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                <title type="main" xml:lang="de">„Da Dostal is’ unterwegs!“</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Ernst Dostal hält ein Land in Atem</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Clemens</forename>
                        <surname>Marschall</surname>
                    </name>
                    <affiliation><hi rend="bold">Zum Autor:</hi> geb. 1985 in Ried im Innkreis,
                        Doktorat der Musikwissenschaft, Initiator des (Fernseh-)Magazins <hi
                            rend="italic">Rokko’s Adventures</hi>, lange Mitglied der
                        Literaturgruppe Wortwerft, lebt und arbeitet als freier Journalist (Die
                        Zeit, Wiener Zeitung, Radio Ö1) und Autor (u.a. <hi rend="italic">Golden
                            Days Before They End</hi>, <hi rend="italic">Avant-Garde from
                        Below</hi>) zwischen London und Wien. Im Herbst 2022 erscheinen im Verlag
                        Text/Rahmen sein Foto-Textband <hi rend="italic">Edition Privat: Claudias
                            und Rudis Wien intim</hi> sowie im Brandstätter Verlag <hi rend="italic"
                            >Meine Reise zum Regenbogen: Die Autobiografie des Roncalli-Gründers
                            Bernhard Paul</hi>, die in Zusammenarbeit mit Clemens Marschall
                        entstanden ist.</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2024</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">
                        <p>For this publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International
                            license has been granted by the author(s), who retain full
                            copyright.</p>
                    </licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-05-04-04</idno>
                <idno type="URL"
                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/0000</idno>
            </publicationStmt>
            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">5</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Historische Kriminalfälle</term>
                    <term xml:lang="de">Österreich</term>
                    <term xml:lang="de">Ernst Dostal</term>
                    <term xml:lang="de">Tatort Wien</term>
                </keywords>
                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Historical Criminal Cases</term>
                    <term xml:lang="en">Austria</term>
                    <term xml:lang="en">Ernst Dostal</term>
                    <term xml:lang="en">Crime Scene Vienna</term>
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                    <name>Kira Kaufmann</name>
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                    <date when-iso="2024-02-13">Encoded</date>
                    <name>Kira Kaufmann</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>Ernst Dostal löste 1973 einen der aufsehenerregendsten Fälle der österreichischen
                    Kriminalgeschichte aus: samt Sprengstoff, Amoklauf, mehrtägiger Flucht,
                    geplanten Entführungen, versteckten Botschaften und einem regelrechten
                    Folterkeller, versteckt in einem desolaten Bauernhof. Das führte zur bis dato
                    größten Fahndungsaktion in Österreich, mehreren Toten und noch mehr Rätsel, die
                    bis heute nicht vollständig geklärt werden konnten.</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <!--Abstract-->
                <p>In 1973, Ernst Dostal triggered one of the most sensational cases in Austrian
                    criminal history: including explosives, a killing spree, a multi-day escape,
                    planned kidnappings, hidden messages and a veritable torture cellar hidden in a
                    desolate farmhouse. This led to the largest manhunt in Austria to date, several
                    deaths and even more mysteries that have not yet been fully solved.</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr05_04-04_01">
                <lg>
                    <l><space unit="lines" quantity="1"/>
                        <hi rend="italic">Die schleierhafte Geschichte um den 23-jährigen
                            Maschinenbauingenieur Ernst Dostal führte vor 50 Jahren zur bis dato
                            größten Fahndung der Zweiten Republik und lässt trotz sorgfältiger
                            Ermittlungsarbeiten bis heute zahlreiche Rätsel offen.</hi>
                    </l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>13. Juni 1973: Die Gendarmerie stößt frühmorgens bei der Autobahn südlich von
                        Wien auf eine rätselhafte Entdeckung: einen gigantischen Explosionskrater,
                        der in der Nacht zuvor entstanden sein dürfte. Im Umkreis: unzählige
                        Knochensplitter und Leichenteile. Polizisten, Sprengmeister und
                        Gerichtsmediziner suchen nach Spuren und Körperteilen. Dazu mischen sich
                        Fotografen, Schaulustige und Passanten, die für eine regelrechte
                        Volksfeststimmung sorgen. Am Ende des Tages werden 400 Gewebestücke mit
                        einem Gesamtgewicht von zwölf Kilo an die Gerichtsmedizin übergeben.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Was man trotz aller Sorgfalt nicht finden konnte: Teile vom Kopf, Finger oder
                        Zähne. Bald gelang es dennoch, den Toten als Richard Dvorak zu
                        identifizieren: Familienvater, 30 Jahre, Gemeindebediensteter am Wiener
                        Rathaus, Waffennarr, Sprengmeister, Karatekämpfer, wohnhaft bei seiner
                        Mutter im 6. Bezirk.</l>
                    <l>Die Mordkommission ging nun die Bekanntenliste von Dvorak durch und stieß auf
                        einen engen Freund, den er in einem Sprengkurs kennengelernt hatte: Ernst
                        Dostal. Für 22. Juni wurde er zu einer polizeilichen Einvernahme geladen.
