Call 4/2021: Openness und Augenhöhe – Über partizipative Forschungs- und Entwicklungsansätze und den Umgang mit Open Science in der Medienpädagogik

2021-10-04

Open Source, Open Access, Open Science, Open Data (Grimme-Institut et al. 2018), Open Educational Resources (Sporer & Bremer 2016; UNESCO 2015), Open Code, Open ... Der wissenschaftliche und insbesondere auch der medienpädagogische Kontext scheinen sich zunehmend zu öffnen. Mit dieser Öffnung sind jeweils unterschiedliche Praktiken (vgl. bspw. Bellinger et al. 2018; OPAL 2011) und damit verbundene Zielkategorien verbunden (Sützl et al. 2012). Aber werden die Versprechen von Verbesserungen für Forschung, Lehre und den Transfer von Wissen tatsächlich eingelöst? In der Ausgabe 04/2021 der MEDIENIMPULSE wollen wir dieser Frage – vorwiegend aus medienpädagogischer Perspektive – nachgehen.

Im Zentrum steht dabei eine Öffnung, die zu jedem Zeitpunkt im Prozess von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten wahrnehmbar wird. Offenheit ganz am Ende eines solchen Prozesses meint zunächst einen möglichst offenen, niederschwelligen, freien Zugang zu den Ergebnissen. Im Software-Bereich zeigt sich hierbei, dass die einfache Forderung, dass die Nutzung des Ergebnisses der Entwicklung – also die Nutzung der Software – an keine Bedingung geknüpft ist, einen Grundsatzstreit zwischen „Offenheit“ und „Freiheit“ evoziert, der zu zwei Bewegungen, nämlich der Free Software und der Open Source Software geführt hat (Free Software Foundation 2016). Der praktische Nutzen für die Allgemeinheit, der bei den „offenen“ Bewegungen meist oberste Prämisse ist, kann leicht zu (ungewollten) Beschränkungen wesentlicher Freiheiten der Nutzerinnen und Nutzer führen, wenn z. B. Urheberinnen- und Urheberrechte zur Diskussion stehen. Die daraus entstehenden Problematiken zeigen sich auch bei der Übertragung der Grundidee auf andere Formen von Content als Open Educational Resources und der Einführung von Creative-Commons-Lizenzen, um Materialien jeder Art im und für den Bildungsbereich besser teilbar zu machen: Diskussionen um „Copyleft – Copyright“ und die CC-Attribute BY, NC, SA sind die Folge, können Nutzer und Nutzerinnen verunsichern und eher von der Verwendung abhalten.

Die freie, kostenlose und niederschwellige Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Publikationen steht auch bei Open-Access-Journals im Vordergrund, während Open Data die Öffnung von Datenbeständen betont, die von öffentlichem Interesse sind. Deren Zugänglichkeit soll nicht nur für mehr Transparenz sorgen, sondern durch eine breitere Verwendung der Daten von vielen Forschenden auch höhere Erkenntnisse für die Gesellschaft zeitigen, wie es sich beispielsweise derzeit im Umgang mit Daten zur Corona-Pandemie zeigt. Offen meint dabei einerseits, dass die Transparenz im Forschungsprozess als Prämisse hochgehalten wird und nicht beteiligte Personengruppen direkte Einblicke in den Forschungsprozess erhalten können. So werden etwa Einblicke in die Erstellung von Datenerhebungsinstrumenten oder in das Datenset nach der Erhebung gewährt, um dem wissenschaftlichen Grundprinzip der Nachvollziehbarkeit des Erkenntnisweges Folge zu leisten.

