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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Vom systematischen Legitimierungsdiskurs der Gewalt
                    im Spannungsfeld von Klassenkampf und sozialer Ordnung</title>

                <author>
                    <name>
                        <forename>Francois</forename>
                        <surname>Thirion</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Le Mans University, francois.thirion@univ-lemans.fr</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-02-09</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc>
            <langUsage>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Klassenkampf</term>
                    <term xml:lang="de">soziale Ordnung</term>
                    <term xml:lang="de">systematische Gewalt</term>
                    <term xml:lang="de">Staatsgewalt</term>
                    <term xml:lang="de">Legitimierung</term>
                    <term xml:lang="de">Abbau von Demokratie</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Class conflict</term>
                    <term xml:lang="en">social order</term>
                    <term xml:lang="en">systematic violence</term>
                    <term xml:lang="en">state power</term>
                    <term xml:lang="en">legitimization</term>
                    <term xml:lang="en">dismantling democracy</term>
                </keywords>
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                    <name>Kira Kaufmann</name>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Die Frage der Legitimität von Gewaltausübung ist ein zentrales Thema bei der
                    Betrachtung sozialer Interaktionen und der Beurteilung politischen Handelns.
                    Dabei wird, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu seinerzeit schon
                    betonte, allzu oft die reine Gewalthandlung betrachtet und nicht die Zustände,
                    die zur Gewalt führen. Es muss zwingend zwischen der Gewalt der Mächtigen und
                    der der Schwachen unterschieden werden. Der folgende Artikel befasst sich mit
                    dem Legitimierungsdiskurs bei der Anwendung von Staatsgewalt gegen die eigenen
                    Bürger und versucht, die Gewaltpotenziale ökonomisch und sozial zu
                    kontextualisieren, um auf die Frage der Grenzen vermeintlich legitimer
                    Gewaltausübung im demokratischen Staat eingehen zu können.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>The question of the legitimacy of the use of force is a central issue in the
                    consideration of social interactions and the assessment of political actions.
                    However, as the French sociologist Pierre Bourdieu himself pointed out, the
                    focus is all too often on the act of violence itself rather than on the
                    conditions leading to it. It is essential to distinguish between the violence of
                    the powerful and that of the weak. The following article addresses the discourse
                    of legitimization concerning the use of state violence against its own citizens
                    and attempts to contextualize the potential for violence economically and
                    socially, in order to address the question of the limits of supposedly
                    legitimate use of violence in a democratic state.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_02-09_01">
                <head>1. Einleitung</head>
                <p>Als kriminell wird im Allgemeinen ein Verhalten verstanden, das gegen bestehende
                    strafrechtliche Normen verstößt. Diese Normen werden in einer Gesellschaft, die
                    auf verbrieftem Recht beruht, in einem Korpus festgehalten, der jedem Bürger und
                    jeder Bürgerin bekannt sein sollte. Kriminell kann also jeder werden,
                    wissentlich oder unwissentlich, der sich diesen Normen widersetzt. Es ist die
                    Gesellschaft, es sind die Gruppen, aus denen sie sich zusammensetzt, und die von
                    ihnen akzeptierten Werte, die das Recht zu dem machen, was es ist (oder nicht
                    ist), und daran muss man die rechtlichen Kategorien und die Strategien der
                    AkteurInnen im <quote source="#ref_Bourdieu_etal1993-55">Rechtsfeld</quote>
                    messen, bewerten und gegebenenfalls definieren (<ref type="bibl"
                        target="#Bourdieu_etal1993" xml:id="ref_Bourdieu_etal1993-55">Bourdieu 1993:
                        55</ref>). Anders steht es allerdings um die Anwendung von Gewalt, die in
                    einem Rechtsstaat ausschließlich dem Staat oder bedingt der Notwehr vorbehalten
                    ist und sonst als generell illegitim verstanden wird. Die physische Gewalt darf
                    hier auch nicht mit der symbolischen Gewalt verwechselt werden.</p>
                <p>Der Begriff der symbolischen Gewalt, der aus der Reflexion über personalisierte
                    Abhängigkeitsbeziehungen Bourdieus stammt, beschreibt eine Form der
                    nicht-physischen Gewalt, die von den Betroffenen als natürlich und legitim
                    akzeptiert wird. Er soll im Gegensatz zu physischem Zwang stehen, da es sich um
                    einen Druck handelt, dessen sich der Handelnde nicht unbedingt bewusst ist. Als
                    grundlegender Mechanismus der Reproduktion von Herrschaft in Bourdieus Ansatz
                    ist sie somit die Voraussetzung für eine ungleiche soziale Ordnung, für die
                    Erpressung von Überschüssen und Ausbeutung, die es den Herrschenden ermöglicht,
                    sich eine physische und brutale Herrschaft zu ersparen, insofern es eine
                    Komplizenschaft der gesamten Gruppe oder eine Lüge der Gruppe gegenüber sich
                    selbst gibt. Diese Idee der Beteiligung der Beherrschten an ihrer Herrschaft
                    findet sich immer wieder bei Bourdieu, für den <quote
                        source="#ref_Bourdieu1986-113">[...] die Sprache der Autorität immer nur mit
                        der Mitwirkung derer regiert, die sie regiert, d.h. dank der Unterstützung
                        durch soziale Mechanismen, die in der Lage sind, diese Komplizenschaft zu
                        erzeugen, die auf der Unkenntnis beruht, welche die Grundlage jeder
                        Autorität bildet</quote> (<ref type="bibl" target="#Bourdieu1986"
                        xml:id="ref_Bourdieu1986-113">Bourdieu 1986 : 113</ref>). Die Schwierigkeit,
                    symbolische Gewalt klar definieren zu können, ergibt sich daraus, dass sie nicht
                    fassbar ist, im Gegensatz zu physischer Gewalt, die empirisch festgestellt
                    werden kann und Spuren hinterlässt, nachdem sie körperlichen Schmerz verursacht
                    hat. Aus diesem Grund war es auch möglich, diese (physische Gewalt) und nicht
                    jene (symbolische Gewalt) zu monopolisieren.</p>
                <p>Tatsächlich verbietet der Verlauf der politischen Geschichte Europas, die seit
                    der Renaissance eine Bewegung der Absorption privater institutioneller
                    physischer Gewalt zugunsten eines Organs durchläuft, das sich das Monopol auf
                    ihre Ausübung angeeignet hat, die Parallelisierung von physischer und
                    symbolischer Gewalt aufgrund der Natur der Unterschiede zwischen den beiden
                    Kategorien. Die soziale Differenzierung als historische Bewegung hat den Aufbau
                    des Staates rund um die schrittweise Monopolisierung der Ausübung physischer
                    Gewalt begleitet, unter Ausschluss der symbolischen Gewalt, die keine
                    Einzelperson und keine Institution monopolisieren kann. Man muss bedenken, dass
                    der Aufbau des Staates - als Monopol - mit dem Zwang auf den Körper und nicht
                    auf den Geist in Verbindung steht. Wenn Luther als moderner Denker angesehen
                    wird, dann gerade deshalb, weil er zu den ersten gehörte, die zwischen der
                    äußeren und der inneren Freiheit des Christen unterschieden, wobei erstere durch
                    physische Gewalt eingeschränkt werden kann, deren Monopol der politischen Macht
                    zuerkannt wird, und letztere dem individuellen Gewissen unterliegt, das sich
                    jeder verfassten Autorität entzieht.</p>
                <p>Der Unterschied zwischen den beiden Arten von Gewalt liegt daher auch in der Art
                    und Weise, wie sie verstanden wird, denn während symbolische Gewalt die
                    Zustimmung desjenigen benötigt, der sie erleidet, wird physische Gewalt immer
                    gegen den Willen einer Person ausgeübt. Eine Person kann eine Klage wegen
                    Körperverletzung einreichen, indem sie den materiellen Beweis erbringt, aber sie
                    kann keine Klage wegen symbolischer Gewalt einreichen, da diese, laut Bourdieu,
                    nur dann wirksam ist, wenn es eine Einwilligung und ein freiwilliges Festhalten
                    an den Überzeugungen gibt, die sie rechtfertigen. Daher betont Bourdieu auch:
                        <quote source="#ref_Bourdieu1995-637-674">Ich sage nur, um zum Nachdenken
                        anzuregen, dass es ein Gesetz zur Erhaltung der Gewalt gibt und dass man,
                        wenn man die sichtbarste Gewalt - Verbrechen, Diebstähle, Vergewaltigungen
                        oder sogar Attentate - wirklich verringern will, daran arbeiten muss, die
                        Gewalt, die unsichtbar bleibt, insgesamt zu verringern</quote>. (<ref
                        type="bibl" target="#Bourdieu1995" xml:id="ref_Bourdieu1995-637-674"
                        >Bourdieu 1995: 673-674</ref>) Bourdieu unterscheidet hier klar zwischen
                    einer kriminellen physischen Gewalt und einer unsichtbaren strukturellen
                    Gewalt.</p>
                <p>Diese innige geistige Verflechtung von Gewalt und Kriminalität ermöglicht zum
                    Beispiel oft die scheinbar eindeutige Differenzierung zwischen rechtmäßigem und
                    unrechtmäßigem Handeln einer Protestbewegung. So schrieb Max Weber, dass der
                    Staat <quote source="#ref_Weber1919">diejenige menschliche Gemeinschaft, welche
                        innerhalb eines bestimmten Gebietes [...] das Monopol legitimer physischer
                        Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Weber1919" xml:id="ref_Weber1919">Weber 1919: 4</ref>) Doch wenn
                    Max Weber von ‚legitimer Gewalt‘ spricht, beschreibt er sie soziologisch, er
                    beschreibt, was ist. und nicht, was sein sollte. Max Weber theoretisiert, wie
                    Staaten als politische Gebilde entstanden sind. Es ist eine Definition der
                    Staatsgewalt an sich und nicht eine Rechtfertigung für Gewalt als solche. Was
                    ist nun, wenn der Staat sich selbst nicht an die Gesetze hält oder diese gezielt
                    abändert, um die mehr oder minder latente Kriminalität einiger der ihn
                    konstituierender Gruppen zu legitimieren? Denn man könnte ganz im Sinne
                    Bourdieus argumentieren, dass der Ansatz, den Staat als eine Einheit zu
                    verstehen, zu vergessen hieße, dass seine öffentliche Souveränität auf unendlich
                    vielen privaten und getarnten Souveränitäten beruht (<ref type="bibl"
                        target="#Bourdieu1976" xml:id="ref_Bourdieu1976-122-132">vgl. Bourdieu 1976:
                        122-132</ref>).</p>
                <p>Daher stellt sich die Frage: Wie viel physische Gewalt kann im Namen des Staates
                    in einem demokratischen Staat ausgeübt werden, bevor sie aufhört, legitim zu
                    sein? Ist die in den letzten Jahren verstärkt systematisch angewandte Gewalt
                    gegen Minderheiten, Vertreterinnen und Vertretern von Frauenrechten, Arbeiter-
                    und ökologische Protestbewegungen das Symptom einer Reaktion gegen eine
                    tiefgreifende Kriminalisierung der Gesellschaft oder im Gegenteil die
                    Manifestation einer unrechtlichen Verwendung des Gewaltmonopols als eigentliche
                    Tatwaffe im Interesse individueller Interessen? Findet womöglich eine Umkehrung
                    der Täter-Opfer-Rolle statt, auf die zum Beispiel der französische Priester Abbé
                    Pierre in seiner berühmten Rede 1984 im Palais des Congrès in Paris wortstark
                    aufmerksam gemacht hatte:</p>
                <cit>
                    <quote><lg>
                            <l>Diejenigen, die das ganze Essen auf ihre Teller geschaufelt haben,
                                die Teller der anderen leer lassen und die, da sie nun alles an sich
                                gerissen haben, mit scheinheiligen Gesichtern sagen: „Wir, die wir
                                alles haben, sind für den Frieden!“, ich weiß, was ich diesen Leuten
                                zurufen muss: Die ersten Gewalttäter, die Provokateure, seid
                                ihr!</l>
                            <l>Wenn ihr abends in euren schönen Häusern mit eurem guten Gewissen
                                eure kleinen Kinder in die Arme schließt, habt ihr Rücksichtslose in
                                Gottes Augen wahrscheinlich mehr Blut auf den Händen, als der
                                Verzweifelte, der zu den Waffen gegriffen hat, um zu versuchen, aus
                                seiner Not auszubrechen, jemals haben wird. Aber lassen wir uns
                                nicht täuschen, Gewalt gibt es nicht nur durch Waffen, es gibt auch
                                Zustände der Gewalt. (<ref type="bibl" target="#Groues1984"
                                    xml:id="ref_Groues1984">Grouès [Abbé Pierre] 1984</ref>)<note
                                    xml:id="endnote_01"><p><quote source="#ref_Groues1984">Ceux qui
                                            ont pris tout le plat dans leur assiette, laissant les
                                            assiettes des autres vides, et qui ayant tout disent
                                            avec une bonne figure “Nous qui avons tout, nous sommes
                                            pour la paix !”, je sais ce que je dois leur crier à
                                            ceux-là : les premiers violents, les provocateurs, c’est
                                            vous ! Quand le soir, dans vos belles maisons, vous
                                            allez embrasser vos petits enfants, avec votre bonne
                                            conscience, vous avez probablement plus de sang sur vos
                                            mains d’inconscients, au regard de Dieu, que n’en aura
                                            jamais le désespéré qui a pris les armes pour essayer de
                                            sortir de son désespoir. Mais nous ne trompons pas, il
                                            n’y a pas de violence qu’avec des armes, il y a des
                                            situations de violences.</quote> (<ref type="bibl"
                                            target="#Groues1984" xml:id="ref_Groues1984">Discours de
                                            l’Abbé Pierre</ref>, Palais des Congrès de Paris, 1984.
