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            <titleStmt>
                <title type="main" xml:lang="de">Von Marken, Brandmarkungen und der Erhabenheit des
                    Seins</title>
                <title type="sub" xml:lang="de">Erzählte Mode als diskursive Formation in Jeff
                    Zentners Jugendroman <hi rend="italic">Gemeinsam sind wir Helden</hi>
                    (2020)</title>
                <author>
                    <name>
                        <forename>Iris</forename>
                        <surname>Schäfer</surname>
                    </name>
                    <affiliation>Goethe Universität Frankfurt am Main</affiliation>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <publisher>Wiener Digitale Revue</publisher>
                <date>2025</date>
                <availability>
                    <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/"><p>For this
                            publication, a Creative Commons Attribution 4.0 International license
                            has been granted by the author(s), who retain full
                        copyright.</p></licence>
                </availability>
                <idno type="DOI">10.25365/wdr-06-02-01</idno>
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                    >https://journals.univie.ac.at/index.php/wdr/article/view/9443</idno>
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            <seriesStmt>
                <title>Wiener Digitale Revue</title>
                <biblScope unit="issue">6</biblScope>
                <idno type="ISSN">2709-376X</idno>
            </seriesStmt>
            <sourceDesc>
                <p>born digital</p>
            </sourceDesc>
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                <keywords xml:lang="de">
                    <term xml:lang="de">Jugendliteratur</term>
                    <term xml:lang="de">Jugendkonflikte</term>
                    <term xml:lang="de">erzählte Mode</term>
                    <term xml:lang="de">diskursanalytischer Zugang</term>
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                <keywords xml:lang="en">
                    <term xml:lang="en">Young adult literature</term>
                    <term xml:lang="en">adolescent conflicts</term>
                    <term xml:lang="en">narrated fashion</term>
                    <term xml:lang="en">discourse-analytical approach</term>
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                    <name>Thomas Zangl</name>
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    </teiHeader>
    <text>
        <front>
            <div type="abstract" xml:lang="de">
                <p>In Texten der Jugendliteratur, die adoleszente Konflikte, d.h. mentale und
                    realweltliche Übergangsprozesse, Orientierungs- und Anpassungsversuche
                    thematisieren, kommt erzählter Mode besondere Bedeutung zu. Für deren Analyse
                    bieten sich neben modephilosophischen Erwägungen ebenso
                    entwicklungspsychologische Zugriffe an. Da Modekörper nicht per se vorhanden
                    sind, sondern hergestellt werden und der Wahrnehmung und Deutung bedürfen, um
                    ihre Wirkmacht zu entfalten, wählt der vorliegende Beitrag einen
                    diskursanalytischen Zugriff für die Analyse erzählter Mode(n) in Jeff Zentners
                    Debutroman <title>The Serpent King</title> (2016; dt. <title>Zusammen sind wir
                        Helden</title>, 2020).</p>
            </div>
            <div type="abstract" xml:lang="en">
                <p>In texts of young adult literature that address adolescent conflicts, i.e. mental
                    and real-world transition processes, attempts at orientation and adaptation,
                    narrated fashion is of particular importance. In addition to
                    fashion-philosophical considerations, developmental psychological approaches
                    also lend themselves to their analysis. Since fashion bodies do not exist per
                    se, but are produced and require perception and interpretation in order to
                    unfold their power, this article chooses a discourse-analytical approach for the
                    analysis of narrated fashion(s) in Jeff Zentner's debut novel <title>The Serpent
                        King</title> (2016; German: <title>Zusammen sind wir Helden</title>,
                    2020).</p>
            </div>
        </front>
        <body>
            <div xml:id="wdr06_02-01_01">
                <p>Mode bewegt sich im Spannungsfeld von Privatheit und Öffentlichkeit; sie braucht
                    die öffentliche Aufmerksamkeit, um ihre Wirkmacht entfalten zu können, und
                    darin, wie Einzelne auf aktuelle Modediktate reagieren, gelangt Individualität
                    zur Darstellung. Aus diesem Grund erweist sich dieses gemeinhin als
                    oberflächlich betrachtete Phänomen als prädestiniert, um literarische Figuren
                    mit Tiefe zu versehen. Wie verhalten sich Figuren zum modischen Diktum?
                    Verstecken sie sich hinter fremden Namen/Marken, oder nutzen sie modische
                    Trends, Farben und Materialien, um einen eigenen Stil zu generieren und so eine
                    individuelle Lesart der sich stetig im Wandel befindlichen Sprache der Mode über
                    den Körper sichtbar zu machen? Barbara Vinken bringt dieses Potenzial der
                    (erzählten) Mode auf den Punkt: <quote source="#ref_Vinken2016-158">Die Mode,
                        kann man mit Ferdinand de Saussures berühmter Unterscheidung sagen, gibt mit
                        ihren wechselnden Vorgaben die Sprache <hi rend="italic">(langue) </hi>an,
                        die jeder beherrschen muss, um darin seine individuelle Redeweise <hi
                            rend="italic">(parole) </hi>ausbilden zu können.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Vinken2016a" xml:id="ref_Vinken2016a-158">Vinken 2016a:
                        158</ref>) Vinken macht deutlich, dass in der Auseinandersetzung mit
                    modischen Trends ein Lernprozess zum Ausdruck kommt. So ließe sich die
                    Kompetenz, diese Sprache zu sprechen, als das Ergebnis einer kulturellen
                    Sozialisation beschreiben, die zudem von individuellen Vorlieben, höchst
                    persönlichem ästhetischen Empfinden und Kreativität zeugt. Dass der erzählten
                    Mode gerade in solchen Texten eine besondere Rolle zukommt, die adoleszente
                    Konflikte, d.h. mentale und realweltliche Übergangsprozesse, Orientierungs- und
                    Anpassungsversuche thematisieren, ist daher naheliegend. So bieten sich für die
                    Analyse der in der Jugendliteratur erzählten Mode neben modephilosophischen
                    Erwägungen ebenso entwicklungspsychologische Zugriffe an.</p>
                <p>Aus dieser Perspektive betrachtet, könnte man das modische Diktum im Bereich des
                    Über-Ichs bzw. Ich-Ideals verorten. Von anderen hier angesiedelten Instanzen wie
                    jenen der Eltern oder Lehrkräfte unterscheidet es sich maßgeblich durch seine
                    Fluidität, da sich modische Trends in einem stetigen Wandel befinden, was eine
                    zeitnahe Beschäftigung mit und Umsetzung von modischen Vorgaben erfordert, um
                    als Individuum mit dem Prädikat der Modebewusstheit versehen zu werden. Die
                    spielerische Auseinandersetzung mit modischen Trends kann sich als nutzbringend
                    für die Individuation erweisen. Eine solche, auf Selbstdarstellung und
                    Selbstfindung ausgerichtete Praxis kann sowohl im analogen als auch im
                    virtuellen Raum ausagiert werden. Auf Onlineforen wie Modeblogs, die auch in
                    Jeff Zentners Jugendroman eine zentrale Funktion einnehmen, dominiert meist die
                    visuelle Dimension. Die Fotografie hält ein individuelles, modisches Idealbild
                    fest, das im virtuellen Raum fixiert und somit von einem realen Körper losgelöst
                    ist. Im analogen Raum erweist sich die individuelle Auseinandersetzung mit
                    modischen textilen Umhüllungen hingegen als überaus intime Praxis, da Mode an
                    den Körper gebunden ist, mitunter die Körperhaltung, die Bewegungsfreiheit, ja
