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                <!---->
                <title type="main" xml:lang="de">(Nach-)Krieg und (Un-)Frieden</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Zu Fritz Kortners Volksstück <hi rend="italic"
                        >Donauwellen</hi></title>
                <!---->
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                        <forename>Daniel</forename>
                        <surname>Milkovits</surname>
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                    <affiliation>Österreichische Akademie der Wissenschaften</affiliation>
                    <email>Daniel.Milkovits@oeaw.ac.at</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0001-9277-318X</idno>
                </author>
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            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
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                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-04-01</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Fritz Kortner</term>
                    <term xml:lang="de">Volksstück</term>
                    <term xml:lang="de">Österreichische Literatur</term>
                    <term xml:lang="de">Nachkriegsliteratur</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Fritz Kortner</term>
                    <term xml:lang="en">Folk Play</term>
                    <term xml:lang="en">Austrian Literature</term>
                    <term xml:lang="en">Post-War Literature</term>
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    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Der vorliegende Beitrag widmet sich Fritz Kortners Volksstück
                        <title>Donauwellen</title> (1949), einem vergleichsweise wenig bekannten
                    Beispiel der Gattung, dessen Hauptfigur, der Friseur Alois Duffeck, die
                    Kontinuitäten vom Zweiten Weltkrieg zur Nachkriegszeit eindrucksvoll
                    widerspiegelt. An diesem Text und seinen Kontexten wird gezeigt, wie sich im
                    österreichischen Volksstück nach 1945 Krieg und Nachkrieg, politischer Frieden
                    und gekitteter sozialer Unfrieden zueinander verhalten.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>This article discusses Fritz Kortner's folk play <title>Donauwellen</title>
                    (1949), a rather little-known example of the genre, whose main character, the
                    barber Alois Duffeck, mirrors the continuities from the Second World War to the
                    post-war period in an impressive way. On the basis of this text and its
                    contexts, it is shown how war and post-war, political peace and cemented social
                    discord are related to each other in the Austrian folk play after 1945.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_04-01_01">
                <p>Jüngere Debatten haben ein nicht gerade schmeichelhaftes Licht auf die
                    bundesdeutsche Nachkriegsliteratur und besonders auf die dominante Gruppe 47
                        geworfen.<note xml:id="endnote_01"><p>Schriftliche und geringfügig
                            erweiterte Fassung meines gleichnamigen Vortrags auf der Tagung
                                <title>Krieg und Frieden. Verhandlungen in der Literatur und anderen
                                Medien</title> am 24. November 2023 im Deutschen Literaturarchiv
                            Marbach. Stellvertretend für das gesamte Organisationsteam danke ich
                            Dîlan Canan Çakir.</p></note> Der deutsche Germanist Klaus <ref
                        type="bibl" target="#Briegleb2003" xml:id="ref_Briegleb2003">Briegleb
                        (2003)</ref> etwa hat der Dichtergemeinschaft in seiner provokanten
                    Streitschrift <title>Mißachtung und Tabu</title> angelastet, mit ihrer teils
                    vorbelasteten Mitgliederschaft nicht nur einen latenten Antisemitismus zu
                    perpetuieren, sondern auch in einem stillschweigenden Verbund mit der
                    kollektiven Verdrängung und unzureichenden Aufarbeitung der begangenen
                    Kriegsverbrechen zu stehen.</p>
                <p>Diesen Vorwurf muss sich mitunter auch die österreichische Literatur gefallen
                    lassen, denn erst schleichend erarbeitete sie sich ihren Status als
                    korrigierende Instanz mit einem expliziten Gegendiskurs zu jener Staatsdoktrin,
                    die sich selbst als erstes Opfer Hitlerdeutschlands gerierte und als
                    unrühmlicher ‚Opfermythos‘ in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Schließlich
                    legt nicht nur die Liste der Staatspreisträger:innen der ersten Nachkriegsjahre
                    eine Kontinuität zwischen nazistischem und ‚postnazistischem‘ Literaturbetrieb
                    nahe (vgl. <ref type="bibl" target="#Mueller1990" xml:id="ref_Mueller1990"
                        >Müller 1990</ref>, <ref type="bibl" target="#Amann1992"
                        xml:id="ref_Amann1992">Amann 1992</ref>, <ref type="bibl"
                        target="#Innerhofer2016" xml:id="ref_Innerhofer2016">Innerhofer 2016</ref>);
                    es spricht auch für sich, dass der zu jener Zeit hochdekorierte Schriftsteller
                    Alexander Lernet-Holenia (<ref type="bibl" target="#Lernet-Holenia1995"
                        xml:id="ref_Lernet-Holenia1995-149">1995: 149</ref>) davon sprach, man
                    brauche <quote source="#ref_Lernet-Holenia1995-149">nur dort fortzusetzen, wo
                        uns die Träume eines Irren unterbrochen haben</quote>. Erst etwas später hat
                    die unterschwellig neorealistische Ausrichtung der Gruppe 47 von
                    österreichischer Seite Kritik laut werden lassen – etwa durch Peter Handke und
                    die Wiener Gruppe – und Alternativkonzepte provoziert, die Sprache und Literatur
