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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Kriminelle Energie im Deutschunterricht</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Drei Thesen zum Wert von Spannungsliteratur</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Eva</forename>
                        <surname>Hammer-Bernhard</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Eva Hammer-Bernhard ist Studiendirektorin mit der Fächerverbindung
                        Deutsch und katholische Religionslehre. Derzeit ist sie abgeordnet als
                        wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Werteerziehung und
                        Lehrer:innenbildung an der LMU München. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind u.a.
                        die Themenbereiche Werteerziehung mit Literatur, Bioethik, BNE und
                        Diversität. Ihr Dissertationsprojekt trägt den Arbeitstitel „Jenseits
                        von Gut und Böse – Werteerziehung mit Kriminalliteratur“. Weitere
                        Informationen unter: <ref target="www.werteerziehung.de"
                            >www.werteerziehung.de</ref></affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-04-03</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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            <langUsage>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Deutschunterricht</term>
                    <term xml:lang="de">Christine Nöstlinger</term>
                    <term xml:lang="de">Wolf Haas</term>
                    <term xml:lang="de">Kinder und Jugendliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Wertereflexion</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">German Classes</term>
                    <term xml:lang="en">Christine Nöstlinger</term>
                    <term xml:lang="en">Wolf Haas</term>
                    <term xml:lang="en">Children's and Jung Adult Literature</term>
                    <term xml:lang="en">Reflection of Values</term>
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                    <date when-iso="2024-02-12">Not Converted from a Word
                        document<!-- Wie beschreiben? --></date>
                    <name>Kira Kaufmann</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Gewürdigt wird in der didaktischen Diskussion mit Blick auf unterrichtliche
                    Beschäftigung mit Kinder- und Jugendkrimiliteratur primär das Potential für
                    Lesemotivation und Leseförderung, das das Lesen von Unterhaltungsliteratur
                    vertretbar macht. Dass Kriminalliteratur darüber hinaus besondere Eigenheiten
                    aufweist, die die Auswahl als Schullektüre sogar als besonders wünschenswert
                    erscheinen lässt, kann zusammenfassend am Phänomen der Spannung herausgearbeitet
                    werden: Literarische Spannung erhöht die Bindung der Leser:innen an den Text und
                    führt zu einer Involviertheit, die „detektorisches Lesen“ (E. Paefgen) fördern
                    kann. Die moderne Entwicklungspsychologie beschreibt außerdem die Phase der
                    Adoleszenz als besonders spannungsvoll. Der Drang nach Auflösung auf Textebene
                    kann gerade in der Phase der Pubertät erleichternd wirken und bestimmte
                    Entwicklungsaufgaben dieser Zeitspanne begleiten (vgl. G. v. Glasenapp).
                    Involviertheit und Immersion können schließlich eine starke Identifizierung mit
                    handelnden Figuren hervorrufen, die anregend auf die Ausbildung einer
                    Wertereflexionskompetenz wirken können.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">

                <p>In the didactic discussion, the potential for reading motivation and reading
                    promotion, which makes reading entertainment literature justifiable, is
                    primarily recognised with regard to the teaching of child-ren's and young adult
                    crime fiction. The fact that crime fiction also has special characteristics that
                    make its selection as school reading particularly desirable can be summarised by
                    the phenomenon of suspense: Literary suspense increases the reader's attachment
                    to the text and leads to an involvement that can promote "detective reading" (E.
                    Paefgen). Modern developmental psychology also describes the phase of
                    adolescence as particularly exciting. The urge for resolution at text level can
                    have a relieving effect, especially in the phase of puberty, and accompany
                    certain developmental tasks of this period (cf. G. v. Glasenapp). Involvement
                    and immersion can ultimately evoke a strong identification with the characters
                    involved, which can have a stimulating effect on the development of
                    value-reflection skills.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_04-03_01">
                <lg><space unit="lines" quantity="2"/>
                    <l>
                        <hi rend="italic">Ich halte immer noch an der Meinung fest,</hi>
                    </l>
                    <l>
                        <hi rend="italic">daß in Zeiten wie diesen eine gute, starke
                            Detektivgeschichte</hi>
                    </l>
                    <l>
                        <hi rend="italic">ein wahres Gottesgeschenk ist.</hi>
                    </l>
                    <l>(Raymond Chandler, <title>Die simple Kunst des Mordes</title>)</l>
                </lg><space unit="lines" quantity="2"/>
                
                <p>Die hohe Wertschätzung, die in Chandlers Brief an George Harmon Coxe zum Ausdruck
                    kommt, wurde und wird nicht von allen geteilt: Das Genre der Kriminalliteratur
                    blickt nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern gerade auch in der
                    Fachdidaktik auf eine Geschichte polemischer Abwertung und kategorischer
                    Ablehnung zurück – denen apologetisch anmutende Verteidigungsschriften
                    gegenüberstehen. Eine sachliche Beschäftigung mit der Gattung aus
                    wissenschaftlicher Sicht entwickelt sich erst langsam. Gewürdigt wird mit Blick
                    auf unterrichtliche Beschäftigung mit Kinder- und Jugendkriminalliteratur primär
                    das Potential für Lesemotivation und Leseförderung, das dann auch das Lesen von
                    zuvor geschmähter Unterhaltungsliteratur vertretbar macht (vgl. hierzu <ref
                        type="bibl" target="#Hammer_Bernhard2023b"
                        xml:id="ref_Hammer_Bernhard2023b-285f.">Hammer-Bernhard 2023b:
                    285f.</ref>).</p>
                <p>Dass Kriminalliteratur darüber hinaus besondere Eigenheiten aufweist, die die
                    Auswahl als Schullektüre sogar als besonders wünschenswert erscheinen lassen,
                    kann zusammenfassend am Phänomen der Spannung herausgearbeitet werden. Analog
                    zur physikalischen Größe der Spannung kann literarische Spannung Energie
                    potenzieren, die – im Gegensatz zum juristischen Gebrauch des Begriffs der
                        <emph>kriminellen</emph> Energie<note xml:id="endnote_01"><p>Spannend, aber
                            über die Fokussierung des vorliegenden Beitrags zu weit hinausreichend
                            ist die Tatsache, dass dieser Begriff in der Rechtsprechung Anwendung
                            findet, ohne gesetzlich verankert zu sein. Vgl. hierzu den
                            entsprechenden Forschungsbericht von <ref type="bibl"
                                target="#Temme2020" xml:id="ref_Temme2020">Gaby Temme
                            (2020)</ref></p></note> – positive Effekte hervorruft: Sie bindet
                    Leser:innen in besonderem Maße an den Text, ermöglicht Entlastung und
                    Entspannung und kann zur ethischen Reflexion anregen, wie im Folgenden anhand
                    ausgewählter Textbeispiele, die für den Einsatz im Unterricht für verschiedene
                    Altersstufen geeignet sind, gezeigt werden soll.<note xml:id="endnote_02"><p>
                            Eine umfassende Darstellung der hier präsentierten Thesen wird in meinem
                            Dissertationsprojekt vorgelegt.</p></note></p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-03_02">
                <head>(1) Literarische Spannung verstärkt die Bindung der Leser:innen an den Text
                    und führt zu einer Involviertheit, die eine erhöhte Lese-Energie hervorrufen
                    kann.</head>
                <p><quote source="#ref_Noestlinger2011-461">Mein Hobby sind ab jetzt Verbrechen. Ich
                        werde Detektivin. Und du bist mein Helfer!</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Noestlinger2011" xml:id="ref_Noestlinger2011-461">Nöstlinger 2011:
                        461</ref>) Keinen Widerspruch gegen die neue Beschäftigung duldet die Gabi
                    in den <title>Detektivgeschichten vom Franz</title>. Dieser ist nicht so ganz
                    überzeugt von der neuen Idee – fügt sich aber, wie immer, dem Vorschlag seiner
                    Freundin. Die Leser:innen tun dieser gleichermaßen durch die direkte Zuweisung
                    der Watson-Rolle, die durch das Ausrufezeichen verstärkt wird. Und so beginnen
                    die Gabi und der Franz ihre Ermittlung im Kapitel <title>Ein einfacher
                        Fall</title> (<ref type="bibl" target="#Noestlinger2011">ebd.</ref>). Gabis
                    Erklärungen sollen den Franz ebenso wie die Rezipient:innen davon überzeugen,
                    dass als Ermittlungsort idealerweise das Kaufhaus in Frage kommt. Anders als in
                    herkömmlichen Detektivgeschichten steht hier nicht die Tat am Anfang; die beiden
                    versuchen, später unterstützt vom Eberhard, selbst ein Verbrechen aufzuspüren,
                    bevor sie sich an die Ermittlungen machen. Altersgerecht wird hier Spannung
                    aufgebaut: Zunächst werden die zwei vom echten Kaufhausdetektiv des Ladens
                    verwiesen und des geplanten Diebstahls bezichtigt, später dringen sie in die
                    Wohnung eines Mannes ein, den sie für einen gesuchten Bankräuber halten. Nur wer
                    genau liest, wer selbst eine Art Detektiv:in wird, kann dem Geschehen folgen.
