Wilhelm Meisters Erziehungsgeschichte(n)
Poetiken der Überwachung bei Trapp, Wezel, Moritz und Goethe
DOI:
https://doi.org/10.48646/ur.20250501Abstract
Pädagogik und Erfahrungsseelenkunde zeigen sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geradezu von einem Beobachtungs-, ja Überwachungsfuror ergriffen, der zugleich ein Schreibfuror ist: Bei Ernst Christian Trapp sind es die Protokolle ungesehener Beobachter, die noch die subtilsten Auffälligkeiten im Verhalten der Schüler registrieren, quantifizieren und archivieren. Karl Philipp Moritz erstellt in seinem Lehreralltag Tabellen, die eine exakte Relationierung von Individuum und Kollektiv ermöglichen. Johann Karl Wezel entwirft mit seinen „Beobachtungs[-]“ bzw. „Erziehungsgeschichten“ eine explizit narrative Textsorte, die plot und story in die Überwachungskonstellation einführt und die Entwicklung der Zöglinge damit in kausaler und chronologischer Hinsicht nachvollziehbar machen soll. Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die poetologischen Voraussetzungen des dergestalt gewonnenen pädagogischen und anthropologischen Wissens, skizziert dessen Bezüge zu Roman(-theorie) und Polizeiwissenschaft und zeigt mit Blick auf Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, dass in diesem Zusammenhang auch literarische Texte zu Medien eines Überwachungs- und Steuerungswissens avancieren, das die Perspektive einer Kybernetik zweiter Ordnung antizipiert.
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