                    sogar Mimik und Gestik beeinflusst, weshalb sie als Körpersprache aufgefasst
                    werden kann.</p>
                <p>Gertrud Lehnert geht davon aus, dass Mode auf einer <quote
                        source="#ref_Lehnert2015-37">Wechselwirkung von Kleidern und Körpern</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Lehnert2015" xml:id="ref_Lehnert2015-37">Lehnert
                        2015: 37</ref>) beruht, wobei sich Menschen und Textilien wechselseitig
                    inszenieren, beeinflussen und verändern. Denn im Verlaufe dieses Prozesses
                    entstehe <quote source="#ref_Lehnert2015-37b">immer ein drittes, der
                        Modekörper,</quote> (<ref type="bibl" target="#Lehnert2015"
                        xml:id="ref_Lehnert2015-37b">ebd.</ref>) der mit einem Geschlechtskörper
                    zusammenfalle und lesbar wird. Der Modekörper ist ebenso wie der
                    Geschlechtskörper als diskursives Konstrukt zu verstehen, das performativ
                    erzeugt wird und dementsprechend von spezifischen Inszenierungspraktiken,
                    Lesarten und Bedeutungszuweisungen abhängig ist. Modekörper sind demnach nicht
                    per se vorhanden; sie werden hergestellt und bedürfen der Wahrnehmung und
                    Deutung, um ihre Wirkmacht zu entfalten. So sei die Mode <quote
                        source="#ref_Lehnert2015-18">zwar an materielle Objekte gebunden, aber sie
                        entfaltet sich als Mode vor allem als Idee oder besser noch: als
                        Diskurs.</quote> (<ref type="bibl" target="#Lehnert2015"
                        xml:id="ref_Lehnert2015-18">Ebd.: 18</ref>) Aus diesem Grund scheint ein
                    diskursanalytischer Zugriff für die Analyse erzählter Mode(n) naheliegend, was
                    im weiteren Verlauf am Beispiel von Jeff Zentners Debutroman <hi rend="italic"
                        >The Serpent King </hi>(2016; dt. <ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020"><hi rend="italic">Zusammen sind wir Helden</hi>,
                        2020</ref>) exemplifiziert wird.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-01_02">
                <head>1. Erzählte Mode und Diskursanalyse</head>
                <p>Modische Trends können im Sinne Foucaults als <quote
                        source="#ref_Foucault2022-156">diskursive Formationen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Foucault2022" xml:id="ref_Foucault2022-156">Foucault
                        2022: 156</ref>) verstanden werden, d.h. als Serie von über am Körper
                    getragene kommunizierte Aussagen, denen bestimmte Existenzmodalitäten zugrunde
                    liegen und die spezifischen Verbreitungs- und Verteilungsprinzip folgen (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Foucault2022" xml:id="ref_Foucault2022-156b"
                        >ebd.</ref>). Ähnlich wie der medizinische Diskurs, den Foucault in <hi
                        rend="italic">Die Geburt der Klinik </hi>(<ref type="bibl"
                        target="#Foucault1988" xml:id="ref_Foucault1988">1963</ref>) beschreibt,
                    artikuliert sich der Diskurs der Mode über Praktiken, <quote
                        source="#ref_Foucault2022-234">die ihm äußerlich und selbst nicht
                        diskursiver Natur sind</quote> (<ref type="bibl" target="#Foucault2022"
                        xml:id="ref_Foucault2022-234">Foucault 2022: 234</ref>; vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Bogdal2006" xml:id="ref_Bogdal2006-20">Bogdal 2006:
                        20</ref>). Als Nichtdiskursiv kann diese Formation daher aufgefasst werden,
                    weil sie Diskurse betrifft, die nicht in Sprache aufgehen wie etwa die
                    Körpersprache. Denn wie der von einer sichtbaren Krankheit gezeichnete Körper,
                    kann auch der modisch geschmückte Körper zu einem lesbaren Zeichen werden. Mit
                    Blick auf die Modegeschichte und Modetheorie wird dieser Umstand schon von
                    Thomas Carlyle in <hi rend="italic">Sartor Resartus: Die Körperschaft der Dandys
                        </hi>(<ref type="bibl" target="#Carlyle2016" xml:id="ref_Carlyle2016"
                        >1833/1834</ref>) oder Charles Baudelaire in <hi rend="italic">Der Maler des
                        modernen Lebens: Der Dandy </hi>(<ref type="bibl" target="#Baudelaire2016b"
                        xml:id="ref_Baudelaire2016b">1863</ref>) ausformuliert.</p>
                <p>Sofern Mode als diskursive Formation begriffen wird, überlagern sich – ähnlich
                    wie im Fall des medizinischen Diskurses – unterschiedliche Wissenssysteme, wobei
                    das Archiv der zur Verfügung stehenden Begriffe, mit denen das Phänomen
                    sprachlich fixiert werden könnte, einem stetigen Wandel unterliegt, besteht doch
                    eine prägnante Charakteristik der Mode in ihrer Kurzlebigkeit, worauf schon
                    Giacomo Leopardi in seiner Satire <hi rend="italic">Die Mode und der Tod
                        </hi>(<ref type="bibl" target="#Leopardi2016" xml:id="ref_Leopardi2016"
                        >1824</ref>) eingeht. Wer also den Regeln der historischen Diskursanalyse im
                    Sinne Foucaults folgt, wird sogleich an Grenzen stoßen, setzt diese
                    Forschungsperspektive doch eine zeitliche Distanz zum Archiv (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Foucault2022" xml:id="ref_Foucault2022-189">Foucault
                        2022: 189</ref>) voraus, um eine kritische Deutung vornehmen zu können.
                    Allenfalls mit Blick auf mittlerweile aus der Mode geratene Kleidungsstücke, wie
                    etwa das Mieder, ist die erforderliche zeitliche Distanz gegeben. Was die Mode
                    als Phänomen betrifft, werden wir uns nie außerhalb der Regeln des Diskurses
                    bewegen, denn obgleich modische Trends äußerst kurzlebig sind, erweist sich die
                    Mode selbst als ebenso beständig wie die Krankheit oder der Tod (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Leopardi2016" xml:id="ref_Leopardi2016b">Leopardi
                        1824</ref>). Unabhängig hiervon ist es durchaus möglich, Aussagen über die
                    Existenzbedingungen und die Auswirkungen vergangener und gegenwärtiger modischer
                    Diskursthemen und -stränge, diskursiver Verschränkungen und Diskurspositionen
                    (vgl. <ref type="bibl" target="#Jäger2015" xml:id="ref_Jäger2015-80">Jäger 2015:
                        80f.</ref>) zu treffen, was im Folgenden demonstriert wird.</p>
                <p>Im Zuge der Analyse von Zentners Jugendroman werden auch die Fragen danach
                    beantwortet, wie die erzählte Mode für die Figurenkonstruktion nutzbar gemacht
                    wird, auf welche Weise sie als strukturierendes Prinzip dem Spannungsaufbau
                    dient und als Motiv über sich hinaus weist, um auf semantischer Ebene die hier
                    verhandelten zentralen Fragen zu perspektivieren, etwa nach der Vergänglichkeit
                    der Jugend, der Macht der Vorhersehung und der Wirkmacht der individuellen
                    Existenz.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-01_03">
                <head>2. Ein erzählter Modeblog als diskursiver Knotenpunkt</head>
                <p>Jeff Zentners multiperspektivischer Jugendroman <hi rend="italic">Zusammen sind
                        wir Helden </hi>kreist um drei 17-jährige Figuren aus einer fiktiven
                    Kleinstadt in Tennessee, die an der Schwelle zum letzten Highschooljahr stehen
                    und sich im Angesicht der finalen Sommerferien mit existenziellen Fragen
                    befassen. Während die aktive, erfolgreiche Modebloggerin Lydia ihrer Zukunft an
                    einer New Yorker Universität mit Freude und Spannung entgegensieht, hadern ihre
                    besten Freunde Dill und Travis mit ihrem künftigen Erwachsenenleben. Dill ist
                    ein introvertierter Pastorensohn, dessen Vater wegen des Besitzes von
                    Kinderpornografie im Gefängnis sitzt. Travis unternimmt den Versuch, mit
                    eskapistischer Lektüre von Fantasyromanen seinem gewalttätigen und
                    alkoholsüchtigen Vater zu entkommen und den Verlust seines großen Bruders zu
                    kompensieren. Die beiden Hauptfiguren Lydia und Dill sind kreative Außenseiter.
