Call 4/2019: Emotionen (in) der Medienbildung

2019-08-19

Humanismus, Aufklärung und Wissenschaft sind seit jeher mit dem Anspruch verbunden, den Menschen als rationales Wesen zu konzipieren. Dabei haben didaktische und mithin auch medienpädagogische „Rationalisierungen“ oftmals die nicht zuletzt von der Psychoanalyse und verschiedenen Therapieformen aufgedeckte Ebene des Emotionalen theoretisch und praktisch zur Seite gedrängt. In letzter Zeit ergaben sich aber im internationalen Rahmen der Erziehungs- und Bildungswissenschaften mehr als anregende Diskussionen zur Rolle von Emotionen in (mediatisierten) Bildungsprozessen und damit aus medienpädagogischer Sicht in den Formen der Medienbildung. Dabei war oft auch von einem Emotional Turn die Rede. So wurde die Funktion von Gefühlen (z. B. Angst, Liebe oder Scham) oder Affekten (z. B. Wut, Zorn oder Aggression) im Sinne von Emotion Cultures sowohl in der Unterrichtspraxis als auch im Forschungsprozess zum Gegenstand der Debatte. Denn auch Gefühle und Affekte haben eine Diskurs- und Sozialgeschichte. Sie sind also habituell in die Körper von Lehrenden und Lernenden eingelagert (embodiment) und spielen etwa bei intuitiven Entscheidungen oder unbewussten Praktiken eine eminente Rolle.

Dies gilt freilich auch für alle Bereiche der Medienkompetenz, von der Medienkritik über die Medienkunde bis hin zu Mediengestaltung und Mediennutzung. Auch die emotionale Bindung an Personen oder Gegenstände ist – wie die Notwendigkeit in verschiedenen Kontexten Gefühle „im Griff“ zu haben – ein soziologischer Tatbestand. Diese Zusammenhänge sollten hinsichtlich unterschiedlicher Motivationslagen gerade angesichts der Medienbildung eigens analysiert und diskutiert werden. Denn gerade das Bildungssystem und der Wissenschaftsbetrieb sind dabei oft genug mit affektiven Erinnerungen an Inklusion (Lob, Sympathie und Empathie) und Exklusion (Verwerfung, Ablehnung und Antipathie) verbunden. Auch geht es um die Frage, wie negative Emotionen die Performance bei der Nutzung von Intelligent-Tutoring-Systemen beeinflussen, oder wie genau agency mit emotion zusammenhängt. Nicht zuletzt geht es dabei schlicht um „emotionale Probleme“ mit denen alle Menschen und damit auch alle Lehrenden und Lernenden zu kämpfen haben.

Umgekehrt geht es immer auch und gerade im digitalen Zeitalter darum, die Rolle von Emotionen im Unterrichts- und Forschungsprozess selbst zu beschreiben, da sie auch aus der Geschlechterperspektive unbestreitbar mit akademischen Zielvorgaben, Erkenntnissen und deren (medialer) Präsentation in Zusammenhang stehen. So konstituiert sich auch die computerunterstützte Erhebung empirischer Evidenzen im Kontext emotionaler Färbungen und bei der theoretischen Verteidigung von Forschungsergebnissen ist der Homo Academicus (Pierre Bourdieu) im Konkurrenzkampf keineswegs frei von Emotionen und Kognitionen. Darüber hinaus hinterlässt ein selektives Notensystem zwischen Anerkennung und Aberkennung (von Titeln) Frust- oder Glücksgefühle zwischen Depression und Befriedigung. In diesem Sinne hinterlassen unterschiedliche Bildungssysteme immer auch bestimmte affektive und emotionale Landschaften, die durchaus auf die mentalen und medialen Dispositionen einer Gegend, einer Stadt oder eines Landes bezogen werden können. Deshalb werfen wir im Vorfeld der Ausgabe 4/2019 zu Emotionen (in) der Medienbildung folgende Fragen auf:

  • Welche Rolle und Funktion haben Gefühle in Bildungsprozessen und speziell im Bereich der Medienbildung?
  • Wie können wir zwischen rationalem und emotionalem Lehren und Lernen gerade im Rahmen der Medienpädagogik unterscheiden?
  • Wie ließe sich aus medienpädagogischer Sicht Rationalität „emotionalisieren“ und Emotion „rationalisieren?
  • Welche subjektiven und objektiven Gefühlszustände werden in der Unterrichtssituation zum medienpädagogischen Problem?
  • Wie könnte ein öffentliches Bildungssystem gestaltet werden, in dem Kognition und Emotion ein ausgeglichenes Verhältnis eingehen?
  • Welche Rolle spielen Emotionen angesichts der „Kälte“ der digitalen Medien und der „Wärme“ des menschlichen Kontakts und Austauschs?
  • Wie lassen sich Emotion Cultures angesichts von Angst, Scham, Wut oder Aggression bildungssoziologisch und medienpädagogisch modellieren?
  • Welche psychologischen bzw. psychoanalytischen Erkenntnisse zu den Gefühlswelten von Menschen können für die Medienbildung und die Medienpädagogik fruchtbar gemacht werden?

Die Herausgeber des Hefts sind

Alessandro Barberi, Universität Wien
(alessandro.barberi@univie.ac.at)

Josef Buchner, Universität Duisburg-Essen
(josef.buchner@uni-due.de)

Katharina Kaiser-Müller, Universität Wien
(katharina.kaiser-mueller@univie.ac.at)

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Redaktionsschluss: 25.11.2019

Erscheinungsdatum: 21.12.2019