                    vom Druck der Referenz entlasteten (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Sonnleitner2016" xml:id="ref_Sonnleitner2016">Sonnleitner
                        2016</ref>). Noch länger dauerte es, bis der Nationalsozialismus, die Shoa
                    und das individuelle wie kollektive Problem der Verdrängung zu einem derart
                    dominanten und ‚salonfähigen‘ Thema des (aus der heutigen Retrospektive als
                    solcher erachteten) österreichischen Literaturkanons wurden – so etwa, wenn in
                    Thomas Bernhards Skandalstück <title>Heldenplatz</title> (1988) eine aggressive
                    Schimpfsuada voll provokanter Pauschalisierungen ausgebreitet wird (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Pfabigan2012" xml:id="ref_Pfabigan2012">Pfabigan
                        2012</ref>, <ref type="bibl" target="#Huber2012" xml:id="ref_Huber2012"
                        >Huber 2012</ref>) oder wenn Elfriede Jelinek im Roman <title>Die Kinder der
                        Toten</title> (1995) mit zombieartiger Brutalität vorführt, dass über die
                    Toten des Weltkriegs ‚kein Gras gewachsen‘ sei (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Strigl1997" xml:id="ref_Strigl1997">Strigl 1997</ref>, <ref
                        type="bibl" target="#Kastberger2003" xml:id="ref_Kastberger2003">Kastberger
                        2003</ref>). Ein bis heute ungemein produktives Sujet der österreichischen
                    Gegenwartsliteratur ist all das ohnehin, wie mit Raphaela Edelbauers <title>Das
                        flüssige Land</title> (2016) und Eva Menasses <title>Dunkelblum</title>
                    (2021) zwei sehr rezente Texte belegen, die in der Tradition des von Jelinek
                    prominent mitgeprägten Topos einer ‚kontaminierten Landschaft‘ stehen (<ref
                        type="bibl" target="#Lückl2023" xml:id="ref_Lückl2023">Lückl
                    2023</ref>).</p>
                <p>Die literarische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit begann freilich
                    schon weit früher, doch sie hatte einen schweren Stand: So legte Hans Lebert mit
                    seinem Roman <title>Die Wolfshaut</title> (1960) den Finger zwar tief in die
                    Wunden der Nachkriegsgesellschaft, doch davon, dass er <quote
                        source="#ref_Ganzer1997-146">einschlug wie eine Bombe</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Ganzer1997" xml:id="ref_Ganzer1997-146">Ganzer 1997:
                        146</ref>), kann wahrlich keine Rede sein. Mittlerweile ist die besagte
                    Auseinandersetzung in der österreichischen Literatur, mit Günther Stocker (<ref
                        type="bibl" target="#Stocker2019" xml:id="ref_Stocker2019-63">2019:
                    63</ref>) gesprochen, geradezu <quote source="#ref_Stocker2019-63"
                        >notorisch</quote>, und sie ist es leider auch, weil durch das politische
                    Tagesgeschehen beinahe regelmäßig ein mahnendes Erinnern geboten ist. Und das
                    mittlerweile auch über die Staatsgrenzen hinaus – aufgrund von Entwicklungen,
                    für die die Alpenrepublik spätestens seit dem Phänomen Jörg Haider und dem bis
                    heute grassierenden, von <title>Falter</title>-Herausgeber Armin Thurnher so
                    bezeichneten <quote source="#ref_Weinzierl2002">Feschismus</quote> (zit. n. <ref
                        type="bibl" target="#Weinzierl2002" xml:id="ref_Weinzierl2002">Weinzierl
                        2002</ref>) als Vorreiterin gelten kann. Der gesellschaftliche Status, den
                    das Thema in der österreichischen Literatur heute hat, musste aber erst
                    erstritten werden – dass die <title>Wolfshaut</title> 1960 zwar positiv
                    registriert wurde, danach aber für Jahrzehnte in den Hintergrund trat, ist dafür
                    ein Beleg.</p>
                <p>Ein weiterer Beleg ist ein anfangs unterschätztes Genre, das österreichische
                    Debatten rund um die nationalsozialistische Vergangenheit – oder häufig auch das
                    Problem, dass es eben erst gar keine Debatte gab – eindrucksvoll auf die Bühne
                    brachte: das Volksstück. Dieser Gattungsbegriff ist aufgrund seiner diachronen
                    Instabilität problematisch und wird häufig als summarischer <term>umbrella
                        term</term> für sämtliche Spielarten populären Theaters, etwa seit Nestroy,
                    verwendet, was aus mehreren Gründen unzulässig ist (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Milkovits2024" xml:id="ref_Milkovits2024">Milkovits 2024</ref>).
                    Wenn hier und im Folgenden vom <term>Volksstück</term> die Rede ist, so ist
                    damit aber ebenfalls ein Etikett gewählt, das im Peritext des betreffenden und
                    der umliegenden Texte überhaupt nicht aufscheint. Das dürfte damit zu tun haben,
                    dass die Rede vom ‚Volk‘ und damit auch jene vom ‚Volksstück‘ durch den
                    Nationalsozialismus kompromittiert worden war, sodass die Autoren – man muss
                    hier leider nicht gendern – wohl zu vermeiden suchten, mit dieser Tradition und
                    ihrer teils völkischen Ausprägung assoziiert zu werden. Erst in den
                    Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts setzte durch die Rehabilitierung
                    Ödön von Horváths und Marieluise Fleißers eine schrittweise Korrektur dieser in
                    Misskredit geratenen Reputation ein, was außerdem eine ganze Reihe sog. ‚Neuer
                    Volksstücke‘ zur Folge hatte, etwa aus der Feder Peter Turrinis und Felix
                    Mitterers (vgl. <ref type="bibl" target="#Aust_Haida_Hein1989"
                        xml:id="ref_Aust_Haida_Hein1989-312">Aust/Haida/Hein 1989: 312</ref>).