                    Nur wer verstanden hat, warum die Gabi den neuen Mieter für den Schurken hält,
                    kann die Pläne der Kinder nachvollziehen. Und so wird aus dem <hi rend="italic"
                        >einfachen Fall</hi> die <hi rend="italic">große Aktion</hi> (<ref
                        type="bibl" target="#Noestlinger2011" xml:id="ref_Noestlinger2011-478"
                        >Nöstlinger 2011: 478</ref>). Neben der realen Bedrohung durch potentielle
                    Verbrecher wird parallel die Geschichte der Freundschaft verhandelt, die nicht
                    immer konfliktfrei verläuft; auch dadurch wird Spannung erzeugt. Der Franz
                    weigert sich beispielsweise, den Schlüssel der Hausmeisterin für die Wohnung des
                    vermeintlichen Räubers zu entwenden:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Noestlinger2011-475">„Nein!“, piepste der Franz. „Ich klaue
                        nicht, das … das … tue ich … nicht!“ „Piep, piep, piep“, äffte die Gabi
                        wütend den Franz nach. Das hätte sie besser nicht machen sollen, denn der
                        Eberhard lässt es nicht zu, dass jemand seinen Freund verspottet. Bitterböse
                        schaute er die Gabi an und sagte drohend: „Lass den Franz in Ruhe, falls du
                        nicht gleich allein hier sitzen willst!“ Verblüfft starrte die Gabi den
                        Eberhard an. Dass jemand so mit ihr redete, war sie nicht gewohnt. (<ref
                            type="bibl" target="#Noestlinger2011" xml:id="ref_Noestlinger2011-475"
                            >Nöstlinger 2011: 475</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Sehr nachvollziehbar ist für Leser:innen im Grundschulalter die Gefährdung, die
                    die Freundschaft hier erfährt, kennen sie diese Situation doch aus ihrer eigenen
                    Lebenswelt gut.</p>
                <p>Das Muster der Detektiverzählung ist trotz der Abwandlung des Einstiegs gut
                    erkennbar: Der Fall wird untersucht, die Ermittelnden geraten immer näher in den
                    Umkreis des Verdächtigen, die Spannung steigert sich durch den Versuch, den
                    Täter zu fassen – der sich dann allerdings als Polizist entpuppt. Der echte
                    Bankräuber wird zu guter Letzt auch gefasst, allerdings ohne das Zutun der
                    Kinder, so dass der Franz am Ende die Gabi als <quote
                        source="#ref_Noestlinger2011-482">Meister-Detektivin</quote> verspottet
                        (<ref type="bibl" target="#Noestlinger2011-482"
                        xml:id="ref_Noestlinger2011-482">Nöstlinger 2011: 482</ref>).</p>
                <p>Die Schablonenhaftigkeit muss nicht zwingend als Indiz für mangelnde literarische
                    Qualität angesehen werden; bereits Bertolt Brecht hat auf den positiven
                    Zusammenhang von Schema und Variation verwiesen: Der Kriminalroman</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Brecht1989-33">hat ein Schema und zeigt seine Kraft in der
                        Variation. [...] Die Tatsache, dass ein Charakteristikum des Kriminalromans
                        in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dem
                        ganzen Genre sogar das ästhetische Niveau. [...] Es gibt eine Menge Schemata
                        für den Kriminalroman, wichtig ist nur, dass es Schemata sind. (<ref
                            type="bibl" target="#Brecht1989" xml:id="ref_Brecht1989-33">Brecht 1989
                            [1938]: 33</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>Auf die Spitze getrieben findet sich das Zusammenspiel von Schema und Variation
                    in den <title>Brenner</title>-Romanen von Wolf Haas, die mehrfach mit dem Satz
                        <quote source="#ref_Haas2003-5">Jetzt ist schon wieder was passiert</quote>
                    beginnen (vgl. beispielsweise <ref type="bibl" target="#Haas2003"
                        xml:id="ref_Haas2003-5">Haas 2003: 5</ref>) – und doch völlig
                    unterschiedliche Geschichten erzählen. Dieses Grundprinzip kann Freiräume
                    schaffen, die didaktisch fruchtbar gemacht werden können: Die Schemata geben den
                    Lesenden eine gewisse Sicherheit durch Rückgriff auf frühere Leseerfahrungen,
                    sorgen für ein Kontinuitätsgefühl mit Blick auf die Lesebiographie durch
                    Wiedererkennen prototypischer Formen. Sie können durch Disruptionserlebnisse zur
                    Reflexion herausfordern. Daneben eröffnen sie eine sehr niederschwellige
                    Möglichkeit, kreativ eigene Variationen zu schaffen, auch außerhalb klassischer
                    narrativer Formen, zum Beispiel im Bereich diverser Spiele (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Hammer_Bernhard2023b-287f.">Hammer-Bernhard 2023b:
                        287f.</ref>).</p>
                <p>Bereits in diesem Beispiel für sehr junge Leser:innen finden sich Anspielungen
                    auf Prätexte, die diese vermutlich noch gar nicht entschlüsseln können: Die
                    Helfer-Rolle, die auf frühe Detektivliteratur von Edgar Allan Poe und Arthur
                    Conan Doyle zurückgeht; die Illustration der Kopfzeile durch die Lupe, die als
                    Symbol für detektivisches Ermitteln besonders die Darstellung Sherlock Holmes’
                        prägt;<note xml:id="endnote_03"> In den Texten Arthur Conan Doyles wird
                        dieses Attribut allerdings nicht erwähnt; in den ersten Illustrationen von
                        Sydney Paget für das <title>Strand</title>-Magazine findet es sich bei den
                        Zeichnungen zum <title>Adventure of the Blue Carbuncle</title> (1892; vgl.
