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                <title type="main" xml:lang="de">Freud im Fernsehen</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Psychoanalyse und Detektivarbeit in den Krimiserien
                        <hi rend="italic">Vienna Blood</hi> und <hi rend="italic">Freud</hi></title>
                <author>
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                        <forename>Nicole</forename>
                        <surname>Kiefer</surname>
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                    <affiliation><!-- Affiliation eintragen --></affiliation>
                    <email>nicole.nk.kiefer@gmail.com</email>
                    <idno type="ORCID">0000-0002-9434-6787</idno>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Sigmund Freud</term>
                    <term xml:lang="de">Psychoanalyse</term>
                    <term xml:lang="de">Detektivarbeit</term>
                    <term xml:lang="de">Sherlock Holmes</term>
                    <term xml:lang="de">Fernsehserie</term>
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                    <term xml:lang="en">Sigmund Freud</term>
                    <term xml:lang="en">Psychoanalysis</term>
                    <term xml:lang="en">Detective Work</term>
                    <term xml:lang="en">Sherlock Holmes</term>
                    <term xml:lang="en">Television Series</term>
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                    <date when-iso="2024-02-10">Not Converted from a Word
                        document<!-- per Hand gesetzt wie beschreiben? --></date>
                    <name>Kira Kaufmann</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Immer wieder wurde die Psychoanalyse in die Nähe der (literarischen)
                    Detektivarbeit gerückt, von Sigmund Freud selbst, seinen Schüler*innen,
                    insbesondere aber in der Populärkultur. Der Beitrag widmet sich der Genese des
                    Topos vom Psychoanalytiker als Detektiv und geht seiner Gestaltung in den beiden
                    etwa zur selben Zeit fürs Fernsehen und für Streaming-Dienste entstandenen
                    ORF-Koproduktionen „Vienna Blood“ (seit 2019) und „Freud“ (2020) nach, deren
                    Zugang nicht unterschiedlicher sein könnte. </p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <!--Abstract-->
                <p>Psychoanalysis has repeatedly been likened to (literary) detective work, by
                    Sigmund Freud himself, by his students, and especially in popular culture. This
                    contribution is dedicated to the genesis of the topos of the psychoanalyst as a
                    detective and explores its formation in the two ORF co-productions „Vienna
                    Blood“ (since 2019) and „Freud“ (2020). Both were created around the same time
                    for television and streaming services, but could not have chosen more different
                    approaches.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_04-02_01">
                <p>Immer wieder werden Sigmund Freuds Psychoanalyse und die Gattung der modernen
                    Detektivliteratur, beides ‚Kinder‘ einer wissenschaftlichen Weltbetrachtung, in
                    einem Atemzug genannt, was sich in der Bezeichnung der Psychoanalyse als <quote
                        source="#ref_Gay1985-141"><hi rend="italic"
                        >Detektiv-Psychologie</hi></quote> (<ref type="bibl" target="#Gay1985"
                        xml:id="ref_Gay1985-141">Gay 1985: 141</ref>) oder <quote
                        source="#ref_Hauser1974-119">psychologische[r] Detektivarbeit</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Hauser1974" xml:id="ref_Hauser1974-119">Hauser 1974:
                        119</ref>) niederschlägt. Tatsächlich erinnert Freuds therapeutische
                    Technik, sich im Zustand <quote source="#ref_Freud1961_1904-3-10"
                        >gleichschwebender Aufmerksamkeit</quote> Stück für Stück zum verdrängten
                    psychischen Material vorzuarbeiten (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Freud1961_1904" xml:id="ref_Freud1961_1904-3-10">Freud 1961 [1904]:
                        3–10</ref>), an das Sammeln von Indizien, das der Detektiv – häufig in
                    Konflikt mit Gesetz und Polizei – betreibt, um den Fall zu lösen. Ein Vergleich,
                    der dabei besonders oft gestellt wird, ist jener mit Arthur Conan Doyles Figur
                    Sherlock Holmes, denn <quote source="#ref_Yang2010-550">both seem to fixate on
                        details that initially appear to be trivial, or to weigh the clues in an
                        entirely different manner from everyone else, despite having received the
                        same information</quote> (<ref type="bibl" target="#Yang2010"
                        xml:id="ref_Yang2010-599">Yang 2010: 599</ref>).</p>
                <p>Im Weiteren soll und kann natürlich nicht geklärt werden, inwieweit die
                    Ähnlichkeiten zwischen der detektivischen Vorgangsweise und der praktischen
                    psychoanalytischen Analyse in der Realität zutreffen, stattdessen wird der in
                    der Populärkultur weitverbreitete Topos des (fast immer männlichen)
                    Psychoanalytikers als Detektiv in den Blick genommen. Viele Beispiele aus
                    Literatur und Film – von Arthur Koestlers und Andor Némeths Kriminalgeschichte
                        <title>Wie ein Mangobaumwunder</title> (1932) über Alfred Hitchcocks
                    Psychothriller <title>Spellbound</title> (1945) bis hin zu Nicholas Meyers
                    Bestsellerroman <title>The Seven-Per-Cent Solution</title> (1974) – haben die
                    Nähe zwischen psychoanalytischem und detektivischem Verfahren thematisiert;
                    spätestens seit der Fernsehreihe <title>Vienna Blood</title> (seit 2019, bisher
                    3 Staffeln) und der Netflix-Serie <title>Freud</title> (2020), beides
                    ORF-Koproduktionen, ist die Faszination für die Psychoanalyse auch im
                    zeitgenössischen österreichischen Krimi breitenwirksam angekommen. Der folgende
                    Beitrag widmet sich der Genese des Topos sowie der Frage nach dessen Gestaltung
                    in den beiden genannten Serien. </p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-02_02">
                <head>1. Der Ursprung der Analogie oder: Freuds Selbstinszenierung als
                    Detektiv</head>
                <p>Wiederholt wurde in der Sekundärliteratur das große Interesse des Vaters der
                    Psychoanalyse an detective stories betont (vgl. z.B. <ref type="bibl"
                        target="#Yang2010" xml:id="ref_Yang2010-597">Yang 2010: 597</ref>), wobei
                    als Referenz zumeist ein Zitat aus den <title>Erinnerungen</title> des
                    sogenannten ‚Wolfsmannes‘ herangezogen wird:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Pankejeff1989-182">Einmal kamen wir auch auf Conan Doyle und
                        die von ihm geschaffene Figur des Sherlock Holmes zu sprechen. Ich dachte,
                        daß Freud diese Art leichter Lektüre überhaupt ablehne, und war daher
                        überrascht, daß dies keineswegs der Fall war und daß Freud auch diesen
                        Schriftsteller recht aufmerksam gelesen hatte. Da ja auch in der
                        Psychoanalyse die Rekonstruktion einer Kindheitsgeschichte „Indizienbeweise“
                        heranziehen muß, interessierte sich Freud offenbar auch für diese Art
                        Literatur. (<ref type="bibl" target="#Pankejeff1989"
                            xml:id="ref_Pankejeff1989-192">Pankejeff 1989: 182</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Auch wenn die Richtigkeit dieser Angaben freilich nicht überprüft werden kann, so
                    steht fest, dass Freud die ersten beiden großen Helden der detective story,
                    Edgar Allan Poes C. Auguste Dupin und Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes,
                    zumindest gekannt haben muss. Poes in den 1840er Jahren erstmals publizierte
                    ‚tales of ratiocination‘ wurden zu Freuds Lebzeiten vielfach ins Deutsche
                    übersetzt (vgl. <ref type="bibl" target="#Schaedel2006"
                        xml:id="ref_Schaedel2006-110">Schädel 2006 [Bd.2]: 110</ref>) und rezipiert,
                    unter anderem von einer seiner Schülerinnen, der französischen
                    Psychoanalytikerin Marie Bonaparte. Für ihre Studie über Poe, die auch ein
                    Kapitel zu dessen Detektivgeschichte <title>The Murders in the Rue
                        Morgue</title> beinhaltet (vgl. <ref type="bibl" target="#Bonaparte1934"
                        xml:id="ref_Bonaparte1934-329">Bonaparte 1934: 329–375</ref>), steuerte
                    Freud 1934 ein Vorwort bei, was eine wenigstens oberflächliche Kenntnis von Poes
                    Werk nahelegt. Weit stichhaltiger belegt ist Freuds Vertrautheit mit Doyle,
                    dessen bahnbrechender Erfolg in England ab den 1890er Jahren auch im
                    deutschsprachigen Raum geradezu einen Boom an Übersetzungen und Bearbeitungen
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Schaedel2006" xml:id="ref_Schaedel2006-200"
                        >Schädel 2006 [Bd.1]: 200–208</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Leonhardt1990" xml:id="ref_Leonhardt1990-55">Leonhardt 1990:
                        55</ref>) auslöste. Im Jahr 1909 verwies Freud selbst in einem Brief an C.G.