                    Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass sich bereits einige in den ersten zwei
                    Nachkriegsjahrzehnten entstandene Stücke für diese Gattung reklamieren lassen,
                    die sich ihrem Namen gemäß hervorragend <quote source="#ref_Bobinac2000-47">als
                        Vehikel für eine kritische Darstellung gesellschaftlicher Zustände</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Bobinac2000" xml:id="ref_Bobinac2000-47">Bobinac
                        2000: 47</ref>) eignet und den Verfassern dabei half, den
                    Nationalsozialismus ebenso kritisch zu hinterfragen wie den sogenannten
                    Postfaschismus. Diese kritische Hinterfragung auf der Bühne war allerdings
                    lediglich eine temporäre und wurde danach bis zum besagten Volksstück-Revival
                    ein gutes Jahrzehnt nicht weitergeführt. Dies liegt am ehesten daran, dass
                    theatrale Vergangenheitsbewältigung wie diese mit dem <term>Nation
                        Building</term> des neuerstandenen Österreichs kollidierte, sodass man
                        <quote source="#ref_Bobinac2000-49">negative Auswirkungen auf den
                        Stabilisierungsprozess der Nachkriegsgesellschaft befürchtet[e]</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Bobinac2000" xml:id="ref_Bobinac2000-49">ebd.:
                        49</ref>).</p>
                <p>Einer der infrage kommenden Autoren ist Fritz Kortner, der eigentlich Nathan Kohn
                    hieß. Kortner wurde 1892 in Wien als Sohn eines jüdischen Juweliers geboren und
                    startete mit der Hilfe seines Lehrers eine Schauspielkarriere in Deutschland,
                    zunächst in Mannheim und anschließend in Berlin, aber auch in Wien. In der
                    Weimarer Republik konnte sich Kortner hervorragend etablieren, bis ihn der
                    aufkommende Nationalsozialismus 1933 ins Exil zwang – bis 1937 in London und
                    weitere zehn Jahre, bis 1947, in den USA (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Voelker2009" xml:id="ref_Voelker2009">Völker 2009</ref>). Das
                    Stück <title>Donauwellen</title>, das noch in den USA entstand, wurde nach
                    Kortners Rückkehr am 15. Feber 1949 bei den Münchner Kammerspielen uraufgeführt,
                    wo es bis Ende Mai desselben Jahres 29 Mal wiederholt wurde. Die Kritik lobte
                    nicht nur das realistische Bühnenbild, sondern auch die gelungene Regie;
                    beanstandet wurden hingegen die aus Sicht der Kritiken allzu übertriebenen
                    kabarettistischen Züge des Stücks, die den Münchner Rezensenten wohl auch
                    aufgrund ihrer Anknüpfung an genuin wienerische Theatertraditionen – auf die
                    später noch eingegangen wird – gegen den Strich gingen. Wiederaufführungen gab
                    es erst 1980 in Düsseldorf; in Wien, dem Schauplatz des Stücks, kam es gar erst
                    1987 zu einer ersten Aufführung (vgl. <ref type="bibl" target="#Voelker1993"
                        xml:id="ref_Voelker1993-210">Völker 1993: 210</ref>). Für verfängliche
                    Themen wie dieses gab es im Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit offenbar – im
                    doppelten Sinne – kaum eine Bühne.</p>
                <p>Ein erstes Treatment Kortners zu einem „Wiener Volksstück“, das später in die
                        <title>Donauwellen</title> münden sollte, findet sich bereits im Mai 1945 –
                    also unmittelbar zu Kriegsende – dokumentiert und trägt den Titel <title>Herren-
                        und Damen-Frisiersalon Wien I</title>. Eine im Herbst 1946 an sich bereits
                    fertiggestellte Fassung des Stücks hätte noch den Titel <title>Ein Traum, kein
                        Leben</title> tragen sollen und bezog sich offensichtlich auf die
                    allegorische Traumszene im dritten Akt, in der Personifikationen der
                    Besatzungsmächte auftreten. Es handelt sich dabei aber auch um eine offenkundige
                    Anspielung auf Franz Grillparzers „dramatisches Märchen“ <title>Der Traum ein
                        Leben</title> (1834) bzw. wiederum auf dessen Prätext <title>La vida es
                        sueño</title> (dt. <title>Das Leben ein Traum</title>, 1635) des spanischen
                    Klassikers Pedro Calderón de la Barca (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Schuetze1994" xml:id="ref_Schuetze1994-92">Schütze 1994:
                    92</ref>).</p>
                <p>Die endgültige Fassung des dreiaktigen Stücks, auf die sich auch dieser Beitrag
                    bezieht, spielt schließlich im Wien des Frühlings 1945 und damit in den Tagen
                    der Befreiung durch die alliierten Truppen sowie in der Zeit danach. Schauplatz
                    ist der Friseursalon der Hauptfigur Alois Duffeck in der Jasomirgottesgasse 11
                    im ersten Wiener Gemeindebezirk – tatsächlich existiert dort nur die
                    Jasomirgottstraße, die vom Portal des Stephansdoms in Richtung Petersplatz
                    führt. Duffeck wird von Beginn an als ein opportunistischer <quote
                        source="#ref_Krohn2015-79">Gewinner aller Systeme</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Krohn2015" xml:id="ref_Krohn2015-79">Krohn 2015: 79</ref>), als ein
                        <quote source="#ref_Bobinac2000-53">Künstler der Anpassung</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Bobinac2000" xml:id="ref_Bobinac2000-53">Bobinac 2000:
                        53</ref>) eingeführt, der, um die ökonomische Sekurität seines Geschäfts und
