Call 02/2024: Ästhetische Medienbildung

2024-02-22

Die Digitalisierung ist in der Bildung angekommen. Sowohl als eigenes Fach „Digitale Grundbildung“ , als auch als fächerübergreifende Kompetenz „Medienbildung“ ist sie im formellen Bildungssystem unserer Kinder und Jugendlichen verankert.

Digitale (Grund-)Bildung baut in Österreich auf drei Säulen auf: informatische Bildung, Medienbildung und Gestaltungskompetenz. Aktuelle Diskussionen drehen sich vor allem um die informatische Bildung, also eine praktisch anwendende Geisteshaltung, die – im Sinne des Computational Thinking – problemzentriert und lösungsorientiert ausgerichtet ist. Durch sie werden konkrete technische Aufgabenstellungen gelöst, ihr Ziel ist die einwandfreie Funktion, das Beseitigen von Fehlern und das Verstehen informatischer Systeme. Hin und wieder stößt man auch auf medienpädagogische Ansätze der „medienkritisch“ hinterfragenden Haltung der Medienbildung, die um die sozialen und persönlichen Implikationen von Techniknutzung genauso weiß wie um problematische gesellschaftliche Prozesse (vgl. Baacke 1996).

Medienbildung analysiert und reflektiert gesellschaftlich-kulturelle Aspekte zeitgenössischer technologischer und medialer Systeme und stellt sich in diesem Kontext deutlich (medien-)ethischen Fragen der Verantwortung von Individuen. Damit kommen größere Zusammenhänge zwischen kulturellen Praktiken und technologischen Entwicklungen in den Blick. Das Kompetenzmodell, das diesen Ansätzen in Österreich fast immer zugrunde liegt, ist das „digi.komp Modell“ – eine lineare, aufeinander aufbauende und sukzessiv komplexer werdende Reihe von operationalisierbaren Indikatoren digitaler Fertigkeiten, Fähigkeiten und verschiedender Formen des Faktenwissens. Unterteilt in vier Stufen hat dieses Kompetenzmodell vor allem den in jeder Hinsicht sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Technologien im Fokus.

Liest man die dritte Säule digitaler Bildung, die „Gestaltungskompetenz“, im Sinne von Dieter Baackes „Mediengestaltung“ als die Fähigkeit und Motivation zur aktiven Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen, als die Weiterentwicklung medialer Systeme innerhalb ihrer eigenen Grenzen (kreativ) und über ihre Grenzen hinaus (innovativ), ist Gestaltungskompetenz kein Bestandteil des digi.komp Modells. Wo vollzieht sich indes für unsere Schülerinnen und Schüler im Sinne einer handlungsorientierten Medienpädagogik (Niesyto 2009) der Schritt von der passiven Beobachtung von Medien zur aktiven Praxis (Bourdieu 1979) mit und in Medien?

Neben all der (zum Teil berechtigten) Sorge um die Unversehrtheit unserer Kinder machen die Möglichkeit zur spontanen Selbstinszenierung, der Austausch mit Communities, kreative Aspekte des Spiels, der Unterhaltung, Inspiration und Entspannung im Kontext der Mediennutzung vor allem eines: Spaß. Wo finden sich diese „spielerische“ Dimension und ihre ästhetischen Aspekte (in Anlehnung an Kerbs 1972), wenn es um digitale Bildung geht?

Mit dem Call zur Ausgabe 02/2024 der MI mit dem Schwerpunktthema „Ästhetische Medienbildung“ laden wir deshalb dazu ein, diese und weitere Problemstellungen im Dreieck von Ästhetik, Medien und Bildung zu diskutieren. Relevant könnten in diesem Kontext unter anderem folgende Fragen sein:

• Wo stellen sich gerade im Blick auf den Lehrplan zur Digitalen Grundbildung Probleme, die direkt mit Fragen der Ästhetischen Medienbildung zu tun haben?

• Wie müssten Medienbildung und Medienpädagogik ausgerichtet werden, um den ästhetischen Potenzialen menschlicher Mediennutzung und -gestaltung gerecht zu werden?

• Was sind die medienbildnerischen und medienpädagogischen Spezifika einer medienkritischen Kompetenzbegrifflichkeit im Gegensatz zu rein informatischer Bildung?

• Welche Modelle, Begriffe, Theorien der Medienbildung und der Medienpädagogik entsprechen den spielerischen, spontanen und kreativen Momenten einer „Medienästhetik“?

• Wie lassen sich kritische, utopische, pragmatische und hedonistische Funktionen der Gestaltungskompetenz theoretisch und empirisch fassen, um einer rein systemischen und strukturorientierten Beschreibung unserer digitalen Wirklichkeit entgegenzuwirken?

• Was bedeutet Ästhetische Medienbildung im Blick auf die Medienethik, wenn in diesem Kontext deutlich (medien-)ethische Fragen der Verantwortung von Individuen gegenüber anderen im Raum stehen?

• Was sind konkrete Ansätze aus unterschiedlichen Unterrichtsfächern, um die ästhetische Dimension digitaler Medien im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten?

Die Herausgeber/innen dieser Schwerpunktausgabe sind

Alessandro Barberi
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg / Universität Wien
(alessandro.barberi@ovgu.magdeburg)
(alessandro.barberi@univie.ac.at)
(alessandro.barberi@medienimpulse.at)

Martina Sochor
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF)
(martina.sochor@bmbwf.gv.at)

Christian Swertz
Universität Wien
(christian.swertz@univie.ac.at)
(christian.swertz@medienimpulse.at)

Literatur

Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat, in: medien praktisch, 20. Jg., Heft 7/8, 1996, 4–10.