                    Er schreibt Songs und sie kreiert einen höchst eigenen modischen Stil, mit dem
                    sie im konservativ-christlich-homophob und rassistisch geprägten Milieu der
                    fiktiven, nach dem Ku-Klux-Klan Mitbegründer Nathan Bedford Forrest benannten
                    Stadt Forrestville aneckt. Sich in diesem Setting modisch, d.h. nicht dem
                    Mainstream entsprechend zu kleiden, wird als waghalsiges und womöglich
                    lebensbedrohliches Unterfangen geschildert. Denn obgleich die allwissende
                    Erzählinstanz bemerkt: <quote source="#ref_Zentner2020-107">Lydia ging ohne
                        perfektes Outfit nirgendwohin.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-107">Zentner 2020: 107</ref>),
                    geht sie ebenso niemals ohne Taser und Pfefferspray aus dem Haus, denn: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-111">Ich bin eine selbstbewusste, lautstarke Frau
                        im Licht der Öffentlichkeit. Ich treffe Vorsichtsmaßnahmen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-111">ebd.:
                        111</ref>). Die Auseinandersetzung mit individuellen Lesarten modischer
                    Trends birgt – das wird hier deutlich – gewisse Risiken. Während Lydia durch
                    ihre Peer Group aufgrund ihres ungewöhnlichen modischen Stils Ablehnung und
                    verbale Anfeindung erfährt, wird Travis bei einem Raubüberfall ermordet, da sein
                    mittelalterlich anmutender Eichenstab, den er stets mit sich trägt, als Waffe
                    missinterpretiert wird. Dass gerade diese Figur, die kein Interesse an der
                    stetigen Auseinandersetzung mit wechselnden modischen Trends zeigt, sondern die
                    unauffällige schwarze Alltagskleidung mit zwei geliebten Objekten im Sinne
                    Habermas’ (vgl. <ref type="bibl" target="#Habermas1999"
                        xml:id="ref_Habermas1999">Habermas 1999</ref>) kombiniert (einem
                    Drachenanhänger und dem erwähnten Stab), einer solchen Fehllektüre zum Opfer
                    fällt, lenkt den Fokus auf die Willkürlichkeit des Lebens – und damit auch der
                    Mode. Deutlich wird ebenso, dass Mode als diskursive Formation nicht auf einen
                    bestimmten Inhalt ausgerichtet ist, sondern viel eher als Container für höchst
                    individuelle Lesarten und Projektionen fungiert. Da sie stets gelesen und
                    interpretiert werden muss, um ihre Wirkmacht zu entfalten, kann sie <quote
                        source="#ref_Lehnert2015-18b">niemals bedeutungsneutral sein</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Lehnert2015" xml:id="ref_Lehnert2015-18b">Lehnert 2015:
                        18</ref>).</p>
                <p>Bezüglich der Semantik der erzählten Mode hebt sich Zentners Jugendroman von
                    jenen rezenten Romanen aus dem Bereich der englischsprachigen
                    Erwachsenenliteratur ab, die aus der Retrospektive auf textile Erinnerungen
                        fokussieren.<note xml:id="endnote_01"><p>So wird etwa auf den Zweiten
                            Weltkrieg fokussiert (wie in Natasha Lesters <hi rend="italic">The Paris
                                Seamstress</hi>, 2018, oder Fiona Valpys <hi rend="italic">The
                                Dressmaker’s Gift</hi>, 2019), Biografien von Modedesigner:innen
                            (z.B. Pamela Binnings Ewens <hi rend="italic">The Queen of Paris: A
                                novel of Coco Chanel</hi>, 2020), oder es werden Erzählungen um das
                            Hochzeitskleid historischer Figuren wie Grace Kelly (in Brenda Janowitz’
                                <hi rend="italic">The Grace Kelly Dress</hi>, 2020) oder Queen
                            Elisabeth II. (in Jennifer Robsons <hi rend="italic">The Town: A novel
                                of the Royal Wedding</hi>, 2018) gesponnen.</p></note> Selbst in der
                    neueren Jugendliteratur wird häufig die Bedeutsamkeit modischer Artefakte
                    betont, wie etwa die titelgebenden Second-Hand-Jeans in Ann Brashares’ <hi
                        rend="italic">The Sisterhood of the Travelling Pants </hi>(2004).<note
                        xml:id="endnote_02"><p>Auch in historischer Kinder- und Jugendliteratur wird
                            häufig solche Kleidung bedeutsam, die bereits eine Geschichte aufweist,
                            wie etwa <hi rend="italic">The Children of Arden</hi> (1908) von Edith
                            Nesbit, wo es den beiden Waisen Edred und Elfrida durch das Anlegen
                            historischer Kleidung gelingt, in die Entstehungszeit ihrer textilen
                            Umhüllungen zu reisen.</p></note> Am Beispiel des erzählten Modeblogs
                    bringt Zentner nicht nur die Schnelllebigkeit und Aktualität der Mode zur
                    Darstellung, sondern auch die (populär-)kulturelle Praxis der unmittelbaren
                    Teilhabe an sowie der Etablierung von individuellen modischen Diskursen. Diese
                    Charakteristiken der (erzählten) Mode werden zudem mit der Adoleszenz als
                    ambivalenter, schnelllebiger und überaus wirkmächtiger Lebensphase enggeführt.
                    Als Motiv erweist sich die erzählte Mode insbesondere für die Schilderung
                    adoleszenter Gefühlszustände und Weltanschauungsweisen als effektvoll. Zunächst
                    findet sie jedoch als Erzählanlass auf der konzeptionellen Ebene des Romans
                    Anwendung: Die Handlung beginnt damit, dass die drei Hauptfiguren ein letztes
                    Mal gemeinsam nach Nashville fahren, der nächstgelegenen Großstadt, um
                    „Schulklamotten“ zu kaufen. Da Lydia im Unterschied zu Dill und Travis mobil und
                    finanziell liquide ist, erfolgt dieser Ausflug unter ihrer Regie. Sie fährt,
                    kleidet Dill nach einer konzisen Vorstellung ein und verhandelt so lange mit der
                    Verkäuferin, bis er sich die von ihr zusammengestellte Garderobe auch leisten
                    kann. Durch ihren Modeblog <hi rend="italic">Dollywould</hi>, den sie mit 13
                    Jahren entwickelt hat, genießt sie im virtuellen Raum einen Status, der sich
                    diametral zu ihrer fiktiven analogen Realität verhält. Auf ihrem Blog sowie
                    zahlreichen anderen Social Media-Kanälen nimmt sie nicht nur am modischen
                    Diskurs teil, sondern kann, Dank großer Followerschaft und somit Reichweite,
                    eine gewisse Diskurshoheit für sich in Anspruch nehmen. Beispielsweise erhält
                    sie regelmäßig kostenlose Produkte von namenhaften Modemarken wie Miu Miu (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-148">Zentner
                        2020: 148</ref>), um diese in ihre virtuelle Selbstdarstellungsroutine zu
                    integrieren. Diese modisch-textilen Schenkungen sind keine Freundschaftsdienste,
                    sondern viel eher Tauschgeschäfte, die dem Prinzip: Produkt gegen Content d.h.