                    seiner Person möglichst lange zu wahren, das Fähnchen stets nach dem Wind hängt,
                    der in der Wienerstadt gerade weht: So hat er es sich auch mit den Nazis ganz
                    gut gerichtet; vom Rüstungsindustriellen bis zum Polizeiinspektor geht in seinem
                    Salon jedermann ein und aus, um sich frisieren oder rasieren zu lassen. Der
                    dramatische Konflikt selbst ist aber weitaus drastischer: Den besagten
                    Friseursalon hat Duffeck dem jüdischen Vorbesitzer Spitz, der im Zuge der Shoa
                    mittlerweile zu Tode gekommen ist, gegen Beginn des Krieges und der damit
                    einhergehenden Zwangsenteignungen jüdischer Geschäfte zu einem Spottpreis
                    abgekauft; seine solide kleinbürgerliche Existenz als selbständiger Friseur
                    ‚verdankt‘ sich einem Arisierungsgewinn und insofern einem unbestreitbaren
                    nationalsozialistischen Verbrechen. In Duffecks Salon kreuzen sich sämtliche
                    Handlungsstränge: Die Kund:innen berichten von den soeben mitbekommenen
                    Geschehnissen auf den Wiener Straßen und machen einen Schauplatzwechsel auf
                    diesem Wege weitgehend obsolet. Die <quote source="#ref_Bobinac2000-53">fehlende
                        epische Breite</quote> (<ref type="bibl" target="#Bobinac2000"
                        xml:id="ref_Bobinac2000-53">ebd.</ref>) des Stücks, das zeitlich auf das
                    Ende des Weltkriegs beschränkt ist, wird durch diesen belebten Ort ausreichend
                    ausgeglichen, indem auch das mitläuferische Verhalten des Friseurs über
                    Erinnerungen der ihn umgebenden Figuren, also gleichsam durch einen
                    retrospektiven Botenbericht, auf die Bühne gebracht wird.</p>
                <p>In seiner Studie zur Komödie in der deutschsprachigen Exilliteratur hat Bernhard
                    Spies (<ref type="bibl" target="#Spies1997" xml:id="ref_Spies1997-27f.">1997:
                        27f.</ref>) darauf aufmerksam gemacht, dass die Kund:innen des Salons
                    allesamt aus vergleichbaren Motiven heraus handeln, und zwar aus ökonomischen:
                    Sie alle bangen ob der herannahenden russischen Truppen um den Profit, den ihnen
                    die einst neue Ordnung des nationalsozialistischen Regimes eingebracht hat. Ein
                    Großbonze aus der Rüstungsindustrie etwa fürchtet sich wie seine Buhlschaft –
                    die sich nach der Befreiung sogleich einen sowjetischen Soldaten anlacht –, das
                    Kriegsende könnte ihn um seine lukrativen Aufträge bringen, während der
                    Inspektor und der Polizeileutnant ihren Status als vom Regime und von der
                    obrigkeitshörigen Masse respektierte Exekutivorgane gefährdet sehen. Gemein ist
                    ihnen allen, dass sie nicht nur der Restitution ihres Eigentums mit Bange
                    entgegensehen, sondern auch zu erwarten haben, von den Alliierten als ehemalige
                    Handlanger der Nationalsozialisten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Entgegen
                    der in den Geschichtsbüchern vermittelten Narration vom sehnsüchtig erwarteten
                    Kriegsende verkörpern Duffecks Kund:innen jene Regimeprofiteur:innen, die der
                    Befreiung nicht gerade mit Freude entgegensehen.</p>
                <p>Eine deutlich sympathischere, weil gänzlich anders gezeichnete Figur ist
                    demgegenüber Duffecks Friseurgehilfe Franz, der die Doppelmoral seiner
                    Kund:innen ebenso durchschaut wie jene seines Chefs – und dabei noch dazu ganz
                    und gar nicht auf den Mund gefallen ist. So weigert er sich beispielsweise am
                    Beginn des Stücks, den Höflichkeitsallüren gegenüber dem übernächtig-verkatert
                    im Stuhl dösenden Rüstungsindustriellen und seiner Frau, der berechnenden
                    Baroness, zu entsprechen. Duffeck selbst weist ihn sogleich in die
                    Schranken:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kortner1981-10f.">DUFFECK <hi rend="italic">verweisend</hi>.
                        Wenn’S nur die Rechnung nicht ohne Wirt machen, Franz! Und die Russen werden
                        doch noch rausg’schmissen, dann hat sich’s damit aufgehört eine Baroness ein
                        Pupperl heißen und einen Schwerindustriellen beuteln. (<ref type="bibl"
                            target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-10f.">Kortner 1981:
                            10f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Dass der Friseur seinem Angestellten indirekt nahelegt, lieber <quote
                        source="#ref_Kortner1981-10f.">die Rechnung mit dem Wirten</quote> zu
                    machen, ist bezeichnend: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing – so ließe sich
                    sein Credo, dem er unter nationalsozialistischer Herrschaft gut Folge leisten
                    konnte, pointiert zusammenfassen. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht,
                    dass der Einmarsch der befreienden Truppen für Duffeck etwas Bedrohliches an
                    sich hat: Er hofft darauf, dass sich die Situation noch einmal <quote
                        source="#ref_Kortner1981-10">dreht</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-10">ebd.: 10</ref>) –
                    schließlich könnten die massiven Zerstörungen am Franz-Josefs-Kai, wie er sich
                    einredet, <quote source="#ref_Kortner1981-11">ja auch ein Gegenangriff von den
                        Deutschen sein</quote> (<ref type="bibl" target="#Kortner1981"
