten Mörder
                    identifizierbar zu machen. Sichtbare körperliche Merkmale, die den Mörder als
                    ‚geborenen Verbrechen‘ eindeutig einstufbar machten, wies Weidmann schließlich
                    genauso wenig auf wie die Mörderfigur in Fritz Langs Film. Um das anatomisch
                    Unsichtbare zu erforschen, wurde die Graphologie befragt, und auch hier diente
                    ein Anfangsbuchstabe zur Identifikation des Mörders. In einem Zeitungsartikel
                    wurde beobachtet, dass gerade der Anfangsbuchstabe von Weidmanns Unterschrift
                    seine gefährliche Persönlichkeit verrate:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Rouges1937-1">Der erste Buchstabe der Unterschrift
                        symbolisiert die Vorstellung, die sich der Schreiber von der eigenen Person
                        in Bezug auf das soziale Milieu macht. Ist dieser erste Buchstabe mit den
                        anderen Buchstaben verbunden? Je größer der Abstand zwischen diesem ersten
                        und dem darauffolgenden Buchstaben ist, desto heftiger bricht der Schreiber
                        mit dem sozialen Milieu. Jetzt schauen Sie sich dieses ‚W‘ an, dem eine
                        große Leerstelle folgt. Der Mensch, der dies gezeichnet hat, ist in seinem
                        Stolz isoliert. Er ist ein einsamer Wolf. Gibt es Chancen, dass er
                        vielleicht in seiner Höhle bleiben könnte, mehr oder weniger harmlos, wie so
                        viele stolze Menschen? Nein. Beobachten Sie nun diesen kurzen, schrägen
                        Strich, der ausschließlich das ‚W‘ unterstreicht: Wenn dieser Strich in
                        allen Unterschriften [Weidmanns, M.C.] zu finden ist, [...] dann kann er als
                        jener „Strich des Angreifers“ gelten, der vom Doktor Paul Carton so gut
                        beschrieben wurde. (<ref type="bibl" target="#Rouges1937"
                            xml:id="ref_Rouges1937-1">de Vignes Rouges 1937: 1</ref>)</quote>
                </cit>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_02">
                    <graphic width="100px" height="102px" url="media/wdr05_02-08_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">Die Unterschrift Weidmanns. Quelle: Le Journal 12.12.1937,
                        S. 1. Abgerufen von <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76343125"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76343125</ref>, Zugriff am
                        9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF.</head>
                </figure>

                <p>Als monströser Fremder, als Mischform von Mensch und Tier schien „W“ als Kandidat
                    für die <term>veuve</term>, die Guillotine, leicht identifizierbar zu sein, und
                    zwar bereits einige Monate vor dem Gerichtsverfahren. Als sein Prozess begann,
                    hatte die Presse das Todesurteil schon gefällt.</p>
                <p>Es gibt schließlich einen dritten Faktor, der die zum Teil zynischen
                    Verkaufsstrategien der Presse mit dem Ruhm Weidmanns verschränkte. Obwohl
                    Weidmann bloß der Letzte einer langen Serie berühmter Sittlichkeitsmonster war,
                    besaß er bestimmte Eigenschaften, die zu den zeitgenössischen medientechnischen
                    Entwicklungen besonders gut passten. Seit der Jahrhundertwende begleiteten
                    fotografische Berichterstattungen immer häufiger Sensationsprozesse. Fotografien
                    und Tonaufzeichnungen waren Ende der Dreißiger Jahre bei Assisengerichten noch
                    nicht verboten – dafür musste man das Gesetz von 1954 abwarten (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Picard2012" xml:id="ref_Picard2012-145">Picard 2012:
                        145</ref>). Die fotografische Bildberichterstattung war somit wenig geregelt
                    und doch sehr begehrt. Dass dieses Begehren nach Fotografien in Weidmann den
                    idealen Gegenstand fand, lag nicht zuletzt daran, dass er als ein gutaussehender
                    Mann galt. So erklärte sich der Reporter Max Massot trotz seiner Erfahrung im
                    Gebiet des Kriminaljournalismus bei der Begegnung mit Weidmann überrascht:
                        <quote source="#ref_Massot1937-1">Haben Sie amerikanische Filme gesehen? Ja.
                        Der ideale Liebhaber hat schwarzes Haar, einen sonnengebräunten Teint,
                        regelmäßige Gesichtszüge, die aber nicht so hübsch sind, dass sie nicht
                        männlich wirken [...]. Gut, ich muss leider sagen, dass Weidmann auf den
                        ersten Blick ganz und gar diesem Porträt entspricht</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Massot1937" xml:id="ref_Massot1937-1">Massot 1937:
                        1</ref>). Nichts schien geeigneter als die Physiognomie eines
                    Hollywood-Schauspielers, um einen Verbrecher durch die technische Reproduktion
                    seiner Schönheit zu einer Art Popstar zu machen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Marcandier2018" xml:id="ref_Marcandier2018-10">Marcandier 2018:
                        10</ref>) und die Hybristophilie der Masse anzuregen.<note
                        xml:id="endnote_03"><p>Die erotische Anziehung für einen Verbrecher. Picard
                            weist auf dieses Phänomen hin, das er mit dem Begriff der <quote
                                source="#ref_Picard2012-153">enclitophilie</quote> bezeichnet (<ref
                                type="bibl" target="#Picard2012" xml:id="ref_Picard2012-153">Picard
                                2012: 153</ref>).</p></note> Der Gerichtsreporter Géo London
                    bezeichnete spöttisch die Zuschauerinnen, die ungeduldig und vorfreudig auf den
                    ersten Verhandlungstag warteten, als <quote source="#ref_London1939a-1">die
                            <emph>Walküren</emph> dieses blutigen <emph>Siegfrieds</emph></quote>
                        (<quote source="#ref_London1939a-1"><emph>Walkyries</emph> de ce
                            <emph>Siegfried</emph> sanglant</quote>) (<ref type="bibl"
                        target="#London1939a" xml:id="ref_London1939a-1">London 1939a: 1</ref>),
                    oder auch als <quote source="#ref_London1939b-1"><emph>Weidmann
                        girls</emph></quote> (<ref type="bibl" target="#London1939b"
                        xml:id="ref_London1939b-1">London 1939b: 1</ref>; vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Picard2012" xml:id="ref_Picard2012-153">Picard 2012: 153</ref>).
