Die OeZG als Inkubationsraum der New Diplomatic History
Falko Schnicke
Diplomatiegeschichte war in der OeZG lange kein Thema. Außenpolitik, internationale Beziehungen oder diplomatische Praktiken kamen, bevor das Heft New Diplomatic History (NDH) (35/2/2024) erschien, nur vereinzelt vor. Gerade das weitgehende Fehlen explizit diplomatiehistorischer Themen verweist auf eine historiographisch aufschlussreiche Konstellation, denn die Zeitschrift gehörte seit den 1990er Jahren zu jenen Orten, an denen methodische und theoretische Perspektiven diskutiert wurden, aus denen sich die New Diplomatic History später speisen sollte. Die klassische Diplomatiegeschichte blieb lange stark staats-, ereignis- und entscheidungszentriert und passte damit nur bedingt zum Profil der OeZG, die sich früh zu einem Ort kultur-, wissens- und praxishistorischer Öffnungen entwickelt hatte. Fragen nach Diskursen, Körpern, Räumen, Wissen, Medien, Praktiken oder transnationalen Verflechtungen standen dabei im Zentrum. Gerade deshalb war die OeZG seit langem anschlussfähig für die New Diplomatic History. Die Pointe liegt also darin: Nicht die OeZG musste sich der Diplomatiegeschichte annähern; vielmehr veränderte sich die Diplomatiegeschichte so grundlegend, dass sie für eine Zeitschrift wie die OeZG anschlussfähig wurde.
Rückblickend finden sich einzelne Hefte, die bereits deutlich in Richtung der New Diplomatic History wiesen. So untersuchte etwa das Heft Politisch Reisen (22/1/2011) Mobilität, Grenzüberschreitungen und politische Begegnungen. Auch Ästhetik des Politischen (15/3/2004) berührte mit seinem Interesse an Inszenierung, Symbolik und Performanz zentrale Aspekte neuerer Diplomatiegeschichte, die Diplomatie zunehmend als kulturelle und mediale Praxis versteht. Noch früher hatte bereits Macht-Wissen Geographie (6/3/1995) nach räumlichen Ordnungen, Wissensproduktionen und Herrschaftsverhältnissen gefragt – Themen, die heute etwa in Forschungen zu diplomatischen Wissensordnungen, Infrastrukturen oder geopolitischen Räumen wiederkehren. Auffällig ist dabei, dass diese Hefte Diplomatie nicht ausdrücklich zum Thema machten. Gerade darin zeigt sich, wie stark viele Fragestellungen der New Diplomatic History ursprünglich aus anderen historiographischen Debatten hervorgingen: aus Kultur-, Wissens- und Raumgeschichte oder aus praxistheoretischen Ansätzen – also aus jenen Feldern, die die OeZG seit langem prägten. Zudem zeigt sich eine gewisse zeitliche Asynchronität, denn während frühe Arbeiten der New Diplomatic History vielfach aus der Frühneuzeitforschung hervorgingen, lag ein Schwerpunkt der OeZG traditionell auf der Zeitgeschichte. Entsprechende Anschlussstellen blieben daher lange eher indirekt sichtbar. Diese Genealogien und Öffnung beschreibt das Editorial des Heftes als eine Erweiterung und Pluralisierung diplomatiehistorischer Perspektiven. Es zeichnet zudem die Entwicklung des Ansatzes nach und diskutiert seine zentralen Forschungsfelder, Potenziale und Probleme.
Auf vielen Ebenen verhandelten OeZG-Hefte Fragestellungen, die für die New Diplomatic History zentral sind. Dies gilt erstens für die starke Hinwendung zu sozialen Aushandlungen und performativen Formen politischen Handelns. Hefte wie Bodies / Politics (15/1/2004), Das Gerede vom Diskurs (16/4/2005) oder Liebe: Diskurse und Praktiken (18/3/2007) verschoben die historische Analyse weg von Institutionen als festen Handlungseinheiten hin zu Prozessen und Beziehungen. Genau hier setzt auch die New Diplomatic History an, wenn sie Diplomatie nicht mehr primär als staatliche Intentionen, sondern als soziale Praxis und kulturelle Vermittlung versteht. Die Beiträge des Heftes knüpfen unmittelbar an diese Perspektive an: Rieke Becker untersucht diplomatische Überzeugungsstrategien im 17. Jahrhundert als situative und vergeschlechtlichte kommunikative Praxis, während Lukas Fallwickl britische Botschafter des 19. Jahrhunderts nicht als bloße Ausführende staatlicher Weisungen, sondern als Akteure mit eigenen Handlungsspielräumen analysiert.
