Call 02/2027: Medienbildung und Psychoanalyse
Call MEDIENIMPULSE 2027/2:
Medienbildung und Psychoanalyse
Hg. von Alessandro Barberi und Christian Leineweber
Digitale Medien prägen längst nicht mehr nur Prozesse der Kommunikation, Interaktion, des Lernens oder der Bildung, sondern verschränken sich immer vielfältiger mit psychischen und mentalen Prozessen. Auf diese Weise wirken sie zunehmend jenseits des Bewussten auf psychologische Dimensionen von Subjektivierung und Vergesellschaftung. Zwischen digitaler Überreizung, gesteigerter Aufmerksamkeitsökonomie, Mediatisierung von Emotionen und Gefühlen und steigenden Tendenzen der Überforderung stellt sich mittlerweile vielerorts die Frage, was digitale Medien mit unserem psychischen Erleben machen und welche Bedeutung dies wiederum für medienpädagogische Zielsetzungen und Fragen der Medienbildung hat.
Angesichts der skizzierten Entwicklungen eröffnet die Psychoanalyse einen dezidierten Zugang, indem sie den Blick auf menschliche Wünsche, Bedürfnisse, Ängste, Symptome und Sehnsüchte richtet. Dabei schlägt sie eine Brücke zwischen individuellen Pathologien, kulturellen Strukturen und mediatisierten Erfahrungen. Als prägende Theorie des 20. Jahrhunderts, die sich insbesondere einer fruchtbaren Rezeption in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften verdankte und dabei sowohl anthropologische, sozialisatorische, kommunikationsanalytische und methodische Impulse gab, spielt sie aktuell in medienpädagogischen Diskussionen allenfalls eine marginale Rolle. Dies, obwohl sie schon von Freud im Blick auf Wunderblock und Telefon als Medientheorie der „Übertragung“ ausformuliert worden war. Mit dem Themenschwerpunkt Medienbildung und Psychoanalyse laden wir dazu ein, dieser Leerstelle zu begegnen und der Bedeutung des Psychoanalytischen für das Medienpädagogische (und umgekehrt) sowohl theoretisch, empirisch als auch praktisch nachzugehen.
Der Call versteht Psychoanalyse dabei nicht als klinische Theorie, sondern als kritische Denk- und Reflexionsform, mit der sich die Beziehungen zwischen Subjekt, Gesellschaft, Kultur und digitaler Medialität untersuchen lassen. Beiträge können entsprechend unterschiedliche psychoanalytische Traditionen und Perspektiven aufgreifen – von Sigmund Freud und der klassischen Psychoanalyse über Jacques Lacan und die Kritische Theorie bis hin zu gegenwärtigen kultur- und medienanalytischen Ansätzen. Ebenso können sie spezifische Pathologien unserer digitalen Gegenwartsgesellschaft aus einer genuin medienpädagogischen Perspektive untersuchen. Erwünscht sind ebenfalls Untersuchungen, die psychoanalytische Spuren in bisherigen medienpädagogischen Arbeiten rekonstruieren. Nicht zuletzt können Entwürfe vorgelegt werden, die dem Versuch gewidmet sind, der Psychoanalyse als Werkzeugkasten geisteswissenschaftlicher Erkenntnisgenese zu entkommen. Gesucht werden wissenschaftliche Beiträge, theoretische Essays, empirische Untersuchungen sowie praxis- und anwendungsorientierte Beiträge, die das Verhältnis von Medienbildung und Psychoanalyse aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
Dabei interessieren uns unter anderem folgende Fragen:
- Inwiefern lässt sich die Psychoanalyse als Medientheorie fassen und welche Medien spielten in ihrer Geschichte eine Rolle (z. B. Wunderblock und Telefonie)?
- Wie lassen sich mediale Lern- und Bildungsprozesse psychoanalytisch denken? Welche Bedeutung haben beispielsweise Übertragung, Wiederholung, Abwehr oder Projektion für Konzepte der Medienbildung?
- Welche Rolle spielen Unbewusstes, Begehren, Affekte, Süchte, Fantasien oder Emotionen für Mediennutzung und Medienbildung?
- Was bedeutet es für die Medienpädagogik, wenn Medien nicht nur Werkzeuge oder Gegenstände bewusster Aneignung, sondern auch Träger unbewusster Wünsche und Konflikte sind?
- Wie verändern soziale Medien, digitale Plattformen und algorithmische Systeme unser Verhältnis zu Aufmerksamkeit, Anerkennung, Zwängen, Selbstbild, Geschlechterordnungen oder Begehrensstrukturen?
- Welche Formen individueller und kollektiver Krisenerfahrungen bringen digitale Medien hervor – und welche Formen des Unbehagens werden durch sie sichtbar oder verstärkt?
- Was kann eine psychoanalytisch informierte Medienpädagogik leisten, ohne mediale oder gesellschaftliche Probleme auf individuelle Psychodynamiken zu reduzieren?
- Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für medienpädagogische Unterrichtspraxis bzw. für Forschung und Bildung?