                    Dass der Angeklagte einen gefährlichen <quote source="#ref_London1939a-1">sexe
                        appeal</quote> [sic!] hatte, der das weibliche Publikum von eleganten Damen
                        (<quote source="#ref_London1939a-1">élégantes</quote>) verführen konnte
                        (<ref type="bibl" target="#London1939a" xml:id="ref_London1939a-1">London
                        1939a: 1</ref>), gehörte schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
                    zu den Topoi der Debatte über die Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Chabrier2022" xml:id="ref_Chabrier2022-239"
                        >Chabrier 2022: 239–241</ref>; <ref type="bibl" target="#Chauvaud2007"
                        xml:id="ref_Chauvaud2007-128">Chauvaud 2007: 128–138</ref>). Was sich ein
                    Jahrhundert später geändert hatte, waren die technischen Möglichkeiten,
                    erotische Ausstrahlung medial zu reproduzieren. Weidmanns fotogene Physiognomie
                    war zu diesem Zweck geradezu prädestiniert.</p>

            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-08_03">
                <head>3. Colettes <hi rend="italic">impressions d’audience</hi></head>
                <p>Géo Londons Beschreibung des Verhaltens der „<emph>Weidmann girls</emph>“ zu
                    Beginn des Prozesses war nicht frei von Ambiguität: <quote
                        source="#ref_London1939b-1">Einige dieser verrückten und lächerlichen
                        Bewunderinnen [Weidmanns, M.C.] haben es gestern geschafft, sich bis in die
                        Pressebänke zu schleichen</quote> (<ref type="bibl" target="#London1939b"
                        xml:id="ref_London1939b-1">London 1939b: 1</ref>). Was zunächst als eine
                    bloß amüsante Anekdote erscheinen mag, warf ein zweideutiges Licht auf Londons
                    Kolleginnen. Denn wenn das weibliche Geschlecht durch die erotische Ausstrahlung
                    Weidmanns so leicht verführbar war, wie konnten dann die Journalistinnen davon
                    ausgenommen sein? Wie konnte man eine Reporterin von den verrückten Fans in den
                    Pressenbänken unterscheiden? Obwohl sich auch einige Frauen seit dem
                    Dreyfus-Prozess als Gerichtsreporterinnen betätigten (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Therenty2019" xml:id="ref_Therenty2019-151">Thérenty 2019:
                        151f.</ref>), war dies am Ende der 1930er Jahre immer noch vornehmlich ein
                    Männerberuf. Dasselbe galt für die juristischen Ämter: Die
                        <term>magistrature</term> blieb bis 1946 für Frauen gesperrt (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Boigeol2002" xml:id="ref_Boigeol2002-363f.">Boigeol
                        2002: 363f.</ref>), denn die weibliche Urteilskraft stand unter Verdacht, zu
                    leicht beeindruckbar und unzuverlässig zu sein. Rechtsanwältinnen wurden
                    hingegen in Frankreich schon seit 1900 zugelassen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Boigeol2002" xml:id="ref_Boigeol2002-363f.">ebd.</ref>), und
                    tatsächlich gehörte zu den Verteidigern Weidmanns auch die Anwältin Renée
                    Jardin, deren Verhältnis zu ihrem Klienten von den Zeitungen stets beobachtet
                    und kommentiert wurde (z.B.: vgl. <ref type="bibl" target="#London1937"
                        xml:id="ref_London1939b-7">London 1937: 3</ref>).</p>
                <p>Trotz der spärlichen Präsenz von Gerichtsjournalistinnen in den französischen
                    Gerichtssälen hatte sich die Romanautorin Sidonie-Gabrielle Colette zwischen den
                    1910er und den 1930er Jahren mit wenigen und doch erfolgreichen
                    Gerichtsreportagen ein gewisses Ansehen in diesem Gebiet geschaffen. Colette,
                    die im Laufe ihres Lebens als <term>chroniqueuse</term> und Theaterkritikerin
                    für die größten Tageszeitungen Frankreichs arbeitete, war nie als
                    Gerichtsreporterin im engeren Sinne tätig – als <quote
                        source="ref_Chauvaud2010-82">tribunalier</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Chauvaud2010" xml:id="ref_Chauvaud2010-82">Chauvaud 2010: 82</ref>)
                    –, sondern vielmehr als <term>impressionniste</term>. Die <term>impressions
                        d’audience</term> hatten sich am Ende des 19. Jahrhunderts als eine
                    Untergattung der Gerichtsberichterstattung etabliert, die Dramatikern und
                    Schriftstellern vorbehalten war (vgl. <ref type="bibl" target="#Bernard1899"
                        xml:id="ref_Bernard1899-1">Bernard 1899: 1</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Therenty2019" xml:id="ref_Therenty2019-153">Thérenty 2019:
                        153</ref>; <ref type="bibl" target="#Chabrier2022"
                        xml:id="ref_Chabrier2022-249">Chabrier 2022: 249–253</ref>). Bei größeren
                    Prozessen veröffentlichten die Zeitungen nicht nur ausführliche <term>comptes
                        rendus</term>, die der Leserschaft die Verhandlungen in genauen, manchmal
                    trockenen Details schilderten, sondern auch literarische Artikel, die
                    allgemeinere Eindrücke von der Atmosphäre des Prozesses und der Persönlichkeit
                    des Angeklagten vermittelten; und auch weibliche Autorinnen wurden seit der
                    Jahrhundertwende aufgrund ihrer juristischen Laienhaftigkeit und ihrer
                    vermeintlichen Beeindruckbarkeit (<term>impressionnabilité</term>) für besonders
                    geeignet gehalten, um <term>impressions d’audience</term> zu verfassen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Chabrier2022" xml:id="ref_Chabrier2022-251"
                        >Chabrier 2022: 251</ref>; <ref type="bibl" target="#Therenty2019"
                        xml:id="ref_Therenty2019-256f.">Thérenty 2019: 256f.</ref>). Im Laufe der
                    Jahre hatte Colette über prominente Prozesse geschrieben wie jenen der Bande à
                    Bonnot (1913); den Prozess gegen die 19-jährigen Violette Nozière (1934); oder
                    auch den Prozess Oum-el-Hassen in Fez (1938). Den Höhepunkt ihre Karriere als
                    Impressionistin bildete ihr Artikel zur Landru-Affäre (1921), der als Vorbild
                    für jüngere Generationen von Gerichtsreportern diente (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Chabrier2018" xml:id="ref_Chabrier2018-686">Chabrier 2018:
                        586–587</ref>). Mit dem Weidmann-Prozess schrieb die 66-jährige Reporterin
                    ihre letzten <term>impressions d’audience</term> (Abb. 3).</p>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_03">
                    <graphic width="300px" height="302px" url="media/wdr05_02-08_Abb_03.jpg"/>
                    <head type="legend">Erste Seite von Paris-Soir mit Ankündigung von Colettes
                        impressions. Quelle: Paris-Soir 11.3.1939, S. 1. Abgerufen von <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76446809"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76446809</ref>, Zugriff am
                        9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF.</head>
                </figure>

                <p>Die Forschung hat Colettes Prozessberichte über den Fall Weidmann unterschiedlich
                    gelesen. Für Nicolas Bianchi erlag die Reporterin derselben erotischen
                    Faszination wie jene Frauen, die bei der Hinrichtung Weidmanns ihre
                    Taschentücher in sein Blut tauchen wollten (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bianchi2018" xml:id="ref_Cianchi2018-1">Bianchi 2018: 1f.</ref>).