                        Dostal erschien pünktlich in der Rennwegkaserne, wo ihn drei Beamte
                        empfingen. Zuerst lief alles ruhig ab – doch dann verstrickte sich der
                        Verhörte in Widersprüche und geriet ins Strudeln. Die Beamten wurden langsam
                        ungeduldig und drohten Dostal, er solle sie nicht „am Schmäh halten“, sonst
                        würden sie ihn hierbehalten. Plötzlich legte es bei ihm den Schalter um, er
                        zog zwei versteckte Revolver aus seinem Hosenbund und schoss auf seine
                        Gegenüber. Ein Beamter erlitt einen Bauchschuss, ein anderer wurde im Genick
                        getroffen. Dostal lief hinaus auf den Flur, die Kugeln pfiffen durch die
                        Gänge. Weitere Beamte wurden getroffen, der Schütze blieb unversehrt.</l>
                    <l>Dostal kam in eine scheinbare Sackgasse, eine Toilette im ersten Stock der
                        Kaserne: Doch der geübte Kampfsportler sprang fünf Meter in die Tiefe,
                        landete geschickt auf einer Motorhaube, stahl ein Fahrschulauto und raste
                        davon. Erster Stopp: ein Waffengeschäft am Südtiroler Platz, wo er sich mit
                        einem Nachschub an Munition eindeckte.</l>
                    <l>Von einer Telefonzelle aus rief er seinen Vater Robert Dostal an. Der sagte
                        daraufhin seiner Frau Therese, er müsse schnell wohin, komme aber gleich
                        wieder.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Ernst Dostal hatte in der Kaserne bereits ein Blutbad angerichtet und auf
                        vier Polizisten geschossen, die zu verschiedenen Graden verletzt waren. Von
                        nun an galt er als Staatsfeind Nummer 1, die Polizei war in Alarmstufe rot.
                        Vermutung war, dass Vater und Sohn – Ernst Dostal lebte noch mit seinen
                        Eltern zusammen – gemeinsam unterwegs waren. Die Mutter hatte keinen blassen
                        Schimmer und war nichts als entsetzt.</l>
                    <l>Neben der Großfahndung wurden auch die Villa der Dostals in Tullnerbach im
                        Wiener Wald sowie ihr Vierkanthof bei Ober-Grafendorf in der Nähe von St.