                            <ref type="bibl" target="#Pinacoteca2024">Pinacotheca Holmesiana</ref>);
                        in den Verfilmungen mit Basil Rathbone (ab 1939) verwendet dieser in seiner
                        Rolle als Sherlock Holmes vielfach eine Lupe bei seinen Nachforschungen
                        (vgl. beispielsweise <ref type="bibl" target="#Telegraph2016">The Telegraph
                            2016</ref>). Bis heute ist sie in vielen Adaptionen und
                        unterschiedlichen Medien als Hinweis auf den ikonischen Ermittler zu
                        lesen.<p/></note> und der Begriff des „Meister-Detektivs“/der
                    „Meister-Detektivin“ – Nöstlinger nimmt hier u.a. Bezug auf Astrid Lindgrens
                    Dreiteiler <title>Mästerdetektiven Blomkvist</title>. 1946 ist der erste Band
                    auf Schwedisch erschienen, die beiden folgenden 1951 und 1953. Die erste
                    deutsche Buchfassung wurde 1950 von Friedrich Oetinger herausgebracht; im
                    Unterschied zu späteren deutschen Ausgaben noch unter dem Titel
                        <title>Meisterdetektiv Blomquist</title>. Ähnlich wie die Gabi und der Franz
                    ist auch hier der Protagonist, Kaufmannssohn Kalle Blomquist, auf der Suche nach
                    einem Verbrechen, das er als Detektiv lösen kann: <quote
                        source="#ref_Lindgren1996-6">Detektiv oder gar nichts. [...] Sherlock
                        Holmes, Asbjörn Krag, Hercule Poirot, Lord Peter Wimsey, Karl Blomquist! Er
                        schnalzte mit der Zunge. Und er, Karl Blomquist, hatte die Absicht, der
                        Beste von allen zu werden.</quote> (<ref type="bibl" target="#Lindgren1996"
                        xml:id="ref_Lindgren1996-6">Lindgren 1996: 6</ref>) Im Unterschied zu
                    Nöstlingers Detektiv-Trio wird Kalle allerdings zusammen mit seinen Freund:innen
                    Eva-Lotta und Anders im Laufe der drei Bücher mit echten Fällen konfrontiert,
                    die sie gemeinsam aufklären. Die intertextuellen Anspielungen sind auch hier für
                    erfahrenere Leser:innen unübersehbar: Im o.g. Zitat bezieht sich Kalle auf große
                    Vorbilder aus dem Textfundus der europäischen Klassiker der Kriminalliteratur
                    wie Arthur Conan Doyles Sherlock, Agatha Christies Hercule Poirot und Dorothy
                    Sayers’ Lord Peter Wimsey; lediglich der ehemalige Polizist und Privatermittler
                    Asbjørn Krag des norwegischen Autors Sven Elvestad dürfte dem deutschsprachigen
                    Publikum eher nicht bekannt sein. Bereits in den ersten Sätzen werden auch zwei
                    der seit Sherlock Holmes untrennbar mit der Detektivtätigkeit verbundene
                    Attribute genannt. Der Text beginnt mit dem Ausruf: <quote
                        source="#ref_Lindgren1996-5">Blut! Daran gab’s keinen Zweifel! Er starrte
                        durch das Vergrößerungsglas auf den roten Fleck. Dann schob er die Pfeife in
                        den anderen Mundwinkel und seufzte.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Lindgren1996" xml:id="ref_Lindgren1996-5">Lindgren 1996: 5</ref>)
                    Die Pfeife wird in vielen Sherlock-Holmes-Erzählungen erwähnt; erstmals bereits
                    in <title>A Study in Scarlet</title>, wo es heißt: <quote
                        source="#ref_Doyle1887-o.S.">Sherlock Holmes rose and lit his pipe. ‚No
                        doubt you think that you are complimenting me in comparing me to Dupin‘, he
                        observed.</quote> (<ref type="bibl" target="#Doyle1887"
                        xml:id="ref_Doyle1887-o.S.">Doyle 1887: o. S./ch. 2</ref>) Pfeife und Lupe
                    sind auch prägender Bestandteil der Titelgestaltung der deutschen <title>Kalle
                        Blomquist</title>-Ausgaben<note xml:id="endnote_04"><p>Alle Bände stammen
                            aus dem Privatbesitz; die Cover wurden privat abfotografiert. Hinweise
                            auf die Editionsgeschichte finden sich auch unter <ref
                                target="www.ph-heidelberg.de/fileadmin/user_upload/deutsch/Zentrum_KJL/Lindgren/Kalle_Blomquist.pdf"
                                >Kalle Blomquist</ref> (<ref type="bibl" target="#PH_Heidelberg2024"
                                xml:id="ref_PH-Heidelberg2024">PH Heidelberg
                    2024</ref>).</p></note>; in der Ausgabe von 1963 findet sich auch eine
                    Anspielung auf die Deerstalker-Mütze, die auf Pagets Illustrationen zurückgeht,
                    ebenso in der Ausgabe von 1969, die den Schattenwurf des berühmten
                    Vorgänger-Detektivs darstellt.</p>
                <p>Die starken intertextuellen Bezüge, die sich im Fall von Sherlock Holmes auf
                    Erzählungen beziehen, die von den kindlichen Leser:innen noch nicht rezipiert
                    wurden, haben nachhaltige Auswirkungen auf die Lesebiographie. Textliche und
                    bildliche Anspielungen werden erst bei der Lektüre der Prätexte als solche
                    erkannt, dennoch erfassen auch junge Rezipient:innen, dass Sherlock Holmes als
                    Inbegriff des genialen Privatermittlers zu verstehen ist. Gefördert wird so eine
                    Involviertheit über den einzelnen Text hinaus. Besonders unterstützt wird diese
                    zusätzlich durch Klappentexte, in denen die Leser:innen direkt adressiert
                    werden; so heißt es beispielsweise in der Ausgabe von 1969:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Lindgren1969-Klappentext">Liebe junge Detektive! Aufgepaßt:
                        Dieses Buch enthält die gesammelten Erfahrungen des großen Meisterdetektivs
                        Kalle Blomquist. Vollzählig. Das ist von unschätzbarem Wert für euch. [...]
                        Und wer weiß, vielleicht spricht man dann eines Tages von Euch als dem
                        großen Meisterdetektiv ... (<ref type="bibl" target="#Lindgren1996"
                            xml:id="ref_Lindgren1969-Klappentext">Lindgren 1969: Klappentext
                            Schutzumschlag vorne</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die Idee, einen eigenen Detektivclub zu gründen, haben nicht wenige in ihrer
                    Kindheit umgesetzt; die schwedische Polizei nutzte dieses Phänomen in den 50er
                    Jahren des 20. Jahrhunderts sogar dazu, Kinder anzuregen, Autokennzeichen zu
                    notieren, um so gestohlene Fahrzeuge aufzuspüren. Diese „Blomquisterei“ wurde
                    allerdings durchaus auch kritisch gesehen (vgl. hierzu die Informationen auf der
                    offiziellen <ref type="bibl" target="#Astrid_Lindgren_Website2024"
                        xml:id="ref_Astrid_Lindgren_Website2024">Astrid-Lindgren-Website</ref>).</p>
                <p>Ein weiterer Aspekt der Intertextualität verwebt die in der Kindheit gelesenen
                    Bücher mit der Erwachsenenlektüre: Auch Kinderkriminalliteratur wird zum
                    Prätext, wenn beispielsweise der Protagonist in Stieg Larssons
                    Millenniums-Trilogie, der Journalist Mikael Blomkvist, den Spitznamen Kalle
                    Blomkvist erhält; der Name seiner Mitstreiterin Lisbeth Salander kann als
                    Anspielung auf Eva-Lottas Nachnamen Lisander gelesen werden.<note
                        xml:id="endnote_05"><p>Auch weitere Werke der Kinder- und
                            Jugendkriminalliteratur fungieren als Prätexte, so beispielsweise im
                            englischsprachigen Raum Enid Blytons <title>Fünf Freunde</title>. In Val
                            McDermids <title>Kate Brannigan</title>-Reihe sinniert die
                            Protagonistin: <quote source="#ref_McDermin2012-257">Als ich mich
                                umdrehte, ungeschickt vor lauter Erschöpfung, stieß ich mit dem
                                Ellbogen gegen die Thermoskanne. Sie flog vom Schreibtisch und
                                prallte gegen die holzgetäfelte Wand unter dem Fenster. Offenbar
                                unbeschädigt landete sie auf dem Fußboden. Anders die Wand. Wo die
                                Kanne sie getroffen hatte, schwang die Holztäfelung langsam auf und
                                gab einen Safe frei. Da konnte Enid Blyton nur noch vor Neid