                                        URL: <ref
                                            target="https://www.youtube.com/watch?v=kpFzztF1ozo&amp;ab_channel=FondationAbb%C3%A9Pierre"
                                            >www.youtube.com/watch?v=kpFzztF1ozo&amp;ab_channel=FondationAbb%C3%A9Pierre</ref>
                                    </p></note></l>
                        </lg></quote>
                </cit>
                <p>Im Oktober 2017 stellte die Fondation Abbé Pierre diese 1984 von dem berühmten
                    französischen Widerstandskämpfer und Aktivisten gegen Armut Henri Grouès,
                    genannt ‚Abbé Pierre‘, gehaltene Rede auf ihrem Youtube-Kanal online. Sie
                    erhielt rasch eine ganz neue Resonanz in der Jugend durch Künstler der Rap-Szene
                    (Brav <title>prolétariat</title>, Furax <title>Mona Lisa</title>, Sniper
                        <title>Jugement dernier</title>, NekFeu <title>Nique les clones II</title>),
                    aber auch durch die Verbreitung in den sozialen Medien während der
                    Demonstrationen der Gelbwesten (‚Gilets Jaunes‘) 2018 oder gegen die
                    Rentenreformen 2023. Die Rede hatte klar einen Nerv getroffen, den man aus dem
                    geschichtlichen Kontext erklären muss.</p>
                <p>Nach fünf Jahren einer von der sozialdemokratischen Partei eingeleiteten
                    Liberalisierung des Arbeitsmarktes unter François Hollande (2012-2017) kam der
                    ultraliberale Emmanuel Macron 2017 an die Macht. Geschichtlich kann und muss
                    hier vorab eine Parallele zu Deutschland gezogen werden, wo ähnliche Reformen,
                    jedoch ein Jahrzehnt früher, eingeleitet worden waren. Anzumerken ist, dass
                    dieser Zeitraum, zwischen 1990 und heute, ebenfalls von einem massiven
                    politischen Rechtsruck und einem weltweiten Rückgang der
                    Demokratisierungsprozesse gezeichnet ist (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Rodrik2021" xml:id="ref_Rodrik2021">Rodrik 2021</ref>). Seit 1980
                    hat die Demokratisierung, sei es nun in Europa oder weltweit, eine parabolische
                    Entwicklung durchlaufen, die von einer massiven positiven Entwicklungswelle nach
                    dem Zusammenbruch des Ostblocks bis hin zu einem Rückschlag reichte, der die
                    erzielten Fortschritte zunichtemachte. Der Großteil dieses Rückgangs begann, wie
                    gesagt, im 21. Jahrhundert, wobei der Zeitraum zwischen 2014 und 2017 als
                    Wendepunkt betrachtet werden kann, in dem sich die fallende
                    Demokratisierungskurve mit der rasant steigenden Autokratisierungskurve
                    schneidet (vgl. <ref type="bibl" target="#Luehrmann_Lindberg2019"
                        xml:id="ref_Luehrmann_Lindberg2019">Lührmann/Lindberg 2019</ref>). In der EU
                    allein sind mittlerweile schon 6 der 27 Mitgliedsstaaten in einem klaren Prozess
                    der Autokratisierung (<ref type="bibl" target="#Boese_etal2022"
                        xml:id="ref_Boese_etal2022-23">Boese et al. 2022: 23</ref>). 2021 waren
                    weltweit nur noch drei Staaten in einem wirklichen Demokratisierungsprozess
                    (Seychelles, Dominikanische Republik, Armenien). Im Vergleich befanden sich 36
                    Staaten, das sind umgerechnet 2.8 Milliarden Menschen, in einem
                    Autokratisierungsprozess (<ref type="bibl" target="#Boese_etal2022"
                        xml:id="ref_Boese_etal2022-7">ebd.: 7</ref>). Dieser Verfall der
                    demokratischen Freiheiten ist nicht ex nihilo entstanden, sondern geht einher
                    mit der ‚Bekehrung‘ der politischen Parteien zum Neoliberalismus (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Denord2004" xml:id="ref_Denord2004">Denord
                    2004</ref>).</p>
                <p>Mit dem weltweiten wirtschaftlichen und politischen Umschwung in den 1980er
                    Jahren und in den 1990er Jahren mit dem Ende des Kommunismus und dem Aufkommen
                    der neoliberalen Globalisierung formulierte sich das Verhältnis eines Teils der
                    Linken zum Liberalismus grundlegend neu. Man kann sogar von einem <quote
                        source="#ref_Audier2008-83">Neoliberalismus der zweiten Generation</quote>
                    sprechen (<ref type="bibl" target="#Audier2008" xml:id="ref_Audier2008-38"
                        >Audier 2008: 83</ref>), der die Errungenschaften der Thatcher-Ära
                    konsolidieren würde. Tony Blairs Ziel war es jedenfalls, Europa, insbesondere
                    Gerhard Schröders Deutschland, zu dem <quote source="#ref_Hombach_Mandelson1999"
                        >dritten Weg</quote> zu bewegen, den Bodo Hombach um das Thema der <quote
                        source="#ref_Hombach_Mandelson1999">Neuen Mitte</quote> herum neu
                    formulierte (vgl. <ref type="bibl" target="#Hombach_Mandelson1999"
                        xml:id="ref_Hombach_Mandelson1999">Hombach/Mandelson 1999</ref>). Denn dort,
                    wo sozialdemokratische Parteien früher bedeutende Akteure in den nationalen
                    Parteiensystemen waren und ein Gegengewicht zu den Wirtschaftseliten bildeten,
                    sind sie entweder fast verschwunden – wie zum Beispiel in Griechenland – oder
                    verzeichnen einen dramatischen Rückgang der Wählerstimmen. In den letzten
                    zwanzig Jahren war dies insbesondere der Fall für die Sozialdemokraten in
                    Deutschland (SPD) zwischen 2005 und 2021 und Frankreich (PS) ab 2014. In beiden
                    Fällen hatte der Wählerrückgang einen klaren Ausgangspunkt, nämlich die
                    ausdrückliche Befürwortung angebotsorientierter neoliberaler Reformen durch
                    sozialdemokratische ParteiführerInnen. Allerdings kam es in Deutschland weder zu
                    der Gewalteskalation noch zu der dramatischen Einschränkung der demokratischen
                    Freiheiten, die man in Frankreich sieht. Um auf diese zwei Punkte eingehen zu
                    können, müssen wir zunächst den neoliberalen Ruck in beiden Ländern vergleichend
                    betrachten.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-09_02">
                <head>2. Historischer Kontext einer sozialen und wirtschaftlichen Gewalt</head>
                <p>Der erste Schritt in diese sozial-wirtschaftliche Richtung waren die von
                    Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeleiteten Arbeitsmarktreformen in
                    Deutschland, die im Jahr 2003 begannen. Die Hartz- und Agenda 2010-Reformen,
                    benannt nach einem damaligen Personalleiter von Volkswagen, der Gerhard Schröder
                    bei der Ausarbeitung der Reformpläne beratend zur Seite stand, liefen auf eine
                    allgemeine Umgestaltung der deutschen Wirtschaft hinaus. Diese Reformen
                    symbolisierten den philosophischen und normativen Wandel in der Haltung
                    führender sozialdemokratischer Politiker, weg von einem Wohlfahrtsstaat, der auf
                    einer kollektiven Risikoverteilung der Lohnempfänger im
                    Sozialversicherungssystem basierte, hin zu einer neuen Ethik, die auf einer
                    Lastenverschiebung von den wohlfahrtsstaatlichen Institutionen auf die einzelnen
                    ArbeitnehmerInnen und privaten Haushalte beruhte (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Audier2008" xml:id="ref_Audier2008">Audier 2008</ref>).
                    Insbesondere durch die Hartz- und Agenda-Politik wurden nicht-reguläre
                    Beschäftigungsformen, wie befristete Beschäftigung und Leiharbeit mit
                    niedrigeren Standards der sozialen Absicherung, ausgeweitet und umfangreiche
                    Kürzungen von Sozialleistungen und Sozialversicherungsansprüchen eingeführt.
                    Etwa zur Zeit der Hartz-Reformen kam es auch zu Kürzungen des Rentenniveaus in
                    der gesetzlichen Rentenversicherung zugunsten der neu geschaffenen privaten
                    Einzelversicherung auf freiwilliger Basis, der sogenannten ‚Riester-Rente‘.</p>
                <p>All diese Reformen bedeuteten den dramatischsten Abbau von
                    Beschäftigungsstandards und sozialpolitischen Leistungen in der Geschichte der
                    Bundesrepublik (<ref type="bibl" target="#Giraud2010"
                        xml:id="ref_Giraud2010-23-35">Giraud/Lechevalier 2010: 23-35</ref>). Eine
                    neu eingeführte Sozialleistung der letzten Instanz, das sogenannte ‚Hartz
                    4‘-System, mit dem Langzeitarbeitslose und andere benachteiligte Gruppen aus der
                    Sozialversicherung ausgeschlossen werden sollten, wurde zum berüchtigten Symbol
                    der neuen Ordnung (vgl. <ref type="bibl" target="#Odent2017"
                        xml:id="ref_Odent2017">Odent 2017</ref>). Diese Politik löste die größte
                    Straßenprotestbewegung in der Geschichte des vereinigten Deutschlands aus, als
                    Millionen von Menschen im Laufe von Monaten, in einigen Fällen sogar Jahren, an
                    Straßenkundgebungen (Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau) gegen die
                    Hartz-Reformen teilnahmen. Die sogenannten Montagsdemos, die die DDR zu Fall
                    gebracht hatten, wurden hier symbolisch, aber ohne Erfolg wiederbelebt (<ref
                        type="bibl" target="#Rucht_Yang2004" xml:id="ref_Rucht_Yang2004">Rucht/ Yang
                        2004</ref>). Diese von der sozialdemokratischen Partei betriebene
                    Schuriegelung ihrer eigenen WählerInnen zu Gunsten des Kapitals, also von
                    Investitionen und Dividenden auf Kosten der Arbeit, hinterließ tiefe Spuren in
                    der Gesellschaft (vgl. <ref type="bibl" target="#Sandner2022"
                        xml:id="ref_Sander2022">Sandner 2022</ref>).</p>
                <p>Besonders wichtig ist anzumerken, dass 2004 sogar die Agenda des Leipziger
                    Parteitags von Angela Merkel erheblich unter Druck aus den eigenen Reihen
                    geriet: 56 Prozent der CDU-WählerInnen wünschten sich eine ‚sozialere‘ oder
                    gemäßigtere Ausrichtung der Partei (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kinderman2017" xml:id="ref_Kinderman2017">Kinderman 2017</ref>).