Bourdieu, Pierre (1979): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Niesyto, Horst (2009): Handlungsorientierte Medienarbeit, in: Handbuch Mediensozialisation, hrsg. von Ralf Vollbrecht und Claudia Wegener, Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaf-ten, 396–403.

Kerbs, Diethart (1972): Zum Begriff der ästhetischen Erziehung. In: Otto, Gunther (Hg.): Ästhetik und Kommunikation. Braunschweig: Westermann, 12 – 24

Einreichung der Artikel

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Umfang der Beiträge im Bereich Schwerpunkt: 20.000–45.000 Zeichen. Falls Ihr Beitrag ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen soll, reichen Sie ihn bitte bis zum 15. Mai 2024 ein. Beiträge ohne Peer-Review-Verfahren können bis zum 25. Mai 2024 eingereicht werden.

Neben der thematischen Schwerpunktsetzung können Beiträge für alle Ressorts der MEDIENIMPULSE eingereicht werden. Beiträge, die ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben, werden durch einen eigenen Vermerk kenntlich gemacht.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und stehen selbstverständlich gerne für eventuelle Rückfragen zur Verfügung!

• Redaktionsschluss: 15. Mai 2024
• Erscheinungsdatum: 21. Juni 2024

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English Version

Call 02/2024: Aesthetic media education

Digitalization has arrived in education. It is anchored in the formal education system of our children and young people both as a separate subject, “digital basic education”, and as an interdisciplinary competence, “media education”. Digital (basic) education in Austria is based on three pillars: computer science education, media education and design skills.

Current discussions revolve primarily around computer science education, i.e. a practical attitude of mind that - in the spirit of computational thinking - is problem-centered and solution-oriented. They are used to solve specific technical tasks; their goal is the perfect functioning, the elimination of errors and the understanding of IT systems. Every now and then one also comes across media educational approaches from the “media-critical” questioning attitude of media education, which is just as aware of the social and personal implications of technology use as it is of problematic social processes (cf. Baacke 1996).

Media education analyzes and reflects socio-cultural aspects of contemporary technological and media systems and, in this context, clearly addresses (media) ethical questions of the responsibility of individuals. This brings larger connections between cultural practices and technological developments into view. The competency model that almost always underlies these approaches in Austria is the “digi.komp model” – a linear, successive and successively more complex series of operationalizable indicators of digital skills, abilities and factual knowledge. Divided into four levels, this competency model focuses primarily on the safe and responsible use of digital technologies in every respect. If one reads the third pillar of digital education, “design competence”, in the sense of Dieter Baacke’s “media design” as the ability and motivation to actively participate in social processes, as the further development of media systems within their own limits (creatively) and beyond their limits (innovative), design competence is not part of the digi.komp model. Where does the step from passive observation of media to active practice (Bourdieu 1979) with and in media take place for our students in the sense of action-oriented media education (Niesyto 2009)?

In addition to all the (sometimes justified) concern for the integrity of our children, the opportunity for spontaneous self-dramatization, exchange with communities, creative aspects of play, entertainment, inspiration and relaxation in the context of media use make one thing above all: fun. Where can this “playful” dimension and its aesthetic aspects (based on Kerbs 1972) be found when it comes to digital education? With the call for issue 02/2024 of the MI with the main topic “Aesthetic media education”, we therefore invite you to discuss these and other problems in the triangle of aesthetics, media and education. The following questions, among others, could be relevant in this context:

• With regard to the curriculum for basic digital education, where do problems arise that are directly related to questions of aesthetic media education?

• How should media education and media pedagogy be aligned in order to do justice to the aesthetic potential of human media use and design?

• What are the media education and media pedagogical specifics of a media-critical concept of competence in contrast to purely IT education?

• Which models, terms, theories of media education and media pedagogy correspond to the playful, spontaneous and creative moments of a “media aesthetics”?

• How can critical, utopian, pragmatic and hedonistic functions of design competence be conceptualized theoretically and empirically in order to counteract a purely systemic and structure-oriented description of our digital reality?

• What does aesthetic media education mean in terms of media ethics when in this context there are clearly (media) ethical questions about the responsibility of individuals towards others?

• What are concrete approaches from different teaching subjects to work on the aesthetic dimension of digital media in lessons with students?

The editors of this special issue are

Alessandro Barberi
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg / Universität Wien
(alessandro.barberi@ovgu.magdeburg)
(alessandro.barberi@univie.ac.at)
(alessandro.barberi@medienimpulse.at)

Martina Sochor
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF)
(martina.sochor@bmbwf.gv.at)

Christian Swertz
Universität Wien
(christian.swertz@univie.ac.at)
(christian.swertz@medienimpulse.at)

Literature

Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz als Netzwerk. Reichweite und Fokussierung eines Begriffs, der Konjunktur hat, in: medien praktisch, 20. Jg., Heft 7/8, 1996, 4–10.

Bourdieu, Pierre (1979): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Niesyto, Horst (2009): Handlungsorientierte Medienarbeit, in: Handbuch Mediensozialisation, hrsg. von Ralf Vollbrecht und Claudia Wegener, Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaf-ten, 396–403.

Kerbs, Diethart (1972): Zum Begriff der ästhetischen Erziehung. In: Otto, Gunther (Hg.): Ästhetik und Kommunikation. Braunschweig: Westermann, 12 – 24

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• Editorial deadline: May 15, 2024
• Release date: June 21, 2024