                                erblassen. Wenn den <title>Fünf Freunden</title> absurde Zufälle
                                weiterhalfen, dann konnten sie auch mich voranbringen.</quote> (<ref
                                type="bibl" target="#McDermin2012" xml:id="ref_McDermin2012-257"
                                >McDermid 2012: 257</ref>) Ebenfalls auf die <title>Fünf
                                Freunde</title> verweist Clare Mackintosh im zweiten Band ihrer
                                <title>Ffion Morgan</title>-Reihe: <quote
                                source="#ref_Mackintosh2023-95f.">‚Und darf ich Georgina sagen? Oder
                                ziehst du einen anderen Namen vor?‘ Georgina ist überrascht. ‚Na ja,
                                eigentlich George.‘</quote> (<ref type="bibl"
                                target="#Mackintosh2023-95f.">Mackintosh 2023:
                        95f.</ref>)</p></note></p>
                <p>Neben dem Netz aus intertextuellen Bezügen, die die Aufmerksamkeit der
                    Leser:innen herausfordern, entsteht eine besondere Involviertheit durch das
                    tatsächliche Mitvollziehen der Ermittler:innenrolle, das die Immersion und die
                    emotionale Anbindung verstärken kann. Peter Hasubek hat bereits 1980
                    festgestellt, dass</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Hasubek1980-4">der Leser (als Detektiv) zum integralen Part
                        des Textes wird und zum Nachvollziehen und Vervollständigen der Erzählung
                        notwendige Leistungen erbringen muß. Dieses Mithandeln des Lesers bei der
                        Entschlüsselung des ‚Rätsels‘ einer Detektivgeschichte, von Brecht als das
                        eigentliche Vergnügen der Lektüre von Kriminalromanen verstanden, fördert
                        die Beobachtungsfähigkeit des Schülers und seine geistige Aktivität beim
                        Umgang mit literarischen Texten entscheidend. (<ref type="bibl"
                            target="#Hausbek1980" xml:id="ref_Hasubek1980-4">Hasubek 1980:
                        4</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>Elisabeth Paefgen führt diese Beobachtung Ende der 90er Jahre weiter in ihrem
                    Aufsatz zum <quote source="#ref_Paefgen1997-8">detektorischen Lesen und
                        Deuten</quote> (<ref type="bibl" target="#Paefgen1997"
                        xml:id="ref_Paefgen1997-8">Paefgen 1997: 8</ref>):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Paefgen1997-8">Vieles spricht zudem dafür, erste
                        erzählanalytische Studien gerade bei jungen Lesern mit Kriminalgeschichten
                        zu beginnen: Auch wenn die Geschichten nicht selten sprachlich eher einfach
                        sind, sind sie fast immer spannend; und immer spielen Erzählsituation,
                        Perspektive, Anteile dessen, was die Figuren wissen bzw. äußern, für die
                        Konstruktion des Falles und dessen Aufklärung eine ‚existentielle‘ Rolle.
                        Aufbau und Inhalt dieser Erzählungen erzwingen also textanalytische
                        Aufmerksamkeit. (<ref type="bibl" target="#Paefgen1997"
                            xml:id="ref_Paefgen1997-8">Paefgen 1997: 8</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Besonders immersiv wirken Texte, die in der Ich-Form verfasst sind. Kevin Brooks’
                    Jugendthriller-Reihe <title>Travis Delaney</title> wird aus der Sicht des
                    anfangs dreizehnjährigen Travis erzählt, der den Unfalltod seiner Eltern als
                    Mord entlarven wird. Der erste Band beginnt mit der Beerdigung:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Brooks2016-7">Ich bemerkte den Mann mit der versteckten
                        Kamera nur, weil ich es nicht mehr ertrug, weiter die Särge anzugucken. Ich
                        hatte sie schon sehr lange angeguckt. Von dem Moment an, als die beiden
                        Holzkisten in die Kirche gebracht wurden, bis zu dem Moment, als sie auf den
                        Friedhof getragen und in den frisch ausgehobenen Gräbern versenkt wurden.
                        Nicht eine Sekunde hatte ich den Blick von ihnen gelöst. Aber jetzt, als der
                        Pfarrer seine traurigen Worte anstimmt – ‚Erde zu Erde, Asche zu Asche,
                        Staub zu Staub‘ – und ich in die Gräber starrte, traf mich die Wahrheit
                        erneut wie mit einem Vorschlaghammer. In den beiden Särgen lagen meine
                        Mutter und mein Vater. Meine Eltern waren tot. (<ref type="bibl"
                            target="#Brooks2016" xml:id="ref_Brooks2016-7">Brooks 2016:
                        7</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der erste Satz erzeugt Spannung durch den Hinweis auf die „versteckte“ Kamera,
                    deren Herkunft zunächst nicht aufgeklärt wird. In Verbindung mit der zutiefst
                    traurigen und in eindringlichen Bildern ausgestalteten Ausgangssituation, die
                    Urängste jugendlicher Leser:innen berührt, ist eine sehr schnelle Identifikation
                    mit dem Protagonisten möglich. Die Rezipient:innen möchten gemeinsam mit Travis
                    herausfinden, wer der Mann ist und was es mit der Kamera auf sich hat. Dazu ist
                    es notwendig, die Lektüre fortzusetzen und gründlich zu lesen, um Hinweise
                    entdecken zu können. Im Fall der Reihe erfolgt die Auflösung erst im dritten
                    Band.</p>
                <p>Nicht zufällig rekurriert Maryanne Wolf in ihrem Band <title>Schnelles Lesen,
                        langsames Lesen</title> auch auf Textbeispiele aus der Kriminalliteratur, um
                    ihre Überlegungen zum deep reading, zum analytischen, vertieften Lesen zu
                    illustrieren: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Wolf2019-81-83">Sherlock Holmes ist ein wunderbares Beispiel
                        dafür, wie sorgfältiges Beobachten, umfangreiches Hintergrundwissen und
                        meisterhaftes analoges Folgern zu Erkenntnissen führen können, die uns immer
                        wieder verblüffen. [...] Unsere Gehirne haben es eher mit Miss Marple. [...]
                        Auf lange Sicht ist ohne Frage der multidisziplinäre Ansatz des konzentriert
                        lesenden Gehirns, bei dem neben induktivem Schlussfolgern und
                        Analogieschlüssen auch empathiebezogene Prozesse zum Tragen kommen,
                        letztlich dem Sherlocks vorzuziehen, bei dem es sich um reine Deduktion
                        handelt. (<ref type="bibl" target="#Wolf2019" xml:id="ref_Wolf2019-81-83"
                            >Wolf 2019: 81-83</ref>) </quote>
                </cit>
                <p>Neben diesen kriminalliterarischen Analogien mit Blick auf die
                    neurowissenschaftliche Betrachtung der Leseprozesse ist es das Lesen von
                    Kriminalliteratur selbst, das durch das besondere Maß an Involviertheit der
                    Leser:innen zu einem Aufgehen im Lesen, zu einem <quote
                        source="#ref_Wolf2019-51">weltvergessenen Lesen</quote> (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Wolf2019" xml:id="ref_Wolf2019-51">Wolf 2019: 51</ref>)
                    aufgrund der inhärenten Spannung führen kann. Den großen Wert eines derart
                    intensiven Lesens verbindet Wolf mit der Fähigkeit zu kritischem Denken: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Wolf2019-84">Vom Standpunkt des lesenden Gehirns aus
                        betrachtet repräsentiert kritisches Denken das gesamte Spektrum der
                        Prozesse, die die wissenschaftliche Methode ausmachen. Sie schafft eine
                        Verbindung zwischen dem Textinhalt und unserem Hintergrundwissen, lädt ein
                        zu Analogien, Deduktionen, Induktionen und Schlussfolgerungen und verwendet
                        diese Synthese dann zur Bewertung der Grundannahmen, Interpretationen und
                        Schlüsse des Autors. Die sorgfältige Erziehung zum kritischen Denken ist die
                        beste Möglichkeit, kommende Generationen gegen manipulative und
                        oberflächliche Informationen in Texten und auf Bildschirmen zu wappnen.