                    Werbung bzw. Vermarktung folgen. Während Blogs auch als virtuelle Tagebücher
                    aufgefasst werden können und dementsprechend als Ego-Dokumente höchst
                    individuelle Ideale erfüllen, nutzt die Figur während des Shoppingausflugs den
                    im virtuellen Raum erlangten Einfluss, um ihrem besten Freund die Teilhabe an
                    modischen Diskursen – wenn auch nach ihren Vorstellungen – zu ermöglichen.</p>
                <p>Der Road Trip lässt sich als erster diskursiver Knotenpunkt identifizieren, da
                    die virtuellen modischen Selbstinszenierungspraktiken der weiblichen Hauptfigur,
                    das rhetorische System der Mode (vgl. <ref type="bibl" target="#Barthes1985"
                        xml:id="ref_Barthes1985">Barthes</ref> und <ref type="bibl"
                        target="#Kraß2006" xml:id="ref_Kraß2006-11">Kraß 11</ref>) und die
                    Eigenheiten des Internets verschränkt werden. Deutlich wird dies, als sich die
                    Preisverhandlungen zunächst als zäh erweisen und Lydia der Verkäuferin einen
                    „Vorgeschmack“ auf die Wirkmacht des angekündigten Blogeintrags über den Laden
                    gewährt. Sie setzt einen Tweet ab und erhält in Kürze <quote
                        source="#ref_Zentner2020-23">fünfundsiebzig Likes und dreiundfünfzig
                        Retweets.</quote> (<ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020-23">Zentner 2020, 23</ref>) Darüber hinaus einige
                    Antworten, von denen sie u.a. die folgende vorliest:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-23b">Ah, hier ist eine schöne Antwort. Die ist
                        von Sandra Chen-Liebowitz. Der Name sagt dir wahrscheinlich nichts, aber sie
                        ist Kulturredakteurin bei der <hi rend="italic">Cosmopolitan. </hi>Mal
                        sehen, was sie sagt: <hi rend="italic">Supertipp, arbeite nämlich grade am
                            Nashville-Feature. Danke! </hi>Also, vielleicht kommt dein Laden in die
                            <hi rend="italic">Cosmopolitan. </hi>Überzeugt? (<ref type="bibl"
                            target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-23b">Ebd.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Lydia wird als modische Influencerin inszeniert, die ihre Diskurshoheit im
                    virtuellen Raum in der erzählten analogen Realität nutzbringend einsetzt. Durch
                    diese Verwendung des erzählten Modeblogs gelangt das rhetorische System der Mode
                    im Sinne Barthes’ besonders gut zur Darstellung, da Imaginäres (die virtuelle
                    Sphäre des Blogs) und Reales (der unmittelbare finanzielle Nutzen) sich
                    überlagern (vgl. <ref type="bibl" target="#Barthes1985"
                        xml:id="ref_Barthes1985-61">Barthes 1985: 61f.</ref>). Der Modeblog könnte
                    dementsprechend als konnotative Ebene der modischen Rhetorik betrachtet werden,
                    auf der verbale und piktorale Idealbilder im virtuellen Raum kommuniziert
                    werden, während in der hier geschilderten analogen Auseinandersetzung mit
                    modischen Textilien die denotative Ebene zu verorten wäre (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-61b">ebd.</ref>). Eine
                    strukturelle Analogie des Phänomens der Mode und Internetforen wie Blogs besteht
                    indessen darin, dass sie nur dann zum Gegenstand des Diskurses werden und eine
                    Wirkmacht entfalten, wenn sie wahrgenommen, gelesen und ihre Inhalte
                    weiterkommuniziert werden. Abgesehen von dieser systematischen Ebene, erweist
                    sich der erzählte Modeblog auf einer persönlichen Ebene, d.h. die
                    Figurenzeichnung betreffend, als überaus relevant. Da Lydia bereits zweimal zur
                    New York Fashion Week eingeladen und von der <hi rend="italic">New York
                        Times</hi> interviewt wurde (vgl. <ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020-96">Zentner 2020: 96</ref>), reagiert sie
                    selbstbewusst und schlagfertig auf die abwertenden Reaktionen ihrer Peer Group.
                    Das positive Feedback auf das in ihrem ästhetisierten, öffentlichen Tagebuch
                    kommunizierte Persönlichkeitsideal nimmt demnach Einfluss auf ihre
                    Individuation. Positive Bestärkung erfährt sie jedoch nicht nur im Internet,
                    sondern auch durch ihre Eltern, insbesondere ihren Vater, der zeitweise auch für
                    Lydias Freunde als verständnisvoller Mentor fungiert. Als ambivalent erweist
                    sich Lydia, da sie einerseits spielerisch, ausgelassen und kreativ (z.B. im
                    Umgang mit modischen Trends), andererseits wiederum strukturiert und strategisch
                    agiert, etwa wenn sie die Beziehungen, die sie über ihren Modeblog etabliert,
                    für ihre universitäre Laufbahn nutzt, oder ihrer Followerschaft die Existenz
                    ihrer besten Freunde vorenthält, da sie ,unmodisch‘ sind. Der mit ihrer
                    Persönlichkeit verknüpfte Blog-Name wird so zu einer Marke, die Einfluss auf
                    ihre analoge Individuation nimmt.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-01_04">
                <head>3. Zur Macht von Namen – von Marken und Brandmarkungen</head>
                <p>Schon im Verlauf des geschilderten Ausflugs nach Nashville wird deutlich, dass
                    Lydia sich mit Hilfe ihres Modeblogs eine Marke etablieren konnte, die auch ihr
                    analoges Leben beeinflusst. Am Beispiel der männlichen Hauptfigur wird hingegen
                    der negative Effekt eines bedeutsamen Namens veranschaulicht. Denn während Lydia
                    den Einfluss ihrer Marke genießt, empfindet Dill seinen Geburtsnamen als
                    Brandmarkung, da er denselben Namen trägt wie sein Vater und Großvater. Sein
                    Großvater wurde „Schlangenkönig“ genannt, nachdem er den Verstand verloren
                    hatte, als seine geliebte Tochter im Kindesalter einem Schlangenbiss zum Opfer
                    fiel und auf ihrem Grab Suizid beging. Im Verlauf einer Anekdote über den im
                    amerikanischen Original titelgebenden „Schlangenkönig“ erweist sich die Lektüre
                    eines Modekörpers im Sinne Lehnerts als bedeutsam. Travis wird von einem Freund
                    seines Vaters berichtet, dass sich Dills kummervoller Großvater mit den Häuten
                    und Köpfen zahlreicher getöteter Giftschlangen schmückte:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-76">Er steckt sich immer mehr Schlangenhäute an
                        die Sachen, je mehr Schlangen er tötet. Er wäscht und rasiert sich nicht
                        mehr und schneidet sich nicht mehr die Haare und bald riecht er wie ein
                        Kadaver. Er wird immer magerer. Sieht schon selbst aus wie eine Schlange
                            (<ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-76">ebd.
                            76</ref>).</quote>
                </cit>
                <p>In dieser Phase seines Leidensprozesses wird ihm der Name „Schlangenkönig“
                    verliehen, der auch seine Nachkommen stigmatisiert. Durch die verbale
                    Brandmarkung wird ein Kompensationswunsch ausgedrückt, denn: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-76b">Die Leute haben Angst vor Kummer und Schmerz.
                        Sie glauben, das ist ansteckend, wie eine Krankheit</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-76b">ebd.</ref>).
                    Der Name Schlangenkönig soll demnach vor diesem personifizierten und
                    bedrohlichen, da potenziell ansteckend wirkenden Schmerz warnen und zugleich der
                    Abgrenzung dienen. So erweist sich nicht nur das Phänomen der Mode, sondern auch
                    der Marke bzw. Brandmarkung als Container für individuelle und kollektive
                    Zuschreibungen und Projektionen, die sich in dem hier geschilderten Fall als
                    sehr langlebig erweisen. So resümiert Travis’ Vater:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-78">Du stehst doch auf Könige und Prinzen und
                        solchen Scheiß? Trotzdem solltest du vielleicht lieber nicht in der Nähe
                        sein, wenn dein Kumpel durchdreht und versucht, den Thron seines Vaters und
                        Opas zu besteigen. Der Name, den er trägt, bringt jedenfalls kein Glück. Das
                        ist mal sicher. (<ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                            xml:id="ref_Zentner2020-78">Ebd. 78</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Nachdem Travis ermordet wird, leidet Dill an Angstzuständen und Selbstzweifeln,
                    da er fürchtet, mit seinem Namen auch das Schicksal seines Großvaters zu teilen.