                        Pölten durchsucht. Die Dostals hatten recht zurückgezogen, aber sehr
                        vermögend gelebt: Robert Dostal war als Kaufmann und Generalvertreter einer
                        Schweizer Firma tätig sowie keine kleine Nummer am Immobiliensektor – und
                        das, obwohl eigentlich aus ärmlichen Verhältnissen stammend, ohne Vater
                        aufgewachsen, Mutter Animiertänzerin. Schon in seiner Jugend hatte der
                        1919er Jahrgang Dostal Senior sich in seine Phantasiewelten geflüchtet, in
                        den 1960ern erschien sein Roman <title>Jagd nach dem Atomgold</title> rundum
                        den Helden Fred Toltos, der im brasilianischen Urwald mit einem vergrabenen
                        Atomkraftwerk aus Blei Gold gewinnt. Für den Laien ein handelsüblicher
                        Schundroman, für den Autor sein Opus magnum und eine Schlüsselerkenntnis für
                        seine Allmachtsphantasien, die er auch auf seinen Sohn übertrug.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Als die Beamten beim abgelegenen Bauernhof der Dostals in Ober-Grafendorf
                        ankamen, machte der von außen einen desolaten Eindruck – drinnen aber kam
                        ihnen das Schaudern: Sie stießen auf eine schalldichte Folterkammer mit
                        Streckbetten, daneben: ein riesiges Waffenarsenal, kiloweise Munition, eine
                        zerschossene hölzerne Menschenfigur für Schießübungen – und Sprengstoff.</l>
                    <l>Dostal Senior und Junior allerdings waren wie vom Erdboden verschluckt. Erst
                        peu à peu konnte man einzelne Schritte nachskizzieren: Ernst Dostal war am
                        Samstag, dem 23. Juni 1973 auf seiner Flucht in der Lobau gelandet und dort
                        in ein leeres Wochenendhäuschen eingebrochen, wo er die Fernsehnachrichten
                        verfolgte, die von nichts als ihm berichteten. Auch seine verzweifelte
                        Mutter flehte mit nassen Augen vom Bildschirm zu ihm und seinem Vater:
                        „Ernsti, Robert, bitte kommt’s doch zurück! Es geht so ned weiter. Es wird
                        alles nur viel schlimmer.“</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Sohn „Ernsti“ blieb die Nacht über im Häuschen und aß sich im Bademantel der
                        Hausbesitzerin durch die Essenreserven, die er finden konnte. Als das
                        Besitzerpaar am folgenden Tag ankam und gerade dabei war, den Bungalow zu
                        betreten, erschoss er die beiden kaltblütig.</l>
                    <l>Dostal begab sich weiter auf Flucht, Österreich war in heller Aufregung,
                        Kindern wurden von ihren Eltern verboten, das Haus zu verlassen: „Da Dostal
                        is’ unterwegs!“</l>
                    <l>Im Innenministerium wurde eine eigene Koordinationszentrale eingerichtet, mit
                        der es gelang, 200 Funkgespräche aus verschiedenen Wagen in Echtzeit zu
                        empfangen und auszuwerten: für damals eine Sensation. Auf sämtlichen Straßen
                        zwischen Niederösterreich und Wien wurden Sicherungsketten aufgezogen, mit
                        deren Hilfe jedes Fahrzeug einzeln aufgehalten werden konnte. Ohne
                        Erfolg.</l>
                </lg>

                <figure xml:id="wdr05_04-04_Abb_01">
                    <graphic width="200px" height="200px" url="media/wdr05_04-04_Abb_01.jpg"/>
                    <head type="legend">Der schleierhafte Fall um Ernst Dostal führte 1973 zur bis
                        dato größten Fahndung der Zweiten Republik. © Votava /
                        brandstaetterimages</head>
                </figure>

                <lg>
                    <l>Ernst Dostal versuchte am 26. Juni, mit seinem Vater über eine verschlüsselte
                        Annonce in einer Tageszeitung in Kontakt zu treten: „1919, habe Montag
                        vergeblich beim Turm auf Dich gewartet, werde es Mittwoch und Donnerstag
                        gegen 22 Uhr nochmals probieren. Bin momentan unter 02774/326 zu
                        erreichen.“</l>
                    <l>Im Phantasieroman <title>Jagd nach dem Atomgold</title> hatte eine ähnlich
                        codierte Geheimkommunikation funktioniert, in der Realität allerdings war
                        ganz Österreich im Dostal-Fieber: Ein aufmerksamer Zeitungsleser machte die
                        Polizei auf diese Anzeige aufmerksam, da 1919 Robert Dostals Geburtsjahr war
                        und er dahinter mehr vermutete – und tatsächlich: Das Misstrauen war zurecht
                        gegeben und brachte die entscheidende Wende. Es stellte sich heraus, dass
                        die Telefonnummer in der Annonce jene eines unbewohnten Landhauses in
                        Altlengbach Nr. 38 war. Eine Spezialeinheit fuhr zur Adresse und fand in der