                    Amélie Chabrier hingegen sieht Colettes Anliegen insgesamt in einer
                    antisensationalistischen Berichterstattung, die <quote
                        source="#ref_Chabrier2018-589">den Menschen hinter dem Monster zeigen
                        möchte</quote> (<quote source="#ref_Chabrier2018-589">montrer l’humain
                        derrière le monstre</quote>) und von einem Wahrheitsanspruch geleitet ist
                        (<ref type="bibl" target="#Chabrier2018" xml:id="ref_Chabrier2018-589"
                        >Chabrier 2018: 589</ref>). Es stellt sich also die Frage, ob sich Colette
                    mit ihren Artikeln über diesen Fall an der Vermarktung der Sensationen
                    beteiligte oder sich ihr vielmehr widersetzte.</p>

            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-08_04">
                <head>4. Die Suggestion einer dramatischen Entwicklung</head>
                <p>Unmittelbar nach Weidmanns Verhaftung hatte Colette einen Artikel über ihn für
                        <title>Le Journal</title> geschrieben mit dem Titel <title>Assassins. À
                        propos de Weidmann qui tuait les hommes et aimait les roses</title>, in dem
                    sie eine Art <term>criminal profiling</term> des Serienmörders skizzierte (<ref
                        type="bibl" target="#Colette1937" xml:id="ref_Colette1937-1">Colette 1937:
                        1</ref>).<note xml:id="endnote_04"><p>Die insgesamt sieben Artikel, die
                            Colette über den Fall Weidmann schrieb, wurden 2018 nachgedruckt (<ref
                                type="bibl" target="#Bonal_Maget2014"
                                xml:id="ref_Bonal_Maget2018-292">Bonal/Maget 2018: 292–314</ref>).
                            Dieser Beitrag zitiert direkt aus den Zeitungsartikeln. Colette
                            bearbeitete diese Serie von Reportagen später und kombinierte sie zu
                            einem einzigen Text mit dem Titel <title>Weidmann</title>, den sie im
                            Band <title>Mes Cahiers</title> (1941) der Sektion
                                <title>Monstres</title> hinzufügte (<ref type="bibl"
                                target="#Colette1941" xml:id="ref_Colette1941-155">Colette 1941:
                                155–176</ref>). Dort fehlt jedoch die langsame Verschiebung der
                            Perspektive, die dieser Beitrag in den Blick nehmen möchte.</p></note>
                    Zwischen dem 11. März 1939 und dem 2. April 1939 berichtete sie für die Zeitung
                        <title>Paris-Soir</title> in einer Reihe von sechs Artikeln über den Prozess
                    gegen Weidmann und seine Komplizen. Das Publikum kannte die Reporterin unter
                    anderem durch die zahlreichen Theaterrezensionen, die sie in jenen Jahren
                    regelmäßig veröffentlichte (vgl. <ref type="bibl" target="#Ducrey2018"
                        xml:id="ref_Ducrey2018-283">Ducrey 2018: 283</ref>). Die Tatsache, dass
                        <title>Paris-Soir</title> ausgerechnet eine bekannte Autorin und
                    Theaterkritikerin mit den <title>impressions d’audience</title> des Prozesses
                    beauftragte, sollte wahrscheinlich dem Publikum suggerieren, dass ein
                    spektakuläres Gerichtsverfahren zu erwarten sei. Schließlich stand das
                    Todesurteil für den geständigen Angeklagten Weidmann außer Frage.</p>
                <p>Auf den ersten Blick schien Colette ihre journalistische Aufgabe auf die zu
                    erwartende Weise zu erfüllen, mit Artikeln, die auf eine Dramatisierung des
                    Prozesses abzielten und die gleichen Verkaufsstrategien verfolgten, wie sie auch
                    in der üblichen Sensationspresse zu beobachten waren. So übernahm sie von Anfang
                    an den Begriff des <term>monstre</term> und verwendete ihn als paradoxe
                    Kategorie, um das Nicht-Klassifizierbare zu klassifizieren und das Abnorme zu
                    normalisieren: <quote source="#ref_Colette1939-1">Trotz seines Namens ist ein
                        Monster nie einzigartig</quote> (<ref type="bibl" target="#Colette1939a"
                        xml:id="ref_Colette1939a-4">Colette 1939a: 4</ref>). Wie andere Journalisten
                    verglich auch sie den Angeklagten mit weiteren Serienmördern – wie Patrik Mahon
                    und Hénri-Désiré Landru (vgl. <ref type="bibl" target="#Colette1939a"
                        xml:id="ref_Colette1939a-4">ebd.</ref>) – und schien damit die radikale
                    Alterität dieser Gruppe von Monstern gegenüber dem Rest der Menschheit
                    unterstreichen zu wollen. ‚Sie‘ seien anders als ,wir‘, für ,uns‘ sei es
                    unmöglich, ,sie‘ zu verstehen: <quote source="#ref_Colette1939-4">Ladru, Mahon
                        Weidmann... sie alle sind für unseren Verstand nicht greifbar</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Colette1939a" xml:id="ref_Colette1939a-4">ebd.</ref>).
                    Sprach der oben erwähnte, graphologisch argumentierende Zeitungsartikel von
                    Weidmann als einem Tier, genauer einem gefährlichen <quote
                        source="#ref_Colette1939a-4">einsamen Wolf</quote>, betonte auch Colette die
                    Naturverbundenheit dieser Gruppe von ‚Monstern‘. Besonders kennzeichnend schien
                    ihr Weidmanns vermeintliche Wildheit, weshalb sie unterstrich, wie liebevoll er
                    mit Tieren spielte oder Rosenbüsche dort pflanzte, wo sein Opfer Jean de Koven
                    begraben lag (<ref type="bibl" target="#Colette1939a"
                        xml:id="ref_Colette1939a-4"> vgl. ebd.</ref>).</p>
                <p>Auch Colettes Artikel nahmen – genauso wie diejenigen anderer Journalisten – auf
                    ein unheimliches Bild Deutschlands Bezug: Um die langwierigen Verhandlungstage
                    für die Leserschaft spannender zu gestalten, bezeichnete sie den Angeklagten als
                    die <quote source="#ref_Colette1939b-4">vedette</quote> (im Sinne von ‚Star‘
                    oder ‚Hauptschauspieler‘) des Prozesses und griff dabei auf einen bekannten
                    expressionistischen Film zurück:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Colette1939b-4">Der Star [des Prozesses: Weidmann, M.C.]