Offen kann ein Entwicklungs- und Forschungsprozess aber auch dahingehend sein, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen im Sinne eines partizipativen Forschens eingeladen werden, sich direkt am Prozess zu beteiligen, Gestaltungsideen einzubringen und/oder selbst etwa auch Daten zu erheben oder zu interpretieren. Dieser partizipative Ansatz kann im Sinne von Citizen Science (Rückert-John et al. 2017; Wink & Funke 2017) auch so weit geöffnet werden, dass die breite Bevölkerung dazu aufgerufen wird, etwa Daten für Forschungsprojekte zu sammeln und bereitzustellen. In Verbindung mit der Erstellung von Lehr-/Lernmaterialien finden wir hier auch eine besondere Form von Open Educational Practices (OEP) vor: Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler werden dazu eingeladen, zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem partizipativen Prozess OER zu aktuellen Themen zu erstellen, die anschließend im Schulunterricht breite Verwendung finden (siehe beispielsweise Sparkling Science, OER-Call der Innovationsstiftung für Bildung). Aus der Perspektive der Medienpädagogik sind derlei Ansätze aus verschiedenen Gründen spannend, weil eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Praxis grundsätzliche Fragen einer handlungsorientierten Medienbildung aufwirft, beispielsweise hinsichtlich der Methodik und (Medien-)Didaktik, des Rollenverständnisses der beteiligten Akteurinnen und Akteure oder der Qualitätssicherung der Materialien. Und schließlich könnten die stark funktionale Ausrichtung und Outputorientierung von OER dem Aufbau eines Orientierungswissens, einer reflexiven Medienkritik und damit transformatorischen (Medien-)Bildungsprozessen diametral entgegenstehen (Könitz 2018).

Aber auch ganz zu Beginn eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts kann Offenheit eine wichtige Prämisse sein, wenn beispielsweise ein Bedarf des sozialen Gemeinwohls (Grünberger et al. 2019), der Öffentlichkeit oder einer spezifischen sozialen Gruppe im Zentrum stehen. Derartige Projekte tragen dann auch direkt zur Stärkung der Third Mission (Henke et al. 2016) von Forschungseinrichtungen und Hochschulen bei, wie beispielsweise im Service Learning (Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung”). Aber gelingt es in diesen Projekten tatsächlich, ganz in der Tradition Deweys gesellschaftlich relevante und bedeutsame Probleme zu bearbeiten, authentische Lernprozesse anzustoßen und gleichzeitig das „civic engagement“ unter den Lernenden zu fördern? Oder laufen die intendierten, offenen Bildungsprozesse nicht doch Gefahr, durch die curriculare Vereinnahmung und die Unterwerfung unter das ECTS-Joch zu strategisch-taktischem „Alibi-Lernen“ zu werden? Oder gelingt tatsächlich eine Öffnung von Hochschule zu Partnerinnen- und Partnerinstitutionen und ein Transfer von Wissen für eine Stärkung von Demokratieverständnis und Übernahme von Verantwortung?

Für die Ausgabe 04/2021 der MEDIENIMPULSE freuen wir uns über Einreichungen, die zum Spannungsfeld von Openness und Medienbildung auf Augenhöhe etwa folgende Fragen thematisieren:

  • Welche Chancen, Grenzen und Herausforderungen ergeben sich in partizipativen Projekten mit Citizen-Science-Ansätzen? Welche Rollen nehmen dabei die handelnden Akteurinnen und Akteure ein?

  • Welche Kompetenzen braucht es um – im Sinne von Open Educational Practices – OER-Materialien bereitzustellen und zu nutzen?

  • Welche Herausforderungen gibt es mit der Nutzung und eigenen Erstellung von Open Educational Resources aus Sicht von Lehrkräften und aus der Perspektive von Schülerinnen und Schülern?

  • Wie gehen wir mit den Spannungsfeldern zwischen der eher pragmatischen Outputorientierung von OER/OEP und den Ansprüchen einer handlungsorientierten, kritisch-reflexiven Medienbildung um?

  • Welche Erfahrungen gibt es im Umgang mit der Offenheit von Service-Learning-Projekten an Schulen und Hochschulen? Wie können gesellschaftliches Engagement und auch ein gesellschaftlich-verantwortungsvollen Medienhandeln gefördert werden?

Literatur

Bellinger, Franziska/Bettinger, Patrick/Dander, Valentin (2018): Researching Open Educational Practices (OEP), in: MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 32(0): online unter: https://doi.org/10.21240/mpaed/32/2018.10.27.X (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Free Software Foundation (2016): «Freie Software. Was ist das?», online unter: https://www.gnu.org/philosophy/free-sw (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Gapski, Harald/Tekster, Thomas/Elias, Monika (2018): Bildung für und über Big Data. Status quo; Möglichkeiten und Grenzen der Medienbildung; flankierende Handlungsempfehlungen. Gutachten im Rahmen von ABIDA – Assessing Big Data, Grimme-Institut, online unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0111-pedocs-171871 (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Grünberger, Nina/Bertsch, Christian/Himpsl-Gutermann, Klaus/Kapeller, Gabriele (2019): Räume für soziale Verantwortung. Service-Learning an der PH Wien, in: Erziehung & Unterricht 2019, 3–4, Innovieren in Schule und Unterricht – wie geht das?