                    Jung auf Sherlock Holmes, bezugnehmend auf seine Korrespondenz mit dessen
                    Patientin Sabina Spielrein. Sein Verhältnis mit ihr hatte Jung Freud zu diesem
                    Zeitpunkt schon gestanden:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud/Jung1974-259">Frl. Spielrein hat mir in einem zweiten
                        Brief bekannt, daß es sich um Ihre Person handele, ohne sonst eine Absicht
                        zu verraten. Ich habe darauf außerordentlich weise und scharfsinnig
                        geantwortet, indem ich aus leisen Anzeichen Sherlock Holmes-artig den
                        Sachverhalt zu erraten schien (was mir natürlich nach Ihren Mitteilungen
                        gelingen mußte). (<ref type="bibl" target="#Freud_Jung1974"
                            xml:id="ref_Freud_Jung1974-259">Freud/Jung 1974: 259</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Michael Shepherd nimmt an, dass Freud mit diesem Vergleich explizit auf seine
                    eigene Behandlungsmethode anspielt (vgl. <ref type="bibl" target="#Shepherd1986"
                        xml:id="ref_Sheperd1986">Shepherd 1986: 16</ref>). Rolf Haubl und Wolfgang
                    Mertens argumentieren hingegen, dass Freud den fiktiven Detektiv Sherlock Holmes
                    gerade deshalb in diesem Zusammenhang erwähnt, weil er seine detektivischen
                    Fähigkeiten hier nur vortäuscht – und somit signalisiert, dass <quote
                        source="#ref_Haubl_Mertens1996-34">er sich der Differenz zwischen
                        analytischer Arbeit und Holmes-artiger Genialität wohl bewußt ist</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Haubl_Mertens1996"
                        xml:id="ref_Haubl_Mertens1996-34">Haubl/Mertens 1996: 34</ref>). Doch auch
                    wenn Freud den Vergleich mit Holmes an dieser Stelle nicht auf seine Methode
                    anwendet, so bezieht er sich bei der Beschreibung der psychoanalytischen Analyse
                    durchaus immer wieder auf das detektivische Indizienparadigma, etwa in
                        <title>Bruchstück einer Hysterie-Analyse</title> (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Freud1961_1905" xml:id="ref_Freud1961_1905-240">Freud 1961 [1905]:
                        240</ref>) oder in <title>Vorlesungen zur Einführung in die
                        Psychoanalyse</title> (vgl. <ref type="bibl" target="#Freud2010"
                        xml:id="ref_Freud2010-23">Freud 2010 [1916/17]: 23</ref>). Am
                    ausführlichsten geht Freud aber im Vortrag <title>Tatbestandsdiagnostik und
                        Psychoanalyse</title> (1909) auf das Verbindende zwischen den beiden
                    Disziplinen Kriminalistik und Psychoanalyse ein. Nicht nur vergleicht er darin
                    Verbrecher*innen mit Hysteriker*innen, weil beide ein Geheimnis verbergen – die
                    einen vor der Außenwelt, die anderen unbewusst, auch vor sich selbst –, sondern
                    schildert auch den Therapeuten in der Rolle des Untersuchungsrichters:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1947-9">Die Aufgabe des Therapeuten ist [...] die
                        nämliche wie die des Untersuchungsrichters; wir sollen das verborgene
                        Psychische aufdecken und haben zu diesem Zwecke eine Reihe von
                        Detektivkünsten erfunden, von denen uns also jetzt die Herren Juristen
                        einige nachahmen werden. (<ref type="bibl" target="#Freud1947"
                            xml:id="ref_Freud1947-9">Freud 1947 [1909]: 9</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Neben Stellen, in denen Freud theoretisch auf die epistemologische Verwandtschaft
                    zwischen dem psychoanalytischen und dem detektivischen Verfahren hinweist,
                    finden sich in seinem Werk auch solche, in denen er sich richtiggehend selbst
                    als Meisterdetektiv inszeniert. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein im
                    zweiten Kapitel der <title>Psychopathologie des Alltagslebens</title>
                    festgehaltenes Gespräch Freuds mit einem jungen Mann. Da dieser sich beim
                    Zitieren eines Vergil’schen Verses partout nicht mehr an das Wort
                        <term>aliquis</term> erinnern kann, fordert er Freud dazu auf, ihm
                    darzulegen, wie er <quote source="#ref_Freud1973-14">zum Vergessen dieses
                        unbestimmten Pronomen [...] komme</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Freud1973" xml:id="ref_Freud1973-14">Freud 1973 [1904]: 14</ref>).
                    Freud, der diese Herausforderung natürlich begeistert annimmt, lässt den jungen
                    Mann frei assoziieren, bis diesem schließlich etwas einfällt, das er dem
                    Analytiker zuerst nicht mitteilen möchte, es auf Freuds Drängen schlussendlich
                    aber doch tut – woraufhin er erstaunt feststellt, dass Freud das Rätsel mithilfe
                    seiner Kombinationsgabe und der freien Assoziationen als Hinweise schon gelöst
                    hat:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1973-16">
                        <lg>
                            <l>„[...] Also ich habe plötzlich an eine Dame gedacht, von der ich
                                leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns beiden recht
                                unangenehm wäre.“</l>
                            <l>Daß ihr die Periode ausgeblieben ist?</l>
                            <l>„Wie können Sie das erraten?“</l>
                            <l>Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf
                                vorbereitet. Denken Sie an die <hi rend="italic">Kalenderheiligen,
                                    an das Flüssigwerden des Blutes zu einem bestimmten Tage, den
                                    Aufruhr, wenn das Ereignis nicht eintritt, die deutliche
                                    Drohung, daß das Wunder vor sich gehen muß, sonst</hi> ... Sie
                                haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer prächtigen
                                Anspielung auf die Periode der Frau verarbeitet. (<ref type="bibl"
                                    target="#Freud1973" xml:id="ref_Freud1973-16">Ebd.:
                                16</ref>)</l>
                        </lg>
                    </quote>
                </cit>
                <p>Die auffallende Literarizität des Gesprächs hat so manche stutzig gemacht, etwa
                    den walisischen „Guerilla“-Historiker Peter Swales, der den jungen Mann als
                    alter ego von Freud selbst interpretierte und in diesem Fall den „Beweis“ für
                    das von C.G. Jung gestreute Gerücht sah, Freud habe eine Affäre mit seiner
                    Schwägerin Minna Bernays gehabt (vgl. <ref type="bibl" target="#Swales1982"
                        xml:id="ref_Swales1982-1-22">Swales 1982: 1–22</ref>; <ref type="bibl"
                        target="#Breger2000" xml:id="ref_Breger2000-397">Breger 2000: 397</ref>). Im
                    Kontext dieses Beitrags bedeutender ist eine Beobachtung des niederländischen
                    Essayisten und Literaturhistorikers Karel van het Reve (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Reve1994" xml:id="ref_Reve1994-18f.">van het Reve 1994:
                    18f.</ref>), der darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Dynamik des Gesprächs
                    eine große Ähnlichkeit mit einer stereotypen Konversation zwischen Holmes und
                    Watson kurz nach der Lösung eines Falls aufweist: Nachdem der Meisterdetektiv
                    eine geniale Schlussfolgerung gezogen hat, drückt Watson sein Erstaunen darüber
                    aus (z.B. „How the deuce did you know that, Holmes?“), was der andere mit
                    Befriedigung zur Kenntnis nimmt. Noch bevor Holmes seine Gedankengänge erklärt,