                        antwortet mit einer kaum hörbaren Stimme. Er gibt fünf, sechs Verbrechen zu,
                        dann schließt er seine langen, mit vielen Wimpern bestückten Augenlider
                        wieder. Wem sieht er mit so geschlossenen Augen ähnlich? Das Lächeln eines
                        Somnambulen auf seiner schläfrigen Maske klärt mich plötzlich auf: Er sieht
                        wie ein feinerer Bruder von ‚Cesare‘ aus, dem Vampir, der in ‚Dr. Caligari‘
                        mit einem Mondstrahl hereinkommt, um eine in weiße Tücher gewickelte junge
                        Frau zu überfallen und zu entführen. (<ref type="bibl"
                            target="#Colette1939b" xml:id="ref_Colette1939b-4">Colette 1939b:
                            4</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der Verweis auf Robert Wienes Film <title>Das Cabinet des Dr. Caligari</title>
                        (<ref type="bibl" target="#Wiene1920" xml:id="ref_Wiene1920">1920</ref>)
                    diente offensichtlich dazu, die schaurige Atmosphäre des Prozesses
                    aufrechtzuerhalten. Tatsächlich war die Gattung der <term>impressions
                        d’audience</term> darauf angelegt, Skizzen, Fotografien und Filmbilder zu
                    mobilisieren, um den Blick der gierigen, aber im Gerichtsaal nicht anwesenden
                    Leserschaft mit visuellen Eindrücken zu befriedigen. Colettes
                        <term>impressions</term> wurden meistens von Bildporträts des Angeklagten
                    begleitet. Bei dem eben zitierten Artikel zeigten Henri-Paul Gassiers
                        <term>croquis d’audience</term> (‚Gerichtsskizzen‘) den Angeklagten Weidmann
                    mit geschlossenen Augen (Abb. 4). Als gefährlicher, deutscher Somnambul hatte
                    Weidmann bessere Chancen, interessant zu wirken, auch wenn er nichts Neues
                    sagte. Mit einem Augenzwinkern verwies Colette immer wieder auf die
                    Notwendigkeit, die Neugierde aufrechtzuerhalten: <quote
                        source="#ref_Colette1939c-6">[W]ir ertragen lieber das Schreckliche als das
                        Langweilige</quote>, schrieb sie, als der Verhandlungstag besonders träge
                    verlief (<ref type="bibl" target="#Colette1939c" xml:id="ref_Colette1939c-6"
                        >Colette 1939c: 6</ref>).</p>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_04">
                    <graphic width="300px" height="302px" url="media/wdr05_02-08_Abb_04.jpg"/>
                    <head type="legend">Oben, links und rechts: Weidmann mit geschlossenen Augen.
                        Quelle: Paris-Soir 12.3.1939, S. 4. Abgerufen von <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7644681q/f4.item#"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7644681q/f4.item#</ref>, Zugriff
                        am 9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF. Unten: Cesare im Film: Dr.
                        Caligari (1920), 18:10. Abgerufen von <ref
                            target="https://archive.org/details/1919DasCabinetDesDr.Caligari"
                            >https://archive.org/details/1919DasCabinetDesDr.Caligari</ref>, Zugriff
                        am 9.6.2024.</head>
                </figure>

                <p>Die erotische Ausstrahlung Weidmanns wurde von Colette an verschiedenen Stellen
                    thematisiert. Als Autorin des Erfolgsromans <title>Chéri</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Colette1920" xml:id="ref_Colette1920-x">1920</ref>) und
                    aufgrund ihres glamourösen Liebeslebens galt sie als Expertin auf dem Gebiet der
                    Erotik. Immer wieder suchte sie in Weidmanns Aussehen oder auch in seiner Stimme
                    eine außergewöhnliche Verführungs- und Überzeugungskraft (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Colette1939d" xml:id="ref_Colette1939d-4">Colette 1939d: 4</ref>):
                    Die Öffentlichkeit erwartete, ja verlangte dies von einem Mann, der in der Lage
                    war, so viele Opfer in den Tod zu locken. Colette bestätigte die Sinnlichkeit,
                    die Weidmann ausstrahlte, ohne Weidmanns letztlich wenig interessantes
                    Liebesleben zu verschweigen (vgl. <ref type="bibl" target="#Colette1939d"
                        xml:id="ref_Colette1939d-4">ebd.</ref>). Um dem vermeintlichen Monster auf
                    die Spur zu kommen, nutzte sie ihr Frauennetzwerk: So tauschte sie sich mit
                    Weidmanns Rechtsanwältin Renée Jardin aus und informierte das Publikum über die
                    Eindrücke der Verteidigerin (<ref type="bibl" target="#Colette1939d"
                        xml:id="ref_Colette1939d-4">vgl. ebd.</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Colette1939c" xml:id="ref_Colette1939c-6">Colette 1939c: 6</ref>).
                    Auf diese Weise schien Colette darauf zu achten, all jene Aspekte zu behandeln,
                    für die sich die Öffentlichkeit interessierte, nicht zuletzt Weidmanns Hände,
                    die in der Presse stets beschrieben und kommentiert wurden (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1939d" xml:id="ref_Colette1939d-4">vgl. ebd.</ref>; <ref
                        type="bibl" target="#Colette1939b" xml:id="ref_Colette1939b-4">Colette
                        1939b: 4</ref>). Doch auf der Suche nach dem Schrecklichen betonte die
                    Reporterin immer wieder, wie schwer es sei, es bei Weidmann zu finden.</p>

            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-02_05">
                <head>5. Das moralische Aufwachen eines vermeintlichen Monsters</head>
                <p>Wenn Colettes Artikelserie auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, die
                    Journalistin wolle mit ihren <term>impressions</term> nur die Sensationslust des
                    Publikums anheizen, so zeigt sich bei einer genaueren Lektüre, dass sie
                    eigentlich mit der Erwartung der Leserschaft spielte. Jener Teil der
                    Leserschaft, der Colette seit Jahren folgte und einige ihrer Feuilletonartikel
                    oder ihrer Romane gelesen hatte, wusste sehr wohl, dass sie seit ihrer
                    Beschäftigung mit der Landru-Affäre das Thema der Monstrosität zu einem
                    poetischen Schwerpunkt gemacht hatte. Valentine Leÿs spricht in diesem
                    Zusammenhang von einem <quote source="#ref_Leys2004-48">Monsterzyklus</quote>
                        (<quote source="#ref_Leys2004-48">cycle du monstrueux</quote>) (<ref
                        type="bibl" target="#Leys2004" xml:id="ref_Leys2004-48">Leÿs 2004: Abs.
                        48</ref>), einer Reihe von Texten, die sich mit Fragen von Identität und
                    Alterität, juristischer und moralischer Schuld sowie mit unterschiedlichen
                    Sittlichkeitsvorstellungen und Geschlechterhierarchien auseinandersetzen (<ref
                        type="bibl" target="#Leys2004" xml:id="ref_Leys2004-16">vgl. ebd.: Abs.
