MEDIENIMPULSE Call 02/2026: Medienanthropologie
Call MEDIENIMPULSE 02/2026
Medienanthropologie
Hg. von Alessandro Barberi, Christian Filk und Christian Swertz
Ist Immanuel Kants berühmte vierte Frage „Was ist der Mensch?“ im Zeitalter algorithmischer Medien noch relevant – oder müssen wir anders fragen: Was war dieser Mensch, und was könnte nach ihm kommen? Wer fragt hier eigentlich – und von welcher Position aus? Mit diesen Fragen wird das Selbstverständnis der Gattung zum Gegenstand reflexiver Selbstvergewisserung; einer Reflexion, die motiviert wird durch den Umstand, dass jene Instanzen, die über „den Menschen“ nachdenken, selbst verflochten sind mit algorithmischen Systemen, mit welchen Denken, Wahrnehmen und Begehren mitgeformt werden.
Diese Schwerpunktausgabe der MEDIENIMPULSE lädt ein, solche Fragen zu erkunden – ergebnisoffen und aus verschiedenen Richtungen.
Das schließt die Frage ein, ob die gegenwärtige Transformation durch digitale Medien tief geht und mit künstlicher Intelligenz, Datafizierung und Plattformisierung in die Prozesse eingegriffen wird, durch die Menschen sich als Menschen verstehen: mit Profilbildung und Scoring wird das Subjekt vermessen, bevor es sich selbst kennt; mit Empfehlungsalgorithmen werden Weltzugänge kuratiert, die eine unabhängige Urteilskraft gefährden; und generativer KI wird attestiert, dass sie menschliche Kommunikation und Kreativität simulieren kann (Stalder 2016; Couldry/Mejias 2019; Mühlhoff 2025). Ob das eine Entlastung oder eine Enteignung ist, ob es Bildung ermöglicht oder unterläuft – das ist eine offene Frage.
Ebenfalls offen ist, ob die hergebrachten Antworten auf die Frage, was unter diesen Bedingungen „Bildung“ heißt, nach wie vor tragen – und wie der Begriff der Medienbildung bestimmt werden kann, wenn Technologien nicht länger nur als „Werkzeuge“ fungieren, sondern zugleich als „Partner“ oder „Agenten“ auftreten und jene Umwelten mitprägen, die Subjekte als Bildungsanlässe erfahren.
Diese Fragen stellen sich inmitten multipler Gesellschaftsumbrüche, die ihre Dringlichkeit verstärken. Mit der Klimakrise wird seit Jahrzehnten der prometheische Traum von der Naturbeherrschung in Frage gestellt: Der Mensch ist geologische Kraft geworden, aber eine, die ihre eigenen Lebensgrundlagen gefährdet (Chakrabarty 2021). Epistemische Krisen – Desinformation, Vertrauensverlust, der Zerfall geteilter Wirklichkeiten – erschweren verständigungsorientiertes Handeln. Mit der Transformation der Arbeit wird ein Menschenbild infrage gestellt, mit dem Identität an mechanische Produktivität geknüpft wurde. Und mit der algorithmischen Fragmentierung demokratischer Öffentlichkeit wird die Frage aufgeworfen, wie deliberative Selbstbestimmung unter den veränderten Bedingungen noch möglich ist. Tragen also die anthropologischen Voraussetzungen moderner Bildung noch – oder müssen wir sie neu denken? Und wenn ja: in welche Richtung?
Die Frage nach dem Menschen ist dabei immer schon eine Frage der Medienbildung – und umgekehrt. Denn die von Menschen in Gang gesetzten Bildungsprozesse operieren notwendig auch mit verschiedenen Medien: Vorstellungen davon, was ein bildsames Subjekt ist, wie Lernen geschieht, welche Fähigkeiten als „menschlich“ gelten. Zugleich werden mit Bildung Menschenbilder produziert, indem Subjekte geformt und Selbstverständnisse geprägt werden. Diese doppelte Verflechtung von Anthropologie und Bildung steht im Zentrum dieser Schwerpunktausgabe.
Vor diesem Hintergrund widmet die Redaktion der MEDIENIMPULSE eine eigene Ausgabe der Frage nach einer Medienanthropologie. Die folgenden Leitfragen umreißen das Feld, ohne es abzuschließen:
I – Grundlagenfragen: Was heißt „Mensch“?
- Was verstehen wir angesichts aktueller Diskussionen und Forschungen unter dem Begriff des „Menschen“ und welche (Medien-)Anthropologie wäre mithin zu entwerfen?
- Wie kann die Medienpädagogik Kants Frage „Was ist der Mensch?“ unter den heutigen (digitalen) Produktionsbedingungen beantworten?
- Welche anthropologischen Grundannahmen werden in aktuellen medienpädagogischen Diskursen stillschweigend vorausgesetzt – und wie lassen sie sich explizieren?