                            (<ref type="bibl" target="#Wolf2019" xml:id="ref_Wolf2019-84">Wolf 2019:
                            84</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Thomas Zabka verweist am Beispiel der Lektüre von Kriminalromanen darauf, dass
                    sich hier die drei literarischen Rezeptionsmodi im Leseprozess verbinden: Der
                    intime Modus wird hier mit dem erkenntnistheoretischen sowie dem ästhetischen
                    verknüpft: </p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zabka2016-155">Viele Leserinnen und Leser von
                        Kriminalromanen begeistern sich nicht nur (a) für die spannenden Konflikte,
                        sondern auch (b) für die vielschichtige Darstellung sozialer und
                        psychologischer Abgründe, reichern also lesend ihr Wissen über
                        gesellschaftliche und seelische Muster an. Wenn sie dabei (c) bemerken,
                        durch welche erzählerischen Tricks sie dazu gebracht werden, die Welt aus
                        der Perspektive eines Opfers oder eines Täters zu sehen, aktivieren sie den
                        ästhetischen Modus. (<ref type="bibl" target="#Zabka2016"
                            xml:id="ref_Zabka2016-155">Zabka 2016: 155</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Das Zusammenpuzzeln erzählanalytischer Einzelbefunde zu einer Gesamtdeutung
                    vergleicht Erich Kästner in seiner Vorrede an die Leser:innen von <title>Emil
                        und die Detektive</title><note xml:id="endnote_06"><p>Kästners Roman gilt
                            als erster expliziter Kinderkriminalroman, wenngleich sich deutliche
                            Anklänge an Wolf Durians <title>Kai aus der Kiste</title> (1927) finden
                            lassen (vgl. <ref type="bibl" target="#VanNahl2019"
                                xml:id="ref_VanNahl2019-46">van Nahl 2019: 46</ref>).</p></note> mit
                    dem Zusammenstellen von Bauklötzchen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Kaestner2012-16">Ich möchte euch nun, ehe ich die Geschichte
                        im Zusammenhang berichte, das kleine Bombardement vorführen, das mir die
                        einzelnen Glieder des Ganzen, die Einfälle und die Bestandteile, zuwarf.
                        Vielleicht seid ihr geschickt genug und könnt euch aus den verschiedenen
                        Elementen die Geschichte zusammenstellen, ehe ich sie erzähle? Es ist eine
                        Arbeit, als solltet ihr aus Bauklötzen, die man euch gibt, einen Bahnhof
                        oder eine Kirche aufbauen; und ihr hättet keinen Bauplan und kein Klötzchen
                        dürfte übrig bleiben! (<ref type="bibl" target="#Kaestner2012"
                            xml:id="ref_Kaestner2012-16">Kästner 2012: 16</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Der Lesevorgang wird hier konstruktivistisch gedeutet, wird der Inhalt der
                    Geschichte ja vom lesenden Individuum konstruiert. Die Leser:innen schaffen sich
                    ihre Wirklichkeit, indem sie die vom Erzähler präsentierten Einzelelemente auf
                    Basis ihrer subjektiven Vorstellungen zusammenbauen; daraus entsteht der jeweils
                    individuelle Wissenshorizont. Ein Vorgang, der große Energie seitens der
                    Rezipient:innen benötigt – aber gleichzeitig Energie freisetzt durch das aktiv
                    gestaltete Hinzugewinnen an neuem Wissen und neuen Erkenntnissen.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-03_03">
                <head>(2) Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Phase der Adoleszenz
                    besonders spannungsvoll und krisenreich, sie strebt nach Auflösung eines
                    psychisch-emotionalen Spannungszustandes. Der textimmanente Spannungsbogen kann
                    dabei Energie freisetzen: Durch die Ermöglichung von risikofreiem Probehandeln,
                    durch die Möglichkeit der Identifikation mit Rollenmodellen sowie durch die
                    intendierte Auflösung von Spannung werden wesentliche Entwicklungsaufgaben der
                    Pubertät begleitet.</head>
                <p>Aktuelle neurowissenschaftliche Untersuchungen zur Hirnentwicklung in der
                    Adoleszenz geben einen weiteren Anhaltspunkt dafür, warum Kriminalliteratur
                    gerade in dieser Entwicklungsphase eine besondere Rolle einnehmen kann:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Konrad_Firk_Ulhaas2013-o.S.">Das Gehirn eines Jugendlichen
                        durchläuft noch einmal eine plastische Phase, in der sich Umwelteinflüsse in
                        besonderer Weise prägend auf kortikale Schaltkreise auswirken. Dies eröffnet
                        Chancen für Bildung und Erziehung. So können Jugendliche in dieser
                        Lebensphase aufgrund ihrer hohen Beeinflussbarkeit durch Emotionen
                        insbesondere von Lernerfahrungen profitieren, die in einem positiven
                        emotionalen Kontext stattfinden und die gezielt eine Emotionsregulation
                        trainieren. Berücksichtigt man die neurobiologische Basis für risikoreiches
                        Verhalten in der Adoleszenz, so erscheint es wenig sinnvoll, Risikoverhalten
                        von Jugendlichen komplett zu unterbinden. Vielmehr könnte es sinnvoller
                        sein, [...] den Jugendlichen emotionale Erfahrungen in einer sicheren
                        Umgebung zu ermöglichen [...]. (<ref type="bibl"
                            target="#Konrad_Firk_Ulhaas2013"
                            xml:id="ref_Konrad_Firk_Ulhaas2013-o.S.">Konrad et. al. 2013: o.
                            S.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Zwei Aspekte sind hier für die Auswahl von schulischer Lektüre besonders
                    relevant: Zum einen werden Spannung und deren Auflösung als positiv und
                    zufriedenstellend erlebt, so dass die genannten positiven Lernerfahrungen
                    ermöglicht werden können. Zum anderen kann der Hinweis auf die „sichere
                    Umgebung“ in Bezug gesetzt werden zu dem durch die Literatur ermöglichten
                    Probehandeln außerhalb realer Gefahren.</p>
                <p>Die vielfach ausgezeichneten Jugendthriller des britischen Autors Kevin Brooks
                    bieten solche Blicke aus der sicheren Umgebung in unsichere Lebenswelten
                    jugendlicher Protagonist:innen. In der Nominierung seines ersten Buches
                        <title>Martyn Pig</title> (2004) für den Deutschen Jugendliteraturpreis
                    formuliert der Arbeitskreis Jugendliteratur:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Arbeitskreis2024">Irgendwann reißt dem 14-jährigen Martyn
                        der Geduldsfaden und er schubst seinen Vater, einen rabiaten Alkoholiker,
                        zurück, sodass dieser stolpert, mit dem Kopf aufschlägt und sofort tot ist.
                        Ein Unfall, den der nun elternlose Junge der Polizei melden müsste. Zunächst
                        unfähig zu reagieren, schafft Martyn jedoch die Leiche beiseite – zusammen
                        mit Alex, der vermeintlichen Freundin, in die er heftig verliebt ist.