                        Hauseinfahrt ein von Dostal gestohlenes Auto und Waffen. Er selbst aber war
                        schon wieder einen Schritt weiter.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Bei einem verlassenen Haus zwei Kilometer östlich meldeten zwei aufmerksame
                        Passanten „verdächtige Wahrnehmungen“ – und tatsächlich hatte sich Dostal
                        hier versteckt. Die Spezialeinheit umstellte das Haus und wies Dostal auf
                        seine ausweglose Situation hin. Der aber reagierte nicht. Erst, nachdem eine
                        Tränengasgranate ins Haus geworfen worden war, lief er hinaus und schoss
                        wild um sich. Es kam zu einem Gefecht mit den Gendarmeriebeamten. Um 15 Uhr
                        43 rührte sich Dostal nicht mehr und das Feuer wurde eingestellt.</l>
                    <l>Damit war dieser Teil der fünftätigen Horrorvorstellung beendet. Dostal hatte
                        drei Zivilisten umgebracht und vier Beamte niedergeschossen.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Erwin Gomsi – er benutzte das Haus in bzw. um das der letzte Showdown
                        stattgefunden hatte dazumal mit seiner Familie als Wochenendniederlassung
                        und war glücklicherweise nicht vor Ort – erinnerte sich 2013 für die
                        Niederösterreichischen Nachrichten an jene Schicksalsschlacht und deren
                        Folgen: „Unser Haus war zerschossen von etwa 250 Schüssen, alle
                        Fensterscheiben waren kaputt, es herrschte das pure Chaos im Haus. Dostal
                        hatte sogar meine Unterwäsche an, als er erschossen wurde. Das Nervengas
                        wirkte noch wochenlang und wir wussten nicht, warum es uns, meinen damals 4
                        und 5 Jahre alten Kindern so schlecht ging. Ich musste das Blut und die
                        ausgetretenen Gehirnteile von Dostal in unserem Garten entsorgen. Viele
                        Schaulustige kamen, doch die Polizei unternahm nichts, sondern sagte
                        lediglich: ‚Herr Gomsi, das ist hier ihr Privatbesitz, das geht uns jetzt
                        alles nichts mehr an.‘“</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Bei der Obduktion von Ernst Dostals Leiche wurden vier Schussverletzungen
                        festgestellt: eine davon tödlich, und zwar ein Kopfschuss. Der Forensiker
                        Prof. Gottfried Machata führte die Untersuchungen zur Bestimmung der
                        Schussentfernung der verschiedenen Einschüsse durch. Sein Ergebnis: Der
                        Kopfschuss war ein Nahschuss aus 15-20cm. Keiner der Beamten war ihm näher
                        als zwanzig Meter gekommen – damit also sollte der Fall als Selbstmord von
                        der Staatsanwaltschaft beiseitegelegt werden können.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Doch bei Dostals letztem Gefecht war auch die 1946 gegründete Fotoagentur
                        Votava zugegen, die eine umfassende Dokumentation der österreichischen Zeit-
                        und Kriminalgeschichte ab den Nachkriegsjahren festgehalten hat. Für
                        gewöhnlich schickte diese Fotoagentur ein halbes Dutzend rasender
                        Fotoreporter – es waren ausschließlich Männer – in die freie Wildbahn, um
                        brisante Geschehnisse, Unfälle und Verbrechen so schnell wie möglich zu
                        dokumentieren – im Idealfall noch vor der Polizei. Mit ihrer Beute kamen die
                        Fotografen schnellstmöglich zurück ins Votava-Büro im 2. Bezirk, wo sie den
                        Sekträterinnen – ausschließlich Frauen – im Eiltempo die wichtigsten Infos
                        dazu schilderten, bevor sie zum nächsten Fall weiterspurten. Die
                        Sekretärinnen notierten sofort – und mit diesen Beschriftungen liegen die
                        Originalabzüge heute in unzähligen Holzkisten im Archiv von brandstaetter
                        images in einem Altbau in Wien-Döbling.</l>
                    <l>Die Beschriftungen auf der Fotorückseite geben oft neue Einblicke in
                        historische Geschehen – oder hinterfragen mitunter die tradierten
                        Geschichtsschreibungen, wie etwa im Fall Dostal: Auf einem der Votava-Fotos
                        von Dostals letzter Schlacht wird ein Kriminalbeamter gezeigt, der auf der
                        Rückseite als Inspektor Wawra ausgewiesen wird – und als jener Herr, der die
                        Todesschüsse auf Dostal abgegeben habe.</l>
                    <l>Welche Geschichtsschreibung nun tatsächlich der Wahrheit entspricht, darüber
                        lässt sich heute nur noch spekulieren.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Mit Ernst Dostals Tod – egal ob Selbstmord oder nicht – war das Mysterium
                        ohnehin noch nicht zu Ende, denn der Vater war nach wie vor auf der Flucht.