                    betont er, wie einfach die Lösung sei (z.B. „Elementary, my dear Watson“). Wie
                    bei Sherlock Holmes’ Deduktionen (bzw. Abduktionen)<note xml:id="endnote_01"><p>
                            In den Sherlock-Holmes-Geschichten wird Holmes’ Methode als Deduktion
                            bezeichnet. Wie Thomas und Jean Sebeok jedoch dargelegt haben, handle es
                            sich bei der Vorgangsweise des Meisterdetektivs eigentlich um das von
                            Charles S. Peirce beschriebene Prinzip der Abduktion: Im Gegensatz zur
                            Induktion oder Deduktion entsteht die der Abduktion zugrunde liegende
                            Hypothese nicht durch strenges logisches Denken, sondern aus einem
                            sinnlichen <quote source="#ref_Sebeok_Sebeok1982-37">Akt der
                                Einsicht</quote> (<ref type="bibl" target="#Sebeok_Sebeok1982"
                                xml:id="ref_Sebeok_Sebeok1982-37">Sebeok/Sebeok 1982 : 37</ref>)
                            heraus, welche uns <quote source="#ref_Sebeok_Sebeok1982-37">wie ein
                                Blitz trifft</quote> (<ref type="bibl" target="#Sebeok_Sebeok1982"
                                xml:id="ref_Sebeok_Sebeok1982-37">ebd.</ref>) – aus diesem Grund
                            stellt das durch den kreativen Moment geprägte Abduzieren für Pierce
                            auch die einzige <quote source="#ref_Sebeok_Sebeok1982-38">originäre
                                Schlußform</quote> (<ref type="bibl" target="#Sebeok_Sebeok1982"
                                xml:id="ref_Sebeok_Sebeok1982-38">ebd.: 38</ref>) dar; nur sie
                            erlaubt es, <quote source="#ref_Sebeok_Sebeok1982-37">neuartige
                                Vorstellung[en]</quote> (ebd.) hervorzubringen.</p></note> üblich,
                    wird auch bei Freud <quote source="#ref_Reve1994-22">das Eintreffen der
                        Vorhersage als ein Beweis für die Richtigkeit</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Reve1994" xml:id="ref_Reve1994-22">ebd.: 22</ref>) der
                    Argumentation betrachtet, obwohl es durchaus auch andere (wenn auch nicht
                    übermäßig viele) Möglichkeiten an vom jungen Mann befürchteten schlechten
                    Nachrichten gegeben hätte – etwa eine Krankheit oder der Nichterhalt einer
                    versprochenen Mitgift. Wie van het Reve argumentiert, ließe sich letztere
                    Möglichkeit mindestens ebenso gut wie die drohende Schwangerschaft aus den
                    Assoziationen des jungen Mannes ableiten. Im Gegensatz zu Sherlock Holmes, der
                    zumindest im Roman <title>The Sign of the Four</title> zugibt, dass aus seinen
                    Beobachtungen auch andere Schlüsse möglich wären,<note xml:id="endnote_02"
                            ><p>Nachdem Holmes Watson mit seinen Ableitungen verblüfft hat, gibt er
                            zu, dass es eine Sache der Wahrscheinlichkeit sei, Recht zu haben:
                                <quote source="#ref_Doyle1994-7">Ah, that is good luck. I could only
                                say what was the balance of probability. I did not at all expect to
                                be so accurate.</quote> (<ref type="bibl" target="#Doyle1994"
                                xml:id="ref_Doyle1994-7">Doyle 1994 [1889]: 7</ref>)</p></note>
                    lässt Freud allerdings <quote source="#ref_Reve1994-24">keine andere Erklärung
                        als die seine zu</quote> (<ref type="bibl" target="#Reve1994"
                        xml:id="ref_Reve1994-24">ebd.: 24</ref>).</p>
                <p>Der österreichische Germanist Michael Rohrwasser schlägt vor, Freuds
                    Fallgeschichten grundsätzlich <quote source="#ref_Rohrwasser2005-69">wie
                        Geschichten von Sherlock Holmes als Literatur</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Rohrwasser2005" xml:id="ref_Rohrwasser2005-69">Rohrwasser 2005:
                        69</ref>) zu lesen. Einerseits verweisen schon die Namen der Patient*innen,
                    die durchaus <quote source="#ref_Shepherd1986-14">Sherlocksche Untertöne</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Shepherd1986" xml:id="ref_Shepherd1986-14"
                        >Shepherd 1986: 14</ref>) tragen, auf deren fiktives Moment, andererseits
                    handelt es sich nicht um wörtliche Protokolle, sondern um im Nachhinein
                    rekonstruierte, in einen narrativen Zusammenhang gebrachte Erzählungen. Indem
                    wir von Freud nur das erfahren, was er während der Behandlungen wahrgenommen
                    haben will, und er seine Deutungen als die immer <hi rend="italic"
                        >richtigen</hi> präsentiert, inszeniert er sich nicht nur als Autor, sondern
                    auch als Erzähler und erfolgreicher Held seiner Geschichten – und vereint damit,
                    wie Rohrwasser meint, <quote source="#ref_Rohrwasser2006-70">als Protokollant
                        seiner Fälle die Rollen von Sherlock Holmes und John Watson</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Rohrwasser2005" xml:id="ref_Rohrwasser2005-70"
                        >Rohrwasser 2005: 70</ref>). Einwände gegen Freuds Deutungen können, wie
                    etwa im Fall Doras (vgl. <ref type="bibl" target="#Haubl_Mertens1996"
                        xml:id="ref_Haubl_Mertens1996-34">Haubl/Mertens 1996: 34–37</ref>), nur von
                    Seiten der Patient*innen kommen, die im Darstellungsmuster der
                    Detektivgeschichte sowohl Opfer als auch Verbrecher*innen darstellen. Aufgrund
                    der Widerstände und Abwehrmechanismen zählen diese Widersprüche allerdings von
                    vornherein nicht, sodass der Grandiosität Freuds keine ebenbürtige Meinung
                    entgegengestellt wird. Wie in der Detektivgeschichte bietet er uns am Ende
                    seiner Fälle eine eindeutige, positive Lösung an – dass es dabei allerdings mit
                    der Wahrheit nicht immer so genau genommen wird und das happy end manchmal ein
                    rein fiktives ist, ist heute zumindest für manche Fallgeschichten bewiesen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Eysenck1985" xml:id="ref_Eysenck1985-58">Eysenck
                        1985: 58f.</ref>). Für den Autor Freud, der sich der Erwartungen seiner
                    Leserschaft durchaus bewusst war, erschien diese Darstellungsweise wohl als
                    bester „Ausweg“ aus dem Dilemma zwischen <quote source="#ref_Spence1987-156">the
                        search for historical truth</quote> (<ref type="bibl" target="#Spence1987"
                        xml:id="ref_Spence1987-156">Spence 1987: 156</ref>) und <quote
                        source="#ref_Spence1987-156">the promise of narrative truth</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Spence1987" xml:id="ref_Spence1987-156">ebd.</ref>),
                    denn: <quote source="#ref_Blanton1975-43">[D]as Publikum [verlangt] etwas
                        Definitives, sonst meint es, man wüßte nicht, was man zu sagen hätte</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Blanton1975" xml:id="ref_Blanton1975-43">Blanton
                        1975: 43</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-02_03">
                <head>2. Die Psychoanalyse, eine kriminologische Hilfswissenschaft? </head>
                <p>Wenn die Psychoanalyse, wie Freud in <title>Bruchstück einer
                        Hysterie-Analyse</title> proklamiert, in der Lage ist, <quote
                        source="#ref_Freud1961_1905-240">das verborgenste Seelische</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Freud1961_1905" xml:id="ref_Freud1961_1905-240">Freud
                        1961 [1905]: 240</ref>) durch den Blick auf Details ans Licht zu bringen, so
                    liegt es nahe, diese Fertigkeiten auch in der Verbrechensbekämpfung einzusetzen.