                        Geschickt werden vom Autor Spuren ausgelegt, in die Martyn – und mit ihm der
                        Leser – hineintappt und die sich am Ende ganz anders auflösen, als man
                        geglaubt hat. Gekonnt mit Mustern des Adoleszenzromans und der
                        Liebesgeschichte spielend, ist Kevin Brooks mit seinem [...] Debütroman ein
                        klug gebauter, unkonventioneller Krimi gelungen. Die Motivationen der
                        ambivalenten Figuren bleiben lange undurchschaubar und auch am Ende findet
                        niemand die Wahrheit heraus. (<ref type="bibl" target="#Arbeitskreis2024"
                            xml:id="ref_Arbeitskreis2024">Buch: Martyn Pig | Arbeitskreis für
                            Jugendliteratur e.V.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Martyns nonkonformes Verhalten kann von den Lesenden im Lektüreprozess
                    probehandelnd mitvollzogen werden, seine innere Haltung Identifikation oder
                    Distanzierung auslösen.</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Anselm2019-196">So verstanden kann Literatur zur Entfaltung
                        individueller Autonomie beitragen: Literatur ermöglicht es dem Leser, einen
                        imaginären Raum zu betreten, der ihm die Möglichkeit zur Befreiung von
                        inneren, psychischen Zwängen wie auch von äußeren, gesellschaftlichen
                        Konventionen zugesteht. Literatur erlaubt es gewissermaßen, ein anderes
                        Leben zu führen als jenes, in das die Einzelnen als sozial handelnde
                        Menschen eingespannt sind. (<ref type="bibl" target="#Anselm2019"
                            xml:id="ref_Anselm2019-196">Anselm 2019: 196</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Brooks neuester Thriller mit dem Titel <title>Bad Castro</title> lässt die
                    Grenzen von Recht und Unrecht verschwimmen, indem er die Verbindung der jungen
                    Ermittlerin Judy, der Ich-Erzählerin, und des jugendlichen Verbrechers Bad
                    Castro auslotet; bereits am Ende des ersten Kapitels wird die Beziehung zwischen
                    beiden Personen angebahnt:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Brooks2021-11">Das Letzte, woran ich mich erinnere, bevor es
                        passierte, war ehrlich gesagt, dass ich den Blick zu ihm wandte und er mit
                        einem kleinen Lächeln zurückschaute. Ich nahm es als Zeichen der
                        Anerkennung, eine gegenseitige Bestätigung, dass wir ohne Schwierigkeiten
                        eine heikle Stelle passiert hatten und wieder auf Kurs waren. Und einen
                        kurzen Moment lang war es für mich okay, diese Erleichterung mit Castro zu
                        teilen. Dann zerbarst alles in einem ohrenbetäubenden blechernen Lärm. (<ref
                            type="bibl" target="#Brooks2021" xml:id="ref_Brooks2021-11">Brooks 2021:
                            11</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Bad Castro, ein dreizehn- bis vierzehnjähriger Junge (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Brooks2021" xml:id="ref_Brooks2021-9">Brooks 2021: 9</ref>), soll
                    von der Polizei zu einem Verhör überstellt werden, da er verschiedener
                    Verbrechen verdächtigt wird: <quote source="#ref_Brooks2021-22">Was immer Castro
                        sein mochte – ein Gangster, ein Krimineller, ein eiskalter Killer –, er
                        blieb trotzdem noch immer ein Junge.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Brooks2021" xml:id="ref_Brooks2021-22">Brooks 2021: 22</ref>) Nach
                    dem Attentat auf das Polizeiauto befinden sich Bad Castro und Judy gemeinsam auf
                    der Flucht, sie suchen nach einem Weg zurück in ihre Welt. Die
                    Grenzüberschreitungen, die diesen begleiten, ermöglichen ein Probehandeln und
                    Ausloten von Handlungsweisen, die außerhalb der Fiktion justiziabel wären.<note
                        xml:id="endnote_07"><p>Weiterführende Anregungen zur unterrichtlichen
                            Beschäftigung mit dem Band finden sich auf der Seite des <ref
                                target="https://assets.dtv.de/media/f1/5e/67/1645984294/Unterrichtsmodell_Brooks_Bad_Castro.pdf"
                                >dtv-Verlages</ref> unter Unterrichtsmodelle (vgl. <ref type="bibl"
                                target="#Hellenbroich_Koenen2021"
                                xml:id="ref_Hellenbroich_Koenen2021">Hellenbroich/Koenen
                            2021</ref>).</p></note> Die literarische Spannung kann die
                    psychisch-emotionale Spannung, mit Marks das dominierende Gefühl in der
                    Lebensphase der Adoleszenz (vgl. <ref type="bibl" target="#Marks2020"
                        xml:id="ref_Marks2020-4">Marks 2020: 4</ref>), spiegeln; die Auflösung kann
                    im Leseprozess auch als psychische Entlastung erlebt werden. Damit verbinden
                    lassen sich die Überlegungen von Gabriele von Glasenapp: Sie beobachtet, dass
                        <quote source="#ref_Glasenapp2018-184">[...] gerade in den
                        Kriminalerzählungen die zentralen Merkmale dieser Lebensphase (der
                        Adoleszenz; Anm. der Verf.) – ihre Krisenhaftigkeit, die damit verbundenen
                        Suchbewegungen, das Potenzial der Aufstörung sowie die unterschiedlichen
                        Spielarten des psychosozialen Moratoriums unübersehbar [sind].</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Glasenapp2018" xml:id="ref_Glasenapp2018-184">Glasenapp
                        2018: 184</ref>) Darauf aufbauend stellt sie Überlegungen an, <quote
                        source="#ref_Glasenapp2018-184">ob und inwieweit die Darstellung der
                        Verbrechen von und an jugendlichen Akteuren nicht auch als Metapher
                        jugendlicher Krisen und Suchbewegungen gelesen werden kann.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Glasenapp2018" xml:id="ref_Glasenapp2018-184"
                        >Ebd.</ref>) Gerade mit Blick auf die aktuellen Reihen um weibliche
                    Protagonistinnen wie Enola Holmes (vgl. hierzu <ref type="bibl"
                        target="#VanNahl2019" xml:id="ref_VanNahl2019-113-126">van Nahl 2019:
                        113-126</ref>), Wells &amp; Wong oder Flavia de Luce, die im ausgehenden 19.
                    bzw. beginnenden 20. Jahrhundert angesiedelt sind, lässt sich diese Beobachtung
                    ausweiten auch auf die Suche nach der geschlechtlichen Identität und nach dem
                    Platz in der Gesellschaft – nicht nur mit Blick auf Täter:innen<note
                        xml:id="endnote_08"><p>Vgl. hierzu Ruth van Nahls Ausführungen zu
                                <title>Psychologischen Jugendkrimis – Täterfokussiert</title> (<ref
                                type="bibl" target="#VanNahl2019" xml:id="ref_VanNahl2019-225-250"
                                >van Nahl 2019: 225-250</ref>).</p></note> und Opferfiguren, sondern
                    auch auf die Gruppe der Ermittelnden.</p>
                <p>Brooks <title>Bad Castro</title> verzichtet auf ein allzu plattes Happy End,
                    lotet aber Antwortmöglichkeiten auf zentrale Fragen menschlichen Handelns
                    aus:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Brooks2021-202f.">Und jetzt? Das war die Frage. Das ist sie
                        immer. Und jetzt? Auch die Antwort war die gleiche wie immer. Was sollst du
                        auch sonst tun? Du kannst nicht zurück. Du kannst nicht für immer da
                        bleiben, wo du stehst. Du kannst nicht an einem anderen Ort oder in einer
                        anderen Zeit sein, ohne zu tun, was du tun musst, um dort hinzukommen. Du
                        musst weitermachen. [...] Ich schaute zu Castro hinüber. Er saß an die Tür
                        gelehnt, den Kopf gegen das Fenster gestützt, die Augen geschlossen im
                        Schlaf. Er war jetzt nicht mehr Bad Castro. Er war einfach nur ein Junge. Er
                        war mein Bruder. (<ref type="bibl" target="#Brooks2021"
                            xml:id="ref_Brooks2021-202f.">Brooks 2021: 202f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Die zuvor gestellten Fragen nach Bad Castros (krimineller) Identität lösen sich
                    auf im Satz und in der Erkenntnis, dass er der Bruder der Protagonistin ist. Die
                    Identitätssuche ist auf Ebene der <term>histoire</term> zu einer befriedigenden
                    Erfüllung gelangt; für die Lesenden kann das Beispiel Begleitung bei der
                    Bearbeitung eigener Entwicklungsaufgaben sein – und Ermutigung, die Suche nach
                    der eigenen Identität voranzutreiben.</p>
                <p>Die Maus Buffy, Protagonistin in Ulf Nilssons <title>Kommissar
                    Gordon</title>-Reihe, trägt im Gegensatz zu Bad Castro nicht einmal einen
                    Spitznamen; bei der ersten Begegnung mit dem Kröten-Kommissar ist sie namenlos,
                    wie sich im Verhör herausstellt. Gordon konstatiert daraufhin: <quote
                        source="#ref_Nilsson2020-34">Aber du musst wenigstens einen Namen haben.