Ähnliches gilt zweitens für transnationale und zirkulationsgeschichtliche Perspektiven. Hefte wie Global history (20/2/2009), Missionsräume (24/2/2013), Flucht & Asyl (28/2/2017) oder Migrationswege (31/1/2020) machten Mobilität, Transfers und grenzüberschreitende Verflechtungen zu zentralen Untersuchungsfeldern. Viele dieser Themen berühren unmittelbar diplomatische Fragen – allerdings nicht mehr ausschließlich im klassischen Sinne zwischenstaatlicher Beziehungen, sondern als Aushandlungen zwischen sehr unterschiedlichen, auch nicht-staatlichen Akteuren, Räumen und Wissensordnungen. Auch mehrere Beiträge des NDH-Heftes verschieben Diplomatie in neue Räume und Arenen: Jonathan Voges analysiert Öffentlichkeit und Medienpolitik des Völkerbundes als diplomatischen Raum, und Nils Güttler und Carolin Liebisch-Gümüş untersuchen mit dem Frankfurter Flughafen eine infrastrukturelle Kontaktzone transnationaler Mobilität. Ioannis Brigkos thematisiert Proteste, NGOs und transnationale Netzwerke im Kontext der griechischen Militärdiktatur, während Nina Hechenblaikner die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteur*innen bei den KSZE-Folgetreffen in Wien in den Blick nimmt.
Besonders deutlich werden diese Anschlussstellen drittens im Bereich der Wissensgeschichte. Die OeZG griff entsprechende Debatten früh auf, etwa mit Wissenschaftsforschung – Wissenschaftsgeschichte (7/1/1996), Historische Epistemologie & Diskursanalyse (11/4/2000) oder jüngst Motions of Knowledge (34/3/2023). Die New Diplomatic History knüpft daran an, wenn sie nach diplomatischem Wissen, Wissensasymmetrien, Expertise, Informationszirkulation oder auch dem Umgang mit Nicht-Wissen fragt. Diplomatie erscheint dann nicht mehr nur als Verhandlung politischer Interessen, sondern ebenso als Verwaltung und Übersetzung von Wissen, weshalb Christopher Prior und Falko Schnicke Unsicherheiten und Nicht-Wissen in den postkolonialen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Staaten des Globalen Südens analysieren.
Zusammengenommen zeigen diese Hefte, dass die OeZG Diplomatiegeschichte nicht deshalb lange ausblendete, weil Fragen internationaler Ordnung, grenzüberschreitender Aushandlungen oder politischer Vermittlung keine Rolle gespielt hätten. Vielmehr wurden solche Fragen unter anderen begrifflichen und methodischen Vorzeichen diskutiert: als Geschichte von Wissen, Mobilität, Räumen, Medien oder Praktiken. Gerade darin liegt eine zentrale Verschiebung der New Diplomatic History. Wie die Neue Politikgeschichte das Verständnis dessen, was das Politische ist, erweitert hat,[1] erweiterte die New Diplomatic History die Diplomatiegeschichte nicht nur thematisch, sondern veränderte auch grundlegend, was überhaupt als diplomatisch gilt.
Daneben eröffneten viertens nicht zuletzt geschlechter- und körpergeschichtliche Perspektiven neue Zugänge zu Fragen politischer Repräsentation und sozialer Ordnung. Hefte wie Frauen – Geschlechter – Geschichte (6/2/1995), Im Inneren der Männlichkeit (11/3/2000), Bodies / Politics (15/1/2004) oder Arbeit und Geschlecht (33/3/2022) schufen früh Räume für Analysen von Körperlichkeit, Geschlecht und sozialer Performanz. Gerade diese Perspektiven haben die New Diplomatic History entscheidend geprägt – etwa in Arbeiten zu diplomatischen Partner*innen, zu Männlichkeiten, emotionalen Regimen oder zur Körperlichkeit politischer Repräsentation. Auch das Gespräch mit Susanna Erlandsson verweist auf diese Erweiterung diplomatiehistorischer Perspektiven, etwa wenn sie über Geschlecht, Klasse und alltägliche Praktiken diplomatischer Repräsentation als politische Ressourcen reflektiert.
Vor diesem Hintergrund erscheint New Diplomatic History insgesamt weniger als ein Bruch mit der Geschichte der OeZG denn als eine neue Bündelung bereits lange präsenter Fragestellungen.
[1] Tobias Weidner. Die Geschichte des Politischen in der Diskussion. Göttingen 2012.