                    Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass Anfang des 20. Jahrhunderts versucht
                    wurde, psychoanalytische Methoden in die noch junge Disziplin der modernen
                    Kriminologie zu integrieren: Schüler*innen des Kriminalpsychologen Hans Gross
                    erkannten die mögliche Bedeutung des von Wilhelm Wundt in die deutsche
                    Psychologie eingeführten und von C.G. Jung im Feld der Psychiatrie erforschten
                        <quote source="#ref_Hauser1974-22-27">Assoziationsexperiments</quote> für
                    die Kriminalistik, wodurch die neue Verhörmethode der <quote
                        source="#ref_Haubl_Mertens1996-22-27">psychologischen
                        Tatbestandsdiagnostik</quote> entstand (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Haubl_Mertens1996" xml:id="ref_Haubl_Mertens1996-22-27"
                        >Haubl/Mertens 1996: 22–27</ref>). Deren Ziel war es, die Schuldhaftigkeit
                    der Verdächtigen anhand ihrer unmittelbaren Reaktion auf bestimmte, mit der Tat
                    in Verbindung stehende Reizwörter zu ermitteln, wobei neben einem ungewöhnlichen
                    Inhalt und der Unmöglichkeit, die eigene Antwort später zu reproduzieren, vor
                    allem eine verlängerte Reaktionszeit als Indikator genommen wurde (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Jung1941" xml:id="ref_Jung1941-10f.">Jung 1941 [1906]:
                        10f.</ref>). Zwar gibt Jung, der sich sehr in der Weiterentwicklung <quote
                        source="#ref_Jung1941-47">dieser unvergleichlich feinen psychologischen
                        Forschungsmethode</quote> (<ref type="bibl" target="#Jung1941"
                        xml:id="ref_Jung1941-47">ebd.: 47</ref>) engagierte, in seiner 1906
                    erschienenen Abhandlung <title>Die psychologische Diagnose des
                        Tatbestandes</title> durchaus zu, dass diese an diversen Problemen kranke
                    und noch nicht Praxis-tauglich sei, der Erfolg liege aber in der Gewinnung von
                    Erfahrung und der Einbeziehung psychoanalytischer Fertigkeiten:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Jung1941-18.">Die Analyse [...] setzt beim Experimentator
                        nicht nur eine gewisse spezielle Erfahrung, sondern auch eine Reihe von
                        psychopathologischen Kenntnissen voraus, die heutzutage leider noch nicht
                        das Gemeingut aller Psychologen sind. Es sind dies die Prinzipien der
                        genialen Psychoanalyse Sigmund Freud’s. Erst durch die völlige Aneignung der
                        Freud’schen Methode ist man imstande, mit einer gewissen Sicherheit
                        Psychoanalysen an Hand der Assoziationen auszuführen. Ein ungeschickter
                        Experimentator kann in dieser heiklen Materie leicht auf die schlimmsten
                        Irrwege geraten [...]. (<ref type="bibl" target="#Jung1941"
                            xml:id="ref_Jung1941-18">Ebd.: 18</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Seine eigene Tauglichkeit als Experimentator beweist Jung sogleich am konkreten
                    Fall, denn wenige Seiten später beschreibt er, wie er mithilfe des
                    Assoziationsexperiments einen ahnungslos am Experiment teilnehmenden
                    Verdächtigen als Dieb überführt habe (vgl. <ref type="bibl" target="#Jung1941"
                        xml:id="ref_Jung1941-21">ebd.: 21–29</ref>).</p>
                <p>Auch Freud selbst interessierte sich für dieses Thema, nahm dazu allerdings eine
                    differenzierte Position ein: Im schon erwähnten Vortrag
                        <title>Tatbestandsdiagnostik und Psychoanalyse</title> aus dem Jahr 1909
                    weist er skeptisch auf Schwachpunkte des assoziativen Verfahrens hin und warnt
                    davor, diese Verhörtechnik vorschnell als Grundlage einer Verhaftung zu nehmen,
                    denn:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1947-13f.">Sie können nämlich bei Ihrer Untersuchung
                        vom Neurotiker irregeführt werden, der so reagiert, als ob er schuldig wäre,
                        obwohl er unschuldig ist, weil ein in ihm bereitliegendes und lauerndes
                        Schuldbewußtsein sich der Beschuldigung des besonderen Falles bemächtigt.
                        [...] [E]s gibt viele solcher Menschen, und es ist noch fraglich, ob es
                        Ihrer Technik gelingen wird, solche Selbstbeschuldiger von den wirklichen
                        Schuldigen zu unterscheiden. (<ref type="bibl" target="#Freud1947"
                            xml:id="ref_Freud1947-13f.">Freud 1947 [1909]: 13f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Wie berechtigt Freuds Zweifel bezüglich der Unverantwortlichkeit der Methode war,
                    bewies wiederum Jung, wenngleich nicht mit Absicht. Denn dessen Aussage als
                    Gerichtsgutachter nach einem dreistündigen Assoziationsexperiment trug 1934
                    maßgeblich dazu bei, einen Unschuldigen wegen Mordes an seiner Ehefrau zur
                    lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen – ein Richterspruch, der vier Jahre
                    später im wiederaufgenommenen Verfahren revidiert wurde (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Haubl_Mertens1996" xml:id="ref_Haubl_Mertens1996-27">Haubl/Mertens
                        1996: 27</ref>).</p>
                <p>Doch auch außerhalb des Feldes der Tatbestandsdiagnostik überwogen Freuds Skepsis
                    ob der Tauglichkeit der Psychoanalyse als kriminalistische <quote
                        source="#ref_Haubl_Mertens1996-26">Hilfswissenschaft</quote> und seine Sorge
                    hinsichtlich des möglichen <quote source="#ref_Haubl/Mertens1996-26"
                        >Missbrauch[s] psychoanalytischer Theoreme</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Haubl_Mertens1996" xml:id="ref_Haubl_Mertens1996-26">ebd:
                    26</ref>), deren praktische Anwendung nur für den geschützten Bereich des
                    psychoanalytischen Settings gedacht war. So äußert er etwa 1916/17 in seinen
                        <title>Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse</title> Bedenken,
                    psychoanalytische Befunde, wie etwa die Fehlleistungen, als Indizien zu
                    gebrauchen, und demonstriert dies am realen Kriminalfall eines Mannes, der seine
                    Ehefrau 1914 mithilfe von Krankheitserregern ermordete, welche er sich von
                    wissenschaftlichen Instituten erschlichen hatte:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud2010-63f.">Dieser Mann beklagte sich nun einmal bei der
                        Leitung eines solchen Instituts über die Unwirksamkeit der ihm geschickten
                        Kulturen, verschrieb sich aber dabei, und an Stelle der Worte ››bei meinen
                        Versuchen an Mäusen oder Meerschweinchen‹‹ stand deutlich zu lesen, ››bei
                        meinen Versuchen an Menschen‹‹. Dies Verschreiben fiel auch den Ärzten des
                        Instituts auf; sie zogen aber, soviel ich weiß, keine Konsequenzen daraus.
                        Nun, was meinen Sie? Hätten die Ärzte nicht vielmehr das Verschreiben als
                        Geständnis annehmen und eine Untersuchung anregen müssen, durch welche dem
                        Mörder rechtzeitig das Handwerk gelegt worden wäre? [...] Nun, ich meine,
                        ein solches Verschreiben erschiene mir gewiß als sehr verdächtig, aber
                        seiner Verwendung als Geständnis steht etwas sehr Gewichtiges im Wege. [...]
                        Daß der Mann von dem Gedanken beschäftigt ist, Menschen zu infizieren, das
                        sagt das Verschreiben allerdings, aber es läßt sich nicht entscheiden, ob
                        dieser Gedanke den Wert eines klaren schändlichen Vorsatzes oder den einer
                        praktisch belanglosen Phantasie hat. (<ref type="bibl" target="#Freud2010"
                            xml:id="ref_Freud2010-63f.">Freud 2010 [1916/17]: 63f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Dass Freud die Unverantwortlichkeit, psychoanalytische Hinweise (die immer auch
                    auf Fantasien verweisen können, die weder in die Tat umgesetzt werden, noch
                    bewusst sein müssen) bei realen Kriminalfällen als Beweise zu verwenden, so
                    vehement vertritt, zeigt, dass er sich der Grenzen der Psychoanalyse bei der
                    praktischen Anwendung durchaus bewusst war. Auch wenn er sich in seinen Werken
                    zweifellos selbst als Meisterdetektiv inszenierte und sich in dieser Rolle
                    gefiel, so widerstand er im Gegensatz zu Jung und anderen doch der Verlockung,
                    sich im Gebiet der Kriminologie zu profilieren (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Herren1973" xml:id="ref_Herren1973-23-61">Herren 1973:
                    23–61</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-02_04">
                <head>3. „Willkommen beim Fall“: <hi rend="italic">Vienna Blood</hi> (seit
                    2019)</head>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Osterwalder2011-93">Mag Freud selber hin und wieder zur
                        bescheidenen Inszenierung als Detektiv geneigt haben – es waren im
                        Besonderen seine Gefolgsleute, die ihn in negativer oder positiver Färbung
                        als Sherlock-Holmes-Epigonen verewigten. (<ref type="bibl"
                            target="#Osterwalder2011" xml:id="ref_Osterwalder2011-93">Osterwalder
                            2011: 93</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Jedoch zogen nicht nur Schüler*innen Freuds, wie Hanns Sachs oder Theodor Reik,
                    den Vergleich zwischen Freud und Holmes, sondern auch Wissenschaftler*innen. So
                    konkretisiert etwa der italienische Historiker Carlo Ginzburg in seinem berühmt
                    gewordenen Aufsatz <title>Spurensicherung</title> die Entstehung eines sich auf
                    die medizinische Semiotik stützenden Indizienparadigmas Ende des 19.