                        xml:id="ref_Kortner1981-11">ebd.: 11</ref>), die für ihre <quote
                        source="#ref_Krotner1981-10">Strategie</quote> berüchtigt seien (<ref
                        type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-10"
                    >ebd.: 10</ref>).</p>
                <p>Der sympathische Zug des Gehilfen Franz besteht eben darin, dass er an dieser
                    kriegseuphorischen Realitätsverweigerung gegenüber der nahenden Befreiung ganz
                    und gar nicht partizipiert. Sein trocken-zynischer Humor entlarvt vielmehr das
                    Handeln der agierenden Figuren und gibt diese der Lächerlichkeit preis. Damit
                    steht Franz gewissermaßen in der Wiener Theatertradition der Hanswurstiade, in
                    der die in der Nebenhandlung auftretende Dienerfigur ebenfalls dazu diente, den
                    hochtrabenden Diskurs der Haupthandlung ironisch zu vereiteln (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Sonnleitner1996" xml:id="ref_Sonnleitner1996"
                        >Sonnleitner 1996</ref>, <ref type="bibl" target="#Mueller_Kampel2003"
                        xml:id="ref_Mueller_Kampel2003">Müller-Kampel 2003</ref>). Ein Beispiel mag
                    dies verdeutlichen: Als sich der Polizeileutnant Pachtel von Franz rasieren
                    lässt, ist dies für den Großindustriellen Schorff ein Grund zum Zorn: Draußen
                    gehe <quote source="#ref_Kortner1981-16">alles drunter und drüber</quote>; da
                    könne ein Polizist doch nicht seelenruhig im Friseursalon sitzen und sich
                    rasieren lassen. Darauf hat Franz sogleich eine polemische Erklärung für
                    Pachtels dringlichen Salonbesuch parat: <quote source="#ref_Kortner1981-16">Das
                        Schnurrbärtchen mußte schnellstens weg, das kleine feine</quote>, scherzt
                    er, wobei er mit den Fingern laut Regieanweisung <quote
                        source="#ref_Kortner1981-16">ein Hitlerbärtchen</quote> andeutet. Als sich
                    Pachtel dagegen zu wehren versucht, es handle sich ja nur um <quote
                        source="#ref_Kortner1981-16">ein englisches Barterl</quote> und <quote
                        source="#ref_Kortner1981-16">[e]in paar Millimeter kürzer oder länger,
                        spiel[e] ja keine Rolle</quote>, setzt Franz nach: <quote
                        source="#ref_Kortner1981-16">Jetzt, wo er weg ist!</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-16">Kortner
                    1981: 16</ref>).</p>
                <p>Überhaupt ist die ideologische Prostitution der Exekutive im Stück ein zentrales
                    Thema. Dazu gehört nicht nur die besagte frech kommentierte Rasur des
                    Hitlerbärtchens für den Polizeileutnant Pachtel, sondern auch der beinahe
                    schizophrene Auftritt eines uniformierten Inspektors, der die Ereignisse
                    anscheinend weniger als Befreiung empfindet, als es seine Dienstauffassung
                    geböte:</p>
                <cit>
                    <quote source="ref_#Kortner1981-20">INSPEKTOR <hi rend="italic">in Uniform,
                            tritt ein</hi>. Also aus ist’s! Wir haben die Leopoldstadt räumen müssen
                        ... beziehungsweise die Deutschen ... und somit sind unsere Truppen
                        geschlagen ... beziehungsweise der Gegner ... und als Feind sind wir überall
                        auf der Flucht! <hi rend="italic">Er nimmt das Hakenkreuz ab</hi>. Der
                        Erbfeind ... das heißt die Russen ... beziehungsweise unsere Freunde ...
                        rücken vor ... das heißt, die gegnerische Armee beginnt soeben als Freund
                        und Befreier den Einzug. Damit ist ganz Wien in unseren Händen. Für uns ist
                        der Krieg aus! <hi rend="italic">Steckt das Hakenkreuz in seine Tasche</hi>.
                            (<ref type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-20"
                            >Ebd.: 20</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Erneut ist es der Gehilfe Franz, der die Prostitution identifiziert, indem er
                    angesichts des entfernten Hakenkreuzes bemerkt: <quote
                        source="#ref_Kortner1981-20">Ich kann mich noch genau erinnern, wie Sie’s
                        aus der Tasche gezogen und angsteckt haben.</quote> Den Inspektor selbst
                    bringt diese Entlarvung kaum aus der Ruhe; er antwortet mit der hohlen Phrase:
                        <quote source="#ref_Kortner1981-20">Die Polizei muß immer in Bereitschaft
                        sein</quote> (<ref type="bibl" target="#Kortner1981"
                        xml:id="ref_Korntner1981-20">ebd.</ref>), sodass er Franz’ unterschwelligen
                    Vorwurf indirekt nicht Lügen, sondern Wahrheit straft. Dieser Opportunismus ist
                    der bittere Beigeschmack des Stücktitels, der auf den ersten Blick einen
                    lokalpatriotischen Gemeinplatz des Österreichischen, den Donaustrom, bedient,
                    der sich aber zugleich als Sinnbild einer Gesellschaft herausstellt, die
                    moralisch mit dem Strom schwimmt, wenn etwa der Inspektor weiter fabuliert:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kortner1981-20f.">INSPEKTOR Meine Pflicht! Sehen Sie, ich
                        mach’ seit 30 Jahren meinen Dienst, da hab’ ich viel gesehen, viel Wasser
                        ist durch die Donau geflossen, viele Richtungen haben wir da mitgemacht, und
                        jeder gegenüber waren wir loyal, darf ich wohl sagen, und haben sie
                        überdauert. [...] Ich hab’ schon unterm alten Kaiser Dienst gemacht. [...]