                        16</ref>). In dem autofiktionalen Roman <title>La Naissance du Jour</title>
                    (1928) beispielsweise beschrieb Colette sich selbst mit genau denselben Worten,
                    mit denen sie in einem Feuilletonartikel den Serienmörder Landru gekennzeichnet
                    hatte. Die enge Verbundenheit mit der Tierwelt, die furchterregende Unschuld
                        (<quote source="#ref_Colette1924-1">affreuse innocence</quote>) (<ref
                        type="bibl" target="#Colette1924" xml:id="ref_Colette1924-1">Colette 1924:
                        1</ref>; <ref type="bibl" target="#Colette1991_1928"
                        xml:id="ref_Colette1991_1928-303">Colette 1991 [1928]: 303</ref>), das
                    instinktive Handeln: All dies waren Eigenschaften, die sie dem Serienmörder
                    sowie sich selbst zuschrieb (vgl. <ref type="bibl" target="#Leys2004"
                        xml:id="ref_Leys2004-28">Leÿs 2004: abs. 28</ref>). Wie Leÿs zeigen konnte,
                    dient die Monstersemantik bei Colette einer Dialektik zwischen Identität und
                    Alterität und weist nicht nur auf eine Verschmelzung von Mensch und Tier hin,
                    sondern auch auf vermeintlich abwegige sexuelle Orientierungen wie die
                    Homosexualität, die aber positiv konnotiert werden (<ref type="bibl"
                        target="#Leys2004" xml:id="ref_Leys2004-31">vgl. ebd.: Abs.
                        31–49</ref>).<note xml:id="endnote_05"><p>In ihrem ersten Artikel über
                            Weinmann stellte Colette die These auf, er sei homosexuell (<ref
                                type="bibl" target="#Colette1937" xml:id="ref_Colette1937-1">vgl.
                                Colette 1937: 1</ref>).</p></note> So verwendete Colette in
                        <title>Le Pur et l’Impur</title> (1932), in dem sie das ihr vertraute
                    homosexuelle Milieu beschrieb, den Monster-Begriff im positiven Sinne: <quote
                        source="#ref_Colette1991_1939-268f.">Oh Monster, lasst mich bitte nicht
                        allein... [...] ihr seid das Menschlichste, das Beruhigendste, was ich auf
                        der Welt kenne... Wenn ich euch ,Monster‘ nenne, wie werde ich dann das
                        nennen, was man mir als normal zumutet?</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1991_1932" xml:id="ref_Colette1991_1939-268f.">Colette 1991
                        [1932]: 368f.</ref>; vgl. <ref type="bibl" target="#Leys2004"
                        xml:id="ref_Leys2004-45">Leÿs 2004: Abs. 45</ref>). Jahrzehntelang übernahm
                    Colette in ihren Texten die Perspektive derjenigen, die von der bürgerlichen
                    Gesellschaft ausgeschlossen wurden: von Varietätskünstlern, wilden Tieren,
                    berühmten Mördern. Verachtung zeigte sie hingegen für jene ‚kleinen Mörder‘, die
                    wegen des Geldes oder ihres bürgerlichen Rufs zu töten bereit waren. Ein
                    Beispiel ist der Fall von Louis-Paul Dervaux, der seine Frau umbrachte, um den
                    eigenen Ruf zu schützen, und den Colette verächtlich als <quote
                        source="#ref_Colette1923-4">einen normalen Menschen</quote> (<quote
                        source="#ref_Colette1923-4">un homme normal</quote>) bezeichnet: <quote
                        source="#ref_Colette1923-4">ein Mörder, ja, aber zahlungsfähig</quote>
                        (<quote source="#ref_Colette1923-4">Assassin, oui, mais solvable</quote>)
                        (<ref type="bibl" target="#Colette1923" xml:id="ref_Colette1923-4">Colette
                        1923: 4</ref>).</p>
                <p>Da Colette Weidmann der gleichen Gruppe von Monstern wie Landru zuordnete, wusste
                    ihre Leserschaft, dass sie damit eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst
                    andeutete. Durch ihre <title>Dialogues de bêtes</title>, ihre Pantomimen als
                    Katze und die Prosatexte in <title>Prisons et Paradis</title> hatte die Autorin
                    wiederholt die eigene Verbindung zur Tierwelt betont: Colette schrieb im Sinne
                    einer Poetik der <term>sauvagerie</term> (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Pinque2023" xml:id="ref_Pinque2023-207">Pinque 2023: 207f.</ref>).
                    Die Vermutung, dass sich auch Weidmann in einen Schriftsteller umwandeln könnte,
                    legte die Reporterin nah, als sie in ihren Artikeln bedauerte, dass man ihm im
                    Gefängnis nichts zu schreiben gegeben habe: <quote source="#ref_Colette1939a-4"
                        >Die Gerichtsverhandlung wird Weidmann nicht verstehen können: Denn der
                        Knast hat ihm systematisch jegliches Mittel vorenthalten, sich uns kenntlich
                        zu machen, indem man ihm jegliche Beschäftigung, das Lesen und – vor allem –
                        das Schreiben verweigert hat</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1939a" xml:id="ref_Colette1939a-4">Colette 1939a: 4</ref>).
                    Das Schreibverbot schien ihr Teil eines Normalisierungsprogramms der
                    Strafinstitution zu sein: Die Monster sollten ihre Kraft verlieren und nur noch
                    als schläfrige Wesen vor die Öffentlichkeit treten (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Colette1939a" xml:id="ref_Colette1939a-4">ebd.</ref>).</p>
                <p> Colette spielte somit ein doppeltes Spiel, und das nicht nur, weil sie, obwohl
                    ihre Artikel ständig auf der Suche nach sensationellen Entwicklungen zu sein
                    scheinen, in Wirklichkeit die Trägheit und die Langeweile des Prozesses stets
                    betonte und damit eine antisensationalistische Gerichtsberichterstattung
                    betrieb, wie Chabrier beobachtet hat (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Chabrier2018" xml:id="ref_Chabrier2018-583">Chabrier 2018:
                        583f.</ref>). Die Reporterin wartete nicht auf grausame oder besonders
                    blutige Geständnisse Weidmanns, sondern vielmehr auf das Erwachen des
                    Somnambulen. Ab dem dritten Verhandlungstag begann sie, Weidmanns <quote
                        source="#ref_Colette1939d-4">moralischen Ruck</quote> (<quote
                        source="#ref_Colette1939d-4">sursaut moral</quote>) (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1939d" xml:id="ref_Colette1939d-4">Colette 1939d: 4</ref>)
                    zu beschreiben. Der plötzliche Wandel Weidmanns, der von den Gerichtsskizzen
                    sichtbargemacht wurde, die Colettes <term>impressions</term> begleiteten (Abb.
