Forschungsorganisation und Forschungsstrategie an österreichischen Hochschulen am Beispiel der FH Technikum Wien

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Abstract

Dass Hochschulen Forschungsstrategien entwickeln, ist einem Umbruch im Hochschulsystem geschuldet, der spätestens in den 1980er Jahren begann. Einhergehend mit der Expansion des Bildungssystems, änderte sich auch die Forschungs- und Wissenschaftspolitik. Die Wirtschaft war zunehmend angewiesen auf hoch qualifizierte Fachkräfte, und Europa begann sich zu sorgen, seine Volkswirtschaften könnten angesichts des Vorsprungs der USA in der Entwicklung von einigen Schlüsseltechnologien an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Diese Diskussion hält bis heute an; die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft wird wesentlich daran gemessen, wie viel ein Staat für die Entwicklung und wirtschaftliche Verwertung von Hochtechnologien erfolgreich unternimmt. Die Anwendbarkeit von Forschung und Entwicklung rückte in den Vordergrund. In der Erwartung von Wettbewerbsvorteilen begannen Regierungen u.a. Forschungsprogramme aufzusetzen, Forschungsschwerpunkte zu formulieren und in Forschung und Entwicklung die Kooperationen von Hochschulen mit Unternehmen zu fördern. Aktivitäten in Forschung und Entwicklung wuchsen stark an; mit ihnen auch die Ausgaben dafür. Damit einhergehend, wird von Hochschulen erwartet, dass sie zur wirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere zur Technologieentwicklung, beitragen. Hinter all den Diskussionen über die Erhöhung der Forschungsleistungen von Staaten und Unternehmen steht auch die Frage, welche Wissenschaften, Forschungen und Entwicklungen sich auszahlen. Dieser Legitimationsdruck wurde durch weitere Entwicklungen verschärft: den Ruf nach höherer Effizienz in Forschung und Entwicklung, veränderte Managementstrukturen an Hochschulen, die zunehmende Bedeutung von Drittmitteln für die Finanzierung von Hochschulen, die stärkere Einbeziehung wissenschaftsexterner, insbesondere wirtschaftlicher Interessen in Forschung und Entwicklung (für die nicht zuletzt Fachhochschulen stehen), die aufkommende Evaluierung von Forschungseinrichtungen, die Entstehung neuer Formen der Wissens- und Technologieproduktion, die Sprengung von herkömmlichen disziplinären und institutionellen Abgrenzungen, sowie die Debatten über Technologien, die öffentlich als riskant wahrgenommen wurden und werden (Gentechnologien, Atomenergie u.a.). Der Rechtfertigungsdruck ist also ein mehrfacher: ein politischer, ein finanzieller und ein gesellschaftlicher; ein Druck, der an Hochschulen das gewohnte Verhältnis von Forschung und Lehre in Frage stellt.

In Österreich entstanden die ersten Fachhochschulen vor 30 Jahren als eine bildungspolitische Antwort auf die Notwendigkeit, der Wirtschaft mehr hoch qualifizierte Fachkräfte zuzuführen. Das österreichische Fachhochschulgesetz hält dazu fest: „Fachhochschulen haben die Aufgabe, Studiengänge auf Hochschulniveau anzubieten, die einer wissenschaftlich fundierten Berufsausbildung dienen“ (§ 3 (1) FHG). Universitäten hingegen „sind Bildungseinrichtungen des öffentlichen Rechts, die in Forschung und in forschungsgeleiteter akademischer Lehre auf die Hervorbringung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie auf die Erschließung neuer Zugänge zu den Künsten ausgerichtet sind“ (§ 1 (1) UG). Grob gesprochen, ist die Kernaufgabe von Fachhochschulen die Lehre, während die primäre Funktion von Universitäten die Einheit von Forschung und Lehre ist. Diese Trennung entspricht längst nicht mehr der Realität. For-schungsförderungsprogramme fördern Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen, die Abgrenzungen von Grundlagenforschung zu angewandter Forschung sind häufig unscharf, und die gewünschte europaweite Vereinheitlichung sowie Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen und die damit einhergehende, prinzipielle Möglichkeit, nach einem Abschluss an einer FH auf eine Universität - et vice versa - zu wechseln, führen unter anderem dazu, dass Fachhochschulen Studienabschlüsse auf entsprechend hohem Niveau anbieten, um die gewünschte Durchlässigkeit im Sinne des Bologna-Prozesses zu gewährleisten (Georgy, 2012). Andererseits bieten Universitäten Studiengänge an, die ähnliche Spezialisierungen aufweisen wie solche an Fachhochschulen. Für Fachhochschulen ergibt sich aus der Notwendigkeit, die Aktualität der Lehre sicherzustellen und aus der Mobilität von Student:innen die Herausforderung, die Forschung und Entwicklung trotz höheren Lehrverpflichtungen als an Universitäten voranzutreiben und für Studierende gegenüber anderen Bildungseinrichtungen attraktiv zu sein. Zusätzlicher Druck kommt auch vom Gesetzgeber. Das Hochschul-Qualitätssicherungsgesetz sieht für Fachhochschulen „Angewandte Forschung und Entwicklung“ als Prüfbereich vor (§ 23 (3) HS-QSG), und das Fachhochschulgesetz bestimmt, dass „dafür zu sorgen“ ist, „dass das Lehr- und Forschungspersonal an anwendungsbezogenen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten teilnimmt“ (§10 (7) FHG).

Wie für Universitäten werden auch für Fachhochschulen Drittmittel aus Auftragsforschung und Forschungsförderung für die Finanzierung immer wichtiger, weil die in Österreich übliche Finanzierung von Fachhochschulen über die Förderung von Studienplätzen nur auf die Lehre ausgerichtet ist und nicht ausreicht, Lehre sowie Forschung und Entwicklung zu finanzieren, häufig auch dann nicht, wenn die Erhalterinnen der Fachhochschulen eine zusätzliche Finanzierung gewähren. Gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte von Fachhochschulen und Unternehmen sind politisch gewünscht. Bereits relativ früh, ab 1997, förderte das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie im Rahmen sogenannter Impulsaktionen die Kooperation von Fachhochschulen mit Unternehmen in Forschung und Entwicklung. 2002 gab es die erste Ausschreibung im Forschungsförderungsprogramm FHplus (Winter & Neuhold, 2005; Burkert et al., 2018), dem Vorläufer des aktuellen Programms FH-Forschung für die Wirtschaft der Österreichischen Forschungs- förderungsgesellschaft. Fachhochschulen wollen und müssen nicht nur als Studienort attraktiv sein, sondern auch als Kooperationspartnerinnen für Forschung und Entwicklung – und ihre Kompetenzen und Erkenntnisse Unternehmen und Gesellschaft zugutekommen lassen.

Im Spannungsfeld dieser Ansprüche, Anforderungen und Notwendigkeiten entwickeln Hochschulen – Fachhochschulen und Universitäten – Forschungsstrategien: als Orientierung, Fokussierung und Steuerungsinstrument. Sofern veröffentlicht, sind solche Forschungsstrategien freilich auch Teil der Öffentlichkeitsarbeit, um als seriöse Kooperationspartnerin sichtbar zu werden, die strategisch ihre Kompetenzen fokussiert und überlegt weiterentwickelt sowie die Finger am Puls relevanter Trends in Forschung und Entwicklung hat.

Veröffentlicht

16.09.2024