Henke, Justus/Pasternack, Peer/Schmid, Sarah (2016): Third Mission bilanzieren. Die dritte Aufgabe der Hochschulen und ihre öffentliche Kommunikation, in Bd. HoF-Handreichungen 8, Beiheft zu „die hochschule“ 2016, Institut für Hochschulforschung (HoF).

Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung (2021): Das Hochschulnetzwerk, online unter https://www.bildung-durch-verantwortung.de/ (letzter Zugriff: 01.10.2021).

Innovationsstiftung für Bildung (2019): Digitale Lehr- und Lernmittel, https://innovationsstiftung-bildung.at/de/schwerpunkte/2018-digitalisierung-und-bildungsforschung/digitale-lehr-und-lernmittel/ (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Könitz, Christopher (2018): „OER – Auf dem Weg in eine selbstverschuldete Digitale Unmündigkeit?“, in: MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis Der Medienbildung 32 (Offenheit in Lehre und Forschung):63–71, online unter:
https://doi.org/10.21240/mpaed/32/2018.10.24.X (letzter Zugriff: 02.10.2021).021): Sparkling Science, online unter: https://www.sparklingscience.at/ (letzter Zugriff: 02.10.2021).

OPAL. (2011): Beyond OER. Shifting Focus to Open Educational Practices. OPAL Report 2011, online unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:464-20110208-115314-6 (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Rückert-John, Jana et al. (2017): Konzept zur Anwendbarkeit von Citizen Science in der Ressortforschung des Umweltbundesamtes (Nr. 49/2017), Umweltbundesamt, online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2017-06-08_texte_49-2017_citizen-science.pdf (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Sporer, Thomas/Bremer, Claudia (2016): Offene Bildungsressourcen für das Lernen durch Verantwortung in Schule, Hochschule und Zivilgesellschaft, in J. Wachtler, Josef/Ebner, Martin/Gröblinger, Ortrun/Kopp, Michael/Bratengeyer, Erwin/Steinbacher, Hans-Peter/Freisleben-Teutscher, Christian/Kapper, Christine (Hg.): Digitale Medien: Zusammenarbeit in der Bildung (Bd. 71, 356–357), Waxmann, online unter: https://www.waxmann.com/fileadmin/media/zusatztexte/3490Volltext.pdf (letzter Zugriff: 02.10.2021).

UNESCO (2015): Recommendation on Open Educational Resources, online unter https://en.unesco.org/themes/building-knowledge-societies/oer/recommendation (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Wink, Michael/Funke, Joachim (Hg.) (2017): Wissenschaft für alle: Citizen Science, Heidelberg: University Publishing, online unter https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/mitarb/jf/Wink%20Funke%20ed%202017%20citizen%20science.pdf (letzter Zugriff: 02.10.2021).

Sützl, Wolfgang/Stalder, Felix/Maier, Ronald/Hug, Theo (2012): Cultures and Ethics of Sharing/Kulturen und Ethiken des Teilens: MEDIA, KNOWLEDGE AND EDUCATION/MEDIEN – WISSEN – BILDUNG, Innsbruck: innsbruck university press.

Die Herausgeberinnen und Herausgeber dieser Schwerpunktausgabe sind:

Alessandro Barberi, OVGU Magdeburg / Universität Wien
(alessandro.barberi@medienimpulse.at)

Nina Grünberger, Pädagogische Hochschule Wien (PH), Zentrum für Lerntechnologie und Innovation (ZLI)
(nina.gruenberger@phwien.ac.at)

Klaus Himpsl-Gutermann, Pädagogische Hochschule Wien (PH), Zentrum für Lerntechnologie und Innovation (ZLI)
(klaus.himpsl-gutermann@medienimpulse.at)

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  • Redaktionsschluss: 15. November 2021
  • Erscheinungsdatum: 21. Dezember 2021