                    5), vollzog sich in mehreren Etappen.</p>
                <p>Gestanden hatte Weidmann bereits im Laufe des ersten Polizeiverhörs. Während des
                    Prozesses gab er nochmals die Morde zu, wenn auch ohne emotionale Beteiligung
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Colette1939b" xml:id="ref_Colette1939b-4"
                        >Colette 1939b: 4</ref>). In dem Moment, da seine Anwälte versuchten, einen
                    mysteriösen Komplizen ins Spiel zu bringen, der Weidmanns Verantwortung
                    eventuell relativieren könnte, wachte der Angeklagte plötzlich auf und
                    widersetzte sich seiner eigenen Verteidigung: <quote
                        source="#ref_Colette1939c-6">Nein, nein, ich bin mir ganz sicher, dass ich
                        es war, der Frommer getötet hat</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1939c" xml:id="ref_Colette1939c-6">Colette 1939c: 6</ref>).
                    Weidmanns Erwachen hatte damit begonnen.</p>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_05">
                    <graphic width="200px" height="202px" url="media/wdr05_02-08_Abb_05.jpg"/>
                    <head type="legend">Weidmann wird verhört. Quelle: Paris-Soir 13.3.1939, S. 6.
                        Abgerufen von <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76446824/f6.item"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k76446824/f6.item</ref>, Zugriff
                        am 9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF.</head>
                </figure>

                <p>In den letzten beiden Artikeln aus Colettes Serie beschreibt die Autorin eine
                    Verschiebung (<quote source="#ref_Colette1939f-3">glissement</quote>) ihrer
                    eigenen Meinung über den Angeklagten (<ref type="bibl" target="#Colette1939f"
                        xml:id="ref_Colette1939f-3">Colette 1939f: 3</ref>). Bedenkt man, dass sie
                    sich auch in anderen Texten oft auf die Seite ihrer ‚Monster‘ stellte, könnte
                    man in diesem Perspektivwechsel eine durchdachte Inszenierung vermuten.
                    Wahrscheinlich durfte die Reporterin aus der Argumentationslinie der Zeitung
                    nicht zu explizit herausfallen. Der vorletzte Artikel der Serie, <title>La
                        véritable évasion de Weidmann</title> (<quote source="#ref_Colette1939e-4"
                        >Weidmanns eigentliche Flucht</quote>) vom 19. März 1939, stellt Weidmanns
                        <quote source="#ref_Colette1939e-4">moralischen Ruck </quote>, man könnte
                    auch sagen: ethischen Wandel, ins Zentrum (<ref type="bibl"
                        target="#Colette1939e" xml:id="ref_Colette1939e-4">Colette 1939e: 4</ref>).
                    Die Skizze, die ihren Text begleitet, verstärkt den Eindruck einer veränderten
                    Haltung des Angeklagten (Abb. 6).</p>

                <figure xml:id="wdr05_02-08_Abb_06">
                    <graphic width="300px" height="302px" url="media/wdr05_02-08_Abb_06.jpg"/>
                    <head type="legend"> Colettes letzte Reportage über den Weidmann-Prozess.
                        Quelle: Paris-Soir 2.4.1939, S. 4. Abgerufen von <ref
                            target="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7644688m/f4.item"
                            >https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7644688m/f4.item</ref>, Zugriff
                        am 9.6.2024. Source gallica.bnf.fr / BnF.</head>
                </figure>

                <p>Die Reporterin beginnt ihren Artikel mit einer Art <term>captatio
                        benevolentiae</term>, in der sie versucht, das Irritationspotential ihrer
                    Überlegungen präventiv zu dämpfen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Colette1939e-4">Ich hoffe, dass man dies, was ich im
                        Folgenden schreibe, nicht missversteht. Natürlich bleibt Weidmann, der mit
                        Verbrechen beladen ist, abscheulich. Die Justiz kann nichts Düstereres als
                        ihn zu beurteilen haben. Kein Zufall kann mehr seine Hinrichtung verhindern
                        oder verzögen. Davon scheint er als Erster überzeugt zu sein [...]. Doch hat
                        diese eigentümliche Perspektive, jene einer baldigen Loslösung von den
                        irdischen Dingen, die – wie Weidmann zu gut weiß – in wenigen Tagen zu Ende
                        sein werden, einen Menschen entstehen lassen. Mein Beruf als
                        Schriftstellerin besteht nicht darin, eine Person zu beschimpfen, die alle
                        Umstände und sein eigenes Geständnis schuldig sprechen, sondern darin, das
                        menschliche Drama zu entlarven, wo auch immer es aufblitzt. Ich würde lieber
                        das Schreiben aufgeben, statt leichtfertig über dieses pathetische Publikum
                        hinwegzuschauen und zu verschweigen, dass ein Mörder selten [...] so sehr
                        auf die gewissenhafte Wahrheit bedacht war wie der gestrige Weidmann. (<ref
                            type="bibl" target="#Colette1939e" xml:id="ref_Colette1939e-4">Colette
                            1939e: 4</ref>)</quote>
                </cit>

                <p>Den Moment, in dem Weidmann nicht nur seine Taten noch einmal öffentlich gesteht,
                    sondern auch zusammenbricht und zu weinen beginnt, bezeichnet Colette als seine
                        <quote source="#ref_Colette1939e-4">Flucht</quote> oder seinen <quote
                        source="#ref_Colette1939e-4">[Gefängnis]ausbruch</quote> (<quote
                        source="#ref_Colette1939e-4">Évasion</quote>):</p>

                <cit>
                    <quote source="#ref_Colette1939e-4">Wir habe den Eindruck gehabt, einen Mann zu
                        sehen, der aus dem Abgrunde eines tödlichen Brunnens aufgestiegen ist. Wir
                        sind Zeugen dessen, was ich als die eigentliche Flucht
                        [<term>évasion</term>] Weidmanns bezeichnen möchte, der auf diese Weise aus
                        seinem Knebel aus bösem Stolz und Grausamkeit entkommen konnte. (<ref
                            type="bibl" target="#Colette1939e" xml:id="ref_Colette1939e-4"
                            >Ebd.</ref>)</quote>
                </cit>

                <p>Antithetisch dazu entlarvt Colette zunehmend das Verhalten des Publikums im
                    Gerichtssaal als fragwürdig. Zum einen handelt es sich um einen Topos der
                    Gerichtsberichterstattung: Chabrier stellt hierzu die These auf, dass
                    Gerichtsreporter in einem Konkurrenzverhältnis zum Zuschauerpublikum stehen und
                    dieses schlecht machen, um ihre eigene moralische Zuverlässigkeit zu
                    unterstreichen (vgl. <ref type="bibl" target="#Chabrier2022"
                        xml:id="ref_Chabrier2022-245">Chabrier 2022: 245</ref>). Zum anderen greift
                    dieses Argument hier deutlich zu kurz, denn das Publikum, das sich zum
                    Weidmann-Prozess im Gerichtssaal versammelte, nahm in gewisser Weise das
                    künftige Verhalten der Zuschauer vorweg, die drei Monate später der öffentlichen
                    Hinrichtung Weidmanns beiwohnten.</p>
                <p>Der letzte Artikel der Serie, <title>Le dernier jour, Weidmann a souri à la
                        mort</title> (<quote source="#ref_Colette1939f-3">Am letzten Tag lächelte
                        Weidmann dem Tod zu</quote>) vom 2. April 1939, beschreibt den Tag der
                    Urteilsverkündung (<ref type="bibl" target="#Colette1939f"
                        xml:id="ref_Colette1939f-3">Colette 1939f: 3</ref>). Weidmann und Roger
                    Million wurden beide zum Tode verurteilt.<note xml:id="endnote_06"><p>Am 16.