                    Die traditionelle konservative CDU wurde von der Politik Schröders gewissermaßen
                    ‚rechts‘ überholt. Verwundert fragten einige, ob und warum die Ostdeutschen den
                    Glauben an die Demokratie verloren hatten, für die sie doch 1989 gekämpft hatten
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Treusch2015" xml:id="ref_Treusch2015">Treusch
                        2015</ref>). Einige Jahre später verliefen die Gedenkfeiern zum Fall der
                    Berliner Mauer 2019 weitaus weniger triumphal als früher, denn nun hatte die
                    rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) in mehreren ehemaligen
                    ostdeutschen Bundesländern über 20 % der Stimmen erhalten. Meinungsumfragen
                    zeigten zudem, dass sich 58 % der Ostdeutschen <quote
                        source="#ref_Machowecz_etal2019-x">nicht besser vor staatlicher Willkür
                        geschützt fühlen als in der DDR</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Machowecz_etal2019" xml:id="ref_Machowecz_etal2019-x"
                        >Machowecz/Wefing 2019</ref>). Doch wäre es falsch zu glauben, dass dieses
                    Misstrauen in den Staat eine ostdeutsche Besonderheit darstelle. In Frankreich
                    war die Entwicklung ähnlich, nur zeitverschoben. Zwar wollte schon der
                    Konservative Jacques Chirac Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in
                    Großbritannien nachahmen und versprach 1986, dass auch er Frankreich auf den Weg
                    der sozialen Deregulierung bringen würde (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Denord2004" xml:id="ref_Denord2004">Denord 2004</ref>). Aber er und
                    sein Arbeitsminister Philippe Séguin gingen letztlich nur mit äußerster Vorsicht
                    vor und ergriffen in Wirklichkeit nur eine neoliberale Maßnahme: die Abschaffung
                    der administrativen Genehmigung vor Entlassungen. Über das Fünfjahresgesetz für
                    Beschäftigung und Berufsbildung, das im Dezember 1993 unter der Regierung von
                    Édouard Balladur verabschiedet wurde, lässt sich in etwa das Gleiche sagen.
                    Obwohl es sich um eine viel umfangreichere Reform handelt, die unzählige
                    Bestimmungen enthält, die Erleichterungen bei den Sozialversicherungsbeiträgen,
                    Bestimmungen zur Gestaltung und Modulation der Arbeitszeit oder zur Förderung
                    von Familienarbeit beinhalten, zielte eine einzige wichtige Maßnahme darauf ab,
                    die Art des Arbeitsvertrags zu ändern: Es ging darum, befristete Arbeitsverträge
                    für Jugendliche unter 26 Jahren einzuführen, die zwischen sechs Monaten und
                    einem Jahr liegen und einmal verlängert werden konnten. Der als <title>Contrat
                        d'insertion professionnelle</title> (CIP) bezeichnete Vertragsentwurf wurde
                    von den Hunderttausenden OberschülerInnen und StudentInnen, die Ende Februar
                    1994 auf die Straße gingen, sofort in <title>Smic jeunes</title> umbenannt, so
                    dass Premierminister Édouard Balladur am 30. März 1994 gezwungen wurde, seinen
                    Entwurf zurückzuziehen (vgl. <ref type="bibl" target="#Morder2020"
                        xml:id="ref_Morder2020">Morder 2020</ref>).</p>
                <p>In den Jahren nach dem Machtwechsel von 2002 beschleunigte sich in Frankreich die
                    soziale Deregulierung parallel zu den Fortschritten der Globalisierung. Aber die
                    nachfolgenden Regierungen, die von Jean-Pierre Raffarin und danach die von
                    Dominique de Villepin, leiteten Reformen immer noch mit Bedacht ein. Es wurden
                    neue Formen deregulierter Beschäftigung geschaffen, wie der Vertrag zur
                    Ersteinstellung (CPE) von Dominique de Villepin. All diese Maßnahmen zielten
                    jedoch nur schleichend darauf ab, den unbefristeten Arbeitsvertrag (CDI) zu
                    umgehen, und stellen ihn noch nicht frontal in Frage. Doch ab 2007, mit der Wahl
                    von Nicolas Sarkozy, änderte sich der Kurs dramatisch: Die soziale Deregulierung
                    wurde zum geforderten Ziel der Staatsmacht, das im Zweifel auch mit Gewalt gegen
                    DemonstrantInnen durchgesetzt wurde. Hier liegt ein zentraler Unterschied
                    zwischen Frankreich und Deutschland. Zwar wurden zum Beispiel
                    Gummigeschosswaffen schon in den 1990er Jahren in Frankreich eingeführt, aber
                    erst unter dem damaligen Innenminister und späteren Präsidenten Nicolas
                        Sarkozy<note xml:id="endnote_02"><p><ref type="bibl" target="#LOPSI2002"
                                xml:id="ref_LOPSI2002">LOPSI</ref> - Loi d'orientation et de
                            programmation pour la sécurité intérieur, 2002.</p></note> wurde ihr
                    systematischer Einsatz fester Bestandteil des Polizei-Arsenals, wenn auch noch
                    mehrheitlich gegen die Bevölkerung der Banlieue, besonders nach den Unruhen von
                    2005 (vgl. <ref type="bibl" target="#Jobard2015" xml:id="ref_Jobard2015">Jobard
                        2015</ref>). Als Reaktion auf diese gesellschaftliche und wirtschaftliche
                    Brutalisierung der Politik wurde Nicolas Sarkozy aber 2012 abgewählt und zum
                    ersten Mal seit 1981 ein sozialdemokratischer Präsident, François Hollande,
                    gewählt. Hollande hatte in einer Rede vom 22. Januar 2012 die Missstände klar
                    auf den Punkt gebracht:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_DeSutter2016-37">Aber bevor ich über mein Projekt spreche,
                        möchte ich Ihnen etwas anvertrauen. In diesem Kampf, der nun beginnt, werde
                        ich Ihnen sagen, wer mein Gegner ist, mein wirklicher Gegner. Er hat keinen
                        Namen, kein Gesicht, keine Partei, er wird nie kandidieren, also auch nicht
                        gewählt werden und doch regiert er. Dieser Gegner ist die Finanzwelt. Vor
                        unseren Augen hat die Finanzwelt innerhalb von 20 Jahren die Kontrolle über
                        die Wirtschaft, die Gesellschaft und sogar über unser Leben übernommen.
                        Jetzt ist es möglich, im Bruchteil einer Sekunde schwindelerregende
                        Geldsummen zu bewegen, Staaten zu bedrohen. (<ref type="bibl"
                            target="#DeSutter2016" xml:id="ref_DeSutter2016-37">De Sutter 2016:
                            37</ref>)<note xml:id="endnote_03"><p><quote
                                    source="#ref_DeSutter2016-37">Mais avant d’évoquer mon projet,
                                    je vais vous confier une chose. Dans cette bataille qui
                                    s’engage, je vais vous dire qui est mon adversaire, mon
                                    véritable adversaire. Il n’a pas de nom, pas de visage, pas de
                                    parti, il ne présentera jamais sa candidature, il ne sera donc
                                    pas élu, et pourtant il gouverne. Cet adversaire, c’est le monde
                                    de la finance. Sous nos yeux, en vingt ans, la finance a pris le
                                    contrôle de l’économie, de la société et même de nos vies.
                                    Désormais, il est possible en une fraction de seconde de
                                    déplacer des sommes d’argent vertigineuses, de menacer des
                                    Etats.</quote>(<ref type="bibl" target="#DeSutter2016"
                                    xml:id="ref_DeSutter2016-13">De Sutter 2016: 37</ref>
                                [Übersetzung F. T.])</p></note></quote>
                </cit>
                <p>Diese Kriegserklärung an die Finanzwelt löste bei vielen WählerInnen Begeisterung
                    aus und wurde zum Leitmotiv der französischen Präsidentschaftswahlen 2012. Doch
                    kaum gewählt, wird Hollande die eingeleiteten Reformen nicht nur weiterführen,
                    sondern beschleunigen. Damit wird auch schnell klar, welcher Sozialphilosophie
                    die Politik folgt, die ab 2012 von François Hollande vorangetrieben wurde: Sie
                    ähnelt viel stärker der von Nicolas Sarkozy zwischen 2007 und 2012 als der von
                    der konservativen Rechten in früheren Perioden, sei es in den Jahren 1986-1988,
                    1993-1997 oder auch 2002-2007. Die Inspiration von François Hollande war die
                    gleiche wie die von Nicolas Sarkozy: Das Unternehmen war der einzige Bezugspunkt
                    und musste Vorrang vor dem Gesetz oder der Branchenvereinbarung haben. Auf einen
                    Schlag, ab 2012, waren die Angriffe gegen das Arbeitsrecht heftiger und vor
                    allem viel häufiger. Sobald eine unsoziale Reform in Kraft trat, wurde sofort
                    eine weitere angekündigt, was die Gewerkschaften völlig überrumpelte. So gab es
                    2013 das branchenübergreifende nationale Abkommen (<ref type="bibl"
                        target="#ANI2013" xml:id="ref_ANI2013">ANI</ref>) „über die
                    Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung der Beschäftigung“, das eine Kaskade von
                    sozial sehr rückschrittlichen Bestimmungen mit sich brachte: Möglichkeit des
                    Rückgriffs auf Betriebsvereinbarungen, die eine Erhöhung der Arbeitszeit ohne
                    Lohnerhöhung und sogar mit Lohnsenkungen zulassen; erleichterte Verfahren für
                    wirtschaftliche Entlassungen mit der Möglichkeit beschleunigter Sozialpläne, die
                    nach drei Wochen als konform gelten, wenn die Verwaltung nicht vorher ihr Veto
                    eingelegt hat; Verkürzung des Zeitraums, in dem ein Arbeitnehmer oder eine
                    Arbeitnehmerin bei Rechtsstreitigkeiten zwischen ihm/ihr und seinem/ihrem
                    Arbeitgeber oder seiner/ihrer Arbeitgeberin klagen kann.</p>
                <p>Im Jahr 2015 wurde dann auch noch das Macron-Gesetz verabschiedet, damals noch
                    Arbeitsminister unter Hollande, mit dem das Arsenal dieser antisozialen
                    Maßnahmen durch die Deregulierung der Sonntagsarbeit noch weiter ausgebaut
                    wurde. Auch neue Bestimmungen, die das Entlassungsverfahren noch weiter
                    vereinfachten und die Berufungsmöglichkeiten der ArbeitnehmerInnen noch weiter
                    einschränkten, wurden in dieses Sammelsurium von Gesetzen aufgenommen. 2017 kam
                    es dann zu den Wahlen, in denen, zum ersten Mal in der Geschichte der Fünften
                    Republik, ein Präsident dermaßen unbeliebt war, dass er sich nicht einmal zur
                    Wiederwahl hätte stellen können. Dabei ist Emmanuel Macron die Inkarnation
                    dieser Finanzwelt, die Hollande 2012 an den Pranger gestellt hatte. Auch Macrons
                    Reformen stießen schnell auf Widerstand, der in der Gelbwestenbewegung zwischen
                    November 2018 und Frühjahr 2019 kulminierte. Auf diese landesweiten Protesten
                    wurde mit massiver Gewaltanwendung geantwortet (<ref type="bibl"
                        target="#Codaccioni2019" xml:id="ref_Codaccioni2019">Codaccioni 2019:
                        24</ref>). Laut Amnesty International gab es 2500 Verletzte (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Amnesty2019" xml:id="ref_Amnesty-x">Amnesty
                        International 2019</ref>), die Zeitung <title>Libération</title> spricht
                    zudem von 143 Schwerverletzten (darunter 17 Frauen) (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Pezet2019" xml:id="ref_Pezt2019">Pezet 2019</ref>). Eine Person,
                    die unbeteiligte 80-jährige Französin Zineb Redouane, wurde mit einer
                    Tränengasgranate getötet, 5 Personen wurde die Hand abgerissen (GLI
                    F4-Granaten), 24 Personen verloren die Sehkraft eines Auges (Kugeln aus LBD 40
                    und Sprenggranaten mit Gummigeschossen), eine Person verlor dauerhaft ihr Gehör
                    (Granaten). Seitdem sind Protestbewegungen, die nicht mit Tränengas, Granaten
