Haben wir, was wir brauchen? Biodiversitätswissen in Österreich – eine Zustandsanalyse

Autor/innen

DOI:

https://doi.org/10.25365/azba.162.04

Schlagworte:

education system, biodiversity knowledge, biological education, field teaching, teacher training, nature experience

Abstract

Der globale Verlust an Biodiversität geht mit einem ebenso gravierenden Rückgang des Biodiversitätswissens einher. Dieses umfasst sowohl die Fähigkeit zur Identifikation von Arten als auch das Verständnis zentraler ökologischer Prozesse und Funktionen von Ökosystemen. Der Mangel an gesellschaftlichem Wissen über Biodiversität untergräbt die Akzeptanz und Umsetzung notwendiger Schutz-, Erhaltungs- und Renaturierungsmaßnahmen und verstärkt damit die Dynamik des Biodiversitätsverlusts. Dieser Wissensverlust ist eng mit tiefgreifenden Veränderungen menschlicher Lebenswelten verknüpft. Urbanisierung, naturferne Erwerbsstrukturen sowie die zunehmende Entkopplung von naturbasierten Produktionsprozessen reduzieren direkte Naturerfahrungen erheblich. Gleichzeitig sind entsprechende Bildungsangebote im formalen Bildungssystem rückläufig, wodurch Erfahrungsräume und Möglichkeiten zum Verständnis ökologischer Komplexität verloren gehen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch mediale Vermittlungsformen, die Natur häufig vereinfachen oder verzerren und eine primär hedonistische Auseinandersetzung fördern. Vor diesem Hintergrund kommt den Universitäten als Spitze des Bildungssystems – gewissermaßen als oberste Ebene einer bildungspolitischen „Pyramide“ – eine zentrale Rolle zu. Sie sind nicht nur für die Generierung neuen Wissens verantwortlich, sondern insbesondere für die Ausbildung der Fachkräfte, die Biodiversitätswissen in andere Bildungsbereiche und in die Gesellschaft hineintragen. Dennoch zeigen sich gerade hier erhebliche Defizite: eine unzureichende Verankerung entsprechender Inhalte in Forschung und Lehre, eine fortschreitende Reduktion curricularer Umfänge, sowie strukturelle und finanzielle Engpässe, die sowohl die Einbindung externer Expertise als auch praxisorientierte Lehrformate, insbesondere Freilandlehre, erschweren. Angesichts eines zugleich wachsenden fachlichen Spektrums ist eine qualitativ hochwertige Ausbildung nur dann realistisch, wenn ausreichend Zeit für fachwissenschaftliche Grundlagen, fachdidaktische Qualifizierung und erfahrungsbasierte Lernformate zur Verfügung steht. Die derzeit zu beobachtende Verkürzung und inhaltliche Ausdünnung der Lehramtsausbildung im Bereich Biologie und Umweltbildung in Österreich steht diesem Anspruch entgegen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass diese Entwicklungen nicht zwangsläufig sind, sondern das Ergebnis bildungspolitischer Entscheidungen darstellen. Soll Biodiversitätswissen als zentrale gesellschaftliche Schlüsselkompetenz erhalten und gestärkt werden, bedarf es eines klaren politischen Bekenntnisses. Um dem fortschreitenden Verlust biodiversitätsbezogenen Wissens wirksam entgegenzusteuern, ist eine strukturelle und budgetäre Stärkung der universitären Lehramtsausbildung notwendig. Ein zentraler Schritt ist die Wiedereinführung von „Biologie und Umweltbildung“ als eigenständiges Lehramtsfach sowie dessen Ausgestaltung durch ein zeitgemäß erweitertes Curriculum, das den aktuellen Herausforderungen des Biodiversitätsverlusts und einer nachhaltigen Entwicklung Rechnung trägt.

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Veröffentlicht

2026-08-25