                        Und auch später beim Sozi Renner, bei Seiner Ehrwürden, dem Herrn
                        Bundespräsident Seipel, beim Schober, bei unserem lieben Dollfuss und dann
                        gar beim Führer selber. (<ref type="bibl" target="#Kortner1981"
                            xml:id="ref_Kortner1981-20f.">Ebd.: 20f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Ideologische Flexibilität wäre wohl das euphemistischste Etikett für diese
                    Geisteshaltung, die von der Sozialdemokratie eines Karl Renner über den
                    Christkonservativismus eines Ignaz Seipel und den Polizeipräsidenten Schober bis
                    hin zum Austrofaschisten Engelbert Dollfuß und zu Adolf Hitler nirgendwo ein
                    Problem gehabt zu haben scheint, sich mit dem herrschenden System zu
                    arrangieren. Wenn der Inspektor im zweiten Akt erneut gemeinsam mit
                    Polizeileutnant Pachtel auftritt, wobei sie sich über das soeben arrangierte
                    Spalier und die dafür zu erwartenden Kalorienrationen unterhalten (<ref
                        type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-48-49">ebd.:
                        48/49</ref>), ist wiederum klar, dass ihre Anbiederung an den politischen
                    Status quo auch mit den Besatzungsmächten kein Ende genommen hat. Der Friseur
                    Alois Duffeck ist insofern zwar das dramatisch exponierteste „Stehaufmännchen
                    des Opportunismus“, aber beileibe nicht das einzige – die
                        <title>Donauwellen</title> könnte man völlig zurecht als <quote
                        source="#ref_Schuetze1994-92">Wendehals-Lustspiel</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Schuetze1994" xml:id="ref_Schuetze1994-92">Schütze 1994: 92</ref>)
                    bezeichnen.</p>
                <p>Ganz im Gegensatz zum klassischen Komödientypus mit seinen moralisch wie auch
                    immer defizitären Figuren, die aufgrund dieser Defizite gesellschaftlich
                    sanktioniert oder vom Kollektiv ausgeschlossen wurden – man denke an die
                    ‚Komödienformel‘ von <quote source="#ref_Klotz2007-23-25">Kollektiv und
                        Störenfried</quote> (<ref type="bibl" target="#Klotz2007"
                        xml:id="ref_Klotz2007-23-25">Klotz 2007: 23–25</ref>) –, ist die Quelle des
                    Komischen in Kortners Stück ein zugleich überaus tragisches Massenphänomen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Spies1997-30">Kortner kritisiert den Opportunismus nicht als
                        ‚abweichendes Verhalten‘, im Gegenteil: Er inszeniert die überkommene
                        Gleichsetzung von Erfolg des komödientragenden Subjekts und allgemeinem
                        Recht, erkennt also den Opportunismus seiner Dramenfiguren als geltende Norm
                        sozialen Verhaltens an, und zwar deshalb, weil er in den Komödienfiguren das
                        allgemein Geltende insgesamt attackieren will. (<ref type="bibl"
                            target="#Spies1997" xml:id="ref_Spies1997-30">Spies 1997:
                        30</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Im Zusammenhang mit Debatten rund um Krieg und Nachkrieg hat sich der vom
                    deutsch-israelischen Historiker <ref type="bibl" target="#Diner1988"
                        xml:id="ref_Diner1988">Dan Diner (1988)</ref> geprägte Begriff des <quote
                        source="#ref_Diner1988">Zivilisationsbruchs</quote> etabliert und
                    durchgesetzt. Schon weit zuvor hatte Fritz Bauer (<ref type="bibl"
                        target="#Bauer2023" xml:id="ref_Bauer2023-1396">2023 [1965]: 1396</ref>),
                    der als Generalstaatsanwalt maßgeblich in die Auschwitz- und außerdem in die
                    berüchtigten Eichmann-Prozesse involviert gewesen war, das bis heute gültige
                    Bild geprägt, man könne an den besagten Prozessen ersehen, <quote
                        source="#ref_Bauer2023-1396">wie nahe wir noch dem Affenstadium sind und wie
                        dünn die Haut der Zivilisation war und ist</quote>. Bekanntlich war es der
                    Eichmann-Prozess auch, der zu Hannah Arendts nachgerade kultgewordener Schrift
                    über die <title>Banalität des Bösen</title> (<ref type="bibl"
                        target="#Arendt2022" xml:id="ref_Arendt2022">Arendt 2022 [1963]</ref>)
                    geführt hat, die heute – zurecht – in kaum einer Untersuchung zum
                    Nationalsozialismus und seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen fehlt. Für den
                    spezifisch österreichischen und besonders für den Wiener Kontext müsste darüber
                    hinaus die jüngst neu aufgelegte (<ref type="bibl"
                        target="#Hamann_Sachslehner_Rathkolb2022"
                        xml:id="ref_Hamann_Sachslehner_Rathkolb2022">Hamann/Sachslehner/Rathkolb
                        2022</ref>) Studie <title>Hitlers Wien</title> der Historikerin <ref
                        type="bibl" target="#Hamann1996" xml:id="ref_Hamann1996">Brigitte Hamann
                        (1996)</ref> herangezogen werden, die den Antisemitismus im Wien der
                    Zwischenkriegszeit als hausgemachten Beitrag zum Holocaust der
                    Nationalsozialisten beschreibt. Keiner dieser Ansätze lässt sich für eine
                    Beschäftigung mit Kortners <title>Donauwellen</title> gewinnbringend verwenden,
                    denn die Genese des NS-Regimes wird in der Komödie weder thematisiert noch
                    explizit problematisiert. Worum es vielmehr geht, ist das Problem persistenter
                    Denkmuster, die sich mit einer militärischen Zäsur ganz offensichtlich nicht
                    beseitigen lassen.</p>
                <p>Ein solches Denkmuster ist etwa die Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen
                    Deutschland, die im Stück allerdings immer wieder Verwirrung stiftet. Im
                    Gespräch mit dem Großindustriellen Schorff etwa ist sich Duffeck nicht mehr
                    sicher, ob nun die befreienden Truppen die <quote source="#ref_Kortner1981-14"
                        >unseren</quote> sind oder doch die deutschen (<ref type="bibl"
                        target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-14">Kortner 1981: 14</ref>).