- Welche Impulse bietet eine psychoanalytisch informierte Medienpädagogik insbesondere für Unterricht, schulische Medienbildung, außerschulische Bildungsarbeit, Kinder- und Jugendarbeit sowie die professionelle Reflexion pädagogischen Handelns?
Besonders willkommen sind Beiträge, die nicht nur nach den möglichen Gefahren digitaler Medien fragen, sondern die Ambivalenzen medialer Bildung ernst nehmen: Medien können überfordern und entlasten, isolieren und verbinden, Ängste verstärken und Räume für deren Bearbeitung eröffnen. Gerade Chaos, Krise und Erschöpfung können damit nicht nur als Probleme erscheinen, die es pädagogisch zu beheben gilt, sondern als Situationen, in denen grundlegende Fragen nach Bildung, Subjektivität und medialer Vergesellschaftung sichtbar werden.
Die Herausgeber*innen dieser Schwerpunktausgabe sind
Alessandro Barberi
Universität Wien
alessandro.barberi@medienimpulse.at
Christian Leineweber
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
christian.leineweber@ovgu.de
Auswahlliteratur
Angerer, M.-L. (2017). Affektökologie: Intensive Milieus und zufällige Begegnungen. Lüneburg.
Bilgeri, D. (2026). Zwischen digitaler Überreizung und Selbstbestimmung. Medienpädagogische Prävention bei Schulkindern als Grundlage demokratischer Medienbildung. Medienimpulse, 64(1). https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/10167
Certeau, M. de (2018). Theoretische Fiktionen. Die Psychoanalyse und ihre Geschichte. Wien & Berlin.
Döveling, K., & Lünenborg, M. (2025). Medien und Emotionen: Editorial. merz | medien + erziehung, 69(6), 3-12. https://doi.org/10.21240/merz/2025.6.01
Eribon, D. (2017). Der Psychoanalyse entkommen. Turia + Kant.
Freud, S. (2009) Die Traumdeutung. Frankfurt am Main.
Fuchs, T., Iwer, L., & Micali, S. (2018). Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Berlin.
Kornbluh, A. (2024). Immediacy, or, The Style of Too Late Capitalism. Verso.
Lang, H. (1986). Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse. Frankfurt am Main.
Lorenzer, A. (2000). Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Berlin.
Marotzki, W. (1984). Subjektivität und Negativität als Bildungsproblem: Tiefenpsychologische, struktur- und interaktionstheoretische Perspektiven modernder Subjektivität. Peter Lang.
Quindeau, I. (2008). Psychoanalyse. Stuttgart.
Sesink, W. (2002). Vermittlungen des Selbst. Eine pädagogische Einführung in die psychoanalytische Entwicklungstheorie D. W. Winnicotts. LIT-Verlag.
Zupančič, A. (2009). Warum Psychoanalyse? Drei Interventionen. Zürich & Berlin.
Žižek, S. (1991). Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Merve.
Einreichung der Artikel
Bitte reichen Sie Ihre Beiträge auf unserer Homepage über das Redaktionssystem unter folgendem Link ein:
https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/about/submissions
Umfang der Beiträge im Bereich Schwerpunkt: 20.000–40.000 Zeichen (mit Leerzeichen, Anmerkungen und Literaturliste). Falls Ihr Forschungsbeitrag ein Peer-Review-Verfahren – vornehmlich für den Schwerpunkt und das Ressort Forschung – durchlaufen soll, reichen Sie ihn bitte bis zum 15.04.2027 ein. Beiträge ohne Peer-Review-Verfahren – vornehmlich für die weiteren Ressorts – können bis zum 21.04.2027 eingereicht werden. Erscheinungstermin dieser Ausgabe ist der 21.06.2027.
Neben der thematischen Schwerpunktsetzung können Beiträge für alle Ressorts der MEDIENIMPULSE eingereicht werden. Beiträge, die ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben, werden durch einen eigenen Vermerk kenntlich gemacht.
Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und stehen selbstverständlich gerne für eventuelle Rückfragen zur Verfügung!
- Redaktionsschluss: 15. April 2027
- Erscheinungsdatum: 21. Juni 2027
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English Version
Call for Papers: MEDIENIMPULSE 2027/2:
Media Education and Psychoanalysis
Edited by Alessandro Barberi and Christian Leineweber
Digital media have long since ceased to shape merely processes of communication, interaction, learning or education; instead, they are becoming increasingly intertwined with psychological and mental processes. In this way, they are exerting a growing influence beyond the conscious mind on the psychological dimensions of subjectivation and socialisation. Amidst digital overstimulation, an intensified ‘attention economy’, the mediatisation of emotions and feelings, and growing tendencies towards mental overload, the question is now being asked in many quarters as to what digital media are doing to our psychological experience and what significance this, in turn, has for the objectives of media education and questions of media literacy.
In light of the developments outlined above, psychoanalysis offers a distinct approach by focusing on human desires, needs, fears, symptoms and longings. In doing so, it bridges the gap between individual pathologies, cultural structures and mediatised experiences. As a defining theory of the 20th century – one that owes its influence in particular to a fruitful reception within the humanities, cultural studies and social sciences, whilst providing anthropological, sociological, communication-analytical and methodological insights – it currently plays, at best, a marginal role in discussions on media education. This is despite the fact that Freud had already formulated it as a media theory of ‘transference’ in relation to the ‘wunderblock’ and the telephone. With a focus on media education and psychoanalysis, we invite you to address this gap and to explore the significance of psychoanalysis for media education (and vice versa) from theoretical, empirical and practical perspectives.