II – Theoretische Zugänge
- Ist die „prometheische Scham“ (Günther Anders) ein Schlüssel zum Verständnis unseres Verhältnisses zu KI – oder verstellt sie den Blick auf neue Handlungsmöglichkeiten?
- Erweitert der Posthumanismus emanzipatorische Bildungsansprüche – oder unterläuft er sie? Und in welchem Verhältnis steht die Frage nach dem Menschen zum Digitalen Humanismus?
- Wie ließe sich eine „Ethnologie der eigenen Gesellschaft" (Michel Foucault) als „Reflexive Anthropologie“ (Pierre Bourdieu) im Rahmen einer „Historischen Anthropologie“ angesichts digitaler Medien argumentieren und aktualisieren?
III – Kritische Revision: Wessen Anthropologie?
- Welche Menschenbilder stecken in Kompetenzmodellen wie DigComp oder den KMK-Strategien – und welche blenden sie aus?
- Wessen Anthropologie liegt der Medienbildung zugrunde – und welche Stimmen fehlen in der Debatte?
IV – Normative und pädagogische Konsequenzen
- Gibt es ein Recht darauf, nicht optimiert, nicht vermessen, nicht profiliert zu werden – und wenn ja, wie ließe es sich pädagogisch einlösen?
- Was bedeutet Verletzlichkeit im digitalen Raum – und wie kann Medienbildung ihr Rechnung tragen, ohne Menschen auf Defizite zu reduzieren?
- Welche Unterrichtsformate ermöglichen es, die medialen Bedingungen der eigenen Subjektwerdung zu reflektieren?
- Wie kann Medienbildung zur anthropologischen Selbstverständigung beitragen, wenn deren Kategorien selbst fraglich geworden sind?
Die Herausgeber*innen dieser Schwerpunktausgabe sind
Alessandro Barberi
Otto von Guericke University Magdeburg / University of Vienna
alessandro.barberi@medienimpulse.at
Christian Filk
European University Flensburg (EUF)
christian.filk@uni-flensburg.de
Christian Swertz
University of Vienna
christian.swertz@univie.ac.at
Auswahlliteratur
Anders, G. (1956/1980). Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1 & 2. C. H. Beck.
Birhane, A. (2021). Algorithmic Injustice. A Relational Ethics Approach. Patterns, 2(2), 100205.
Bourdieu, P., & Wacquant, L. J. D. (1996). Reflexive Anthropologie. Suhrkamp.
Braidotti, R. (2013). The Posthuman, Polity Press.
Chakrabarty, D. (2021). The Climate of History in a Planetary Age. University of Chicago Press.
Couldry, N./Mejias, U. A. (2019). The Costs of Connection. Stanford University Press.
Foucault, M. (1966). Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp.
Gehlen, A. (1940). Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Klostermann.
Haraway, D. (2016). Staying with the Trouble. Duke University Press.
Mignolo, W. (2011). The Darker Side of Western Modernity. Duke University Press.
Mühlhoff, R. (2025). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam.
Nida-Rümelin, J., & Weidenfeld, N. (2018). Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper.
Plessner, H. (1928). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. de Gruyter.
Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Suhrkamp.
Einreichung der Artikel
Bitte reichen Sie Ihre Beiträge auf unserer Homepage über das Redaktionssystem unter folgendem Link ein:
https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/about/submissions
Umfang der Beiträge im Bereich Schwerpunkt: 20.000–45.000 Zeichen. Falls Ihr Beitrag ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen soll, reichen Sie ihn bitte bis zum 15. Mai 2026 ein. Beiträge ohne Peer-Review-Verfahren können bis zum 21. Mai 2026 eingereicht werden. Erscheinungstermin dieser Ausgabe ist der 21. Juni 2026.
Neben der thematischen Schwerpunktsetzung können Beiträge für alle Ressorts der MEDIENIMPULSE eingereicht werden. Beiträge, die ein Peer Review-Verfahren durchlaufen haben, werden durch einen eigenen Vermerk kenntlich gemacht.
Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und stehen selbstverständlich gerne für eventuelle Rückfragen zur Verfügung!
- Redaktionsschluss: 15. Mai 2026
- Erscheinungsdatum: 21. Juni 2026
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English Version
Call MEDIA IMPULSES 02/2026
Media Anthropology
Edited by Alessandro Barberi, Christian Filk & Christian Swertz
Is Immanuel Kant’s famous fourth question, “What is man?” still relevant in the age of algorithmic media – or must we ask differently: What was this man, and what could come after him? Who is actually asking these questions – and from what position? With these questions, the self-image of the species becomes the subject of reflexive self-assurance; a reflection motivated by the fact that those instances that reflect on “human beings” are themselves intertwined with algorithmic systems that help shape thinking, perception and desire.