                    Von Täter-Opfer-Umkehr und <term>Victim Blaming</term> würde man heute außerdem
                    sprechen, wenn Duffeck über die Novemberpogrome, die sogenannte
                    Reichskristallnacht, nichts anderes zu sagen weiß, als dass er, der er den Laden
                    des jüdischen Vorbesitzers übernommen hatte, dieses erschlichene Vermögen noch
                    sanieren musste: <quote source="#ref_Kortner1981-21">Und dann wurden die
                        Scheiben zerteppert und die Riesenspiegel, und ich hab’ dann alles frisch
                        machen lassen müssen</quote> (<ref type="bibl" target="#Kortner1981"
                        xml:id="ref_Kortnter1981-21">ebd.: 21</ref>). Seine Unsicherheit
                    hinsichtlich der besagten Zugehörigkeit und der Frage, für oder gegen wen er
                    denn nun sein solle, fasst er gar als Bürde auf:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kortner1981-31f.">DUFFECK [...] Ich höre, die sind für die
                        Juden, die Russen, hör’ ich ... kein Haar darf man ihnen gekrümmt haben. Ihr
                        wart’s gegen sie. Gegen sie, für sie, gegen sie, für sie, wie soll da ein
                        Mensch mitkommen. Die einen zwingen einen, sie zu hassen, die andern zwingen
                        einen zur Liebe ...! Nichts als Zwang – bei beiden! G’hupft wie gesprungen,
                        einer wie der andere! Keine Freiheit! Wie soll der Mensch ohne Freiheit
                        leben? (<ref type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-31f."
                            >Ebd.: 31f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Gerade der letzte Satz dieser Klage ist ein Hohn aus dem Mund eines Kleinbürgers,
                    den die Arisierung eines jüdischen Geschäfts unbeschadet durch die Kriegsjahre
                    gebracht hat – das Geschäft eines Juden zumal, der durch die Shoa zunächst
                    tatsächlich die besagte Freiheit und letztlich sogar das Leben lassen musste.
                    Eine Aussicht auf eine bessere Zukunft gibt es dabei wohl kaum, beklagt sich
                    doch Duffeck gegen Ende des Stücks: <quote source="#ref_Kortner1981-85">Das hab’
                        ich nötig gehabt, einen Anschluß! Was ich mitmach’, wegen dem bissel
                        Mitmachen!</quote> – dabei darf er sein Geschäft doch behalten und biedert
                    sich fortwährend an die amerikanischen Besatzer an. Was sich durchsetzt, ist der
                    Ratschlag der Baroness, dass man <quote source="#ref_Kortner1981-85">mit einem
                        bissel Entgegenkommen und savoir vivre [...] die schlimmsten Krisen</quote>
                    überstehe (<ref type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-85"
                        >ebd.: 85</ref>). Umso illusionsloser sind einige der letzten Zeilen des
                    Bühnentexts, in denen der amerikanische Major angibt, er und seine Leute seien
                        <quote source="#ref_Kortner1981-91">ausschließlich an einer möglichst
                        ungestörten Aufrechterhaltung aller noch vorhandenen Betriebe
                        interessiert</quote>. Als der Soldat Russel entgegnet, er wolle sich wohl
                    auch um die <quote source="#ref_Kortner1981-91">Wiedergutmachung</quote>
                    kümmern, entgegnet der Major: <quote source="#ref_Kortner1981-91">Diese
                        Wiedergutmachung wird einer späteren, österreichischen Regierung
                        überlassen</quote>, worauf Russel antwortet: <quote
                        source="#ref_Kortner1981-91">... die wiederum ihrerseits an der ungestörten
                        Aufrechterhaltung der Betriebe interessiert sein wird</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Kortner1981" xml:id="ref_Kortner1981-91"
                    >ebd.: 91</ref>). Mit einem Blick in die Geschichtsbücher ist diese Aussicht
                    geradezu prophetisch.</p>
                <p>Kortners <title>Donauwellen</title> sind kein radikaler Abgesang auf die
                    Schrecken des NS-Regimes oder auf die gesellschaftlichen Bedingungen ihrer
                    Möglichkeit. Sie sind vielmehr eine tragische Komödie über die Artifizialität
                    historischer Zäsuren, über die Verlogenheit des beginnenden Postfaschismus und
                    über die Kontinuität jener Denkmuster, die man im Opfermythos noch lange Zeit
                    von sich weisen wollte:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Spies1997-27">Kortner fürchtet nicht mehr die politische
                        Gewalt des Nationalsozialismus, er fürchtet die soziale und moralische
                        Grundlage dieser Gewalt, die Masse der Opportunisten, ohne die jene Macht
                        nichts vermocht hätte. In dieser Grundlage hat die üble Macht ihr Ende
                        überlebt – das ist der thematische Grundeinfall seines komischen Spiels.