                    und Gummigeschossfeuer niedergeschlagen werden, selten. Seien es nun
                    Umweltproteste wie in Sainte-Soline, wo mehr als 5000 Granaten in weniger als
                    zwei Stunden eingesetzt wurden (200 Verletzte, davon 2 lebensbedrohlich) (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#LDH2023b" xml:id="ref_LDH2023b-92">LDH 2023b:
                        92</ref>), oder zuletzt gegen die Rentenreform.</p>
                <p>Letzteres ist ein hervorragendes Beispiel für das Kräfteverhältnis, das sich
                    gegen die einkommensschwächsten Klassen der Gesellschaft richtet. Indem es ein
                    Einkommen nach dem ‚Arbeitsleben‘ garantierte, hatte das Umlageverfahren zur
                    Finanzierung der Renten es Frankreich ermöglicht, 2020 die niedrigste
                    Armutsquote in Europa unter den über 65-Jährigen zu verzeichnen: 9,2 % der
                    RentnerInnen lebten in Frankreich unter der Armutsgrenze, gegenüber 16,5 % im
                    Durchschnitt der Europäischen Union und laut Eurostat mehr als 19,4 % in
                    Deutschland oder Österreich (vgl. <ref type="bibl" target="#Eurostat2024"
                        xml:id="ref_Eurostat2024">Eurostat 2024</ref>). Aus finanzieller Sicht war
                    das System äußerst robust, wie der Conseil d'orientation des retraites
                    (Renten-Orientierungsrat) auch eindeutig feststellte (<ref type="bibl"
                        target="#Bras_etal2022" xml:id="ref_Bras_etal2022">Bras et al. 2022:
                        124</ref>). Das System wird hauptsächlich durch Beiträge auf die gesamte
                    Lohnsumme finanziert. Ohne jegliche Reform sahen die Projektionen für die
                    Zukunft ein sehr geringes Defizit von etwa 10 Milliarden bei einem Gesamtvolumen
                    von 300 Milliarden in den nächsten 15 Jahren vor, aber keine finanzielle Gefahr
                        (<ref type="bibl" target="#Bras_etal2022" xml:id="ref_Bras_etal2022-126"
                        >ebd.: 126</ref>). Die eingeleitete Reform zielte daher auch keineswegs
                    darauf ab, das System zu konsolidieren, sondern war von Anfang an auf massive
                    Einsparungen im Bereich der Sozialleistung ausgerichtet, um insbesondere die
                    Steuersenkungen für Unternehmen auszugleichen, wie die Abschaffung der
                    Produktionssteuer (vgl. <ref type="bibl" target="#Lojkine2022"
                        xml:id="ref_Lojkine2022">Lojkine 2022</ref>).</p>
                <p>Während zwei von zehn FranzösInnen im Jahr 2022 nicht in der Lage waren, ihre
                    Lebenshaltungskosten und Energierechnungen zu bezahlen, haben die zehn reichsten
                    MilliardärInnen Frankreichs ihr Vermögen um 189 Milliarden Euro ausgeweitet –
                    das entspricht den Gas-, Strom- und Treibstoffrechnungen aller FranzösInnen für
                    zwei Jahre – heißt es im letzten Oxfam-Bericht (<ref type="bibl"
                        target="#Oxfam2023" xml:id="ref_Oxfam2023">Oxfam 2023</ref>). Heute sind
                    fünf von sechs französischen MilliardärInnen reicher als vor Beginn der
                    Pandemie. Laut dem Bericht sind zwischen März 2020 und März 2021 die 42
                    französischen MilliardärInnen (darunter 6 Frauen) um mehr als 200 Milliarden
                    Euro reicher geworden. Der reichste Mann der Welt, Bernard Arnault, hat sein
                    Vermögen seit Beginn der Covid-19-Pandemie von 85,7 auf 179 Milliarden Euro
                    verdoppelt. Die NGO befürchtet angesichts der derzeitigen Konzentration des
                    Reichtums ein „Risiko für die Demokratie“ (<ref type="bibl" target="#Oxfam2023"
                        xml:id="ref_Oxfam2023">ebd.</ref>). Unter anderem angesichts der Tatsache,
                    dass 2 % des Gesamtvermögens der französischen MilliardärInnen ausreichen
                    würden, um das vermeintliche Defizit des Rentensystems (das nicht bewiesen
                    werden konnte) zu finanzieren.</p>
                <p>Der Oxfam-Bericht zeigt weiter, dass Unternehmen aus dem Agrar-, Lebensmittel-
                    und Energiesektor ihre Gewinne bis 2022 mehr als verdoppelt haben. Sie haben
                    ‚Superprofite‘ von über 300 Milliarden Euro erzielt, indem sie ihre
                    Gewinnspannen erhöht haben, und das, obwohl mehr als 820 Millionen Menschen
                    weltweit, vor allem Mädchen und Frauen, nicht genug zu essen haben. <quote
                        source="#Groues1984">Diejenigen, die das ganze Essen auf ihren Teller
                        geschaufelt haben, die Teller der anderen leer lassen und die, da sie nun
                        alles an sich gerissen haben, mit scheinheiligen Gesichtern sagen ‚Wir, die
                        wir alles haben, sind für den Frieden!‘</quote>, die vermeintliche Metapher
                    der Abbé Pierre erweist sich als nüchterne Realität (<ref type="bibl"
                        target="#Groues1984" xml:id="ref_Groues1984">Grouès [Abbé Pierre]
                    1984</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-09_03">
                <head>3. Von der Legitimierung der Gewalt</head>
                <p>Die Frage der Legitimität der Gewalt wird nun wieder verstärkt debattiert, ob nun
                    in Deutschland, z.B. im Umgang mit den UmweltaktivistInnen der <term>Letzten
                        Generation</term> (vgl. <ref type="bibl" target="#Rushton2023"
                        xml:id="ref_Rushton2023">Rushton 2023</ref>), oder, wie wir gerade gesehen
                    haben, in Frankreich. Dabei ist der ausschlaggebende Unterschied zwischen den
                    beiden Ländern vermutliche in der schleichenden Militarisierung und Bewaffnung
                    der Polizeikräfte in Frankreich zu finden (vgl.<ref type="bibl"
                        target="#Moreira2023" xml:id="ref_Moreira2023"> Moreira 2023</ref>). Denn
                    durch die breite Einführung von sogenannten nicht letalen Wirkmitteln wurden
                    einerseits das Gewaltpotential und die Wahrscheinlichkeit der Gewaltanwendung
                    erhöht und gleichzeitig wurde die Hemmschwelle ihrer Verwendung gesenkt (<ref
                        type="bibl" target="#Ariel_etal2019" xml:id="ref_Ariesl_etal2019">Ariel et
                        al. 2019</ref>). In Deutschland hingegen ist der Einsatz solcher Waffen eher
                    selten und ihr Gebrauch von Land zu Land unterschiedlich. Im Polizeigesetz des
                    Landes Nordrhein-Westfalen heißt es zum Beispiel:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_PolG_oJ-65">Schusswaffen dürfen gegen Personen in einer
                        Menschenmenge nur gebraucht werden, wenn von ihr oder aus ihr heraus
                        schwerwiegende Gewalttaten begangen werden oder unmittelbar bevorstehen und
                        andere Maßnahmen keinen Erfolg versprechen. (<ref type="bibl"
                            target="#PolG_oJ" xml:id="ref_PolG_oJ-65">PolG NRW, § 65</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Anzumerken ist, dass hier nicht nach Munition unterschieden wird. Der Einsatz der
                    Gewalt wird demnach zwei Imperativen unterstellt. Sie muss erstens als absolute
                    Ausnahme verstanden werden, die nur nach Erschöpfung aller anderen Mittel
                    legitimiert werden kann. Zweitens muss der Gewalteinsatz von Polizeipersonal so
                    zurückhaltend wie möglich sein. Doch statt den Gewalt- beziehungsweise
                    Waffeneinsatz an sich kritisch zu hinterfragen, wurde in Frankreich verstärkt
                    seine inhärente Legitimität postuliert, mit einem verstärkten Rückgriff auf Max
                    Weber als vermeintliche Autorität. In der Regel landen sozialwissenschaftliche
                    Konzepte nicht unbehelligt in der öffentlichen Debatte. Doch mit Max Weber und
                    seinem Begriff des <term>legitimen Gewaltmonopols</term>, das der Staat für sich
                    in Anspruch nimmt, reihen sich neuerdings in Ansprachen und Pressemitteilungen
                    Fehlinterpretationen und Missbrauch mit ungewöhnlicher Intensität aneinander. Zu
                    einem starren Slogan gemacht und von der Argumentationsweise, die ihn
                    hervorgebracht hat, abstrahiert, dient die Formel als gelehrter Firnis für eine
                    Relativierung oder sogar Rechtfertigung der Polizeigewalt, die der Staatsmacht
                    vorgeworfen wird. Die absurdeste Version dieses rhetorischen Kraftakts lieferte
                    der rechtsextreme Politiker Éric Zemmour am Donnerstag, dem 30. März 2023 auf
                    BFMTV. <quote source="#Zemmour2023">Es kann keine Polizeigewalt geben, weil die
                        Polizei und damit der Staat das Monopol der legitimen Gewalt hat. Das wissen
                        wir seit Max Weber,</quote> erklärte er (<ref type="bibl"
                        target="#Zemmour2023" xml:id="ref_Zemmour2023">Zemmour 2023</ref>). Wörtlich
                    genommen läuft dieser Satz darauf hinaus, dass das Gewaltmonopol die Existenz
                    der Gewalt an sich aufhebe. Mit demselben Verweis auf den deutschen Soziologen
                    hatte sich auch der französische Innenminister Gérald Darmanin am 28. Juli 2020
                    vor dem Rechtsausschuss der Nationalversammlung geäußert: <quote
                        source="#ref_Franceinfo2020">Die Polizei übt Gewalt aus, gewiss, aber eine
                        legitime Gewalt. Das ist so alt wie Max Weber!</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Franceinfo2020" xml:id="ref_Franceinfo2020">franceinfo 2020</ref>)
                    Dieser Argumentation zufolge ist staatliche Gewalt legitim, weshalb eine Kritik
                    an ihrer Ausübung darauf hinauslaufe, die gesamte politische Ordnung in Frage zu
                    stellen. Die Existenz von ‚schwarzen Schafen‘, die Befehle oder das Maß
                    überschreiten, wird allenfalls zugegeben, aber nicht mehr als in jedem anderen
                    Beruf auch. Jedoch ist der Unterschied in der Natur der Gewaltausübung
                    ausschlaggebend. Ein Beispiel dafür ist der Tod von Nahel Merzouk. Am 27. Juni
                    2023 wird dieser, ein 17-jähriger französisch-algerischer Jugendlicher, bei
                    einer Verkehrskontrolle in Nanterre, Hauts-de-Seine (Île-de-France), von einem
                    Polizisten namens Florian M. aus nächster Nähe erschossen. Nahels Tod war
                    keineswegs ein einfacher Fehler, sondern eine logische Konsequenz politischer
                    Entscheidungen, die darauf abzielen, sich von den Regeln der Rechtsstaatlichkeit
                    zu befreien, was de facto dazu führte, eine verdeckte Form von Todesstrafe
                    einzuführen, in der die Hypothese der zeitgleichen Verurteilung und Tötung durch
                    einen Polizisten technisch akzeptabel gemacht werden sollte. In diesem Sinne
                    hatte auch bereits 2021 Fabien Vanhemelryck, Generalsekretär der
                    Polizeigewerkschaft Alliance, <quote source="#ref_Sere_Daoulas2021">Das Problem
                        der Polizei ist die Justiz!</quote> skandiert (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Sere_Daoulas2021" xml:id="ref_Sere_Daoulas2021">Séré/Daoulas
                        2021</ref>).</p>
                <p>So ist von Regierung zu Regierung, seit 2005, in Frankreich unter dem Deckmantel
                    des Kampfes gegen Terrorismus, Einwanderung und Kriminalität eine Reihe von
                    freiheitsfeindlichen Gesetzen erlassen worden, die mehr und mehr Gewaltanwendung
                    gerechtfertigt haben – bis hin zur Neufassung des Artikels 435-1 des Gesetzes
                    über die innere Sicherheit im Jahr 2017,<note xml:id="endnote_04"><p>Code de la
                            sécurité interieure: <ref
                                target="https://www.legifrance.gouv.fr/codes/article_lc/LEGIARTI000034107970"
                                >www.legifrance.gouv.fr/codes/article_lc/LEGIARTI000034107970</ref></p></note>
                    mit der die Bedingungen für den Einsatz von Schusswaffen durch die
                    Ordnungskräfte gelockert wurden. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten.