                        Wenn man keinen Namen hat, ist man genau genommen niemand. Wenn man keinen
                        Namen hat, gibt es einen eigentlich nicht.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Nilsson2020-34">Nilsson 2020: 34</ref>) In der Folge verleiht
                    Gordon ihr den von seinem eigenen abgeleiteten Namen Buffy. <quote
                        source="#ref_Nilsson2020-34">Die Maus schien sich über ihren neuen Namen zu
                        freuen. Vielleicht war sie auch einfach nur froh, dass es sie jetzt
                        gab.</quote> (<ref type="bibl" target="#Nilsson2020"
                        xml:id="ref_Nilsson2020-34">Ebd.: 35</ref>) Die Reflexion zur Suche nach
                    Identität und zur Bedeutung von Individualität, ausgedrückt durch den Akt der
                    Namensgebung, führt zu einem weiteren Aspekt von Spannungsliteratur. Durch die
                    Nähe zu den Figuren werden die Leser:innen nicht nur in die Auflösung des
                    Kriminalfalles sowie die Identitätssuche der Protagonist:innen einbezogen,
                    sondern besonders auch in deren moralisch-ethische Konflikte.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-03_04">
                <head>(3) Involviertheit und Immersion können eine starke Identifizierung mit
                    handelnden Figuren hervorrufen; handelt es sich um vielschichtige und
                    ambivalente Charaktere, kann sich diese Spannungsenergie anregend auf die
                    Ausbildung einer Wertreflexionskompetenz auswirken.</head>
                <p>
                    <quote source="#ref_Hoffmann2013-34">Zentrale Themen werden sowohl von der
                        Kriminalliteratur als auch der Philosophie be- und verhandelt: Wahrheit und
                        Gerechtigkeit, Recht und Unrecht, Macht und Gewalt, Kausalität und freier
                        Wille, Absicht und Zufall, Vertrauen und Skepsis, das Böse, Angst und
                        Furcht, der Tod. Auch manche Denk- und Argumentationsweisen ähneln sich,
                        nicht nur wenn es um Logik geht</quote> – formuliert Josef Hoffmann in
                    seinem 2013 erschienenen Werk <title>Philosophien der Kriminalliteratur</title>
                        (<ref type="bibl" target="#Hoffmann2013" xml:id="ref_Hoffmann2013-34"
                        >Hoffmann 2013: 34</ref>). Um die Frage nach dem ethisch guten Verhalten
                    geht es in jeder Form von Kriminalliteratur – besondere Relevanz gewinnt diese
                    Frage in Erzählungen, in denen es um Leben und Tod geht. <quote
                        source="#ref_Brooks2021-143">Wieso ist es falsch, jemanden zu
                    töten?</quote>, fragt Brooks’ Bad Castro im gleichnamigen Thriller die
                    Ermittlerin Judy (<ref type="bibl" target="#Brooks2021"
                        xml:id="ref_Brooks2021-143">Brooks 2021: 143</ref>).</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Brooks2021-143">„Was meinst du damit?“ „Was macht es
                        verkehrt?“ „Du nimmst einem andern das Leben.“ „Ja und?“ „Ist nicht deine
                        Aufgabe, Leben zu nehmen.“ „Aber irgendwann wird er doch sowieso sterben.
                        Also nimmst du ihm bloß eine mögliche Zukunft, die – wenn du mal drüber
                        nachdenkst – überhaupt nicht existiert. Und wenn sie nicht existiert [...].“
                            (<ref type="bibl" target="#ref_Brooks2021" xml:id="ref_Brooks2021-143"
                            >Brooks 2021: 143</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Im weiteren Textverlauf werden verschiedene Argumentationen vergleichend
                    ausgelotet und damit zentrale Fragen der menschlichen Würde und des absoluten
                    Rechts auf Leben im Rahmen eines Gesprächs zwischen den beiden Protagonist:innen
                    durchgespielt. Durch die Nähe der (jugendlichen) Leser:innen zu Judy und Bad
                    Castro, die beide als ambivalente Charaktere vorgestellt werden, werden sie in
                    dieses Gespräch mit einbezogen und zur eigenen Positionierung angeregt. Gerade
                    weil der Roman auf allzu klare Antworten verzichtet, kann dies die Ausbildung
                    einer Wertreflexionskompetenz initiieren: <quote source="#ref_Anselm2019-193"
                        >Literatur ist ein ästhetisches Reflexionsmedium, das zwar nicht sagt,
                        welche Lebensführung die richtige ist, aber neue Aspekte der Bewertung
                        erschließt. So verstanden eröffnet sich ein Freiraum, verschiedenen Welt-
                        und Selbstsichten zu begegnen, die vor dem Hintergrund ethischer Bildung zur
                        Begründung eines verantwortlichen Handelns führen können.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Anselm2019" xml:id="ref_Anselm2019-193">Anselm 2019:
                        193</ref>)</p>
                <p>Werke der Kriminalliteratur, die mit Bloch <quote source="#ref_Bloch1998-50"
                        >etwas in sich haben</quote> (<ref type="bibl" target="#Bloch1989"
                        xml:id="ref_Bloch1998-50">Bloch 1998 [1960]): 50</ref>), können ethische
                    Fragestellungen thematisieren und dazu anregen, Fragen zu stellen – eine
                    Grundvoraussetzung philosophischen Denkens, die in einem direkten Zusammenhang
                    mit dem Ermittlungsprozess in einer Kriminalerzählung steht: <quote
                        source="#ref_Alewyn1998-67">Das Fragen ist dann mehr als nur ein Denkspiel
                        in einem abstrakten Raum. Es ist provoziert durch eine Realität oder besser
                        noch: einen Zustand der Realität, für den nicht die Aussage, sondern allein
                        die Frage den adäquaten Zugang bildet, einen Zustand, der fragwürdig
                        ist.</quote> (<ref type="bibl" target="#Alewyn1998"
                        xml:id="ref_Alewyn1998-67">Alewyn 1998 [1968/71]: 67</ref>) Betroffen von
                    den Fragestellungen sind zentrale Werte des menschlichen Zusammenlebens, die
                    verhandelt werden und deren hoher Stellenwert die Spannung erhöhen kann: <quote
                        source="#ref_Ackermann2005-118">In den meisten Fällen handelt es sich um
                        eine klare Alternative zwischen alles oder nichts, Sieg oder Niederlage,
                        Leben oder Tod. Mit anderen Worten: Es muss etwas auf dem Spiel stehen,
                        etwas, das einen möglichst hohen existentiellen Wert darstellt.</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Ackermann2005" xml:id="ref_Ackermann2005-118"
                        >Ackermann 2005: 118</ref>) Den Zusammenhang mit metaphysischen
                    Fragestellungen stellt auch Umberto Eco in seiner <title>Nachschrift zum ‚Namen
                        der Rose‘</title> her:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Eco1986-63">Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht darum
                        gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil
                        sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen)
                        Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine <hi
                            rend="italic">Konjektur</hi>-Geschichte im Reinzustand darstellt. Eine
                        Geschichte, in der es um das Vermuten geht, um das Abenteuer der Mutmaßung,
                        um das Wagnis der Aufstellung von Hypothesen angesichts eines scheinbar
                        unerklärlichen Tatbestandes, eines dunklen Sachverhalts oder mysteriösen