                            Juni wurde das Todesurteil gegen Roger Million in eine lebenslange
                            Haftstrafe umgewandelt (vgl. <ref type="bibl" target="#Bonal_Maget2014"
                                xml:id="ref_Conal_Maget2014-311">Bonal/Maget 2018: 311
                            FN.1</ref>).</p></note> Nun scheint dieser letzte Text aus Colettes
                    Artikelserie die Umkehrung des ersten zu sein. Zu Beginn des Prozesses hatte die
                    Reporterin den Gegensatz zwischen ‚uns normalen Menschen‘ und ‚ihnen, den
                    Monstern‘ betont. Die Auflösung dieser Dichotomie vollzieht sich in drei
                    Schritten: erstens durch ein Gefühl des Unbehagens; zweiten durch die Figur des
                    Spiegels; drittens durch die Beschreibung des Verhaltens des Publikums.</p>
                <p>Zunächst drückt Colette ihre Freude darüber aus, dass der Prozess zu Ende ist,
                    weil damit auch ein Unbehagen zu Ende gehe, das sie im Laufe der Verhandlungen
                    immer stärker empfunden habe:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Colette1939f-3">[Dieses] Unbehagen ist keine banale
                        Übelkeit, kein banales Entsetzen über ein abscheuliches Verbrechen, sondern
                        ein merkwürdiges Schwanken, das für das Gleichgewicht unserer Vernunft
                        gefährlich ist. Unser gesellschaftlicher und moralischer Sinn wehrte sich
                        gegen die Parteinahme, die sich im Laufe des langen Prozesses gebildet und
                        verfestigt hatte. Wir akzeptieren nicht widerstandlos, dass ein
                        abscheulicher Mörder durch die gesamten Verhandlungen hindurch seine
                        körperliche Würde, die Ausgewogenheit der Worte und die Weigerung, sich
                        selbst zu bemitleiden, bewahren konnte; dass er stets darauf geachtet hat,
                        nie an unser Mitgefühl oder unser Interesse zu appellieren. Wir akzeptieren
                        dies, obwohl wir uns dagegen wehren. Die belastenden Akten, die Wiederholung
                        des Mordes und seine niedrigen Motive verhinderten – fast wollte ich
                        schreiben: zum Glück – dieses Abrutschen [<term>glissement</term>] in
                        Richtung einer günstigen Stellungnahme [für Weidmann, M.C.]. Dies werden nur
                        diejenigen bestreiten, die die Affäre Weidmann miterlebt haben. (<ref
                            type="bibl" target="#Colette1939f" xml:id="ref_Colette1939f-3">Colette
                            1939f: 3</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Dieses <quote source="#ref_Colette1939f-3">Abrutschen</quote> ist für Colette
                    eigentlich nichts Neues, sie hat Ähnliches auch beim Landru-Prozess beschrieben
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Colette1921" xml:id="ref_Colete1921-601">Colette
                        1921: 601–603</ref>). Es ist die Würde des zum Tode Verurteilten in dem
                    Augenblick, in dem er sich von einem Täter in ein Opfer der Staatsgewalt
                    verwandelt. Dieses Schwanken in Richtung des Monsters bewirkt einen
                    Perspektivwechsel: Plötzlich verschwindet jede stabile Trennung zwischen ‚uns‘
                    und ihm:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Colette1921-601">Was ist ein abscheulicher Verbrecher?
                        Derjenige vielleicht, der uns mit Angst erfüllt, nicht wegen seiner
                        bestialischen und grob erschreckenden Seiten, sondern wegen seiner Nähe zu
                        uns, seiner spürbaren Ähnlichkeit mit uns. Was!, dieses „Monster“, das über
                        den Zaun gesprungen ist und einen Raum zwischen uns und ihm erschaffen hat,
                        der so unberechenbar ist, wie die trügerische Weite zwischen zwei einander
                        gegenüberliegenden Spiegeln, war gestern noch unser Ebenbild? Noch
                        schlimmer: Heute noch ist er – der auf der Anklagebank sitzt – mit dem süßen
                        Äußeren eines Menschen geschmückt? Was!, es hängt wirklich bloß von einem
                        wilden Augenblick ab, von einem Rauschzustand, von einem Irrtum, dass wir
                        uns in einer noch tiefere Ähnlichkeit mit ihm begeben? Das lässt uns zittern
                        – und wir haben gezittert. (<ref type="bibl" target="#Colette1939f"
                            xml:id="ref_Colette1939f-3">Colette 1939f: 3</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Metapher der beiden gegenüberstehenden Spiegel, die eine schwindelerregende
                    (ethische) Perspektive eröffnen, löscht jegliche Gewissheit einer stabilen
                    Trennung zwischen Tätern und Zuschauern für immer aus. Doch Colette geht noch
                    einen Schritt weiter. Nicht nur beschreibt sie die Entstehung eines Gefühls der
                    Ähnlichkeit. Auch wendet sich nun der Blick auf das Publikum, dessen Verhalten
                    sie im Laufe der Verhandlungen immer wieder kritisiert hat. Das Publikum des
                    Schwurgerichts schien seinem schlechten Ruf gerecht zu werden und bestand – wie
                    Colette unzufrieden feststellte – vor allem aus Frauen. Hier verfiel Colette
                    vielleicht ein wenig in das Klischee der schaulustigen und morbid-neugierigen
                    Zuschauerinnen von Assisengerichten. Vor allem aber prangerte sie das gnadenlose
                    und brutale Verhalten des Publikums an, das Roger Million nach seiner
                    Verurteilung zum Tode auszupfeifen begann. Die Anwälte im Saal sahen sich sogar
                    gezwungen, sich zwischen das Publikum und die Angeklagten zu stellen, um die
                    Zuschauer zum Schweigen zu bringen. Sie riefen der Masse zu: <quote
                        source="#ref_Colette1921-601">Wilde! Kannibalen!</quote> (<quote
                        source="#ref_Colette1921-601">Sauvages! Cannibales!</quote>) (<ref
                        type="bibl" target="#Colette1921" xml:id="ref_Colette1921-601">ebd.</ref>).