                    Die Zahl der durch die Polizei getöteten Personen hat sich seit 2020 im
                    Vergleich zu den 2010er Jahren verdoppelt (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Mathiot2021" xml:id="ref_Mathiot2021">Mathiot 2021</ref>) – am
                    häufigsten wegen Weigerung, einem Haltebefehl Folge zu leisten. Fünfmal so viele
                    tödliche Schüsse wurden unter diesen Umständen abgefeuert. Die stetige
                    Ausdehnung der möglichen Gewaltausübung schuf ein erhöhtes Gewaltpotential, das
                    nun im Nachhinein immer wieder legitimiert werden muss. In einigen Teilen des
                    Landes ist diese nun zur neuen Normalität geworden (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Cora_etal2023" xml:id="ref_Cora_etal2023">Corà/Ackermann
                    2023</ref>) und bildet damit einen Nährboden für angestaute potenzielle
                    Gegengewalt, die wiederum zu vermehrter Staatsgewalt führen wird. Daher ist es
                    umso wichtiger zu unterstreichen, dass Max Weber bei der Definition des Staates
                    nicht von seinen Zielen oder Funktionen ausging, sondern von den Mitteln, die
                    der Staat einsetzen könne, um seine Existenz zu erhalten. Ob es nun moralisch,
                    wünschenswert oder akzeptabel sei, auf Gewalt zurückzugreifen, das bewertet
                    Weber nicht.</p>
                <p>Damit verkörperte der Soziologe eine Tradition, die sich mit der Entstehung des
                    Staates befasst, um zu verstehen, wie diese institutionelle Anordnung auf Kosten
                    anderer aufgebaut und verbreitet wurde. Diese geistige Haltung ist weit entfernt
                    von den idealistischen oder quasi religiösen Reflexen derjenigen, die den Staat
                    zu einer erhabenen und transzendenten Realität machen, die jeder Kritik entzogen
                    ist, weil sie uns vor einem vermeintlichen Chaos schützen soll. Mit den Worten
                    des römischen Dichters Plautus, <hi rend="italic">Homo homini lupus est</hi>,
                    legitimierte Thomas <ref type="bibl" target="#Hobbes2010"
                        xml:id="ref_Hobbes2010">Hobbes (2010 [1651])</ref> in seinem
                        <title>Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth
                        Ecclesiasticall and Civil</title> philosophisch schon den Absolutismus als
                    Notwendigkeit, um die vermeintlich blutrünstige Natur des Menschen in Schach zu
                    halten. Die Staatsgewalt sei also schlussendlich ein unumgängliches, kleineres
                    Übel. Die Geschichte des Staates zu erforschen, bedeutet also, die Geschichte
                    einer Strategie zur Anhäufung von Macht, Vermögen und Wissen zu schreiben und
                    die Schaffung einer politischen Herrschaft zu beschreiben. Daraus lassen sich
                    die unterschiedlichsten Standpunkte ableiten: Einige wollen diesen Rahmen
                    abschaffen, andere ziehen es vor, ihn in eine liberale und egalitäre Richtung zu
                    verändern. Aber von der Annahme auszugehen, dass der Staat die Legitimität per
                    se zum Ausdruck bringt, ist entweder naiv oder eine bewusste Beteiligung an
                    diesem Dominanzunternehmen. Weber gab dem Terminus selbst keinen normativen
                    Inhalt und man könnte ferner darauf hinweisen, dass kaum jemand daran denken
                    würde, die Gewalt, die der nordkoreanische Staat gegen die Bevölkerung ausübt,
                    als ‚legitim‘ zu bezeichnen. Dieser Widerspruch verdeutlicht die Grenzen der
                    Weberschen Definition, die nicht unüberwindbar ist und auch nicht als solche
                    gedacht wurde. Vor allem aber ermöglicht er uns, auf die Bedingungen
                    zurückzukommen, unter denen hier und heute staatliche Gewalt als legitim
                    wahrgenommen werden kann. Denn wenn Gewalt in unseren repräsentativen und
                    demokratisierten Regimen als legitim empfunden wird, dann geschieht dies nicht
                    durch Zauberei, sondern weil der Einsatz dieser Gewalt in einem Verhältnis
                    gegenseitiger Zwänge zwischen Herrschenden und Beherrschten stattfindet. Auch
                    wenn es diejenigen erschreckt, die sich zu Unrecht auf Max Weber berufen, können
                    wir uns zur Erweiterung dieses Gedankens an marxistische Staatstheoretiker
                    wenden, insbesondere an das Werk von Nicos Poulantzas. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-09_04">
                <head>4. Vom Aushöhlen der humanistischen und demokratischen Grundwerte </head>
                <p>Nach dem Militärputsch in Griechenland versuchte Poulantzas, die
                    Militärdiktaturen in seinem eigenen Land und auf der Iberischen Halbinsel zu
                    verstehen. Und als diese Diktaturen stürzten, fiel ihm auf, dass die herrschende
                    Klasse in den betroffenen Ländern zur Demokratisierung der Regime beigetragen
                    hatte, ohne dass es den Kräften, die einen sozialistischen Übergang förderten,
                    gelungen war, diesen Kontext für ihre Zwecke zu nutzen. Diese Ereignisse
                    veranlassten ihn, intensiv darüber nachzudenken, wie die
                    Reproduktionsmechanismen des kapitalistischen Staates eingedämmt werden können.
                    In seinem Werk <title>L'Etat, le Pouvoir, le Socialisme</title>, erschienen
                    1978, wird Poulantzas' berühmteste Idee, dass der kapitalistische Staat <quote
                        source="#ref_Poulantzas2013-191">als ein Verhältnis, genauer gesagt als die
                        materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses zwischen Klassen und
                        Klassenfraktionen</quote> (<ref type="bibl" target="#Poulantzas2023"
                        xml:id="ref_Poulantzas2013-191">Poulantzas 2013: 191</ref>)<note
                        xml:id="endnote_05"><p><quote source="#ref_Poulantzas2013-191">[Il] ne doit
                                pas être considéré comme une entité intrinsèque mais [...] comme un
                                rapport, plus exactement comme la condensation matérielle d’un
                                rapport de forces entre classes et fractions de classe, tel qu’il
                                s’exprime, de façon spécifique toujours, au sein de l’État</quote>
                                (<ref type="bibl" target="#Poulantzas2023"
                                xml:id="ref_Poulantzas2023-191">Poulantzas 2013: 191</ref>
                            [Übersetzung F.T.]).</p></note> definiert werden kann, in einer
                    weiterentwickelten Form wiedergegeben. Damit wendet sich Poulantzas gegen zwei
                    Arten von überholten Staatsauffassungen, die immer noch verbreitet sind (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Douet2019" xml:id="ref_Douet2019">Douet
                    2019</ref>). Die erste Auffassung macht den Staat zu einem bloßen Instrument in
                    den Händen der herrschenden Klasse. In dieser Logik wird ihm keine Autonomie
                    zugestanden. Der einzige Ausweg besteht darin, den Staat als Ganzes zu
                    zerschlagen, um ihn durch eine Volksmacht zu ersetzen, die sich als Antistaat
                    oder Parallelstaat aufgebaut hat. Hier erkennt man die revolutionäre
                    kommunistische Strategie der Doppelmacht, deren rudimentären Charakter
                    Poulantzas ebenso kritisiert wie die Gefahr des Abgleitens in die despotische
                    Herrschaft, die sich am Schicksal der bolschewistischen Revolution exemplarisch
                    ablesen lässt. Die zweite Auffassung macht den Staat zu einer neutralen Einheit,
                    die als Schiedsrichter in einem unverfälschten Wettbewerb zwischen sozialen
                    Gruppen fungiert. In dieser Logik ist seine Autonomie vollkommen. Es genügt
                    daher, ihn in seiner bestehenden Form zu investieren, um die Kontrolle über ihn
                    zu erlangen. Hier erkennt man die reformistische Strategie der Sozialdemokratie,
                    die den Staat allmählich in den Dienst der untergeordneten Massen stellen will,
                    sich aber dabei ertappt, die Staatsraison zu übernehmen und sich auf sie zu
                    berufen, um die Forderungen ihrer sozialen Basis einzudämmen beziehungsweise
                    ganz zu übergehen.</p>
                <p>Poulantzas hat mehrere Erscheinungsformen eines autoritären Etatismus ausgemacht:
                    den Niedergang des Parlamentarismus zugunsten der hohen Verwaltung und der
                    Exekutiven; die Devitalisierung der großen Regierungsparteien; die Verringerung
                    der Bandbreite der politischen Wahlmöglichkeiten, die den Bürgern von einer
                    Partei zur anderen geboten werden; die Wiederbelebung eines Diskurses über
                    Gesetz und Ordnung und die Infragestellung des Sozialstaats (<ref type="bibl"
                        target="#Poulantzas2023" xml:id="ref_Poulantzas2023-285-346">Poulantzas
                        2013: 285-346</ref>). Man muss hier feststellen, dass all diese Punkte in
                    Frankreich bereits eingetreten sind. Emmanuel Macron wurde zum Beispiel zweimal
                    gewählt, nicht weil seine Ideen besonders beliebt sind oder breiten Zuspruch
                    erhalten hätten, sondern, wie er selbst zugeben musste (<ref type="bibl"
                        target="#Caddeo_LeDu2023" xml:id="ref_Caddeo_LeDu2023">Caddeo/Le Du
                        2023</ref>), um die extreme Rechte abzuwehren, deren Kandidatin Marine Le
                    Pen sowohl 2017 als auch 2022 in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen
                    kam. Dennoch hat seine Politik die Vielfalt der Stimmen, die sich für seinen
                    Wahlzettel entschieden haben, in keiner Weise berücksichtigt und stattdessen,
                    wie wir gesehen haben, dem Land einen Gewaltmarsch zu noch mehr Ungleichheit und
                    Ungerechtigkeit aufgezwungen. Um seinen Kurs halten zu können, hat er sich
                    schließlich entschlossen, nicht nur mit der extremen Rechten zusammenzuarbeiten,
                    sondern die letzte symbolische Trennwand, die die humanistischen DemokratInnen
                    von ihnen trennte, einzureißen.</p>
                <p>Seit der Französischen Revolution eint die intellektuelle und politische Familie
                    der extremen Rechten in ihren verschiedenen Ausprägungen die kategorische
                    Ablehnung dessen, was in der Erklärung von 1789 vor aller Welt verkündet wurde:
                    die natürliche Gleichheit, die die treibende Kraft für die Erfassung, Eroberung
                    und Verteidigung der Grundrechte des Menschengeschlechts war und ist. In allen
                    Breitengraden ist daher das Privileg der Geburt, des Geschlechts, der Herkunft
                    und der Zugehörigkeit das radikal antidemokratische Credo der extremen Rechten,
                    mit der konkreten Folge der Hierarchie der Humanitäten, der Identitäten, der
                    Kulturen, der Zivilisationen und der Glaubensrichtungen. Anders gesagt, dass die
                    Menschenrechte nicht für alle gelten, dass die Einwanderung eine Bedrohung oder
                    sogar eine Gefahr darstellt. Davon wird abgeleitet, dass der Teil Gesellschaft,
                    der aus ihr hervorgeht, selbst eine Gefahr für das Land, seine Identität oder
                    seine Kultur darstellt. Und genau das greift das neue Einwanderungsgesetz auf
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#LeDu2024" xml:id="ref_LeDu2024">LeDu
                    2024</ref>). Mit der Entscheidung für diese fremdenfeindliche Agenda als
                    politisches Ablenkungsmanöver unmittelbar nach seinem Gewaltakt angesichts der
                    Ablehnung seiner Rentenreform durch das Parlament, die Gewerkschaften und die
                    Bevölkerung und mit der absoluten Unterstützung der ideologischen Linie seines
                    Innenministers, Gerald Darmanin, dessen ideologische Bezugspunkte von der
                    extremen Rechten stammen, hat Emmanuel Macron dem Rassemblement National mehr
                    als nur die Hand gereicht. Die Grundpfeiler der Republik, von der Allgemeinen
                    Erklärung der Menschenrechte über die Verfassung bis hin zur Präambel der
                    Verfassung von 1946, in der es heißt: <quote source="#ref_Preambule1946">Jeder
                        Mensch hat ohne Unterschied der Rasse, der Religion oder des Glaubens
                        unveräußerliche und heilige Rechte</quote>,<note xml:id="endnote_06"
                                ><p><quote source="#ref_Preambule1946">[...] Tout être humain, sans
                                distinction de race, de religion ni de croyance, possède des droits
                                inaliénables et sacrés.</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Preambule1946" xml:id="ref_Preambule1946">Préambule de la
                                Constitution du 27 octobre 1946</ref> [Übersetzung F.T.])</p></note>
                    wurden hier umgestoßen. Man bedenke, dass das Bodenrecht, wie es 1889 eingeführt
                    wurde, nicht einmal unter Vichy geändert wurde. Diese Banalisierung des
                    rechtsextremen Gedankenguts fand schleichend, aber systematisch statt, getragen
                    durch eine Übernahme der Rhetorik, der politischen Themen und nicht zuletzt
                    Wahlstrategien der neuen populistischen Rechten.</p>
                <p>Seit Hegel (1770-1831) seine Dialektik formulierte, diskutieren Philosophen über
                    diesen Kippmoment, in dem die unendliche Bewegung der Dinge und Wesen eine
                    akkumulierte Quantität in eine neue Qualität umwandelt, oder was man auch im
                    Kierkegaardschen Sinne als <term>qualitativen Sprung</term> verstehen könnte
                        (<ref type="bibl" target="#Horeau2013" xml:id="ref_Horeau2013">Horeau
                        2013</ref>). Mit jeder neuen Präsidentschaftswahl in Frankreich senkte sich
                    das dialektische Pendulum weiter in Richtung des einst verpönten Front National.