                        Wie man später herausfand: über die Schweiz in Deutschland gelandet. Seine
                        letzte Station war Lüneberg, südöstlich von Hamburg. Eine Woche nach dem Tod
                        seines Sohnes erschoss Robert Dostal sich mit 54 Jahren in seinem
                        Hotelzimmer. Auf einem kleinen Zettel hinterließ er seine letzte Nachricht:
                        „Ich weiß nicht mehr weiter.“</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Österreich war geschockt und suchte nach den Ursachen für den bizarren Fall.
                        Dazu wurde auch im persönlichen Kreis von Ernst Dostal geforscht: Er war im
                        7. Bezirk in Wien aufgewachsen, in der Burggasse zur Volksschule gegangen
                        und hatte gute Noten nach Hause gebracht. Die Dostals galten einerseits als
                        Bilderbuchfamilie, andererseits als pedantische Sonderlinge, die etwa beim
                        Gassigehen Klopapier für den Hund mithatten und zur Lachnummer im Grätzl
                        wurden. Außerdem hatte „Ernsti“ den Ruf als Einzelkind und als „verwöhntes
                        Bubi“ aus reichem Hause. Von Waffen und Foltermethoden war er schon früh
                        fasziniert – auch das ging auf seinen Vater zurück. Die Mutter war in diesem
                        Stück höchstens Nebenfigur, Vater und Sohn galten als ein Herz und eine
                        Seele.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass Dvorak und Dostal gemeinsam
                        Entführungen an Industriellen wie Herbert Turnauer und Eduard Schrack
                        geplant und von gigantischen Lösegeldern geträumt hatten. Doch als Dvorak
                        kalte Füße bekam und aussteigen wollte, erschoss Dostal seinen einstigen
                        Komplizen ohne Gnade. Danach jagte der Sprengstoffspezialist dessen Leiche
                        in die Luft, um die Identifizierung zu erschweren. Dvorak und die Dostals
                        fanden – wenn auch zu verschiedenen Zeiten – ihre letzte Ruhe am gleichen
                        Ort: dem Wiener Zentralfriedhof.</l>
                    <l>Dort ist laut Friedhofsangaben nach wie vor das Grab der Familie Dostal zu
                        finden – doch an besagter Stelle sieht man nichts als ein zugewachsenes Feld
                        mit Steinen ohne Inschrift.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Der Fall Dostal bleibt einer der dubiosesten Fälle der österreichischen
                        Kriminalgeschichte, und der Horror war auch mit dem Tod von Vater und Sohn
                        Dostal nicht vorbei: Therese Dostal dürfte von diesem abstrusen
                        Zwei-Mann-Stück rein gar nichts geahnt haben und bekam kurz danach einen
                        Herzinfarkt.</l>
                    <l>Zehn Jahre nach dem Abschluss des Falles entdeckte die Polizei in der Villa
                        in Tullnerbach 40 Kilo gelatinösen Sprengstoff, versteckt hinter einem
                        Tresor. Eine eingebaute Sprengfalle funktionierte damals wie durch ein
                        Wunder nicht. Was der bzw. die Dostals mit den großen Mengen an Waffen und
                        Sprengstoff tatsächlich vorhatten, konnte nie vollständig geklärt werden:
                        Für eine Entführung muss man auf jeden Fall keine halbe Stadt in die Luft
                        jagen.</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Jemand anderer hatte bis zu seinem Lebensende mit den Konsequenzen dieser
                        Wahnsinnstaten zu kämpfen: Ottokar Pücher, einer der Polizeibeamten aus der
                        Rennwegkaserne. Nach dem Genickschuss von Ernst Dostal blieb er bis zu
                        seinem Tod 2010 vom Hals an abwärts gelähmt.</l>
                    <lg>
                        <l>*</l>
                    </lg>
                </lg>

                <figure xml:id="wdr05_04-04_Abb_02">
                    <graphic width="200px" height="200px" url="media/wdr05_04-04_Abb_02.jpg"/>
                    <head type="legend">Buchcover von „Tatort Wien. Verbrechen, Mord und Totschlag“
                        (mit einem Vorwort von Adele Neuhauser), das 2023 im Brandstätter Verlag
                        erschienen ist und mehrere Kriminalfälle der österreichischen
                        Kriminalgeschichte mit teils unveröffentlichten Fotos beinhaltet. ©
                        Brandstätter Verlag</head>
                </figure>

                <lg>
                    <l><hi rend="italic">Dieser Text wurde in ausführlicherer Form veröffentlicht in
                            Clemens Marschalls Buch „Tatort Wien. Verbrechen, Mord und Totschlag.