In this context, the call does not view psychoanalysis as a clinical theory, but rather as a critical form of thought and reflection through which the relationships between the subject, society, culture and digital mediality can be examined. Contributions may accordingly draw on a variety of psychoanalytic traditions and perspectives – ranging from Sigmund Freud and classical psychoanalysis, through Jacques Lacan and Critical Theory, to contemporary approaches to cultural and media analysis. Likewise, they may examine specific pathologies of our contemporary digital society from a genuinely media-educational perspective. We also welcome studies that reconstruct psychoanalytic traces in previous media-educational work. Last but not least, proposals may be submitted that are dedicated to the attempt to move beyond psychoanalysis as a toolkit for the generation of knowledge in the humanities. We are seeking academic papers, theoretical essays, empirical studies, as well as practice- and application-oriented contributions that shed light on the relationship between media education and psychoanalysis from various perspectives.
We are particularly interested in the following questions, amongst others:
- To what extent can psychoanalysis be understood as a media theory, and which media have played a role in its history (e.g. the ‘Wunderblock’ and telephony)?
- How can media-based learning and educational processes be conceptualised from a psychoanalytic perspective? What significance do, for example, transference, repetition, defence mechanisms or projection have for concepts of media education?
- What role do the unconscious, desire, affects, addictions, fantasies or emotions play in media use and media education?
- What does it mean for media education if media are not merely tools or objects of conscious appropriation, but also vehicles for unconscious desires and conflicts?
- How do social media, digital platforms and algorithmic systems alter our relationship with attention, recognition, constraints, self-image, gender orders or structures of desire?
- What forms of individual and collective crisis experiences do digital media give rise to – and what forms of unease do they reveal or intensify?
- What can a psychoanalytically informed media education achieve without reducing media-related or societal problems to individual psychodynamics?
- What consequences does this have for media education practice, as well as for research and education?
- What insights does a psychoanalytically informed approach to media education offer, particularly for classroom teaching, media education in schools, out-of-school educational activities, work with children and young people, and professional reflection on educational practice?
Contributions are particularly welcome that not only examine the potential dangers of digital media, but also take the ambivalences of media education seriously: media can be overwhelming or relieving, isolating or connecting, intensifying fears or opening up spaces for addressing them. Chaos, crisis and exhaustion, in particular, can thus be seen not merely as problems to be resolved through educational means, but as situations in which fundamental questions regarding education, subjectivity and media-mediated socialisation come to the fore.
The editors of this special issue are
Alessandro Barberi
University of Vienna
alessandro.barberi@medienimpulse.at
Christian Leineweber
Otto von Guericke University Magdeburg
christian.leineweber@ovgu.de
Selected bibliography
Angerer, M.-L. (2017). Affektökologie: Intensive Milieus und zufällige Begegnungen. Lüneburg.
Bilgeri, D. (2026). Zwischen digitaler Überreizung und Selbstbestimmung. Medienpädagogische Prävention bei Schulkindern als Grundlage demokratischer Medienbildung. Medienimpulse, 64(1). https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/10167
Certeau, M. de (2018). Theoretische Fiktionen. Die Psychoanalyse und ihre Geschichte. Wien & Berlin.
Döveling, K., & Lünenborg, M. (2025). Medien und Emotionen: Editorial. merz | medien + erziehung, 69(6), 3-12. https://doi.org/10.21240/merz/2025.6.01
Eribon, D. (2017). Der Psychoanalyse entkommen. Turia + Kant.
Freud, S. (2009) Die Traumdeutung. Frankfurt am Main.
Fuchs, T., Iwer, L., & Micali, S. (2018). Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Berlin.
Kornbluh, A. (2024). Immediacy, or, The Style of Too Late Capitalism. Verso.
Lang, H. (1986). Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse. Frankfurt am Main.
Lorenzer, A. (2000). Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Berlin.
Marotzki, W. (1984). Subjektivität und Negativität als Bildungsproblem: Tiefenpsychologische, struktur- und interaktionstheoretische Perspektiven modernder Subjektivität. Peter Lang.
Quindeau, I. (2008). Psychoanalyse. Stuttgart.
Sesink, W. (2002). Vermittlungen des Selbst. Eine pädagogische Einführung in die psychoanalytische Entwicklungstheorie D. W. Winnicotts. LIT-Verlag.
Zupančič, A. (2009). Warum Psychoanalyse? Drei Interventionen. Zürich & Berlin.
Žižek, S. (1991). Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Merve.
Submission of articles
Please submit your contributions via the editorial system on our website using the following link:
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In addition to the thematic focus, articles may be submitted for all sections of MEDIENIMPULSE. Articles that have undergone a peer-review process will be marked as such.
We look forward to receiving your submissions and are, of course, happy to answer any queries you may have!
- Editorial deadline: 15 April 2027
- Publication date: 21 June 2027