                    Seit 2002, als zum ersten Mal der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen in die letzte
                    Phase der Präsidentschaftswahl kam und von Jacques Chirac durch eine
                    breitgefächerte Koalition vernichtend geschlagen wurde (82% zu 18%), wurde Stück
                    für Stück die Sprache und das politische Programm der Le Pens übernommen und
                    umgesetzt in der Hoffnung, die Wählerschaft des Front National zu überzeugen.
                    Diese Kompromisse führten allerdings nur, wie wir schon erwähnten, zu einer
                    weiteren Stärkung der rechtsextremen Partei, die sich über einen solchen
                    ideologischen Rückenwind erfreute. Das letzte Mandat Emmanuel Macrons kann in
                    diesem Sinne durchaus als <term>qualitativer Sprung</term> verstanden werden und
                    die Möglichkeit eines Wahlsieges 2027 Marine Le Pens gilt mittlerweile als
                    durchaus plausibel.</p>
                <p>Um jedoch den gesellschaftlichen Wandel, der diese Entwicklung ermöglichte, zu
                    verstehen, ist es nicht uninteressant, ein literarisches Beispiel heranzuziehen.
                    So schrieb zum Beispiel der <title>Figaro</title> 2021: <quote
                        source="#ref_LeFigaro2021">Houellebecq, wahrer Spiegel unserer Zeit</quote>
                    und widmete <title>Anéantir</title>, diesem <quote source="#ref_LeFigaro2021"
                        >großen Roman über die Übel unserer Gesellschaft</quote>, mehrere Seiten
                        (<ref type="bibl" target="#LeFigaro2021" xml:id="ref_LeFigaro2021">Le
                        Figaro, 29. Dez. 2021</ref>). Die Frage, die hier gestellt werden muss, ist
                    folgende: Um welche Übel geht es denn genau? Denn was Michel Houellebecq schrieb
                    und sagte, galt lange Zeit in Frankreich zumindest als das unverschämte Benehmen
                    eines Provokateurs (vgl. <ref type="bibl" target="#Ducas2021"
                        xml:id="ref_Ducas2021">Ducas 2021</ref>). Seine Romane zeichnen ein düsteres
                    und grimmiges Porträt der französischen Gesellschaft, das als sozialkritisch
                    verstanden wurde. Der Antifeminismus der Figuren oder die klare Ablehnung des
                    Islams, die in <title>Soumission</title> (2015) inszeniert wird, können daher
                    auch unter die künstlerische Freiheit des subversiven Schriftstellers fallen. Es
                    ist ja nicht unüblich, das Werk von seiner Autorin oder seinem Autor zu trennen.
                    Doch, wie andere auch, nutzt Houellebecq seinen Erfolg und Bekanntheitsgrad, um
                    sich regelmäßig in die öffentliche Debatte einzumischen, wodurch jegliche
                    literarische Distanz abgebaut wird und auch abgebaut werden muss. In einer
                    kürzlich erschienenen Sonderausgabe der Zeitschrift <title>Front
                        populaire</title> (vgl. <ref type="bibl" target="#Onfray2022a"
                        xml:id="ref_Onfray2022a">Onfray 2022a</ref>) liefert er ohne Umwege seine
                    Beobachtungen zur sozialen und politischen Situation in Frankreich. Die Virulenz
                    der Äußerungen markiert einen weiteren Schritt eines erfolgreichen Autors in
                    Richtung der extremen Rechten. Dieses Abdriften erscheint umso aufrichtiger, als
                    der Schriftsteller in einem freundschaftlichen Kreuzverhör mit dem Essayisten
                    und Gründer dieser Publikation, Michel Onfray, spricht, der ebenfalls vom <quote
                        source="#ref_Onfray2017-20">Untergang des Christentums</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Onfray2017" xml:id="ref_Onfray2017-20">Onfray 2017:
                        20</ref>) und der Idee besessen ist, dass die Franzosen, die den <quote
                        source="#ref_Onfray2022b-K7">Selbsthass</quote> kultivieren, am
                    vermeintlichen Verlust ihrer Identität mitschuldig sind (<ref type="bibl"
                        target="#Onfray2022b" xml:id="ref_Onfray2022b-K7">Onfray 2022b: Kap. 7,
                        Abschn. 1</ref>). Es bedarf also keiner bürgerlich subversiven
                    Reinterpretation mehr, denn in einer Welt, in der das rechtsextreme Gedankengut
                    die ideologische Medienschlacht für sich einnimmt (vgl.<ref type="bibl"
                        target="#Perrenot2023" xml:id="ref_Perrenot2023"> Perrenot 2023</ref>), ist
                    Houellebecq nichts weiter als einer der zahlreichen Akteure der politischen
                    Normalisierung dieser Weltanschauung. Damit soll hier nicht behauptet werden, er
                    sei selbst ein rechtsextremer Autor, vielmehr kann er als literarischer
                    Mundschenk eines konservativen, sich fortwährend radikalisierenden Teils der
                    Bevölkerung angesehen werden. Denn seine Dekadenzromane können gelesen werden
                    als das, was sie sind, die Weltanschauung der Neuen Rechten. Die Verteidigung
                    der Volksgruppe, das Anprangern der Dekadenz der modernen Gesellschaft und die
                    Befürwortung eines gewissen Autoritarismus sind zu den Kämpfen dieser
                    intellektuellen Strömung geworden, die sich in Frankreich und Deutschland
                    mittlerweile etabliert hat. Sei es nun Thilo Sarrazins <title>Deutschland
                        schafft sich ab</title> (2010) oder Éric Zemmours <title>Le Suicide
                        français</title> (2014) oder eben Houellebecqs <title>Anéantir</title>
                    (2022), es geht um das Thema des Untergangs des Abendlandes. Houellebecq ist
                    immer weiter zur Ikone der rechtsextremen Wochenzeitung <title>Valeurs
                        actuelles</title> geworden und der ebenso rechtsradikale Zemmour erinnert in
                    seinem Kampagnenbuch <title>La France n'a pas dit son dernier mot</title> (2021)
                    gern an ihre Freundschaft. Und tatsächlich teilen beide Männer die gleiche
                    patriarchalisch völkische Nostalgie eines idealen Frankreichs der ‚Trente
                    Glorieuses‘, das Frankreich des Wachstums und der blühenden Industrie, ein
                    Frankreich, in dem Männer eine unangefochtene Macht über Frauen genossen und
                    Einwanderer strikt dazu angehalten wurden, an ihrem Platz zu bleiben. Ein
                    Frankreich, nach dem der gesamte Roman <title>Anéantir</title> vor Nostalgie
                    gurrt. Houellebecq ist jedoch nicht Renaud Camus, einer der bekanntesten
                    Vertreter der Ideologie des ‚Grand Remplacement‘, zu Deutsch: ‚Umvolkung‘, denn
                    bei Houellebecq geschieht alles im kleinen Rahmen, jenem, der die Ängste des
                    Lesers/der Leserin nicht vor der Zukunft, sondern vor dem bereits Seienden
                    schürt. So schreibt er zum Beispiel in <title>Anéantir</title>:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Houellebecq2022-195-196">[Paul] war überrascht, dass er das
                        Gefühl hatte, dass sich diese kleine Stadt verändert hatte, obwohl er sich
                        in Wirklichkeit kaum daran erinnerte. Er brauchte einige Zeit, um den Grund
                        dafür zu verstehen: Es gab Araber, viele Araber auf den Straßen, und das war
                        sicherlich eine Neuheit im Vergleich zur allgemeinen Stimmung im Beaujolais
                        und in ganz Frankreich. [...] [E]s gab also eine Moschee in Belleville
                        en-Beaujolais, das war erstaunlich. Es handelte sich nicht um eine
                        salafistische Moschee, zumindest waren keine derartigen Informationen in die
                        Presse gelangt, was sicherlich der Fall gewesen wäre, denn trotz ihrer
                        jüngsten militärischen Debakel waren die Salafisten immer noch ein
                        verkaufsstarkes Thema, aber es war eine Moschee.<note xml:id="endnote_07"
                                    ><p><quote source="#ref_Houellebecq2022-195-196">[Paul] mit
                                    quelque temps à en comprendre la raison : il y avait des Arabes,
                                    beaucoup d’Arabes dans les rues, et cela c’était certainement
                                    une innovation par rapport à l’ambiance générale du Beaujolais,
                                    et de la France tout entière. [...] il y avait donc une mosquée
                                    à Belleville en-Beaujolais, c’était étonnant. Il ne s’agissait
                                    pas d’une mosquée salafiste, du moins aucune information de ce
                                    genre n’avait filtré dans la presse, comme cela aurait
                                    certainement été le cas, malgré leurs déboires militaires
                                    récents les salafistes restaient un sujet vendeur, mais enfin
                                    c’était une mosquée.</quote> (Houellebecq 2021: 195-196
                                [Übersetzung F.T.]).</p></note> (<ref type="bibl"
                            target="#Houellebecq2022" xml:id="ref_Houellebecq2022-195-196"
                            >Houellebecq 2022: 195-196</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Houellebecq diente auch als Mittelsmann zwischen der Zeitung <title>Valeurs
                        actuelles</title> und dem französischen Staatsoberhaupt Emmanuel Macron
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Lejeune2019" xml:id="ref_Lejeune2019">Lejeune
                        2019</ref>), dessen ökonomisch politische Linie er in
                        <title>Anéantir</title> auch durchaus befürwortet in der Person Brunos,
                    einem literarischen Avatar des Wirtschaftsministers Bruno Le Maire (<ref
                        type="bibl" target="#Houellebecq2022" xml:id="ref_Houllebecq2022-90"
                        >Houellebecq 2021: S. 90</ref>).</p>
                <p>Unter dem Deckmantel der Provokation hat die literarische Neue Rechte in
                    Frankreich die soziale und politische Entwicklung eines Teils der französischen
                    Bourgeoisie verfolgt – um nicht zu sagen begleitet –, die sich durch die
                    Emanzipations- und Gleichheitsbewegungen bedroht fühlt. Sie steht, wie Philippe
                    Sollers, in der großen Tradition der Antimoderne, die bereits vom Ende des 19.
                    Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre Symptom eines tieferen Unbehagens der
                    bürgerlichen Gesellschaft war. Eine Tradition, die von einigen ihrer
                    literarischen Vorbilder getragen wurde, wie Joris-Karl Huysmans, dem sogenannten
                    Schriftsteller der fin de siècle-Dekadenz, dem Michel Houellebecq in
                        <title>Soumission</title> ein Denkmal setzte (<ref type="bibl"
                        target="#Houellebecq2015" xml:id="ref_Houellebecq">Houellebecq 2015</ref>).