                    Jahrhunderts anhand von drei Männern, die er als geistesverwandt ansieht:
                    Sigmund Freud, Sherlock Holmes und Giovanni Morelli<note xml:id="endnote_03"><p>
                            Giovanni Morelli war ein Kunsthistoriker, dessen sogenannte
                                <term>Morelli-Methode</term> durch den Blick auf unauffällige
                            Details wie Ohren, Hände oder Füße Originale von Kopien zu unterscheiden
                            versucht.</p></note> (vgl. <ref type="bibl" target="#Ginzburg2002"
                        xml:id="ref_Ginzburg2002-17">Ginzburg 2002: 17</ref>).</p>
                <p>Es ist daher kaum verwunderlich, dass Freud und Holmes einander auch in der
                    Populärkultur hin und wieder persönlich begegnet sind, zum Beispiel in Nicholas
                    Meyers Roman <title>The Seven-Per-Cent Solution</title>, der in den 70er Jahren
                    zum Bestseller wurde. Wenngleich Freud manchmal auch als Gegenspieler des
                    Detektivs (z.B. in Cecil Jenkins Hörspiel <title>In Sachen Sherlock H. gegen
                        Sigmund F.</title>) oder Mordverdächtiger (so in Carol DeChellis Hills
                        <title>Henry James’ Midnight Song</title>) inszeniert wird, überwiegt bei
                    der Mehrheit der Werke der Rückgriff auf die Figur des (männlichen)
                    Psychoanalytikers als Ermittler. Dieser Tradition schließen sich auch die im
                    Wien der Jahrhundertwende angesiedelten Liebermann-Krimis des britischen Autors
                    und Klinischen Psychologen Frank Tallis an, in denen der junge Psychoanalytiker
                    und Freud-Schüler Max Liebermann gemeinsam mit dem Polizeiinspektor Oscar
                    Rheinhardt Mordfälle löst. Auf der seit 2005 entstehenden, bisher sieben Bände
                    umfassenden Buchreihe basiert die von der BBC, dem ORF und dem ZDF seit 2019
                    realisierte Fernsehfilm-Reihe <title>Vienna Blood</title>, welche ihren Namen
                    Tallis’ zweitem Roman entlehnt und bislang neun Folgen in drei Staffeln
                    zählt.</p>
                <p>Die Handlung der ersten Folge <title>Die letzte Séance</title> setzt im Jahr 1906
                    ein. Der junge Neurologe Max Liebermann, der seine Karriere wie sein Vorbild
                    Freud als Assistenzarzt im Allgemeinen Krankenhaus begonnen hat – in der zweiten
                    Staffel wird er seine eigene Praxis eröffnen –, darf im Rahmen eines
                    Forschungsprojekts zu Studien kriminellen Verhaltens für einige Tage die Arbeit
                    der Kriminalpolizei beobachtend begleiten und wird Inspektor Rheinhardt
                    zugeteilt. Dieser steht Liebermann anfangs skeptisch gegenüber, wird aber schon
                    bald von der besonderen Beobachtungsgabe des jungen Arztes verblüfft. Noch bevor
                    die Mordermittlung in Fahrt kommt, erfolgt eine ‚Vorführung‘ dieser, denn auf
                    die Frage, wieso er zur Erforschung kriminellen Verhaltens nicht lieber in einem
                    Labor Gehirne seziere, entgegnet Liebermann:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Dornhelm2019-09-20">Weil man den Verstand studiert, indem
                        man die Lebenden beobachtet. Zum Beispiel: Ein Polizeibeamter, womöglich
                        seit 20 Jahren im Dienst, in gehobener Stellung, und dennoch ist er
                        ungeduldig, ist schwerfällig, knallt Schubladen zu, kaut Kaffeebohnen,
                        transpiriert, obwohl es hier drinnen kalt ist. Er vergisst die Namen seiner
                        Kollegen ... also, da muss er wohl dringend auf einen Erfolg aus sein. Nicht
                        dringend ... verzweifelt. Womöglich ist es etwas her, dass er einen
                        vorzuweisen hatte. (<ref type="bibl" target="#Dornhelm2019"
                            xml:id="ref_Dornhelm2019-09-20">Dornhelm 2019: 09:20–09:53</ref>)
                    </quote>
                </cit>
                <p>Die Szene erinnert an die erste Begegnung zwischen Holmes und Watson in <title>A
                        Study in Scarlet</title>, bei welcher der Detektiv den Arzt mit seinem
                    Wissen darüber überrascht, dass dieser kürzlich aus Afghanistan zurückgekehrt
                    sei. Einige Tage später klärt Holmes seinen neuen Mitbewohner Watson auf:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Doyle2016-19f.">[...] From long habit the train of thoughts
                        ran so swiftly through my mind, that I arrived at the conclusion without
                        being conscious of intermediate steps. There were such steps, however. The
                        train of reasoning ran, ‘Here is a gentleman of a medical type, but with the
                        air of a military man. Clearly an army doctor, then. He has just come from
                        the tropics, for his face is dark, and that is not the natural tint of his
                        skin, for his wrists are fair. He has undergone hardship and sickness, as
                        his haggard face says clearly. His left arm has been injured. He holds it in
                        a stiff and unnatural manner. Where in the tropics could an English army
                        doctor have seen much hardship and got his arm wounded? Clearly in
                        Afghanistan.’ The whole train of thought did not occupy a second. I then
                        remarked that you came from Afghanistan, and you were astonished”. (<ref
                            type="bibl" target="#Doyle2016" xml:id="ref_Doyle2016-19f.">Doyle 2016
                            [1887]: 19f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Auch Rheinhardt ist von Liebermanns Bemerkung erstaunt und erkundigt sich am
                    nächsten Tag, woher dieser gewusst habe, wie es ihm gehe. Der Neurologe verweist
                    auf seinen Lehrer Freud, den Mann, der</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Dornhelm2019-20-16">behauptet, alles was man über einen
                        Menschen wissen möchte, erfährt man über Beobachtung. Man sieht es seiner
                        Kleidung an oder seinen Eigenarten. Wie er einen Stift hält, oder eine
                        Kaffeetasse. Er lehrt, dass das menschliche Verhalten zu uns spricht, unsere
                        Marotten, unsere kleinen Scherze. Ja sogar die Fehler, die wir machen. Der
                        noch so feinste Unterschied und jede Nuance verrät etwas davon, was in
                        unserem Inneren vorgeht. (<ref type="bibl" target="#Dornhelm2019"
                            xml:id="ref_Dornhelm2019-20-16">Dornhelm 2019:
                        20:16–20:47</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Wie Holmes ‚liest‘ Liebermann sein Gegenüber, indem er intuitiv vorgeht. Im
                    Gegensatz zu dem Detektiv, der sich häufig auf Äußerlichkeiten konzentriert, ist
                    es jedoch „das Innere“ der Menschen bzw. vor allem der Täter*innen, das den
                    jungen Arzt besonders interessiert. In seiner Zusammenarbeit mit Rheinhardt
                    stellt er immer wieder die Frage nach dem Wesen der Mörderin oder des Mörders in
                    den Mittelpunkt: Wie <emph>ist</emph> jemand, der so handelt? Entsprechend der
                    Rückschlüsse, die Liebermann etwa aus der Art und Weise des Verbrechens zieht,
                    erstellt er ein Profil – zu dem die Verdächtigen passen, oder eben nicht. „Das
                    war er nicht“ ist ein Satz, der in <title>Vienna Blood</title> nach gemeinsamen
                    Verhören mit Rheinhardt häufig fällt; so etwa in der zweiten Folge
                        <title>Königin der Nacht</title>, als Liebermann trotz erdrückender
                    Indizienlage von der Unschuld eines Verdächtigen überzeugt ist, weil er diesen
                    als zu sanftmütig für eine solch brutale Tat einschätzt. Die Kombination aus
                    genauem Hinsehen und Intuition zeichnet seine Methodik aus, die man als eine
                    frühe Form des Profiling bezeichnen könnte.</p>
                <p>In seltenen Fällen spielen bei den Ermittlungen auch konkrete Theorien und
                    Erkenntnisse der Psychoanalyse eine Rolle, hier vor allem die Fehlleistungen. So
                    dient etwa in der ersten Folge ein durch „ich“ ersetztes „wir“ im (vom Mörder
                    erzwungenen) Abschiedsbrief des Opfers als Indiz für die Schwangerschaft der
                    jungen Frau. Den Schritt, von einer Fehlleistung auf die Täterin oder den Täter
                    zu schließen – vor dem Freud, wie oben beschrieben, gewarnt hat –, geht die
                    Serie jedoch nicht, zumindest nicht in den bisher veröffentlichten drei
                    Staffeln. Auch die von Jung in der Realität erprobte Methode des
                    Assoziationsexperiments kommt nicht vor. Bemerkenswert ist allerdings, dass die