This special issue of MEDIENIMPULSE invites readers to explore such questions – with an open mind and from different angles.
This includes the question of whether the current transformation through digital media is profound and whether artificial intelligence, datafication and platformisation are interfering with the processes through which humans understand themselves as humans: profiling and scoring measure the subject before it knows itself; recommendation algorithms curate access to the world in ways that jeopardise independent judgement; and generative AI is said to be able to simulate human communication and creativity (Stalder 2016; Couldry/Mejias 2019; Mühlhoff 2025). Whether this is a relief or an expropriation, whether it enables or undermines education – that is an open question.
It is also unclear whether the traditional answers to the question of what “education” means under these conditions still hold true – and how the concept of media education can be defined when technologies no longer function merely as “tools” but also act as “partners” or “agents” and help shape the environments that subjects experience as educational opportunities.
These questions arise amid multiple societal upheavals that reinforce their urgency. For decades, the climate crisis has challenged the Promethean dream of controlling nature: humans have become a geological force, but one that threatens their own livelihoods (Chakrabarty 2021). Epistemic crises – disinformation, loss of trust, the disintegration of shared realities – make it difficult to act in a way that promotes understanding. The transformation of work calls into question a view of humanity that linked identity to mechanical productivity. And the algorithmic fragmentation of democratic public life raises the question of how deliberative self-determination is still possible under the changed conditions. So do the anthropological prerequisites of modern education still hold true – or do we need to rethink them? And if so, in what direction?
The question of what it means to be human has always been a question of media education – and vice versa. This is because the educational processes set in motion by humans necessarily also operate with different media: ideas about what a malleable subject is, how learning happens, which abilities are considered “human”. At the same time, education produces images of humanity by shaping subjects and influencing self-perceptions. This dual intertwining of anthropology and education is the focus of this special issue.
Against this backdrop, the editors of MEDIENIMPULSE are dedicating a special issue to the question of media anthropology. The following key questions outline the field without exhausting it:
I – Fundamental questions: What does “human” mean?
- In light of current discussions and research, what do we understand by the term “human” and what kind of (media) anthropology should therefore be developed?
- How can media education answer Kant’s question “What is man?” under today’s (digital) production conditions?
- What basic anthropological assumptions are tacitly presupposed in current media education discourses – and how can they be made explicit?
II – Theoretical approaches
- Is “Promethean shame” (Günther Anders) a key to understanding our relationship with AI – or does it obscure our view of new possibilities for action?
- Does posthumanism expand emancipatory educational aspirations – or does it undermine them? And how does the question of humanity relate to digital humanism?
- How could an “ethnology of one’s own society” (Michel Foucault) as “reflexive anthropology” (Pierre Bourdieu) be argued and updated within the framework of “historical anthropology in the context of digital media?
III – Critical revision: Whose anthropology?
- What images of humanity are contained in competence models such as DigComp or the KMK strategies – and which ones do they ignore?
- Whose anthropology underlies media education – and which voices are missing from the debate?
IV – Normative and pedagogical consequences
- Is there a right not to be optimised, measured or profiled – and if so, how can this be realised pedagogically?
- What does vulnerability mean in the digital space – and how can media education take it into account without reducing people to deficits?
- Which teaching formats enable reflection on the media conditions of one’s own subjectification?
- How can media education contribute to anthropological self-understanding when its categories themselves have become questionable?
The editors of this special issue are
Alessandro Barberi
Otto von Guericke University Magdeburg / University of Vienna
alessandro.barberi@medienimpulse.at
Christian Filk
European University Flensburg (EUF)
christian.filk@uni-flensburg.de
Christian Swertz
University of Vienna
christian.swertz@univie.ac.at
Selected bibliography
Anders, G. (1956/1980). Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1 & 2. C. H. Beck.
Birhane, A. (2021). Algorithmic Injustice. A Relational Ethics Approach. Patterns, 2(2), 100205.
Bourdieu, P., & Wacquant, L. J. D. (1996). Reflexive Anthropologie. Suhrkamp.
Braidotti, R. (2013). The Posthuman, Polity Press.
Chakrabarty, D. (2021). The Climate of History in a Planetary Age. University of Chicago Press.
Couldry, N./Mejias, U. A. (2019). The Costs of Connection. Stanford University Press.
Foucault, M. (1966). Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp.
Gehlen, A. (1940). Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Klostermann.
Haraway, D. (2016). Staying with the Trouble. Duke University Press.
Mignolo, W. (2011). The Darker Side of Western Modernity. Duke University Press.
Mühlhoff, R. (2025). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam.
Nida-Rümelin, J., & Weidenfeld, N. (2018). Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper.
Plessner, H. (1928). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. de Gruyter.
Stalder, F. (2016). Kultur der Digitalität. Suhrkamp.
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- Editorial deadline: 15 May 2026
- Publication date: 21 June 2026