                    Colettes Leserschaft weiß, dass bereits Voltaire beim Prozess gegen Jean Calas
                    das Publikum, das die Hinrichtung des Angeklagten forderten, als
                        <term>cannibales</term> bezeichnet hatte; dasselbe tat auch Émlie Zola beim
                    Dreyfus-Prozess (vgl. <ref type="bibl" target="#Severine1900"
                        xml:id="ref_Severine1900-211">Séverine 1900: 211</ref>). Diese Beschimpfung
                    ist also mit der Geschichte der Todesstrafe und damit mit einer Gewalt
                    verbunden, die nicht von den Angeklagten, sondern von der Öffentlichkeit ausgeht
                    und von Autoren und Philosophen angeprangert wird. Colette schreibt sich mit
                    ihren Reportagen in eine Tradition der Kritik an dieser Gewalt ein. Indem die
                    Reporterin am Ende ihres letzten Artikels diese Szene ausführlich beschreibt,
                    zeigt sie, dass sich der Vorwurf der Monstrosität nun verkehrt hat. Die
                    vermeintlich zivilisierte Öffentlichkeit verurteilt nicht nur zwei Menschen zum
                    Tode, sondern demütigt sie. Colette beendet ihre Reportage mit einer
                    Beschreibung Weidmanns, der wieder ins Gefängnis geführt wird und noch einen
                    letzten Augenblick von Freiheit genießt: <quote source="#ref_Colette1939f-3">Er
                        hatte gerade die Zeit, einen Schluck zu nehmen, einen einzigen, aus der
                        Frühlingsnacht, in der der Mond im klaren Himmel Mitternacht
                        anzeigte</quote> (<ref type="bibl" target="#Colette1939f"
                        xml:id="ref_Colette1939f-3">Colette 1939f: 3</ref>). Der vermeintlich
                    einsame Wolf, der Werwolf à la Fritz Haarmann (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Lessing1925" xml:id="ref_Lessing1925">Lessing 1925</ref>),
                    erscheint plötzlich viel menschlicher als die Masse seiner Peiniger. Seine
                    Wildheit zeigt eine Würde, die die zivilisierte, strafende Öffentlichkeit
                    vergessen zu haben scheint.</p>
                <p>Dass Colette mit diesem Bild ins Schwarze traf, zeigt die berüchtigte
                    Berichterstattung über die Hinrichtung Weidmanns am 17. Juni 1939. Bilder und
                    Fotografien öffentlicher Hinrichtungen lösten schon seit Jahrzehnten Proteste
                    und Entsetzen aus, sodass die Behörden versuchten, die Teilnahme der
                    Öffentlichkeit einzuschränken und fotografische Aufnahmen zu verhindern. Meist
                    wurden die Exekutionen zu früher Stunde durchgeführt, sodass das Licht für
                    Fotoaufnahmen nicht ausreichte. Als Weidmann jedoch beim Tagesanbruch
                    guillotiniert wurde, war der Sommertag bereits hell: Es wurde nicht nur
                    fotografiert, sondern sogar ein Film gedreht (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Picard2021" xml:id="ref_Picard2021-246">Picard 2021: 246</ref>) –
                    der noch heute online abrufbar ist. Aufgrund der öffentlichen Empörung über
                    diese Aufnahmen und das Verhalten des Publikums – es wird berichtet, dass einige
                    Zuschauerinnen nach der Hinrichtung ihre Taschentücher in Weidmanns frisches
                    Blut tauchten (vgl. <ref type="bibl" target="#Picard2012"
                        xml:id="ref_Picard2012-153">Picard 2012: 153</ref>) – wurde Weidmann zum
                    letzten öffentlich Guillotinierten Frankreichs.</p>
                <p>Colette blieb auf der Seite der Monster. Ihr Freund Jean Cocteau, der sie in
                    ihren letzten Lebensjahren gut kannte und der seine Aufnahmerede an der Académie
                    Royale über die verstorbene Freundin hielt (deren Platz er nun einnahm),
                    schrieb: <quote source="#ref_Cocteau1955-29">In der Kunst ist alles monströs,
                        und Madame Colette ist keine Ausnahme von dieser Regel [...]. Dem
                        Intellektualismus unserer Zeit ist sie fremd, und wenn Madame Colette kein
                        Monster ist, was ist sie dann?</quote> (<quote source="#ref_Cocteau1955-29"
                        >si Madame Colette n’est pas un monstre, elle n’est rien</quote>) (<ref
                        type="bibl" target="#Cocteau1955" xml:id="ref_Cocteau1955-29">Cocteau 1955:
                        29</ref>; vgl. <ref type="bibl" target="#Leys2004" xml:id="ref_Leys2004-7"
                        >Leÿs 2004: Abs. 7</ref>). Cocteau war nicht nur ein guter Freund Colettes,
                    er kannte auch Jean Genet und dessen eingangs zitierten ersten Roman
                        <title>Notre-Dame-des-Fleurs</title>. Und Genets erotisches <quote
                        source="#ref_Marcandier2018-10">Fabulieren</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Marcandier2018" xml:id="ref_Marcandier2018-10">Marcandier 2018:
                        10</ref>) über das Gesicht Weidmanns, dessen Foto er aus einer Illustrierten
                        <quote source="#ref_Marcandier2018-10">guillotiniert</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Marcandier2018" xml:id="ref_Marcandier2018-10f.">ebd.:
                        10f.</ref>), um es an die Wand seiner Zelle zu hängen, ist nicht weit von
                    Colettes Haltung. Auch hier wird die Ähnlichkeit mit dem Monster mit Stolz
                    beansprucht, denn Weidmann tritt im Roman als Teil jener fotografischen
                    Monstersammlung auf, der der Erzähler sich mit Liebe zuwendet, in der Hoffnung,
                    diese Liebe erwidert zu sehen. Die Perspektive der Monstrosität wird zur
                    Möglichkeit, sich den Blick des Fremden, des Feindes oder auch des radikal
                    Anderen anzueignen und die Welt aus dem Blickwinkel des Schuldigen zu
                    betrachten. Die Metapher der zwei gegenüberstehenden Spiegel verdichtet das
                    moralische Schwindelgefühl, das das Monsterwerden mit sich bringt, und prägt –
                    direkt oder indirekt – sowohl den Journalismus Colettes als auch die Schriften
                    Genets. Das Monstergesicht, das aus der Zeitung entgegenblickt, macht die Wände
                    des Gefängnisses porös und stellt die Strafmaßnahmen in Frage.</p>

            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
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