                    Mit Lydias Unterstützung überwindet er diese in einen Suizidversuch mündende
                    Phase. In der unmittelbaren Interaktion zeigt Lydia Verständnis für ihren besten
                    Freund. Was jedoch ihre virtuellen modischen Selbstinszenierungspraktiken
                    anbelangt, ist sie bis zu Travis’ Tod darauf bedacht, ihr Image nicht durch die
                    Erwähnung ihrer ,unmodischen‘ Freunde zu verderben. Denn es wird mehrfach darauf
                    Bezug genommen, dass die Medien über Dills Vaters berichteten, der mit Schlangen
                    und Gift predigte, jedoch wegen des Besitzes von Kinderpornografie inhaftiert
                    ist, weshalb Dills Name dank der Onlinemedien stets mit diesem Vorfall und
                    dieser Person verbunden wird. Aus diesem Grund scheut Lydia sich davor, ihn auf
                    ihrem Blog zu erwähnen (vgl. <ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020-58">ebd.: 58</ref>). In der deutschsprachigen
                    Übersetzung reflektiert sie zudem darüber, ob sie ihre Freunde als „stylish“
                    genug erachtet, um sie auf ihrem Blog zu erwähnen. Im amerikanischen Original
                    wird die Wendung „off Brand“ gebraucht. Dieser Begriff scheint treffender, um
                    die Engführung von Marke und Name zu veranschaulichen. Travis und Dill haben
                    kein Interesse an Marken, weshalb auch ihre Namen nicht von Bedeutung sind. Die
                    Doppeldeutigkeit der im amerikanischen Original häufig verwendeten Begriffe
                    („brand“, „branding“, „off brand“) geht mit der Übersetzung verloren. Erst
                    nachdem Travis ermordet wurde und Dill dank Lydias Beeinflussung auf dem besten
                    Weg ist, ein erfolgreicher Musiker zu werden, bindet sie ihre besten Freunde in
                    ihre virtuelle Selbstinszenierung ein. Der Makel und die Makellosigkeit eines
                    Images sind für modische Diskurse ausschlaggebend. In diesem Zusammenhang ist
                    jedoch zwischen visueller und textueller Inszenierungspraxis zu differenzieren.
                    Denn im Schriftlichen erweisen sich die Freunde als Bezugspunkte durchaus
                    geeignet, zumindest in Bezug auf Lydias College-Bewerbungsschreiben:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-97">Dill und Travis passten zwar nicht zu ihrem
                        Blog-Image, aber für die Selfmade-Girl-Erzählung ihres Bewerbungsessays
                        waren sie genau die richtige Staffage. Sie brauchte einen gewissen
                        Hintergrund, von dem sie sich abheben konnte; einen Kontrast. (<ref
                            type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-97">Ebd.
                            97</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Hinsichtlich der virtuellen Ebene des Modeblogs lässt sich auf Roland Barthes’
                    Ausführungen zur Modefotografie verweisen. In seiner Studie <hi rend="italic"
                        >Die Sprache der Mode</hi> führt Barthes die Erörterung der Frage, was
                    geschehe, <quote source="#ref_Barthes1985-22">wenn ein Objekt und eine Sprache
                        (langage) zusammentreffen</quote> (<ref type="bibl" target="#Barthes1985"
                        xml:id="ref_Barthes1985-22">Barthes 1985: 22</ref>), unter anderem zu der
                    Beobachtung, dass eine Modefotografie auf unendlich viele Arten gedeutet werden
                    könne, während die verschriftlichte Beschreibung dieses Bildes eine ganz
                    bestimmte Deutung fixiere und damit der Leserschaft von Modezeitschriften die
                    individuelle Sichtweise des Autors, bzw. der Autorin aufgezwungen werde (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-23">ebd.:
                        23</ref>).</p>
                <p>Da der multiperspektivische Roman Zentners keine Bilder enthält, wird lediglich
                    auf der Textebene ausgeführt, mit welchem Content Lydia ihre Onlineplattformen
                    und -kanäle versorgt. Was die verbale Ebene ihrer Blogeinträge betrifft, werden
                    nur vereinzelte Kommentare zu geposteten Fotos wiedergegeben, die meist
                    lediglich auf Marken verweisen:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-148b">Ich trage ein Top von Missoni über einem
                        Kleid, dass [sic] ich bei Attic in West Nashville gefunden habe. Meine
                        Tasche ist von Goodwill, die Wedgies von Owl und die Halskette von Miu Miu.
                            (<ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-148b"
                            >Zentner 2020: 148</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Zentner beschreibt demnach keine konkreten Farben, Schnitte oder Texturen,
                    sondern setzt bewusst Leerstellen, deren Ausfüllung der Fantasie der Leserschaft
                    überlassen wird. Nur in Ausnahmefällen wird ein Outfit näher beschrieben wie
                    beispielsweise Lydias experimentelles Kleid für den Abschlussball. Wie in obigem
                    Ausschnitt vorgeführt, wird der Blick auf die Bedeutsamkeit von Modemarken
                    gelenkt. Bemerkenswert ist, dass Zentner zwar einige real existierende Marken
                    wie beispielsweise Miu Miu nennt – ebenso wie Modedesignerinnen wie Vivienne
                    Westwood (vgl. <ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020-93">ebd.: 93</ref>) –, aber die Namen von mit der
                    Modebranche assoziierten Individuen verfremdet, sodass beispielsweise Anna
                    Wintour zu <quote source="#ref_Zentner2020-57">Vivian Winter</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-57">ebd.: 57;
                        95</ref>) wird. Hier ist also zwischen erzählter Mode und erzählten
                    Modemarken zu differenzieren. Mode entsteht in Texten ohne Referenzialität auf
                    in der Realität existierende Kleidung auf einer rein sprachlichen Ebene (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-22b">Barthes
                        1985: 22f.</ref>), real existierende Modemarken sind von dieser
                    Referenzialität naturgemäß nicht befreit (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Kraß2006" xml:id="ref_Kraß2006-1">Kraß 2006: 1</ref>). Aus
                    modesemiologischer Perspektive kann die erzählte Mode als <quote
                        source="#ref_Barthes1985-23b">eine Technik des Zugangs zum
                        Unsichtbaren</quote> (<ref type="bibl" target="#Barthes1985"
                        xml:id="ref_Barthes1985-23b">Barthes 1985: 23</ref>) aufgefasst werden.