                    Psychoanalyse in <title>Vienna Blood</title> nicht nur die Funktion einer
                    kriminalistischen Hilfswissenschaft einnimmt, um die Frage nach dem
                        <emph>wer</emph> zu klären, sondern bei manchen Fällen auch den Schlüssel
                    zum <emph>warum</emph> darstellt. Dies wird besonders in der zweiten Folge
                    augenscheinlich, in welcher der sogenannte „Mozartmörder“ anhand seiner Opfer
                    die <title>Zauberflöte</title> „nachstellt“. Es handelt sich um den
                    Bühnenbildner Olbricht, der in seiner Kindheit die Vergewaltigung seiner Mutter
                    hinter den Kulissen der Oper miterleben musste, während das genannte Stück
                    gespielt wurde. <quote source="#ref_Dag2019-01-23-50">Sie glauben, wenn Sie die
                        Figuren dieser Oper umbringen, die Figuren Ihrer Kindheit, dann werden die
                        Schreie aufhören</quote> (<ref type="bibl" target="#Dag2019"
                        xml:id="ref_Dag2019-01-23-50">Dağ 2019: 01:23:50</ref>), konstatiert
                    Liebermann im Showdown der Folge und diagnostiziert Olbricht, eigentlich ein
                    Kind zu sein, <quote source="#ref_Dag2019-01-24-18">das seine Alpträume töten
                        will</quote> (<ref type="bibl" target="#Dag2019"
                        xml:id="ref_Dag2019-01-24-18">ebd.: 01:24:18</ref>).</p>
                <p>Bemerkenswert ist, dass Rheinhardt und Liebermann, die gute Freunde werden und in
                    weiterer Folge immer wieder gemeinsam ermitteln, einander auf Augenhöhe
                    begegnen. „Willkommen beim Fall“ lautet der wiederkehrende Ausspruch, sobald
                    einer den anderen von einer Theorie überzeugt hat. Der Inspektor ist kein den
                    großen Detektiv bewundernder Watson, sondern ein gewissenhafter Polizist, der
                    mit klassischen Polizeimethoden (etwa Indizienbeweise, Zeugen, Beschattung)
                    arbeitet, jedoch auch offen für Neues ist. Neben Profiling wird in <title>Vienna
                        Blood</title> ebenso eine frühe Form der Spurensicherung eingesetzt, denn in
                    einigen Folgen wird das Duo – auf Vorschlag von Liebermann – durch die junge
                    Wissenschaftlerin Amelia Lydgate unterstützt, die Partikel der Tatorte
                    analysiert.</p>
                <p>Und der Vater der Psychoanalyse selbst? Während Liebermanns Vorbild in den
                    Romanen immer wieder auftaucht und von seinem Schüler des Öfteren bei Fällen um
                    Rat gefragt wird, ist er in <title>Vienna Blood</title> nur zu Beginn der ersten
                    Folge kurz in einer Szene zu sehen, in der Liebermann an einem Vortrag Freuds
                    über die <title>Psychopathologie des Alltagslebens</title> teilnimmt. Haben die
                    Macher*innen der Fernsehfilm-Reihe sich grundsätzlich dafür entschieden, reale
                    Personen eher auszusparen, so schlägt die etwa zeitgleich entstandene, sich
                    ebenfalls dem Topos des Psychoanalytikers als Detektiv widmende Serie
                        <title>Freud</title> einen vollkommen anderen Weg ein.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-02_05">
                <head>4. Hypnose als Methode zur Wahrheitsfindung: <hi rend="italic">Freud</hi>
                    (2020)</head>
                <p>Nur wenige Monate nach der ersten Staffel von <title>Vienna Blood</title>, im
                    März 2020, erfolgte die Ausstrahlung der achtteiligen Anthologieserie
                        <title>Freud</title> im ORF und auf Netflix. Im Gegensatz zu der
                    Fernsehfilm-Reihe erzählt die Serie die Geschichte eines sich über alle Folgen
                    ziehenden Falls, der im Wien des Jahres 1886 angesiedelt ist. Fiktive Figuren
                    treffen auf reale Persönlichkeiten, allen voran Sigmund Freud, doch auch sein
                    damaliger Mentor Josef Breuer, der Psychiater Theodor Meynert sowie Arthur
                    Schnitzler - mit dem Freud in der Serie gut befreundet ist, wenngleich es in der
                    Realität bis 1906 wenige Berührungspunkte gab (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Mueller_Seidel1997" xml:id="ref_Mueller_Seidel1996-34"
                        >Müller-Seidel 1997: 34</ref>) - haben ihre Auftritte, ebenso wie Kaiser
                    Franz Joseph I. und sein Sohn Kronprinz Rudolf.</p>
                <p>Freud, zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Vater der Psychoanalyse, sondern ein
                    junger Arzt in der psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses,
                    verbrachte 1885/86 einen mehrmonatigen Aufenthalt in Paris, wo Jean-Martin
                    Charcot <quote source="#ref_Gay1989-62">die Hypnose den Quacksalbern und
                        Scharlatanen entrissen und für die ernsten Zwecke der psychischen Heilung
                        eingesetzt</quote> (<ref type="bibl" target="#Gay1989"
                        xml:id="ref_Gay1989-62">Gay 1989: 62</ref>) hatte, was Freud nachdrücklich
                    beeindruckte. Die Serie setzt kurz nach Freuds Rückkehr nach Wien ein, zu einem
                    Zeitpunkt, als er selbst begann, mit dieser Methode zu arbeiten, jedoch noch
                    keine besonderen Erfolge vorweisen konnte und auch noch nicht die finanziellen
                    Mittel hatte, um seine Verlobte Martha Bernays heiraten zu können. <quote
                        source="#ref_Gay1989-67">Im Frühjahr 1886 waren Freuds Aussichten so ungewiß
                        wie zuvor</quote> (<ref type="bibl" target="#Gay1989"
                        xml:id="ref_Gay1989-67">ebd.: 67</ref>), stellte der Freud-Biograf Peter Gay
                    fest.</p>
                <p>Diese unstete Ausgangssituation macht <title>Freud</title> sich zunutze, indem
                    die Serie ihren Protagonisten als permanent Scheiternden einführt, der die
                        <quote source="#ref_Kren2020_E1_01-04-00">therapeutische Revolution</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Kren2020" xml:id="ref_Kren2020_E1_01-04-00">Kren
                        2020, Ep. 1: 04:00</ref>), wie er die Hypnose in der ersten Folge
                    bezeichnet, selbst noch gar nicht beherrscht und bei einer Demonstration ihrer
                    Wirkung daher auf eine <quote source="#ref_Kren2020_E1_03-55">Scharad</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Kren2020" xml:id="ref_Kren2020_E1_03-55">ebd.:
                        03:55</ref>) zurückgreifen muss. Auch gelingt es ihm nicht, eine junge Frau,
                    das Opfer einer Stichverletzung, zu retten, das der diensthabende Polizist
                    Alfred Kiss zu Freud bringt, weil er der dem Tatort nächstgelegene Arzt ist. Die
                    Begegnung der beiden erweist sich jedoch als bedeutend, denn der Mord ist erst
                    der Beginn einer Reihe blutiger Ereignisse, bei deren Entdeckung und Aufklärung
                    Freud helfen kann: Das junge Medium Fleur Salomé, seine neueste Patientin, wird
                    von Visionen über Verbrechen geplagt, die sich als wahr herausstellen. Durch
                    Hypnosesitzungen mit Freud gelingt es ihr, Details zu erkennen und die Polizei
                    zu zwei weiteren Tatorten zu führen. Während Kiss seine Untersuchungen aufnimmt
                    und auf Zeugenaussagen wie Indizien vertraut, ist die Rolle Freuds weniger die
                    des (polizeilich) Ermittelnden als des behandelnden Arztes, seine Methode zur
                    Wahrheitsfindung die Hypnose.</p>
                <p>Wenngleich viele der in der Serie verwendeten Begrifflichkeiten und Theorien –
                    etwa das Unbewusste, Verdrängung, Trieb – in der Realität erst später zum
                    Vokabular Freuds gehören sollten, verwendete er die Hypnose bis in die Mitte der
                    1890er Jahre, um <quote source="#ref_Gay1989-86">die signifikanten Erinnerungen
                        hervorzulocken, die seine Patienten nur widerstrebend preisgaben</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Gay1989" xml:id="ref_Gay1989-86">Gay 1989:
                        86</ref>). Denn, wie es in seinem Text <title>Die
                        Abwehr-Neuropsychosen</title> aus dem Jahr 1894 heißt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Freud1952-64">Wenn die Bewußtseinsspaltung der akquirierten
                        Hysterie auf einem Willensakt beruht, so erklärt sich überraschend leicht
                        die merkwürdige Tatsache, daß die Hypnose regelmäßig das eingeengte
                        Bewußtsein der Hysterischen erweitert und die abgespaltene psychische Gruppe
                        zugänglich macht. Wir kennen es ja als Eigentümlichkeit aller
                        schlafähnlichen Zustände, daß sie jene Verteilung der Erregung aufheben, auf