                        Befundes – wie in einer ärztlichen Diagnose, einer wissenschaftlichen
                        Forschung oder auch einer metaphysischen Fragestellung. (<ref type="bibl"
                            target="#Eco1986" xml:id="ref_Eco1986-63">Eco 1986: 63</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Dies gelingt Ulf Nilsson bereits für sehr junge Leser:innen, wenn im ersten Band
                    der <title>Kommissar Gordon</title>-Reihe über die Legitimation von Mundraub
                    nachgedacht wird; die Maus hat aufgrund ihres großen Hungers dem Eichhörnchen
                    einige Nüsse gestohlen. Gordon unterteilt in der Folge Verbrecher in <quote
                        source="#ref_Nilsson2014-54">Klein-</quote> und <quote
                        source="#ref_Nilsson2014-5">Großdiebe</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Nilsson2014" xml:id="ref_Nilsson2014-54">Nilsson 2014: 54</ref>)
                    und sucht nach Erklärungen und Motiven, die den Diebstahl rechtfertigen. Im
                    Anschlussgespräch lassen sich diese Fragen kindgerecht auf das eigene
                    Lebensumfeld beziehen.</p>
                <p>Älteren Leser:innen eröffnet Olga Tokarczuks Roman <title>Gesang der
                        Fledermäuse</title> den Blick auf vielfältige philosophisch-ethische
                    Fragestellungen. Auch ihre Protagonistin Janina Duszejko denkt über den
                    Zusammenhang von Namen und Identität nach:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Tokarczuk2020-27f.">Offiziell verliehene Namen beschneiden
                        massiv die Kreativität. Man kann sie sich nicht merken, denn sie sind
                        losgelöst von der Persönlichkeit und meist sehr banal. Sie haben überhaupt
                        nichts mit der Person zu tun. [...] Ich glaube, jeder von uns sieht die
                        anderen Menschen auf eine eigene Art, also darf er diesen auch Namen geben,
                        die ihm passend erscheinen. (<ref type="bibl" target="#Tokarczuk2020"
                            xml:id="ref_Tokarczuk2020-27f.">Tokarczuk 2020: 27f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen wie Altersdiskriminierung,
                    Feminismus und Tierwohl werden in diesem Buch verhandelt, die Leser:innen
                    begegnen diesen durch den Blick durch die ermittelnde Ich-Erzählerin – bis zum
                    Bruch, als sich herausstellt, dass Janina Duszejko die Morde selbst begangen
                    hat: <quote source="#ref_Tokarczuk2020-283">‚Glaubt ihr, ich werde jetzt
                        verhaftet? Glaubt ihr, sie kommen jetzt und sperren mich wieder ins
                        Gefängnis?‘ ‚Du hast Menschen umgebracht. Ist dir das klar? Weißt du das?‘,
                        fragte Dyzio.</quote> (<ref type="bibl" target="#Tokarczuk2020"
                        xml:id="ref_Tokarczuk2020-283">Tokarczuk 2020: 283</ref>) Die Entscheidung
                    ihrer Freunde, die Verbrechen zu decken und Duszejko zur Flucht zu verhelfen,
                    provoziert die Rezipient:innen zur Auseinandersetzung mit der eigenen ethischen
                    Haltung. Am Ende des Romans spricht Duszejko über die Wege, die sie nach ihrer
                    Flucht beschreitet – und die zu einer Distanzierung von sich selbst bis hin zur
                    Selbstentfremdung führen (vgl. hierzu <ref type="bibl"
                        target="#Hammer_Bernhard2023a">Hammer-Bernhard 2023a</ref>):</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Tokarczuk2020-306">Ich gehe um das Haus herum und trampele
                        mir meine Pfade, mal in diese, mal in jene Richtung. Es kommt vor, dass ich
                        meine eigenen Spuren im Schnee nicht erkenne, und dann frage ich: Wer ist
                        hier gegangen? Wer hat diese Schritte gemacht? Wahrscheinlich ist es ein
                        gutes Zeichen, sich selbst nicht zu erkennen. (<ref type="bibl"
                            target="#Tokarczuk2020" xml:id="ref_Tokarczuk2020-306">Tokarczuk 2020:
                            306</ref>)</quote>
                </cit>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-03_05">
                <head>Fazit</head>
                <p>Damit stellen die in der Fiktion agierenden <title>Criminal Minds</title> ebenso
                    wie ambivalente Ermittler:innenfiguren keine Gefahr für junge Leser:innen dar,
                    sondern eine Chance, Fragen der Identitätsfindung nachzuspüren, ethische
                    Positionierungen auszuloten und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln.
                    Spannungsliteratur kann Energien freisetzen, die nicht nur für den Leseprozess,
                    sondern auch für die Ausbildung eines individuellen Wertekompasses (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Anselm2023" xml:id="ref_Anselm2023-17">Anselm 2023:
                        17</ref>) förderlich sind. Positiv wirken hier die starken
                    Immersionseffekte, die durch Spannungsliteratur in besonderem Maße ausgelöst
                    werden und zum Perspektivwechsel anregen können. Mit diesen Erkenntnissen lässt
                    sich der eingangs erwähnte physikalische Energiebegriff weiten hin zum
                        philosophischen;<note xml:id="endnote_09"><p>Vgl. zum <quote
                                source="#ref_Straetling_Zimmermann2020">Scharnierbegriff</quote> der
                            Energie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften die weiterführenden
                            Ausführungen von Prof. Dr. Susanne Strätling (<ref type="bibl"
                                target="#Straetling_Zimmermann"
                                xml:id="ref_Strateling_Zimmermann2020">Strätling/Zimmermann
                                2020</ref>).</p></note> für Aristoteles ist <quote
                        source="#ref_Aristoteles2016-1585">[d]as Wort Energie, das ‚Verwirklichung‘
                        zur Entelechie, der Wesensvollendung hin bedeutet [...]</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Aristoteles" xml:id="ref_Aristoteles2016-1585"
                        >Aristoteles 2016: 1585</ref>), eine Wirkmacht, die aus dem Möglichen etwas
                    Reales schaffen kann. Der Möglichkeitsraum des kriminalliterarischen Textes kann
                    zur Ausbildung einer individuellen Wertreflexionskompetenz der Rezipient:innen
                    beitragen (vgl. <ref type="bibl" target="#Anselm2012" xml:id="ref_Anselm2012"
                        >Anselm 2012</ref>).</p>
                <p>Die <title>Kommissar Gordon</title>-Bände enden stets damit, dass die beiden
                    Ermittler:innenfiguren wichtige Erkenntnisse festhalten. In <title>Der
                        allerletzte Fall</title> formuliert die Kröte Gordon die Verbindung von
                    (literarischer) Fiktionalität und Realität:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Nilsson2022-140">Es gibt immer ein gutes Ende. In jedem
                        Märchen, das man liest und in der Wirklichkeit. Wenn man für alles offen
                        ist. (<ref type="bibl" target="#Nilsson2022" xml:id="ref_Nilsson2022-140"
                            >Nilsson 2022: 140</ref>) </quote>
                </cit>
            </div>
        </body>
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                    <bibl xml:id="Zabka2016">Zabka, Thomas (2016): Literarästhetisches Verstehen:
                        Kompetenzen, textseitige Anforderungen und Lernaufgaben am Beispiel der
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