                    Erzählte Modemarken sind hingegen untrennbar mit der Realität verbunden und
                    müssten demnach aus soziologischer Perspektive analysiert werden.</p>
                <p>Aus diskursanalytischer Perspektive ist es auffällig, dass in Zentners Roman die
                    Erwähnung von Modemarken eine Diskurshoheit zum Ausdruck bringt. Sobald der Name
                    einer Modemarke oder eines/r Designer:in in ein Gespräch eingebunden wird, kommt
                    das Gespräch zum Erliegen, da hiermit die Deutungshoheit unmissverständlich
                    klargestellt wird. Deutlich wird dies etwa, als Lydia in der Schule eine
                    Strumpfhose trägt, <quote source="#ref_Zentner2020-62">die absichtlich chaotisch
                        gewebt war und gewollte Laufmaschen hatte</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-62">Zentner 2020: 62f.</ref>)
                    und von einer Mitschülerin verspottet wird. Auf die Frage: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-66">Hast du die aus dem Müll gezogen?</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-66">ebd.:
                    66</ref>) antwortet sie: <quote source="#ref_Zentner2020-66b">Nein, die haben
                        mir die Rodarte-Schwestern geschenkt. Sind aus der letzten Saison, aber ich
                        habe gehofft, dass es niemandem an der Forrestville High auffällt.</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-66b"
                        >Ebd.</ref>) Nach diesem Hinweis verlässt die Gesprächspartnerin den
                    Schauplatz ihrer Demütigung mit erhobenem Mittelfinger. Die erwähnte (real
                    existierende) Modemarke beendet jegliche spielerische Assoziation der
                    Diskursteilnehmenden. Was Barthes an der Mode als „Initiationsphänomen“ und wie
                    er das Sprechen der Eingeweihten darüber als „autoritatives Sprechen“ sieht
                        (<ref type="bibl" target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-24">Barthes
                        1985: 24</ref>), lässt sich bei Zentners Text auf die Verwendung von
                    Modemarken – und das Insiderwissen darüber – übertragen. Unabhängig davon, ob
                    dieses im Sinne Barthes’ als „kleinste sinnproduzierende Parzelle“ des <quote
                        source="#ref_Barthes1985-63">vestimentären codes</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-63">ebd.: 63</ref>) oder mit
                    Foucault als <quote source="#ref_Foucault1991-117">Atom des Diskurses</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Foucault1991" xml:id="ref_Foucault1991-117"
                        >Foucault 1991: 117</ref>) aufgefasst wird: Die Verwendung von Modemarken
                    macht die erzählten modischen Diskursstränge als Machtdiskurse lesbar (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Foucault1991" xml:id="ref_Foucault1991-10">Foucault:
                        10f.</ref>).</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-01_05">
                <head>4. Die erzählte Mode und die Erhabenheit des Seins</head>
                <p>Eine der zentralen existenzphilosophischen Fragen, die Zentners Roman stellt, ist
                    jene nach der Wirkmacht individueller Existenz. Die adoleszenten Hauptfiguren
                    sehnen sich danach, Spuren zu hinterlassen, und unternehmen verschiedene
                    Versuche, sich der Welt einzuschreiben. So nutzen sie den letzten gemeinsamen
                    Sommer auch dafür, um in einem Brückenpfeiler persönliche Nachrichten zu
                    hinterlassen. Travis zitiert aus seinem Lieblingsbuch: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-116">Dein Name möge jenen, die Dich liebten, ewig
                        leuchten.</quote> (<ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                        xml:id="ref_Zentner2020-116">Zentner 2020: 116</ref>) Lydia möchte ihren
                        <quote source="#ref_Zentner2020-116b">Namen in die Welt ritzen</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-116b">ebd.</ref>),
                    wohingegen Dill darunter leidet, dass er mit einem Namen, den er sich nicht
                    ausgesucht hat, leben muss. Dem hier entworfenen Ideal eines introvertierten,
                    leidenden Musikers entsprechend möchte er für ihn Relevantes für andere
                    unsichtbar in seinem Herzen markieren. Da er den letzten gemeinsamen
                    Shoppingausflug als <quote source="#ref_Zentner2020-34"><hi rend="italic">Tod
                            eines kleinen Abschnitts eines Lebens</hi></quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-34">ebd.: 34</ref>,
                    Kursivierung im Text) empfindet, ermahnt er sich: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-35"><hi rend="italic">Vergiss das hier nicht.
                            Schreib es auf ein selbst gemachtes Kreuz und steck es dir ins Herz, um
                            dieses Ende zu markieren</hi></quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-35">ebd.: 35</ref>). Positiv
                    besetzte Gedanken, die in Form von Liedtexten der Öffentlichkeit zugänglich
                    gemacht werden, entwickelt er erst allmählich.</p>
                <p>Am Beispiel von Dills Vater bringt Zentner noch eine weitere Variante von
                    ,Einschreibungspraktiken‘ ins Spiel: Als Dill widerwillig seinen Vater im
                    Gefängnis besucht, bemerkt er, dass dieser sich Glaubensinhalte in Form von
                    Tätowierungen in die Haut einschreibt: <quote source="#ref_Zentner2020-29">Sie
                        lassen mich hier drinnen nicht predigen und die Zeichen zeigen, darum trage
                        ich meinen Glauben auf der Haut. Das können sie mir nicht wegnehmen</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-29">ebd.:
                        29</ref>). Im Verlauf der Besuche wird eine sukzessive Zunahme dieser
                    Selbsteinschreibung religiöser Ideale geschildert. Bedenklich erscheint Dill der
                    Umstand, dass die auf beiden Armen tätowierten Giftschlangen lebendig wirken,
                    wenn sich sein Vater bewegt, sodass er diesen ideologischen Körperschmuck
                    performativ ausagiert: <quote source="#ref_Zentner2020-204">Dills Vater knickte
                        in rascher Folge alle Finger ein und streckte sie wieder, sodass die
                        Schlangen an seinem Unterarm sich wanden und schlängelten.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-204">Ebd.:
                        204</ref>) So führt Dills Vater die als pathogen markierte körperliche
                    Auseinandersetzung mit Giftschlangen auf einer anderen Ebene als Dills Großvater
                    fort, der die getöteten Schlangen als zweite Haut am Körper trägt, da er
                    Abbilder von Giftschlangen seiner (ersten) Haut einschreibt, wo sie die <quote
                        source="#ref_Zentner2020-204b">Narben von Schlangenbissen an seinen Armen
                        [...] überdeckten und umwanden</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-204b">ebd.</ref>). Die etwa
                    von Vinken und Lehnert artikulierte literaturwissenschaftliche Perspektive auf
                    die erzählte Mode als mit dem Körper enggeführte sprachliche Äußerung, die
                    öffentlich ausagiert wird und der Lektüre bedarf, wird hier – wenngleich auf
                    einer höchst unmodischen, eher als pathogen markierten Ebene – transparent.</p>
                <p>Die ambivalente Natur der Mode, die einem stetigen Wandel unterliegt und sich
                    dennoch als ebenso beständig wie die Krankheit und der Tod erweist, wird auf der
                    Ebene der <hi rend="italic">histoire </hi>durch die zentralen,
                    existenzialphilosophischen Fragen zur Darstellung gebracht, die sich die
                    Hauptfiguren stellen und auf der Ebene des <hi rend="italic">discours
                    </hi>mittels einer virtuosen Überlagerung und Verschränkung verschiedener
                    Diskursstränge, die ihrerseits durch die Haupt- aber insbesondere die
                    Nebenfiguren je individuell akzentuiert werden, sodass sich verschiedene
                    Diskurspositionen identifizieren lassen. So ist auf der Makroebene klar zwischen
                    der spielerisch-kreativen und die Persönlichkeitsentwicklung positiv
                    beeinflussenden modischen Selbstinszenierungspraxis Lydias und der negativ
                    besetzten und als Zeichen eines psychischen Verfalls markierten Schmückung des
                    Körpers bzw. der Haut mit Schlangenkörpern zu differenzieren. Auf der Mikroebene
                    wird der Fokus hingegen auf die höchst individuelle und mitunter diametrale
                    Lesart von Modekörpern gerichtet. Deutlich wird dies etwa im Gespräch zwischen
                    Dill und seiner Mutter nach seiner Rückkehr aus Nashville:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-50">„Wie war es in Nashville?“, fragte seine
                        Mutter schließlich. „Gut. Lydia hat mir geholfen, sehr günstig gute Sachen
                        zu kriegen.“ Seine Mutter tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab.