                            (<ref type="bibl" target="#Spies1997" xml:id="ref_Spies1997-27">Spies
                            1997: 27</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Wenn eine Gesellschaft – und so stellt sie das Stück dar – mit einer radikalen
                        <quote source="#ref_Spies1997-27">Umwertung der Werte</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Spies1997" xml:id="ref_Spies1007-27">ebd.: 28</ref>)
                    kein Problem mehr hat, sondern <quote source="#ref_Krohn2015-80">auf allen
                        politischen Wellen an der Donau mitzureiten</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Krohn2015" xml:id="ref_Krohn2015-80">Krohn 2015: 80</ref>) bereit
                    ist, seien sie auch noch so menschenverachtend, so ist dies der Weg in eine
                    brandgefährliche ‚Ideologie der Ideologielosigkeit‘, die jederzeit in ein Extrem
                    umschlagen kann, das so schnell nicht zu korrigieren ist. Auch das ist die
                    Botschaft von Kortners <title>Donauwellen</title> und seinem opportunistischen
                    Friseur Alois Duffeck. Und eine hochaktuelle noch dazu.</p>
                <p>Ein etwas voraussetzungsreicherer Zusammenhang, der an dieser Stelle aus
                    Platzgründen nicht mehr ausgebreitet werden kann, bestünde darin, das Stück mit
                    anderen Wiener Produktionen zu vergleichen. Alois Duffeck ließe sich dabei just
                    in der Mitte zwischen zwei Wiener Theatergestalten der Nachkriegszeit
                    positionieren, die in der österreichischen Kulturgeschichte der Zweiten Republik
                    einen festen Stellenwert haben: zwischen dem Fleischhauer Karl Bockerer aus der
                    „tragischen Posse“ <title>Der Bockerer</title> (1946) von Ulrich Becher und
                    Peter Preses und dem Herrn Karl, dem titelgebenden Feinkostmagazineur aus dem
                    1961 uraufgeführten Monodrama von Carl Merz und Helmut Qualtinger.<note
                        xml:id="endnote_02"><p>Einen Vergleich dieser beiden Figuren unternimmt <ref
                                type="bibl" target="#Bobinac1992" xml:id="ref_Bobinac1992">Bobinac
                                (1992)</ref>.</p></note> Für den vorliegenden Beitrag muss es bei
                    einem schlichten Hinweis bleiben, doch dass das Wiener Theater Spielraum (<ref
                        type="bibl" target="#Theater_Spielraum2015"
                        xml:id="ref_Theater_Spielraum2015">2015</ref>) Kortners Stück anlässlich
                    seiner Aufführung als <quote source="#ref_Theater_Spielraum2015">eine Art
                        Antithese zum ‚Bockerer‘</quote> bezeichnet hat, seine Hauptfigur außerdem
                    als <quote source="#ref_Theater_Spielraum2015">typisch wienerische[n]
                        Charakter</quote> und einen <quote source="#ref_Theater_Spielraum2015"
                        >andere[n] Herr[n] Karl</quote>, mag die Sinnfälligkeit des Bezugs bereits
                    andeuten.</p>
                <p>Als die <title>Donauwellen</title> 1949 uraufgeführt wurden, nahm sie ein
                    anonymer Kolumnist mit dem Pseudonym „Servus“ in den <title>Salzburger
                        Nachrichten</title> zum vermeintlichen Beweis, dass die österreichischen
                        <quote source="#ref_Servus1949-5">Mitmacher</quote> eine <quote
                        source="#ref_Servus1949-5">quantité négligeable</quote> seien, eine Menge
                    also, die klein genug sei, um sie zu vernachlässigen (<ref type="bibl"
                        target="#Servus1949" xml:id="ref_Servus1949-5">Servus 1949: 5</ref>). Mit
                    seiner Komödie, so der Verfasser, habe es Kortner zuwege gebracht, <quote
                        source="#ref_Servus1949-5">gewissermaßen den Schlußstrich unter das
                        tragikomische Kapitel der Entnazifizierung zu ziehen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Servus1949" xml:id="ref_Servus1949">ebd.</ref>). Diese
                    Rezension ist ein idealtypisches Beispiel für die von <ref type="bibl"
                        target="#Roessler1985" xml:id="ref_Roessler1985-37">Peter Roessler (1985:
                        37)</ref> beschriebene <quote source="#ref_Roessler1985-37"
                        >Rezeptionsgewohnheit, die mit dem Volksstück a priori bereits
                        Gemütlichkeit, Harmlosigkeit oder entleerte Unterhaltung
                    assoziiert</quote>.</p>
                <p>Dass man Kortners Stück mit diesem leichtfertigen Urteil allzu Unrecht tut,
                    dürften die vorliegenden Überlegungen zumindest angedeutet haben. Diese <quote
                        source="#ref_Völker1993-210">scharfsinnige Komödie der
                        Weiterwurstelmentalität</quote> (<ref type="bibl" target="#Voelker1993"
                        xml:id="ref_Voelker1993-210">Völker 1993: 210</ref>) ließe sich vielmehr
                    zum Anlass einiger Gedanken darüber nehmen, dass es auch dieser Tage keine
                    ‚Stunde null‘ geben können wird, dass zwischen Krieg und Frieden immer auch
                    Nachkrieg und Unfrieden liegt. Die unverschämten Wendehälse und Kriegsgewinnler
                    vom Schlage Duffecks – jene <term>Criminal Minds</term> also, die eben nur auf
                    der Bühne und auch dort nur in Fieberträumen belangt werden – haben jedenfalls
                    überlebt, auch wenn sie heute wie damals meist mit mehr als nur mit
                    Haarschnitten und Rasuren ihre Geschäfte machen.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="Amann1992">Amann, Klaus (1992): Men for all Seasons.
                        Österreichische Literaturpreisträger der fünfziger Jahre, in: ders.: Die
                        Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918.
                        Wien: Deuticke, S. 219–222.</bibl>
                    <bibl xml:id="Arendt2022">Arendt, Hannah (2022): Eichmann in Jerusalem. Ein
                        Bericht von der Banalität des Bösen [i.e. <hi rend="italic">Eichmann in
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                        Aus dem amerik. Engl. v. Brigitte Ganzkow. Hg. v. Thomas Meyer. Mit einem
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                    <bibl xml:id="Aust_Haida_Hein1989">Aust, Hugo/Haida, Peter/Hein, Jürgen (1989):
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                    <bibl xml:id="Milkovits2024">Milkovits, Daniel (2024): „So schreiben Sie doch
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    </text>
</TEI>