                    Das Genre der Autofiktion, das seit den frühen 2000er Jahren stetig floriert,
                    hat die antimoderne Haltung grundlegend verändert. Anstatt die Welt zu
                    verändern, haben sich die ‚engagierten‘ Schriftsteller der Neuen Rechten darauf
                    konzentriert, ihr soziales und kulturelles Umfeld und damit einhergehende
                    symbolische Macht unter anderem über Frauen zu verteidigen. Daher ihre
                    Hinwendung zu dieser Logik des Pseudo-Widerstands gegen eine angebliche
                    Herrschaft der FrauenrechtlerInnen, LGBTQIA+, ‚Woke‘ oder der ‚agierenden
                    Minderheiten‘, wie sie Michel Onfray in <title>Décadence</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Onfray2017" xml:id="ref_Onfray2017">2017</ref>) auf
                    über 650 Seiten theoretisiert hat. Die neue Rechte, ob nun in Frankreich mit
                    Eric Zemmour oder Marine le Pen oder in Deutschland mit der AFD, ist
                    soziologisch gesehen der Ausdruck einer vor allem männlichen Mittelklasse bis
                    oberen Mittelklasse (<ref type="bibl" target="#Decker_etal2016"
                        xml:id="ref_Decker_etal2016">vgl. Decker et al. 2016</ref>), die um ihre
                    Privilegien bangt und nichts mehr fürchtet, als selbst ökonomisch deklassiert zu
                    werden (vgl. <ref type="bibl" target="#Lengfeld2017" xml:id="ref_Lengfeld2017"
                        >Lengfeld 2017</ref>). Allerdings ist dabei zu beachten, dass eben auch
                    ehemalige Mitte-Links und Mitte-Rechts-Parteien mittlerweile in dieser
                    politischen Schiene fahren, die man auch als ‚Radikalisierung der Mitte‘
                    beschreiben kann (<ref type="bibl" target="#Rippl_etal2018"
                        xml:id="ref_Rippl_Seidel2018">Rippl/Seidel 2018</ref>). Es geht um eine Form
                    der symbolischen Gewaltverherrlichung, die die ökonomische Gewalt begleitet und
                    eine Rückkehr zu einem verlorenen Männlichkeitsideal legitimieren soll. Darauf,
                    dass dieser Kampf Aller gegen Alle allerdings durch die Klassengesellschaft
                    gezinkt ist und daher nur schon real existierende Missstände und
                    Machtverhältnisse, seien sie nun wirtschaftlich oder sozial, akzeptabel machen
                    soll, macht Bourdieu bereits aufmerksam (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Bourdieu_etal1993" xml:id="ref_Bourdieu_etal1993">Bourdieu
                        1993</ref>).</p>
                <p>Das Bier, das Emmanuel Macron in der Umkleidekabine des Stade Toulousain auf ex
                    trank, und die Fotos, auf denen er mit zusammengebissenen Kiefern, angespanntem
                    Bizeps und entschlossenem Blick auf einen Boxsack einschlägt, sind Teil dieses
                    neopopulistischen Virilismus, den Wladimir Putin schon sehr früh in Szene
                    setzte. Die kunstvollen Schwarz-Weiß-Bilder Emmanuel Macrons riechen nach
                    Schweiß, Testosteron und dem Drang, zu kämpfen und zu beherrschen. Warum, könnte
                    man sich fragen, eine solche Inszenierung in einem angespannten geopolitischen
                    Kontext, warum nicht Bilder des Friedens und der Eintracht produzieren? Was für
                    ein Spiel spielt der französische Präsident, der immer wieder ‚Wir befinden uns
                    im Krieg‘ sagte, als seine Aufgabe darin bestand, sich um die vom Covid-Virus
                    bedrohte und verunsicherte Bevölkerung zu kümmern? Was bezweckt Emmanuel Macron,
                    der von ‚demografischer Aufrüstung‘ spricht, wenn die Geburtenrate sinkt, oder
                    sich mit dem gleichen T-Shirt fotografieren lässt wie Wolodymyr Selenskyj? Das
                    Krieger-Image und das militärische Vokabular sollen der Inkarnation des ‚starken
                    Mannes‘, den sich die Neue Rechte wünscht, und damit als virilistische
                    neoliberale Antwort auf die prophezeite Dekadenz dienen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Young2005" xml:id="ref_Young2005">Young 2005: 16</ref>).</p>
                <p>Boxen bietet sich daher auch besonders gut für eine solche Ausübung
                    personifizierter staatlicher Gewalt an. Es ist ein brutaler Sport, aber mit
                    klaren Regeln, im Unterschied zur unkontrollierten Gewalt eines Volksaufstandes.
                    Die Selbstinszenierung Macrons als Held, der den eigenen Schmerz überwindet,
                    soll die anderen dazu verleiten, seinem Beispiel zu folgen. Zeitgleich gab sein
                    Wirtschaftsminister Bruno Le Maire ein Buch mit dem Titel <title>La voie
                        française</title> (dt. <title>Der französische Weg</title>) heraus, in dem
                    er vorschlägt, den Wohlfahrtsstaat abzuschaffen und durch einen schützenden
                    Staat, was auch immer damit gemeint sein mag, zu ersetzen (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#LeMaire2024" xml:id="ref_LeMaire2024">Le Maire 2024</ref>). Der
                    Schmerz, der demnach überwunden oder besser gesagt akzeptiert werden soll, ist
                    der des Prekariats (<ref type="bibl" target="#Beaud_Pialoux2004"
                        xml:id="ref_Beaud_Pialoux2004">vgl. Beaud/Pialoux 2004</ref>) und des Abbaus
                    des Sozialstaates. Das politisch entmachtete Individuum wird bei Houellebecq in
                    einer Form der bequemen Resignation literarisch in seinen letzten Romanen auch
                    immer wieder dargestellt. Dass aber gerade in dieser Individualisierung das
                    Wesen des Neoliberalismus zu finden ist, hatte Bourdieu schon festgestellt, als
                    er schrieb, dass der Neoliberalismus</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Bourdieu1998-3">ein Programm der methodischen Zerstörung von
                        Kollektiven [...] ist. Die durch die Politik der finanziellen Deregulierung
                        ermöglichte Bewegung hin zur neoliberalen Utopie eines reinen und perfekten
                        Marktes vollzieht sich durch die transformative und, man muss es so sagen,
                        zerstörerische Wirkung aller politischen Maßnahmen [...], die darauf
                        abzielt, alle kollektiven Strukturen in Frage zu stellen, die in der Lage
                        sind, die Logik des reinen Marktes zu behindern: die Nationen, deren
                        Handlungsspielraum immer weiter abnimmt; Arbeitsgruppen, beispielsweise mit
                        der Individualisierung von Löhnen und Karrieren entsprechend den
                        individuellen Fähigkeiten und der daraus resultierenden Atomisierung der
                        Arbeitnehmer; Kollektive zur Verteidigung der Rechte der Arbeitnehmer,
                        Gewerkschaften, Verbände, Genossenschaften; die Familie selbst, die durch
                        die Bildung von Märkten nach Altersklassen einen Teil ihrer Kontrolle über
                        den Konsum verliert.<note xml:id="endnote_08"><p><quote
                                    source="#ref_Bourdieu1998-3">un programme de destruction
                                    méthodique des collectifs <!-- Hier keine Auslassung? -->. Le
                                    mouvement, rendu possible par la politique de déréglementation
                                    financière, vers l’utopie néolibérale d’un marché pur et
                                    parfait, s’accomplit à travers l’action transformatrice et, il
                                    faut bien le dire, destructrice de toutes les mesures politiques
                                    [...], visant à mettre en question toutes les structures
                                    collectives capables de faire obstacle à la logique du marché
                                    pur : nation, dont la marge de manœuvre ne cesse de décroître ;
                                    groupes de travail, avec, par exemple, l’individualisation des
                                    salaires et des carrières en fonction des compétences
                                    individuelles et l’atomisation des travailleurs qui en résulte ;
                                    collectifs de défense des droits des travailleurs, syndicats,
                                    associations, coopératives ; famille même, qui, à travers la
                                    constitution de marchés par classes d’âge, perd une part de son
                                    contrôle sur la consommation.</quote> (<ref type="bibl"
                                    target="#Bourdieu1998" xml:id="ref_Bourdieu1998-3">Bourdieu
                                    1998: 3</ref> [Übersetzung F.T.]. </p></note> (<ref type="bibl"
                            target="#Bourdieu1998" xml:id="ref_Bourdieu1998-3">Bourdieu 1998:
                            3</ref>)</quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_02-09_05">
                <head>5. Abschließende Betrachtungen</head>
                <p>Nun stellten wir am Anfang dieses Beitrags die Frage, wie viel Gewalt in einem
                    demokratischen Staat ausgeübt werden kann, bevor sie aufhört, legitim zu sein.
                    Die ungeheure symbolische Gewalt, die die sozialen, demokratischen und
                    gesellschaftlichen Errungenschaften des Zeitraums 1946-1976 nach und nach seit
                    den 1990er Jahren abbaut, kann bereits als gravierende Wende verstanden werden.
                    Milton Friedman, vermutlich einer der bekanntesten Vertreter und Denker dieser
                    Wende, vertrat offen die Abschaffung der Demokratie zugunsten des Marktes (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Friedman1993" xml:id="ref_Friedmann1993">Friedman
                        1993</ref>). Der Neoliberalismus ist insofern ein antidemokratisches
                    Projekt, als er darauf abzielt, das Prinzip und die Reichweite der
                    Volkssouveränität systematisch einzuschränken, damit die spontane Ordnung des
                    Marktes nicht in Frage gestellt wird. Er ist in der Tat viel mehr als eine reine
                    Wirtschaftsform, er ist ein Regime der Unterwerfung, das ein neoliberales
                    Subjekt hervorbringt, das in einem Spannungsverhältnis zur Gestalt des
                    Bürgers/der Bürgerin steht (vgl. <ref type="bibl" target="#Bourdieu1998"
                        xml:id="ref_Bourdieu1998">Bourdieu 1998</ref>). Der Neoliberalismus ist ein
                    autokratisches Regierungsmodell, das die Individuen unterdrückt und versucht,
                    ihr Verhalten durch eine Politik der sozialen Kontrolle der Arbeitslosen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Wacquant2009" xml:id="ref_Wacquant2009">Wacquant
                        2009</ref>) oder durch die Einführung von Nudges zu formen und zu lenken
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Rioufreyt2020" xml:id="ref_Rioufreyt2020"
                        >Rioufreyt 2020</ref>). Der Staat soll dabei nicht aufgehoben, sondern
                    ausgehöhlt werden, um weiterhin von seiner vermeintlichen Legitimität zu
                    profitieren. Dies erklärt auch die scheinbar naive Bekehrung zu einem stark
                    eingeschränkten Weberismus.</p>
                <p>Zu dieser schleichenden Gewalt gesellt sich auch die physische und juristische
                    Gewaltanwendung, die abschreckend ermöglichen soll, jede Form von Gegengewalt zu
                    unterbinden. Aus einem solchen Grund wurde auch die Umweltbewegung
                        <title>Soulèvements de la Terre</title> auf Druck der FNSEA, der mächtigen
                    Agrarindustriegewerkschaft, aufgelöst. In dem Auflösungsbeschluss wurde die
                    repressive Maßnahme unter anderem damit begründet, dass die AktivistInnen der
                        <title>Soulèvements de la Terre</title> Andreas Malms Essay <title>How to
                        Blow Up a Pipeline: Learning to Fight in a World on Fire</title> (<ref
                        type="bibl" target="#Malm2021" xml:id="ref_Malm2021">2021</ref>) gelesen
                    hätten und ihre Mobiltelefone auf Flugmodus gestellt hätten, als sie
                    demonstrieren gingen.<note xml:id="endnote_09"><p>Décret du 21 juin 2023 portant
                            dissolution d'un groupement de fait, <ref
                                target="https://www.legifrance.gouv.fr/jorf/id/JORFTEXT000047709318"
                                >www.legifrance.gouv.fr/jorf/id/JORFTEXT000047709318</ref></p></note>
                    Trotz eindeutiger Beweise für eine unproportionale Gewaltanwendung von Seiten
                    der Polizei (<ref type="bibl" target="#Hourdeaux2023" xml:id="ref_Hourdeaux2023"
                        >Hourdeaux 2023</ref>) lösten die Aktionen der <title>Soulèvements de la
                        Terre</title> ein enormes mediales Gewaltlegitimierungsgegenfeuer aus.
                    Rechtsgerichtete Zeitungen nahmen vermehrt Stellung gegen die
                    UmweltschützerInnen und bereiteten die Gemüter auf deren Unterdrückung vor.