                        „Ich wünschte, du hättest mehr Freunde aus der Gemeinde. Christliche
                        Freunde.“ „Travis ist doch aus der Kirchengemeinde.“ „Über den mache ich mir
                        auch so meine Gedanken. Immer schwarz angezogen und dann dieses
                        Dämonen-Halsband.“ „Es ist ein Drache.“ „Das ist das Gleiche. Lies mal
                        wieder die Offenbarung.“ (<ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                            xml:id="ref_Zentner2020-50">Ebd.: 50</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Mit de Saussure ließe sich in diesem Zusammenhang auf die Arbitrarität von
                    Zeichen verweisen, die in den Reaktionen auf Lydias modische Selbstinszenierung
                    deutlich wird. Denn während ihre Followerschaft positiv reagiert, fallen die
                    Reaktionen der provinziellen Peer Group negativ aus. Kontrastreich aufeinander
                    bezogen werden hier die Prinzipien des Grotesken und des Erhabenen, das
                    Baudelaire der Mode schon 1863 in seiner <hi rend="italic">Lobrede auf das
                        Schminken </hi>attestiert. Baudelaire rekurriert darin auf eine Frage, die
                    auch in Zentners Text von zentraler Bedeutung ist: die Frage danach, was Bestand
                    hat und welche Spuren die individuelle Existenz hinterlassen wird. Wenn
                    Baudelaire auf die <quote source="#ref_Baudelaire2016-98">hohe Spiritualität der
                        Toilette</quote> (<ref type="bibl" target="#Baudelaire2016"
                        xml:id="ref_Baudelaire2016-98">Baudelaire 2016: 98</ref>) eingeht und das
                    sich Zurechtmachen als Praxis beschreibt, mit der das sich modisch inszenierende
                    weibliche Individuum sich den Fängen des Alltags und der Wirklichkeit entzieht,
                    um zu einer allseits bewunderten und angebeteten Göttin zu werden, führt er das
                    Modische und das Erhabene eng (<ref type="bibl" target="#Baudelaire2016"
                        xml:id="ref_Baudelaire2016-99">ebd.: 99</ref>). Interessanterweise schließen
                    sich in diesem Zusammenhang die Erhabenheit und die Frivolität nicht aus.<note
                        xml:id="endnote_03"><p> Barbara Vinken verweist darauf, dass Baudelaire
                            Begriffe verwendet, die zur Entstehungszeit des Textes mit Prostitution
                            verknüpft waren: <quote source="#ref_Vinken2016-96">Im Zweiten
                                Kaiserreich, während dessen Baudelaires Text entsteht, schminkten
                                sich nur Schauspielerinnen, nicht aber anständige Frauen.
                                ,Reispuder‘ galt noch Zola als Kurzformel für leichte Mädchen. Sich
                                zu schminken war der Halbwelt und Prostituierten vorbehalten</quote>
                                (<ref type="bibl" target="#Vinken2016b" xml:id="ref_Vinken2016b-96"
                                >Vinken 2016b: 96</ref>).</p></note></p>
                <p>Auch in dieser Hinsicht eröffnet sich eine Analogie zur Charakterisierung der
                    weiblichen Hauptfigur. So erklärt Lydia ihren Abschlussball-Look gegenüber Dill
                    wie folgt: <quote source="#ref_Zentner2020-325">Es sollte so eine Mischung aus
                        Misswahl-Kandidatin und Rastplatz-Prostituierter werden.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-325">Zentner 2020:
                        325</ref>) Die Kontraste, die sich nicht nur in der Wahl des leuchtenden,
                    mit Pailletten bestickten 1980er-Jahre-Kleides, sondern auch in der bewusst nur
                    halbseitigen Spraytann-Färbung ihres Körpers zeigen, veranschaulichen den
                    grundlegenden Widerspruch, den Barthes der geschriebenen und beschriebenen Mode
                    zuschreibt: Der Rhetorik der Mode liege ein bedeutsames Nebeneinander von
                    übertriebenem Ernst und übertriebenem Belanglosen zugrunde. In diesem
                    Spannungsfeld komme zudem <quote source="#ref_Barthes1985-248">die mythische
                        Situation der Frau in der abendländischen Zivilisation [zur Darstellung]:
                        sublim und kindisch zugleich.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-248">Barthes 1985:
                    248</ref>)</p>
                <p>Baudelaire schreibt unter anderem, dass „der Wilde“ sowie das Baby <quote
                        source="#ref_Baudelaire2016-98b">durch ihr unwillkürliches Verlangen nach
                        allem Glänzenden, nach buntem Federschmuck, schillernden Stoffen, [...]
                        ihren Abscheu vor dem Wirklichen [bezeugen], und beweisen damit,
                        absichtslos, die Immaterialität ihrer Seele.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Baudelaire2016" xml:id="ref_Baudelaire2016-98b">Baudelaire 2016:
                        98</ref>) Das glitzernde Paillettenkleid, mit dem Lydia auf dem
                    Abschlussball alle Blicke auf sich zieht und in dem sie nach dem Ball im Garten
                    unter einer künstlichen Wasserfontäne ausgelassen tanzt, bringt diese den
                    mutmaßlich einfachen Gemütern zugeschriebene Faszination an Irrealem und Ewigem
                    zur Darstellung. Aus diskursanalytischer Perspektive erscheint es daher durchaus
                    naheliegend, dass Zentner erzählte Mode verwendet, um die auch in anderen
                    Adoleszenzromanen fokussierten existenzphilosophischen Fragestellungen zu
                    verhandeln. Wie Barthes ausführt, ist es nicht die Sprache, die als
                    Referenzebene des von ihm am Beispiel der Modezeitschrift analysierten
                    vestimentären Codes fungiert, <quote source="#ref_Barthes1985-59">sondern die
                        Äquivalenz zwischen Kleidung, Welt und Mode.</quote> (<ref type="bibl"
                        target="#Barthes1985" xml:id="ref_Barthes1985-59">Barthes 1985: 59</ref>)
                    Die Semantik der erzählten Mode resultiert aus einer Verbindung mit dem Körper
                    und der Beziehung zur Welt, so ließe sich hieraus schließen.</p>
                <p>Die hier zentralen Fragen nach der Endlichkeit der individuellen Existenz sowie
                    den Spuren, die vom individuellen Sehnen, Leiden und Hoffen bleiben, lassen sich
                    auf modephilosophische Erwägungen übertragen. So schreibt Baudelaire:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Baudelaire2016-98c">Die Mode muß deshalb als ein Zeichen für
                        das Streben nach dem Ideal gelten, das im menschlichen Gehirn alles
                        überdauert, was das natürliche Leben dort an Grobem, Irdischem und
                        Schmutzigem anhäuft, als eine erhabene Deformation der Natur, oder vielmehr
                        ein dauernder und wiederholter Versuch die Natur zurechtzubringen. (<ref
                            type="bibl" target="#Baudelaire2016" xml:id="ref_Baudelaire2016-98c"
                            >Baudelaire: 2016: 98f.</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>Lydias modische Selbstinszenierungspraxis, die zwischen Spiel und Kalkül
                    rangiert, verweist auf eine für die Adoleszenzliteratur typische Semantik. In
                    Dills Wahrnehmung ist sie eine Göttin, womit sie das von Baudelaire in <hi
                        rend="italic">Lobrede auf das Schminken </hi>formulierte Prinzip der sich
                    modisch inszenierenden Frau erfüllt (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Baudelaire2016" xml:id="ref_Baudelaire2016">Baudelaire 2016</ref>).