                        welcher der „Wille“ der bewußten Persönlichkeit beruht. (<ref type="bibl"
                            target="#Freud1952" xml:id="ref_Freud1952-64">Freud: 1952 [1894]:
                            64</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Bemerkenswert ist, dass die Hypnose in der Serie nicht nur als Instrument zur
                    Behandlung und Wahrheitsfindung dient, sondern ihr auch eine weitere,
                    entgegengesetzte Funktion zukommt: Durch sie soll der von nationalistischen
                    Motiven getriebene Plan, ein Attentat auf den Kaiser zu verüben und eine
                    Revolution anzuzetteln, verwirklicht werden. Als Drahtzieher*innen des Komplotts
                    erweisen sich die Zieheltern Fleurs, Graf und Gräfin von Szápáry. Letztere ist
                    der Hypnose mächtig und nutzt diese, um ihr unliebsame Zeug*innen – etwa Freud
                    selbst, was jedoch nicht funktioniert – in den Selbstmord zu treiben, vor allem
                    aber, um Fleur gegen ihren Willen zu beeinflussen. Denn das junge Medium, das an
                    einer dissoziativen Identitätsstörung leidet, entfaltet, sobald die zweite
                    Persönlichkeit Táltos geweckt wird, suggestive Kräfte, welche sich an der Grenze
                    zum Übernatürlichen bewegen. <quote source="#ref_Kren2020_E7_39-43-39-57">Wir
                        können die Dunkelheit der Menschen sehen. Wir können sie als Waffe
                        einsetzen. [...] Wir können mit den Toten reden und machen uns die
                        Lebendigen hörig, wir können heilen und verfluchen</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Kren2020" xml:id="ref_Kren2020_E7_39-43-39-57">Kren 2020, Ep. 7:
                        39:43–39:57</ref>), so Táltos in einer Schlüsselszene. Sie ist es gewesen,
                    die – ohne sich später als Fleur daran zu erinnern – in Zeremonien im Palais
                    Szápáry junge, für Okkultes empfängliche Männer der aristokratischen Schicht
                    gefügig gemacht hat, mit dem Ziel, dass diese, auf ein Codewort reagierend, am
                    bald stattfindenden Ball der Völker ein Gemetzel anrichten würden. Doch bei
                    manchen lässt sich, wie es in der Serie heißt, das einmal befreite <quote
                        source="#ref_Kren2020_E7_8-19-31">Tier, das in uns allen haust</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Kren2020" xml:id="ref_Kren2020_E7_8-19-31">Kren 2020,
                        Ep. 8: 19:31</ref>), nicht mehr einsperren. Das ‚Es‘ übernimmt die Oberhand
                    und legt die geheimsten Gewaltfantasien der Männer frei, die in einer Art
                    somnambulem Wachzustand in die Realität umgesetzt werden. Die von Kiss
                    untersuchten Gewalttaten unterliegen somit keiner bewussten Motivation der
                    Täter, die nach Aufhebung der Hypnose keinerlei Erinnerung an diese haben. Logik
                    alleine kann das Rätsel nicht lösen. Herkömmliche Polizeimethoden und Indizien
                    (etwa ein am Tatort zurückgelassener Knopf) führen Kiss zwar durchaus zu den die
                    Verbrechen Verübenden, um das dahinterliegende Geheimnis zu lüften, braucht es
                    aber die Psychoanalyse. Freud gelingt es, die Somnambulen zum Teil aus ihrem
                    Zustand zu befreien, sowie die verdeckten Schichten des Unbewussten ans Licht zu
                    bringen.</p>
                <p>Dadurch, dass die Methode der Hypnose nicht nur als – wenn auch umstrittenes –
                    wissenschaftlich erklärbares Phänomen dargestellt wird, sondern im Falle Fleurs
                    auch paranormale Aspekte eine Rolle spielen (etwa ist es ihr möglich, Menschen
                    ‚einzufrieren‘), wirft die Serie die schon in der Literatur der Romantik
                    verhandelte Frage auf, ob <quote source="#ref_Barkhoff2013-417">ihre
                        Geschehnisse natürlichen und innerpsychischen Ursprungs sind oder als das
                        Wirken unbekannter und unverstandener, die Kausalgesetze außer Kaft
                        setzender bzw. überschreitender Kräfte zu begreifen sind</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Barkhoff2013" xml:id="ref_Barkhoff2013-417">Barkhoff
                        2013: 417</ref>). Auch bei der in <title>Freud</title> präsentierten
                    Dichotomie der heilenden vs. der dämonischen Facette der Hypnose handelt es sich
                    um ein in der Kulturgeschichte der Phantastik fruchtbares Motiv. Wie der
                    Germanist Jürgen Barkhoff konstatiert, hat die Angst davor, <quote
                        source="#ref_Barkhoff2013-419">inwieweit die transgressiven,
                        fremdinduzierten Trancen die Schranken von Moral und Gesetz überwinden und
                        ihre Objekte zu willenlosen Instrumenten unter Hypnose verübter Verbrechen
                        reduzieren könnten</quote> (<ref type="bibl" target="#Barkhoff2013"
                        xml:id="ref_Barkhoff2019-419">ebd.: 419</ref>), vor allem in die
                    phantastische Literatur des späten 19. Jahrhunderts und den expressionistischen
                    Film des frühen 20. Jahrhunderts Eingang gefunden, etwa in Guy de Maupassants
                        <title>Le Horla</title> (1886), Arthur Schnitzlers <title>Paracelsus</title>
                    (1898) oder Robert Wienes <title>Das Cabinet des Dr. Caligari</title> (1920).
                        <title>Freud</title> verweist mit visuell verstörend-beklemmenden Bildern
                    auf diese Tradition, zugleich wird das Motiv des von außen kommenden Zwangs zum
                    Töten in der Serie auch mit den traumatischen Erlebnissen von Soldaten im Krieg
                    enggeführt: In Rückblenden sehen die Zuschauer*innen, wie Kiss auf Befehl seines
                    Vorgesetzten und in der Hoffnung, damit seinen Sohn – einen wieder eingefangenen
                    Deserteur – zu retten, Gefangene töten muss; ein für ihn traumatisches Erlebnis.
                    Wie Fleur und auch Freud selbst wird er von Alpträumen geplagt. Immer wieder
                    verschwimmen in <title>Freud</title> die Grenzen zwischen Realität, Traum,
                    Vision, von Kokain berauschtem Zustand und Hypnose. Dass die Serie sich dennoch
                    fundamental von den Werken der Phantastik unterscheidet, liegt daran, dass sie –
                    zumindest bis zu einem gewissen Grad – an die Plotstruktur des Krimis gebunden
                    ist. Was in der phantastischen Literatur durch die <quote
                        source="#ref_Barkhoff2013-419">phantastische Ununterscheidbarkeit zwischen
                        Wahn und Wirklichkeit</quote> (<ref type="bibl" target="#Barkhoff2013"
                        xml:id="ref_Barkhoff2013-419">ebd.: 419</ref>) zumeist im Unklaren bleibt,
                    muss in <title>Freud</title> notgedrungen zur Auflösung gebracht werden, um die
                        <quote source="#ref_Nusser2009-32">Geheimnis- oder Rätselspannung</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Nusser2009" xml:id="ref_Nusser2009-32">Nusser
                        2009: 32</ref>) des Whodunit zu befriedigen. Keinesfalls handelt es sich bei
                    dieser Produktion allerdings um eine klassische Detektivgeschichte; vielmehr
                    verbinden sich Elemente des Polizeikrimis (Handlungsstrang Kiss) und der Gothic
                    Fiction (Handlungsstrang Fleur), um sich im auf einen rasanten Showdown
                    zusteuernden Finale zum Thriller zu entwickeln.</p>
                <p>Abschließend kann festgehalten werden, dass die etwa zur selben Zeit fürs
                    Fernsehen und für Streaming-Dienste entstandenen Projekte <title>Vienna
                        Blood</title> und <title>Freud</title> zwar beide die Verbindung von
                    Psychoanalyse und Polizeiarbeit thematisieren, sich dieser aber höchst
                    unterschiedlich nähern, was das Schema, die Motivik, aber auch den allgemeinen
                    Ton betrifft. Während <title>Vienna Blood</title> von einem der
                    Detektivgeschichte in der Tradition Poes und Doyles inhärenten Optimismus und
                    dem Glauben an Rationalität und Fortschritt getragen wird, präsentiert
                        <title>Freud</title> eine düstere, alptraumhafte Welt, in der nicht nur der
                    mögliche Missbrauch von Methoden der Psychoanalyse vorgeführt, sondern auch das
                    Vertrauen des Individuums in sich selbst radikal infrage gestellt wird.</p>
            </div>
        </body>
        <back>
            <div type="bibliography">
                <listBibl>
                    <bibl xml:id="Barkhoff2013">Barkhoff, Jürgen (2013): Magnetismus, Mesmerismus,
                        Somnambulismus, Hypnose, in: Hans Richard Brittnacher, Markus May (Hg.):
                        Phantastik – Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart [u.a.]: Metzler, S.