                            Wahre Kriminalfälle“ (Brandstätter Verlag, Wien 2023).</hi> [Buchcover
                        hier ]</l>
                </lg>
                <space unit="lines" quantity="10"/>
            </div>
            <div xml:id="wdr05_04-04_02">
                <head>Quellen und Literatur</head>
                <lg>
                    <l><space unit="lines" quantity="1"/>Teilweise gibt es bei historischen
                        Kriminalfällen – so auch bei diesem – widersprüchliche Angaben, zu denen
                        nach ausführlicher Recherche die plausibelsten Versionen übernommen wurden.
                        Bei groben Widersprüchlichkeiten wird im Text auf ebendiese hingewiesen.
                        Einzelne Quellen wurden direkt im Text angegeben. Neben den Archiven der
                        Österreichischen Nationalbibliothek, der Wiener Zeitung, des ORF und des
                        Onlinemagazins der Vereinigung Kriminaldienst Österreich waren folgende
                        Bücher hilfreiche Recherchemittel:</l>
                </lg>
                <lg>
                    <l>Frischler, Kurt/Zehrer, Peter (1979): Kriminalwalzer. 120 Jahre Wiener
                        Sicherheitsbüro, Wien/München: Jugend &amp; Volk.</l>
                    <l>Geher, Robert (1994): Galgenvögel oder: Die im Dunkeln kriegt man nicht.
                        Ungeklärte Kriminalfälle nach 1945 in Österreich, aus dem Nachlass
                        herausgegeben von Manfred A. Schmid. Wien: Edition S / Verlag
                        Österreich.</l>
                    <l>Kudrnofsky, Wolfgang (1991): Gassner, Gufler &amp; Co. Kriminalfälle der
                        Zweiten Republik, Wien: Edition S / Verlag der Österreichischen
                        Staatsdruckerei.</l>
                    <l>Kudrnofsky, Wolfgang (1994): Schandl, Schubirsch &amp; Co. Kriminalfälle der
                        Zweiten Republik. Wien: Edition S / Verlag Österreich.</l>
                    <l>Kudrnofsky, Wolfgang (1973): Vom Dritten Reich zum Dritten Mann. Helmut
                        Qualtingers Welt der vierziger Jahre. Wien/München/Zürich: Molden.</l>
                    <l>Seyrl, Harald/Edelbacher, Max (2019): Verbrechen in Wien. Historische
                        Kriminalfälle im 20. Jahrhundert. Berlin: Elsengold.</l>
                    <l>Stastny, Friedrich (1960): Offizielles Jahrbuch des Unterstützungsinstituts
                        der Bundes-Sicherheitswache 1960. Wien: Unterstützungsinstitut der
                        Bundes-Sicherheitswache.</l>
                    <l>Tozzer, Kurt/Kallinger, Günther (2005): Tat-Sachen. Die spektakulärsten
                        Kriminalfälle Österreichs. Wien: Ueberreuter.</l>
                    <l>Vitecek, Leopold (1965): Wörterbuch des Kriminaldienstes. Der Exekutivdienst.
                        Bd. 1: Nachschlagebehelfe für den allgemeinen Sicherheitsdienst. Wien:
                        Hollinek.</l>
                    <l>Zeppelzauer, Andreas/Zeppelzauer, Regina (2005): Mord. Die spektakulärsten
                        Mordfälle Österreichs: Psychogramme, Bilder und Berichte. Graz: Verlag f.
                        Sammler.</l>
                </lg>
            </div>
            <div>
                <head>Letzte Veröffentlichungen</head>
                <lg>
                    <l>Hobby-Indianer. Zwischen kultureller Aneignung und Anerkennung" (mit Fotograf
                        Kurt Prinz). Wien: Text/Rahmen 2024.</l>
                    <l>The Crime of Performing" (Essay) in: A Doorway to Joe: The Art of Joe Coleman
                        (mit einem Vorwort von Tom Waits). Seattle: Fantagraphics 2024. </l>
                </lg>

                <space unit="lines" quantity="10"/>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