                    Darüber hinaus wird sie mit einer Muse verglichen, die Dill davon überzeugt, die
                    emotionale Last seiner Herkunft und seines Namens abzulegen, um sich
                    künstlerisch zu verwirklichen und einen höheren Bildungsweg einzuschlagen. Die
                    gemeinsame Zeit mit ihr kommt ihm vor wie ein euphorischer Traum (vgl. <ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-48">Zentner 2020:
                        48</ref>) und für seine Definition von Schönheit ist sie fortan der
                    Maßstab:</p>
                <cit>
                    <quote source="#ref_Zentner2020-341">Sie ist es. Sie ist alles. Sie ist die
                        Richtschnur, nach der ich für den Rest meines Lebens alle Schönheit
                        beurteilen werde. [...] Jede Stimme an ihrer Stimme. Mein Maß der
                        Vollkommenheit. (<ref type="bibl" target="#Zentner2020"
                            xml:id="ref_Zentner2020-341">Ebd.: 341</ref>)</quote>
                </cit>
                <p>So ließe sich zwar ebenso gut resümieren, dass die Liebe alle Wunden (Dills)
                    heilt und die Zukunft der beiden Hauptfiguren positiv beeinflusst, doch ist es
                    insbesondere der öffentlichkeitswirksamen modischen Selbstinszenierung der
                    weiblichen Hauptfigur zu verdanken, dass sie auf die gewünschte Universität
                    kommt und Dills Gesangstalent gewürdigt wird, weshalb er seine Bildungschancen
                    (gegen den Willen seiner Eltern) verbessern kann. Was die geschilderte
                    Lebensphase der Hauptfiguren betrifft, werden demnach traditionelle romantische
                    Motive transparent, die jedoch durch die Verwobenheit mit von Gegensätzen
                    geprägten und auch von den Figuren höchst ambivalent bewerteten modischen
                    Diskursen eine innovative Färbung erhalten.</p>
            </div>
            <div xml:id="wdr06_02-01_06">
                <head>5. Fazit</head>
                <p>Im Angesicht der zahlreichen Veränderungen und Unsicherheiten der Adoleszenz,
                    werden bei den Protagonist:innen Fragen nach der Sinnhaftigkeit der eigenen
                    Existenz laut. Das Modephänomen erweist sich als geeignetes literar-ästhetisches
                    Mittel, um diese ambivalenten Gefühle aus unterschiedlichen Perspektiven zu
                    veranschaulichen. Der diskursanalytische Zugriff lenkt den Fokus auf die dem
                    Modediskurs eingeschriebene Dichotomie von Macht und Ohnmacht. Da Lydia die
                    (mediale) Öffentlichkeit, die Mode braucht, um wahrgenommen zu werden, dank der
                    Onlinemedien selbst generieren kann, ist es ihr möglich, an modischen Diskursen
                    teilzuhaben, eine spezifische Diskursposition zu etablieren und eigene Diskurse
                    zu generieren. Die erzählte Mode fungiert hier ganz im Sinne Lehnerts <quote
                        source="#ref_Lehnert2015-18c">als Matrix, die kulturelles und individuelles
                        Handeln hervorbringt</quote> (<ref type="bibl" target="#Lehnert2015"
                        xml:id="ref_Lehnert2015-18c">Lehnert 2015: 18</ref>). Dass es eine
                    jugendliche Figur ist, die diese Deutungshoheit erlangt, ist indessen durchaus
                    bemerkenswert, insbesondere im Kontrast zu den beiden männlichen Hauptfiguren,
                    deren dysfunktionale Familienverhältnisse ihnen keine experimentellen
                    Selbstverwirklichungsmöglichkeiten einräumen. Im provinziellen Milieu, in dem
                    Zentner seine Erzählung verortet, wird die Möglichkeit, spielerisch und zwanglos
                    an modischen Diskursen teilzuhaben, um einen eigenen Stil zu etablieren, als
                    Privileg geschildert.</p>
                <p>Während Lydia dieses kulturelle und individuelle Handeln im Sinne Lehnerts
                    genießt, empfindet der introvertierte Travis dieses Spiel als zu anstrengend. Er
                    bevorzugt einen monochromen, unauffälligen Kleidungsstil. Die
                    Entscheidungsfreiheit verliert er mit seinem Tod: Der hellblaue Anzug, in dem er
                    aufgebahrt wird, unterscheidet sich in Farbgebung und Stil stark von dem, was er
                    zu Lebzeiten trug. Immerhin legt ihm Lydia eines seiner geliebten Accessoires,
                    den Drachenanhänger, heimlich in den Sarg (vgl. <ref type="bibl"
                        target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-258">Zentner 2020: 258</ref>).
                    Die Dichotomie von Macht und Ohnmacht wird hier mit Altersdiskursen verwoben, da
                    die Entscheidungshoheit über die mehr oder weniger modische Selbstinszenierung
                    bis zu einem gewissen Alter und in Abhängigkeit zur Lebenssituation den Eltern
                    obliegt. Dass Lydia in einem liberalen Elternhaus aufwächst, kommt etwa darin
                    zum Ausdruck, dass sie ihren Modeblog bereits mit 13 Jahren gründen durfte (vgl.
                        <ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-96b">ebd.:
                        96</ref>). Diese virtuelle Selbstinszenierung wird als weibliche
                    Ermächtigungsstrategie inszeniert, die der Hauptfigur den Weg aus der Provinz in
                    die Großstadt ebnet.</p>
                <p>Der in einem „billigen blauen Anzug“ aufgebahrte Freund wirkt auf Lydia <quote
                        source="#ref_Zentner2020-96c">unwirklich und künstlich.</quote> (<ref
                        type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-96c">Ebd.</ref>)
                    Dieser unmodisch gekleidete Körper wird der Trauergemeinde gegenüber ausgestellt
                    und demnach ein letztes Mal lesbar, doch erweist sich diese Performanz als nicht
                    authentisch, da sie der Regie von Travis’ Eltern unterliegt.</p>
                <p>Bemerkenswert erscheint zudem der Umstand, dass die Ebenen des Realen und
                    Irrealen mehrfach ineinander geblendet werden, ein Aspekt, den auch Kraß der
                    erzählten Mode attestiert: <quote source="#ref_Kraß2006-11b">Der Reiz der Mode
                        liegt in ihrer Fähigkeit, beide Welten ineinander zu blenden und dem realen
                        Leben eine mythische Qualität, und zugleich dem imaginierten Leben ein
                        Realitätsprädikat zu verleihen.</quote> (<ref type="bibl" target="#Kraß2006"
                        xml:id="ref_Kraß2006-11b">Kraß 2006: 11</ref>) Dieser Reiz wird neben der
                    Mode auch der Musik, der Liebe und nicht zuletzt der (Fantasy-)Literatur
                    zugeschrieben, die Travis ständig konsumiert, um der Realität zu entkommen. Die
                    Blendung zweier Welten macht sich auch in der Interaktion zwischen den Freunden
                    bemerkbar, so stellt Lydia folgende Frage an Travis: <quote
                        source="#ref_Zentner2020-114">Wie kommt das bloß? Immer wenn wir uns über
                        die wirkliche Welt unterhalten, kommst du mit Fantasy, und immer wenn wir
                        über unsere Fantasien reden, kommst du mit der nackten Wirklichkeit.</quote>
                        (<ref type="bibl" target="#Zentner2020" xml:id="ref_Zentner2020-114">Zentner
                        2020: 114</ref>)</p>
                <p>Die hier etablierten Diskursstränge rekurrieren auf unterschiedliche
                    Wissenssysteme sowie auf höchst individuell gefärbten Diskurspositionen, womit
                    Zentner die Ambivalenz des Phänomens der erzählten Mode betont. Mittels der
                    Verknüpfung von Alters-, Gender- und Klassendiskursen wird der Modediskurs zudem
                    als individueller, kulturell und mitunter ideologisch-religiös geprägter
                    Aushandlungs- und Zuschreibungsprozess lesbar, in dessen Verlauf Bedeutung und
                    Wertigkeit generiert werden. Der erzählte Modeblog fungiert als diskursiver
                    Knotenpunkt, der Fragen nach der Diskurshoheit in diesem von
                    Machtdemonstrationen und Wertigkeitszuschreibungspraktiken geprägten Feld
                    perspektiviert. So erweist sich die erzählte Mode in diesem Text als
                    facettenreiches Phänomen, das einem stetigen Wandel unterliegt und dessen
                    Wirkmacht von einer Performanz abhängig ist, die zwar als kulturelle Praxis
                    aufgefasst werden kann, jedoch insbesondere von individuellen Projektionen
                    zeugt.</p>
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            <head>Literatur</head>
            <div type="bibliography">
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