                    ‚Ökoterrorismus‘ (vgl. <ref type="bibl" target="#Farge2023"
                        xml:id="ref_Farbge2023">Farge 2022</ref>), ‚Plünderungen‘ (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Ducros2023" xml:id="ref_Ducros2023">Ducros 2023</ref>),
                    ‚ultra gewalttätig‘ (vgl. <ref type="bibl" target="#Pelras2023"
                        xml:id="ref_Pelras2023">Pelras 2023</ref>) und sogar ‚Bürgerkrieg‘ (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Woessner2023" xml:id="ref_Woessner2023">Woessner
                        2023</ref>) waren die verwendeten Worte, die klar darauf abzielten, ein
                    neues Feindbild zu schaffen, dessen rücksichtslose Bekämpfung nicht nur legitim,
                    sondern lebensnotwendig sei. Seit der ersten Protesten gegen die Privatisierung
                    der Wasserressourcen durch den Einsatz von enormen künstlichen Wasserbecken Ende
                    Oktober 2022 arbeiten diese Medien, die den Finanzmächten gehören (<ref
                        type="bibl" target="#Cage_etal2017" xml:id="ref_Cage_Etal2017">vgl. Cage et
                        al. 2017</ref>), daran, UmweltaktivistInnen weiter zu kriminalisieren, indem
                    eindeutige Parallelen (vgl. <ref type="bibl" target="#Petreault2016"
                        xml:id="ref_Petreault2016">Petreault 2016</ref>) zwischen den meist
                    friedlichen oder sich auf Sachschäden beschränkenden Aktionen und den
                    tatsächlichen Terroranschlägen der letzten Jahrzehnte (Charlie Hebdo, Bataclan
                    usw.) hergestellt werden. Es half auch nicht, dass die Französische Liga zur
                    Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte (LDH) klar in ihrem Bericht beweisen
                    konnte, dass <quote source="#ref_LDH2023a-72">die Polizeiaktion ausschließlich
                        auf dem Einsatz von Waffen zu beruhen schien, was zu zahlreichen, oft
                        schweren Verletzungen führte, die bis hin zu mehreren absoluten Notfällen
                        reichten [...]. Dieser unverhältnismäßige und undifferenzierte Einsatz von
                        Kriegswaffen hatte ein klares Ziel: den Zugang zum Becken zu verhindern,
                        egal wie hoch die menschlichen Kosten dafür sein mögen.</quote>(<ref
                        type="bibl" target="#LDH2023a" xml:id="ref_LDH2023a-72">LDH 2023a:
                        72</ref>)<note xml:id="endnote_10"><p><quote source="#ref_LHD2023a-72">Cette
                                opération de maintien de l’ordre a semblé reposer uniquement sur
                                l’usage des armes occasionnant de très nombreuses blessures, souvent
                                graves, allant jusqu’à plusieurs urgences absolues [...] Cet usage
                                immodéré et indiscriminé d’armes de guerre avait un objectif clair :
                                empêcher l’accès à la bassine, quel qu’en soit le coût
                                humain.</quote> (<ref type="bibl" target="#LDH2023a"
                                xml:id="ref_LDH2023a-72">LDH 2023a: 72</ref> [Übersetzung
                        F.T.])</p></note></p>
                <p>Der Einsatz der Staatsgewalt, um private Interessen zu schützen, ist zwar weder
                    eine Neuheit noch eine französische Eigenheit, allerdings ist das Ausmaß und die
                    Art und Weise, wie das Gesetz permanent umgeformt wird, um ein offensichtliches
                    Fehlverhalten a posteriori zumindest juristisch legitimieren zu können, im
                    Nachkriegsfrankreich ein Novum. Hier muss daher illustrierend ein anderes
                    Beispiel symbolischer Gewalt angesprochen werden, nämlich der Fall des
                    amtierenden Justizministers Dupont-Moretti. Am Mittwoch, dem 29. November
                    entschied der französische Gerichtshof der Republik (Cour de justice de la
                    République - CJR), ein Sondergericht für sich im Amt befindende Politiker, das
                    sich aus drei BerufsrichterInnen, sechs Abgeordneten und sechs Senatoren
                    zusammensetzt, dass der Justizminister Éric Dupond-Moretti an den ihm
                    vorgeworfenen <quote source="#ref_Pilorget_Rezzouk2023">illegalen
                        Einflussnahmen</quote> nur teilweise schuldhaft gehandelt habe und dass er
                    freizusprechen sei. Die RichterInnen des CJR waren im Wesentlichen der Ansicht,
                    dass sich der Justizminister zwar eindeutig in einem Interessenkonflikt befand,
                    als er Verwaltungsuntersuchungen gegen Magistrate einleitete, mit denen er sich
                    als Anwalt angelegt hatte, und dass das materielle Element des Straftatbestands
                    des Amtsmissbrauchs zwar ohne den geringsten Zweifel gegeben sei, nicht aber das
                    vorsätzliche Element – und das trotz seiner 35-jährigen juristischen Erfahrung
                        (<ref type="bibl" target="#Pilorget-Rezzouk2023"
                        xml:id="ref_Pilorget_Rezzouk2023">vgl. Pilorget-Rezzouk 2023</ref>). Die
                    Legitimität der CJR ist seit ihrer Gründung umstritten. Die Entscheidungen sind
                    wenig überzeugend, die Verurteilungen sehr gering und manchmal mit moralischen
                    Urteilen verbunden. Außerdem werden die MinisterInnen von der CJR, ihre
                    BeraterInnen jedoch von den ordentlichen Gerichten verurteilt, was zu einer
                    Zweiklassenjustiz und uneinheitlichen Urteilen führt. Die Abschaffung des CJR
                    wurde aus all diesen Gründen von François Hollande während des
                    Präsidentschaftswahlkampfs 2012 zwar versprochen, aber letztlich nie
                        umgesetzt.<note xml:id="endnote_11"><p>Projet de loi constitutionnelle
                            relatif à la responsabilité juridictionnelle du Président de la
                            République et des membres du Gouvernement, n° 816, déposé le 14 mars
                            2013: <ref
                                target="https://www.assemblee-nationale.fr//14/dossiers/responsabilite_juridictionnelle_President_Gouvernement.asp"
                                >www.assemblee-nationale.fr//14/dossiers/responsabilite_juridictionnelle_President_Gouvernement.asp</ref></p></note>
                    Es ist schon bedenklich, dass ein Justizminister im Amt bleibt, obwohl er selbst
                    vor Gericht steht; dass dieser dann aber auch noch freigesprochen wird, obwohl
                    der Straftatbestand erwiesen ist, weil er das Privileg hat, auf eine
                    Sondergerichtsbarkeit zurückgreifen zu können, ist mehr als nur das. Es ist
                    symptomatisch für die geistige Grundeinstellung einer Klasse, die zwar permanent
                    einen ‚Recht-und-Ordnung‘ - Diskurs unterhält, gleichzeitig aber selbst davon
                    überzeugt ist, sich nicht daran halten zu müssen. Das Gesetz wird also nicht als
                    normativer Konsens verstanden, sondern als Mittel zum Zweck einer weiteren
                    Machtausübung und Unterdrückung.</p>
                <p>So darf auch nicht nur die individuelle Verantwortung der PolizeibeamtInnen, die
                    hier keineswegs minimiert werden darf (vgl. <ref type="bibl" target="#Bosch2020"
                        xml:id="ref_Bosch2020">Bosch 2020</ref>), bei den unangemessenen
                    Gewalteinsätzen betrachtet werden, sondern auch und besonders jene derer, die
                    durch gezielte Entscheidungen zu diesen Missständen wissentlich beigetragen
                    haben. Die Entscheidung, das Waffenarsenal auszuweiten, wurde präventiv
                    getroffen, weil es durchaus vorauszusehen war, dass eine derartige
                    wirtschaftliche und soziale Gewalt nicht ohne Einsatz physischer Gewalt
                    durchzusetzen war (vgl. <ref type="bibl" target="#Philippe2022"
                        xml:id="ref_Philippe2022">Philippe 2022</ref>). Das verwendete Arsenal,
                    international als Kriegsgerät eingestuft und als solches gehandelt (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Caddeo2020" xml:id="ref_Caddeo2020">Caddeo 2020</ref>),
                    bezeugt diese vorsätzliche Gewaltbereitschaft. Denn was die Bewaffnung betrifft,
                    so gibt es beispielsweise in Deutschland durchaus alternative Lösungen, da dort
                    keine Betäubungswaffen oder als allzu gefährlich eingestufte Waffen eingesetzt
                    werden. Wie in den meisten europäischen Ländern sind Waffen, die Gummigeschosse
                    verschießen, nicht Teil der polizeilichen Ausrüstung. Die deutsche Polizei lehnt
                    den Einsatz von Tränengasgranaten ab und verlässt sich hauptsächlich auf
                    Wasserwerfer und den Einsatz einer großen Anzahl von PolizistInnen, um radikale
                    DemonstrantInnen zu vertreiben. Die deutschen Behörden greifen auch auf
                    Freiheitsentzug durch Ingewahrsamnahme zurück, aber die Doktrin im Umgang mit
                    Demonstrationszügen ist die der ‚Deeskalation‘, mit dem Ziel,
                    Konfliktsituationen so früh wie möglich zu entschärfen. Die französische
                    Exekutive hat sich wissentlich für das Gegenteil entschieden und dabei die
                    körperliche Unversehrtheit der DemonstrantInnen und das Demonstrationsrecht aufs
                    Spiel gesetzt. Obwohl die disproportionale Gewaltanwendung sogar vom Europarat
                    anerkannt wurde (vgl. <ref type="bibl" target="#Mijatovic2019"
                        xml:id="ref_Mijatovic2019">Mijatovic 2019</ref>), ist das Waffenarsenal in
                    Hinblick auf kommende Reformen sogar noch weiter aufgestockt worden (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Carrette2021" xml:id="ref_Carrette2021">Carrette
                        2021</ref>).</p>
                <p>Die Aussage des Abbé Pierre, dass es nicht nur Waffengewalt, sondern auch
                    Zustände der Gewalt gibt, konnten wir in diesem Falle durchaus illustrieren.
                    Politische Gewalt durch die systematische Missachtung der WählerInnen,
                    wirtschaftliche Gewalt durch ungerechte Reformen, symbolische Gewalt durch
                    Zweiklassenjustiz und schließlich eine permanente physische Gewaltbereitschaft,
                    um die vorher genannten zu ermöglichen. Dabei ist anzumerken, dass sich diese
                    abschreckende und einschüchternde Gewaltanwendung in eine in Frankreich wohl
                    bekannte historische Tradition einreihen lässt, nämlich der
                    <term>Terreur</term>, eine breit eingesetzte Gewaltanwendung unter dem Schutz
                    der staatlichen Legitimität und zum Schutze der Interessen des Staates
                    beziehungsweise der Interessen der herrschenden Klasse (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Walther2006" xml:id="ref_Walther2006-65">Walther 2006: 65</ref>).
                    So müssen erfasste Termini wie ‚Ordnung‘, ‚Recht‘ und sogar ‚Staat‘ hier als
                    real existierende Gewaltpotentiale im Bourdieuschen Sinne erfasst werden. Henner
                    Hess definiert den abgeleiteten Begriff Terrorismus wie folgt: <quote
                        source="#ref_Hess1988-58">erstens eine Reihe von vorsätzlichen Akten
                        direkter Gewalt, die zweitens punktuell und unvorhersehbar, aber
                        systematisch, drittens mit dem Ziel psychischer Wirkung auf andere als das
                        physisch getroffene Opfer, und viertens im Rahmen einer politischen
                        Strategie ausgeführt werden</quote> (<ref type="bibl" target="#Hess1988"
                        xml:id="ref_Hess1988-58">Hess 1988: 58</ref>). Die vorsätzlichen Akte
                    direkter Gewalt durch die Polizei und die Gendarmerie sind im Falle der ‚Gilets
                    Jaunes‘ klar dokumentiert. Dass bei allen folgenden Demonstrationen damit zu
                    rechnen war, einer solchen Gewalt ausgesetzt zu werden, ist ebenfalls klar
                    gegeben. Im Falle Nahel reichte sogar eine einfache Polizeikontrolle und im
                    Falle Hedi (vgl. <ref type="bibl" target="#Lubin2023" xml:id="ref_Lubin2023"
                        >Lubin 2023</ref>) die schlechte Laune der PolizistInnen aus. Man kann also
                    sowohl den systematischen als auch den unvorhersehbaren Charakter belegen.
                    Ebenfalls muss festgehalten werden, dass die meisten Opfer, sei es nun bei den
                    ‚Gilets Jaunes‘ oder in Sainte-Soline, individuell irrelevant waren, das heißt,
                    dass es sich dabei weder um Anführer noch besonders gewalttätige Elemente
                    handelte. Vielmehr hatte die abschreckende Wirkung der potentiellen Folgen des
                    Demonstrierens, wie der Verlust eines Auges oder einer Hand, eine kollektive
                    einschüchternde Wirkung auf die Gesamtheit der Bevölkerung. Das trotz mehrfacher
                    klarer Verurteilungen dieses unangemessenen Gewalteinsatzes die Exekutive in
                    dieser Linie verharrt, zeigt schlussendlich, dass es sich dabei sehr wohl um
                    eine politische Strategie handelt. Die Täter, die der Abbé Pierre als jene
                    definiert, <quote source="#ref_Groues1984">die das ganze Essen auf ihren Teller
                        geschaufelt haben</quote>, können hier im traditionellen Rahmen des
                    Klassenkampfes klar als das Großbürgertum erfasst werden. Es handelt sich
                    demnach um eine Reihe von kriminellen, im Sinne von ungerechten, Akten, die
                    darauf abzielen, auf Kosten der Mehrheit Privilegien zu schaffen und zu erhalten
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Wacquant2009" xml:id="ref_Wacquant2009">Wacquant
                        2009</ref>) und die vorhandenen Ressourcen Stück für Stück für sich
                    einzunehmen (vgl. <ref type="bibl" target="#Tsianos_etal2012"
                        xml:id="ref_Tsianos_etal2012">Tsianos/Papadopoulos/Stephenson
                    2012</ref>).</p>
                <p>Die Besonderheit besteht allerdings darin, dass der Täter hier die Möglichkeit
                    hat, gleichzeitig das Recht zu schaffen und zu sprechen, was ihn in die Lage
                    versetzt, das Opfer zu kriminalisieren und sich selbst freizusprechen und seine
                    eigenen Vergehen im Nachhinein zu legitimieren. Ob ein demokratischer Staat
                    einen solchen Zustand lange verträgt, ist allerdings fraglich. Dass sein Ableben
                    vielleicht sogar das eigentliche Ziel der hier betrachteten kriminellen Energie
                    ist, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>
            </div>
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