                        413–420.</bibl>
                    <bibl xml:id="Blanton1975">Blanton, Smiley (1975): Tagebuch meiner Analyse bei
                        Sigmund Freud. Aus dem Engl. übers. von F. u. S.B. Frankfurt am Main:
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                    <bibl xml:id="Bonaparte1934">Bonaparte, Marie (1934): Edgar Poe. Eine
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                    <bibl xml:id="Dornhelm2019">Dornhelm, Robert (2019): Vienna Blood. Die letzte
                        Séance. Vereinigtes Königreich, Österreich: Endor Productions, MR
                        Film.</bibl>
                    <bibl xml:id="Doyle2016">Doyle, Arthur Conan (2016 [1887]): A Study in Scarlet.
                        Minneapolis, MN: First Avenue Editions.</bibl>
                    <bibl xml:id="Doyle1994">Doyle, Arthur Conan (1994 [1889]): The Sign of the
                        Four. New York: Quality Paperback Book Club.</bibl>
                    <bibl xml:id="Eysenck1985">Eysenck, Hans Jürgen (1985): Sigmund Freud.
                        Niedergang und Ende der Psychoanalyse. München: List.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud_Jung1974">Freud, Sigmund/Jung C.G. (1974): Briefwechsel.
                        Hrsg. von William McGuire und Wolfgang Sauerländer. Frankfurt am Main: S.
                        Fischer.</bibl>
                    <!-- Freud chronologisch oder alphabetisch ordnen? -->
                    <bibl xml:id="Freud1961_1905">Freud, Sigmund (1961 [1905]): Bruchstück einer
                        Hysterie-Analyse, in: Ders.: Gesammelte Werke 5. Werke aus den Jahren
                        1904–1905. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 161–286.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud1952">Freud, Sigmund (1952 [1894]): Die
                        Abwehr-Neuropsychosen, in: Ders.: Gesammelte Werke 1. Werke aus den Jahren
                        1892–1899. London: Imago Publishing, S. 59–74.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud1961_1904">Freud, Sigmund (1961 [1904]): Die Freudsche
                        Psychoanalytische Methode, in: Ders.: Gesammelte Werke 5. Werke aus den
                        Jahren 1904–1905. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 1–10.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud1947">Freud, Sigmund (1947 [1909]): Tatbestandsdiagnostik und
                        Psychoanalyse, in: Ders.: Gesammelte Werke 7. Werke aus den Jahren
                        1906–1909. London: Imago Publishing, S. 3–15.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud2010">Freud, Sigmund (2010 [1916/17]): Vorlesungen zur
                        Einführung in die Psychoanalyse. Hamburg: Nikol.</bibl>
                    <bibl xml:id="Freud1973">Freud, Sigmund (1973 [1904]): Zur Psychopathologie des
                        Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und
                        Irrtum. Gesammelte Werke 4. Frankfurt am Main: S. Fischer.</bibl>
                    <bibl xml:id="Gay1989">Gay, Peter (1989): Freud. Eine Biographie für unsere
                        Zeit. Aus dem Engl. übers. von Joachim A. Frank. Frankfurt am Main: S.
                        Fischer.</bibl>
                    <bibl xml:id="Gay1985">Gay, Peter (1985): Psychoanalyse und Geschichte – oder
                        Emil und die Detektive, in: Peter Wapnewski (Hg.): Jahrbuch des
                        Wissenschaftskollegs zu Berlin 1983/84. Berlin: Siedler, S. 135–144.</bibl>
                    <bibl xml:id="Ginzburg2002">Ginzburg, Carlo (2002): Spurensicherung. Der Jäger entziffert die Fährte,
                        Sherlock Holmes nimmt die Lupe, Freud liest Morelli – Die Wissenschaft auf
                        der Suche nach sich selbst, in: Ders.: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf
                        der Suche nach sich selbst. Aus dem Ital. übers. von Gisela Bonz. Berlin:
                        Wagenbach, S. 7–57.</bibl>
                    <bibl xml:id="Haubl_Mertens1996">Haubl, Rolf/Mertens, Wolfgang (1996): Der
                        Psychoanalytiker als Detektiv. Eine Einführung in die psychoanalytische
                        Erkenntnistheorie. Stuttgart [u.a.]: Kohlhammer.</bibl>
                    <bibl xml:id="Hauser1974">Hauser, Arnold (1974): Methoden moderner
                        Kunstbetrachtung. München: Beck.</bibl>
                    <bibl xml:id="Herren1973">Herren, Rüdiger (1973): Freud und die Kriminologie.
                        Einführung in die psychoanalytische Kriminologie. Stuttgart: Enke.</bibl>
                    <bibl xml:id="Jung1941">Jung, C.G. (1941 [1906]): Die psychologische Diagnose
                        des Tatbestandes. Zürich, Leipzig: Rascher.</bibl>
                    <bibl xml:id="Kren2020">Kren, Marvin (2020): Freud. Österreich, Deutschland,
                        Tschechien: Satel Film, Bavaria Fiction.</bibl>
                    <bibl xml:id="Leonhardt1990">Leonhardt, Ulrike (1990): Mord ist ihr Beruf. Eine
                        Geschichte des Kriminalromans. München: Beck.</bibl>
                    <bibl xml:id="Mueller_Seidel1997">Müller-Seidel, Walter (1997): Arztbilder im
                        Wandel. Zum literarischen Werk Arthur Schnitzlers. Vorgetragen am 3.
                        November 1995. München: Verlag der Bayrischen Akademie der
                        Wissenschaften.</bibl>
                    <bibl xml:id="Nusser2009">Nusser, Peter (2009): Der Kriminalroman. Stuttgart
                        [u.a.]: Metzler.</bibl>
                    <bibl xml:id="Osterwalder2011">Osterwalder, Sonja (2011): Düstere Aufklärung.
                        Die Detektivliteratur von Conan Doyle bis Cornwell. Wien [u.a.]:
                        Böhlau.</bibl>
                    <bibl xml:id="Pankejeff1989">Pankejeff, Sergej (1989): Meine Erinnerungen an
                        Sigmund Freud. Vom Wolfsmann, in: Muriel Gardiner (Hg.): Der Wolfsmann vom
                        Wolfsmann. Sigmund Freuds berühmtester Fall. Erinnerungen, Berichte,
                        Diagnosen. Mit der Krankengeschichte des Wolfsmannes von Sigmund Freud, dem
                        Nachtrag von Ruth Mack Brunswick und einem Vorwort von Anna Freud. Frankfurt
                        am Main: S. Fischer, S. 169–189.</bibl>
                    <bibl xml:id="Reve1994">Reve, Karel van het (1994): Dr. Freud und Sherlock
                        Holmes. Hrsg., aus dem Niederl. übers. und eingeleitet von Gerd Busse.
                        Frankfurt am Main: S. Fischer.</bibl>
                    <bibl xml:id="Rohrwasser2005">Rohrwasser, Michael (2005): Freuds Lektüren. Von
                        Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Gießen: Imago.</bibl>
                    <bibl xml:id="Schaedel2006">Schädel, Mirko (2006): Illustrierte Bibliographie
                        der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796 bis 1945.
                        Butjadingen: Achilla Presse 2006 [2 Bände].</bibl>
                    <bibl xml:id="Sebeok_Sebeok1982">Sebeok, Thomas/Umiker-Sebeok Jean (1982): „Du
                        kennst meine Methode“. Charles S. Peirce und Sherlock Holmes. Aus dem Engl.
                        übers. von Achim Eschbach. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</bibl>
                    <bibl xml:id="Shepherd1986">Shepherd, Michael (1986): Sherlock Holmes und der
                        Fall Sigmund Freud. Aus dem Engl. übers. von Gerd Burger und Klaus
                        Kämpfe-Burghardt. Rheda-Wiedenbrück: Daedalus Verlag.</bibl>
                    <bibl xml:id="Spence1987">Spence, Donald (1987): The Freudian Metaphor. Toward
                        Paradigm Change in Psychoanalysis. New York [u.a.]: W.W. Norton &amp;
                        Company.</bibl>
                    <bibl xml:id="Swales1982">Swales, Peter (1982): Freud, Minna Bernays, and the
                        conquest of Rome. New light on the origins of psychoanalysis. New York: P.J.
                        Swales.</bibl>
                    <bibl xml:id="Yang2010">Yang, Amy (2010): Psychoanalysis and Detective Fiction.
                        A tale of Freud and criminal storytelling, in: Perspectives in Biology and
                        Medicine 53/4, S. 596–604.</bibl>
                </listBibl>
            </div>
        </back>
    </text>
</TEI>
